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KRIEG DER STERNE


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musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 09.06.2022
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Bildquelle: musikexpress, Ausgabe 7/2022

WAS KOMMT RAUS, WAS KOMMT REIN

2001 war es, als Schalke 04 mal vier Minuten und 38 Sekunden lang Deutscher Meister war, bevor dann doch wieder die Bayern ... So, wie ganz Gelsenkirchen damals am Boden zerstört war, so wird es wohl jetzt auch Sault gehen, denn die waren sogar eine knappe Woche lang hier bei uns nach gewonnener Abstimmung als Platte des Monats geführt, bevor dann Kendrick Lamar sein neues Album droppte, die Juror*innen eine Zusatzschicht einlegen mussten, und MR.

MORALE & THE BIG STEPPERS sich doch tatsächlich in letzter Sekunde den Titel sichern konnte. Im Fußball gibt es Unentschieden, und wir hätten ja gerne zwei Alben zu Platten des Monats gekürt, aber im Popbiz geht’s bekanntlich härter zu als im Profisport, im Battle-Rap gibt’s kein Remis, und als Trostpflaster bekommt Sault die Silbermedaille und eine extra lange, als Rezension getarnte Lobeshymne. Und das völlig verdient, ...

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... meint

Der Plattenmeister

Sault

Air

Forever Living Originals

Mit Hilfe eines Chors buchstabiert Inflo sein Black-Music-Projekt in luftigen Höhen neu.

Nein, eine Überraschung ist das nicht mehr, wenn Sault jetzt ohne Ansage ein neues Album herausgebracht haben (Numero sechs in den letzten drei Jahren), weil es zum Selbstverständnis des Projekts gehört, Veröffentlichungen aus der Hüfte zu schießen, ohne werbliche Mitteilungen, Interviews und Internetauftritte. Und doch ist der Surprise-Effekt auch diesmal wieder auf Seiten von Sault, der Online-Buzz funktioniert so ohne alle Zusatzinformation umso besser: Was würden die Musiker*innen nach ihren Brücken schlagenden, transzendierenden Black-Music-Erkundungen an den Start bringen können auf einem Album, dessen Cover nun das Wörtchen AIR als Streichholzkomposition zeigt?

Diese Platte ist weit mehr als die früheren das Werk und die Vision des Songwriters und Produzenten von Dean Josiah Cover alias Inflo. Seine leicht mäandernde Vorgeschichte – er produzierte die Kooks, Michael Kiwanuka, Jungle und Little Simz, war Co-Autor auf dem Adele-Album 30 – vermag für diesen jetzt so gewaltigen Soundschritt am Ende keine Erklärung zu liefern. Inflo verlässt den eh schon fluiden Status des Unternehmens Sault und buchstabiert seine Ideen in luftigen Höhen neu. AIR fächert sich jetzt wie ein (fast) wortloses Kaleidoskop an Orchester- und Chormusiken auf, scheinbar weit entfernt von den sich gesanglich offenbarenden Sault-Musiken der Black-Lives-Matter-Ära.

Hier gibt es sieben neue Tracks, in denen ein Chor (Music Confectionery Choir) die Rolle übernimmt, die sonst eine ganze Band innehat, flankiert von Streichern (das Ensemble Wired Strings) und Blasinstrumenten. Das für den Merkzettel: Auf 45

Minuten Spieldauer kommt AIR ohne Beats und ohne Strophe/Refrain aus.

Ein Rückgriff auf die europäische Klassik der alten weißen Männer ist das dennoch nicht, Inflo folgt den spirituellen Klangreisen gerade afroamerikanischer Künstler*innen, er schreibt sie fort in einer Art Soundtrack, in dem sich ein großes Sault-Thema auf einem abstrakteren Level wiederfindet: die Feier der Blackness. Echos von Alice Coltranes Epik, Anklänge an die emotionalen Kompositionen des wiederentdeckten Grenzüberschreiters Julius Eastman ziehen durch die orchestralen Architekturen. In „Luos Higher“ sind Saiteninstrumente zu hören, die mit den Luo People in Kenia und Tansania in Verbindung zu bringen sind. Das 12-minütige „Solar“ im Zentrum der Platte führt zu Tonfolgen, die wir auch in Hector Zazous GÈOGRAPHIES (1985) suchen könnten.

AIR ist eine Einladung zum Einstieg in einen Kosmos, der sich jenseits des bekannten Kosmos ausdehnt.

So entsteht wieder ein Bündel an Linien, die Orte und Zeiten durchkreuzen – und die dazugehörigen Erfahrungen von Blackness. Trauer, Freude und Wut finden in diesem Werk für Sault neue Ausdrucksformen, überhöht und in Klangtiefen eingeschrieben im selben Moment.

Zur Entdeckung freigegeben sind aber auch die romantisierenden Momente im Titeltrack, die sich vortrefflich in die ruhigen Lieder der WEST SIDE STORY einmontieren ließen. Es ist eine Aufbruchsstimmung, die AIR in seiner Vielfalt definiert: ein manchmal hymnisches, oft leichtes, dann wieder aufbrausendes, verspieltes Irgendwie-auch-Neoklassikwerk, das die knappe Botschaft von „Time Is Precious“ - „the only time you’ve got here“ - gewissermaßen in Klang setzt.

Jetzt und hier etwas zu riskieren, von dem wir noch nicht genau wissen, was es bedeutet. Eine Einladung zum Einstieg in einen Kosmos jenseits des bekannten Kosmos, in die Ausdehnung des Bewusstseins, ganz ähnlich, wie Brian Wilson sie 1967 für SMILE formuliert hat.

★★★★★ Frank Sawatzki

Klingt wie: Alice Coltrane: LORD OF LORDS (1972) /Julius Eastman: FEMENINE performed by S.E.M. Ensemble (1974) / Hector Zazou: GÉOGRAPHIES (1985)

Jasmyn

In The Wild

Anti/Indigo

Die ehemalige Weaves-Sängerin knallt uns fluffigen Indie-Rock vor, der sich von der Magie der Natur mitreißen lässt.

Jasmyn Burke wollte mehr Platz zum Atmen haben. Und so verließ sie 2020 erst ihre acht Jahre zuvor gegründete Band Weaves und danach auch noch Toronto. Die Kanadierin nennt sich von nun an Jasmyn und ist jetzt am Ontariosee beheimatet. Zwei riesige Schritte, die ihrer Meinung nach dringend gemacht werden mussten. Damit die Singer/Songwriterin wieder richtig Luft bekommt. Sich weniger vom Stadtlärm und dem beständigen Tour-Alltag stressen lassen muss.

Jasmyn traute sich raus aus den bekannten Clustern und nahm die Ungewissheit freudig in die Arme.

Auf ihrem Solodebüt hören wir also eine Art Introspektion, ihren Blick ins Satt-Grüne. Sie verbindet ihre Gedanken mit dem, was sie in der Natur entdeckt – und entwickelt daraus Hymnen aufs Sein, in denen ihre Stimme immer das nach vorne treibende Element ist. Wer hätte gedacht, dass inmitten der Corona-Pandemie so eine Indie-Rock-Feierei entstehen kann. Zusammen mit dem Produzenten John Congleton hat sie eine dermaßen dichte und gleichzeitig locker wirkende Soundlandschaft erwachsen lassen, dass es einen umhaut.

Die elf Stücke stecken aber auch voller zwischenmenschlicher Momente, die sie in ihrer Komplexität mithilfe von watteweichen Melodien und ein bisschen Spiritualität aufzubrechen weiß.

★★★★ Hella Wittenberg

Radar S. 21, CD im ME S. 3

The Smile

A Light For Attracting Attention

XL/Beggars Group/Indigo

Die Radiohead-Masterminds Yorke und Greenwood finden auf Art-Rock-Abwegen ganz zu sich.

Es ist ja nicht so, dass es im Hause Radiohead an interessanten Nebenschauplätzen mangelt. Die Solo-Electronica Thom Yorkes und seine Supergroup Atoms For Peace, die Filmmusik Jonny Greenwoods, oder auch die Alleingänge von Ed O’Brien und Phil Selway. Und doch sind das aus der pandemischen Leere heraus geborene Trio The Smile und sein Album A LIGHT FOR ATTRACTING ATTEN-TION nun noch mal eine ganz andere Nummer. Noch nie zuvor fanden Yorke und Greenwood jenseits ihrer Hauptband zusammen. Und nie zuvor waren sie auf eigenen Abwegen näher dran an ihr, was allein schon die elaborierte Bläser-Veredelung eines unveröffentlichten Radiohead-Stücks wie „Skrting On The Surface“ beweist. Gleichzeitig aber liegt vielen der 13 Songs auch ein erfrischendes „Fuck it!“ zugrunde.

Wie konnte etwas so Schönes so lange liegen bleiben?

Wie anders lässt sich sonst erklären, dass diese beiden Meistertüftler hier mit Tom Skinner von den Sons of Kemet ihren selbstauferlegten Innovationszwang als Teil der weltgrößten (Art-)Rock-Band hinter sich lassen, um einfach mal zu tun, wonach ihnen der Sinn steht. Und so führen sie einen vom filigran elektrifizierten Aufruf zur Überwindung gesellschaftlicher Gräben in „The Same“ und der streicherverhangenen Solidarisierungs-Ermunterung „Free In The Knowledge“ durch alles, was Druckabbau und Geborgenheit bereithält. Vom proto-punkigen „You Will Never Work In Television Again“, zu mal polyrhythmisch verwinkeltem („The Opposite“), mal exzessivem („Thin Thing“), mal transzendierendem („A Hairdryer“) Kraut- und Prog-Rock. Oder auch vom nachtschwarz herunterskeletierten Postpunk von „We Don‘t Know What Tomorrow Brings“ zu einer alten Radiohead-Ballade wie „Open The Floodgates“, bei der man sich schon fragen kann, wie so etwas unfassbar Schönes überhaupt liegen bleiben konnte. „We absorb you“, verkündet Thom Yorke darin, während der Song noch einmal seine ganze Magie entfaltet. Und magisch ist genau das, was sie hier ein Album lang mit einem machen.

★★★★ Martin Pfnür

Live S. 92

Raison

So viele Menschen wie möglich

Buback/Indigo (VÖ: 17.6.)

Geisterhafte Agit-Prop-Reduktion, die die aktuelle linke Verunsicherung auf den Punkt bringt.

Egal, wie man Raison einordnen möchte – Allstar-Projekt oder doch eher Covid-geschuldete Reduktion –, die politische Stoßrichtung ist die zu erwartende.

Schorsch Kamerun, PC Nackt und Mense Reents schauen mit SO VIELE MENSCHEN WIE MÖGLICH nicht nur von links auf diese Welt, in der sich gerade solche Kategorien wie Links und Rechts verschieben, sondern wollen – ganz im Marx’schen Sinne – die Verhältnisse auch verändern. Folgerichtig die Wahl der Coverversion „Allein machen siedichein“, der Aufruf an die Unzufriedenen, sich zu organisieren, um etwas erreichen zu können. Aber – und hier kommt dann doch die Überraschung – aus dem schunkelnden Ton-Steine-Scherben-Klassiker wird ein Requiem, das nahezu stillsteht, ein spartanisch instrumentierter Abgesang.

Goldene-Zitronen-Mastermind Kamerun dürfte kaum jemals weiter entfernt gewesen sein vom Punk, nur manchmal scheint sein Theaterbackground durch, und auch die Gäste wie Sophia Kennedy oder die Schauspielerin Yodit Tarikwa

CALEXICO hört gerade:

JOEY BURNS

Lhasa de Sela — Con Toda Palabra (2003)

Bomba Estéreo — Soy Yo (2015)

Kevin Morby — Wander (2020)

Camilo Lara and Gaby Moreno — Yemayá (2020)

Lido Pimienta with Li Saumet — Nada (2020)

XTC — Dear God (1986)

JOHN CONVERTINO

Sarah Vaughan — Black Coffee (1949)

Chico Hamilton — Blue Sands (1955)

Thelonious Monk — Reflections (1959)

The Rolling Stones — Wild Horses (1971)

können nicht verhindern, dass die Reduktion regiert. Fast geisterhaft wirkt diese Musik, zweifelnd, vorsichtig sich durch den Nebel der Gegenwart tastend, als wollten die Songs wie „Aktien undEffekte“oder „Schöner Moment ohne Rassismus“, die schon im Titel nahezu alles erzählen, wenn schon nicht die linke Haltung generell, aber doch ihre eigene Selbstsicherheit hinterfragen. Ein Album, das die Verunsicherung in linken Kreisen brillant auf den Punkt bringt, ohne sie ausdrücklich zu thematisieren.

