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Krabbenfischer küsst man nicht


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Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 12.02.2022

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Zum He raus nehmen

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Der Nordwind heulte um das alte Haus, rüttelte an den Fensterläden. Ein Windstoß fuhr durch den Schornstein, und der alte Kachelofen gab beängstigend knackende Geräusche von sich. Das fehlte uns noch, dachte Katja ängstlich. Dass wir zu allem Übel noch hier erfrieren.

Daniela stieß einen schrillen Schrei aus. Sie lag auf dem breiten Bett, hielt sich den ballongroßen Bauch und starrte die Hebamme aus aufgerissenen Augen an. „Um Himmels Willen! Tu doch etwas!“

Gute Idee, dachte Katja in einem Anflug von Galgenhumor, der kaum ihre Panik unterdrückte. Nur was? Die Telefonverbindung zu dem alten Bauernhaus hatte der Sturm gekappt. Ihr Handy zeigte ein Funkloch an, und mit Rauchzeichen würde es vermutlich auch nicht klappen. Außerdem: welcher Krankenwagen, würde es bei diesem Wetter schaffen, aus Cuxhaven bis an diesen entlegenen Flecken in der Marsch zu ...

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... kommen?

Also musste Katja mit diesem Notfall allein fertig werden. Bevor sie sich wieder zu Daniela umdrehte, nahm sie sich eine Minute Zeit, um sich selbst zu bestätigen, wie dumm sie doch gewesen war, als sie beschlossen hatte, sich eine neue Herausforderung zu suchen.

Das war erst vor knapp drei Monaten gewesen, an einem feuchtkalten Novembertag, und Katja hatte vor Frust gestöhnt. Die große Klinik, in der sie als Hebamme arbeitete, lag zwar nicht in der feinsten Gegend Hamburgs. Aber die gynäkologische Abteilung verfügte über sämtliche technische Raffinessen, die sich Personal und Patientinnen nur wünschen konnten. Sie war daher sehr beliebt bei allen werdenden Müttern, die nichts dem Zufall überlassen wollten. Die Kinder kamen hier sozusagen nach Programm zur Welt.

Katja war seit neun Stunden im Dienst und gönnte sich fünf Minuten Teepause im Schwesternzimmer. „Ich halte das nicht mehr aus“, sagte sie zu ihrer Kollegin Inka. „Schon wieder ein Kaiserschnitt, obwohl dazu keine medizinische Notwendigkeit vorlag.“

„Was willst du machen“, meinte Inka vage. „Das ist der Job.“

„Nein!“ Katja knallte die Tasse so heftig auf den Tisch, dass etwas Tee überschwappte. „Nein, So habe ich mir den Job eben nicht vorgestellt. Ich wollte werdenden Müttern zur Seite stehen, sie in Ruhe auf das wundervolle Ereignis der Geburt vorbereiten, und sie danach betreuen. Jetzt fühle ich mich eher als Krankenschwester.“

Inka hob nur die Schultern. Sie war Anfang 40, zehn Jahre älter als Katja, und hatte sich längst mit der Situation in der Klinik abgefunden. „Dann hör doch auf“, sagte sie nach einer Weile. „Oder such dir eine Handvoll Privatpatientinnen, die du zu Hause betreust. Auf das Gehalt hier bist du doch sowieso nicht angewiesen.“

Die Bemerkung zielte auf Katjas Freund ab. Sven Hansen war der jüngste Spross einer Hamburger Unternehmerfamilie. Er genoss sein Leben als Sohn reicher Eltern, und wollte, dass Katja es mit ihm zusammen genoss.

Das war aber nicht ihr Ding. Sie stammte aus einfachen Verhältnissen und war es gewöhnt, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Was Sven ausgerechnet an ihr fand, wusste sie ohnehin nicht so genau. Er liebte eigentlich lustige Frauen, Katja war eher grüblerisch veranlagt. Trotzdem waren sie schon seit fast zwei Jahren ein Paar. Allerdings hatten sich ihre Unstimmigkeiten inzwischen zu einem Berg aufgestaut. Dazu kam der unbefriedigende Dienst.

Katja mochte nicht mehr. „Ich will weg hier“, seufzte sie.

Einmal ausgesprochen, wurde ihr dieser Wunsch erst richtig klar. Sie wollte weg von der Klinik, an der es in ihren Augen an Menschlichkeit fehlte, und weg von Sven, mit dem sie nicht glücklich war.

