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KRIEG DER STERNE


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musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 13.01.2022

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Bildquelle: musikexpress, Ausgabe 2/2022

WAS KOMMT RAUS, WAS KOMMT REIN

„In a perfect world / Where everyone is equal / I’d still own the film rights / And be working on the sequel“

„Everyday I Write The Book“, Elvis Costello, 1983

Der alte weiße Mann, mit ihm beginnt und endet alles. Zumindest jenes alles, das wir den Krieg der Sterne nennen. Gewinner: Tocotronic. Ehrenvoller Letzter, aber immer noch mit einer Durchschnittswertung deutlich über „ganz okay“: Elvis Costello − alle weiß, männlichen Geschlechts, schon älter oder gleich ziemlich uralt. Dazwischen allerdings: nur Frauen. Und Bonobo. Nicht nur die Zukunft, sondern die Gegenwart des Pop ist weiblich, oder zumindest nicht hetero-männlich. Und wenn man es mal genau nimmt, und genau dafür sind wir ja da, kann man Tocotronic und Costello ja vielleicht allerhand vorwerfen, aber eine breitbeinige Männlichkeit dann wohl eher nicht. Tatsächlich ist das Frühwerk dieser beiden für ...

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... ein ME-

Popverständnis ja ziemlich stilbildenden Acts extrem geprägt von Außenseitererfahrungen in einer Welt, deren Mainstream vor allem weiß und männlich war. Da war man dann schon Außenseiter, wenn man seine Schultern hängen ließ oder sich gelegentlich Kajal um die Augen malte. Wir wollen das jetzt nicht heroisch überhöhen, aber doch darauf hinweisen, wie fortschrittlich es hier zugeht, findet

Der Plattenmeister

Mitski Laurel Hell

Dead Oceans/Cargo (VÖ: 4.2.)

Der Indie-Rock-Star erkundet komplexe Beziehungsgeflechte und zeigt ABBA, dass sie nicht mehr gebraucht werden.

LAUREL HELL nennen die Menschen in den Appalachen komplexe Geflechte von Lorbeerpflanzen – so verflochten, dass die ersten weißen Siedler*innen regelmäßig darin umkamen. Das muss man sich mal vorstellen: In einem Gestrüpp sich tödlich zu verheddern, das man eher von Linsensuppe, Asterix und Kriegsdenkmal auf dem Dorfplatz kennt. Death by Ruhmesblatt. Die Lorbeerhölle. An der Ehre ersticken natürlich nicht nur Kolonialist*innen, sondern auch Beziehungen. Davon erzählt Mitskis neues Album. Kurzer Rekurs: Mitski Miyawaki startete ihre Karriere vor einem Jahrzehnt als Neoklassik­ Pianistin, reüssierte dann mit einem Werk über Entfremdung und Liebe im weißen Amerika als Indie- Garage-Feuerwerk, ehe sie mit BE

THE COWBOY, ihrem letzten Album von 2018, alles hinter sich ließ. Nicht zuletzt auch die Narration der Frau of color, die das weiße Männergenre Gitarrenmusik neu erfindet. Die Identitätsfalle verlassen: Cowboy werden. Ein großer Wurf, Folk und Verzerrung, einsam und gefährlich. LAUREL HELL antwortet darauf, der Titel deutet es an, etwas defensiver, aber gleichzeitig komplex. Ein Album über Liebe, nein, über Beziehungen, die jeden Triumph hinter sich lassen und über die Grautöne, die sich dort einschleichen. Das sich trotzdem schon nach einer Minute in haunted Größe hebt, wenn den Opener „Valentine, Texas“ eine Orgel heiligt, ehe im Stakkato Piano-Akkorde fallen, als wollte Mitski ABBA zeigen, dass sie echt nicht mehr gebraucht werden. Dabei ist das Album musikalisch weniger alle Genre sprengend als BE THE COW- BOY, es will weniger alles, es will nur dieses thing called love greifen, eher introspektiv ist es, aber nicht apologetisch, na klar, es gibt ja auch stellenweise beinahe funky 80ies-Dance-Pop. Die langen Monologe von Liebesbedenkkollegen gibt es hier nicht, auch ohne Punk- Attitüde dauert ein Mitski-Track nur um die drei Minuten. Was die außergewöhnliche Brillanz ihrer Melodieführung, die Dichte ihrer Tracks natürlich maximal betont. Fehler macht ja nur, wer es wirklich probiert, deutet Mitski in „The Only Heartbreaker“ den*die archetypischen Beziehungs-Bösewicht*in neu aus. Ach, tu doch nicht so!

Ein Album über die Grautöne, die sich in Beziehungen einschleichen.

★★★★ Steffen Greiner

Cat Power Covers

Domino/Goodtogo (VÖ: 14.1.)

Chan Marshall covert zum dritten Mal Rock- & Pop-Vorlagen, um sie sich zu eigen zu machen.

COVERS ist Cat Powers dritte Cover-Platte, längst ist sie beides: große Songwriterin und einzigartige Interpretin. Was daran liegt, wie eigenwillig sie an diese Vorlagen herangeht. Statt offensichtliche Merkmale zu betonen, spielt sie die Lieder so, wie sie sie hören will. „A Pair Of Brown Eyes“ von den Pogues zum Beispiel ist im Original ein Song, der das Liebesleid eines jungen Mannes den Kriegserfahrungen eines Veteranen gegenüberstellt. Aus dem Dialog entwickelt Chan Marshall einen intimen Monolog, erst ganz am Ende trennen sich ihre zwei Stimmen voneinander: Poesie im Pub! Das trifft auch auf „Here Comes A

Regular“ zu, ihrer Version der Ballade eines Trinkers, geschrieben von Paul Westerberg von den Replacements. Was sich Marshall auch traut: Lyrics ändern und verknappen. „I Had A Dream Joe“ von Nick Cave fehlen die prallen Metaphern, bei Frank Oceans „Bad Religion“ macht sie aus dem „Allahu akbar“ des Taxifahrers ein „Praise the Lord“, das Gitarrenmotiv hat sie aus ihrem eigenen Schmerzenssong „In Your Face“ übernommen. Es gibt viele solcher Brücken zu ihrem eigenen Werk zu entdecken, was COVERS zu einem Detektivspiel und Doppelalbum macht – denn natürlich muss man beides hören, die Vorlagen und das, was Cat Power daraus macht.

★★★★ André Boße

Plattenschrank S. 18

Index

Aeon Station 79 Amewu 74 Asbjørn 85 Los Bitchos 78 Black Country, New Road 84 Blood Red Shoes 74 Blow 84 Daniel Blumberg 80 Cate le Bon 83 Bonobo 72 Boy Harsher 80 Brimheim 80 Elvis Costello & The Imposters 75 Grace Cummings 82 Pan Daijing 79 Tara Nome Doyle 86 Dvr 86 Eels 72 Èlg 79 Fazer 75 Josephine Foster 83 Garcia Peoples 82 GAS 76 Gayle 81 Jana Horn 82 Imarhan 77 The Jazz Butcher 74 Alai K 83 Miles Kane 74 Hannu Karjalainen 82 Yousef Kekhia 84 Alicia Keys 87 Fynn Kliemann 76 Korn 87 Kreidler 84 Lady Wray 80 Uèle Lamore 80 Liz 86 Anais Mitchell 78 Mitski 71 Mø 76 Christin Nichols 78 Molly Nilsson 76 Abiodun Oyewole 75 Palace 77 Cat Power 71 The Reds, Pinks And Purples 76 Maya Shenfeld 86 Silverbacks 73 Silvershark 75 Tierra Whack 84 The Wombats 85 Tocotronic 68 Gyða Valtýsdóttir 76 Yard Act 72 Years & Years 73

Eels Extreme Witchcraft

PIAS/E-Works/Rough Trade (VÖ: 28.1.)

Kackbratzen-Blues und Funk: Mark Everett platzt vor Energie fast aus dem löchrigen Shirt.

Wenn alle Welt den Kopf gegen die Tischkante hauen will, schlägt die Stunde des Mark Oliver „E“ Everett. Anders ist es nicht zu erklären, dass er mit den Eels gerade jetzt ein von John Parish produziertes Album aufgenommen hat, das vor Energie fast aus dem löchrigen T-Shirt platzt. Während E auf EARTH TO DORA von 2020 noch zarte Trostsongs zu spieluhrigem Indie sang, bricht der Rock’n’Roll hier gleich im Opener los, um später in Songs wie „What It Isn’t“ sein ganzes Kackbratzenpotenzial zu entfalten. EXTREME WITCHCRAFT ist ein Album wie ein Achselzucken, wie ein Spontangluckser, wenn man nach einem wirklich vergurkten Tag durch die Straßen läuft und findet, dass der ganze Mist, also das Leben und so, am Ende doch ganz lustig ist. „Good Night On Earth“ heißt dann auch eine Single, die mit ihren Blues-Rhythmen und Distortions

nach einem von Jack Whites Spätprojekten klingt. Wenn der Teufel in „Grandfather Clock Strikes Twelve“ ein paar Seelen holen kommt, hört sich das tatsächlich ein wenig nach Opa-Funk an, aber auf die gute Art, „Strawberries And Popcorn“ wiederum hätte auch Courtney Barnett nicht lässiger hinbekommen. Und wenn Everett mit „Stumbling Bee“ zu seiner Spezialdisziplin kommt, dem seltsamen Midtempo-Song, wird mal wieder ziemlich deutlich, was das Besondere an den Eels ist, dem bockigen, aber treuen Gaul unter den alten Indie-Schlachtrössern: dass er zwar ordentlich lospreschen kann, aber eigentlich am besten ist, wenn er lahmt.

★★★★ Julia Lorenz

Yard Act The Overload

Island/Universal (VÖ: 7.1.)

Postpunk als Kommentar zu Little Britain: groovy, wortgewaltig, antikapitalistisch. Es gibt im englischen Pay-TV den erschreckenden Trend, das Leben im schon längst nicht mehr Vereinigten Königreich so darzustellen, als ginge der Brexit tatsächlich auf: Ein reines, cleanes England ist zu sehen, knietief in der Nostalgie, mit Witzen, die nicht mehr bitterböse sind, sondern lieblich und zersetzend wie billiger Wein. Das Gegenmittel zu diesem weichgespülten Englandbild ist das erste Album der Postpunks Yard Act. Die Band stammt aus Leeds, wo man schon immer über anderes lachte. THE OVERLOAD ist nach einigen sehr guten Einzeltracks die Debüt- LP, die drei Singles von 2020 sind nicht darauf enthalten, was immer ein gutes Zeichen ist: Diese Band brennt. Geprägt ist sie von Sänger James Smith, der wortreich und mit einer gesunden Mischung aus Humor und Wut über die Zustände des Landes und der Welt spricht. Ja, dieser Sänger spricht, denn wie bereits Dry Cleaning, Squid oder Black Country, New Road setzen Yard Act auf Sprechgesang. Dabei klingt Smith mal wie Namensvetter Mark E., mal wie James Murphy vom LCD Soundsystem, mal wie Jason Williamson von Sleaford Mods – wenn auch mit gewissem akademischen Sicherheitsabstand. Geraten die Texte stark antikapitalistisch und spielt die Band zum Wortschwall einen coolen Groove, kommen Erinnerungen an die ehrwürdigen Agit-Popper Chumbawamba auf, die – bevor sie mit dem Hit „T ubthumping“ berühmt und auch ein wenig albern wurden – wie keine andere UK-Band linke Inhalte und Pop zu kombinieren wussten. Yard Act empfehlen sich mit THE OVER­ LOAD als legitime Nachfolger. Mal sehen, ob und wann der erste Hit kommt – und was dann passiert.

Ein Gegen - mittel zum weichgespülten England bild.

★★★★ André Boße

Bonobo Fragments

Ninja Tune/Goodtogo (VÖ: 14.1.)

Der Meister des Ambient-Electro verschafft Trost.

Die beiden nächsten Verwandten des Menschen sind Schimpansen und Bonobos – wobei Schimpansen ihre Konflikte vorzugsweise mit Haudrauf lösen − und Bonobos mit Sex und Kuscheln. In welchem Lager Simon Green mitspielt, sieht man an seinem Künstlernamen. Bonobo, der Multiinstrumentalist aus Leeds, Jahrgang 1976, wird (das mag zum Kuscheln passen) für seinen Downbeat-Electro gefeiert. Für seine letzte Tour zum Album MIGRATION (2017) hat Bonobo zwei Millionen Tickets verkauft. Wow. WTF. Davon können die meisten anderen Kuschler (außer vielleicht Céline Dion) nur träumen. Andererseits war das vielleicht schon immer ein Missverständnis, gewissermaßen. Bei Bonobo sollte man, wenn man Downbeat sagt, den Akzent nicht auf „down“, sondern auf „beat“ legen, denn er hat den Beat, hat den Groove intus. Da passt es ganz wunderbar, dass er seinen Label-Buddy Jordan Rakei (dessen formidables 2021er Album nur deshalb unter dem Radar blieb, weil alle Tomaten auf den Ohren hatten) auf dem sich groovy in die Lenden schmiegenden Vocal-House-Track „Shadows“ mit am Start hat. „Tides“ mit Jamila Woods, einer der besten R’n’B-Sängerinnen des Planeten, macht dann wahrlich der Down-Komponente alle Ehren. Sie gönnen uns den slow song, ach, ist das schön, einschließlich der filmisch dissonant ausklingenden Streicher gen Ende. Und auch in Uptempo-Nummern („Closer“, „Age Of Phase“, „Sapien“) zeigt Bonobo: Electro meint bei ihm nicht wüste Ellenbogen, sondern warmen Engtanz. Bonobo, c’est bon. Très bon.

