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KRÄUTERTEE / BIO-ANBAU: VIEL ARBEIT FÜR REINE KRÄUTER


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 10/2018 vom 27.09.2018

Der Kräuteranbau ist anspruchsvoll, auch in Deutschland. Wir haben einen Bio-Kräuterhof in Hessen besucht und erfahren, wie gut sich Ökologie und Technik verbinden lassen.


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Bildquelle: ÖKO-TEST Magazin, Ausgabe 10/2018

Wenn Bio-Landwirt Johannes Kayßer mit seinen Arbeitspferden auf dem Acker unterwegs ist, dann macht er das in einer Ruhe und Gelassenheit, die den großstadtgewöhnten Besucher sofort in den Bann zieht: nichts stört, kein Maschinengeknatter, kein Motorengeräusch, keine lauten Arbeitsanweisungen.

Romantik? Nein. Kräuteranbau 2018 auf dem Tannenhof Imshausen. Bio-Anbau. Viel Umsicht, viel Arbeit und immer wieder neue Herausforderungen. So ...

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... muss sich Kayßer, der 2014 in den väterlichen Betrieb im nordhessischen Bergland in der Nähe von Bebra eingestiegen ist, seit einigen Jahren mit einem Thema auseinandersetzen, das bislang keine Rolle gespielt hatte: Pyrrolizidin alkaloide, kurz PA. PA sind natürliche Giftstoffe, die bestimmte Unkräuter gegen Fraßfeinde bilden. Spätestens seit einer Veröffentlichung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) 2013 ist bekannt, dass Kräutertee davon ganz besonders betroffen sein kann. Wachsen diese unerwünschten Pflanzen zwischen den Kräutern, geraten sie während der Ernte in das Schnittgut und schließlich in den Tee. Eine Herausforderung besonders für Bio-Landwirte, die nicht mit Spritzgiften gegen Unkraut vorgehen.

Pferde statt Traktor: Wo immer es geht, setzt Bio-Landwirt Johannes Kayßer Pferde zum Bearbeiten der Kräuterkulturen ein.


Der Tannenhof ist einer der wenigen Betriebe, die von Anfang an kein Problem mit PA-haltigen Unkräutern hatten.


Johannes Kayßer schloss sich, nachdem die ersten Informationen zu PA vorlagen, einem Projekt von Ökoplant an. Dieser Verein für ökologischen Arzneiund Gewürzpflanzenanbau startete 2015 damit, die PA-Belastung auf deutschen Kräuterhöfen zu dokumentieren. An dem bundesweiten Projekt beteiligten sich sowohl biologisch als auch konventionell arbeitende Landwirte. Für die Untersuchungen wählte der Verein Pfefferminze, Melisse und Salbei aus. „Ökoplant kam mehrmals im Jahr vor jeder Ernte vorbei und registrierte alle Unkräuter, die auf den Kräuterfeldern wuchsen, und prüfte, ob es sich um PA-bildende Pflanzen handelte“, erinnert sich Kayßer. Ein Labor analysierte die entsprechenden Kräuterchargen zusätzlich auf PA.

Für den Tannenhof waren die Ergebnisse erfreulich: Ökoplant fand keinen Hinweis auf die Pflanzengifte, weder auf den Feldern noch in den Kräutern. „Wir sind einer der ganz wenigen Betriebe, die von Anfang an PA-frei waren“, sagt der Bio-Landwirt. Er ließ die Kulturen in den Folgejahren trotzdem weiter durch Ökoplant überprüfen. Immer mit überzeugenden Ergebnissen.

Kräuter gehören seit 1989 zum festen Repertoire des Tannenhofs. Knapp fünf Hektar sind für sie reserviert. Neben Pfefferminze, Melisse und Salbei wachsen hier auch Drachenkopf, Brennnessel, Eberraute und Grüner Hafer. Insgesamt misst der Betrieb, der seit 1988 Bioland- zertifiziert ist, rund 70 Hektar. Neben Kräutern baut Kayßer auch Kartoffeln, Getreide und Leinsamen an.