Katja fand, dieses Dorf an der Nordsee wäre genau richtig

Am nächsten Tag hatte Katja frei. Sie stöberte im Internet nach Stellenanzeigen und fand auch eine. In Scholldorf an der Nordsee ging die einzige Hebamme in Rente und suchte dringend eine Nachfolgerin. Katja musste erst suchen, wo Scholldorf überhaupt lag und fand einen kleinen Ort am Meer, unweit von Cuxhaven. Sie fand, das sei genau das, was sie suchte, zumal in der Anzeige darauf hingewiesen wurde, dass die neue Hebamme seetüchtig sein müsse, da sie auch die Bewohner der nahen Halligen zu betreuen habe.

Katja sah sich schon auf romantischen Wegen zu ihren Patientinnen fahren, Wind und Wetter trotzend – eine Heldin des Alltags. Abgesehen von einer Hafenrundfahrt und einem Segeltörn auf der Außenalster besaß sie zwar keinerlei nautische Erfahrung, doch so viel anders konnte es ja nicht sein, über die Nordsee zu schippern.

Das war natürlich naiv, aber große Entscheidungen im Leben durften bekanntlich nicht von kleinmütigen Ängsten verhindert werden.

So schickte sie gleich Ihre Bewerbungsunterlagen los und erhielt eine Woche später eine Einladung nach Scholldorf. Erst viel später sollte sie erfahren, dass sie die einzige Bewerberin gewesen war. So war ihr kurzer Besuch dort folgenreich. Sie erhielt die Stelle und fuhr wieder heim, um zu packen. Was ihre Familie, ihre Bekannten und auch Sven allesamt für komplett übergeschnappt hielten.

Sven war besonders hartnäckig. Er bekniete Katja, nicht zu gehen. „Ich liebe dich“, beteuerte er.

Katja war gerührt und erklärte Sven irgendetwas von einer Auszeit, die sie brauchte. Aber tief im Innern wusste sie, dass ihre Liebe zu ihm längst erloschen war. Und bald sollte sie erfahren, dass Sven sich schnell mit einer jungen Musicaldarstellerin getröstet hatte.

Voller Erwartungen fuhr Katja mit ihrem voll gepackten Kleinwa-gen in Richtung Nordsee. Es war ein klarer Wintertag, und je näher sie ihrem Ziel kam, desto froher wurde sie. Sie hatte von Scholldorf nur wenig gesehen – ein Dorf eben, mit bestimmt netten, vielleicht ein wenig rauen Menschen.

Jetzt sah sie sich ihre neue Heimat genauer an. Scholldorf schützte sich wie alle Orte an der Nordseeküste mit Deichen vor dem launischen Meer. Weiß getünchte, reetgedeckte Friesenhäuser versammelten sich rund um den Marktplatz. Die Dorfkirche aus rotem Backstein stand auf der höchsten Erhebung, und eine alte Windmühle erzählte von vergangenen harten Zeiten.

Der kleine Hafen wurde jetzt im Winter nur von den Krabbenfischern genutzt, während im Frühling, Sommer und Herbst die Touristen hier zu Wattwanderungen oder, bei Flut, zu Bootsfahrten zu den Halligen aufbrachen. Ein rotweiß gestrichener Leuchtturm wies den Seefahrern bis heute den Weg.

Katja entdeckte schnell, dass Scholldorf sich vollkommen dem Nordseetourismus angepasst hatte. Während einst die Fischer und Landwirte kaum genug zum Leben verdienten, hatte dank zahlreicher Pensionen, Ferienhäusern, kleiner Restaurants und Läden ein gewisser Wohlstand Einzug gehalten.

Katja hoffte, dass die Einheimischen dadurch ein wenig weltoffener geworden wären und eine neue Hebamme freundlich empfingen. Sie täuschte sich. Für die Friesen hier an der Küste war es die eine Sache, Feriengästen eine gastfreundliche Seite zu zeigen, und eine gänzlich andere, eine Fremde in ihrer Mitte aufzunehmen.

An ihre Ankunft und an ihren grenzenlosen Optimismus musste sie jetzt denken, während der Sturm tobte, und sie allein auf sich gestellt war. Ein roter Faden zog sich von jenem Tag bis zu diesem eisigen Abend, wickelte sich jetzt, bildlich gesprochen, um ihre Kehle und schnürte ihr die Luft ab.

