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KRANKENAKTE ERDE


B.Z. am Sonntag - epaper ⋅ Ausgabe 429/2021 vom 18.07.2021

Artikelbild für den Artikel "KRANKENAKTE ERDE" aus der Ausgabe 429/2021 von B.Z. am Sonntag. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: B.Z. am Sonntag, Ausgabe 429/2021

KANADAS WESTEN

Katastrophale Waldbrände vernichteten die kanadische Kleinstadt Lytton. Die Provinz British Columbia verzeichnete innerhalb von 24 Stunden 62 neue Feuer und 29 000 Blitzeinschläge. Innerhalb einer Woche fielen in der Region knapp 500 Menschen der Hitzewelle zum Opfer

NORWEGEN

Von wegen skandinavische Kälte. Norwegen, Finnland und Schweden litten Anfang Juli unter einer historischen Hitzewelle. Sogar nördlich des Polarkreises wurde mit 34,3 Grad eine Rekordtemperatur gemessen. In Finnland war schon der Juni der heißeste Monat seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1844

NEVADA (USA)

In diesem Sommer erreichte das Death Valley schon zweimal Spitzentemperaturen von 55,5 Grad. Das ist offiziell die zweitheißeste Temperatur, die jemals auf der Erde gemessen wurde. Allerdings: Der Rekord von 1913 (56,7 Grad) ist unter Wissenschaftlern umstritten

INDONESIEN

Jakarta (10,6 Mio. Einwohner) ...

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... braucht Wasser – doch mit jedem Liter, der abgepumpt wird, trocknet der sumpfige Boden weiter aus und die Stadt sinkt jährlich bis zu 25 Zentimeter ab. Schon bald könnte die Javasee die Metropole überfluten

AUSTRALIEN

Bei Buschbränden zum Jahreswechsel wurden Tausende Quadratkilometer in New South Wales zunichtegemacht, 15 Menschen starben. Nach den Feuern kam an Ostern eine Jahrhundert-Flut. 18 000 Menschen mussten vor den Wassermassen in Sicherheit gebracht werden

SPANIEN

Anfang Januar fegte der Sturm Filomena über die spanische Hauptstadt Madrid, brachte innerhalb kürzester Zeit mehr als 50 Zentimeter Neuschnee. Die meisten Madrilenen kannten Schnee nur aus dem Fernsehen, die Regierung rief den nationalen Notfall aus

Unsere Erde leidet! An der einen Stelle brennt sie lichterloh und viele Menschen sterben den Hitzetod. An anderer Stelle, wie in dieser tragischen Woche in Deutschland, ertrinken die Menschen in Sturzfluten.

Was passiert da auf unserem schönen blauen Planeten?

KRANKENAKTE ERDE.

Zwar gab es in der Geschichte der Erde immer schon Waldbrände, Hitzewellen und Überschwemmungen. Die jetzige Häufigkeit, in der diese Extremwetter-Ereignisse auftreten, ist aber neu. Und sie macht Sorgen.

Prof. Mojib Latif (Foto, 66, Uni Kiel) ist einer der bekanntesten Klimaforscher Deutschlands. Er sagt: „Wenn es fast jedes Jahr neue Hitzerekorde gibt, bricht die Argumentation, das sei nur das Wetter, endgültig zusammen.“

Auch die Statistiken des Deutschen Wetterdienstes belegen bedenkliche Veränderungen: Es gibt immer mehr heiße Tage, zudem wird mit einer Zunahme intensiverer Starkregen gerechnet.

Deshalb erleben wir auch gerade keinen stark verregneten Sommer, wie es ihn früher schon gab, sondern den Anfang der Auswirkungen der Erderwärmung.

Beispiel Starkregen: Wird es durchschnittlich wärmer, kann die Luft auch viel mehr Wasserdampf aufnehmen – der dann in ungeheuren Regenmengen auf die Erde niederprasselt.

Hinzu kommt: Die Arktis erwärmt sich, der Temperaturunterschied zwischen Pol und Äquator wird immer geringer. Das verlangsamt den Jetstream, sorgt dafür, dass Tiefdruckgebiete wie „Bernd“ häufiger entstehen können.

DEUTSCHLAND

Während Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz mit dem Hochwasser kämpfen, gibt es andernorts viel zu wenig Feuchtigkeit. Brandenburg leidet aktuell unter einer historischen Dürre, im Harz stirbt der Wald, weil die Bäume schlicht nicht genügend Wasser bekommen. In den vergangenen 35 Jahren hat sich die Zahl schwerer Stürme über dem Nordatlantik mehr als verdoppelt. Norddeutschland drohen also vermehrt Sturmfluten. Veränderungen des globalen Windsystems Jetstream sorgen immer häufiger für sogenannte Trog-Wetterlagen, die Hochwasser begünstigen. Auch Insekten wie die Asiatische Tigermücke und tropische Zecken, die gefährliche Krankheiten übertragen, werden hierzulande zunehmend heimisch

SIBIRIEN

Der Permafrostboden taut auf. Im sibirischen Petschora wird es normalerweise nicht mehr als 20 Grad warm. In diesem Sommer wurden bereits 32,5 Grad gemessen. Im Permafrostboden ist Kohlenstoff gebunden, der beim Auftauen als Treibhausgas die Erwärmung der Erde noch mehr beschleunigt

TSCHECHIEN

Erst dröhnte es, als wäre ein Zug im Anmarsch. Dann brachte eine senkrechte Luftsäule mit Tempo 300 Tod und Verderben. Im Juni hat ein Tornado sieben Dörfer in Südmähren eingeebnet. Die Horrorbilanz: Fünf Tote, mehr als 200 Verletzte, etliche zerstörte Häuser und Autos