★★★★★ Thomas Winkler

700 Bliss

Nothing To Declare

Hyperdub/Cargo

Die Tracks des Experimental-Hip-Hop-Duos kleben auf dem Boden eines Clubs am Morgen danach.

Wer schon einmal in seinem Leben am frühen Morgen am pappigen Fußboden eines kleinen Clubs horchte, kennt diesen Sound: Der Bass vibriert noch in der Erde, ein entferntes Echo der letzten Stunden. Aus diesen Tönen haben 700 Bliss die sechzehn Tracks ihres Debütalbums NOTHING TO DECLARE geformt. Das Duo aus Philadelphia vermischt so HipHop und Noise, Clubsound und Installation, Dub und Experimental. Stücke wie „More Victories“ walzen tieffrequentiert durch den Raum, selbst in lockeren Momenten wie beim Einsatz von Auto-Tune in „Lead Level 15“ drückt es alles nach unten. DJ Haram und Moor Mother lassen in den wenigsten Fällen überhaupt so etwas wie den Ansatz einer Melodie zu. Jeder Beat auf NOTHING TO DECLARE klebt auf diesen Sounds.

Karge Struktur und Energie machen sowieso viel mehr her für diesen Ansatz. Was dieses Album unfassbar anstrengend macht. Auch aufgrund Moor Mothers oft monotonen Lyrics. NOTHING TO DECLA-RE ist Arbeit. Für das Publikum. Und wenn dann mal in „Anthology“ so etwas wie ein tanzbarer Rhythmus abfällt, pulsiert da nur Antimaterie im Raum. „I feel like dancing“, haut Moor Mother dazu raus, aber NOTHING TO DECLARE zielt auf die Schockstarre. Reicht ja, wenn sich beim Hören zwischen den Ohren genug bewegt.

★★★ Björn Bischoff

4 FRAGEN AN KATIE GAVIN

„Silk Chiffon“ will ein Song sein, zu dem queere Jugendliche küssen können. Welche Musik hat euch selbst Heimat gegeben, als ihr jung wart?

Wir hatten als junge Menschen nicht den gleichen Musikgeschmack, aber es gibt schon viele Überschneidungen: Frou Frou, Six Pence None The Richer, Imogen Heap, Joni Mitchell, Destiny’s Child, Madonna, Fleetwood Mac oder Tegan And Sara. Es war damals natürlich viel schwieriger, erfolgreiche queere Künstler*innen zu finden, aber wir fühlten uns alle Musik verbunden, die von Sehnsucht handelte oder vielleicht komplizierte Geschichten von unerwiderter Liebe erzählte, denn das fühlt sich sehr queer an.

Verändert es deine Perspektive auf das Leben, glücklich klingende Songs, zu schreiben – oder ist es eher andersrum?

Intuitiv wollte ich sagen, dass ich glücklichere Songs schreibe, weil sich meine Perspektive schon gewandelt hat und dass sich das in den Songs ausdrückt, aber ich glaube, es funktioniert auch andersherum. Manchmal schreiben wir hoffnungsvolle Songs, die dann am Ende unsere neuen Erfahrungen prägen. Ein fröhliches Lied immer wieder zu singen oder eins, das mir zugewandt ist, hat einen kumulativen Effekt auf mich und hilft mir, die Veränderungen zu leben, die ich machen will.

Hat die Arbeit mit Saddest Factory eure Herangehensweise beeinflusst?

Es ist künstlerisch befreiend, weil sie uns sehr vertrauen und wir ihnen auch. Und es ist sehr angenehm, mit einem Team zu arbeiten, zu dem viele Frauen und queere Personen gehören.

Welche Rolle spielt eine intersektionale Perspektive für eure Musik?

Uns ist es wichtig, dass sich jede*r gehört fühlt und sich vom Projekt erfüllt fühlt. Jede*r soll sich mit einem Song wohl fühlen, wenn wir den konkret ausarbeiten. Ich schreibe oft Texte über mein Leben und meine Erfahrungen, aber wir machen aus einem Demo nur einen richtigen Song, wenn sich auch Jo und Naomi damit verbunden fühlen, was ich singe. Ich glaube, dass dieser Schritt im Prozess hilft, Alben zu schaffen, die Menschen verschiedener Hintergründe ansprechen.

MUNA MUNA

Saddest Factory /Cargo (VÖ: 24.6.)

Das kalifornische Electro-Pop-Trio schreibt seine queeren Hymnen nun fürs Indie-Hitradio.

Sensation: Phoebe Bridgers lacht! Freut sich die Fangemeinde der notorischen Melancholikerin. Grund für die gute Laune ist ein Videodreh ihres Label-Signings MUNA, deren drittes Album nun bei Saddest Factory erscheint. „Silk Chiffon“ heißt die Single, eine Hommage an den in queeren Kreisen kultigen 1999er Film „But I’m A Cheerleader“, der auf Deutsch unergründlicherweise „Weil ich ein Mädchen bin“ heißt und satirisch die triste Realität von homofeindlichen Umerziehungscamps ins Visier nimmt. Im Clip führt die Heten-Propaganda bald in eine polyqueere Orgie. Musik, zu der queere Jugendliche erste Küsse haben, will MUNA spielen, „Silk Chiffon“ ist allerdings begehrensübergreifend ein unverschämter Ohrwurm, ganz großes Indie-Hitradio. Auch MUNAs Lachen ist eine Sensation: Waren die ersten beiden Alben des kalifornischen weiblich-nonbinären Trios eher düsterer Electro-Pop, der queere Lebensrealitäten fasste und ausgegrenzten Identitäten selbstbewusste Hymnen gab, ist MUNA nun ein unapologetisches Pop-Album voller Hits, die eher die Vibes von Avril Lavigne verbreiten als die Altherrren-Retromanie von Metronomy. Oder Phoenix mit einem Hauch R’n’B-Sensibilität. Natürlich sind MUNA weiterhin Fackelträger*innen des Teams Nicht-Hegemonial, aber das Album MUNA zielt ganz eindeutig nicht mehr nur auf den Komfort der Nische, sondern auf weltumspannenden Pop. Ist das schon die Sommerplatte des Jahres!?

★★★★ Steffen Greiner

Das Paradies

Transit

Grönland/Rough Trade

Bassklarinette, Posaune, Saxofon: Ein Blechbläser-Ultra designt einen Indie-Irrgarten.

Es klingt wirklich verheißungsvoll: Ein einzelner Mann ist Das Paradies. Florian Sievers hat sich dieses strahlende Alias übergestreift und nach GOLDENE ZUKUNFT, dem Debüt von 2018, öffnet sein persönlicher Garten Eden nun zum zweiten Mal die Pforten. Sievers lässt die Hörer*innen darin durch einen Indie-Songwriter-Irrgarten wandeln. Verspulte Zartheit und exaltierte Umwege prägen die Stücke, alles scheint erst mal sehr zugänglich, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Das Paradies will erschlossen werden oder zumindest nicht einfach nur wegkonsumiert. So prägnant einzelne Zeilen sein mögen, so bleibt die tatsächliche Bedeutung der Texte stets verrätselt. Das Spiel mit den Ebenen führt die Musik fort. Das ist außergewöhnlich liebevoll, immer detailreich und an vielen Stellen ergänzt um Bläsersätze (arrangiert von der Jazzmusikerin Antonia Hausmann) und unterschiedliche Instrumente.

Ein hintergründiges Album für alle, die sich mit der Max-Giesinigerisierung des deutschsprachigen Autoren-Pop nicht abfinden. Wieso auch – wenn es solche Platten gibt?

★★★★ Linus Volkmann

Story S. 17, CD im ME S. 3

Touching Box

What Nothing

Reckless Yes/Cargo (VÖ: 17.6.)

Spröder Minimal-Pop für Fans von Beat-Lyrik und 80er-Jahre-Computerspielen.

„What are you thinking? – What? Nothing.“ Es ist eine dieser Konversationen, die in angespannter Zweisamkeit entstehen. Tatsächlich haben Josepha Conrad, auch unter dem Namen Susie Asado aktiv, und Robert Kretzschmer,

Aus elektronischen Sounds, akustischen Klängen und Field Recordings baut Birch Welten, die ebenso detailreich wie liebevoll ausstaffiert sind.

Sofie Birch

Holotropica

interCourse

Die dänische Komponistin produziert ganzheitlichen, aber nicht esoterischen Ambient.

Gleichermaßen leicht zu ignorieren wie interessant solle Ambient zumindest laut dem Gründungsdokument des Genres sein: Brain Enos Liner Notes zu AMBIENT 1: MUSIC FOR AIRPORTS. Interessant ist die Musik von Sofie Birch allemal, leicht zu ignorieren aber nicht. Die dänische Komponistin hat sich in den vergangenen fünf Jahren als genauso hyperproduktiv wie einfallsreich erwiesen und mit jedem ihrer vier Solo-Alben kleine Universen erschaffen. HOLOTROPICA entstand während einer Schwangerschaft aus einem Wunsch nach Ganzheitlichkeit heraus, verliert sich indes selten in esoterischen Gesten. Stattdessen erinnern die acht Stücke bisweilen an die immer schwer von Ambient abzugrenzende Traditionslinie der Fourth-World-Music eines Jon Hassells bis hin zu neueren Interpretationen des Konzepts durch RAMZi und andere. Im Miteinander von elektronischen Sounds, akustischen Klängen und Field Recordings baut Birch diskrete Welten auf, die ebenso detailreich wie liebevoll ausstaffiert sind. Nicht zu ignorieren.

★★★★ Kristoffer Cornils

Schlagzeuger bei Künstlerinnen wie Masha Qrella und Kat Frankie, im Lockdown viel Zeit miteinander verbracht. Ihr Debüt als Touching Box klingt jedoch nicht nach gegenseitigem Auf-den-Wecker-Gehen, sondern nach einer fast kindlichen Freude am Spiel mit einfachem Gerät und englischer Sprache. Allein mit Roland-Synthesizer, Bass und Drums haben die zwei Berliner minimalistische Tracks gebastelt, die in ihren sprödesten Momenten an NDW und alte Computerspiele erinnern, andernorts mit psychedelischen Synthie-Loops in Chillwave-Welten abdriften oder sanft swingend als Lo-Fi-Variante von Electro-R’n’B und Jazz-Pop durchgehen. Mit Worten gehen Conrad und Kretzschmer weniger sparsam um: Neben Loriot-haften Dialogen („Do you have any hobbies? – Yes, I have hobbies“) sprechsingen sie teils zungenbrecherische Streamof-Consciousness-Zeilen über die Schönheit schlechten Tanzens und Impressionen aus dem Chicago der 80er. Und manchmal ploppt wie aus dem Nichts eine schöne kleine Hook auf. What are you thinking? Arty! Und doch irgendwie Pop.

★★★★ Nina Töllner

Klingt wie: Fenster: THE ROOM (2018) / Susie Asado: STATE OF UNDRESS (2015) / Justus Köhncke: SPIRALEN DER ERINNERUNG (1999)

Shabaka

Afrikan Culture

Impulse!/Universal

Es werde Ruhe: Eine Zenbuddhistische Meditation abseits aller New-Jazz-Aufregung.