Nur Meike, die junge Schäferin, begegnete Katja warmherzig

Zwischen diesen beiden Ereignissen lag die freundliche Begrüßung durch die scheidende Hebamme, die sich nun nach Mallorca zurückzog, und die Ablehnung sämtlicher Einheimischer. So eine Großstadtpflanze habe ihnen gerade noch gefehlt, hieß es – und das war noch nett ausgedrückt.

Besonders unfreundlich begegnete ihr einer der Krabbenfischer. Er hieß Piet Peters und besaß die Körpermaße eines Wikingers. Den Namen hatte Katja von Meike Lüttjens, einer jungen Schafzüchterin von der Hallig Anroode, die als einzige Friesin Katja mit offener Warmherzigkeit begegnete.

Piet war Katja schon ein paar Mal über den Weg gelaufen, aber mehr als ein geknurrtes „Moin“ hatte sie von ihm nie zu hören gekriegt. Aus unerfindlichen Gründen schien er sie nicht zu mögen, und aus noch viel unerfindlicheren Gründen störte sie das.

Als sich Katja und Meike einmal in einer Kneipe trafen, erzählte Katja der neuen Freundin davon. Meike grinste breit. „Verstehe. Aber jetzt steht er da hinten am Tresen und starrt dich an, als wären wir am Rhein und du die Loreley.“

Katjas Gesichtsfarbe wurde um einen Ton dunkler. Sie nahm all ihren Mut zusammen und wandte sich um, erhaschte aber nur noch einen Blick auf schrankbreite Schultern, die sich einen Weg nach draußen bahnten. „Der kann mich nicht leiden“, erklärte sie.

Meikes Grinsen wurde breiter.

„Das sehe ich ein bisschen anders.“ „Verstehe ich nicht.“

„Er hat eine Schwäche für dich.“ „Was für ein Blödsinn!“

Meike lachte. „Bei Gelegenheit gebe ich dir mal ein paar Tipps, wie man mit solchen wortkargen Ostfriesen umzugehen hat.“

„Immer gern“, murmelte Katja, nicht sicher, ob sie das so genau wissen wollte. Es war klüger, sich nur auf ihren Beruf zu konzentrieren. Aber die beiden derzeit schwangeren Einwohnerinnen ließen sich im Krankenhaus von Cuxhaven betreuen und dachten nicht daran, auch nur in die Nähe der kleinen Praxis zu kommen, die sich neben Katjas Wohnung befand.

Sie hatte beides von ihrer Vorgängerin übernommen, inklusive einer geradezu mittelalterlich an-mutenden Untersuchungsliege in der Praxis und einem ebenso antiquierten hölzernen Hörrohr.

Das Telefon und ihr Handy klingelten zwar ununterbrochen, aber es waren immer nur ihre Mutter und ihr Vater, die sich offenbar abgesprochen hatten, und ihr in verschiedenen Variationen mitteilten, dass sie ihre baldige Rückkehr erwarteten. Da Katja als freie Hebamme nur ein geringes Grundgehalt von der Gemeinde bezog und im Übrigen auf zahlende Patientinnen angewiesen war, fürchtete sie schon, der Wunsch ihrer Eltern würde sich nur allzu bald erfüllen.

Bis zu dem Tag, an dem Daniela in ihre Praxis kam. „Guten Tag“, sagte sie hochnäsig. „Dr. Hinrichs hat mich geschickt.“ Sie setzte sich auf den einzigen Besucherstuhl, schlug die Beine übereinander und musterte die Hebamme prüfend.

Im Geiste beschloss Katja, dem einzigen praktischen Arzt von Scholldorf bei nächster Gelegenheit ein Denkmal zu setzen. Die Frau, die da vor ihr saß, entsprach allerdings gar nicht dem Bild, das sie sich von ihrer ersten Patientin hier gemacht hatte. Mit ihrem schicken Haarschnitt und dem dezenten Makeup, war die Patientin ganz eindeutig ein Stadtmensch und passte nach Scholldorf wie Hummer in eine Krabbensuppe.

Daniela Berger, so stellte sie sich vor, war 37 Jahre alt und erwartete ihr erstes Kind. Katja warf einen Blick in den Mutterpass und lächelte: 34. Woche. Das hatte sie wieder mal richtig geschätzt. Mit Inka hatte sie immer Wetten darüber abgeschlossen, wer die Schwangerschaftswoche bei einer neuen Patientin auf den ersten Blick erkennen konnte. Meistens hatte Katja die Wette gewonnen.

