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„Kreativ zu sein war schon immer Segen und Fluch“


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 11.11.2021

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Nach langen Abständen veröffentlichte Damon Albarn zuletzt neue Alben seiner Bands Blur und The Good, The Bad & The Queen und sogar drei mit den Gorillaz. Nun kehrt der Tausendsassa zu seinem Solowerk zurück und besingt auf THE NEARER THE FOUNTAIN, MORE PURE THE STREAM FLOWS die betörende Natur seiner zweiten Heimat Island. Ein Album als Soundtrack zur Coronakrise.

Es ist noch früh am Morgen, als Damon Albarn sich in seinem Arbeitszimmer vor das Zoom-Fenster hockt. Die Haare fettig, die Brille verschmiert, Äußerlichkeiten sind dem hervorragend gealterten Sexsymbol der Britpop-90er schon lange nicht mehr so wichtig. Seine Gedanken kreisen um versteinerte Frauen in südwestisländischen Gebirgszügen, Polymetallknollen am Meeresboden und die Mutation seiner Tochter zum Cyborg. Damon Albarn ist erwachsen geworden. Und trotz der melancholischen Grundstimmung seiner Soloplatten ein Optimist. Es wird schon ...

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... immer weitergehen, sogar wenn die Technik versagt und unser Interview jäh unterbricht.

Hallo? (auf Deutsch) Hallo? Ich mache ein bisschen lauter. Also, was ist los? (stopft sich Teigware in den Mund) Ich habe nicht Frühstück gegessen, Entschuldigung!

Jetzt bist du in die Charme-Offensive gegangen. Eigentlich wollte ich loslegen mit einem Zitat aus „Yuko + Hiro“ von Blur: „This is my work place, these are the people I work with“ – nämlich niemand. Willkommen in meinem Homeoffice! Aber du kennst die Situation ja: Eigentlich warst du gestern mit den Gorillaz bei Jimmy Fallon in der „Tonight Show“. Dem Wetter in deinem Hintergrund nach zu urteilen, bist du zu Hause in England und nicht in New York.

Ja, ist mal wieder vernebelt. (kaut) War die „Tonight Show“ gestern? Na ja, heute gibt’s ja alles on-demand. Und ich bleibe bestimmt nicht mehr wach, um mich selbst im Fernsehen anzuschauen. Diese Zeiten sind lange her. Aber ich weiß noch, wie aufgeregt ich war, als wir unseren ersten Auftritt bei „Top Of The Pops“ (am 25. April 1991 mit „There’s No Other Way“ – Anm.) hatten. Ein sehr, sehr aufregender Moment.

Ich hätte vermutet, dass du dich da gar nicht dran erinnern kannst, so zugedröhnt wie ihr damals bestimmt wart.

Ich habe sogar sehr lebhafte Erinnerungen daran! Ich erinnere mich auch noch sehr gut daran, wie sich meine ganze Familie an einem Sonntagabend ums Radio versammelt hat, um zu hören, wo wir in den Charts stehen. Ich erinnere mich noch an den Anruf an einem Dienstag, bei dem es hieß, wir seien auserwählt, bei „Top Of The Pops“ dabei zu sein. Ich weiß auch noch genau, wie der Auftritt war und wie genau er zu meinen Vorstellungen davon gepasst hat.

Wie war dieser Moment?

Ich wusste einfach, dass sich mein Leben gerade verändert hatte. Wer bei „Top Of The Pops“ war, der hatte es geschafft. Das war der Durchbruch. Wir waren angekommen. Ein monumentales Ereignis!

Ich sehe, dass der Vokuhila ab ist! Was war schwieriger: sich so was schneiden zu lassen oder sich wieder davon zu verabschieden?

Ich saß in der Garderobe des Théâtre du Châtelet in Paris, ich hatte damals seit acht Monaten weder meine Haare geschnitten noch meinen Bart rasiert und wollte einfach nur einen einfachen Schnitt. Aber mein äußerst enthusiastischer Friseur meinte: „Ich würde dir gerne den Vokuhila vorstellen!“ Ich habe ihm das dann gestattet, nicht weiter drüber nachgedacht und so trug ich etwa acht bis neun Monate dann diesen Vokuhila. Lief also ganz gut! Acht Monate lang wurde ich verarscht!

Wie hat sich das mal zur Abwechslung angefühlt?

War okay. Ich wollte das zwar nicht länger fortführen, aber ich bin doch stolz darauf, es durchgezogen zu haben. Es war ganz gut, mal auf der anderen Seite zu stehen.

Musikalisch stehst du gerade auf zwei Seiten: Hier die Gorillaz mit neuem Hit-Material, da dein zweites Soloalbum, eine Art introvertierte Meditation. So parallel hast du noch nie gearbeitet, oder?

