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KREBS IST NICHT GLEICH KREBS – HOFFNUNG FÜR HUFKREBSPATIENTEN


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 42/2020 vom 07.08.2020

Hufkrebs – schon diese landläufige Bezeichnung ist irreführend und kann Pferdehalter aufs Glatteis führen, denn in den allermeisten Fällen von „Hufkrebs”, oder auch „Strahlkrebs”, handelt es sich nicht um einen bösartigen Krebs im eigentlichen Sinne. Doch auch wenn tatsächlicher Hufkrebs, das Hufkarzinom, im oder am Huf bei weitem nicht so oft diagnostiziert wird wie die als Hufkrebs bezeichnete Parakeratose, gibt es nun auch für diese vierbeinigen Patienten neue Hoffnung. Ein italienisches Forscherteam entwickelte eine neue Behandlungsmethode – mit überraschendem Erfolg!


Die Terminologie ist verwirrend: ...

Artikelbild für den Artikel "KREBS IST NICHT GLEICH KREBS – HOFFNUNG FÜR HUFKREBSPATIENTEN" aus der Ausgabe 42/2020 von Feine Hilfen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Feine Hilfen, Ausgabe 42/2020

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... Befragen besorgte Pferdehalter das World Wide Web, stoßen sie auf eine Vielzahl von Treffern, welche die Krankheitsbilder Parakeratose und Hufkrebs synonym behandeln. Die englischen Bezeichnungen bringen da schon ein wenig mehr Licht ins Dunkel, denn während eine tatsächliche Krebserkrankung an oder im Huf als Hoof Cancer bezeichnet wird, handelt es sich bei dem Begriff Hoof Canker um die chronisch verlaufende Pododermatitis Chronica Verrucosa, auch Parakeratose genannt. Beide Erkrankungen haben dabei eins gemeinsam: Sie können das betroffene Pferd stark in seiner Bewegungsfreiheit einschränken, seine Lebensqualität in großem Maße senken und unglaubliche Schmerzen verursachen. Um die Prozesse hinter den zwei Krankheitsbildern, die sich hinter dem deutschen Begriff „Hufkrebs” verbergen, zu verstehen und die neuen Erkenntnisse der italienischen Forscher einordnen zu können, lohnt es sich also, zunächst die Bezeichnungen näher unter die Lupe zu nehmen.

Parakeratose

Unter diesem medizinischen Begriff werden unterschiedliche Arten der Verhornungsstörung des Hufes zusammengefasst. Oft beginnt die Erkrankung Hufkrebs, die eben beschreibend, aber wenig medizinisch passend ist, an der Strahllederhaut und breitet sich dann langsam auf die umliegenden Lederhäute aus. Durch die entzündlichen Prozesse und weitere Faktoren, die derzeit vielfältig in der Forschung untersucht werden, wird die Verhornung des Hufes gestört, und es entwickelt sich eine schmierige Masse, welche einen beißenden, stinkenden Geruch absondert. Statt gesunden Horns bilden sich blumenkohlartige Wucherungen aus aufgequollenen Epithelzellen, die dem Hufkrebs seinen Namen geben. Astrid Arnold, Huforthopädin und Gründungsmitglied der DHG e.V. (Deutsche Huforthopädische Gesellschaft e.V.), erklärt: „In einer zweiten Phase, wenn die Entzündung bereits stark in tiefere Gewebe übergreift, bildet sich so etwas wie überschießendes Granulationsgewebe, auch als wildes Fleisch bezeichnet.” Über die Ursachen von Hufkrebs streiten sich bis heute die Gelehrten. Viele Wissenschaftler und Tierärzte machen Haltungsbedingungen wie matschige Ausläufe und feuchte Einstreu verantwortlich, da dieses Milieu ein Paradies für Bakterien darstellt. Auch Infektionen mit dem Bovinen Papillomavirus oder verschiedenste Störungen im Hautbild (Pilze, Sarkoide (Hauttumore) Mauke) werden häufig mit der Entstehung von Hufkrebs in Verbindung gebracht. Viele Experten bringen außerdem Faktoren wie falsche Fütterung mit dieser Erkrankung in Zusammenhang, da viele betroffene Pferde Leberprobleme und beispielsweise einen Zinkmangel aufweisen. All diesen möglichen Ursachen ist gemein, dass sie sich im Regelfall auf den gesamten equinen Organismus auswirken. Hufkrebs betrifft jedoch in den meisten Fällen nur einen Huf oder ein Hufpaar, aus diesem Grund schlussfolgern viele Experten, dass es noch weitere Ursachen geben muss.

Parakeratose vor und nach der Behandlung.


