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Krieg im Blut


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 39/2018 vom 21.09.2018

Archäologie Die Geschichte der Deutschen beginnt nicht erst mit den Germanen, sondern in einer dunklen, geheimnisumwobenen Zeit, nur wenig war bislang darüber bekannt. Eine spektakuläre Schau in Berlin zeigt nun, wie wir wurden, was wir sind – und woher wir kamen.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 39/2018

Die Illustrationen auf dieser und den folgenden Seiten zeigen eine Jagdszene vor 300000 Jahren, die Schlacht an der Tollense vor 3300 Jahren und Kunsthandwerk im Hohlen Fels vor 40000 Jahren.


Die Menschen waren grausam, von Anbeginn an. Sie haben sich mit Faustkeilen erschlagen und mit Knüppeln traktiert, einander gequält, geschlachtet und den ...

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... Göttern geopfert. Seit Jahrtausenden schon war der Boden mit ihrem Blut getränkt, doch das Gemetzel, das sich etwa 1300 Jahre vor Christus in einem Tal im heutigen Mecklenburg- Vorpommern ereignete, war anders, war neu, womöglich eine Premiere in Mitteleuropa. Diejenigen, die daran beteiligt waren, kannten vielleicht noch nicht einmal ein Wort dafür.

Wir nennen es Krieg.

Mehr als 2000 junge Männer standen sich an der Tollense gegenüber, einem Flüsschen, das noch immer im gleichen Bett durch saftig grünes Land mäandert wie vor 3300 Jahren. Manche Krieger schossen mit Pfeil und Bogen aus dem Hinterhalt, andere stürzten sich mit Dolchen und Keulen in den Nahkampf, ersta chen einander am moorigen Ufer, zertrümmerten sich die Schädel, ertranken, blutend, im flachen Wasser. Die archäologischen Untersuchungen deuten auf mindestens 400 Opfer hin, wahrscheinlich waren es viele mehr.

Was mag der Grund gewesen sein für das Töten an der Tollense? Stritten zwei Heere sich um eine Trasse, die den Fluss querte und Teil einer frühen Handelsroute gewesen sein könnte? Meldete eine der Parteien territoriale Ansprüche an, wollte ein kleines Stück von jenem Land verteidigen, das heute Deutschland heißt?

Auf jeden Fall bewies man Zusammengehörigkeitsgefühl und zog in den Krieg. Nirgendwo auf der Welt wurde bisher eine archäologische Fundstelle gemeldet, die auf eine frühere Schlacht solchen Ausmaßes hindeutete.

Einige der Knochen und Waffen, die aus dem schützenden Torf des Ufers ausgegraben wurden, werden seit diesem Freitag in der Ausstellung »Bewegte Zeiten« im Martin- Gropius-Bau in Berlin präsentiert. Hinzu kommen mehr als tausend weitere Funde, die Sondengänger und Archäologen in den vergangenen gut 20 Jahren meldeten, darunter Goldschätze, Moorleichenteile und etliche herausragende Entdeckungen, die zu einem bedeutenden Teil aus der Urgeschichte stammen, jenem Zeitabschnitt also, aus dem es keine schriftlichen Überlieferungen gibt.

Die Schau, die maßgeblich vom Berliner Landesarchäologen Matthias Wemhoff geplant worden ist, gehört zu den spektakulärsten Sonderausstellungen, die jemals in Deutschland eröffnet wurden, und sie soll den Besuchern nicht nur beweisen, dass die heimische Urgeschichte spannend und in vielerlei Hinsicht beispiellos ist. Sie soll auch helfen, einen Missstand zu beheben.

Hunderttausende Deutsche lieben die Büste der schönen Nofretete im Neuen Museum in Berlin, staunen über den Pergamonaltar und können einiges über Pharaonen und das antike Griechenland erzählen. Doch wer weiß schon vom Schlachtfeld an der Tollense, auf dem sich vielleicht zum ersten Mal in der deutschen Urgeschichte eine Art kollektive Identität offenbarte? Wer kennt die »Venus vom Hohle Fels«? Das kalkweiße Hügelgrab Bornhöck, das zu seiner Zeit ähnlich eindrucksvoll gewesen sein muss wie manch ägyptische Pyramide?

Die deutsche Urgeschichte ist für viele Bundesbürger eine Terra incognita. Sie kennen vielleicht noch die alten Germanen und deren Kampf gegen die Römer, aber wissen praktisch nichts über die Menschen, die zuvor auf dem Gebiet des heutigen Deutschland lebten, bereits seit mehr als 600000 Jahren.

Die Beschäftigung mit dieser Zeit kann den Blick öffnen; sie kann erklären, wie alles auf Konflikte und Kriege wie im Tollense tal zusteuerte. Sie kann dabei helfen, die Gegenwart und die Debatten um Migration und Heimat neu zu bewerten, und sie kann Antworten auf ewige Fragen liefern: Woher kommen wir? Was macht uns aus, uns Deutsche mit unserer Sprache und unseren Eigenarten? Können Stammbäume Auskunft geben über Identität?