Ja, tatsächlich hat es sich noch nie so stark überlappt. Aber mir gefällt das, von einem Extrem ins andere zu gehen.

Dein Soloalbum ist der Soundtrack zur Coronakrise: Es bewegt sich sehr langsam, es geht um die Rückkehr zur Natur, zum Wesentlichen.

Es repräsentiert definitiv die Zeit, in der wir leben. Ich hatte es bereits im April fertig und wollte es eigentlich schnell herausbringen – wir hatten gerade den Lockdown hinter uns und ich wollte, dass das Album noch in diese Zeit fällt, als Fazit vielleicht. Aber die Zeiten haben sich nicht so verändert wie gedacht, wir sind immer noch von einer großen Unsicherheit geprägt.

Das Titelstück, eine verkürzte, leicht abgewandelte Version des Gedichts „Love And Memory“ von John Clare, gibt den Ton für die Platte vor. Es hat etwas sehr Ehrfürchtiges, zumal es nicht deine Worte sind. Du kanalisierst sie nur.

John Clares Werke begleiten mich seit etwa 35 Jahren. Als ich jünger war, gab mir meine Mutter eine Anthologie, Clare kam aus Essex und auch wir hatten dort viel Zeit verbracht. Die Zeile „The nearer the fountain, more pure the stream flows“ stach für mich immer heraus. So richtig Sinn ergab sie für mich aber erst im Kontext mit Island. Als ich die Texte dann schrieb, hatte ich das Gefühl, dem Gedicht mehr zu schulden. Ich konnte nicht nur diese eine Zeile herausgreifen. Außerdem war es sehr leicht, mehr oder weniger das ganze Gedicht einzusingen. Dabei wurde mir klar, dass das zugrunde liegende Gefühl hier zum Rest der Platte passen würde.

Weitere Inspiration für die Texte fandest du, indem du einfach aus den Fenstern deiner Häuser in Island und South Devon gekuckt hast – schreibt man über Natur anders als über Menschen wie den „Charmless Man“?

„Ich habe keinen An-/Aus-Knopf. Ich habe dieses Konzept nie verstanden, ich bin immer ,on‘.“

Ich vermisse es manchmal, in der dritten Person zu schreiben. Irgendwie ist es viel einfacher – vor allem als junger Mensch, wenn du denkst, du durchschaust alle anderen. Aber je älter ich werde, desto mehr verstehe ich, wie schwierig es ist, einfach nur ich selbst zu sein. Satiren sind leichter.

Es ist natürlich Privileg der Jugend, ein rotzfrecher Klugscheißer zu sein.

Willst du damit sagen, dass ich als Klugscheißer rübergekommen bin?

Vielleicht. Würdest du sagen, dass du mit fortschreitendem Alter spiritueller wirst?

Ja, das ist unausweichlich. Mein Gespür für Metaphysisches wird intensiver. Ich bin älter, ich werde empfindsamer gegenüber meiner Umwelt. Ich werde dankbarer.

Das neue Album wurde mit Orchestermusiker*innen aufgenommen, die bei dir zu Hause waren und den Auftrag hatten, „das Wetter und die Umrisse der Landschaft zu spielen“. Wie kann so etwas funktionieren? Benötigt man nicht mehr Vorgaben – wie etwa eine gemeinsame Tonart?

(zeigt ein Bild einer isländischen Gebirgskette vor einem See) Das siehst du, wenn du um elf Uhr morgens bei mir in Island aus dem Fens ter guckst. Wir waren zu acht oder neunt und haben einfach losgelegt, zwei bis drei Stunden am Stück. Manchmal wird alles weiß vor Schnee, manchmal regnet es. Da ist immer was los – Vögel, da unten spielen sie sogar Golf. So ging das bis März, aber dann hatte ich genug davon. Diese illustrativen Orchesterimprovisationen sind das Rückgrat dieser Aufnahmen. Dann habe ich die zu Songs umgebaut. Aber was die Musikalität betrifft: Es gibt ja auch Paralleltonarten. Du musst halt wissen, bis zu welchem Grad du Dissonanzen erlaubst. Solange alle mit ähnlichen emotionalen Absichten an die Sache herangehen, wird etwas von Wert dabei herauskommen.

Dann muss man einander aber auch gut kennen, oder?

Das war der Job meines Dirigenten André de Ridder, für emotionale Kohärenz zu sorgen. Auch ein Berliner!

Ihr kennt euch seit eurer Zusammenarbeit zur Oper „Monkey: Journey To The West“ 2007 – da besteht also ein gewisses Vertrauen.