„Was grinsen Sie denn da, Frau Walters? Mein Mutterpass ist kein Witzblatt.“ Daniela Berger hob das Kinn ein bisschen höher und wirkte damit noch ein Stück arroganter.

„Natürlich nicht, Entschuldigung. Sie sind aus Berlin?“

„Steht doch da, oder? Und nur damit Sie es wissen: Ich bin bisher von hervorragenden Kapazitäten der Charité betreut worden.“

Hinter Danielas Fassade zeigte sich tiefe Unsicherheit

Katja tat beeindruckt. „Und nun möchten Sie lieber hier an der schönen Nordseeküste leben?“

„Möchten? Pah! Davon kann keine Rede sein.“ Plötzlich zeigten sich Brüche in Danielas Fassade. Katja erhaschte einen Blick auf eine zutiefst verunsicherte Frau. „Mein Mann hat mich hierher verschleppt.“ Heiko Berger war Ingenieur und baute Windkrafträder. Er war von einem großen Unternehmen mit einem hohen Gehalt in diese Gegend gelockt worden. „Deswegen sitze ich jetzt in diesem gottverlassenen Kuhdorf fest.“

„Es gibt hier kein Milchvieh“, korrigierte Katja. „Nur Schafe.“

„Was?“ Einen Moment schien Daniela unentschlossen, ob sie unter Protest die Praxis verlassen oder mit dem alten Hörrohr auf die Hebamme einschlagen sollte. Dann entschied sie sich für eine dritte Möglichkeit, und fing an zu lachen.

Katja stimmte in ihr Lachen ein, wurde aber schnell wieder ernst, als Daniela plötzlich in Tränen ausbrach. „Ich habe solche Angst“, schluchzte sie. „Dabei habe ich mich so auf das Kind gefreut.“

Katja ging zu ihr und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Mach dir keine Sorgen. Wir kriegen das schon hin.“ Es schien Daniela nicht aufzufallen, dass Katja sie duzte – oder sie akzeptierte es einfach. „Du bist ja hier nicht aus der Welt“, fuhr Katja fort, „und …“

Weiter kam sie nicht. Unter erneutem Tränenschwall sagte Daniela: „Bin ich doch. Heiko hat ein altes Bauernhaus in der Marsch gekauft. Eine einzige Straße führt dahin, und die ist noch nicht mal geteert. Da bin ich völlig von der Welt abgeschnitten. Heiko hat mich in die Wildnis verschleppt!“

Katja verstärkte den Druck auf ihrer Schulter. „Bis zur Geburt ist noch reichlich Zeit. Wenn du dich sicherer fühlst, werde ich dich rechtzeitig ins Krankenhaus von Cuxhaven einweisen lassen.“

Dass sie sich da gewaltig irrte, konnte Katja noch nicht wissen. Im Moment fühlte Daniela sich getröstet. „Danke. Aber vielleicht ist das gar nicht nötig. Ich glaube nicht, dass ich so lange hierbleibe.“

Ihre Feindseligkeit war jetzt völlig verflogen, und sie vertraute sich Katja an wie einer guten Freundin. „Ich werde Heiko verlassen. Ich halte das nicht aus. Von morgens bis abends bin ich allein in dieser Bruchbude, während er unterwegs ist. Ich vermisse meine Familie und meine Freunde – und mein Baby soll schließlich an einem zivilisierten Ort zur Welt kommen.“

Katja hielt es für klüger, keinen Kommentar abzugeben, und bat Daniela zur Untersuchung. Wenig später sagte sie vorsichtig: „Das war eben eine Kontraktion der Gebärmutter. Hast du es gespürt?“

„Nur, dass mein Bauch kurz hart geworden ist. Das habe ich manchmal, seit wir letzte Woche hergezogen sind. Tut aber nicht weh.“

„Wie sieht es mit dem Schlafen aus? Kannst du gut einschlafen?“

Daniela schüttelte den Kopf. „Entweder komme ich vor Kummer nicht zur Ruhe oder weil das alte Haus an allen Enden knarrt und quietscht. Ich liege meist die ganze Nacht wach. Was ist denn? Irgendwas nicht in Ordnung?“

„Kein Grund zur Panik“, sagte Katja schnell. „Aber du solltest in den nächsten zwei, drei Tagen lieber Bettruhe halten. Wenn diese leichten Kontraktionen anhalten, dann ruf mich an. Ich komme mit dem Arzt, und er verschreibt dir wehenhemmende Medikamente.“