Shabaka, kurz und knapp jetzt also. Der Künstler, seines Nachnamens entledigt, spricht für sich, er spricht auch nur im übertragenen Sinne. AFRIKAN CULTURE ist eine achtteilige musikalische Meditation, die auf den Groove und die alles umhüllenden Bläser der Sons Of Kemet oder auch auf das Jam-Session-Prinzip von The Comet Is Coming verzichtet. Der Bandleader Shabaka Hutchings, mit dem Titel King of New Jazz etwas pathetisch und holzschnittartig beschrieben, hat sich auf den Weg gemacht, seinen Geist von Pathos und Unruhe zu lösen, er spielt hier vor allem eine japanische Shakuhachi. Mit dieser Bambusflöte meditieren Zen-buddhistische Mönche. Im anderthalbminütigen „Memories Don‘t Live Like People Do“ kommen diese Flöten nun in einem Schwall zusammen, gelayert und frei schwebend, Hutchings beschreibt diese seine Schöpfung als „forest of sound“. Den Soundkreis erweitern Klarinette und Mbira (Hutchings), vereinzelt auch Harfe (Alina Bzhezhinka), Kora (Kadialy Kouyate), Gitarre (Dave Okumu) und Music Box (Kwake Bass). Beizeiten rücken diese Meditationen in die Nähe der freien Orchestermusiken auf Saults neuem Album AIR, das sich auf vergleichbare Weise in die Tiefe streckt und in einen Kosmos jenseits des uns Bekannten einlädt.

Mit Bambusflöte geht es in einen Wald aus Sound.

★★★★ Frank Sawatzki

Don Marco & die kleine Freiheit

Ewig und drei Tage

Off Label/Broken Silence (VÖ: 17.6.)

Markus Naegele nimmt den Altherrenrock endlich so ernst, wie er es schon lange verdient hat.

Die Altersvorsorge ist ein wichtiges Thema. Allerdings nicht gerade im Pop. So gesehen schreiben Don Marco & die kleine Freiheit mit ihrem zweiten Album EWIG UND DREI TAGE Geschichte. Endlich ein Song, der sich tatsächlich mit der Lebenswirklichkeit der alt gewordenen Pophörer-Klientel beschäftigt: „Was soll’n wir machen, wenn’s nicht mehr weiter geht?“, fragt Markus Naegele in „Bis zur Rente“. Auch ansonsten gibt es viele Sätze, für die man die Rockmusik einst nicht erfunden hat. „Ich will jetzt bloß meine Ruh“, singt der Münchner Musiker, der früher mit Fuck Yeah noch Englisch textete, aber nun als Don Marco den Altherrenrock endlich wörtlich nimmt. Soll heißen: Da tun ein alter weißer Mann und der Rock’n’Roll zusammen nicht so, als wären sie noch der heiße Scheiß. Sondern die beiden akzeptieren, dass sie von gestern und die Knochen schon ganz schön morsch sind. Die Band, die von den auch schon ziemlich alten weißen Männern Kristof Hahn (Swans, Les Hommes Sauvages) und Tim Jürgens (Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen, Superpunk) unterstützt wurde, klingt folgerichtig immer, als wäre sie ein klein bisserl müde, egal ob sie Glamrock, Talking Blues oder Soul spielt, eine Piano-Ballade oder Mainstream-Rock. Und jetzt alle die Hände weg vom Rollator, im Takt klatschen und mitsingen: „Wo kommt die miese Laune her? Sie fällt uns gar nicht schwer!“

★★★★ Thomas Winkler

Frayle

Skin & Sorrow

Lay Bare (VÖ: 8.7.)

Hypnotischer Mantra-Metal mit ätherischen Dream-Pop- und Trip-Hop-Tendenzen.

Kokettierte Sängerin Gwyn Strang auf dem Cover von WHITE WITCH, der Debüt-EP von Frayle, noch mit einem Gesichtsschmuck-Look, der sie wie die in metallischeren musikalischen Gefilden beheimatete Schwester des fantastischen Fransen-Masken-Cowboys Orville Peck anmuten ließ, trägt die Frau auf dem zweiten Langspieler schlicht schwarzen Schleier, Dornenkrone und Rosenbouquet. Durchaus eine passende visuelle Umsetzung ihres sehr eigenen Doom-Pop- respektive Shoegazer-Sludge-Sounds, den sie zusammen mit Multiinstrumentalist Sean Bilovecky in Duo-Form ins Leben gerufen hat. Atmosphärisch und ätherisch, dabei aber nie esoterisch, klingt Strang auf den dynamisch durchdachten, diesmal eine Spur aufgeräumteren und schön flächigen Songs streckenweise wie Björk, wäre diese mit Black Sabbath, Kyuss und Sleep sozialisiert worden. Sägende Metal-Riffs sind in Frayles Zeitlupenwelt genauso wie vordergründig einschneidende Hooks eher dünn gesät, erweisen sich in den nahtlos ineinanderfließenden zehn Songs dieses Zyklus, – wenn sie dann auftauchen –, aber als genauso effektiv und nachhaltig memorabel wie die nicht allein das Titelstück zierende, zentnerschwere Gothic-Blues-Gitarre.

★★★ Frank Thiessies

Klingt wie: Portishead: PORTISHEAD (1997) / U.S. Christmas: SALT IN THE WOUND (2006) / Chelsea Wolfe: BIRTH OF VIOLENCE (2019)

Magnetic Ghost Orchestra

Magnetic Ghost Orchestra

Fun In The Church/Bertus (VÖ: 17.6.)

17 Musiker*innen, die den Jazz-Ball ins Rollen bringen, damit das Denken die Richtung ändern kann.

Duke Ellington und Gil Evans nennt Moritz Sembritzki seine großen Vorbilder, und das überrascht vielleicht im ersten Moment. Wer jetzt die 40-minütige Klangexpedition auf sich einwirken lässt, die der Orchesterchef und Gitarrist mit 16 Musiker*innen (Gesang, Saxofon, Trompete, Klarinette, Flöte, Bass, Schlagzeug, Elektronik) antritt, wird die Suiten und Theatermusiken der alten Schule entdecken, den emanzipatorischen Gestus des Swing. In diese Aufnahme ragen aber auch Minimal-Music-Sequenzen, das Gefrickel aus der jüngeren Elektronik-Schule, kleine New-Jazz-Hinweise und die Lust an der Improvisation.

Es ist ein ständiges Kommen und Gehen in den Tracks, und jeder für sich könnte den Soundtrack zu einer transformativen Begegnung abgeben, abgerundet mit hymnischen Chören oder dem Schlingern der Koloraturen. Wenn man diese Platte in ein Jazz-Regal stellen wollte, dann sollte sie ein halbes Dutzend bunter Post-Its tragen, die in die diversen Richtungen zeigen. Jazz hat selten so überzeugend als Vermittler dagestanden. Oder genauer: Dieses Orchester bringt den Jazz-Ball zum Rollen, damit das Denken die Richtung ändern kann.

★★★★★ Frank Sawatzki

Klingt wie: Fire! Orchestra: ARRIVAL (2019) / Levitation Orchestra: INEXPRESSIBLE INFINITY (2019) / Vibration Black Finger: YOU CAN SEE WHAT I‘M TRYING TO SAY (2020)

Trille

Kapuze

Believe Digital

Der Cloud-Pop des Berliners bringt den melancholischen Kater nach dem jugendlichen Sturm und Drang auf den Punkt.

Kennt man: Alles wollen und gegen alles sein, zu träge wirklich was zu tun, aber das mit aller Leidenschaft. „Ich bin Prokrastinateur“, sprechsingt Trille zum Einstieg in KAPUZE und bringt diese seltsame Zwischenzeit auf den Punkt, in der der Mensch eigentlich schon erwachsen ist und von der sogenannten Realität eingeholt wird, aber das noch nicht endgültig wahrhaben will. Es ist einer von sehr vielen sehr guten Songs auf diesem Debütalbum des 30-jährigen Berliners, dem man nicht gleich die Aufgabe als Stimme seiner Generation aufbürden sollte. Oder vielleicht doch: Denn der studierte Tonmeister, der auch an der Popakademie Mannheim studierte, verschmilzt geschickt Cloud-Rap, Trap, Emo-Rock und Skate-Punk mit nachdenklichen Lyrics und der Melancholie, die wie der Kater auf den jugendlichen Sturm & Drang folgt. Er zitiert die Fehlfarben und Billie Holiday, jagt seine Stimme durch Auto-Tune, lässt das nächste Stück als Klavierballade beginnen, beweist mit dem Streicherarrangement in „Garten Eden“, dass vom Klavierunterricht der Mutter einiges hängen geblieben ist, und klingt doch immer nach dem Hier und Jetzt.

★★★★★ Thomas Winkler

Soccer Mommy

Sometimes, Forever

Concord/Universal (VÖ: 24.6.)

Noch mehr Gebürste gegen den Strich hätte der allseits geschätzten Post-Grunge-Singer/Songwriterin noch besser getan.

Hin und wieder wünscht man sich, dass der Einfluss von Producer Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never deutlicher spürbar wäre: Knisternde Elektronik und immer wieder die Geschwindigkeit ändernde, wuchtige Beats tun Sophia Allisons schonungslos offenen Lyrics nämlich sehr gut, nachzuhören beispielsweise im unheimlich hallenden „Unholy Affliction“. Für ihr drittes Album als Soccer Mommy holte die amerikanische Singer/Songwriterin Lopatin ins Boot, um ihre einst im sprichwörtlichen Schlafzimmer entstandenen Lo-Fi-Kompositionen kreativ gegen den Strich zu bürsten. Bis auf wenige Ausnahmen bleibt SOMETIMES, FOREVER allerdings – auch atmosphärisch – überwiegend softem Post-Grunge treu, der sich in „Darkness Forever“ überraschend eruptiv und ungezügelt geriert. „Don’t Ask Me“ dagegen klingt wie eine Mischung aus The Cure und den Breeders, toll also, aber nicht wirklich avantgardistisch. Eher wie ein euphorisiertes 90ies-Collegerock-Revival. Dementsprechend sind die Texte diesmal weniger selbstanklagend ausgefallen, als hätte Soccer Mommys letztes, ihrer toten Mutter gewidmetes Album COLOR THEORY kathartische Wirkung gezeigt und den Weg für Themen wie Liebe und Verlangen freigemacht. Doch unbelastet sind auch diese Bereiche bei Allison nicht, wie die hymnisch-hinreißende Single „Shotgun“ zeigt, in der sich die Musikerin als Kugel im Lauf bezeichnet, die bei Bedarf zur Stelle sein wird.

★★★★ Christina Mohr

Σtella

Up And Away

SubPop/Cargo (VÖ: 17.6.)

Im Sirtaki-Beat in den Sunset: Die (überfällige) Geburt des Greek-West-Coast-Pop.

Tun wir mal so, als wüssten wir nicht, wer sich hinter Σtella versteckt. Dann klingt „Nomad“, als wäre Sade in einer griechischen Taverne über ein paar US-Hippies gestolpert, die seit den frühen Seventies in einer Höhle am Strand hausen. Tatsächlich gelingt es Σtella Chronopoulou mit großer Eleganz, traditionelle Harmonien ihrer Heimat Griechenland und die Popmusik aus dem Plattenschrank ihrer Eltern mit anglo-amerikanischen Pop-Konventionen zu verschmelzen. Für UP AND AWAY, ihr Debüt für SubPop, hat sie – womöglich ja aus Respekt vor der Grunge-Vergangenheit des Labels – allerdings die Electro-Pop-Beats ihrer bisherigen Veröffentlichungen ad acta gelegt. Die klassische Bandbesetzung wird erweitert durch Bouzouki und die Kanun, eine orientalische Zither, und zu „Who Cares“ könnte man tatsächlich einen Sirtaki tanzen. „The Truth Is“ dagegen spaziert entspannt den Sunset Boulevard entlang, „Black And White“ macht sich auf die Spuren von Fleetwood Mac und Σtella singt mit der leicht schläfrigen Grandezza einer Hope Sandoval, sodass man schnell alle Urlaubsklischees vergisst, die vermeintliche Unvereinbarkeit der Gegensätze akzeptiert und feststellt, dass mit allergrößter Selbstverständlichkeit ein neues Genre geboren wurde, das man nicht mehr missen möchte: der Greek-West-Coast-Pop.