Dank neuer wissenschaftlicher Methoden wie der Analyse uralter DNA haben Forscher in den vergangenen Jahren Entdeckungen gemacht, die überraschen – und dazu angetan sind, Weltbilder ins Wanken zu bringen.

Passend zur Schau in Berlin erscheint das Buch »Die Himmelsscheibe von Nebra«, das sich in Teilen wie ein Krimi liest und in der Wissenschaftswelt Diskussionen auslösen dürfte. Sachsen-Anhalts Landesarchäologe Harald Meller vertritt darin die These, dass es schon in der Bronzezeit ein mächtiges, bisher unbekanntes Königreich gegeben habe, das in seiner Grandiosität ans alte Ägypten erinnere.

Eine Reise an sechs weithin unbekannte Orte, an denen einige der in Berlin ausgestellten Objekte entdeckt wurden, offenbart, wie wir wurden, was wir sind: Deutsche mit afrikanischen, arabischen und asiatischen Wurzeln, ein Homosapiens- Völkchen mit blitzgescheiten Neandertaler-Vorfahren, auf jeden Fall Bürger mit einer Kulturgeschichte, die schon vor weit mehr als 600000 Jahren begann – und es wert ist, erzählt zu werden. Vielleicht mehr denn je.

Pfeilspitzen aus dem Tollensetal
Massaker im Moor


Schädel aus dem Tollensetal
Mit Dolchen und Keulen im Nahkampf


Schöningen, Niedersachsen

Einst war das Land, das heute Deutschland heißt, eine wilde Gegend, mit Wäldern und Wiesen, auf denen Pferde, Nashörner und Urelefanten grasten, größer als Wollhaarmammuts. Gleithörnchen segelten von Baum zu Baum, Löwen streiften umher, auch Leoparden und Säbelzahnkatzen mit Eckzähnen, scharf wie Fleischermesser. Einige der Urmenschen, die aus Afrika stammten und vermutlich vor gut 600000 Jahren die Gebiete nördlich der Alpen erreichten, siedelten im heutigen Baden-Württemberg, wo es in Teilen aussah wie in der Serengeti. Einer ihrer Nachfahren, vermutlich ein Mann zwischen 18 und 25, kam in der Nähe des heutigen Heidelberg ums Leben; sein markanter Unterkiefer wurde 1907 in einer Sandgrube der Gemeinde Mauer gefunden. Er gilt noch immer als ältestes menschliches Fossil Deutschlands und ist der Grund dafür, warum der Name für die hiesigen Ureinwohner »Homo heidelbergensis « lautet.

Jahrzehntelang hielt man die Urmenschen für grunzende Dummköpfe, die vornehmlich Pflanzen kauten, auf Aas lauerten und gelegentlich mit Zweigen in Ameisennestern stocherten wie Schimpansen. Dass sich dieses Bild geändert hat, liegt auch an einem langhaarigen Grabungsarbeiter, der an einem der glutheißen Tage dieses Sommers durchgeschwitzt und ohne Arbeitshandschuhe im Erdreich des ehemaligen Braunkohletagebaus Schöningen wühlt, mal wieder.

Er heißt Wolfgang Mertens, ist 63 Jahre alt und gehört seit mehr als 25 Jahren zu einer Truppe von Archäologen, die in der niedersächsischen Grube nach Überbleibseln der Urzeit suchen. Hier befand sich einst ein See, der Tiere zur Tränke lud, er war äußerst kalkhaltig, was die Konservierung von Knochen begünstigte – die Chancen, etwas zu finden, stehen gut.

Im Herbst 1995 stieß Mertens auf ein Stück Holz, das »immer länger und länger« wurde, wie er sich erinnert. Das Ding entpuppte sich nach ausgiebigen Untersuchungen als ein 300000 Jahre alter Speer: die älteste komplett erhaltene Jagdwaffe der Welt.

Nach dem Fund von »Speer I« legte das Team acht weitere Stäbe frei, von denen einer nun in Berlin gezeigt wird. Vier der Speere, die bis zu 2,50 Meter lang sind, hat Mertens entdeckt, und er ist »ziemlich optimistisch«, dass er vor seinem Ruhestand auf weitere Überraschungen im Erdreich stoßen wird. »Ich traue dem Heidelbergensis mittlerweile fast alles zu«, sagt er, »sogar Räder.«

Ganz ernst meint er es nicht, aber klar ist, dass die Waffen den Blick auf die Urmenschen stärker verändert haben als alle anderen Artefakte, die bisher gefunden wurden. Nun gibt es einen Beweis, dass sie gemeinsam auf Jagd gingen – und vermutlich sogar eine Sprache hatten. Wie hätten sie sonst eine Angriffsstrategie gegen die mächtigen und wendigen Mosbachpferde schmieden sollen, auf die sie es am See wohl abgesehen hatten?