„Wehen? Ich habe Wehen? Du meinst, das Baby kommt schon?“

„Quatsch. Bisher ist das nur ein Warnsignal, dass du dich schonen sollst. An eine Reise nach Berlin ist aber jetzt nicht zu denken.“

Sie überlegte, ob sie Daniela nicht doch zur Sicherheit ins Krankenhaus von Cuxhaven schicken sollte, aber sie hatte in ihrer Laufbahn die Erfahrung gemacht, dass in 99 von 100 Fällen frühzeitige Kontraktionen vollkommen harmlos waren. Sie konnte nicht ahnen, dass Daniela Berger zu dem einen Prozent gehörte, das übrigblieb.

An diesem Abend spazierte Katja zum Hafen. Meike kam leider nur einmal in der Woche zum Festland. Und so fühlte sie sich ziemlich einsam, als sie über die Masten der Krabbenkutter hinwegschaute.

„Moin“, sagte Piet knapp, dann wandte er sich wieder ab

Auf einem der Kutter nahm sie eine Bewegung wahr. Sie ging näher und entdeckte Piet Peters. Aus unerfindlichen Gründen tat es ihr gut, diesen Mann so stark und sicher an Deck stehen zu sehen. „Guten Abend!“, rief sie hinüber.

Er drehte den Kopf, starrte sie an. Der Wind fuhr durch sein Haar, und seine Augen ließen sie sekundenlang nicht los. Dann senkte er den Blick. „Moin“, sagte er knapp und wandte sich ab.

Wütend stapfte Katja nach Hause. In den folgenden Tagen verbot sie sich jeden Gedanken an einen Mann, der grundsätzlich durch sie hindurchsah, als wäre sie ein Nebelgeist über dem Watt. Man sollte sein Herz nicht an eine Illusion hängen, sagte sie sich. Auch nicht, wenn diese Illusion Augen hatte, so blau wie der Himmel über der Nordsee bei schönem Wetter.

Glaubte Katja jedenfalls. Denn sie hatte den Himmel bisher noch nie bei schönem Wetter gesehen.

Einzig mit Meike sprach sie noch einmal über Piet, als sie sich wieder in der Kneipe trafen. „Was hat der bloß gegen mich?“

„Nichts“, sagte Meike. „Er findet sich nicht gut genug für dich.“

„Quatsch! Wieso das denn?“

Meike hob die Schultern. „Ihr kommt aus verschiedenen Welten. Das ist nicht so einfach. Piet kann nur an der Küste und auf seinem Krabbenkutter glücklich sein.“

„Aber dagegen habe ich doch gar nichts“, warf Katja ein.

„Aber dein Leben hier in Scholldorf, woher soll er wissen, dass das nicht nur eine Marotte von dir ist? Bestimmt hat er Angst, sich in dich zu verlieben, und dann gehst du wieder zurück nach Hamburg. Weißt du, Katja, der Mann mag ja ein Riese sein, aber tief drinnen hat er ein zerbrechliches Herz.“

Allein der Gedanke, dass Meike Recht hatte und Piet wirklich etwas für sie empfand, sich nur zurückhielt, weil er nicht enttäuscht werden wollte, allein diese Erkenntnis machte sie plötzlich glücklich.

„Aha, wenn man vom Teufel spricht …“, murmelte Meike.

Katja sah auf und entdeckte Piet, der gerade die Kneipe betrat. Sie entdeckte ein Funkeln in seinen Augen und wünschte sich plötzlich, wünschte, wünschte …

Auf einmal stand er an ihrem Tisch, legte ihr eine schaufelgroße Hand auf den Arm und schaute sie ruhig an – immer noch mit diesem Funkeln in den Augen. „Moin.“

„M-moin“, stotterte Katja. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, und Katja begriff zu ihren größten Schrecken, dass sie sich gerade rettungslos in ihn verliebt hatte.

„Immer noch hier?“, fragte er. Seine Hand nahm er wieder weg. Katja empfand es als Verlust.

„Klar. Und ich werde für immer in Scholldorf bleiben.“

„So.“ sagte er, mehr nicht. Aber Katja hatte das sichere Gefühl, soeben schon einen winzigen Schritt weitergekommen zu sein.