(Fotos: Daniela Theile)

Die Behandlung von Parakeratose richtet sich nach dem jeweiligen Schweregrad. Ist die Krankheit noch im Anfangsstadium, berichten einige Tierärzte von Behandlungserfolgen mittels kupferbasierenden Mixturen. Astrid Arnold sieht dies allerdings kritisch: „Schon im Vorfeld der Erkrankungen, der meist vorangehenden Strahlfäule, werden oft zellverändernde Mittel verwendet mit Inhaltstoffen wie z. B. Formaldehyd oder eben kupferbasierte Mittel, die Wundheilungsstörungen erst auslösen oder sogar karzinogen sind. In vielen Fällen sage ich: Die Wunde heilte trotz Behandlung – Glück gehabt.” Die Hufhygiene spielt in der Behandlung, aber auch in der Prophylaxe die wichtigste Rolle. Das betroffene Gewebe muss gründlich gesäubert werden. Oft ist eine begleitende Behandlung mit antibakteriellen oder antiviralen Mitteln notwendig. Ist die Erkrankung allerdings bereits weiter fortgeschritten, kann eine Operation und eine chirurgische Wundreinigung notwendig werden.

Hufkarzinom

Weitaus seltener als die Parakeratose wird die echte Krebserkrankung, das Hufkarzinom, diagnostiziert. Hierbei handelt es sich um eine tatsächliche tumoröse Krebserkrankung im oder am Huf. Astrid Arnold erklärt zum Vorkommen: „Das Hufkarzinom ist im Vergleich zur Parakeratose eher sehr selten, wenn auch eine hohe Dunkelziffer zu vermuten ist, da das Hufkarzinom seltenst als solches erkannt wird. Im Anfangsstadium ist von außen oft nur wenig zu sehen, daher wird es auch fast immer mit einem kleinen Lederhautvorfall verwechselt. Der gravierende Unterschied ist aber: Das Hufkarzinom entwickelt sich schnell nach innen, wobei der „Hufkrebs” sich nach außen entwickelt. Sieht man das Karzinom erst einmal als bis zur Faustgröße außen gewachsen, ist der Bereich, der das Innere des Hufes betrifft (Sehnen, Bänder, Knochen), mindestens in der gleichen Größenordnung betroffen.”

Oben der gesunde Huf im Querschnitt. Darunter ein Huf mit Hufkrebs bzw. Parakeratose. Ganz unten ein Huf mit Hufkarzinom. Gut zu sehen ist der Unterschied, dass Hufkrebs sich eher nach außen entwickelt und das Hufkarzinom mehr ins Innere.


(Fotos: Präparierwerkstatt der DHG e.V. (Leiterin Astrid Arnold))

Bei Plattenepithelkarzinomen (einem der bösartigsten, weil streuenden Karzinom) kommt es im fortgeschrittenen Stadium zu teils zentimetergroßen Wucherungen, die aus dem Huf ragen können. Dieses Krankheitsbild stellt eine Herausforderung für die behandelnden Tierärzte dar, da der Tumor oft auch nach operativer Entfernung wiederkehrt. So erklären auch Dr. Enrico Spugnini, Onkologe für Pferde bei Biopulse in Neapel und Equivet Roma Hospital in Rom, und Prof. Alfonso Baldi von der Abteilung für Umwelt-, biologische und pharmazeutische Wissenschaften und Technologien der Universität Kampanien „Luigi Vanvitelli”: „Solide Tumore stellen eine Herausforderung für Onkologen im Hinblick auf die lokale Kontrolle dar. Wir waren mit den Ergebnissen, die mit anderen Therapien wie Strahlentherapie oder konventioneller Chemotherapie erzielt wurden, nicht ganz zufrieden. Deshalb widmeten wir uns in den letzten 20 Jahren der Elektrochemotherapie als Strategie zur lokalen Kontrolle nach der chirurgischen Behandlung solider Tumore in der Veterinärmedizin.” Aus dieser Forschung heraus entwickelte das italienische Forscherteam ein Elektrochemotherapie- Instrument, den Onkodisruptor, mit dem nun auch erstmals erfolgreich ein Hufkarzinom behandelt wurde. Das Gerät wurde nun mehr als 50 Facharztpraxen zur Verfügung gestellt, und es laufen derzeit zwei Patente im Zusammenhang mit der Elektrochemotherapie.
Im Mittelpunkt der ersten Studie stand die Stute Drami, bei der nach unzähligen Behandlungen, nachdem zunächst irrtümlich Parakeratose bei ihr diagnostiziert wurde, ein Hufkarzinom festgestellt wurde. Trotz chirurgischer Behandlung traten die Tumore stets wieder und teilweise sogar noch aggressiver auf, und somit willigte ihr Besitzer ein, die neuentwickelte Behandlungsmethode der Elektrochemotherapie auszuprobieren. Bei dieser Methode werden nach einer Operation zur Entfernung des tumorösen Gewebes permeabilisierende elektrische Impulse in Tumore oder Tumorbetten gesendet und gleichzeitig ein Chemotherapeutikum verabreicht. Einen Monat später wurde die Behandlung noch einmal wiederholt und nach drei monatlichen Folgesitzungen begann die Stute, die zuvor unter starken Schmerzen gelitten hatte, sich sichtlich zu erholen. Ein Jahr später zeigte sich Drami symptomfrei und hatte deutlich an Lebensqualität gewonnen. Der Tumor ist seither nicht zurückgekehrt.
Dieser Erfolg in der Behandlung des Krebses erstaunte nicht nur die Wissenschaftler. Sie betonen dabei, dass die Therapieform keine Sicherheitsrisiken birgt. Prof. Baldi: „Unser Instrument verfügt über mehrere eingebaute Sicherungen. Es ist wichtig, nicht zu viel Strom zu verabreichen, da sonst die Gefahr besteht, dass die gesunde Haut und die Weichteile geschädigt werden. Manchmal kann es zu einer erheblichen Zerstörung des Tumors kommen (insbesondere bei Melanomen), die eine lokale Behandlung oder ein chirurgisches Débridement erforderlich machen kann.” Das Team arbeitet nun an einem Prototyp der dritten Generation, der die Tumorzellen noch gezielter angreifen soll. Bis diese Therapieform allerdings auch bei uns verfügbar ist, könnte es aufgrund der komplizierten und langwierigen Zulassungsverfahren noch ein bisschen dauern.