★★★★ Stefan Hochgesand

Story S. 20

SLOPPY JANE hört gerade:

Gustaf — Dog (2021)

Shelley Duvall — He Needs Me (1980)

Kira McSpice — Attack (2020)

Ernie (Sesame Street) — I Don’t Want To Live On The Moon (1980)

Claire Rousay — Discrete (The Market) (2021)

Ike & Tina Turner — River Deep – Mountain High (1966)

Tredici Bacci — Minimalissimo (2019)

Your Angel — Pipe Dream (2019)

Niis — Utopia (2021)

Avril Lavigne — How Does It Feel (2004)

Silverbacks Archive Material

Full Time Hobby /Rough Trade (VÖ: 21.1.)

Die Dubliner Band findet im Keller den Rock-Sound der Gegenwart. Silverbacks-Sänger und -Gitarrist Daniel O’Kelly erzählte zuletzt, er habe sich beim Verfassen des Titelsongs vorstellen müssen, wie Beamte tief im Untergrund, im Archiv eines Regierungsgebäudes an Geheiminformationen gelangen, die der Bevölkerung vorenthalten werden. Das ist noch nicht als Verschwörungskrimi verfilmt worden, die Band aus Dublin hat aber auf Basis dieser „Informationen“ einen Song gemacht. Und „Archive Material“ führt das gleichnamige Album auch an mit einem davonholpernden Beat, dem Sprechgesang O’Kellys, einem brutal schönen Chor und ein paar Mathrockzwischentönen auf der Gitarre. Zeitgeist-Sound, vielleicht. Rockmusik wird hier aber auch zur anthropologischdystopischen Erzählung, die vom Niedergang von Städten und Communitys handelt, Galgenhumor inklusive. Doch das Lachen bleibt den Gitarren dann im Halse stecken, der Sänger braust durch die Tracks, als suchte er Zuflucht irgendwo außerhalb derselben. Die Band findet Anknüpfungspunkte in der Geschichte der gegen den Strich gebürsteten Rockmusik. „Different Kind Of Holiday“ zitiert das Mark-E.-Smith-Gestotter in einem Lockdownbeobachtungssong. „Rolodex City“ kommt wie ein vergessener Gang-Of-Four-Track aus der Garage geschossen. „They Were Never Our People“ setzt dem Rasiermessergitarrensound von Tom Verlaines Television eine wohl geordnete Popmelodie oben drauf. Silverbacks katapultieren sich mit ihrem zweiten Album mühelos in die Top Five der jüngsten Rock-Eruptionen, mitten unter die wuseligen, vor Rhythmus zerschellenden Postpunk-Expeditionen von Squid, Black Country, New Road oder Dry Cleaning.

★★★★ Frank Sawatzki

5 FRAGEN AN OLLY ALEXANDER

Im Song „Crave“ sehnst du dich nach dem Schmerz, den dir dein Ex bereitet hat. Geht’s da darum, gebumst zu werden?

Oder um emotionalen Schmerz?

(lacht sich weg) Ich hatte vergessen, wie viel Spaß Interviews mit der deutschen Presse machen. Es geht um beide Arten Schmerz. Der Song kann Verschiedenes bedeuten, aber ich mag, wie er Sexualität ergründet.

Siehst du es als politische Mission, im Mainstream-Radio über queeres Begehren zu singen?

Zuallererst bin ich Künstler und will Leute unterhalten. Eine politische Entscheidung ist das nicht in erster Linie. Aber ja, das gibt mir einen Kick, meine Identität in meine Musik zu packen, und als schwuler Künstler kommt man nicht drum herum, politisiert zu werden. So erlebe ich das zumindest, seit ich lautstark über meine Identität spreche.

Wie ist es aktuell um Queerness in der Popkultur bestellt?

2018, als wir PALO SANTO rausbrachten und auch neue Alben von Troye Sivan, Halsey und anderen queeren Acts rauskamen, nannten einige Medien das Jahr twenty-gay-teen statt twenty-eight-teen. (lacht)

Der eigentlich große Gamechanger ist aber Lil Nas X. Als er auf die Eins in den Charts sprang, war mir danach, nackt auf der Straße zu feiern. Popmusik ist so ein witziges Destillat unserer Kultur. Und ja, es ist eine spannende Zeit für queere Acts.

Musikalisch inspirieren dich eher die 80ies.

Absolut! 80er-Jahre-Musik finde ich aufregend. Diese elektronische Post-Disco-Dance-Musik. Stell dir mal vor, wie das gewesen sein muss, als Menschen erstmals einen Synthesizer gehört haben – das muss denen doch das Hirn weggeblasen haben auf dem Dancefloor. Und das zu der Zeit der Aids-Krise, in der es so viel Leid gab.

Welche 80ies-Acts magst du besonders?

Die Pet Shop Boys natürlich. Ich liebe auch Sylvester. Und Kate Bush, schon immer. HOUNDS OF LOVE ist wunderbar, mein Favorit auf dem Album ist „Cloudbusting“. Ach, ich höre sie die ganze Zeit.

Years & Years Night Call

Polydor/Universal (VÖ: 21.1.)

Der von Lady Gaga und Kylie Minogue hofierte Olly Alexander liefert Dance-Pop für den schwulen Seelen-Striptease.

Olly Alexander hat sich in den letzten Jahren zu einem der aufregendsten Partner im Dance-Pop gemausert. Zwar gelangte bereits 2015 das Debütalbum seiner Synth- Pop-Band Years & Years im Vereinigten Königreich auf Platz 1 der Charts. Richtig cool, mit Years & Years zusammenzuarbeiten, wurde es aber erst 2019 nach dem „Dreamland“-Duett mit den Pet Shop Boys. Danach wollten „alle“ mit Alexander: Lady Gaga, Elton John, Kylie Minogue. Ob all der Fame der Band so gut bekam? Seit 2021 sind die beiden (hetero) Synthesizer-Jungs nicht mehr Teil der Band. Years & Years ist nun die One-Man-Show des Sängers, der schon vom Schwulsein sang und über Mental Health sprach, als sich das an der Spitze der Charts noch kaum jemand zutraute. Musikalisch orientiert sich die neue, dritte, wieder kickdrumstarke Platte ungeniert an Madonnas CONFESSIONS ON A DANCE FLOOR (2005). Einziges Manko: etwas risikoarm, etwas chartssicher. Aber man kann es ihm kaum verübeln. Dafür zelebriert Alexander mit seiner wunderbaren Stimme, die in den Höhen an Michael Jackson und in den Tiefen an Victoria Legrand von Beach House erinnert, die Disco einfach viel zu lustvoll als einzig adäquaten Ort für Drama-Seelen-Striptease: „You’re such a sweet talker, man of my dreams / Tell me where are you, where are you now?“, schmachtet Olly Alexander seinem Verflossenen hinterher, bis schwindelerregende Streicher-Spiralen himmelhoch jauchzen im Highlight „Sweet Talker“, das sicher ein Festival-Knaller wird.

★★★★ Stefan Hochgesand

Blood Red Shoes Ghosts On Tape

PIAS/Jazz Life/ RoughTrade (VÖ: 14.1.)

Synthie-Rock und Serienkiller: Das UK-Duo präsentiert sich kaltblütiger denn je.

Bei einer Band mit dem Wort Blut im Namen überrascht eine Freude am Morbiden nicht. Auf Album Nummer sechs bannen Laura- Mary Carter und Steven Ansell ihre Faszination für True-Crime-Storys auf Platte, indem sie bevorzugt aus der Perspektive von Serienmördern schreiben. Entsprechend unheilvoll schleicht sich der Piano- und Drone-getragene Opener „Comply“an, ähnlich einer Nine-Inch-Nails-Ballade, inklusive Schrei-Crescendo von Ansell. Indem Blood Red Shoes ihren Sound mittlerweile recht selbstverständlich mit Electronica versetzen, stehen auch Garbage und Marilyn Manson als Referenzgrößen im Geisterhaus. Etwa wenn „I Lose Whatever I Own“ durch die Tür stolziert und der Synthesizer aufheult wie eine Kettensäge. Mit Electro-Rock, Düster-Ambient, gewohnter Grunginess und einer Prise B-Movie-Flair pendeln Carter und Ansell zwischen Lauerhaltung und Attacke und bohren einem ihre sägeblattartigen Hooks ins Fleisch. Zwar kann die Kälte des Duos ein wenig kalt lassen und der Geschmack vergangener Zeiten liegt wie Blut auf der Zunge. Aber Letzteres ist man von den Blood Red Shoes eh gewöhnt.

★★★★ Nina Töllner

Miles Kane Change The Show

BMG Rights Management/Warner (VÖ: 21.1.)

Die ewig zweite Last Shadow Puppet setzt mit Glam-Rock zum Sprung aus dem Schatten an. Es schien lange Zeit das Schicksal von Miles „Shadow Puppet“ Kane zu sein und zu bleiben, im, nun ja, Shadow seiner glamouröseren Freunde zu verweilen. Seine Indie-Rock-Band The Rascals verließ er, um sich seiner Solo-Karriere zu widmen. Doch leider hat sich gleich für seine Debüt-Solo-Single „Inhaler“ (2010) niemand groß interessiert. So it goes. Beim streicher-affinen Barock-Rock-Nebenprojekt The Last Shadow Puppets läuft es deutlich besser, doch irgendwie dreht sich da alles um seinen Buddy Alex Turner, Frontmann der Arctic Monkeys. Auf Lana Del Reys jüngstem Album BLUE BANISTERS (2021) darf Miles Kane im „Dealer“-Duett den Steigbügelhalter spielen, damit Frau Del Rey anschließend im Song aufmerksamkeitsstark ausrasten kann, als wären wir in einer Südstaaten-Tragödie von Tennessee Williams. Immer nur im Schatten stehen – das kann’s nicht sein, muss sich auch Miles Kane gedacht haben, der seine neue Platte nicht „The Show Must Go On“, sondern CHANGE THE SHOW nennt. Na bitte! Und nachdem der Vorgänger COUP DE GRACE (2018) irrlichternd nicht wusste, wo der hinwill, hat Kane nun sogar einen Sound gefunden, der ihm steht: Glam-Rock, der zwar in der britischen Tradition steht (hat was vom jungen Elton John, nur ohne Klavier), aber auch deutlich flirtet mit dem USamerikanischen Motown-Sound, zumal in den tanzbodentauglichen Uptempo-Nummern. Das gerät Miles Kane diesmal schön in einem Guss − leider mit dem Nachteil, dass die Songs nach einer Weile etwas austauschbar kommen und gehen, ohne dass groß Hits herausstächen.

★★★★ Stefan Hochgesand

Amewu Haben oder Sein

Amewuga/ Krasser Stoff (VÖ: 28.1.)

Der Berliner ordnet seine exorbitanten Schnellfeuer-Rap-Skills der Botschaft unter.

Amewu hat seinen Erich Fromm also gelesen. Philosophie wurde linker Pop-Mainstream damals, heute versucht der Berliner Rapper dem HipHop eine gesellschaftliche Verantwortung und politische Relevanz zurückzugeben, die er vor seiner Popwerdung mal hatte. Vielleicht klingt HABEN ODER SEIN deshalb eher nach frühen 90er-Jahren, Jazz-Samples und Old-School- Beats als nach Trap, Auto-Tune und heute. Die Rhythmen sind so straight wie die Reime, in denen mal Machtstrukturen und Gewalt untersucht werden („Alles Opfer“), mal die Funktion von Rap im Kampf gegen Rassismus („Hadouken“) oder Solidarität und Identität (im Titelsong), und durch nahezu alle Tracks zieht sich das Thema Migration. Dass Amewu bei seinem ersten Album seit neun Jahren und nach einer Pause, in der er mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte, die Aussage nun endgültig wichtiger ist als die bloße Rap-Technik, sieht man spätestens daran, dass einer der begabtesten deutschen Doubletime-Rapper nur noch selten die Silben im Schnellfeuertakt ausspuckt.

★★★★ Thomas Winkler

The Jazz Butcher The Highest In The Land

Tapete /Indigo (VÖ: 04.2.)

Der Indie-Pop-Held hinterlässt uns ein letztes, posthumes, großartiges Album.