Die Arbeit mit Zugpferden hat der heute 31-Jährige während seiner Ausbildung zum Bio-Landwirt kennengelernt. Anschließend vertiefte er seine Kenntnisse im In- und Ausland. Seit 2015 setzt er Pferde nun auch auf dem Tannenhof ein. Kayßer ist überzeugt, dass das Konzept Zukunft hat, auch wenn Pferde in der Landwirtschaft bislang die große Ausnahme sind. „Das Interesse wächst, vor allem bei kleineren Bio-Landwirten“, sagt er. Mit Bauernhofromantik habe es jedenfalls nichts zu tun. Im Gegenteil. „Pferde tragen zu mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft bei.“ Und führt als einen der wichtigsten Gründe an, dass es dadurch möglich sei, nicht nur den Nährstoffkreislauf zu schließen, sondern auch den Energiekreislauf. Zumindest in Teilen. Denn: Pferde könne man als erneuerbare Energien ansehen. Sie ernähren sich von Heu und Gras, das durch das Sonnenlicht gewachsen ist. Zudem lasse sich das Futter mit den Pferden im Betrieb erzeugen, sodass kein Diesel von außen zugekauft werden müsse, um Maschinen zu betreiben.

Pferde können aber auch den Boden positiv beeinflussen, sagt Kayßer. So belasten sie ihn durch den punktuellen Auftritt der Hufe deutlich weniger als Traktoren. Das macht ihn weniger dicht und sorgt nebenbei für höhere Erträge. Der Pferdemist dient zudem als wertvoller Dünger.

Derzeit „beschäftigt“ der Tannenhof drei Arbeitspferde. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist das Hacken der Kräuter. „Je nach Kultur gehen wir mit den Pferden bis zur Ernte 10- bis 15-mal durch die Kräuter“, erklärt der Landwirt. Dazu kommt jede Menge Handarbeit. Pro Schnitt hacken er und seine Mitarbeiter – Kayßer beschäftigt insgesamt zehn Personen – die Äcker noch zwei- bis dreimal per Hand. Und vor der Ernte läuft ein Mitarbeiter nochmals die Kräuterreihen ab, um auch das letzte Fitzelchen Unkraut zu entfernen. Die Kräuterbauern wollen auf diese Weise nicht nur unerwünschte PA-Pflanzen ausschließen, sondern sie stellen damit auch eine möglichst reine Ware sicher.

Beim Rundgang über die Felder legt Johannes Kayßer mit den Pferden Fritz und Isis einen Stopp beim Drachenkopf ein. Der Drachenkopf, der auch türkische Melisse heißt, gehört zu seinen Lieblingskräutern. Er probiert einige Blättchen. Sie schmecken wie Zitronenmelisse, nur herber. In diesem Jahr ist das Aroma besonders intensiv, stellt Kayßer fest. Liegt es daran, dass es kaum geregnet hat? „Ja, das spielt schon eine Rolle“, sagt er. Außerdem hätten die Pflanzen mehr ätherische Öle als üblich gebildet. Der Grund dafür seien die großen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht in diesem Jahr gewesen.


Von der Trockenheit in diesem Jahr ist auch der Tannenhof betroffen. Normalerweise wären die Reihen viel dichter.


Drei Meter Arbeitsbreite: Die Parallelogrammscharhacke – so der Fachausdruck – ist Standard im Kräuteranbau. Auf dem Tannenhof übernehmen Pferde den Antrieb.


Überhaupt ist dieses Jahr ein besonderes Jahr. Wie andere landwirtschaftliche Betriebe hatte auch der Tannenhof mit der Dürre zu kämpfen. Kayßer schätzt, dass er wegen der fehlenden Niederschläge nur etwa die Hälfte des Ertrags durchschnittlicher Jahre erwirtschaften wird. Von April bis in den August hinein habe es nicht nennenswert geregnet. Normal seien 300 Millimeter pro Vegetationsperiode. Bislang seien erst knapp 100 Millimeter gefallen. Ein Drittel weniger Regen, die Hälfte weniger Ertrag.

Kräuter für Tee und Gewürze: Der Tannenhof in der Nähe von Bebra baut unter anderem Drachenkopf, Salbei und Melisse (von links nach rechts) an.


Dass es kaum geregnet hat, sieht man den Feldern an. Die Erde zwischen den Kräuterreihen wirkt wie ausgedörrt. Da wundert es fast, dass überhaupt etwas gewachsen ist und die Pflanzen schön grün aussehen. Zumal es auf dem Tannenhof keine Bewässerung gibt. Selbst Kayßer ist überrascht, dass die Kräuter noch so gut aussehen. Er zeigt auf den Drachenkopf. „Der wird normalerweise bis zu 80 Zentimeter hoch und macht die Reihen dicht.“ Jetzt ist er viel kleiner gewachsen, macht aber einen gesunden Eindruck.