Ja, ich vertraue ihm komplett. Moment, ich muss kurz meine Ladekabel einstecken. ( fuchtelt an seinem Rechner herum; die Leitung bricht ab. Nach einstündigen Experimenten mit Telefonen etc. finden wir wieder im Zoom-Fenster zusammen) Da bin ich wieder, voll funktionsfähig! Also Ja, André und ich kommen aus ganz unterschiedlichen Traditionen und Feldern, aber wir haben eine gewisse Affinität zueinander, die es uns erlaubt, ziemliche unglaubliche Dinge entstehen zu lassen. Wir arbeiten nächstes Jahr an einem Projekt in Holland zusammen, ich schreibe grade Material dafür.

Immer am Arbeiten. Ist es nicht anstrengend, wenn einem sogar beim Blick aus dem Fenster der Drang überkommt, das in Musik zu übersetzen?

Das ist bestimmt Zwangsverhalten, aber warum auch nicht? Ich habe keinen An-/ Aus-Knopf. Ich habe dieses Konzept nie verstanden, ich bin immer „on“. Es sei denn, mein Computer versagt, so wie vorhin. Ich bin mal mit dem Zug von Devon nach London gefahren, als Suggs, der Sänger von Madness, einstieg – wir kennen einander sowieso, weil wir beide Fans des FC Chelsea sind. Er setzt sich also zufällig gegenüber von mir hin, kam grade vom Mittagessen im Pub, war entsprechend ausgelassen und schimpfte auf mich ein, dass mein Arbeitseifer jeden anderen als faul dastehen lassen würde. Im Scherz natürlich, er ist ja selbst keine faule Haut. Ich sehe das natürlich anders. Ich kann einfach nicht anders. Kreativ zu sein war schon immer Segen und Fluch.

Es liegt auf der Hand, dass sich ein Mensch in seinen 50ern an der Ruhe Islands erfreut – aber du warst dort bereits zum ersten Mal in deinen 20ern, wo du V.I.P. in allen Clubs der Welt hättest sein können.

(zeigt noch mal auf den Blick) Dieser Berg hier, Esja (nach ihm ist auch ein Song auf dem Album benannt – Anm.), ich habe in ihm immer eine riesige, schlafende Frau gesehen – ich weiß nicht, ob man das hier gut erkennen kann. Im Song „Royal Morning Blue“ heißt es „Rain turning into snow, you put on your robes and disappear, into new realities“ – das ist diese Frau. Das ist jetzt zwar sehr buchstäblich, aber wir nehmen die Platte ja auch gerade auseinander. Ich nehme die majestätische Stimmung dieses Landes seit mehr als 20 Jahren wahr und irgendwann musste ich das einfach in Musik übersetzen.

Solche Textanalysen aus erster Hand sind natürlich hilfreich. Als Nicht- Muttersprachler habe ich zunächst vergeblich versucht, das nicht existente „Darth Vader“-Wortspiel in „The Daft Wader“ zu entschlüsseln.

(lacht) Ja, für einen Deutschen mag das sehr ähnlich klingen. Es geht tatsächlich um einen sehr frühen Morgenspaziergang in Island, als ich mit ein paar Freunden gegen 3 Uhr morgens im September nackt zum Strand ging, es war grade Flut, einer verlor seinen Stiefel im Matsch und danach gingen wir nackt breakdancen in meiner Küche.

Wie bitte? Aber der Song ist eine gedankliche Rückkehr in den Iran. Da bin ich vor Jahren mal in die Wüste gereist und wurde mit Zoroastrismus vertraut gemacht. Bis auf die Symbolik wusste ich bis dahin nichts über diese Religion. In der Oasenstadt Yazd gibt es Feuertempel, in denen der Legende nach seit 3000 Jahren ein Feuer brennt. Eine wundervolle Vorstellung, ob man nun daran glaubt oder nicht.

Is this burning an eternal flame? Unsere ganze Existenz basiert auf Feuer, so wir die Illusion unserer Unendlichkeit aufrechterhalten.

Mich erinnert das neue Album an das intime 13 von Blur. Bei beiden beschleicht einen das Gefühl, das man hat, wenn man fremde Notizen durchblättert. In „The Cormorant“ singst du über Kinder, die am Strand spielen, es wirkt, als würdest du euer Familienfotoalbum kommentieren.

Vor allem freue ich mich über diesen einen Song, der ist echt gut geworden. Es ist auch wichtig, dass man so direkt schreiben kann. Manchmal passt man die Worte eher der Musik an, was dann zu allen möglichen Interpretationen führen kann. Es ist auch nicht wichtig, 1:1 verstanden zu werden. Solange du irgendeine Art von Reaktion bewirkst, hast du deinen Job erledigt.