Ist Sade in einer Taverne über Hippies gestolpert?

★★★★ Thomas Winkler

Radar S. 21

Nancy Mounir

Nozhet El Nofous

Simsara

Musikalische Gespensterkunde: Eine Komponistin im Duett mit verblichenen Größen ägyptischer Populärmusik.

Auf jedem dieser acht Stücke bestreitet Nancy Mounir mit Theremin, Geige und Klavier ein Duett mit einem toten Menschen: Die Komponistin nahm für das Album Aufnahmen bekannter ägyptischer Populärmusiker*innen der 1920er-Jahre als Ausgangsmaterial für musikalische Dialoge, die sich über die Zeiten und musikalischen Mittel hinweg entspinnen. Im Fokus liegen Sänger*innen, die mit mikrotonalen Skalen arbeiteten und sich damit gegen die fest etablierten Konventionen ihrer Zeit durchsetzten, wie sie 1932 vom Kairoer Kongress für arabische Musik kanonisiert wurden. Auch wenn das Ergebnis bis auf das merkliche Knistern der Tonträger kaum vergleichbar klingt, erinnert der Ansatz an die Hauntology-Musik von Leyland James Kirby und anderen. Die Gespenster der Vergangenheit werden von Neuem heraufbeschwört, um in einer Geste kritischer Nostalgie neue Perspektiven zu eröffnen. Mounirs musikalische Ergänzungen fallen eher dezent aus, das braucht es aber kaum: Den Originalen wohnt schon genug gespenstische Strahlkraft inne.

★★★★★ Kristoffer Cornils

Naima Bock

Giant Palm

Sub Pop/Cargo (VÖ: 1.7.)

Solodebüt der Ex-Goat-Girl-Bassistin: Strange Folk, in dem man sehr gut aufgehoben ist.

Bis 2019 war Naima Bock als Bassistin von Goat Girl mit dafür verantwortlich, dass die Band aus Südlondon mit ihrer Postpunk-Neo-Psychedelia sehr besondere Töne traf. Ihr freiwilliger Ausstieg kam überraschend, zumal die Band mit ihrer zweiten Platte ON ALL FOURS noch an Relevanz zulegte. Naima Bocks erstes Soloalbum zeigt nun die Gründe für den Schritt: Als Musikerin zog es sie zu einem anderen Sound. GIANT PALM kombiniert die Musik ihrer Jugendjahre in Brasilien (die Mutter stammt von dort) mit Singer/Songwriter-Folk, wie er in den 70er-Jahren auf englischen Wiesen oder in den Hügellandschaften vor Los Angeles gespielt wurde. In den Nullerjahren sprach man bei dieser Musik von Freak- oder Strange-Folk. Naima Bock bereichert diese neo-psychedelischen Träume um dezente Tropicália- und Jazz-Akzente, singt dabei mit einer dunklen Stimme, die manchmal an Nico oder Stella Sommer erinnert. Und wenn Naima Bock beim Walzer „Campervan“ in Begleitung von allerhand Blasinstrumenten surreale Landschaften erfindet, fühlt man sich in diesem Eskapismus im Dreivierteltakt sehr gut aufgehoben.

★★★★ André Boße

Klingt wie: Gorky’s Zygotic Mynci: SPANISH DANCE TROUPE (1999) / Devendra Banhart: NIÑO ROJO (2004) / Lavinia Blackwall: MUGGINGTON LANE END (2020)

Kenji Araki

Leidenzwang

Affine

Endzeit-Electronica klang selten so erdrückend und eindrücklich wie auf diesem Debüt.

Donnernde Bässe, flatternde Breaks, heulende Synthies, abrupte Tempowechsel und Stimmungsschwankungen: Was bereits in den ersten wenigen Minuten von LEI-DENZWANG passiert, klingt wie ein Aufeinandertreffen von Venetian Snares, Autechre und Arca – überfordernd, eindringlich, schwer zu verschubladen. Durch die Superlative hindurch geht es dann auch durch zwölf Tracks weiter, die bisweilen von Vocals begleitete, avancierte HipHop-Beats (das grandiose „Nabelschnurtanz“) neben ambiente Gitarren-Dröhn-Stücke setzen (das von Oneohtrix Point Never inspirierte „Gel & Gewalt“). Nebenbei wird Happy Hardcore ein paar starke Downer verschrieben („Illuviácida“) und mutet die Musik im Finale des Albums wie eine digitale Interpretation der legendären DISINTEGRATION LOOPS von William Basinski an. Wirkmächtiger Auftakt, desolates Ende. Der Digitalkünstler Kenji Araki mag bisher noch kaum als Produzent in Erscheinung getreten sein, LEIDEN-ZWANG aber ist ein gleichermaßen überbordendes wie ausgefeiltes künstlerisches Statement.

★★★★ Kristoffer Cornils

Radar S. 21

Caterina Barbieri

Spirit Exit

Light-Years /Indigo (VÖ: 8.7.)

Markerschütternder Trance, der große Gefühle provoziert.

Im Opener von SPIRIT EXIT startet Caterina Barbieri mit großem Rattern und weitschweifenden Trance-Akkorden die Motoren. Das tut die Italienerin als Star eines Subgenres, das sie mitgeholfen hat zu popularisieren. 2019 veröffentlichte sie mit ECSTATIC COMPUTATION eines der stärksten Trance-Alben der letzten Jahre. Ihr Sound darauf wirkte emotional, kam komplett ohne Kickdrums aus und überwältigte mit meisterlichen Stücken wie „Fantas“, das derweil ein eigenes Remix-Album spendiert bekam, restlos. Auch der Nachfolger provoziert mit markerschütternd schönen Melodien große Gefühle, bildet aber eine künstlerische Weiterentwicklung der Mailänderin ab. Auf Tracks wie dem barocken „Transfixed“ oder „Canticle Of Cryo“ singt Barbieri und erweitert ihr Instrumentarium beispielsweise um eine hallende E-Gitarre. Im Album stecken wahrscheinlich mehr Ideen als auf jeder bisherigen Platte, obgleich das Gravitationszentrum noch immer hektische, lieblich quietschende Trance-Arpeggien sind, die auch Quasi-Clubtracks wie „Terminal Clock“ mit gellendem Leben füllen.

★★★★★ Maximilian Fritz

Carlos Truly

Not Mine

Bayonet/Cargo (VÖ: 1.7.)

Slacker-Funk, der groovt wie ein dauerbreiter George Michael.

Irgendwann schaukelt dann „A Strange Bird“ vorbei, 29 wunderbare, viel zu kurze Sekunden aus Vogelgesang, Gitarre und Gepfeife. Und ja, ein seltsamer Vogel ist dieser Carlos Hernandez, bislang als Gitarrist und Sänger der Brooklyner Experimental-Funkband Ava Luna bekannt. Als Solist nennt er sich nun Carlos Truly, und die Stücke auf seinem ersten Album NOT MINE sind rhythmisch skurril, melodisch merkwürdig und harmonisch verschroben. Die Legende geht, dass Hernandez aufwuchs zwischen den Extremen aus Kirchenmusik, Soul und Klassik, einem Radio-DJ-Vater und einer bei der Kirche beschäftigten Mutter. Gutes Beispiel: „Your Sound“, dessen müder, aber sehr sexualisiert groovender Funk plötzlich von einem knarzenden, leicht dilettantischen Gitarrensolo unterbrochen wird, sich dann aber zum Schluss zu kathedralenhafter Geste aufschwingt. NOT MINE ist verstrahlt wie ein dauerbreiter George Michael, swingt wie ein sehr träger Prince und packt Melodien aus, die einem den sonnigen Nachmittag versüßen wie, ja eben: das Gezwitscher der Vögel.

★★★★ Thomas Winkler

Carsten Jost

La Collectionneuse

Dial

Adrett durchnummerierte House Music, die unangreifbar und zeitlos jenseits aller Moden liegt.

Über 20 Jahre existiert mit Dial nun schon eine der wichtigsten deutschen Institutionen des guten House-Geschmacks. Peter Kersten alias Lawrence und David Lieske alias Carsten Jost geben sich Mühe, die Musik, die sie auf ihrem Label veröffentlichen, minimal und gegen kurzlebige Moden gefeit zu halten. Aktuellstes Beispiel: Josts drittes Album LA COLLECTION-NEUSE, visuell im unangreifbaren Schwarz-Weiß, klanglich höchst seriös und ohne einen einzigen Fehltritt. Adrett durchnummeriert strotzen die zehn Stücke vor majestätischen Bassläufen, kühlen, mitunter bedrohlichen Pads und einer fast schon entrückten Ästhetik, die Rave im moderatem Tempo gravitätisch mit Bedeutung auflädt. Das funktioniert besonders gut, weil jeder Track wirkt wie am Reißbrett entworfen. Zwar nicht starr oder gar festgefahren in seiner Dynamik, aber doch durchdacht; Jede Bassdrum, jede Hi-Hat scheint sorgsam an ihren angestammten Platz und manchmal eine Idee daneben platziert, um das Hörerlebnis noch genussvoller zu gestalten. In gewissen Momenten – „La Collectionneuse V“ – eine Sommerplatte, die in jeder der drei letzten Dekaden ihre Berechtigung gehabt hätte.

★★★★ Maximilian Fritz

Gwenno

Tresor

PIAS/Heavenly/Rough Trade (VÖ: 1.7.)

Soundtrack zum Steinekuscheln: Psychedelischer Pop in kornischer Sprache.

Ein paar der letzten Worte, die in Ur-Kornisch gesprochen wurden, steckten in einer Schimpftirade von Dolly Pentreath aus Mousehole. Diese bekam der sich auf der Suche nach der sterbenden Sprache befindliche englische Antiquar Daines Barrington zu hören, als er seinerzeit wagte, die Frau zu fragen, ob sie diese, ihre Muttersprache, noch beherrsche. Mit Pentreaths Tod im Jahr 1777 galt Kornisch lange Zeit als ausgestorben. Doch was tot ist, kann niemals sterben: Dank einer Jahrzehnte dauernden Wiederbelebung wurde Kornisch inzwischen als Minderheitensprache anerkannt. Die größte popkulturelle Aufmerksamkeit verschaffte ihr zuletzt die aus Cardiff stammende Sängerin Gwenno. Man möge vor diesem Hintergrund dennoch verzeihen, dass diese Kritik nicht auf die Texte eingeht. Musikalisch beschreitet die ehemalige The-Pipettes-Sängerin auf TRESOR den Weg des Vorgängers LE KOV weiter, es zieht sie jedoch noch mehr in die Introspektive. So entsteht ein fantasievolles Werk zwischen mystischem Synth-Pop und Psychedelica, verdichtet mit Folk. Der Longplayer bietet gleichermaßen Platz für sich atmosphärisch ausweitende Stücke wie dem Titeltrack und „Kan Me“, wie auch für das gradlinige „N.Y.C.A.W.“. Nach dem Album möchte man zumindest ein wenig Kornisch lernen.

★★★★ Sven Kabelitz

Klingt wie: Gruff Rhys: SEEKING NEW GODS (2021) / Cate Le Bon : POMPEII (2022) / Marissa Nadler: THE PATH OF THE CLOUDS (2021)

Kreator

Hate Über Alles

Nuclear Blast/Rough Trade

Die Thrash-Metal-Instanz überrascht mit Indie-Gästen – aber gut gemeint ist nicht immer gut.