„My hair‘s all wrong, my time ain‘t long / Fishy go to Heaven, get along, get along.“ David Bowie ist nun nicht mehr der einzige Popstar, der seinen Nachruf selbst in Szene gesetzt hat, Pat Fish hat es ihm nachgemacht. Moment, Pat Fish ein Popstar? Ja, was denn sonst? Wer nur auf Plattenverkäufe und Posterdichte in Teenie-Blättern verweist, der hat The Jazz Butcher nicht verdient. Die anderen erinnern sich noch gut daran, was in gewissen sozialen Medienräumen los war, als Pat Fish im Oktober im Alter von 63 Jahren verstarb. Nach wenigen Stunden wusste man, wer er ihn wo live gesehen hat (kleine Läden allesamt) und welche der Jazz-Butcher-Platten man besitzen müsse (eigentlich alle). Nun also diese posthume Platte, die bitte jeder kauft, der zuletzt von The Jazz Butcher geschwelgt hat. Das wäre doch ein Zeichen: Pat Fish, der Typ mit der falschen Frisur, endlich in den Charts! Das Schöne ist: THE HIGHEST IN THE LAND bietet auch ohne Nachruf-Ebene allerbeste Unterhaltung. „Sea Madness“ bringt die Begebenheiten im Brexit-Britannien auf den Punkt, der Titel reimt sich auf „England’s sadness“, eine Trompete spielt auf, dazu scheint der Song nur aus Refrains zu bestehen. Das letzte Stück heißt „Goodnight Sweetheart“, erinnert an die Gassen-Lieder von Richard Hawley und endet mit einem formvollendeten Mollakkord: R.I.P., Fishy.

★★★★ André Boße

Fazer Plex

City Slang/Rough Trade (VÖ: 14.1.)

Jazz, der in München aufgenommen, aber überall zu Hause ist.

Martin Brugger (Bassist und Produzent), Matthias Lindermayr (Trompeter), Paul Brändle (Gitarrist), Simon Popp und Sebastian Wolfgruber (Schlagzeuger) haben schon zwei Alben vor PLEX aufgenommen, ihr bislang letztes als Fazer trug den Titel NADI (2019) und war noch in London entstanden. Diesmal quartierten die Münchner sich zwei Session-Monate lang in einem Studio in ihrer Heimatstadt ein, einen definitiven Ort für ihre Musik wollten sie aber nicht ansteuern. Das Drummer-Duo Popp- Wolfgruber spielt dabei eine zentrale Rolle, es legt die Spuren zu rhythmisch weit entfernten Zielen, denen die Band dann nicht zu nahe kommt. Ein Glücksfall, denn die verspielten Instrumentalerzählungen blühen in den vielen Übergangsstadien, die sie durchlaufen, erst richtig auf, zwischen Tradition und New Jazz, zwischen Struktur und Abstraktion. Jeder Track dieses Albums hätte auch einen Platz auf Mathias Modicas KRAUT JAZZ FUTURISM-Zusammenstellungen verdient gehabt. Die Band wildert in Funk, Fusion, Postrock, Afrobeat, nur das Gehäuse für den Fluss der Melodien und Improvisationen bildet noch der Jazz. Die Idee hinter

den Arbeiten bahnt sich ganz natürlich eine Schneise über die komplette Strecke des Albums: einen Sound zu produzieren, der laut Band „überall verständlich ist“.

★★★ Frank Sawatzki

Klingt wie: Monoglot: RESONANCE (2021) / Brian Jackson, Ali Shaheed Muhammad, Adrian Younge: JAZZ IS DEAD 8 (2021) / BadBadNotGood: IV (2016)

Elvis Costello & The Imposters The Boy Named If

EMI/Universal (VÖ: 14.1.)

Der legendäre Brillenträger kehrt zum ekstatischen Postpunk- Sound seiner frühen Tage zurück. Das großartige LOOK NOW von 2018 war Burt-Bacharach-Pop und Motown-Soul, der Nachfolger HEY CLOCKFACE rückblickend eine Art Übergang: Elvis Costellos neues Album THE BOY NAMED IF ist jetzt, zumindest in großen Teilen, eine Rückkehr zum ekstatischen Postpunk seiner frühen Jahre. Das Aufgekratzte und Abgehackte, die gezackten Gitarrensolos und Yeah-Yeah-Yeahs: alles da. Songs wie „Farewell, OK“ oder „Magnificent Hurt“ sind nicht so weit weg von denen der späten 70er. Mehr als einmal denkt man zwischendurch an „Pump It Up“, „Alison“, „Watching The Detectives“. „She was a parttime waitress with a dream of greatness“, startet das einnehmende „My Most Beautiful Mistake“: Am Ende steht trotzdem nicht sie als Klischee da, sondern der Kerl, der sie vor seiner Kamera hat und dabei „action“ und „that’s a take“ ruft, „there’s a hand that lingers a little too long“. Auch „The Difference“ handelt von toxischer Männlichkeit, dort endet es mit einem Messer. „Kindergeschichten“ nennt Elvis Costello das Album im Untertitel. Ja, weil es hier um „Penelope Halfpenny“ geht, um romantischen Kitsch, aber auch um verlorene Unschuld, Desillusion, kurz: den Einbruch einer Realität. „He had the wildest of dreams, but he rarely remembered them“, heißt es im traurig dahinschaukelnden „Paint The Red Rose“. Statt wilder Träume die Erkenntnis: „It’s a sin to tell a lie until we trick out the truth.“ Das Maliziöse und das Melancholische, stampfender Rock und Pop-Sensibilität: im Grunde eine typische Costello-Platte.

★★★★ David Numberger

ME-Gespräch S. 44

Maliziös und melancholisch, also typisch Elvis Costello.

Abiodun Oyewole Gratitude

Afar (VÖ: 4.2.)

Der Last-Poets-Gründer aktualisiert zum Proto-Rap die alte Botschaft von Liebe und Frieden.

Dass Abiodun Oyewole schon etwas älter ist, merkt man spätestens, wenn er über einen gewissen New Yorker Stadtteil spricht. „Some folks are afraid of Brooklyn, some say it’s too tough“, heißt es da über das schon eine ganze Weile gentrifizierte Borough der Metropole. Kein Wunder, Oyewole ist Jahrgang 1948, er hat die Last Poets gegründet und – je nach Version der Geschichte – den Rap erfunden. Mit GRATITUDE versucht er nun, den alten Ansatz – Polit-Poesie zu Beats – zu modernisieren, und das gelingt weitgehend. Klar, die weichen Instrumentaltracks im klassischen Soul-Sound mit Gospel- Vocals, durch die auch schon mal eine suchende elektrische Gitarre fährt, lassen ein paar Jahrzehnte moderne Produktions-Skills außen vor, aber sie klingen auch nicht bloß nach bravem Retro-Soul. Entscheidend sind sowieso die Stimme, durch die alle Weisheit der Welt schimmert, und die Gedichte, die – auch hier klassisch – um Schwarze Identität und Panafrikanismus kreisen, um Spiritualität und Religiosität, den Frieden und die allumfassende Liebe zu allem und jedem, die dieser Frieden bringen wird. Ein Botschaft, die auch heute immer noch gar nicht oft genug verkündet werden kann, die Oyewole aber immer wieder aktualisiert: In „Occupy“ entwickelt er ausgehend von der Occupy-Wall-Street-Bewegung eine ganze Philosophie, die schließlich wieder beim eigenen Ich landet: „Occupy your mind, your soul, your spirit!“ Dafür kann man wiederum gar nicht jung genug sein.

★★★★ Thomas Winkler

Silvershark Burn To Boogie

Noisolution/Edel (VÖ: 21.1.)

Deutschlands Speerspitze des Siebziger-Rock-Revivals kann auch Soul und Funk.

Ob all die Platten und Projekte, die infolge der Pandemie-Live-Pause erst entstehen konnten (und noch werden) eines Tages einmal zu einem gesonderten musikhistorischen Forschungsgegenstand werden, ist noch nicht absehbar, aber durchaus wahrscheinlich. Auch Silvershark sowie ihr Albumdebüt gehören zu jener speziellen Spezies der Sondererscheinungen. Auf Bassist und Organist Steve Burner (Travelin Jack) und Bassist/Produzent Richard Behrens, seines Zeichens ehemaliges Mitglied von Heat und Samsara Blues Experiment sowie Live-Mischer für Kadavar, zurückgehend, darf das erweiterte Projektkollektiv durchaus als Supergroup der hiesigen Retro-Rock-Bewegung gehandelt werden. Schließlich waren neben besagten beiden Initialzündern auch Mitglieder von Coogans Bluff, Elder, Wucan und Vug beteiligt. Das Besondere: Auf BURN TO BOOGIE konzentriert man sich nicht auf Schlaghosen-Hard-Rock- Kernkompetenzen, sondern frönt ungeniert und lustvoll Funk-, Soulund Disco-Sounds derselben Ära. Womit unsere Protagonisten ganz nebenbei beweisen, dass sie von Ilja Richter genauso musiksozialisiert wurden wie von Uschi Nerke. Instrumental und in Sachen Arrangements authentisch, fehlt es lediglich stimmlich zuweilen an den eigentlich Genre-typischen Höhen- und Tiefen-Extremen. Hier und da fühlt man sich sogar an Fishmobs augenzwinkernde Vintage-Funk-Vignetten erinnert. Davon abgesehen ist ein Stück wie „Hittin‘

Hard“ein ausgemachter Disco-Kugelblitz, bringt „The Fool“ dezenten Daft-Punk-Faktor ins Spiel und positioniert sich „Lovetrain“ zwischen Ray „Ghostbusters“ Parker Jr. und – im Gitarren-Tandem-Soloteil – der Allman Brothers Band.

★★★★ Frank Thiessies

Klingt wie: Funkadelic: FUNKADELIC (1970) / Earth, Wind And Fire: THAT’S THE WAY OF THE WORLD (1975) / Kool & The Gang: EVERYTHING‘S KOOL & THE GANG: GREATEST HITS & MORE (1988)

MØ Motordrome

RCA (VÖ: 28.1.)

Der Pop der Dänin ist lange nicht so gefährlich wie die titelgebende Jahrmarktsattraktion. MØ hat auf ihrem neuen Album eigentlich für alle etwas im Angebot: Wem Adele zu kitschig oder zu krass ist, könnte die Piano-Ballade

„Goosebumps“zusagen, Songs wie „Youth Is Lost“ oder „New Moon“ wären etwas für FKA-Twigs-Fans, und das abschließende „Punches“ bietet mit seinen Kammerpop-, Electronica-und Americana-Anleihen so viel Anknüpfungspunkte, dass es sehr vielen Hörer*innen Freude bereiten könnte. Auf ihrem dritten vollen Album ist die Dänin zum einen wegen des meist dicken Dancefloorsounds mehrheitsfähig, zum anderen singt sie über Dinge, die jede*n betreffen: Angst und Zweifel, Liebe und Nähe, Mut und Selbstermächtigung. Eine Krise mit Panikattacken, die MØ (bürgerlich Marie Ørsted) vor zwei Jahren hatte, führte schließlich auch zum Albumtitel: MOTORDROME referiert auf Stunt-Motorradfahrer, die auf der Kirmes an Steilwänden im Kreis fahren. So wagemutig, das muss man auch sagen, klingt das Album nicht. Eher verlässt sich MØ darauf, was sie kann: Hittaugliche, perfekt produzierte Songs abzuliefern.

★★★ Jens Uthoff

Klingt wie: Grimes: VISIONS (2012) / Banks: THE ALTAR (2016) / Lorde: PURE HEROINE (2013)

Molly Nilsson Extreme

Night School

Die Berliner Schwedin weckt mit energetischem Lo-Fi-Pop aus der Zu-Hause-Rumsitz-Schläfrigkeit. Dass es sich auch nach einer Dekade noch über den Song „I Hope You Die“ schmunzeln lässt, zeigt, welch aufgeweckte Texterin Molly Nilsson schon immer war. Eh passend also, dass jetzt zu müden

Zu-Hause-Rumsitz-Zeiten ein neues Album von ihr kommt. EXTREME heißt es dann auch noch, aber über die ersten treffenden Assoziationen (wuchtig, Neustart, female Empowerment) greift es weit hinaus. EXT­ REME ist so etwas wie eine romantische Anklage des Anthropozäns, verpackt in treibenden 80ies-Soul, attackierende Metal-Riffs und abwechslungsreich-repetitiven Düster-Pop. Womit wir bei Nilssons zweiter Stärke wären: Formelle Widersprüche so einzutüten, dass sie nicht in Komplikationen versacken, sondern ästhetisch Sinn machen. „The deepest desire I can‘t explain / If it wasn‘t for love then it’s all in vain / Did they feel this way that night in Pompeii?“, heißt es im Song „Pompeii“. In einem Lo-Fi-Disco-Mitreißer derart klug über das Ende einer Liebe zu sinnieren, ist so diskrepant wie schön. Und führt zur vielleicht extremsten Message des Albums: Von Gedanken befangen und trotzdem frei sein, ja, das geht.

★★★★★ Jana-Maria Mayer

Klingt wie: Geneva Jacuzzi: LAMAZE (2010) / Sixth June: EVERYTIME (2018) / Anika: ANIKA (2010)

The Reds, Pinks And Purples

Summer At Land’s End

Tough Love/Cargo (VÖ: 4.2.)