MADAGASKAR

Die Insel vor dem afrikanischen Kontinent vertrocknet. Die Dürrezeit dauert jetzt schon mehr als drei Jahre an. Behörden gehen davon aus, dass bis zu 400 000 Menschen von einer Hungersnot betroffen sind. Vielerorts müssen die Menschen Insekten essen, um überleben zu können

Klimaforscher Latif: „Die Durchschnittstemperaturen sind bei uns in Deutschland bereits um 1,5 bis 2 Grad gestiegen. Da kann sich jeder vorstellen, was passiert, wenn es noch mal 3 oder sogar 5 Grad mehr werden.“

Modellrechnungen, die Anfang August im neuen Bericht des Weltklimarates (IPCC) veröffentlicht werden, gehen in einem schon bekannten Entwurf von mehr Hitzewellen, Überschwemmungen, Artensterben und Hungersnöten aus – sollte die Erderwärmung nicht eingedämmt werden. Die Forscher erwarten eine globale Erwärmung um fünf Grad.

Was ist nun schnell zu tun? Der Forscher: „Wir reden schon so lange, aber handeln nicht entsprechend. Selbst wenn wir jetzt endlich ernsthaft anfangen, das Klima zu schützen und den Kohlendioxid-Ausstoß massiv herunterfahren, werden wir erst in einigen Jahrzehnten wissen, wohin die Reise geht und ob es schon unumkehrbare Prozesse gibt.“

Wer wird besonders betroffen? Mojib Latif: „Es wird keine Gewinner geben, nur Verlierer. Wer hofft, Deutschland wird klimatisch zum neuen Mallorca, wird jetzt schon eines Besseren belehrt.“

Neben Waldbränden, steigenden Meeresspiegeln, Wirbelstürmen und Überschwemmungen durch Starkregen werden auch schwere Hungersnöte zu den Folgen gehören. Denn das Wasser, was an einem Ort zu viel ist, fehlt in anderen Regionen. Schon heute leiden Länder unter anhaltenden Dürren und fehlendem Trinkwasser.

Latif: „Wenn das mit der Dürre, auch bei uns hier in Brandenburg. so weitergeht, wird es eine katastrophale Wasserknappheit geben.“

Sein Ausblick macht wenig Hoffnung: „Es wird dramatisch und wir erleben bereits die Grenzen unserer Anpassungsfähigkeit.“

KLIMA-NEWS

Mehrere Erdbeben

Athen – Eine Serie kleinerer und mittelstarker Erdbeben hält die Menschen in Mittelgriechenland in Atem. Letzte Woche ereigneten sich Dutzende Beben von Stärken zwischen 3,0 und 4,3. Es gab auch mehrere kleinere Erdstöße. Gespürt wurden sie vor allem in der Region Böotien rund 40 Kilometer nordöstlich von Athen nahe Theben und auch in der griechischen Hauptstadt.

Von Schlamm verschüttet

Tokio – Der japanische Kurort Atami wurde durch einen Erdrutsch verwüstet. Im Süden Japans wurden in diesem Jahr Rekordniederschläge gemeldet. Die dortige Regensaison fällt von Jahr zu Jahr heftiger aus. Die Schlammlawine war an der breitesten Stelle rund 120 Meter breit.

Extremhitze und Waldbrände

San Francisco – Die US-Bundesstaaten Kalifornien und Nevada kämpfen mit heftigen Waldbränden. Das Problem: Die Luft ist mancherorts so heiß, dass Löschwasser aus Flugzeugen verdunstet, bevor es die Flammen erreicht. Die Funken des Feuers fliegen so weit, dass sie kilometerweit entfernt neue Feuer entfachen.

Eisberg abgebrochen

Antarktis – Auf dem Eiskontinent ist bereits im Frühjahr ein mehr als 1200 Quadratkilometer großer Eisberg abgebrochen. Das entspricht in etwa der Größe der britischen Hauptstadt London. Wissenschaftler hatten zuvor immer wieder Risse im Eis beobachtet. Der Hauptriss wuchs täglich um einen Kilometer.

Meereswellen nehmen zu

Sydney – Steigende Temperaturen sorgen vor allem auf der Südhalbkugel für höhere Wellen im Ozean. Laut den australischen Forschern hat ihre Stärke seit den 1980er-Jahren zugenommen. Der Ozean absorbiert 90 Prozent der vom Planeten gewonnen Wärme. Die Folge: eine erhöhte Energiezufuhr und stärkere Stürme.

Ozonloch bleibt

Bremerhaven – Forscher des Alfred-Wegener-Instituts haben herausgefunden, dass der Klimawandel das Ozonloch fördert. Trotz des Verbots schädlicher Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) sorgt die Erderwärmung nach wie vor für einen Ozonabbau in der Erdatmosphäre. Die Forscher hatten im Frühjahr 2020 den stärksten Ozonabbau in der arktischen Stratosphäre gemessen, der jemals aufgetreten ist.

Dürre in Zentralasien

Duschanbe – Die Vereinten Nationen rechnen mit häufigeren und intensiveren Dürren in Zentralasien. Die UN-Sonderbeauftragte für die Katastrophenvorsorge, Mami Mizutori (61), warnt: Die durchschnittliche Frühlingstemperatur ist in den letzten zehn Jahren um 0,6 Grad gestiegen. Gleichzeitig verliert Zentralasien jährlich 1 bis 1,5 Prozent seiner Gletscherfläche. Die Folge: Während tiefer gelegene Länder unter Trockenheit leiden, sind Gebirgsländer Überschwemmungen und Erdrutschen ausgesetzt.