Meike war derselben Meinung als Piet mit einem Nicken verschwand „Der mag dich sogar sehr. Sonst ist er nicht so offenherzig.“ „Das nennst du offenherzig?“

„So sind sie hier eben, die Leute. Wart’s nur ab, demnächst macht er dir bestimmt einen Heiratsantrag.“

Von wegen, dachte Katja eine Woche später. Inzwischen liebte sie ihre neue Heimat schon richtig: so flach und grau wie sie war, von Deichen durchzogen und von Menschen bevölkert, die sich von keiner Sturmflut vertreiben ließen.

Sie lernte, mit den Gezeiten zu leben, wie es die Friesen seit jeher taten. Ihr fehlte weder die Großstadt, noch ihr Exfreund Sven. Auch die Arbeit an der Klinik vermisste sie nicht, nur manchmal den Austausch mit den Kolleginnen, das Gefühl, im Team zu arbeiten. Hier gab es niemanden, den sie mal um Rat fragen konnte, außer dem praktischen Arzt Jürgen Hinrichs, der aber im Schnitt höchstens drei Minuten Zeit für sie hatte.

Trotzdem. Ihr Leben in Scholldorf ließ sich gut an, und es begann sich inzwischen herumzusprechen, dass sie eine tüchtige Hebamme war.

Nur bei Piet kam Katja nicht weiter. Sie war ihm nur zufällig noch viermal begegnet, aber mehr als ein „Moin“, ein knappes Lächeln und das Funkeln in den Augen hatte sie nie erreicht. So nahm sie sich vor, selbst die Dinge voranzutreiben, und sie hatte auch einen Plan …

Als Daniela anrief, fühlte Katja einen Moment der Angst

Der musste allerdings warten, als Daniela sie an diesem stürmischen Abend anrief. „Heiko sitzt auf so einer Misthallig fest!“, schrie sie. „Und bei mir ist gerade die Fruchtblase geplatzt.“

Ganz kurz fühlte Katja so etwas wie Angst. Dann wurde sie ruhig. „Okay, leg dich bequem hin und warte, bis ich mit Doktor Hinrichs bei dir bin“, wies sie Daniela an.

„Ich will aber ins Krankenhaus! Sofort!“, begehrte Daniela auf.

„Sicher.“ Katja sagte ihr nicht, dass es dafür wahrscheinlich zu spät war. Bis der Krankenwagen aus Cuxhaven da sein würde, wäre das Kind wohl schon auf der Welt.

Zwei Minuten später, erfuhr sie, dass Doktor Hinrichs mit Grippe im Bett lag. „Eine Hausgeburt ist kein Weltuntergang“, keuchte er. „Das Kind ist in Schädellage, und das errechnete Geburtsgewicht liegt bei 2.500 Gramm, richtig?“

„Richtig“, bestätigte Katja.

„Komplikationen sind nicht zu erwarten“, schloss er auf seine pragmatische Art und legte auf.

Während Katja durch den stärker werdenden Sturm zu dem alten Bauernhaus in der Marsch fuhr, wünschte sie sich zurück an die Hamburger Klinik mit all ihren perfekten Apparaten, mit ihren Kolleginnen und den Ärzten, die jederzeit greifbar waren. Zu spät. Sie war auf sich allein gestellt.

Eine Stunde später starrte Daniela sie aus aufgerissenen Augen an. „Tu etwas, Katja“, flehte sie.

Katja schüttelte ihre Erinnerungen ab. „Das meiste musst du selbst machen. Atme mit den Wehen und dann presse. Aber nicht mit Gewalt. Finde deinen Rhythmus.“

„Oh Gott!“, schrie Daniela. Aber dann verstummte sie wieder. Die nächste Presswehe rollte heran.

Katja trat hinter sie und half ihr, sich aufzurichten, damit auch die Schwerkraft dem Baby helfen konnte, auf die Welt zu kommen.

In der nächsten kurzen Wehenpause wechselte Katja die Position, stellte fest, dass das Köpfchen des Kindes bereits zu sehen war, und nickte Daniela aufmunternd zu.

„Es sieht gut aus. Noch zwei, drei Wehen, dann haben wir dein Kind.“

Draußen legte der Sturm noch einmal an Kraft zu und trug Danielas Schreie mit sich fort. Aber sie schrie nur, um Dampf abzulassen, nicht mehr aus Angst. Die Patientin und die Hebamme hatten sich beide mit der Situation abgefunden und wuchsen über sich selbst hinaus. Katja war vollkommen ruhig, Daniela machte es ihrem Baby so leicht wie möglich.