Eine effektive Kommunikation wäre auch praktisch gewesen, um Kindern und Enkeln den Bau perfekter Speere zu erklären. Die Schöninger Stangenwaffen, die im Forschungs- und Erlebniszentrum »Paläon« in Sichtweite der Ausgrabungsstätte ausgestellt werden, sind keine schnell geschnitzten Pikser, sondern frühe Spitzentechnik, made in Steinzeit-Germany. Ihr Schwerpunkt liegt etwa zwischen dem ersten und zweiten Drittel, und so fliegen sie ähnlich weit wie moderne Wettkampfspeere: über 70 Meter. »Wir haben es mit einem Fund zu tun, der wissenschaftlich betrachtet natürlich bedeutsamer ist als die Entdeckung irgendeines ägyptischen Königsgrabes«, resümiert Grabungsleiter Jordi Serangeli.

Die Speere sind nicht die einzigen Artefakte aus dem Untergrund, die einen Eindruck von der Geisteskraft der Urmenschen vermitteln. Im thüringischen Bilzingsleben wurden sogar Hinweise darauf gefunden, dass sie eine Art Totenkult pflegten, wenn auch einen eigenwilligen.

Etwa 370000 Jahre alte Schädelfragmente und eine Art Amboss aus Quarzit, die dort freigelegt wurden, lassen vermuten, dass die Urmenschen die Köpfe ihrer Mitmenschen im Rahmen einer Zeremonie zertrümmerten, hoffentlich post mortem. Verspeisten sie gar deren Gehirne? Und wenn ja, warum? Weil sie ihnen schmeckten? Oder machten sie sich Gedanken über die eigene Sterblichkeit, die ein zentrales Thema vieler Religionen ist?

Wie so oft in der Archäologie lässt sich nur spekulieren, aber klar scheint, dass die Urmenschen intellektuell weiter erblühten, besonders zu jener Zeit, als sie sich ganz friedlich und im Zuge genetischer Veränderungen zum Neandertaler weiterentwickelt hatten.

Genutzt hat das den Ureinwohnern am Ende genauso wenig wie der Umstand, dass sie als Erste kamen, am längsten blieben – und damit nach heutigen Kategorien zweifellos das größte Anrecht auf das Land erworben hatten, das heute Deutschland heißt. Aber die Migran ten, die vor etwa 43000 Jahren um die Alpen gezogen kamen, hatten den Neandertalern schon anderswo ihre Grenzen gezeigt, und sie taten es nun wieder.

Hohler Fels, Baden-Württemberg

Es gibt Orte, an denen man nur flüstern mag vor lauter Ehrfurcht. Einer davon heißt der »Hohle Fels« und ist eine Höhle auf der Schwäbischen Alb.

Am Eingang steht Maria Malina, die das Berginnere schon seit Jahren kennt und trotzdem noch die Stimme senkt, wenn sie es betritt. Die 42-jährige Grabungsleiterin öffnet das Gittertor, das ungebetene Gäste fernhalten soll, durchläuft einen 30 Meter langen Gang und steht dann in einer Felsenhalle, die nur um einige Meter niedriger ist als das Hauptschiff des Kölner Doms. Wenige Lampen, versteckt in Spalten, tauchen den Raum in diffuses Licht. Der Hohle Fels, von dem kurioserweise kaum jemand weiß, ist nicht nur wunderschön, er zählt auch zu den wichtigsten Orten der Weltgeschichte.

Denn was die Archäologen dort fanden, erzählt raunend von jenen längst vergangenen Tagen der Urzeit, als oft klirrende Kälte das Land überzog und der Homo sapiens ins Reich der Neandertaler einwanderte. Schon bald entdeckte der moderne Mensch die Höhlen auf der Schwäbischen Alb, unter anderen den Hohlen Fels, der seine Bewohner mit einer konstanten Temperatur von zehn Grad vorm Erfrieren schützte.

Was die Leute in den schwäbischen Höhlen zurückließen, verschwand unter dem, was über die Jahrtausende von der Decke bröselte oder vom Wind ins Höhleninnere getragen wurde. Archäologen und Grabungstechniker wie Malina stießen im Sediment auf betörend schöne Löwen-, Bären- und Mammutfiguren, meist aus Elfenbein geschnitzt und älter als alle anderen figuralen Kunstwerke, die jemals entdeckt wurden. Tausende Kettenanhänger fanden die Aus gräber, außerdem Bruchstücke von mindestens 40000 Jahre alten Flöten, gefertigt unter anderem aus den Röhrenknochen von Schwänen und Geiern.

Eine Schweizer Archäologiestudentin, die als Gast im Grabungsteam mitarbeitete, entdeckte im Sommer 2008 neun besonders auffällige Bruchstücke im Hohlen Fels. Die Teilchen wurden später zu einer knapp sieben Zentimeter großen Figur zusammengepuzzelt: eine kopflose Frau mit gewaltigen Brüsten, Schwabbelbauch und extrem betonter Vulva.

Die Figurine, die den Namen »Venus vom Hohle Fels« bekam und nun in der Ausstellung in Berlin bestaunt werden kann, diente als eine Art Kettenanhänger, und es ist natürlich möglich, dass ihr Träger sie einfach nur anregend fand.