Wann genau die Essener Thrash-Metal-Instanz respektive ihr Frontmann in den Fokus der Feuilletons geraten ist, ist nicht mehr genau auszumachen. Fest steht, dass nach Lemmy Kilmister oder Ozzy Osbourne auch Sänger und Gitarrist Miland „Mille“ Petrozza in Metal-Szene-fernen Publikationen Würdigung findet. Als vegan lebender PETA-Unterstützer mit mehr als einem Koffer in Berlin ist der sympathische Kreator-Charakterkopf zum Kulturteil-Crossover-Phänomen geworden, während seine Band schon seit 1992 immer wieder Genre-Grenzen überschreitet. So auch auf HATE ÜBER ALLES, ihrem 15. Studioalbum, und dem ersten mit neuem Bassist Frédéric Leclercq. Neben Dead-Kennedys- und Italo-Western-Referenzen wie dem instrumentalen Morricone-Intro „Sergio Corbucci Is Dead“ präsentieren Kreator effektiv eingedroschene, kontemporäre Thrash-Metal-Treffer, die klassisch zwischen Petrozzas genüsslich-galligem Gesangsgebell und harmonischeren Twin-Gitarren-Soli-Momenten oszillieren. Von den gut gemeinten Indie-Fusion-Überraschungen wie Drangsals Beitrag auf „Conquer And Destroy“ oder Sofia Portanet, die „Midnight Sun“ mit ätherischem Galaktika-Gesang eine Art NDW-Wendung verpasst, ist Letztere allerdings gewöhnungsbedürftig.

★★★★ Frank Thiessies

Blind Date S. 12

Hercules & Love Affair

In Amber

Skint/Warner (VÖ: 17.6.)

Anohni kehrt zurück zum Queer-House-Projekt. Das Ergebnis sind furiose Avant-Pop-Tracks.

Hat das Bildungsbürgertum, das dem Kammerpop von Antony and the Johnsons applaudierte, jemals verstanden, dass sie es bei Anohni mit der radikalsten Frau im Popbiz zu tun haben? Deshalb ist es jetzt auch großartig, dass sie – nach ihrem furiosen Solodebüt HOPELESSNESS (2016) – nun zurückkehrt. Und zwar im Bunde mit Hercules & Love Affair, zum ersten Mal seit „Blind“ (2008), einem von fünf Tracks des Hercules-Debüts. Das neue, sechste Hercules-Album ist auch ein Anohni-Album, selbst wenn im verhalten optimistischen Opener „Grace“ erst mal Hercules-Mastermind Andrew „Andy“ Butler im The-xx-artigen Duett mit Elin Ey – ungewöhnlich genug – selbst zum Mikro greift. „One“ mitAnohni ist dann die Queer-Empowerment-House-Disco-Hymne, die wir wollten – wenn Anohni davon singt, dass sie (als trans Mädchen, darf man sich denken), schon im jungen Alter eine Bedrohung für die (heteronormative) Welt gewesen sei. Anohnis „Christian Prayers“ ist ein furioser Abgesang auf christlichen Fundamentalismus. „Contempt for You“ ist Punchline-Salven-Pop auf die Hater. Insgesamt ist es das klanglich eklektizistischste Hercules-Album. Die Tanzbodenkracherversionen wurden wohl für Remix-B-Seiten aufgehoben. Doch Hercules bleibt eine Love Affair, und damit genau das, was Liebende brauchen gegen den Hass.

★★★★ Stefan Hochgesand

Maria BC

Hyaline

Fear of Missing Out/Indigo

Hauchzarter Ambient-Dream-Pop, der sich erfolgreich der Schwerkraft widersetzt.

Kaum zu glauben, aber Maria BC fand einige Arrangements auf ihrem Albumdebüt HYALINE zunächst zu spärlich. Nie so ganz zufrieden, werkelte die nicht-binäre Musiker*in viele Wochen in ihrer Brooklyner WG an den Akkordfolgen. Das Ergebnis jedoch könnte kaum spärlicher klingen: Eingewoben in ein Netz aus simplen, repetitiven Gitarrenstrukturen, minimalen perkussiven Elementen und ein paar Field Recordings aus dem Park ums Eck, formt sich ihr ätherischer Gesang zu skizzenhaften Klageliedern aus dem Weltschmerzbad. Die klassisch ausgebildete Mezzosopranist*in betoniert sich nicht in konventionelle Song-Konstrukte ein, vielmehr nutzt sie ihre Stimme lautmalerisch, mit vielen Grüßen an die frühen Cocteau Twins. Ein ständiges Auf- und Abschwellen von Stimmungen, die ineinanderfließen und dann langsam zerbröseln. In „The Big Train“ hängt ihre Stimme so tief in der Kehle, dass nur ein dumpfes Raunen hinauskriecht, in anderen Songs wie „Betelgeuse“ entfacht sie damit opernhafte Dramen. Maria führt uns in ihre intimsten Gefühlswelten, ihre Verletzlichkeit wie eine offene Wunde darbietend - bisweilen so entrückt, dass man das Album beim Hören mit dem Teleobjektiv scharfstellen möchte. Nur wenige Momente, wie etwa die Single „The Only Thing“, schrauben sich dank einer Hook spontan in die Gehörgänge. Ein Album wie ein monochromes Stillleben aus einer nebulösen Parallelwelt für wolkenverhangene Nachmittage.

★★★★ Michael Prenner

Klingt wie: Cocteau Twins: VICTORIA-LAND (1985) / Marissa Nadler: BURY YOUR NAME (2016) / Grouper: SHADE (2021)

WARM

What Do The Stars Say To You

Night Time Stories (VÖ 17.6.)

Ron Trent holt sich für seinen kosmischen Fusion-Jazz Khruangbin und andere ins Studio.

Schon im letzten Jahr hatte die Deep-House-Legende Ron Trent mit einem Khruangbin-Remix überrascht, jetzt revanchiert sich die Band mit einem Stelldichein auf seinem ersten Album als WARM. Sie sind nicht die Einzigen: Der Trauerweiden-Ambient-Maestro Gigi Masin, zwei Mitglieder der brasilianischen Fusion-Jazz-Funk-Giganten Azymuth und Violinist Jean-Luc Ponty sind ebenfalls mit von der Partie, derweil Trent selbst Hand an jedes erdenkliche Instrument legt. Das Ergebnis hat dementsprechend weniger mit der Peak Time im Club zu tun, als dass es vielmehr den Comedown auf dem Sofa begleiten könnte – kosmisch angehauchter, progressiver Jazz mit ungewöhnlichen Mitteln, die bisweilen deutlich auf Trents Background als House-Produzent verweisen. Tangerine Dream, Herbie Hancock und der Prince der LOVESEXY-Ära fahren Seite an Seite die Rainbow Road hoch und runter. Das ist so naiv-verträumt, dass selbst die muckerhaftesten Einlagen nicht angeberisch wirken. Zurücklehnmusik für faule Sonntage.

★★★ Kristoffer Cornils

Party Dozen

The Real Work

Temporary Residence/Cargo (VÖ: 8.7.)

Gewalttätige Noise-Bretter, die Klangräume erschüttern. Auch kurz dabei: Nick Cave!

Eine wild gewordene Hummel, die durch eine Effektbox geworfen und zu schwerem Gitarrengedröhn mutiert wieder auftaucht, so darf man sich den ersten Song auf THE REAL WORK, dem neuen Album von Party Dozen, vorstellen. Ganz ähnlich geht das jedenfalls mit Kirsty Tickles Gesang, den jagt die Australierin durch den Schallbecher ihres Saxofons und was danach noch alles damit geschieht, darf ruhig das Geheimnis des Duos aus Sydney bleiben. Ganz offenkundig ist dagegen, wem der Cameo-Auftritt auf dem zweiten Albumtrack „Macca The Mutt“ gehört; Nick Cave gibt hier ein Mantra zum Besten, es sollte sich um einen Köter handeln, der dem Punkrock-Zwinger von Grinderman und Birthday Party entlaufen ist. Unter den Heavy-Noise-Brettern rumort es bei Party Dozen beständig – es ist das Rumoren des Punkrock, hin und wieder elektronisch verfremdet. Diese (großenteils instrumentale) Musik ist gewalttätig, aber man weiß vom ersten Moment an, dass das ausgesucht zuvorkommende Menschen sein müssen, die sich so sehr um die nachhaltige Erschütterung unserer Klangräume verdient machen. Tolles Saxofon aus der Avant-Punk-Schule.

Unter den Lärmbrettern rumort es beständig.

★★★★ Frank Sawatzki

Klingt wie: Laughing Clowns:MR. UDDICH-SCHMUDDICH GOES TO TOWN (1982) / Grinderman: GRINDERMAN (2007) / Tropical Fuckstorm: BRAINDROPS (2019)

Regina Spektor

Home, Before And After

Warner (VÖ: 24.6.)

Piano-Pop, der in Liebesdingen aus der Klemme hilft.

Viele der Schulfächer, die Regina Spektor für den Song „Loveology“ ins Leben gerufen hat, hätte man als junger Mensch tatsächlich gern auf dem Stundenplan gesehen; vor allem die Liebesangelegenheiten wären dann einfacher gewesen. „Youology, Meology, Loveology /Kissology, Stayology, I‘msorryology, Forgivemeology“, zählt die New Yorkerin in dem melancholischen Piano-Stück gleich eine ganze Reihe von Präventivmaßnahmen zur Paartherapie auf. Will man nun Reginaspektorology betreiben, so fällt auch auf ihrem achten Studioalbum HOME, BEFORE AND AFTER auf, dass niemand sonst solche Songs schreibt wie sie. Oberflächlich wirken die meist auf dem Klavier geschriebenen Stücke wie sweete Kammerpop-Balladen oder US-Traditional-Pop-Stücke, aber die kleinen Geschichten, die Spektor in den Songs erzählt, sind solitär. Das fängt einleitend damit an, dass Gott das lyrische Ich auf dem Heimweg auf ein Bier einlädt („Becoming All Alone“) und setzt sich fort bis zur abschließenden Ballade „Through A Door“, in der Herzen geschlossene Türen durchbrechen und durch leere Löcher wandern. Dass Regina Spektor am Broadway aufgetreten ist, passt ins Bild, kommen die Songs doch mit großer Geste daher – doch auch ihre Prägung in der New Yorker Anti-Folk-Szene hört man diesem Album an.

★★★★ Jens Uthoff

Flasher

Love Is Yours

Domino/ Goodtogo (VÖ: 17.6.)

Kompaktrock, der selten um ein knackiges Riff verlegen ist.

Auf dem 2018er Debüt-Album CONSTANT IMAGE war Flasher die musikalische Nähe zur Heimat Washington, D.C. deutlich anzuhören. Mit dem Ausstieg von Bassist Daniel Saperstein und dem Umzug von Gitarrist Taylor Mulitz nach Los Angeles verliert sich der Post-Punkund Hardcore-Background aber mehr und mehr. Mulitz und Drummerin Emma Baker haben jetzt ein Album als Duo aufgenommen, dessen Songs arg an den Melodien hängen, voller Chorsätze, die uns und den Rest der Welt mitziehen wollen, selten um ein knackiges Gitarrenriff verlegen. LOVE IS YOURS ist ein Kompaktrockalbum geworden, das man in dieser Form schon gar nicht mehr erwartet hatte. Einminüter wie „Pink“ und „Spell It Out“ sitzen perfekt zwischen den College-Rocksongs mit den nie falschen Hooklines und den superrunden Powerpoptracks („I Saw You“, „Tangerine“), die manchmal vergessen lassen, dass hier vor allem von ganz alltäglichen Schäden und Verlusten berichtet wird.

★★★★ Frank Sawatzki

Klingt wie: Spoon: KILL THE MOONLIGHT (2002) / White Rabbits: FORT NIGHTLY (2007) / Gauche: A PEOPLE‘S HISTORY OF GAUCHE (2019)

Jochen Distelmeyer

Gefühlte Wahrheiten

Four Music/Sony (VÖ: 1.7.)

Die Lieder des legendären Blumfeld-Sängers schlendern immer unverstellter daher.

13 Jahre ist es her seit HEAVY, dem bislang letzten Album von Jochen Distelmeyer mit eigenen Liedern. Was man über GEFÜHLTE WAHR-HEITEN nun sagen kann: Diese 13 Jahre waren eine lange Zeit. Lang genug jedenfalls, dass der bald 55-Jährige zugleich eine Kehrtwende und eine kontinuierliche Weiterentwicklung hinlegen konnte. Denn HEAVY war einerseits Abkehr von den hochverschlüsselten, von literarischen Anspielungen durchsetzten Texten der Blumfeld-Ära und Hinwendung zum Rock, der auch mal primitiv sein durfte. Rock sucht man nun vergeblich, stattdessen schlendern die Songs stets im gemächlichen Balladentempo und mit freundlichen Harmonien daher.