Jingle-Jangle-Nachschub für Profi-Melancholiker*innen. Glenn Donaldson ist on fire. Nach einer interessanten, aber inkohärenten Indie-Karriere mit Dutzenden Projekten legt er aktuell seine Kraft in die Gruppe The Reds, Pinks And Purples, und das macht sich bezahlt: Mit UNCOM­ MON WEATHER gelang ihm 2021 ein Lieblingsalbum für Leute, die die Smiths nicht mehr neutral hören können oder wollen. Zehn Monate später legt Donaldson mit dem bereits vierten Album des Projekts nach, die Formel hat er nicht verändert, warum auch, es rollt ja gerade. Thematisch greift Donaldson auf Bilder zurück, die seine Zielgruppe schätzt. Häufig fällt der Regen, es wird geträumt, die Liebe ist eine Zumutung, daher: „Let’s Pretend We’re Not In Love“. Twee nennt man diese ästhetische Haltung: Melancholie plus Niedlichkeit gleich Selbstmitleid – aber mit Stil! Gut, dass sich Donaldsons Stimme dem Stereotyp widersetzt: Als Sänger klingt er brüchig und älter als die Konkurrenz, eher nach Knäckebrot als nach Honig. Schade, dass ihm für die neuen Stücke im Vergleich zu UNCOMMON WEATHER weniger gute Melodien eingefallen sind. Ein Ausweg aus der Misere sind Langzeitstudien in Hall wie das sieben Minuten lange Titelstück, das wie die Melange der 4AD-Diskografie der späten 80er klingt.

★★★ André Boße

GAS Der lange Marsch

Kompakt

Wolfgang Voigts Ambient-Loop- Techno klingt wie eh und je zuvor. Das ist ja das Schöne.

Zwar mögen wir uns alle mittlerweile eine gewisse Spaziergangsexpertise erarbeitet haben, die Koryphäe allerdings bleibt Wolfgang Voigt. Seit einem Vierteljahrhundert nun streift er mit seinem Projekt GAS durch die Wälder, kommt mit schlierigen Orchester-Loops zurück und bringt sie über dumpfen Techno-Beats im unteren BPM- Bereich in einen verknisterten Flow. DER LANGE MARSCH führt in elf Schritten einmal im Kreis herum und damit in dieselbe Richtung wie jedes GAS-Album zuvor: Hin zu einer Art müden Glückseligkeit, wie sie sich nach Wanderkilometer X einstellt, wenn der Körper zur Belohnung die Dopaminschleusen öffnet. Neu sind allerhöchstens die bisweilen erklingenden psychedelischen Obertöne, die durch einen dynamischeren Umgang mit vor allem Bläser-Samples entstehen. Nun ließe sich vielleicht einwenden, dass DER LANGE MARSCH über gewohnte Pfade führt und sich Voigt stattdessen lieber ins unerforschte Dickicht schlagen sollte. Andererseits ist es gerade das Gefühl der Vertrautheit, das die Schönheit von GAS ausmacht.

Klingt wie die Glückseligkeit nach Wanderkilometer X.

★★★★ Kristoffer Cornils

Gyða Valtýsdóttir Ox

DiaMond

Zwischen Björk-Entrücktheit und Enya-Kuscheligkeit findet die Isländerin magischen Ambient-Pop. Erfreuliche Erinnerungen werden wach an „Stonemilker“, den Opener von Björks bestem Album, VULNICURA (2015), wenn Gyða Valtýsdóttir ihre (Vorsicht: Klischee) feenhafte Stimme im Eröffnungsstück „Alphabet“ über die wohligen Streicher-Wogen erhebt. Im Studio von Sigur Rós hat die Isländerin (die in der Vergangenheit auch schon mit den The-National-Dessner-Brüdern musizierte), unterstützt vom Ex-Sigur-Rós-Keyboarder, ihr viertes Album aufgenommen. Herausgekommen ist ein Sound zwischen Björk’scher Entrücktheit, Enya’eskem Kuschelambient und Let’s-Eat-Grandma-Weirdoness. Der Text zu „In Corde“ stammt von der Heiligen Hildegard von Bingen, die im 12. Jahrhundert Naturforscherin, Komponistin und auch Strategin mächtiger Männer war. Magisch.

★★★★ Stefan Hochgesand

Fynn Kliemann Nur

Two Finger/BMG

Indie-Tanzboden oder Klavierkonzert? Der YouTube-Heimwerker will sich nicht entscheiden. Warum denn auch?

Was ist das? Wollen Jungs nicht mehr Indianer oder Cowboy sein, sondern lieber Igor Levit? Nach Chili Gonzales, dem Urheber der Idee, und Danger Dan, dem letzten, schwer erfolgreichen Vertreter des Karrieremoves, steigt jetzt auch Fynn Kliemann um: von einem Krawall-Post-Rap-Sound aufs scheinbar seriöse Klavier mit Klassik-Attitüde. Wie radikal der Schwenk ist, zeigt der YouTube-Star auf NUR, indem er remixte Tracks seiner ersten beiden Alben, an die etablierte Produzenten wie Farhot oder Brenk

Sinatra Hand angelegt haben, demonstrativ neben instrumentale Klavier-Versionen anderer alter Songs stellt, in denen er sogar auf seine markante Reval-Stimme verzichtet. Vom Indie-Tanzboden geht es also übergangslos in den Konzertsaal – einzeln funktioniert das durchaus, als Album eher nicht. Was das also soll? Das wiederum ist eine Frage, die man Fynn Kliemann angesichts seiner erstaunlichen Ich-mach-einfach-Karriere vom passionierten Heimwerker zum multidimensionalen Unternehmer eh nicht stellen sollte. Funktioniert ja.

★★★★ Thomas Winkler

Themeninterview S. 10

Palace Shoals

Caroline/Universal (VÖ: 21.1.)

Indie-Pop, durch den der Kleine Wassermann turnt.

Zunächst ein Extralob ans Grafik- Department der Londoner Band: Seit ihrer ersten EP 2014 setzt die Gruppe auf sehr schön illustrierte Coverbilder. Prägten zunächst Gesichter die Artworks, zeigte das letzte Album eine Blumenwiese. Für SHOALS geht es nun ins Wasser, das Szenario wirkt wie eine Seite aus einem Bilderbuch, in dem jeden Moment der Kleine Wassermann um die Ecke flitzen könnte. Musikalisch distanzieren sich Palace mehr und mehr vom Eindruck, sie wollten Coldplay zurück ins Indie-Land zerren. Das erste Stück „Never Said It Was Easy“ klingt wie die Beach Boys, nur dass das Klavier hier nicht im Sandkasten steht, sondern unterhalb der Wasseroberfläche. „Gravity“ erfindet eine Form von Indie-Muzak, die in Hotellifts besser funktioniert als in Clubs – wobei die Coda auf schöne Art Morricone, Shoegaze und Postrock verbindet. Übel ist das alles nicht, jedoch immer auch ein wenig schwach auf der Brust: Man stellt sich die Musik von Palace wie eine Wasserpflanze vor, die so lange elegant hin-und herwogt, bis irgendwann der Kleine Wassermann kommt und sie in seinem kindlichen Übermut herausreißt.

★★★ André Boße

Klingt wie: The Beach Boys: SUNFLOWER (1970) / Glass Animals: HOW TO BE A HUMAN BEING (2016) / Fleet Foxes: SHORE (2020)

Imarhan Aboogi

City Slang/Rough Trade (VÖ: 28.1)

New Wave of Wüstenrock: Die algerische Band erweitert die Tradition ins Globale.

Tishoumaren, der Desert Rock der nordwestlichen Sahara – Musik, die Traditionen der Tuareg, des Blues und des Rocks vereint – trägt ein schweres Erbe. Hervorgegangen ist er aus den Krisen des nomadischen Lebensstils durch die Dürren der 1970er-Jahre, collagiert von jungen, hoffnungslosen Männern: Das Wort leitet sich vom französischen Ausdruck für „Arbeitsloser“ her, und genau das waren die Musiker, die sich 1979 zur Band Tinariwen zusammenfanden, die das Genre begründeten und 30 Jahre später auch international zugänglich machten. Jungen, die die Exekution ihrer Eltern ansehen mussten, Flüchtlinge. Arbeit fanden sie in der Wüste, in militärischen Trainingscamps, die der

libysche Diktator Gaddafi sponserte. Waren Mitglieder von Tinariwen noch Kämpfer im Tuareg-Aufstand in Mali 1990, kennt die jüngere Generation zwar Chaos und Tumult, aber Soldaten sind sie nicht. Imarhan aus der algerischen Oasenstadt Tamanrasset traten 2016 mit Verve in Erscheinung, im Versuch, dieser Generation eine eigene Stimme in der Tradition des Desert Rock zu geben. Mittlerweile wurden diese Versuche zu einer direkten Aktion: Die Gruppe baut seit 2019 das erste professionelle Tonstudio ihrer Heimatstadt auf und verbindet so viele lokale Musiker*innen zu einer echten Szene. ABOOGI ist Zeugnis dieser neuen Gemeinschaft, erweitert sie aber auch über Genre- und Sprachgrenzen hinweg ins Globale: Songwriter Gruff Rhys singt walisisch, die sudanesische Oudspielerin Sulafa Elyas steuert arabische Strophen bei. Die Themen auch dieser Platte bleiben politisch lichterloh brennend, aber der Sound, den diese Gruppe dazu findet, ist fast sakral und in seinem sanften Groove erstaunlich gelöst.

★★★★★ Steffen Greiner

Story S. 48

Los Bitchos Let The Festivities Begin!

City Slang/Rough Trade (VÖ: 4.2.)

Die Londoner Cumbia-Band bewirbt sich um einen Gastauftritt im nächsten Tarantino-Film. Zugegeben, so richtig toll werden die Stücke von Los Bitchos vor allem, wenn man sich ihre Videoclips dazu ansieht – oder sich wenigstens vorstellt, zu welchen Filmen sie die Soundtracks sein könnten. Das sind, natürlich: Spaghetti-Western und Exploitation, B-Movies und Mondo-Filme, Horrorstreifen aus den Fifties und Polizei-Buddy-Serien aus den 70er-Jahren. Dazu spielt das Londoner Quartett mit Wurzeln in Australien, Schweden, Uruguay und Großbritannien einen treibenden, auf Cumbia basierenden Instrumental-Rock, der um stets eingängige Themen kreist, so weit wie möglich auf Soli verzichtet und vor allem eins tut: in die Beine gehen. Das Debüt LET THE FESTI-VITIES BEGIN! ist ein ziemlich überzeugendes Bewerbungsschreiben für einen Gastauftritt im nächsten Tarantino-Film, aber halt dann doch vor allem ein Novelty-Gig, der eher bedingt auf Albumlänge trägt.

Thomas Winkler

Story S. 14

Anaïs Mitchell Anaïs Mitchell

BMG/Warner (VÖ: 28.1.)

Die Americana findet ihre nächste große Erzählerin.

Spätestens seit ihrer meisterhaften Orpheus-Umdeutung HADESTOWN (2010) zählt Anaïs Mitchell zu den großen Songwriterinnen Amerikas. Mittlerweile ist aus dem Album ein erfolgreiches Musical geworden, das ihr acht Tony-Awards eingebracht hat. Als Songwriterin sucht Mitchell nach göttlichen Momenten in banalsten Dingen. Weil das Finden seine Zeit braucht, erscheinen ihre Soloalben recht selten, zumal sie als Sängerin für die Projekte Bonny Light Horseman und Big Red Machine auch Gruppenverpflichtungen erfüllt. Dass sie ihrer ersten Platte nach acht Jahren Pause ihren eigenen Namen gegeben hat, ist eine konsequente Entscheidung: Mitchell schrieb viele der Songs während ihrer Schwangerschaft, in deren Verlauf sie in die alte Heimat Vermont, zurückzog. Der Song „Brooklyn

Christin Nichols I’m Fine

Freudenhaus/Rough Trade (VÖ: 21.1.)

Eine Hälfte von Prada Meinhoff findet vom Slogan-Geballer zum Electro-Pop-Ich.

Ach, schade: „Sieben Euro Vier“ beginnt zwar mit der schönen Zeile „Kein Auto, keine Perspektive“, ist dann aber gar kein Song über die Verkehrswende, sondern bloß über den allgemeinen Missmut mit dem persönlichen Befinden und den generellen Mangel an Geld, Gefühlen und so. Da sind wir aber schon angelangt im Kern dessen, was dieses erste Soloalbum von Christin Nichols ausmacht. Die eine Hälfte von Prada Meinhoff kümmert sich auf I’M FINE um jenen Aspekt an den Themen Feminismus, Kapitalismuskritik und Irgendwiedagegensein, der im Slogan-Geballer ihrer Berliner Stammband bisweilen verloren geht: den persönlichen. Das große Ganze, also die gesellschaftlichen Zusammenhänge, geraten in den zwischen Deutsch und Englisch schillernden Texten zwar nicht aus dem Blick, aber sie werden öfter und vor allem detaillierter aufs Ich zurückgeführt. Also nicht mehr „Jedem geht’s beschissen“ („Stress“, Prada Meinhoff), sondern „Wir sind verloren“ („Fame“, Christin Nichols). Auch die Wut der Stammband ist einer gewissen Resignation gewichen, in der Nichols aber sehr schöne, poetisch abgeklärte Zeilen gelingen: „Zu Hause angekommen, wo genau ist das denn?“, fragt sie, und auch musikalisch geht es zwar nicht unknallig, aber zwischen Postpunk und Electro-Pop sehr viel diffiziler zu. Und Songs wie „Bielefeld“ oder „Phoenix“ erinnern einen wieder einmal daran, was man an der Hamburger Schule verloren hat.