Allerdings tauchten in Europa und Asien zahlreiche großbusige Frauenfiguren aus der Steinzeit auf. Handelt es sich bei der schwäbischen Venus also um eine Art Symbol? Wurden auf der Alb nicht nur Musik und figurale Kunst erfunden, sondern auch ein Fruchtbarkeitskult, der noch woanders praktiziert wurde? Kreiste er um eine dralle Muttergöttin?

Malina will sich natürlich nicht festlegen, klar sei für sie aber, dass die Fundstücke aus den schwäbischen Höhlen von einer »starken Gemeinschaft« kündeten, für die Musik, Kunst und vielleicht auch Religion »der soziale Kitt« gewesen seien.

Nachdem sie mit einigen Kollegen geredet hat, die mit Löffeln und Tafelmessern ganz vorsichtig im Höhlenboden kratzen, geht die Forscherin hinunter zur Ach, einem kleinen Flüsschen, das in Sichtweite des Höhleneingangs fließt. Sie will sich von einer jungen Kollegin aus den USA, die am Ufer Höhlen boden siebt, einen erbsengroßen Kettenanhänger zeigen lassen, der am Morgen entdeckt wurde.

»Beautiful!«, jubelt Malina, als sie das Schmuckstück sieht. Dann nimmt sie eine kleine Plastikdose, die auf dem Boden steht, und fummelt ein daumennagelgroßes Fundstück heraus, das sie als »Oberschenkelknochen einer Maus« identifiziert. Kann man das winzige Ding nicht wegschmeißen? »Auf gar keinen Fall!«, protestiert Malina. Tierische Überreste gäben Auskunft über die damalige Fauna und hülfen daher, die Lebensbedingungen der Menschen zu verstehen.

Die Teams haben bisher nicht einmal ein Fünftel des Höhlenbodens untersucht, und Grabungsleiterin Malina ist »sehr aufgeregt «, wenn sie daran denkt, welche Kostbarkeiten noch zum Vorschein kommen werden in den kommenden Jahren.

Figurine »Venus vom Hohle Fels« Kult um eine dralle Muttergöttin?


»Himmelsscheibe von Nebra« Andenken aus Ägypten


Immer wieder sind ihre Kollegen auf Beweise dafür gestoßen, dass die Bildhauer nicht die ersten Hominiden waren, die sich im Hohlen Fels aufhielten. Im Sediment stecken Steinklingen und andere Hinterlassenschaften der Neandertaler, allerdings einige Zentimeter unterhalb der Homosapiens- Artefakte. Daher erscheint es eher unwahrscheinlich, dass sich Neandertaler und moderne Menschen auf der Schwäbischen Alb über den Weg liefen, und auch anderswo in Deutschland gibt es bisher keine stichhaltigen Beweise für eine direkte Begegnung. Dennoch sind viele Wissenschaftler davon überzeugt, dass der moderne Mensch eine Art Sargnagel für die Ureinwohner war, hier wie überall.

Die Neuen beanspruchten die gleichen Jagdgründe und verbesserten stetig ihre Jagdwaffen und -strategien. Sie vollbrachten kulturelle Höchstleistungen, was unter anderem daran gelegen haben könnte, dass sie keine Wahl hatten: Die harten eiszeitlichen Bedingungen hätten sie mit geringerem Einsatz wohl nicht überlebt. Die Neandertaler konnten da möglicherweise nicht mehr mithalten und starben vor etwa 39000 Jahren aus.

Der Homo sapiens hatte das Land nun für sich allein, aber das eiszeitliche Klima wurde so rau, dass er Richtung Südeuropa wanderte. Viele Jahrtausende mussten vergehen, bis die ersten modernen Menschen zurückkehrten, darunter auch Nachfahren derer, die uns die Venus und andere Kunstwerke geschenkt hatten. Doch auch ihre Zeit lief ab, denn es sollten andere kommen, die mächtiger waren als sie.

Groß Fredenwalde, Brandenburg, und Großstolpen, Sachsen

Wenn der Sommerwind übers Land streicht und das Blätterrauschen wie ein Flüstern klingt, wenn das Sonnenlicht durch die Baumkronen bricht und die Luft nach Wald duftet wie an diesem Tag im August, dann versteht man noch heute, warum die Menschen ihre Toten auf den Hügel bei Groß Fredenwalde in der Uckermark schafften.

Bei Arbeiten an einem Signalmast waren schon 1962 die Gebeine von sechs Menschen auf dem sogenannten Weinberg entdeckt worden, alle um die 8000 Jahre alt. Doch die Forschungen wurden eingestellt und erst 50 Jahre später fortgesetzt. Ab 2012 buddelten Archäo logen drei weitere Skelette aus, das älteste stammt von einem Baby, das vor etwa 8400 Jahren bestattet wurde und nun in der Berliner Ausstellung zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert wird. Bevor das Kind dem Jenseits überlassen wurde, bestreuten es die Totengräber mit rötlicher Erde, wohl aus Ehrerbietung. Es ist ein großes Geheimnis: Auf dem bewaldeten Weinberg fanden die Forscher die Gebeine von neun Individuen auf einer Fläche von nur 20 Quadratmetern, sie stammen aus einem Zeitraum von 1500 Jahren –was war da? Handelt es sich um eine lange genutzte Begräbnisstätte? Ist der Boden gespickt mit den Überresten Hunderter, vielleicht Tausender Toter?