Textlich aber setzt Distelmeyer seinen Weg fort, spricht immer unverstellter, nicht nur in Liebesliedern und Sehnsuchtssongs wie „Im Fieber“, „Nur der Mond“ oder „Tanz mit mir“. Sind da noch Meta-Ebenen?

Vielleicht, aber dann sehr gut getarnt. In „Zurück zu mir“ wird das Programm ausformuliert: „Ich sing für dich so, wie ich es seh’ / Ich weiß nur eins, ich will zurück zu mir.“

Das ist auch der Song, in dem das doppelte Versprechen des Albumtitels eingelöst wird, in dem es um mehr geht als nur Gefühle, nämlich die gefühlten Wahrheiten im Netz, in denen sich Menschen verlieren: „Nicht nur Nazis suchen Heil in der Zerstörung / Kommt mir vor, als wären sie Teil einer Verschwörung“, singt Distelmeyer. Ansonsten deuten drei Stücke, die als Block mitten im Album stehen, an, wohin es demnächst gehen könnte: „Gone Girl“, „The Reason“ und „Roads Of Regret“ sind die ersten englischsprachigen Songs von Distelmeyer, drei Countrysongs, ganz klassisch mit Steelguitar und Prärierhythmus und Einsamer-Wolf-Klischees. In 13 Jahren, mit 68, kann sich Distelmeyer dann in Nashville zur Ruhe setzen.

13 Jahre können eine sehr lange Zeit sein.

★★★ Thomas Winkler

Porcupine Tree

Closure/Continuation

Music For Nations/Sony (VÖ: 24.6.)

Die englischen Progrock-Helden zeigen nach 13 Jahren Pause, was sie immer noch können.

Die Sache beenden oder doch weitermachen? Diese Frage hat sich offenbar das britische Prog-Trio Porcupine Tree gestellt. Der Titel ihres neuen Albums, CLOSURE/CONTI-NUATION, könnte nahelegen, dass die Band um Sänger und Gitarrist Steven Wilson irgendwie beides machen will: Altes abschließen, um sich Neuem widmen zu können. In der Tat haben sie auf dem ersten Studioalbum nach 13 Jahren Pause ältere Songs, die lange auf Festplatten herumlagen, endlich fertiggestellt, aber auch frische neue Stücke komponiert. Das fertige Album enthält nun Progrock-Nummern unterschiedlicher Färbung, so etwa das tolle und jazzrockige „Rats Return“, das Pink-Floyd-mäßige „Dignity“ und das eher in Richtung Hardrock abbiegende „Herd Culling“. Daneben stehen Stücke wie „Walk The Plank“, das mit einem Pop-/Wave-Einschlag daherkommt, oder „Harridan“, das mit seinem prägnanten Slap-Bass Nineties-Referenzen aufweist. Am Ende steht ein durch und durch solides Album, das Fans des Genres überzeugen dürfte.

★★★Jens Uthoff

Bartees Strange

Farm To Table

4AD/Beggars/Indigo (VÖ: 17.6.)

Immer auf dem Sprung zwischen Stadionbeat und Krachfinale sind diese Indie-Pop-Songs.

An Englishman in New York – mit Zwischenstationen in der Hardcore-Szene von Washington und der Obama-Regierung, mit Aktivitäten in der Umweltbewegung und natürlich viel Musik. Auf seinem zweiten Album jetzt liegt Bartees Leon Cox Jr. jener Musik zu Füßen, die er aus dem Effeff beherrscht: Indie-Pop, die Songform. Dabei nimmt er als erklärter Strangeman sowohl sperrige Variationen als auch klassische Formen und ein paar Neuentdeckungen mit. Praktisch ist jeder Track irgendwo auf dem Sprung, hier wird mitunter kunstvoll geschwankt oder an den Details gearbeitet. Beispiele gefällig? „Wretch“: der Indie-Popsong mit dem Stadionbeat. „Cosigns“: der Indie-Popsong als leicht auto-getunte Songschleife mit Krachfinale. „Tours“: der Indie-Popsong als zerdehnte Ballade. „Escape This Circus“: der Indie-Popsong als fernes Echo der Americana. „Hennessy“: der Indie-Popsong als R’n’B-Übung. Gern gehört.

★★★★ Frank Sawatzki

Frau Kraushaar

Bella Utopia

Staatsakt/Bertus (VÖ 17.6.)

Art-Pop zwischen großer Geste und kleinem Geräusch, dickem Ego und zartem Dada.

Um mal das Spektrum abzustecken: Ein Stück besteht aus mechanisch wirkendem Vogelgezwitscher, das zerrissen wird von einem Getröte, das ein bisschen klingt wie eine Werkssirene. „Eine kleine Froschmusik“, obwohl bloß ein kaum eine Minute langes Instrumental, mag exemplarisch stehen für das, was die Hamburger Künstlerin Silvia Berger als Frau Kraushaar auf BELLA UTOPIA so treibt: Beständig schillern die Songs, die übrigens alle deutsch getextet sind und auch sonst ganz anders als die auf dem mehrsprachigen Vorgänger, zwischen großer Geste und kleinem Geräusch, Esoterik und Sozialkritik, wichtigtuerischem Kunstanspruch und ironischem Sicherheitsabstand, zwischen dickem Ego und zartem Dada.

Nicht, dass das die singende Frau Kraushaar nicht selber am besten wüsste: „Ich habe Gefühle, hmmm, die sind einfach da da da, meine Gefühle, die sind da da da, die Gefühle.“ Nun kann man sich aber auch auf nichts verlassen, denn im nächsten Song klappern schon wieder Kuhglocken oder sie singt über eine gelbe Sonne und ein Rad und was da halt sonst noch so rumliegt, vielleicht fährt auch eine Gitarre quer oder ein Electro-Kinder-Beat bollert, und Kraushaar singt von Tieren, die sich flambieren lassen möchten. Muss man nicht ernst nehmen. Kann man aber. Sollte man. Vielleicht. Oder gerade doch.

★★★ Thomas Winkler

CD im ME S. 3

6 FRAGEN AN FRAU KRAUSHAAR

Frau Kraushaar, Sie haben Gefühle, singen Sie. Was für ein Gefühl ist es, das in „Eine kleine Froschmusik“ zum Ausdruck kommt?

Im Juni gab es ein Fest bei den Fröschen im See. Da feierte ich mit und lauschte: bewundernd, belustigt und auch bewegt.

Überhaupt kommen viele Tiere auf dem Album vor, neben dem Fisch auch Schafe, Schweine und Pferde. Kommt die Fauna traditionell zu kurz im Pop?

Das ist sehr wahrscheinlich.

Das „Lamentierende Schwein“ aus dem gleichnamigen Lied ist allerdings ein Mensch, der den Zustand der Welt beklagt. Ist es wirklich so schlimm da draußen?

„Gut gefragt“, antwortete Kandid, „aber wir müssen unsern Garten bestellen.“ („Candide oder Die beste der Welten“ von Voltaire, letzter Satz des Buches)

Auf ihrem letzten Album THE POWER OF APPROPRIATION haben Sie noch in acht (oder waren es elf?) verschiedenen Sprachen gesungen. Warum jetzt nur noch Deutsch?

Ich liebe die Abwechslung, auch die Herausforderung und das Neue. Zudem mag ich starken schwarzen Tee mit frischer Pfefferminze.

Sie arbeiten auch als DJ regelmäßig im Golden Pudel Club. Legen Sie da auch eigene Musik auf?

Selten bis nie, maximal wenn schon alle Gäste gegangen sind, um Stücke auf der Anlage zu testen.

Und wozu tanzen die Leute?

Zu guter Musik, würde ich meinen. Aber man kann sich immer mal irren.

Hollie Cook

Happy Hour

Merge/Cargo (VÖ: 24.6.)

Unapologetisch weicher Reggae: Die Ex-Sängerin der Slits lässt Liebe scheinen.

Die Stilbezeichnung Lovers Rock klingt genauso seducing wie doch irgendwie klebrig, was natürlich am patriarchalen Setting liegt, das Reggae vor allem als schwer groovende Widerstandsmusik Schwarzer Männer versteht. Dabei ist die leichtfüßig romantische UK-Variante, die seit den 1970er-Jahren vorwiegend von Schwarzen Frauen getragen wird und sich mit feelings auseinandersetzt, im Subtext nicht weniger politisch – als wäre von Liebe zu singen, nicht sowieso hochkomplex. Hollie Cook nennt ihren Sound auch auf dem vierten Album lieber Tropical Pop und überlässt es Punk-Ikone Vivien Goldman im Begleitschreiben, die Verbindungslinien zu ziehen. Die bei ihr natürlich sowieso familiär sind: Vater bei den Sex Pistols, Mutter bei Culture Club, Patenonkel Boy George. Und Familienfreundin Ari Up holte die Sängerin im Teenagealter zur letzten Besetzung der legendären Slits. In deren Tradition steht letztlich auch der sehr satt plüschige Klang von HAPPY HOUR: all-female Furchtlosigkeit. Lieder über Cannabis, den Mond und Babies, radikale Zärtlichkeit in schönsten Reggae-Harmonien, mit Bläsern und Streichern und wieder elegant geschriebenen Songs.

★★★ Steffen Greiner

Automatic

Excess

Stones Throw/PIAS/RoughTrade(VÖ: 24.6.)

Ohne Gitarren, aber mit viel Attitüde wird der Geist des Postpunk mit Kraut gefüttert.

In Interviews nach einem Genre befragt, nennen Automatic ihr Konstrukt augenzwinkernd „Soundtrack zum Bankraub“. Womöglich, weil sich die drei Musikerinnen aus Los Angeles klanglich in einem gut gesicherten Tresor eingeschlossen haben, ihre Songs folgen einer streng umrissenen Ästhetik. Auf ihrem zweiten Album EXCESS bewegen sich Izzy Glaudini, Lola Dompé und Halle Saxon innerhalb der Mauern ihres minimalistischen Space-Kraut-Post-Punks, wenngleich sie ihn mehr ausgeschmückt haben als auf dem Debüt SIGNAL. Drummerin Dompé, übrigens Tochter von Bauhaus-Legende Kevin Haskins und somit Postpunk-sozialisiert, drischt in stoischer Monotonie auf ihr Schlagzeug ein, der Bass pluckert, der Moog dröhnt, neonfarbenene Melodien werden unter Vermeidung jeglicher Emotion vorgetragen. Klingt so, als ob Suicides „Frankie Teardrop“ ein paar Tränen vergießt und sich in Düsseldorf von NEU! trösten lässt. Ausflüge in benachbarte Genres werden dem Konzept strikt untergeordnet, so beflügeln Disco-Sequencer und Handclaps den Song „Automaton“ in Gedenken an Patrick Cowley. Jeder Takt scheint sorgsam austariert, der Sound wichtiger als die Songs. Was zu Lasten von Spannungsbögen geht. Braucht man die? Man wünscht sich zwar ein bisschen mehr, mehr Gefühl, mehr Melodie, mehr Wumms. Aber in Zeiten, in denen vieles überladen klingt, ist diese reduzierte Studie in Neon-Noir ein wirksames Gegengift.

★★★★ Michael Prenner

Klingt wie: NEU!: NEU! (1972) / Fujiya & Miyagi:TRANSPARENT THINGS (2006) / Pollyester: EARTHLY POWERS (2011)

Fantastic Negrito

White Jesus Black Problems

Storefront/ The Orchard

Gewaltige Blues- und Rock’n’Roll-Songs erzählen von einer Liebe, die Grenzen sprengte.