★★★★★ Thomas Winkler

5 FRAGEN AN CHRISTIN NICHOLS

Was fehlte dir bei Prada Meinhoff, dass ein Solo-Ausflug nötig war?

Der Ausflug ist kein einmaliger Urlaub, sondern, wenn man so will, ein ganzer Umzug, bei dem es bleiben wird. Ein paar Kisten zum Packen und Klebeband wären gut gewesen, aber ich hab’ mich dann entschieden, nur Handgepäck mitzunehmen.

Was macht einen Song zum Prada-Meinhoff-Song und was zum Solo-Song?

Das weiß ich nicht. Vielleicht, wenn jemand von vorne bis hinten alles komplett allein macht? Demnach hätte ich keinen Solo-Song.

Wo siehst du selbst die größten Unterschiede zwischen deinem Solo-Sound und dem von Prada Meinhoff?

Ich arbeite jetzt „handgemachter“ mit Gitarren, Schlagzeug, einer Band. Und auch auf Englisch. Und ich schreie nicht mehr so dolle rum.

In „Today I Choose Violence“ empfiehlst du als Reaktion auf besonders doofen Sexismus durchaus rohe Gewalt.

Kann das denn wirklich die Lösung sein?

Sexismus ist immer doof. Ich empfehle daher erst mal Offenheit, Reflexion der eigenen Strukturen und Überdenken der eigenen patriarchalen Muster, bevor man Gewaltfantasien in die Tat umsetzt. Ein Rat, der auch für mich gilt.

Was haben bloß alle gegen Bielefeld? Ist es da wirklich so schlimm? Und jetzt sag nicht, dass du noch nie da warst.

Ich komme tatsächlich aus der Nähe von Bielefeld. Ich habe die Stadt früher geliebt und das tue ich noch heute. Grauer als dort wird es nicht.

Bridge“ erzählt von diesem Aufbruch zurück in die Vergangenheit, „Bright Star“ vom „wine of ages“, der einem Menschen zwar auch keine Weisheit schenkt, aber immerhin eine Ahnung davon, wer man ist. Mitchells Musiker*innen (darunter Aaron Dessner) wissen, was sie zu tun haben: tupfen und zupfen statt schrammeln und lärmen.

★★★★★ André Boße

Klingt wie: Joni Mitchell: THE HISSING OF SUMMER LAWNS (1975) / Phoebe Bridgers: STRANGER IN THE ALPS (2017) / Bonny Light Horseman: BONNY LIGHT HORSEMAN (2020)

Èlg Dans le salon du Nous

Vlek/A-Musik

Der französische Komponist rettet sich aus der Schlaflosigkeit in die Elektronik.

Singt er da „Fontanelles Blubb“ im ersten Song? Was passiert mit den Knochenlücken, von wem kommt der Blubb? Im Zweifelsfall sind es die neugeborenen Geister, die den Theater-, Film- und Radioserienmusiker Laurent Gérard heimsuchen und ihm die Worte schenken. Er erzählt in einer Art Elektro-Hörspiel von Autounfällen und Körpern, die durch Windschutzscheiben fliegen und hernach durch die Atmosphäre gleiten. Damit ist der Ton für dieses so abenteuerliche wie anregende kleine Album gesetzt, dessen Urheber Gedankenbilder musikalisch in Szene setzt und mit intimen Wortmeldungen und digitalen Manipulationen unterfüttert, es klingt manchmal wie ein Geisterzug, der durch die Klangsammlung von Mira Calix schreitet. Mittendrin der Track

„Remerciements“, der uns die Rockmusik vor dem Rock’n’Roll erinnern lässt, als die elektrische Gitarre erst einmal in der Garage erprobt wurde. DANS LE SALON DE NOUS ist auch ein Stück naive Musikmalerei, ins Leben gerufen in einer wochenlangen Phase der Schlaflosigkeit. Irgendwann erkannte Laurent Gérard, dass alle Stücke den Tod zum Thema hatten, nicht als Endpunkt einer Geschichte, sondern als „Neubeginn nach dem Sturm“.

★★★★ Frank Sawatzki

Pan Daijing Tissues

PAN Records (VÖ: 21.1.)

Eine düstere Psycho-Oper zwischen Noise und Neuer Musik.

Die Alben der in Berlin lebenden Chinesin Pan Daijing sind eine Bank für Menschen, die sich für Noise und Neue Musik begeistern – das ändert sich auch mit dem nun erscheinenden Werk TISSUES nicht. Anders als die Vorgänger basiert es aber auf einer Performance im Londoner Tate Modern (von 2019). Daijing bezeichnet TISSUES sogar ganz bewusst als eine Oper, die die Kämpfe der menschlichen Psyche zum Thema habe. Geschrieben hat sie diese in einer Mischung aus Altchinesisch und modernen chinesischen Sprachen. Tatsächlich erinnert der Gesang – neben Daijing sind noch drei andere Sängerinnen und Sänger dabei – an eine Oper, die mit Vokalkunst-Techniken der Neuen Musik arbeitet. Dazu kommen düstere Synthesizer, Klaviertöne, Drones, sirenenartige Töne, Knarren, Rauschen, Fiepen, halt alles, was den lärmfreudigen Hörer*innen Spaß macht. Wobei das mit dem Spaß so eine Sache ist, es klingt halt schon ziemlich abgründig und finster. Aber am Ende winkt die Katharsis!

★★★★ Jens Uthoff

Aeon Station Observatory

Sub Pop/Cargo

Drei Viertel der früheren Wrens schicken einen letzten glorreichen Gruß des Indie-Rock.

Früher bestanden eigentlich alle Bands, die es den Türstehern des Musikjournalismus vorbei schafften, aus vier weißen Männern. Die Zeiten sind vorbei, aber in seiner Hochzeit definierte Indie- Rock eine zwar weiße, männliche, aber irgendwie post-maskuline Hetero-Identität. Vor fast zwei Jahrzehnten reichten solche Männer ungläubig flüsternd untereinander ein Album herum, das selbst schon von einer vergangenen goldenen Zeit zu zeugen schien. THE MEA- DOWLANDS, drittes Album von The Wrens nach langer Pause, erschien 2003 und schlich sich leise in die Herzen vieler, vieler Menschen ein – pure Magie. Im echten Leben waren die vier natürlich etwas anderes, ein Zeugnis nämlich davon, das dieses Leben komplexer ist als Dreiminüter. Da gab es Jobs und Kinder − die letztlich toxische Entscheidung, die Band über alles zu stellen, wollte niemand treffen. Ein neues Album schien trotzdem nur eine Frage der Zeit, die Musik sprach von einer lange nicht erschöpften Energie. Die Songwriter Kevin Whelan und Charles Bissell schrieben tolle Stücke, aber Bissell wollte sie, heißt es heute, perfektionieren, sie pflegen und schützen. Vor einigen Monaten platze Whelan der Kragen – zehn Jahre Schrauberei waren genug. Mit Aeon Station spielt er jetzt, unterstützt von den beiden übrigen Wrens‘, diese Songs, die er mit sich herumtrug, während er fern jeder Band-Romantik sein Leben lebte. Davon handelt das Debüt: Es ist Indie- Rock mit knapp am Vertrauten vorbei zielenden Indie-Rock-Melodien und überwältigenden Gitarrenwänden, triumphal und traurig in emotionalen Clustern, die kaum greifbar sind, aber dezidiert erwachsen. Indie-Rock, der weder seine süßlichen Seiten vergisst noch das Rohe, das Rauschen, das Verwehte wie das Erhabene, Weisheit und Dummheit. Alternatives Album des Jahres, völlig aus der Zeit gefallen und doch mitten hinein. Ironischerweise ist es ja tatsächlich das Ergebnis der Arbeit exakt solcher privilegierter Typen, die das Klischee in ihnen sehen will. Whelan ist im mittleren Management eines Pharma-Riesen angestellt. Der übergangene Bissell ist Hausmann, kümmert sich um die Kinder. Die Geschichte sei sad, schreibt er auf Twitter: „But not a big deal in the bigger world.“ Diese Männer sind nicht sexy, aber sie sind da. Hier ist ihre Musik, sie ist so banal wie glorreich.

Das Leben ist komplexer als Dreiminüter.

★★★★★ Steffen Greiner

Daniel Blumberg The World To Come (OST)

Mute/Rough Trade (VÖ: 14.1.)

Der Ex-Yuck-Frontmann balanciert auf einem Soundtrack Formstrenge und Free Jazz aus.

Mona Fastvolds „The World To Come“ erzählt eine lesbische Liebesgeschichte in den USA des 19. Jahrhunderts. Es ist ein dramatischer, aber langsamer Film − viel wird geflüstert, wenig passiert. Daniel Blumbergs Soundtrack schleicht sich immer wieder in den Hintergrund hinein, stolpert aber manchmal auch zu den unpassendsten Momenten hinein. Er wirkt besser für sich allein, auch weil er mit Bonusmaterial einhergeht: Free-Jazz-Legende Peter Brötzmann interpretiert zwei der Motive als aufreibende Solo-Improvisationen neu. Sowieso sind freiförmiger Jazz, Improv und Echtzeitmusik drei der Ecksteine des Sounds des ehemaligen Yuck-Frontmanns, der darüber aber nicht seine Erdung in der Welt des Songwritings vergisst: Leitmotive werden hier noch wie Refrains durchexerziert, egal wie viel nebenbei und drumherum passiert. Ihres melancholischen Duktus und einer stimmungsvollen Getragenheit zum Trotz haftet den 21 Blumberg-Stücken dennoch etwas Spontanes, um nicht zu sagen Lebendiges an − just das, was dem Film an sich bisweilen fehlt.

★★★★ Kristoffer Cornils

Brimheim Can’t Hate Myself In A Different Shape

W.A.S. Entertainment (VÖ: 28.1.)

Zwischen Selbsthass und Autoaggression entdeckt die Singer/ Songwriterin von den Faröern die wöchentliche Wäsche.

Okay, wer ein Album mit einem Hilferuf gen Himmel beginnt aus Sorge, verrückt zu werden, der hat wohl ein Problem. Vor allem, wenn derjenige dann noch feststellt: „You would never understand / Even if you did.“ Weitere Themen sind Selbsthass, Autoaggression, die Schönheit der Einsamkeit und die wöchentliche Wäsche. Wer jetzt denkt: Brimheim alias Helena Heinesen Rebensdorff ist schlecht drauf, macht sich noch keine Vorstellung. Dafür aber verpackt die in Kopenhagen lebende Musikerin, die von den Faröer Inseln stammt, was eine absolut überflüssige Information ist, weil man das kein bisschen hört, ihr Weh klagen über sich selbst in Indie-Rock- Balladen, die zwar über bisweilen breitbeinigen Gitarren angemessen weiträumige, melancholische Melodiebögen ziehen, aber gar nicht mal so depressiv klingen, sondern eher, ja, müde. Oder, wie Brimheim selber singt: „I am gonna be completely honest with you /I was just really tired.“

★★★★ Thomas Winkler

Uèle Lamore Loom

XXIM Records/Sony Masterworks (VÖ: 28.1.)

Die französische Klangkünstlerin webt aus träumerischen Skizzen schöne Ambient-Songs.

Wenn eine Musikerin Uèle Lamore heißt und dann auch noch in Paris lebt, könnte man schnell, vorschnell, meinen, dass sie uns Croissant-fluffige Chansons über l’amour gönnt. Doch weit gefehlt! Die 27-jährige Orchester-Chefin, Dirigentin (ausgebildet am renommierten Berklee College of Music in Boston, Massachusetts) und Komponistin ist vor allem Electronica- Künstlerin mit einer Vorliebe für Trip Hop, modulare Synthesizer und Künstliche Intelligenz. Oha. Während der Pandemie hat sie dann aus einigen ihrer träumerischen Klangskizzen waschechte Songs gemacht. Praktischerweise spielt sie Violine, seit sie fünf ist, aber auch klassische und zumal elek trische Gitarre. Für Bass und Schlagwerk kann sie auch arrangieren. So hat sie eines zum anderen verwoben. LOOM, also Webstuhl, heißt nun auch ihr Debütalbum. Wobei „loom“ als Verb auch so viel wie „sich auftürmen“, „sich anbahnen“ heißen kann – und auch das beschreibt die gestaltwandlerischen Ambient-Klanglandschafen von Uèle Lamore ganz gut. Highlights sind aber tatsächlich die Tracks, die Lamore liebevoll zu Songs (wenn auch mit etwas esoterisch naturverbundenen Texten) aus gebaut hat, wobei sie nur bei „Currents“ selbst zaghaft singt. Für andere Nummern („The First Tree“ mit Gracy Hopkins, „Pollen“ mit Cherise) hat sie sich Gastsänger*innen geladen; am tollsten davon ist die wolkige Shoegaze-Hymne „Warm Blood“ mit der wunderbaren Silly Boy Blue.