Weitere Grabungen sollen die Fragen beantworten, doch schon jetzt ist klar, dass der 111 Meter hohe Hügel im Nordosten zu einem der spannendsten archäologischen Fundorte Deutschlands zählt. Er könnte sich nicht nur als der älteste systematisch genutzte Friedhof des Landes erweisen; er ist auch eine Art Mahnmal, das an den Untergang einer alten Kultur erinnert.

Es waren einige der letzten Jäger und Sammler, die ihre Toten hierherbrachten, und sie ahnten nicht, dass sich fern der Heimat etwas ereignet hatte, das auch ihr Leben für immer verändern würde.

Etwa 3000 Kilometer entfernt, im »Fruchtbaren Halbmond«, der sich vornehmlich über Syrien und Irak erstreckt, lebten die Menschen schon seit Jahrtausenden von der Landwirtschaft. Doch weil die Bevölkerung wegen des neuen Lebensstils massiv gewachsen war und akzeptable Ackerflächen immer knapper wurden, machten sich viele Bauern auf den Weg und suchten ihr Glück in der Fremde.

Wie DNA-Untersuchungen von aufgefundenen Knochen beweisen, wanderten die Orientalen über viele Generationen hinweg via Balkan immer weiter Richtung Nordwesten. Irgendwann kamen sie und ihre in Mitteleuropa noch unbekannten Kulturtechniken dort an, wo heute Deutschland ist. Es waren also Menschen aus dem Nahen Osten, die Landwirtschaft, Sesshaftigkeit und damit die Grundlagen der Zivilisation nach Mitteleuropa brachten.

Besonders beliebt bei den Migranten war das heutige Ostdeutschland, speziell Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, wo es gute, leicht zu bearbeitende Schwarzerde aus steinlosem Löss gibt, auf der Getreide gut gedeiht. Eine der vermutlich ersten Siedlungen, die die Neuankömmlinge dort vor etwa 7300 Jahren gründeten, gruben sächsische Archäologen nun südlich von Leipzig aus.

Es waren nicht die Überreste primitiver Hütten, die freigelegt wurden, sondern Hinweise auf schlauchartige Riesenhäuser, für deren Bau man die Grundlagen der Statik beherrschen musste: 50 Meter lang, etwa 7 Meter breit; mit Stützbalken, die tief ins Erdreich eingegraben werden mussten, um das Gewicht der 6 Meter hohen Spitzdächer zu tragen.

Das urgeschichtliche Dorf, das vermutlich bis zu 200 Einwohner hatte, bestand etwa 300 Jahre lang und lag nicht in direkter Nähe eines Flusses, sondern wurde von Brunnen versorgt, die die Einwanderer gegraben und mit Eichenbohlen eingefasst hatten. Eines der Bauwerke wurde vor etwa 7100 Jahren aufgegeben und zu einer Art Mülleimer umfunktioniert; die letzten zwei Meter blieben im Erdboden erhalten. Das Relikt ist prallvoll mit Andenken an die ersten »deutschen« Bauern und wurde nach einer aufwendigen Komplettbergung als Schwertransport in eine Lagerhalle nach Großstolpen verfrachtet.

»Ein Fundstück, wie es sich jeder Archäologe wünscht«, sagt Harald Stäuble vom zuständigen Landesamt. Der Wissenschaftler lehnt sich über den Brunnenrand, aus dem es nach Komposthaufen und Bierkneipe müffelt, weil der Fund aus konservatorischen Gründen regelmäßig mit Alkohol besprenkelt wird. Auf dem Grund sind Keramikscherben, Altholzreste und zwei Töpfe mit feiner Pünktchenverzierung zu sehen, die ein Kollege Stäubles vor einigen Tagen mit Zahnarztbesteck und Plastikmesser freigelegt hat.

In den Schichten darüber waren bereits etliche andere Behältnisse aufgetaucht, von denen einige nun in der Berliner Archäologieschau gezeigt werden, zudem kamen Käfer, Knochen, Getreidereste und das Skelett eines Rehkitzes zum Vorschein, das wohl aus Versehen in den Brunnen gestürzt war. Bei Sedimentanalysen fielen neben Bilsenkrautresten auch Samen von Schlafmohn auf, den die Neuankömmlinge offenbar mitgebracht und womöglich zu Rauschmitteln verarbeitet hatten.

Für Stäuble sind die Anfänge von Ackerbau und Viehzucht in Deutschland »eine der spannendsten Zeiten der Urgeschichte «, denn es trafen zwei völlig unterschiedliche Kulturen aufeinander. Einerseits die einheimischen Jäger und Sammler, die nomadenhaft durchs Land zogen und von dem lebten, was die Natur ihnen schenkte; andererseits die Bauern mit ihren neuen Kulturtechniken, Einwanderer, die eine andere Sprache hatten und etwas taten, was alles verändern würde: Sie ließen sich nieder, zogen Grenzen und erhoben Anspruch auf Land, das vorher niemandem gehört hatte.