Jedes Album von Xavier Amin Dphrepaulezz ist ein dickes, fettes Geschenk des Schicksals – und der Medizin. Der heute 54-jährige Kalifornier wäre nämlich 1999 bei einem Autounfall fast ums Leben gekommen. Dass er im Zuge dieser Tragödie auch noch seinen Plattenvertrag verlor, bezeichnete er später als „Erleichterung“. Immerhin hatte sein Prince-iges Album X FACTOR in den 90ern kaum jemanden interessiert. Wahrscheinlich musste sich Dphrepaulezz erst eingestehen, dass er zu gleichen Teilen Funkmaster und Fan von dreckigem, fuzzigem Rock’n’Roll ist, um unter dem Namen Fantastic Negrito zu später Karriereblüte zu finden. Sein fünftes Album nach der Wiedergeburt, WHITE JESUS BLACK PROBLEMS, ist ein Multimedia-Großprojekt über eine weiße Dienstmagd, die sich in den USA des 18. Jahrhunderts in einen Schwarzen Sklaven verliebt. Größtes Kino ist schon der Opener: „Venomous Dogma“ wandelt sich vom entrückten Soul-Stück zum Blues-Monster, in dessen Bann wir armen Sünder erst zu Kreuze kriechen wollen – bevor der Leibhaftige höchstselbst in Fantastic Negrito zu fahren scheint. Lord, have mercy! Auch, wenn Dphrepaulezz sein Effektkisten-Inventar ausgesprochen gut kennt, auch wenn man also manchmal überfahren ist von so viel Wucht, muss man doch sagen: Kaum einer klingt derzeit so erdig und zugleich kosmisch, keiner „griiiiiieved“ so wundervoll wie Fantastic Negrito. Und nein, auch Jack White nicht.

★★★★ Julia Lorenz

Story S. 10, CD im ME S. 3

Foals

Life Is Yours

Warner (VÖ: 17.6.)

Endlich wieder feiern? Disco-Rock, der sich allzu schnell im Trockeneisnebel verliert.

Lockdown, Winter, Clubs zu, keine Konzerte – als Foals den Nachfolger zu EVERYTHING NOT SAVED WILL BE LOST – PT. 1 & 2 schrieben, war tote Hose angesagt. Also hing die inzwischen zum Trio geschrumpfte Band ihren Sehnsüchten nach und machte mit LIFE IS YOURS eine Platte für die große Party danach. „Life is yours / Break away“, skandiert Yannis Philippakis nun im Titeltrack über schrille Stakkato-Synthies und Percussion-Geklöppel. Oder er tänzelt in „2001“ an der Obergrenze seiner Kopfstimme: „Oh, now the sun is up / High in the sky“, während die Funk-Gitarre zielsicher zurück in die Disco-Ära katapultiert. Auf LIFE IS YOURS gilt: Die Füße sind auf der Tanzfläche, der Blick ist gen Himmel gerichtet. Eskapismus statt Apokalypse. Keine schweren Rockriffs. Dafür motorische Beats, hohe Töne, schnittige Gitarren. Und: Synthies, Synthies, Synthies. Das bietet ganz gutes Club-Futter – „The Sound“ ist quasi ein House-Track –, wird aber leider auch schnell eintönig. Das afropoppige „Flutter“ fungiert in der Albummitte noch als interessanter Stolperstein. Aber speziell in der Schlussnummer „Wild Green“ verlieren sich die Briten in einer spannungsfreien Synthwave-Schleife. Selbst für Partyzwecke bleibt das Foals-Debüt ANTIDOTES die bessere Wahl.

★★★★★ Nina Töllner

Story S. 32

Brezel Göring

Psychoanalyse (Volume 2)

Stereo Total/Flirt 99

Dada-Psycho-Pop zum fröhlichen Abtauchen in Abgründe – bis zum Tod der großen Liebe.

Natürlich gibt es den Moment, in dem man sich fragt: Muss ich da jetzt unbedingt dabei sein? Zuhören, während jemand abtaucht in seine tiefsten Abgründe? Mitfühlen, wenn jemand den größten denkbaren Verlust beklagt? Zum Glück findet Brezel Göring bei aller Traurigkeit, die dieses erste Album nach dem Krebstod von Françoise Cactus und dem Ende der symbiotischen Liebes- und Kreativbeziehung des Stereo-Total-Traumpaares notgedrungen durchdringt, immer wieder Momente erstaunlicher Lässigkeit.

Es hilft ungemein, dass Göring sich als Musiker nie allzu ernst genommen hat, nicht mal den demonstrativen Dilettantismus als heilig verehrt, also kann er gleich mal einsteigen mit einem Song wie „Défoncé“, einem französischen Wortspielwitz zwischen Dada und Erleuchtung, also eher eine Hommage an Cactus. Er kann auf „Meine Medizin“, ein zerbrechlicheres „Waiting For My Man“, eine Coverversion aus der deutschen Version des Hippie-Musicals „Hair“ folgen lassen, und sich dann „Am Ende“ völlig nackig machen.

Die Musik schlürft dazu, als wollte sie nicht mit in den Abgrund gezogen werden, Reimen ist was für Langweiler und natürlich kann man dann doch nicht aufhören zuzuhören. „Du siehst bedrückt aus, dabei bist du nur verrückt“, singt die Stimme von Françoise Cactus in „Psychoanalyse“, gebrochen, kippend, bereits geschwächt von der Krankheit, ein Gruß aus dem Totenreich an die letzten Lebenden.

★★★★ Thomas Winkler

Sinead O’Brien

Time Bend And Break The Bower

Chess Club/Rough Trade

Musik wie Mode: Kunst&Content-Postpunk ohne die mitgelieferte Interpretationshilfe.

Bevor sich Sinead O’Brien auf Musik fokussierte, war sie als Modedesignerin tätig, lernte in den Häusern von John Galliano oder Vivienne Westwood. Ihre Pop-Karriere startete sie dann mit einer Reihe von Singles, das Stück „Kids Stuff“ brachte ihr 2021 erstmals größere Aufmerksamkeit: O‘Briens Sprechgesang-triff-Postpunk-Sound ist zwar nichts grundsätzlich Neues, Dry Cleaning verfolgen ein ähnliches Konzept. Jedoch ist Sinead O’Brien deutlich extrovertierter: Ihre Spoken-Word-Performance besteht nicht aus Monologen, sondern Rollenspielen.

Worum genau es geht, bleibt häufig offen, hier ist die Musik wie die Mode: ein Statement ohne mitgelieferte Interpretationshilfe. Zu ahnen ist, dass Tracks wie „Girlkind“ oder „End Of Days“ Feminismus, Religions- und Konsumkritik und Apokalypse kombinieren. Die Musik umspielt die gewaltige Wortmacht, O’Briens Band agiert weder aufdringlich noch zurückhaltend, das ist das große Plus von TIME BEND AND BREAK THE BOWER: Kunst und Content trifft auf einen Postpunk, der zeigt, was dieses Genre auszeichnet, wenn man es richtig anwendet: Keine andere Musik ist so sehr in der Lage, Sprache zu unterstützen. Wobei, getanzt werden kann dazu auch, wie besonders „Like Culture“ zeigt.

★★★ André Boße

Klingt wie: Anne Clark: JOINED UP WRITING (1984) / Life Without Buildings: ANY OTHER CITY (2001) / Dry Cleaning: NEW LONG LEG (2021)

Radar S. 20, CD im ME S. 3

Liam Gallagher

C’mon You Know

Warner

Liams großer Rock’n’Roll-Schwindel für Cool-Britannia-Nostalgiker geht in die dritte Runde.

Nach dem unrühmlichen Ende von Oasis hat Liam Gallagher relativ rasch und unerwartet die Wandlung vom Rock’n’Roll-Rebellen zum untertänigst Kundenwünsche befriedigenden Populisten vollzogen. Slicke Profi-Songwriter basteln seiner inzwischen fast etwas selbstparodistischen Stimme Geräuschkulissen aus dem Fundus der immer gleichen drei, vier altvorderen Bands. Wer Cool Britannia nachtrauert, wird mit homöopathischen Flashbacks versorgt. Zumindest einer, der noch weiß, was anständige Musik ist. Nicht so wie der von Liam-Hools als Bösewicht ausgemachte Bruder, der doch tatsächlich ab und an mit was modern Klingenden um die Ecke kommt. Im Grunde ist es dieselbe Nostalgie-Formel, nach der auch Ringo Starr seit 1973 seine Platten in Auftrag gibt. Die ersten beiden Alben nach diesem Rezept hatten Charme, außerdem war man froh, dass Liam so nicht mehr vom Verkauf überteuerter Parkas leben musste. Der Erfolg war und sei ihm also vergönnt. Aber es muss auch gesagt werden: Spätestens Album drei, C’MON YOU KNOW, ist nur mehr ein müder, leerer Rock’n’Roll-Schwindel. Ungelenke Drums stampfen, überkomprimierte Rockgitarren röhren, und der in die Jahre gekommene Rock’n’Roll-Star bellt iseine Lyrics darüber. Da ist man richtig erleichtert, wenn alle drei, vier Songs eine John-Lennon-Gedächtnis-Ballade („Too Good For Giving Up“, „Oh Sweet Children“) für Entspannung sorgt oder mit „It Was Not Meant To Be“ ein sympathischer Popsong einmal nicht voll auf die Zwölf gehen muss.

★★★★ Stefan Redelsteiner

Perfume Genius

Ugly Season

Matador/Beggars/Indigo (VÖ: 17.6.)

Trotz eines „Pop Song“ das am wenigsten poppige Album des Arthouse-Indie-Pop-Stars. Kontrabass und Kirchenorgel dröhnen schön im Opener „Just A Room“. Perfume Genius winselt zur Harfe. Und andächtig auf einem björkesken Bett aus Streichern und Holzbläsern in „Herem“, das einem nicht nur die Socken auszieht. Ist der neue orchestrale Sound überhaupt noch Perfume Genius? Oder schon Maestro Genius? Nach zehn Minuten wummert dann ein wasserwallender Beat durch. Wenn’s läuft für einen Indie-Pop-Star und man was wagen kann, macht man halt mal, als Neben-Challenge, einen klassisch inspirierten Liederzyklus (wie Tori Amos), ein Ballett (wie Sufjan Stevens) oder ein Tanztheaterstück (wie nun Perfume Genius) mit angedocktem Arthouse-Kurzfilm? Wobei die Reihenfolge, wie wir das, zumindest als Perfume-Genius-Fans in Europa nun rezipieren, etwas zeitverkehrt ist: Denn eigentlich ist die Musik auf UGLY SEASON älter als das Superalbum SET MY HEART ON FIRE, IMMEDI-ATELY (2020): 2019 nämlich schon hatte das Tanzstück „The Sun Still Burns Here“ Premiere, das Perfume Genius mit der Choreographin Kate Wallich entwickelt hatte – und das er in Seattle, Minneapolis, New York und Boston zur Aufführung brachte. Witzig, dass ein Track „Pop Song“ heißt auf diesem am wenigsten poppigen Perfume-Genius-Album. Er wirkt mit seinen Synthie-Funken-Flanken wie die faserige Nahtanz-Version seines 2020er Tanzbodenkrachers „On The Floor“. Man darf bei all der Tanzerei freilich nicht vergessen, dass die intime Auseinandersetzung mit dem eigenen (queer begehrenden) Körper nicht einfach Fun-Party ist. Der Titeltrack „Ugly Season“ greift stöhnend Dancehall-Reggaeton auf, ein vor Arca im Bund mit Rosalía nicht gerade queerer Safespace. „Eye In The Wall“ steigt durchs pulsierende Electro-Gloryhole. Das mysteriöse, blechbläsersatte „Photograph“ wäre der perfekte Bond-Song, wenn es denn mal einen queeren Bond gäbe. Noch nie war Perfume Genius auf einem Album seiner Klavierballaden-Komfortzone weiter entstiegen als nun auf UGLY SEASON. Es ist das Gegenteil von ugly. Und hoffentlich auch nicht bloß eine Season.

★★★★ Stefan Hochgesand

Fröhlich bollernd werden alle Konventionen des internationalen Teenie-Popbusiness adaptiert.

Jaguar Jonze

Bunny Mode

Nettwerk

Mit ihrem Bombast-Pop könnte sich die Australierin auf dem Weg zum Weltstar machen.