★★★★ Stefan Hochgesand

Klingt wie: Bonobo: BLACK SANDS (2010) / Ólafur Arnalds: ISLANDS SONGS (2016) / Kiasmos: BLURRED (2017)

Lady Wray Piece Of Me

Big Crown/Cargo (VÖ: 28.1.)

Retro-Soul? Neo-Soul? Die Sängerin aus Kalifornien ist vor allem: der Real Deal des R’n’B.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Retro- und Neo-Soul? Wer mag, darf das hier jetzt „retro“ nennen, wenn er die Musik von Michael Kiwanuka und Curtis Harding, von Lee Fields, Sharon Jones, Lady Blackbird und El Michels Affair schon ähnlich (euphorisiert) kategorisiert hat. Für Nicole alias Lady Wray hat’s keinen Neuigkeitswert mehr, es sind mindestens drei Soul-Retrowellen über den Globus geschwappt, seit die Sängerin 1998 ihre erste von Timbaland produzierte Single „Make It Hot“ veröffentlichte. Big-Crown-Labelchef Leon Michels hat Lady Wray jetzt auf ihrem vierten Album PIECE OF ME als Produzent ein sehr starkes Fundament für diese knarzenden wie schönen Soul-und R’n’B-Songs gebaut. Big Beats, Bass, Gitarre oder Keyboards, ein Backgroundchor, der den Klangraum in Richtung Gospel aus leuchtet − mehr braucht Lady Wray oft gar nicht, um mit ihrer Stimme so kraftvoll zu erzählen. Von den Highs und Lows in Karriere und Privatleben, von ihren Jugendjahren und ihrem Glauben − all das passt auf diesenanalogen Soul-Bierdeckel. Lady Wray steht für den Real Deal der Black Music, sie interpretiert Soul im Stil der 1970er, ultratrocken und dokumentarisch („Through It All“), sie trifft mit ebensolcher Selbstverständlichkeit auch einen dramatischeren Ton im schon weit vorab veröffentlichten Titelsong. Wir werden nicht mehr lange auf ein spätes Meisterwerk von ihr warten müssen.

Alles passt auf diesen analogen Bierdeckel.

★★★★ Frank Sawatzki

Boy Harsher The Runner (OST)

City Slang/Nude Club (VÖ: 21.1.)

Im Soundtrack zum eigenen Film verknüpft die Dark-Wave-Band Synthie-Pop und Industrial.

Wenn Popbands Film-Soundtracks aufnehmen, gerät das nicht selten zur halbherzigen Zusammenstellung mittelguter Tracks, die mit atmosphärisch aufgeladenen Score- Instrumentals gestreckt werden. Am Stück und ohne Bild ist das oft nicht besonders aussagestark. Das ist beim amerikanischen Dark- Wave-Duo Boy Harsher nicht anders, wobei Jae Matthews und Augustus Muller auch die Idee zum Horrorfilm „The Runner“ hatten, also keine Auftragsarbeit abliefern. Mit THE RUNNER kehren die beiden ehemaligen Filmstudent*innen zu ihren kreativen Wurzeln zurück, verknüpfen visuelle und klangliche Elemente, die als Kernthema Matthews‘ belastende MS-Diagnose verarbeiten. Im Vergleich zu den düster-apokalyptischen Instrumental-Interludes, die Boy Harshers Industrial-Affinität transportieren, klingen die Songs erstaunlich poppig und eingängig: „Give Me A Reason“ und „Autonomy“ mit Gastsänger Lucy aka Cooper B. Handy erinnern an 80ies-Synthiepop der OMD-und Depeche-Mode-Schule, während „Machina“, gesungen von Mariana Saldaña (Ms. Boan), ein verschollener Balearic-Disco-Track sein könnte. Die essenzielle und gewichtige Aussage von THE RUNNER erschließt sich allerdings erst in Kombination mit dem Film.

★★★ Christina Mohr

Klingt wie: OMD: DAZZLE SHIPS (1983) / Depeche Mode: SOME GREAT REWARD (1984) / The Knife: SILENT SHOUT (2006)

Grace Cummings Storm Queen

PIAS/Ato/Rough Trade (VÖ: 14.1.)

Amazing Grace! Folk-Songs mit einer unvergleichlichen Stimme voller lebenswunder Inbrunst.

Nein, natürlich kommt man hier nicht um diese lebensweise, gegerbte und geriffelte Stimme herum, die kraft ihres irren Volumens und ihrer Expressivität in der Lage zu sein scheint, ganze Meere zu teilen. War bereits Grace Cummings’ Debütplatte REFUGE COVE von 2019 ein staunenswerter Beweis ihres stimmlichen Ausdrucksvermögens, so folgt nun ihr eigenmächtiger Krönungsakt zur STORM QUEEN. Der geht auf diesem abermals in Eigenregie produzierten Album zwar nicht ohne Pathos vonstatten, doch das gesteht man Cummings nur zu gerne zu. Liegt diesen ebenso sparsam wie punktgenau instrumentierten Songs doch eine seelenwunde Inbrunst zugrunde, die in diesem Übermaß schon lange nicht mehr zu erleben war. Sei es der volltönend aus der Folk-Blüte der späten Sechziger heraus geknurrte Opener „Heaven“, die erhebend schlüssige Kombination von Grand Piano, Irish-Folk-Fiddle und Gospel-Chor in „Freak“, oder das freejazzig per Saxofon veredelte Überwältigungsfinale des Titelsongs: Mehr Vitalität, mehr Emphase, mehr Tiefe bringt im zunehmend flauschisierten kontemporären Indie-Folk kaum jemand mit. Amazing Grace!

★★★★★ Martin Pfnür

Klingt wie: Jackson C. Frank: JACKSON C. FRANK (1965) / Joni Mitchell: BLUE (1971) / Paul Kelly: POST (1985)

Mehr Vitalität, mehr Emphase, mehr Tiefe bringt im flauschisierten Indie-Folk kaum jemand mit.

Garcia Peoples Dodging Dues

No Quarter/Cargo (VÖ: 14.1.)

Slacker-Jam-Rock, der sich gemütlich im Kreis dreht, ohne ein Ziel anzusteuern.

Die Fährte zum Verbindungsalbum zwischen Indie- und Jamrock legte vor einigen Jahren Pavement-Chef Stephen Malkmus: Zusammen mit Musikern der Kölner Neu-Progger Von Spar brachte er bei einem Festival EGE BAMYASI von Can auf die Bühne. Garcia Peoples aus New Jersey nehmen diesen Faden auf, indem sie seit vier Jahren Platte um Platte heraushauen, orientiert am Versuch, Indie-Rock-Slackertum und kosmisch-rootsige Jams zu kombinieren. Das funktioniert gut. So gut, dass schnell Gemütlichkeit einzieht: Garcia Peoples sind sich ihrer Sache sehr bewusst, was den Vorteil hat, dass die Musik auf DODGING DUES wie aus einemGuss klingt. Der Nachteil: Man kann einsteigen, wo man will, das gesamte Album wirkt wie eine einzige Fläche, auf der sich Harmonien und Gitarrenlinien im Kreis drehen, ohne ein Ziel anzustreben. Wer es lieber clean mag: Der Song „Cassandra“ mit seinen klaren Folk-Strukturen ist der klare Hit der Platte.

★★★ André Boße

Klingt wie: Souled American: NOTES CAMPFIRE (1996) / Stephen Malkmus & The Jicks: REAL EMOTIONAL TRASH (2008) / Midlake: ANTIPHON (2013)

Jana Horn Optimism

No Quarter/Cargo (VÖ: 21.1.)

Die texanische Folk- Sängerin treibt die Entsättigung ihres Sounds ins Existenzielle.

Kann Musik eigentlich verschwinden, aber doch noch irgendwie da sein? Abschließend kann auch Jana Horn diese Frage nicht klären, aber sie kommt der Lösung schon erschreckend nah. Wenn die Singer/Songwriterin aus Austin, Texas, auf ihrem Debüt OPTI­ MISM, das in einer Vinyl-Kleinstauflage bereits Ende 2020 erschienen ist, eher sprechend als singend erzählt von schmerzenden Körpern, von vergeblichem Bemühen oder verlorener Liebe wie im biblisch inspirierten, epischen „Jordan“, dann puckert darunter ein kaum zu ahnender Rhythmus und die Instrumente, Gitarren oder eine Trompete wehen vorbei wie verlorene Geister. Um den Reiz einer solchen nahezu vollständigen Entsättigung eines Sounds weiß man spätestens seit den frühen Cowboy Junkies, aber bei Horn geht es weniger um die Reduktion der Lautstärke (das allerdings auch), als viel mehr um die Reduktion des Gefühls, ganz ähnlich wie bei ihrem großen Vorbild Leonard Cohen. Die Instrumentierung wirkt seltsam unbeteiligt, nahezu leblos, als wollte sie die Stimme nicht beschämen, die einen lakonischen Kontrapunkt setzt zu den existenziellen Gefühlen und ewigen Zweifeln, die in den Texten ergründet werden.

★★★★★ Thomas Winkler

Hannu Karjalainen Luxe

Karaoke Kalk (VÖ: 17.12.)

Der multitalentierte Finne begibt sich auf einen breitgefächerten Ambient-Trip. Ambient ist nicht gleich Ambient. So viel lässt sich in einer Zeit, in der diese Zukunftsmusik (zumindest in ihren besonders entspannenden Formen) längst auch in Zahnarztpraxen und Yoga-Studios angekommen ist, guten Gewissens festhalten. Hannu Karjalainen, der auch als Fotograf, Visual Artist und Filmemacher tätig ist, scheint sich diese banal anmutende Fest stellung auf seinem neuen Album demonstrativ zu Herzen genommen zu haben. Zeigt das finnische Multitalent auf den sieben Tracks der Platte, die er als Teil eines audiovisuellen Gesamtpakets veröffentlicht, doch eindrucksvoll auf, wie breit gefächert sich so etwas wie Innerlichkeit musikalisch darstellen lässt.Zwischen nachtschwarzem Drone-Gedröhne und ebenso weit geöffneten wie lichtdurchfluteten Klangräumen, zwischen kristallin perlenden Soundpartikeln und industrieller Geräuschhaftigkeit tun sich auf LUXE Ambient-Welten auf, die geradezu idealtypisch veranschaulichen, was die eigentliche Faszination dieser Musik jenseits all ihrer Wellness-Verkitschung ausmacht.

★★★★★ Martin Pfnür

Klingt wie: Thomas Köner: TEIMO (1992) / Coil: THE APE OF NAPLES (2005) / Fennesz: AGORA (2019)

Cate le Bon Pompeii

Mexican Summer/Membran (VÖ: 4.2.)

Die Waliserin verspricht große Pop-Schönheit, aber pflegt dann doch eher ihre Schrullen.

Vor drei Jahren hat Cate le Bon diese Erde verlassen. Zugegeben, schon als die walisische Musikerin noch rumpelnden Postpunk spielte, klang das weniger nach Indie- Stangenware, sondern vielmehr, als würde Kate Bush auf einem Nacht-und-Nebeltrip durch verwunschenes Unterholz über ihre eigenen Füße stolpern. Mit ihrem Album REWARD aber entschwebte sie solchen Sphären endgültig.Der lichtdurchlässige, schillernde Synthesizer sound dieser Emanzipationsplatte wabert auch durch ihre neue LP POMPEII. Wieder hängt der Himmel voller Tröten (Oder sind’s Saxofone?), wieder verspricht le Bon große, kristallglänzende Popschönheit, um schließlich doch lieber ihre Schrullen zu pflegen. Nicht unmöglich, dass sich Aliens so Ambientmusik vorstellen. Ziemlich wahrscheinlich, dass le Bon damit einen ureigenen Sound gefunden hat, der sie klingen lässt, wie sie schon immer klingen wollte. Schade aber: Viel mehr als diesen Sound hat POM- PEII nicht zu bieten. Auch wenn man gut damit beschäftigt ist, in die seltsamen Weiten ihrer Songs hineinzulauschen, wünscht man sich als simpel gestrickte Erdenbewohnerin zumindest ein Stück, das einen mitreißt wie einst etwa „Are You With Me Now?“.

★★★ Julia Lorenz

Josephine Foster Godmother

Fire/Cargo (VÖ: 28.1.)

Archäologische Sensation: Historische Folk-Aufnahmen entdeckt in einem buddhistischen Klosterkeller im Laurel Canyon!