Es war absehbar, wer sich durchsetzen würde, denn kultureller Entwicklungsvorsprung wurde schon immer in Herrschaft umgemünzt. Tatsächlich wurden die Alteingesessenen in einigen Regionen bald in jene Räume verdrängt, die für Landwirte uninteressant waren. Weil aussagekräftige Funde fehlen, lässt sich nur darüber spekulieren, ob dabei auch Gewalt im Spiel war. Mit Blick auf die Natur des Menschen erscheint das allerdings realistisch.

Etwa 4000 vor Christus hatten sich Jäger und Sammler überall aus dem heutigen Deutschland zurückgezogen, auch aus der heutigen Uckermark, wo im Weinberg von Groß Fredenwalde also nicht nur Menschen begraben liegen, sondern auch ein Lebensstil.

Der »Kampf der Kulturen« war damit aber noch nicht vorüber. Grabfunde und genetische Untersuchungen belegen, dass sich zu jener Zeit auch Tausende Menschen aus der pontisch-kaspischen Steppe ansiedelten, einem Landstrich, der sich von der Nordküste des Schwarzen Meeres bis nach Kasachstan erstreckt.

Die Forscher wissen nicht, warum diese Leute sich auf den Weg gemacht hatten, vielleicht taten sie es, um zusätzliche Weideflächen für ihre Viehherden zu erschließen, vielleicht war auch ein Eroberungswille im Spiel. Klar scheint nach der Analyse vieler Gebeine aber zu sein, dass es in erster Linie Männer waren, die gen Westen zogen – und dass die genetischen Spuren der angestammten Bevölkerung nach ihrer Ankunft verblassten.

Wurden viele Einheimische vertrieben? Schleppten die Steppennomaden Viren oder Bakterien ein, gegen die sie selbst resistenter waren? War es die Pest? Es gibt starke Hinweise darauf; genauso deuten Grabfunde an, dass es auch zu Kampf und Konflikten kam.

»Sie nahmen sich die Frauen vor Ort – oder raubten sie«, schreibt Sachsen-Anhalts Landesarchäologe Harald Meller. Unstrittig ist, dass sich die Steppennomaden tief in unsere Erblinie einbrannten und uns noch etwas anderes hinterließen, das Deutschland besonders prägte: unsere Sprache. Wie Französisch, Italienisch, Englisch und Spanisch stammt das Deutsche vom Proto-Indoeuropäischen ab, mit dem sich die Neuankömmlinge verständigten. Außerdem gehen wohl der erste Handel mit fremden Völkern, größere Klassenunterschiede und eine stärkere patriarchale Prägung auf ihre Ankunft zurück. »Kurz gesagt, die ganze Gesellschaft, in der wir heute noch leben«, schreibt die Autorin Karin Bojs in ihrem sehr lesenswerten Buch »Meine europäische Familie«.

Raßnitz, Sachsen-Anhalt

Die L168 bei Raßnitz, wenig befahren und gesäumt von sonnenverbrannten Äckern. Keine Bäume, keine Bushaltestellen, nur zwei Windräder, die sich nicht drehen an diesem heißen Sommertag. In einer langen Kurve geht es rechts auf einen staubigen Parkplatz. Dort wartet Torsten Schunke, ein Archäologe mit schweißnassem Haar und kräftigem Händedruck. Er ist in der Agrartristesse des Saalekreises auf ein Geheimnis gestoßen, das ans alte Ägypten erinnert.

»Kommen Sie«, sagt Schunke, Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie. Er springt mit zwei langen Schritten auf einen Wall, der eine furchige Fläche voller Steine begrenzt. Wenn es stimmt, was er glaubt, dann befand sich genau hier das Zentrum eines Bauwerks, das zu seiner Zeit eines der größten zwischen Alpen und Nordsee gewesen sein könnte.

Irgendwann um 1800 vor Christus muss auf dem Areal zunächst eine zeltartige Totenkammer mit drei mächtigen Stützpfählen aus Eiche errichtet worden sein. Anschließend schichteten Arbeiter Tausende Steine darüber und schafften von einer 300 Meter entfernten Fläche etwa 17000 Ochsenkarren bester Schwarzerde heran. Am Ende stand ein menschengemachter Hügel mit einem Durchmesser von 65 Metern und einer Höhe von mindestens 13 Metern in der Landschaft; eine Art Pyramide des Nordens, weiß leuchtend, weil als Abschluss wohl Kalk darübergestreut wurde.

Woher weiß Schunke das alles, wo doch überirdisch schon seit langer Zeit nichts mehr zu sehen ist von diesem Monument? Er hatte Glück: Auf einem Luftbild entdeckte er zufällig eine runde Verfärbung im satten Grün eines Getreidefeldes – oft ein untrügliches Zeichen dafür, dass hier einmal etwas stand. Schunke tippte auf einen Grabhügel, eine Form der Bestattung, die wahrscheinlich die Menschen aus der pontisch-kaspischen Steppe hierhergebracht hatten.

