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Kramer 1014 – Zweiwege-Trac: Der moderne Allesschaffer


Traktor Classic - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 04.07.2019

MULTITALENT Mit dem Kramer 1014 lässt sich in beiden Richtungen gleich gut arbeiten. Das und viele kleine Feinheiten eröffneten ihm einst völlig neue Einsatzgebiete. Wir finden heraus, was er kann und warum er dennoch ein Dasein in der Nische fristete


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Bildquelle: Traktor Classic, Ausgabe 5/2019

Absetziges Verfahren: Per Köpfroder werden die Rüben aus dem Boden geholt, der 1014 TS mit angehängtem Unsinn-Ladebunker sammelt sie ein


Vorbote: Der Kramer 1214 stand Ende Mai 1970 auf der DLGAusstellung


Mehr als vier Jahre machte Kramer seiner Kundschaft den Mund wässrig. Der erste Zweiwege- Trac namens „1214“ stand Ende Mai 1970 auf der Kölner ...

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... DLG-Ausstellung. Zwei weitere Messen in Hannover (Mai/Juni 1972) und Frankfurt/Main (September 1974) verstrichen, bis das Serienprodukt mit der Bezeichnung „1014“ in einem radikal gewandelten Marktumfeld debütierte. 1972/73 hatte Kramer die Fertigung seiner Zugmaschinen und Standardschlepper wegen anhaltender Erfolglosigkeit eingestellt. Der Schwerpunkt des Geschäftes lag längst auf Baumaschinen, die dem neuen Trac folgerichtig als Teilespender dienten.

Geburt des Zweiwege-Trac

Am Konzept selbst hatte sich in der Zeit nichts geändert. Der Beiname „Zweiwege- Trac“ bedeutete, dass der Schlepper in beiden Fahrtrichtungen möglichst gleichmäßig einsetzbar sein sollte. Folglich wurden zwei angetriebene und lenkbare Portalachsen verbaut. Anders als beim 1214 stammen diese nicht mehr aus dem Zugmaschinenprogramm, sondern basieren auf Radladerkomponenten. Beide Achsen sind sowohl einzeln als auch synchron lenkbar, wodurch sich vier unterschiedliche Modi ergeben: Vorderradlenkung, Hinterradlenkung, Allradlenkung mit gegenläufig und mit gleichläufig eingeschlagenen Rädern.

Die ersten beiden Modi sind wichtig, damit der Zweiwege-Trac in jeder Fahrtrichtung so spurstabil geradeaus und durch Kurven fährt wie ein herkömmlicher Standardschlepper. Mit gegenläufiger Allradlenkung wendet er auf nur siebeneinhalb Metern, mit gleichläufiger Allradlenkung überfährt er die kostbare Ackerkrume besonders bodenschonend, da alle vier Räder in eigenen Spuren laufen.

Komfortable Kommandozentrale

Geblieben ist auch der mittige Fahrerplatz, der über Trittstufen zwischen den Rädern recht bequem zu erreichen ist und eine weitgehend gleich gute Sicht in beiden Richtungen gewährt. An beiden Enden befinden sich Pedale, der Sitz ist drehbar, das Lenkrad umsteckbar. Letzteres ließ sich leicht realisieren, da der 1014 über eine hydrostatische Lenkung ohne me - chanische Verbindung zu den Rädern verfügt. Auf den Schlepper der Zukunft gehörte eine rundum geschlossene Kabine, und auch in diesem Punkt ließ Kramer sich nicht lumpen. Immerhin schafft der Zweiwege-Trac vorwärts Tempo 40 und Vierläuft rückwärts kaum langsamer. Da kann es auf einem ganz oder teilweise offenen Fahrerstand schon recht zugig werden.

Unruhestand: Noch immer grubbert Thomas Bradl seine Felder gerne mit dem zeitgemäß bereiften Kramer 1014 TS zuzüglich Lemken Smaragd


Der Fortschritt gegenüber dem 1214 zeigte sich anhand zahlreicher Verfeinerungen. Vor allem war die Kabine deutlich gewachsen, saß tiefer auf dem Schlepper und war daher nochmals leichter zugänglich. Um die Sicht musste man dennoch nicht fürchten, denn auch die Motorhaube war niedriger geworden.