Offenbar sind die Pflanzen trotz des Wassermangels immer noch gut mit Nährstoffen versorgt. Kayßer führt das auf die gute Bodenvorbereitung zurück. Großen Anteil daran habe die wechselnde Bewirtschaftung der Äcker. Wichtig sei beispielsweise der Anbau von Luzerne-Kleegras. Diese Pflanze bindet Stickstoff und fördert den Aufbau von Humus. Kayßer bringt noch zusätzlich Kompost aus. „Das sorgt dafür, dass der Boden mehr Wasser speichern kann“, sagt er. Auch das Hacken sei letzten Endes eine Wassersparmaßnahme, durch die Bodenbearbeitung verdunste weniger Wasser.

Je nach Sorte und Witterung erntet der Tannenhof die verschiedenen Kräuter bis zu fünfmal im Jahr. Kayßer würde diese Aufgabe auch gern den Pferden übertragen. Doch derzeit fehlen noch geeignete Geräteträger, die es ermöglichen, die entsprechende Technik anzuwenden. Bislang erntet er maschinell – und zwar mit dem Kräutermählader, einem umgebauten Mähdrescher.

Von der Trocknung in die Tüte: Der Tannenhof bereitet die Kräuter auf (siehe oben), das Mischen und Abpacken übernimmt ein Abfüllbetrieb in der Nähe.


Ein weiterer Bereich, der den Maschinen vorbehalten bleibt, ist die Aufbereitung der Kräuter nach der Ernte. Es ist wichtig, die Kräuter schnell zu verarbeiten. Davon hängt die Qualität der getrockneten Kräuter maßgeblich ab. Kräuterhöfe verfügen deshalb im Idealfall über eigene Vorrichtungen zum Schneiden, Trocknen und Verpacken. Der Tannenhof hat eine solche Anlage. Sie ist in einem scheunenartigen Gebäude untergebracht und besteht aus mehreren Apparaturen.

Als erstes zerkleinert eine Schneidemaschine die Kräuter. Zur Maschine gelangen die Kräuter via Förderband. Am Band steht ein Mitarbeiter und kontrolliert das Erntegut ein letztes Mal. In der Regel hat er wenig zu tun: Dass unerwünschte Pflanzen auf dem Feld übersehen wurden, käme so gut wie nicht vor, sagt Kayßer. In den Kräutern des Tannenhofs seien am Ende maximal 0,1 Prozent fremde Bestandteile. Erlaubt sind bis zu drei Prozent. Sortenreinheit, keine Unkräuter, keine Pyrrolizidinalkaloide: Der Aufwand hat sich gelohnt.


AUF 300 BIS 1.200 ARBEITSSTUNDEN PRO HEKTAR UND JAHR SCHÄTZT BIO-LANDWIRT KAYSSER DEN AUFWAND. JE NACH KULTUR. ZUM VERGLEICH: FÜR DEN ANBAU VON GETREIDE BRAUCHT ES PRO HEKTAR UND JAHR NICHT EINMAL ZEHN STUNDEN.


Nach dem Schneiden durchlaufen die Kräuter die Windfege mit integriertem Rüttelsieb. Diese Vorrichtung trennt die Blätter von den Stielen, indem ein Ventilator die Stängel aus dem Erntegut bläst. Die Vortrocknung reduziert danach den Feuchtigkeitsgehalt. Zum Schluss folgt die Endtrocknung per Luftentfeuchtung bei 28 Grad Celsius. Das ist besonders schonend und erhält die ätherischen Öle. Nun kommen die Kräuter zum Verschicken „nur“ noch in große Papiersäcke. Die Kräuter mischen und in kleine Packungen abfüllen, das erledigen andere Betriebe.

„Nur“ ist ohnehin ein kleines Wort für den großen Aufwand, den es braucht, um Kräuter für Tee und Gewürze anzubauen und aufzubereiten. Auf 300 bis 1.200 Arbeitsstunden pro Hektar und Jahr schätzt Bio-Landwirt Kayßer ihn. Je nach Kultur. Zum Vergleich: Für den Anbau von Getreide braucht es pro Hektar und Jahr nicht einmal zehn Stunden.


Fotos Nina Flauaus/ÖKO-TEST