Josephine Foster wirkte immer schon aus der Zeit gefallen. Vor anderthalb Jahrzehnten nahm die amerikanische Singer/Songwriterin die Melodien von Kunstliedern von Schubert, Schumann oder Brahms und sang darauf Gedichte von Eichendorff, Goethe oder Möricke. Schwer zu entscheiden, was damals seltsamer war: der breite Akzent, der den deutschen Reimen Kontext und Tradition nahm, oder die im Hintergrund deplatziert knarzende Gitarre. Aber die in Colorado lebende Foster muss sich nicht bei der deutschen Romantik bedienen, um barock zu klingen: Auch auf GODMOTHER versetzt einen wieder einmal allein ihre Stimme in andere Zeiten. Diese Stimme mäandert durch körperlose Melodien wie ein Geist durch Schlossgemäuer, sie weht durch die Musik hindurch, als wären die akustischen Gitarren und seltsam verhuschten Synthesizer gar nicht da. Es wabert und wallt, der Nebel legt sich auf die einzelnen Songs, die wirken wie bei archäologischen Ausgrabungen im Keller eines buddhistischen Klosters im Laurel Canyon entdeckte Aufnahmen. Melodien, die in den Himmel aufsteigen, meditative Rhythmen, die eher zum Yoga als zum Dancefloor passen, und acht Meilen hoch geht es ab in die vierte Dimension, die nicht in der Vergangenheit, aber auch nicht in der Zukunft liegt.

Die Stimme mäandert durch Melodien wie ein Geist durchs Schloss.

★★★★ Thomas Winkler

Alai K Kila Mara

On The Corner (VÖ 4.2.)

Kenia-Drums + Berlin-Techno = folkloristischer Futurismus.

„Tomorrow’s sounds, today!“, verspricht das Londoner Label On The Corner. Zwar ist dieser Claim berechtigt, aber einige der dort vertretenen Produzent*innen greifen auf musikalische Formen von gestern zurück. So auch Alai K. Der Kenianer verzahnt auf seinem Debütalbum KILA MARA furiose Rhythmen aus Mosambik oder Malawi mit pulsierenden Techno-Grooves, wie sie das musikalische Geschehen seiner Wahlheimat Berlin dominieren. Gemeinsam mit dem Perkussionisten Izo Anyanga sowie zwei weiteren Mitstreitern am Schlagwerk flicht Alai K diese disparaten Einflüsse über knapp 37 Minuten in atemlosen Tracks zusammen, die mit repetitiven Vocals garniert sind und auf unbedingte Trance abzielen. Kenianische Drums und Techno- Dramaturgien verschmelzen im fulminanten Miteinander zu einem folkloristischen Futurismus, der die Faszination alter Musik aus der Gegenwart heraus in die Zukunft führt. Ein frühes Jahreshighlight.

★★★★★ Kristoffer Cornils

Klingt wie: Mr Raoul K: STILL LIVING IN SLAVERY (2014) / Guedra Guedra: VEXILLOLOGY (2020) / DJ Diaki: BALANI FOU (2020)

Kreidler Spells And Daubs

Bureau B/Indigo (VÖ: 28.1.)

Immer gleich, immer anders klingt auch zum 25. Geburtstag der spartanische Krautrock- Industrial-Dub.

Wenn sich andere Bands ständig wiederholen, wird es irgendwann langweilig. Wenn allerdings Kreidler dasselbe tun, erst richtig spannend. SPELLS AND DAUBS entstand weitgehend wie andere Kreidler-Alben der letzten Jahre: gemeinsam jammen, separat dran werkeln, das Ganze im Studio zusammenführen, mischen lassen und an Bureau B schicken − und das Ergebnis klingt nicht zwangsläufig anders als die Vorgänger aus den vergangenen 25 Jahren, seit denen das ursprünglich in der Electricity Düsseldorf gegründete Quartett aktiv ist. Ihre Krautrock-Industrial-Dub-Assemblagen sind spartanisch instrumentiert und dezent arrangiert, entfalten ihre treibende Kraft in ihrem Verlauf. Diesen zehn Tracks wohnt ein eigenartiges, nervöses und doch hyperfokussiertes Fluidum inne − eine Form von zerstreuter Konzentration, eine Art disziplinierter Jam-Charakter, spröde und Groove-getrieben. Kreidler halt. Was John Peel einst über The Fall sagte -„They are always different − they are always the same“ -, es gilt ebenso für diese Band.

★★★★ Kristoffer Cornils

Blow Shake The Disease

Allo Floride/Bigwax (VÖ: 14.1.)

Die französische Indie-Pop-Band fährt nach der Entschlackungskur die Elektronik herunter.

Glaubt man den offenherzigen Bekundungen im Presseschreiben zu SHAKE THE DISEASE, so befanden sich Blow aus Paris nach ihrer letzten Platte VERTIGO in einer derartigen kreativen Sackgasse, dassauch ein Neubeginn unter anderem Namen nicht mehr ausgeschlossen wurde. Am Ende blieben Blow dann doch lieber Blow, fanden mit dem jungen Produzenten Crayon jedoch genau den Richtigen für einen grundlegenden soundästhetischen Neustart. War VERTIGO noch ein schön sphärisches, aber mitunter auch etwas arg glattgeschmirgeltes Synthie-Pop-Album, wirken die zwölf Songs auf SHAKE THE DISEASE tatsächlich wie eine Entschlackungskur mittels faszinierend zwingender rhythmischer Tight- und Funkyness. Speziell in der ersten Hälfte der Platte rollt, pumpt, stakkatiert und fingerschnipst hier alles auf dermaßen geschmeidige Art und Weise voran, dass man sich bei aller unterschwelliger Melancholie der Songs am liebsten direkt eine Discokugel ins Wohnzimmer hängen und lostanzen möchte. Keine Frage, besser als mit diesem wunderhübsch verglitzerten Album lässt sich der Winter- und Pandemie-Blues kaum abschütteln.

★★★★ Martin Pfnür

Klingt wie: Phoenix: UNITED (2000) / Modjo Band: MODJO BAND (2001) / Metronomy: THE ENGLISH RIVIERA (2011)

Yousef Kekhia Polylog

Kommerz/Zebralution

Von Aleppo nach Berlin: Indietronica meets arabische Musik.

Das Beste aus zwei Welten zusammenbringen, das gelingt Yousef Kekhia auf POLYLOG wirklich gut. Da wäre die arabische Musik- und Gesangskultur auf der einen und die – hier eher sphärische - elektronische Musik des Westens auf der anderen Seite. Das Zusammentreffen dieser Genres ist kein Zufall, denn Kekhia stammt aus Aleppo und kam nach seiner Flucht 2013 über die Türkei nach Berlin. Auf das erste, introspektive Soloalbum MONOLOGUE (2019) folgt nun das daran anknüpfende Zweitwerk POLYLOG, das stilistisch ziemlich genau zwischen (Middle Eastern) Folk und Electronica anzusiedeln ist. Der Song „Lan Sana“ mit seinen minimalistisch pluckernden Sounds ist ein kleiner Hit, das Stück ist vordergründig ein Liebeslied, Kekhia scheint aber auch auf seine Zeit in Syrien anzuspielen („Ich werde nicht vergessen, ich werde nicht vergessen“ lautet der Refrain übersetzt). Insgesamt arbeitet der syrische Musiker viel mit Loops und repetitiven Klängen, „Al Fajer al Kazeb“ etwa wirkt dadurch catchy, fast hypnotisch, das abschließende „Sar al Waet“ ist ein kleiner Ausreißer, es baut auf Orgelsounds und Gesang auf und ist reduzierter als die anderen Tracks. Ein wohltuendes Indietronica-Album.

★★★★ Jens Uthoff

Klingt wie: Lali Puna: FAKING THE BOOKS (2004) / Dntel: LIFE IS FULL OF POSSIBILITIES (2001) / Hundreds: AFTERMATH (2014)

Black Country, New Road Ants From Up There

Ninja Tune/Rough Trade (VÖ: 04.2.)

Das Postpunk-Ensemble legt die Manie zur Seite und entdeckt sein Talent zur Hymne.

Parallelismus: Am Tag, an dem der Autor milde enttäuscht die mutlose Best-of-Platte von Divine Comedy zur Seite legte, lag auch das neue Album von Black Country, New Road im Postfach. Schon das erste Stück „Chaos Space Marine“ besitzt alles, was Divine Comedy einmal groß gemacht hatte, diese windschiefe Barock-Grandezza, die Annahme, der abgewrackte Pier, der rostig in die Nordsee hineinragt, sei die größte Bühne der Welt. FOR THE FIRST TIME, das grandiose Debütalbum der Londoner Musiker*innen, war ein hyperaktiver Bewusstseinsstrom, in dem No-Wave, Postrock und Studentenjazz um die musikalische

Hoheit kämpften – und am Ende gewann Sänger Isaac Wood mit seinem manischen Sprechgesang. Für das zweite Album ANTS FROM UP THERE hat das Ensemble die Karten neu gemischt. Wood hat seine Manie nicht verloren, aber er singt jetzt häufiger und passt sich dabei den Strukturen der Gruppe an. Und auch die hat ihre Tonalität verändert: Alles, was kratzt und lärmt, hält sich zurück, davon profitieren Saxofon, Violine und Piano, die nun nicht mehr durch zusätzlichen Krach auf sich aufmerksam machen müssen, sondern wunderschöne Melodien spielen. Das brillante Stück „Concorde“ erinnert an den komplexen Post-Punk-Soul-Folk des unterschätzten Dexys-Midnight-Runners-Albums DON’T STAND ME DOWN, die Erinnerung an den Festivalbesuch in „Haldern“ bringt Steve Reich ins Spiel, „The Place Where He Inserted The Blade“ ist eine verkleidete Britpop-Hymne, „Snow Globes“ der Soundtrack für den Spaziergang im Neuschnee, „BasketballShoes“ ein Drama, das Arcade Fire nicht mehr hinbekommen. Was für eine großartige Weiterentwicklung!

Ein abgewrackter Pier? Die größte Bühne!

★★★★★ André Boße

Story S. 58

Tierra Whack Rap? / Pop? / R&B?

Universal

Aus eins mach drei: Statt ein Album zu veröffentlichen, schlägt die Rapperin auf drei EPs Brücken zwischen den Genres.

Der Einfluss von Rap und R’n’B auf die gegenwärtige Popkultur kann kaum unterschätzt werden: Hip­ Hop ist die weltweit bestimmende Jugendkultur, und die samtigen, bluesigen Vocals des R’n’B sind aus Pop nicht mehr wegzudenken. Überhaupt: Was ist Pop anderes als ein sich stetig veränderndes Amalgam aus den populärsten Genres? So oder so ähnlich könnte man auch Tierra Whack beschreiben: ein sich stetig veränderndes Amalgam verschiedener Einflüsse. Ihre Ursprünge liegen im Battlerap, ihre Bars zeichnen sich durch den genretypischen Humor aus, sie spielt mit Melodien und experimentiert mit Formaten – ihr Debütalbum WHACK WORLD (2018) bestand aus 15 Einminütern. Klar, dass sie kein normales Album folgen lassen konnte. Jetzt also drei EPs, die jeweils mit einem anderen Genre spielen, Rap, Pop und R’n’B. RAP? beginnt gleich groß mit dem staubtrockenen „Stand Up“, auf POP? tragen „Lazy“ und „Dolly“ fast schon countryeske Züge, während R&B? in satten, sehnsüchtigen Vocalarrangements badet. Am stärksten sind die EPs aber jeweils, wenn Brücken zu den anderen Genres geschlagen werden, besonders „Body Of Water“ auf POP?, das eher an den exaltierten Rap-Pop-Mix von Vorbildern wie Outkast erinnert, und Whack gleich beide Rollen von André3000 und Big Boi einnimmt. Tierra can do it all!

★★★★ Aida Baghernejad

Asbjørn Boyology

Embassy of Music (VÖ: 1.10.)

Der dänische Ex-Berliner feiert den Pop queer zwischen Troye Sivan und NSYNC.

Boyology klingt auch nach einem spannenden Schulfach. Lana DelRey („Music To Watch Boys To”) oder Lady Gaga („Boys Boys Boys“) hätten sicher vieles beizutragen – oder eben Asbjørn, der 29-jährige Däne, in den spätestens 2015 nach seiner Artpop-Debütplatte PSEU-DO VISIONS das halbe schwule Berlin, wo er damals lebte, verliebt war. Inzwischen hat er die Stadt gebrochenen Herzens verlassen. Zurück im Staate Dänemark legt er nun, krasse sechs Jahre später, seine zweite Platte vor. Und da es um Boys Boys Boys geht, legt Asbjørn auch schon im Opener los wie die amtliche Boygroup NSYNC anno dazumal, um in Erinnerungen an sein schwules Frühlingserwachen als Teenager zu schwelgen. Die Zeitreise, klanglich wie lyrisch, hat sicher auch damit zu tun, dass da so manche Traumata begründet sind, die ausgegraben und dann weggetanzt werden wollen. „Do you wanna be my ex boyfriend“, fragt Asbjørn später den Typ, der heiß genug ist, um mit ihm „Jurassic Park“ zu gucken – ein Tanzbodenknaller, bei dem man kaum Nein sagen kann, auch wenn’s doch traurig sein sollte, der Ex zu werden. Bei „Young Dumb Crazy“ haben wir Neunziger und Millennium hinter uns gelassen; der Track klingt eher so, als hätte Asbjørn Ambitionen, der europäische Troye Sivan zu werden. Insgesamt tastet Asbjørn sich und uns auf der Platte, getarnt im Pop-Pelz, an genderstrudelnde Geschlechterfragen heran – am pointiertesten vielleicht, wenn er klarstellt, dass er kein Mann, keine Frau, sondern schlicht menschlich sein will. Die Frage, wann ein Boy ein Boy oder ein Mann ein Mann ist,hat sich dann ja fast erledigt. Also Kopf aus und den Rest der Nacht mit Asbjørn dänisch dancen, bis wir wegschmelzen wie Häagen-Dazs.