Kraftübertragung zieht mit

Als Achillesferse des 1214 hatte sich das aus der Zugmaschine UF 1003 übernommene Getriebe erwiesen. Mit jeweils 12 Vorwärts- und Rückwärtsgängen ließ sich das Spektrum von 0,6 bis 40 km/h nicht zufriedenstellend abdecken. Im wichtigen Arbeitsbereich von 4 bis 12 km/h blieben nur drei Gänge. Ebenso wenig war einzusehen, weshalb ausgerechnet dem neuen Flaggschiff jene Lastschaltung fehlte, die das Fahren mit den großen Standardschleppern des Hauses (KL 600, 714 und 814) seit 1967 so angenehm gestaltete. Deren sogenanntes Synchron-Lastschalt-Wendegetriebe der Baugruppe III nahm Kramer zum Vorbild für die Kraftübertragung des 1014, verwendete dafür allerdings möglichst viele Komponenten aus dem haus - eigenen Baumaschinenprogramm.

Als Grundlage bot sich das seit Ende 1968 im Radlader 611 verwendete Vierläuft gang-Synchrongetriebe mit kombinierter, per Fußpedal betätigter Fahr- und Wendekupplung an. Spezifische Ergänzungen für den Zweiwege-Trac waren ein synchronisiertes Vorgelege zur Verdopplung der Gangzahl und eine im Prinzip den erwähnten Standardschleppern entlehnte Lastschalt- Gruppe. Je nach Vorwahl reduziert diese die Geschwindigkeit um 23 Prozent oder kehrt die Fahrtrichtung um. Die gesamte Einheit beinhaltet 16 Vorwärts- und 8 Rückwärtsgänge.

Um die gleiche Abstufung bei Fahrt mit dem Heck voran zu gewährleisten, kann mittels Reversiereinrichtung die Rückwärtsgruppe fest eingelegt werden: Die Wendeschaltung steuerte die langsame Vorwärtsgruppe als Rückwärtsgruppe an, mittels Untersetzung wurde die Geschwindigkeit wieder um 23 Prozent verringert. Dass der Schlepper in Schubfahrt etwas langsamer läuft als mit dem Motor voran, ist sogar von Vorteil, denn Erntemaschinen erfordern meist eine feine Abstufung im unteren Geschwindigkeitsbereich.

Gut verbessert

Ihre anderen Hausaufgaben hatten die Konstrukteure nicht vernachlässigt. Vorne und hinten ließen sich lastschaltbare Zapfwellen mit beiden Normdrehzahlen (540/1.000 U/min) und Drehrichtungen installieren. Den luftgekühlten Deutz-Motoren hielten sie die Treue, verzichteten nun allerdings auf den Turbolader. Für den 1014 sahen sie den F6L 912 mit sechs Zylindern und 104 PS vor, für das geplante Einstiegsmodell 914 den 85 PS starken Fünfzylinder F5L 912. Gebaut wurden in den Monaten September und Oktober 1973 zunächst einmal drei Funktionsmuster des 1014, zwei für den landwirtschaftlichen Einsatz und eines mit Forstausrüstung.

Vielseitig: Allradlenkung mit vier Modi


Für die 1970er- Jahre ein an ge - neh mer Arbeits - platz, die Geräusch däm mung könnte allerdings besser sein


Starkes Team: Zwei Kramer 1014 mit Düngerstreuer und Hecklader auf den Ländereien von Schloss Dyck


Alle drei An- und Aufbauräume genutzt: Einzelkornsaat der Zuckerrüben auf den Ländereien von Schloss Dyck