Der Forscher begann eine Archivrecherche und stieß auf jahrhundertealte Dokumente, in denen von einem Grabhügel die Rede war, der »Bornhöck« genannt wurde. Er wurde wohl schon im Mittelalter geplündert und im Verlauf des 19. Jahrhunderts eingeebnet. Dann geriet das Bauwerk in Vergessenheit. Seitdem Schunke und seine Leute mit dem Graben begonnen haben, fanden sie Abdrücke der Eichenbohlen, Steine vom Schutzmantel und Kalkreste vom Hügelrand. Sogar die Spurrinnen der schweren Ochsenkarren ließen sich ausmachen.

Was muss das für ein Mensch gewesen sein, dem ein solch gigantisches Denkmal gesetzt wurde? Eine Art Halbgott, eine Halbgöttin, mächtig wie ein Pharao?

Das Buch »Die Himmelsscheibe von Nebra « des sachsen-anhaltinischen Landesarchäologen Harald Meller und des Journalisten Kai Michel liefert eine mögliche Antwort und fußt auch auf den Erkenntnissen Schunkes. Es dreht sich, wie der Titel vermuten lässt, in erster Linie um den Jahrhundertfund, der im Juli 1999 etwa 40 Kilometer südwestlich vom Bornhöck auf dem Mittelberg bei Nebra gemacht wurde.

Das Objekt aus Bronze und Gold, das eine Art Abbild des Kosmos ist, wird nun in der Berliner Ausstellung präsentiert. Es war laut Meller und Michel eine Insignie der Macht, ein Herrschaftsinstrument, über das auch jener Mensch verfügte, der im Bornhöck bestattet wurde. Erstreckte sich das Reich, das er regierte, über weite Teile Sachsen-Anhalts und noch darüber hinaus? Handelte es sich um das erste Königreich auf »deutschem« Boden?

Meller und Michel halten das für möglich, und sie präsentieren eine Indizienkette, die überzeugt. Unter anderem verweisen sie auf Funde, die dafürsprechen, dass es einen quirligen Handel gab, eine hierarchisch organisierte Gesellschaft und ein gewaltiges Waffenarsenal.

Zu den Spuren jener Zeit zählen auch Funde in Pömmelte-Zackmünde, etwa 65 Kilometer nördlich vom Bornhöck. Es ist eine Kultstätte, eine Art deutsches Stonehenge – nur gruseliger. Die Archäologen stießen dort auf Skelette verstümmelter Menschen: vor allem Frauen und Kinder, die offenbar gefoltert und öffentlich getötet worden waren, womöglich, um dem Volk Macht zu demonstrieren und es zu disziplinieren.

»Menschenopfer begleiten regelmäßig die Geburt der archaischen Staaten, als wären sie deren schreckliche Geburtswehen«, schreiben Meller und Michel.

Irgendwann um 2050 vor Christus wurde Pömmelte-Zackmünde aufgegeben, und eine neue Kreisgrabenanlage gewann große Bedeutung, nur etwa einen Kilometer entfernt am Rande des heutigen Schönebeck. Dort fanden sich keinerlei Hinweise mehr auf Gewaltrituale, was laut den Autoren auf eine Art »Religionsrevolu tion« schließen lässt. Im Königreich sei nun ein Sonnenkult etabliert worden, in dessen Mittelpunkt die Himmelsscheibe gestanden habe. »Bei besonderen Gelegenheiten « sei sie als »charismatisches Objekt« dem Herrscher vorangetragen worden.

Eine lange Reise habe einen der Könige dieses mächtiges Reiches zu diesem Sonnenkult inspiriert, glauben Meller und Michel, eine Reise, die ihn wohl auch nach Ägypten führte. Tatsächlich erinnert eine der goldenen Applikationen, die nachträglich auf der Bronzeplatte angebracht wurden, an die Barken, mit denen der ägyptische Sonnengott Re über den Himmel und durch die Unterwelt reist.

Etwa im Jahre 1600 vor Christus wurde die Himmelsscheibe auf dem Mittelberg bei Nebra vergraben, womöglich, weil das Königreich eine Krise erlebte. Und unterging.

Das Szenario, das Landesarchäologe Meller in seinem Buch präsentiert, erscheint nicht unrealistisch, aber es kann für Bornhöck, Pömmelte-Zackmünde und die Barke, die auf der Himmelsscheibe zu sehen ist, natürlich auch andere Erklärungen geben. Klar ist nun aber, dass dort, wo heute Sachsen-Anhalt ist, einer der mächtigsten Menschen der deutschen Urgeschichte lebte. Wir kennen seinen Namen nicht, und wir wissen nicht einmal, welches Geschlecht er hatte. Wir können uns aber sicher sein, dass seine Totenkammer voller Gold und anderer Schätze steckte. »Wo ist das ganze Zeug nur geblieben?«, fragt sich Meller. »Werden wir es irgendwann finden?«

Lübstorf, Mecklenburg- Vorpommern

Sie sanken auf den Grund der Tollense, verschwanden im Moor, gerieten in Vergessenheit, weit über 3000 Jahre lang. Dann aber entdeckte ein Spaziergänger Zeugnisse ihres Seins, ganz zufällig. Dazu gehörten ein Oberarmknochen, in dem eine Pfeilspitze steckte, und eine Keule, die fürs Töten gemacht schien. Archäologen rückten aus, gruben vorsichtig am Ufer, tauchten ins Wasser und fanden mehr als 12000 Knochen, außerdem verschiedene Waffen und etliche Schmuckstücke, einige davon aus Gold.