Beide wussten, dass das Kind mit seinen sieben Monaten vielleicht noch schwach war. Mit dem altmodischen Hörrohr, das aber bestens funktionierte, überprüfte Katja in Abständen die Herztöne des Kindes. Aber die waren erstaunlich kräftig und regelmäßig.

Eine letzte große Presswehe, Daniela musste sich nun allein in der halb sitzenden Stellung halten, denn Katja hatte bereits das Köpfchen in der Hand. Gleich darauf kam der kleine Körper hinterher. Nach kurzer Überprüfung der Vitalfunktionen legte sie das Baby Daniela auf den Bauch. Alles andere hatte Zeit – waschen, messen, wiegen. Im Moment musste das Kleine das Geburtstrauma überwinden, und das ging am besten auf Mamas warmem Bauch.

Daniela sah sie mit glücklich leuchtenden Augen an. „Na, wie habe ich das gemacht?“

„Super, ganz super!“ Katja merkte, dass ihre Stimme zitterte und dachte bei sich: Du hast das auch ganz super gemacht, Katja. „Übrigens, es ist ein Mädchen“, sagte sie nach einer Weile.

Daniela hatte das Geschlecht des Kindes vor der Geburt nicht wissen wollen. Nun sagte sie: „Gut.“ Und in diesem kleinen Wort lag der ganze Stolz auf die Kraft der Frauen. „Sie heißt Fenja. Das ist friesisch, und es bedeutet Frieden.“

Erst nach einer Weile bemerkte Katja, dass der Sturm nachgelassen hatte. Dann hörte sie ein anderes Geräusch. Ein Auto näherte sich.

„Klar“, sagte Katja, „die Kleine ist eben eine echte Friesin!“

Zwei Minuten später stürmte Danielas Mann ins Haus. „Ich habe einen verrückten Fischer überredet, mich ans Festland zu bringen!“, rief er. „Wir wären um ein Haar gekentert, aber das war mir egal. Ich will bei der Geburt dabei sein.“ „Zu spät“, grinste Daniela.

Heiko Berger sank in die Knie, legte seine Arme um Frau und Kind und fing an zu weinen. Tja, dachte Katja, Frauen sind eben doch das stärkere Geschlecht.

„Danke“, sagte Heiko und blinzelte die Tränen fort. „Ist sie nicht ein starkes kleines Mädchen?“

„Klar“, erwiderte Katja. „Die Kleine ist eine echte Friesin.“

„Wir werden sehen“, sagte Daniela, und in ihren glücklichen Augen las Katja, dass es ihr auf einmal gar nicht mehr so wichtig war, nach Berlin zurückzukehren.

Drei Stunden nach der Geburt ließ Katja die Bergers allein. Die kleine Fenja hatte zum ersten Mal an der Mutterbrust getrunken und schlief jetzt fest. Sie wog zwar nur 2300 Gramm, war aber kerngesund. Auch der jungen Mutter ging es sehr gut. „Am Nachmittag komme ich wieder“, versprach Katja.

Daniela und Heiko hatten sich gegen eine Fahrt ins Krankenhaus entschieden. „Mir und der Kleinen geht es doch prächtig“, hatte Daniela gesagt und dabei so gar nicht mehr der nervösen Patientin geähnelt, die Katja erst vor Kurzem kennengelernt hatte. „Den Stress der langen Fahrt müssen wir uns nicht antun.“ Katja stimmte ihr zu und verabschiedete sich.

Draußen wartete der verrückte Fischer, der Heiko von der Hallig übergesetzt hatte. Piet Peters, wer sonst. „Wie geht es da drinnen?“, fragte er. „Ich bin mit hergefahren, falls ich gebraucht werde.“

So viele Worte auf einmal hatte Katja noch nie von ihm gehört. „Alles okay“, sagte sie, selbst plötzlich wortkarg. „Moin.“

Sie ging auf ihren Wagen zu, und Piet machte keinerlei Anstalten, ihr zu folgen. Dann eben nicht, dachte sie müde, und fuhr heim.

Sie schlief den halben Tag durch, und sie träumte dabei von einem blonden Krabbenfischer, der ihr eine Liebeserklärung machte.

Zwei Tage brauchte Katja noch, um Mut zu fassen, dann setzte sie den Plan in die Tat um, den sie vor Danielas Niederkunft gefasst hatte.

Es ging hier schließlich um ihr Lebensglück, und wenn sie darauf wartete, dass Piet die Initiative ergriff, dann würde sie darüber bestimmt alt und grau werden.