Ausgeglichene Achslastverteilung: Kramer 1014 mit angebautem Düngerstreuer


Stärke bevorzugt

Als die ersten Kunden ihre Tracs ein Jahr später in Empfang nahmen, fragte niemand mehr nach dem 914. Stattdessen zogen bis Juni 1975 die stärkeren Versionen 1014 S mit 112 PS und 1014 TS mit 121 PS – Letzterer mit dem auf 6,1 Liter Hubraum erweiterten Motor F6L 913 – ins offizielle Angebot ein. Die Mehrleistung war unter anderem willkommen, weil Kramer nach Kritik an der vor allem im Wendebetrieb ruckartigen Lastschaltung seit April 1975 eine Strömungskupplung verbaute, die je nach Betriebszustand zwei bis drei Prozent Schlupf verursachte. Der 1014 TS entwickelte sich auf Anhieb zur beliebtesten Variante, die schwächeren Modelle wurden bis 1977 nur noch in homöopathischen Dosen verkauft. Einer der Versuchsträger von 1973 erhielt nach zahlreichen weiteren Modifikationen im Sommer 1975 den nunmehr auf 130 PS eingestellten Turbomotor des 1214 und war damit ab Werk der stärkste 1014.


Der Kramer 1014 ist teuer, aber er kann auch sehr viel. Entsprechend intensiv wurde er oftmals genutzt.“
Klaus Tietgens


Ein Trac für alle Fälle

Ab März 1977 wurde in ungefähr zehn Exemplaren ein hydrostatisches, stufenlos von 0 bis 3,5 km/h regelbares Kriechganggetriebe eingebaut. Optional gab es einen Frontkraftheber mit 1,5 Tonnen Hubkraft. Der hintere Kraftheber stemmt maximal fünf Tonnen, allerdings verzichtete Kramer auf die in dieser Leistungsklasse sonst selbstverständliche Zugwiderstandsregelung über die Unterlenker. Mit seiner leicht frontlastigen Auslegung taugt der 1014 im Prinzip gut für schwere Zugarbeiten, bei denen sich durch dynamische Verlagerung eine weitgehend ausgeglichene Achslastverteilung ergibt. Dafür war er aber letztlich überqualifiziert. Seine Anschaffung lohnte sich erst bei vielfältigerer Nutzung.

Hinter der Kabine ist der Aufbau von Behältern für Saatgut, Dünge- und Spritzmittel möglich. Mit gedrehtem Fahrersitz und Maishäcksler oder Rübenroder im Heckkraftheber erntet der 1014 den Bestand auf großer Breite und erübrigt das zeitaufwendige Anhäckseln respektive Anroden, das bei einem Gespann mit vorausfahrendem Schlepper notwendig ist. Anstelle eines Frontladers war für den Zweiwege-Trac ein Hecklader erhältlich. Die Vorteile lagen auf der Hand: Bessere Sicht auf das Arbeitsgerät und ausgeglichenere Gewichtsverteilung mit beladener Schaufel oder Gabel.

Eine gute Traktion hilft dem Kramer 1014 beim fünfscharigen Pflügen. Eine Zugwiderstandsregelung fehlt allerdings


Geschlossene Seitenbleche mit Leistungsangabe (104 DIN-PS, 114 SAEPS) am Erprobungsmuster des 1014


Reiche Ernte: Kramer 1014 mit Forstkran und Transportanhänger im Forst der Gemeinde Königseggwald bei Ravensburg


Vorteile des Heckladers: Gleichmäßigere Achslastverteilung und bessere Sicht auf das Geschehen


Der steckt noch lange nicht fest: Kramer 1014 mit Frontpolterschild in steilem Gelände


Sitz gedreht, Lenkrad umgesteckt – nach wenigen Handgriffen arbeitet man in die andere Richtung


Neben der Landwirtschaft war vor allem der Einsatz im Wald eine Paradedisziplin des 1014. Mehr als 50 Exemplare wurden mit Rückeaggregat inklusive Doppeltrommelwinde von 2 x 6 oder 2 x 8 Tonnen Zugkraft ausgerüstet. Damit einher gingen in der Regel verstärkte Forstfelgen, Unterlenker mit starren Hubstreben, schmalere, verstärkte Vorderradkotflügel, abnehmbare Hinterradkotflügel sowie Schutzeinrichtungen für Kabine, Unterboden, Tank, Bremsleitungen und Beleuchtung.