Die Männer, denen einst keine würdige Beerdigung zuteilwurde, kehrten in diesen Funden zurück und können nun erzählen, was an jenem Tag geschah, als an der Tollense Krieg geführt wurde. Noch geben sie Rätsel auf, doch Detlef Jantzen, der Landesarchäologe von Mecklenburg-Vorpommern, ist optimistisch, dass er das Raunen aus der Vergangenheit schon bald besser wird verstehen können.

Jantzen hat sein Büro im romantischen Schloss Wiligrad bei Lübstorf, direkt am Schweriner See gelegen, mit einem prachtvollen Park, auf dem im Sommer schwerer Blumenduft liegt. Wer die Tollense-Toten sehen will, muss ihm folgen. Über eine Wendeltreppe geht es ein Stockwerk nach oben, dort öffnet sich ein Raum voller Metallregale und Tische, auf denen gespaltene Schädel, gebrochene Oberschenkelknochen, kaputte Schulterblätter und Wirbel liegen, von Dolchstichen durchbohrt.

Schon seit Jahren werden die Gebeine untersucht, doch das Geheimnis, wer da eigentlich gegen wen kämpfte vor etwa 3300 Jahren, konnte noch nicht geklärt werden.

Kohlenstoffanalysen deuten daraufhin, dass einige der Männer vor ihrem Tod viel Hirse aßen, ein Getreide, das heute vornehmlich im Süden vorkommt. Knochen und Zahnschmelz lassen vermuten, dass manche Krieger irgendwo in der Nähe aufwuchsen, andere aber aus dem Alpenraum oder aus Skandinavien stammten.

Die Erkenntnisse seien »verwirrend« und zeigten bisher nur, dass es sich um »eine inhomogen zusammengesetzte Gruppe« handelt, sagt Jantzen. Doch der Archäologe gibt nicht auf. Laufende DNAUntersuchungen sollen helfen, die Herkunft der Männer zu klären, außerdem sind weitere Grabungen an der Tollense geplant, weil bisher nur knapp ein Viertel des fraglichen Areals untersucht wurde.

Eine der wichtigsten Fragen, die sich Jantzen stellt, lässt sich aber nicht durch Laboruntersuchungen oder weitere Prospektionsarbeit beantworten. Sie lautet: Wer hatte die Macht, so viele Männer gegen Eindringlinge oder andere Gegner ins Feld zu führen? Und wo hatte dieser Jemand seinen Herrschaftssitz?

Jantzen hält es für möglich, dass es irgendwo in der Nähe noch Reste einer Siedlung gibt, vielleicht einer Stadt, wer weiß das schon. »Die Spuren sind da«, sagt der Archäologe, »man muss sie nur finden und lesen können.«

Vielleicht tauchen sie beim Straßenbau auf, beim Ackerpflügen oder unter dem Metalldetektor eines Sondengängers. Ein Knochen, ein Trümmerteil, ein Artefakt, das der Anfang sein könnte für zusätzliche Grabungen, weitere Untersuchungen und neue Antworten.

Jedes Fragment, jede neue Spur wirft ein Quäntchen Licht in das Halbdunkel der Urgeschichte, jenen Zeitraum, der uns zu dem formte, was wir heute sind: Menschen, deren DNA durch Migration geprägt wurde, Bewohner eines Territoriums, dessen Bevölkerung sich stets veränderte.

Die Archäologie lehrt uns, dass Identität so volatil ist wie das Leben selbst. Sie kann sich nicht gründen auf Gene und Grundbesitz, jedenfalls nicht auf lange Sicht, denn beides verändert sich.

Konstant, so scheint es, bleibt: Heimat. Die Idee, dass dieser Flecken Erde ein kostbarer ist, den es zu bewohnen und zu bewahren lohnt.

Wir gefallen uns darin, unsere Identität stets neu zu erfinden. Der Blick zurück zeigt aber, dass all das, was uns heute ausmacht, sich im Jahr 2500 vor Christus bereits entwickelt hatte: Es gab Sesshaftigkeit und Grenzen, Handel und knappe Güter, Religion, Hierarchien und Unterdrückung.

So war der Weg nicht mehr weit: in den Krieg und aufs Schlachtfeld. Zu den Kelten, den Germanen, der bitteren Armut im Mittelalter und den Konflikten um den Glauben. Zum Ersten Weltkrieg, zum Zweiten Weltkrieg und in eine Gegenwart, die geprägt ist von Migrationsströmen und Verteilungskämpfen. In das Land, das wir kennen.

Nach Deutschland. Guido Kleinhubbert

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Wie die ersten Deutschen lebten


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