Mitten in der Nacht zum Sonntag schlich sie sich im Schutz der Dunkelheit an Bord seines Kutters. Mit einem Satz war sie an Deck. Und nun? Ratlos sah sie sich um.

Die kleine Brücke kam als Versteck nicht infrage. Dorthin würde Piet als erstes gehen. Dann sah sie sich den großen Kochkessel an. Gefangene Krabben werden gleich auf See in Meerwasser gekocht, so erhalten sie ihren typischen Geschmack und die rosa Farbe.

Katja kannte inzwischen Piets Gewohnheiten und wusste, dass er sonntags gern allein mit seinem Kutter ausfuhr. Nicht um zu fischen, sondern um einfach draußen auf dem Meer zu sein, wo er sich am wohlsten fühlte. Aber konnte sie sich darauf verlassen, dass er nicht doch einen Fang machen wollte? Der Gedanke, gekocht zu werden, schreckte sie definitiv ab.

Blieben noch die beiden riesigen Ausleger mit den darumgewickelten Netzen. Sie beschloss, sich da zu verstecken. Das barg zwar das Risiko, ins Meer geschleudert zu werden, aber sie konnte schwimmen. Und ein Bad in der Nordsee erschien ihr weniger schlimm als die Hitze des Kochkessels.

Da lag sie nun zusammengekauert, roch Fisch, Salz und Algen – und wartete. Der Morgen graute, als sie endlich Schritte hörte. Jemand sprang auf die Planken, ging nah an ihr vorbei zur Brücke. Der

Motor wurden angeworfen, Dieselschwaden krochen ihr in die Nase, und Katja musste würgen.

Gleich darauf tuckerte der Kutter aus dem Hafen, und sie machte eine Entdeckung, auf die sie gern verzichtet hätte. Gefrühstückt hatte sie nichts, aber die Fischsuppe, die sie am Abend mit Meike gegessen hatte, schwappte unangenehm in ihrem Magen hin und her.

Katja wartete so lange, wie sie es aushielt, was nicht besonders lang war. Sie konnte nur hoffen, dass sie schon ziemlich weit draußen waren. Mühsam befreite sie sich aus den Netzen, ging zu Brücke, betrat den winzigen Raum und sagte zu Piet: „Ich mag dich!“

„Du bist ganz grün im Gesicht, Katja!“, erklärte Piet sanft

Vor Schreck verriss Piet das Ruder, der Kutter geriet in Schräglage – und die Fischsuppe schlug in Katjas Magen einen Salto.

Piet, der schon einige Stürme erlebt hatte, kam wieder auf Kurs und drehte sich zu ihr um. „Katja! Was machst du denn hier?“

„Ich … äh … na ja, ich wollte endlich mal in Ruhe mit dir reden.“

Er starrte sie an, voller Abwehr, wie sie fand, aber ein Blick in seine Augen machte sie mutig. Sie ging einen Schritt auf ihn zu. Piet hatte keinen Fluchtweg offen. Es war verdammt eng, und er hätte sie schon niederrennen müssen, um rauszukommen. „Was hast du eben gesagt?“, verlangte er zu wissen.

Katja schluckte, weil sie so einen komisch sauren Geschmack im Mund hatte und erklärte: „Ich mag dich. Und wenn du denkst, du bist nicht gut genug für mich, dann ist das kompletter Blödsinn. Außerdem habe ich auch nicht vor, jemals hier wegzugehen. Könntest du mir jetzt bitte auch verraten, was du für mich empfindest?“

Piet klappte den Mund auf und wieder zu, sagte gar nichts, streckte aber seine Hand nach ihr aus. Dann lag sie in seinen Armen und wusste, dies war der Ort, an den sie gehörte. Leider musste sie sich gleich wieder befreien. „Ich fürchte“, sagte sie langsam. „In einer Beziehung passe ich doch nicht so gut zu dir. Habe ich leider gerade erst entdeckt.“ Piet runzelte die Stirn, sah sie abwartend an. „Ich bin … nicht ganz seetüchtig.“

Dann lief sie hinaus und beugte sich über die Reling. Piets starke Arme umschlangen sie von hinten. „Du bist ganz grün im Gesicht, Katja“, sagte er und küsste sie sanft auf den Nacken. Sie fand, eine schönere Liebeserklärung hatte keine Frau je zu hören bekommen.

ENDE

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