Die Idee zum letzten Song des Albums, „Particles“, hattest du nach einer zufälligen Unterhaltung auf einem Flug nach Reykjavík. Darin ging es um die Unterbrechung des Weltlaufs durch die Pandemie und die Erkenntnis, dass diese Unterbrechung unmöglich anhaltend sein kann, weil Friede sich immer durchsetzt.

Ja, das war eine tolle Unterhaltung mit einer charmanten Rabbinerin aus Winnipeg. Damals war Trump noch an der Macht und sie sagte, er sei folgenlos, er wühlt nur Staub auf, sei nur eine Reaktion. Auf atomarer Ebene reagiert alles aufeinander, das ist quasi die Definition des Lebens. Alles hängt zusammen, wir alle hängen zusammen. Wir können das oft nur nicht begreifen, weil wir die Welt durch die Brille unserer Vorstellung sehen. Diese Unterhaltung passte gut zu dem Song, den ich über Polarlichter schreiben wollte. Dieses Phänomen entsteht, wenn elektrisch geladene Partikel des Sonnenwindes auf die oberen Schichten der Erdatmosphäre treffen, dort praktisch sterben und sich in etwas anderes verwandeln. Nichts geht jemals ganz weg. So sehr wir uns auch bemühen, Masken tragen und uns die Hände waschen – wir können auch dem Virus nicht ganz entgehen.

Bist du ein Optimist?

Ja! Ich glaube immer daran, dass sich der Himmel wieder aufhellt.

Sind all diese Phänomene, mit denen wir uns im 21. Jahrhundert herumschlagen müssen – wiedererstarkter Nationalismus, Terrorismus, die Taliban etc. – ein notwendiges letztes Aufbäumen gegen die Unausweichlichkeit einer besseren Welt?

Um diese bessere Welt zu erreichen, müssen wir erst mal unsere Träume neu erfinden. Wir müssen damit anfangen, unseren Kindern neue Hoffnungen und Vorstellungen beizubringen. Das ist unsere Chance! Wir müssen uns klar darüber werden, was wir eigentlich brauchen. Alle reden grade über E-Autos, aber für deren Batterien benötigt man Materialien, die man vom Meeresboden abschürft, was katastrophale Folgen für die Umwelt haben kann.

Deine Tochter ist jetzt 22 Jahre alt – das Alter, in dem du mit „She’s So High“ die erste Single von Blur veröffentlicht hast. Was fällt dir auf, wenn du eure Generationen vergleichst?

Wir hatten es viel leichter – der Fall der Berliner Mauer war wie eine Verheißung:

Alles würde sich jetzt zum Guten hin wandeln. Junge Erwachsene von heute sind von viel mehr Ängsten geplagt als wir damals – die 90er waren eine beispiellose, weitgehend sorgenfreie Zeit. Ich beneide meine Tochter überhaupt nicht. Natürlich ist ihre Generation aber viel weltoffener und progressiver als meine. Das macht Unterhaltungen in der bewusstseinsverändernden Welt der Political Correctness aber auch manchmal schwer. Ich meine, sie haben ja meistens recht. Aber diese Sichtweisen schränken sie manchmal auch ein. Dazu werden ihre Smartphones schön langsam organische Bestandteile ihrer Körper. Das ist einerseits erschreckend, andererseits kann man so nie sein Handy verlieren.

Albumkritik S. 82, CD im ME S. 3

This Charming Man

Damon Albarn kam am 23. März 1968 zur Welt. 1989 gründete er die Band Seymour, die im Jahr darauf in Blur umbenannt wurde. Mit ihr sollte er Mitte der 90er neben Oasis die Britpop-Bewegung anführen.

Nach dramatischen Richtungswechseln zu Grunge, Avantgarde und Krautrock schuf er 2001 mit „Tank Girl“-Zeichner Jamie Hewlett die Cartoon-HipHop-Truppe Gorillaz und übertrumpfte mit Welthits wie „Clint Eastwood“ sogar noch seine Erfolge mit Blur. Mit seinem Idol und Afrobeat-Legende Tony Allen formierte er die Supergroups The Good, The Bad & The Queen und Rocket Juice & The Moon. Er nahm Opern und Platten mit afrikanischen und syrischen Musiker*innen auf, komponierte Soundtracks für Filme und Musicals. 2014 erschien sein erstes Soloalbum EVERYDAY ROBOTS. Im Jahr darauf erschien nach zwölfjähriger Albumpause mit THE MAGIC WHIP ein neues Album von Blur. Mit seiner Langzeitpartnerin Suzi Winstanley hat Albarn eine Tochter, die nach Missy Elliott benannte Missy Albarn.