★★★★ Stefan Hochgesand

The Wombats Fix Yourself, Not The World

The Wombats/Rough Trade (VÖ: 14.1.)

Der Zeitgeist ist auch an den einstigen Indie-Disco-Favoriten nicht spurlos vorübergezogen.

„Fix Yourself, Not The World“, „PeopleDon‘tChangePeople,Time Does“, „Work Is Easy, Life Is Hard“ The Wombats sparen auf ihrem sechsten Album nicht an Kommata, Ratschlägen und Aphorismen. Auch bei der Produzentenwahl war das Trio großzügig: Immerhin vier verschiedene durften jene Songs formen, die die Bandmitglieder unabhängig voneinander in L. A., London und Oslo aufnahmen. Und das hört man, ebenso wie die Tatsache, dass besagte Producer schon an Charts-Hochkarätern wie The Killers und Dua Lipa feilten. Zwar haben die Herren Murphy, Haggis und Knudsen den Indie-Rock-Club der Nullerjahre noch nicht komplett hinter sich gelassen und ihren sicheren Sinn für Ohrwürmer behalten. Doch sind Synthesizer und Disco-taugliche Basslines heutzutage prominente Akteure im Wombats- Sound, kanalisiert Murphy falsettierend seinen inneren Bruno Mars und platzt „If You Ever Leave, I’m Coming With You“ – das Streaming-Zeitalter lässt grüßen! – umgehend mit einem Refrain los, den auch die Killers nicht hymnenhafter hingekriegt hätten. Dann wiederum fischt die Band in psychedelischen Gewässern und jazzt sich im interessantesten Stück der Platte, „Method To The Madness“, vom gechillten Quasi-R’n’B zum großen Gitarren-Finale hoch. So gelingt der Brückenschlag zwischen 2008 und 2021 dann doch noch respektabel − trotz des stellenweise überreizten Pop-Blattes.

Es wird nicht gespart an Kommata.

★★★★ Nina Töllner

Liz Mona Liza

Bleibe Echt/ 61 Entertainment/ Universal (VÖ: 21.1.)

Empowerment mit Schlagring: Die Fankfurterin dreht Straßenrap-Klischees auf weiblich.

Straßenrap ist eine Männerdomäne. Auf eine Schwesta Ewa kommen zwanzig Azads, Haftbefehls, Xatars, Bushidos, Celos und Abdis. Die Kernthemen des Genres sind immer wieder Kleinkriminalität, Drogen ticken und konsumieren, Gewalt, Sex und immer öfter auch, spätestens seit dem Erfolg von Haftbefehl, Depressionen im Ghetto. Genau mit diesen Erzählungen ist Liz aufgewachsen, ihre Mutter spielte Straßenrap als Frankfurter Antwort auf klassische Wiegenlieder. Heute ist Liz Mitte 20 – und dreht die Sujets der Straße ins Weibliche. Ein Tape und eine Handvoll Singles schürten schon den Hype, nun möchte sie mit ihrem Debüt MONA LIZA beweisen, dass sie mehr kann als nur Strohfeuer. Neben harten und manchmal auch herrlich lustigen Ticker- und Drogen-Elegien wie „Bruder Yallah“, „Kripos im Park“ oder „Bunte Pillen“ klingen auch sanftere Töne an, zum Beispiel beim emotionalen Closer „Mama“. Liz macht rabiates Empowerment, das vielleicht nicht gerade vorbildhaft ist, aber dem oft doch sehr klischeebehafteten Straßenrap eine neue, unerwartete Note hinzufügt. Kein Wunder, dass gleich drei der größten Namen im Genre ebenfalls vorbeischauen und sich mit der nächsten großen Straßenrap-Queen zeigen: die kürzlich aus dem Knast entlassene Schwesta Ewa unterstützt die Nachwuchskünstlerin ebenso wie Celo & Abdi, die großen Brüder aller Frankfurter*innen.

★★★★ Aida Baghernejad

Hotlist S. 35

Tara Nome Doyle Værmin

Modern Recordings /Warner (VÖ: 28.1)

Die Berlinerin verpackt ihre Oden an garstiges Getier in dramatisch-emotionalen Kammerpop. Gleich zwei Songs über Schnecken und zwei über Blutegel: Die irisch-norwegisch-Berliner Musikerin Tara Nome Doyle feiert auf ihrem neuen Album zu Unrecht als „Ungeziefer“ (VÆRMIN) verunglimpfte Insekten, Spinnen oder Krähen. Damit reiht sie sich in die noch recht junge Tradition ökologisch bewusster Biodiversity-Kunst ein – siehe/höre z.B. Dominik Eulbergs jüngste Bücher und Platten −, und feilt weiter an ihrem eigenwillig-außergewöhnlichen Songwriting, das ihr schon Kooperationen mit Kat Frankie, Die Nerven und Malakoff Kowalski bescherte. Doyles Kompositionen basieren auf Klavier und ihrem spektakulären, intensiven Gesang, der von sanftem Hauchen bis zur überwältigenden Kopfstimme variiert. Die Melodien entwickeln sich langsam, bauen sich wie in „Snail I“ zu einem wahren Tower of Song auf, der die anfängliche Melancholie in erhebende Energie verwandelt. Wobei ihr Entrücktheit fern liegt, Doyles kammermusikalischer Kosmos ist durchlässig und konkret zugleich. Instrumente wie Cello, Geige, Schlagzeug und Synthesizer fügen immer neue Klangfarben hinzu, illustrieren die besungenen Tiere. „Moth“ zum Beispiel ist ein dunkles, dramatisches Chanson, in dem Doyles Stimme in tiefsten Tiefen vibriert, während das leichter arrangierte „Worms“ vorsichtig ans Licht zu streben scheint. Weird und schön.

★★★★ Christina Mohr

Dvr Dirty Tapes EP

XL/Beggars /RoughTrade (VÖ: 14.1.)

DIY-Schrammelpop straight outta Schlafzimmer mit der großen, weiten Welt im Blick.

Wie ein Heiliger König dem Stern von Bethlehem hechtet Dillon van Rensburg, der als Künstlername das Akronym Dvr gewählt hat, im Video zu seiner neuen Single „Lowlife“ einer Art intergalaktischem Schleim hinterher – bis er letztlich sich selbst findet. Dabei durchläuft der Schotte eine Welt aus Pappkameraden – ob Pulps „Disco 2000“ Pate gestanden hat? Unwahrscheinlich, Dvr kam erst zehn Jahre nach dessen Videopremiere zur Welt. Wem er auf seinem Spurt auch immer wieder begegnet, dazu in allen (un)möglichen Inkarnationen, ist der namhafte Produzent des Songs, US-Star Kenny Beats. Doch der ist eher Assistent als Mentor. Dvr kann eigentlich alles, was er braucht, selbst: singen (gerne über seinen Seelenzustand, wobei das von Dave Grohl und Tyler, The Creator beeinflusste Wunderkind nie Gefahr läuft, in Emo-Abwasser zu platschen), schrammeln, Beats bauen. Das klingt oft wie die Stücke auf Blurs gleichnamigem Album von 1997, die nicht „Song 2“ sind, und dementsprechend: großartig. Dvr wird seinen Weg machen und dabei nicht nur sich, sondern auch die Welt finden.

★★★★ Stephan Rehm Rozanes

Hotlist S. 37

Maya Shenfeld In Free Fall

Thrill Jockey/Indigo (VÖ: 28.1.)

Die Berliner Newcomerin würzt ihren in Slowmotion durch die Zeit fallenden Ambient experimentell mit Glitter und Twang.

Manchmal, wenn man über Wagner und Gender philosophiert, schreibt man halt ein Stück namens „Body, Electric“ in der klassischen Sonatenform – zumindest wenn man Maya Shenfeld heißt, die in der Berliner Ambient-Szene (ja, die existiert) spätestens seit ihrer Amplify-Residency unter der ebenfalls unbedingt hörenswerten Mentorin Caterina Barbieri als eine der relevanten jungen Stimmen wahrgenommen wird. IN FREE FALL heißt nun ihr Debütalbum und fühlt sich wahrlich nach einem Slowmotion-Fall durch die Zeit an, bei dem Maya Shenfeld immer wiederÜberraschungen gelingen mit ihren Synthesizern. Ihre Musik ist nicht plump aufmerksamkeitsheischend, aber auch kaum je vorhersehbar, pardon, vorherhörbar. Meditativ ist das oft schon, aber mit Mikrodissonanzen. Und oft muss man sich fragen, wie Maya Shenfeld bestimmte zauberschöne Sounds (etwa dieses synästhetische Glitzern oder diesen einen sehr speziellen Twang) aus ihren Synthesizern rausgekitzelt hat. Insgesamt lässt sich auf der Platte übrigens, bei allem Experimentier-Esprit, auch eine Klangverwandtschaft mit japanischem Ambient der 80er raushören − was will man mehr.

★★★★ Stefan Hochgesand

Klingt wie: Vangelis: BLADE RUNNER (1982) / Max Richter: THE BLUE NOTE-BOOKS (2004) / Pauline Anna Strom:ANGEL TEARS IN SUNLIGHT (2021)

Korn Requiem

Concorde/Universal (VÖ: 4.2.)

Anflug von Altersmilde? Die Nu- Metal-Pioniere verzieren die alte Teenage Angst mit Melodien.

Während für manch einen Korn nie viel mehr waren als die Dudelsack- Version von Nine Inch Nails, sehen andere in der Band aus dem kalifornischen Bakersfield eine generationsprägende Macht, die von den Mittneunzigern bis zur ersten vollendeten Millenniums-Dekade die härtere musikalische Landschaft entscheidend mitgestaltet hat. Glaubt man dem Begleitschreiben, hat das aktuelle, vierzehnte Album von dem Plus an Zeit, welches die Pandemie-bedingte Live-Pause mit sich gebracht hat und das nun in die analoge Albumproduktion gesteckt werden konnte, profitiert. Und tatsächlich wirken Songwriting, dynamische Details und auch die Darbietung der neun Stücke fokussierter, durchdachter und erwachsener. Die autoaggressiven Elemente und Wutausbrüche zugunsten Pop-affiner Hooks („Let The Dark Do The Rest“) weitgehend zurückschraubend, ist REQUIEM bezüglich memorabler Refrains – man höre nur „Disconnect“ – nämlich überraschend näher an den zweiten großen Korn-Vorbildern, Faith No More, als man von dem abzüglich des Ur-Schlagzeugers seit zehn Jahren wieder in Originalbesetzung operierenden Quartetts heute noch erwartet hätte. Und auch wenn sich die Musik nicht mehr allein durch Boller-Riffs definiert, ist die ewige Triebfeder Teenage Angst auch auf REQUIEM evident – zumindest textlich. Inwieweit das alten Anhängern schmeckt, bleibt abzuwarten, aber der Melodien-Mut steht der Band nicht schlecht.

★★★ Frank Thiessies

Fokussierter, durchdachter, ja erwachsener

Alicia Keys Keys

RCA/Sony

Cocktails im Bademantel oder Vollbad zu vorgerückter Stunde? Neo-R’n’B für jede Gelegenheit. Nach ALICA jetzt KEYS, visualisiert mit Schlüssellochbühnenbild, Schlüsselsymbol und gigantischem Vorhängeschloss als Ohrring. Thema ausgereizt? Nicht ganz, Joan Armatrading ließ 1983 den Schlüssel auf ihrem Album THE KEY in Silbermetallic auf die Pappe stanzen. Diese dritte Dimension braucht man im Streaming-Age nicht mehr. Was zur Musik führt: Die dritte Ebene fehlt auch den ersten Tracks des achten Album des Superstars. Das Album beginnt mit einem vollmundigen Pianolauf, Alicia Keys’ Markenzeichen. Dann startet „Plentiful“, halb Neo-Soul, halb HipHop. Nach fürs Streaming optimierten 3:09 Minuten ist der Song vorbei, zum Eingrooven fehlt die Zeit, das Timing macht den Track kaputt. Beim zweiten Lied „Skydive“ passiert das Gleiche, es läuft unmotiviert aus, als habe jemand den Stecker gezogen. Aber KEYS bekommt die Kurve: Das Barjazz-Stück „Is It Insane“ beginnt mit Vinylknistern,„Billions“ interpretiert Neo-R’n’B kosmisch, „Nat King Cole“ ist eine perfekte Hommage – Musik fürs Vollbad zu vorgerückter Stunde. Konzipiert ist KEYS als Doppelalbum, alle Songs sind in zwei Versionen zu hören, als „Originals“ sowie in ungezügelteren „Unlocked“-Versionen, die klingen, wie Cocktails im Bademantel wirken.

★★★★ André Boße