Einige wenige Zweiwege-Tracs gelangten in Baumschulen, auf Manövergeländen und in der Industrie zum Einsatz. Exporte erfolgten nach Frankreich, Italien, Kanada, Österreich und in die Schweiz, doch die Absatzzahlen blieben ernüchternd. Schwierig war beim Abschied vom Standardschleppermarkt vor allem der Vertrieb. Kramer war auf die Zusammenarbeit mit den Händlern anderer Fabrikate angewiesen, auf deren Höfen der 1014 oftmals wie ein Fremdkörper wirkte. Im Juli 1980 endete das Abenteuer – nach knapp sechs Jahren und 210 Zweiwege-Tracs.

Fit bis ins hohe Alter

Wer sich den in verschiedenen Farbtönen – darunter Gelborange (RAL 2000), Reinorange (RAL 2004) und Deutz-Hellgrün (zum Vertrieb über die Deutz-Händler) – erhältlichen 1014 kaufte, wusste zumeist ziemlich genau, was er mit dem teuren Gerät anfangen wollte. Die meisten Zweiwege- Tracs wurden im Betrieb hart herangenommen, aber keineswegs gnadenlos aufgebraucht, zumal ab 1980 der Nachschub ausblieb. Stattdessen wurden sie mit viel Hingabe instandgehalten und bisweilen mehr oder weniger komplett neu aufgebaut. Mittlerweile geschieht das immer häufiger zwecks Erhaltung als Sammlerstück. Ganz ausgedient hat Kramers letzter Schlepper vielerorts aber noch immer nicht. Dafür kann er einfach zu viel.

Reichweite: Kramer 1014 mit Lade - kran und ausgefahrenen Stützen in einem Sägewerk. Das Kabinendach dient als Arbeits - platz


Kramer 1014 – die Vorgesc hichte

Mit den kleinen „Allesschaffern“ feierte Kramer in den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts erste Erfolge und blieb in der Nachkriegszeit gut im Geschäft. Solange durchdachte, preisgünstige Bauernschlepper gefragt waren, blieben fünf Prozent Marktanteil hierzulande in Sichtweite. In den 60er-Jahren wurde die Konkurrenz durch Großunternehmen aus dem In- und vermehrt aus dem Ausland erdrückend. Mit fünf Grundmodellen von 30 bis 70 PS und anspruchsvoller Allradtechnik (auf Wunsch ab 42 PS) erreichte Kramer hierzulande 1970 nicht einmal mehr 600 Neuzulassungen, entsprechend einem Marktanteil von 0,9 Prozent. Nichtsdestotrotz genossen die Schlepper aus Gutmadingen und Überlingen nach wie vor hohes Ansehen für ihre Qualität und Funk - tionalität.

Geburt des Zweiwege-Trac

Aus dem hauseigenen, zum Ende der 50er-Jahre um Bauund geländegängige Zugmaschinen erweiterten Technikfundus wurde ein Ackerschlepper der Zukunft realisiert – eine vielseitige Grundmaschine, die sich mit mannigfaltigen An- und Aufbaugeräten zum leistungsfähigen Selbstfahrer für Aussaat, Düngung, Schädlingsbekämpfung und Ernte aufrüsten lässt. „1214“ hieß der Ende Mai 1970 auf der 51. DLG-Wanderausstellung in Köln gezeigte Neuling, was ihn der frisch geschaffenen Schlepperserie 14 zuwies und ihm eine Antriebsleistung von ungefähr 120 PS attestierte. Genau genommen waren es 115 PS, generiert vom luftgekühlten Deutz- Sechszylindermotor BF6L 912, einem der ersten deutschen Schleppermotoren mit Turbolader. Wesentlich mehr Aufmerksamkeit als dem im Verborgenen schlummernden Deutz-Turbo schenkte die Fachwelt dem Konzept des sogenannten „Zweiwege- Trac“ mit Allradantrieb, Allradlenkung, mittiger Kabine und drehbarem Fahrersitz. Auf Grundlage der Erfahrungen mit diesem Versuchsträger wurde der 1014 entwickelt, bis zu dessen Serienreife mehr als vier Jahre vergingen.


Fotos: Archiv Klaus Tietgens, Thomas Bradl