Fazit

Die Wissenschaft macht also Fortschritte in der Behandlung von Hufkarzinomen und verschiedenen Krebsarten. Dabei ist es wichtig, dass alle Beteiligten, Wissenschaftler, Tierärzte und Hufschmiede an einem Strang ziehen und die Forschung und damit die Heilmethoden vorantreiben. Auch wir als Halter tragen in diesem Prozess eine Verantwortung, die nicht nur darin liegt, gesundheitliche Probleme unserer Vierbeiner so früh wie möglich zu erkennen und behandeln zu lassen, sondern auch darin, sich über Symptome, Krankheitsbilder und mögliche Ursachen auf dem Laufenden zu halten. Astrid Arnold rät: „Am besten ist immer die Prophylaxe. Ungünstige Hufsituationen, hier insbesondere der Zwanghuf, oder zu wenig Hufhygiene gehen fast immer mit einer Strahlfäule einher. Erreicht diese Fäulnis die Lederhaut, entsteht eine Wunde/ Verletzung an der Lederhaut. Entwickelt sich eine Wundheilungsstörung kann diese schnell zum Hufkrebs oder Hufkarzinom führen. Sorgen Sie also für eine gute und regelmäßige Hufbearbeitung und eine tägliche Reinigung der Hufe, gerne auch mit Wasser und Seife. Dann benötigen Sie keine teils fraglichen Pflegeprodukte und Sie müssen sich nicht mit dem Thema Hufkrebs herumschlagen.” Sowohl die landläufig als Hufkrebs bezeichnete Erkrankung als auch tatsächliches Krebsgeschehen am Huf können betroffenen Pferden unglaubliche Qualen bereiten, und wir als Halter müssen alles versuchen, diese Qualen zu lindern und damit das Leben unserer Pferde lebenswert zu gestalten.

SYLKE SCHULTE


(Foto: privat)

… Jahrgang 1980, studierte Anglistik und Germanistik an der Universität Bremen und verband nach ihrem Studium ihre Leidenschaft für Tiere mit ihrem Beruf. Als freie Journalistin arbeitet sie seit 2007 für diverse Pferde- und Hundemagazine und möchte so einen Beitrag leisten zum besseren Verständnis von Tier und Mensch.www.diesprachpraxis.de

DANIELA THEILE

… ist seit 2017 Huforthopädin und hat ihre Ausbildung bei der DHG e.V. absolviert. Sie ist schon seit frühester Kindheit mit dem Pferde-Virus infiziert und begann sich aufgrund der Probleme, die ein ihr anvertrautes Pferd mit Hufeisen zeigte, für die Huforthopädie zu interessieren.www.huforthopaedie-sauerland.de

ASTRID ARNOLD

… war als Huforthopädin tätig. Sie ist Gründungsmitglied und zweite Vorsitzende der DHG e.V. Sie leitet die Präparierwerkstatt der DHG e.V. und forscht zu verschiedenen Themen am Huf.www.dhgev.de