Zu Hause in Australien ist Deena Lynch längst eine wichtige Stimme – und das nicht nur als Jaguar Jonze, wie sie sich als Musikerin nennt. Einerseits wäre sie beinahe schon mal für Australien zum Eurovision Songcontest gereist und heimst die lokalen Musikpreise ein, andererseits äußert sie sich gern zu gesellschaftlichen, vor allem feministischen Fragen aus der Sicht einer Frau, die in Japan als Tochter einer taiwanesischen Mutter und eines australischen Vaters geboren wurde. Ihre Musik bollert sich selbstbewusst zwischen diese Pole. Dermaßen fröhlich adaptiert sie auf ihrem dritten Album BUNNY MODE die Konventionen des internationalen Teenie-Popgeschäfts, dass Pink und Miley Cyrus die Stirn runzeln dürften, verziert den um keinen Schaueffekt verlegene Bombast-Pop mit melodiösen Verbeugungen vor Madonna und ergänzt ihn mit der visuellen Exzentrik des K-Pop. Ein Stück wie „Swallow“ mit seinen Aufdie-Zwölf-Gitarren erinnert an The Kills, „Man Made Monster“ dagegen klingt wie eine Bewerbung für den nächsten Bond-Song. Dass unter der denkbar dicken Produktion ihre Anliegen verschütt gehen könnten, mit dieser Gefahr will Jaguar Jonze wohl leben auf ihrem Weg zum Weltstar.

★★★★ Thomas Winkler

Ghost Woman

Ghost Woman

Full Time Hobby (VÖ: 1.7.)

Psychedelic Rock in der Endlosschleife, in der die Zeit in Melodien verschwimmt.

Alberta, Kanada? Arizona, USA?

Wo kommt diese Musik eigentlich her? Das, was Sänger, Songwriter und Multiinstrumentalist Evan Uschenko und seine Bandkollegen für ihr Debüt zusammengetragen haben, könnte einem Spätsechzigerkeller entstammen, in dem ein Buffet aus bewusstseinserweiterten Pilzen für Stimmung sorgt, es ist bestimmt eine Liebeserklärung an Jefferson Airplane, die Byrds und King Gizzard und ... Die Zeit verschwimmt in Songs wie „All The Time“ oder „Dead & Gone“ in den weit kreisenden Melodien oder den Lo-Fi-Hooklines, die Ty Segall ihnen geborgt haben könnte. Die Band hat selbst produziert, und für eine Haus- und Hof-Produktion klingt das hier sehr fett, die Gitarren fahren sehr präsent über eine Strecke aus Big Beats, Uschenko schuckelt sich im dezenten Echo durch diesen Raum, bunte Bubbles hängen in der Luft. GHOST WOMAN ist ein Kaleidoskop des Glücks, das uns dorthin wirft, wo es keine Grenzen, keine Aggressionen und letztendlich keine Geschichte mehr gibt – etwas Herzschmerz, ja gut, aber der löst sich im Sound alsbald wieder auf.

★★★ Frank Sawatzki

Dylan Moon

Option Explore

RVNG Intl./Cargo (VÖ: 17.6.)

Verspult psychedelische Leiertape-Chillwave mit neurowissenschaftlichem Anspruch.

So richtig viele remarkable Hmms hat die Popgeschichte nicht produziert. Streng genommen nicht einmal die Crash Test Dummies („Mmm MmmMmmMmm“). Dylan Moon legt auf seinem zweiten Album OPTION EXPLORE noch einen nach. Nach hochgezogener Augenbraue klingt dabei nichts :Sein „Hmm“ ist schön indie-psychedelisch verspulter Pop, wie ihn der kurze Sommer des Chillwave um die vorletzte Jahrzehntwende bescherte oder später die noch immer heimlich beste Band des Landes, Fenster. Groove, der seine Geschichte kennt und experimentell elektronisch verfremdet. Der Albumtitel OPTION EXPLORE bezieht sich auf ein Konzept der Theoretischen Neurowissenschaften, die Entscheidungen einteilt in das Ausbeuten des Bekannten mit erwartbarem Gewinn und das Erforschen des Unbekannten mit unklarem Ausgang. Richtig wild wird es hier dennoch erwartbar nicht, die Wege sind eher ausgetreten, aber der studierte Sound-Designer Moon hinterlässt doch ein paar Glitches und verleierte Spuren: sehr sympathisches kleines Album.

Ein Groove, der seine Geschichte kennt.

★★★ Steffen Greiner

Poliça

Madness

Memphis Industries/Indigo

Futuristischer Indie-R’n’B, der einer aus den Fugen geratenen Welt mit Schönheit begegnet.

Nimmt man allein die ausgekoppelte Single „Alive“ zum Maßstab, so scheint es, als hätten Poliça uns auf eine falsche Fährte geschickt. Denn so kraftvoll und geschliffen die Band um Sängerin Channy Leaneagh im vorab veröffentlichten Opener ihren ureigenen Electronicameets-R’n’B-Sound zelebriert, so konsequent übt sie sich hernach in Minimalismus und Entschleunigung. Eingespielt mithilfe eines selbst entwickelten „anthropomorphen“ Produktionstools namens „AllOvers(c)“ (über dessen menschliche Züge man nur spekulieren kann), ist mit MADNESS eine hochatmosphärische Platte entstanden, die den Abgründen einer aus den Fugen geratenen Welt mit den Mitteln flirrender Schönheit begegnet.

Ebenso meditativ wie bittersüß wirkt das, wenn Leaneagh etwa im ambienten Titelstück jenseits jeder Auto-Tune-Verleierung mit glockenheller Stimme in den weit geöffneten Hallraum hineinsingt und sich dabei Grundsatzfragen wie „Do we even love at all?“ stellt, bis schließlich der wehmütige Klang einer Violine die Hauptrolle des Songs übernimmt. Schmerzlich schön!

★★★★ Martin Pfnür

George Ezra

Gold Rush Kid

Columbia International/Sony

Der Singer-/Songwriter hat keine Probleme mit Gassenhauern und angekitschten Balladen.

Man möchte ihn knuffen und puffen für diesen unverschämten Ohrwurm, der unweigerlich die Szenerie vor Augen führt, wie George Ezra von der Bühne aus das Publikum agitiert. Und jetzt alle: „Green green grass / Blue blue sky / You‘d better throw a party / On the day that I die.“ Aber das muss man ihm lassen: Gassenhauer sind genau sein Ding, weiß man ja schon seit „Budapest“ und „Shotgun“.

Auf seinem dritten Album präsentiert sich das GOLD RUSH KID Ezra (Das bin ich! Zitat G.E.) als selbstbewusster Singer-/Songwriter, der kein Problem damit hat, gleich am Anfang drei potenzielle Hits abzufeuern: „Anyone For You“, „Green Green Grass“, „Gold Rush Kid“ – warum auch nicht? Ezra und sein bewährter Co-Komponist Joel Pott schütteln solche Tracks scheinbar aus den Jeansjackenärmeln. Und manchmal hören sie bei anderen genau hin: So kann man sich bei den ersten Takten von „Dance All Over Me“ durchaus an „Nothing Breaks Like A Heart“ erinnert fühlen – und wird einräumen, dass die Discobeats und -streicher Ezras tendenziell holzschnittartiger Musik sehr gut bekommen, ebenso wie die Soul-Bläser aus „Green Green Grass“. Davon hätte man gern mehr, denn Pott/Ezra schreiben auch Balladen, mit denen sie sich gefährlich tief in James Blunt’sche Regionen begeben und stark auf den emotionalisierten, hingebungsvollen Live-Klatschmodus (Schritt – Klatsch –Schritt – Klatsch) verlassen. Aber zum Glück hat Ezra diese volltönende Bassstimme, die über einige Kitschmomente hinweghilft.

★★★★ Christina Mohr

Ry X

Blood Moon

BMG Rights Management /Warner (VÖ: 17.6.)

Post-Club-Pop, der das Adrenalin beim Abklingen beobachtet.

Kaum jemand steht so für die glorreiche Zeit Berlins als allseits beliebte Party-Welthauptstadt wie Ry X. Nun ist Berlin schon lange nicht mehr so cool, aber daran wird es kaum liegen, dass Ry Cuming auf BLOOD MOON immer so traurig brummt. Tatsächlich macht er das ja schon immer, aber der Hit „Berlin“ ist halt bald ein Jahrzehnt her, in dem sich der australische Weltenbummler seinen sanft elektronischen, freundlich hippieesken Sound mit dunkler Tenor-Stimme hat patentieren lassen. Immer scheint die Nacht im Club gerade vorbei, die Sonne unlängst aufgegangen, das Adrenalin gerade am Abklingen und die Zukunft der unsterblichen Liebe, die man gerade eben kennengelernt hat, ungewiss zwischen träge flatternden Beats, einer schrammeligen Lagerfeuergitarre und im Hintergrund bisweilen bösartig schabenden Sounds.

★★★★ Thomas Winkler

Osheyack

Intimate Publics

SVBKBLT

Hochglänzende Patchwork-Clubmusik aus Shanghai, die in Richtung Zukunft weist.

Elektronische Clubmusik fand nur über Umwege und mit Verspätung ihren Weg nach China, weshalb wohl von dort bis heute angenehm unnostalgisch auf den Dancefloor geblickt wird. Kein Wunder, dass Osheyack ebendort utopisches Potenzial erblickt. Das zweite Album des Shanghaier Produzenten nimmt sich die Theorien des Sozialtheoretikers Michael Warner zu sogenannten „Gegenöffentlichkeiten“ als Inspiration. Wie genau das klingt? Nach einer ziemlich wilden Mischung, die unbekümmert Dance-Music-Tropen durcheinanderwirbelt und das auf innovativen Rhythmen stattfinden lässt. Bisweilen entstehen die sogar gar nicht im Miteinander von Kickdrum, Snare und Hi-Hat, sondern anderen Elementen – wie etwa im abstrakten R’n’B-A-cappella „Still“, das ohne Beats und allein dank clever arrangierter Vocals einen Groove aufbaut. Es ist eines der ruhigeren, aber nicht minder aufrührerischen Stücke eines richtungsweisenden Albums. Utopisch? Vielleicht. Futuristisch? Auf jeden Fall.

★★★ Kristoffer Cornils

Jetzt!

Können Lieder Freunde sein?

Tapete/Indigo

Lieder, ironiebefreit und diskursbereit auf der Suche nach dem richtigen Leben im falschen.

Irres Timing: Drei Wochen vor Distelmeyers neuer Platte über GE-FÜHLTE WAHRHEITEN bringt Michael Girke mit Jetzt! nach WIE ES WAR (2019) sein zweites Album der Neuzeit heraus. Wobei es sein nur auf Kassetten und später auf einer Compilation erhältliches Frühwerk war, das Jochen Distelmeyer inspiriert hatte: Der Girke-Song „Kommst du mit in den Alltag“ ist seit Blumfelds OLD NOBODY ein Signature-Tune in Distelmeyers Liederwelt. Das Label Tapete, in deren Sophisticated-Katalog Michael Girke eine logische Heimat gefunden hat, nennt den Liedschreiber hinter Jetzt! einen „Un-Ironiker“, was absolut richtig ist: Girke meint es ernst, wenn er „Lass uns ein Gespräch sein“ fordert. Was andere als langatmig und beschwerlich empfinden, ist für ihn das Paradies auf Erden: Lieben wie man redet – wie wunderbar das wäre! Um das Album zu loben, funktioniert der Verweis auf das eine Stück, das überhaupt nicht funktioniert: „Im alten Berlin“ klingt wie Kante ohne deren Ortskenntnis. Viel besser sind Jetzt!, wenn Girke seine Lieder dort verortet, wo er sich auskennt: Textlich auf der Suche nach dem richtigen Leben im falschen („Hilf dem Widerstand“, „Ein Hoch der Distanz“), musikalisch bei Verweisen auf Style Council und Lloyd Cole, Northern Soul und Franz-Josef Degenhardt.

★★★★★ André Boße