Lesezeit ca. 50 Min.

KRIEG NIE WIEDER


Logo von musikexpress
musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 12.05.2022
Artikelbild für den Artikel "KRIEG NIE WIEDER" aus der Ausgabe 6/2022 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: musikexpress, Ausgabe 6/2022

WAS KOMMT RAUS, WAS KOMMT REIN

„Who said the ladies couldn’t make it, you must be blind / If you don’t believe, well here, listen to this rhyme“

„Ladies First“, Queen Latifah, 1989

Zugegeben, es war jetzt keine Absicht. Der Plattenmeister tat, was er immer tat. Er suchte zehn Platten aus, von denen er glaubte, sie seien die interessantesten, die in diesem Monat erscheinen sollten. Er legte sie rechtzeitig dem Rest der Jury vor, die hörte und abwog, den Kopf schüttelte und die Stirn runzelte und schließlich jede Menge Sternchen verteilte. Dann zählte er diese Sternchen sorgfältig zusammen, und zählte noch mal nach, weil er sich früher schon gern mal verrechnet hatte, und ganz ehrlich: Dass diese zehn Platten allesamt von Künstler*innen aufgenommen wurden, die sich als nichtmännlich definieren, oder von Bands, die von einer Frau geprägt werden, das fiel ihm erst hinterher auf. Was das jetzt bedeutet im ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von musikexpress. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 6/2022 von Heimlichkeiten für alle. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Heimlichkeiten für alle
Titelbild der Ausgabe 6/2022 von BELLE AND SEBASTIAN über den Tod. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BELLE AND SEBASTIAN über den Tod
Titelbild der Ausgabe 6/2022 von IMMER WIEDER ANDY WARHOL. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
IMMER WIEDER ANDY WARHOL
Titelbild der Ausgabe 6/2022 von Rückführung zur Ekstase. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Rückführung zur Ekstase
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
PLATTE DES MONATS
Vorheriger Artikel
PLATTE DES MONATS
Artrock-Zickzackkurs
Nächster Artikel
Artrock-Zickzackkurs
Mehr Lesetipps

... Weltenlauf? Ist die gläserne Decke endgültig durchstoßen? Hat der Feminismus jetzt gewonnen? Wird Alice Schwarzer UNO-Generalsekretärin und die Welt jetzt endlich ein besserer Ort? Wir wissen es leider nicht. Wir wissen nur, und selbst nicht mal mit allerletzter Sicherheit, aber wir gehen jetzt einfach mal davon aus, dass dies nun eine Premiere ist: Der erste rein weibliche Krieg der Sterne (der ja nun gerade irgendwie nicht mehr so richtig Krieg der Sterne heißen kann), in der jahrzehntelangen Geschichte des Kriegs der Sterne (aber das ist eine andere Geschichte). Was wohl Chewbacca dazu sagen würde, fragt sich

Der Plattenmeister

Gus Englehorn Dungeon Master

Secret City/Rough Trade

Ein aus der Zeit gekegelter Sonderling schöpft aus dem Mythenschatz des Rock’n’Roll.

Der Bursche auf dem Albumcover, der da im Unterholz steht, trägt einen roten Umhang, ein hochragender Kopfschmuck ziert sein Haupt. Ist das jetzt eine Superhelden-Parodie aus einem obskuren Privatvideo, oder eine verlorene Seele aus dem Nachlass des Kölner Karnevals? Wenn nicht alles täuscht, dürfen wir aufklären: Es ist Gus Englehorn. Willkommen in der seltsamen Welt des kanadischen Sängers und autodidaktischen Rock’n’Rollers, der irgendwann aus der Zeit gekegelt wurde. Bevor er die Platte in einer Hütte im Wald aufnahm, lebte er in Salt Lake City in Utah, wo er sich in ein Mädchen verliebt haben soll, das Schlagzeug spielte wie Moe Tucker auf LSD, oder so ähnlich. Früher, so wird die Geschichte weitererzählt, war Englehorn ein professioneller Snowboarder, der durch die Welt reiste, ein Videojunkie und Poser auf einem Lavafeld auf Hawaii. Ein Sonderling wie wir alle, einer aber, der im Mythos eine neue Geburt feiert. Die zehn Songs auf DUN-GEON MASTER setzen das fort in einer Art Fiebertraum, der von Paranoia und Entfremdung erzählt und manchmal im Dada-Lala zerbirst. Hörbar gemacht in schwer rumpelnden Garage-Rock-Tracks, aus denen Englehorn nur noch mit bitterem Gestammel heraustritt („The Gate“). Seinen Freiwilligen-Chor muss er aus einer Pixies-Coverband rekrutiert haben, so großartig wird hier geheult („Exercise Your Demons“, „Tarantula“). Als Sprachrohr für Outsider haben wir die Rockmusik schon lange nicht mehr wahrgenommen, Englehorn katapultiert uns in das Innere seines Universums, nach seinem Selbst tastend. Dieser Rock’n’Roll ist stumpf, rührend und voller Eigensinn. Als hätten die Geister von Daniel Johnston und Roky Erickson sich für einen Bühnenauftritt verabredet. Aber keiner ist gekommen.

Ein paranoider Fiebertraum, der manchmal im Dada-Lala zerbirst.

★★★★★

Frank Sawatzki

Klingt wie: Moe Tucker: LIFE IN EXILE AFTER ABDICATION (1989) / Roky Erickson & The Aliens: THE EVIL ONE (2002) / Daniel Johnston: FEAR YOURSELF (2003)

Lykke Li Eyeye

PIAS/Rough Trade (VÖ: 20.5.)

Die Intim-Pop-Prinzessin hat das Dogma-Konzept und die beliebte Trendfarbe Beige entdeckt.

Der Dogma-Film war ja mal eine dänische Idee. Li Lykke Timotej Zachrisson ist Schwedin, aber borgt sich das Konzept für ihr fünftes Album als Lykke Li. Kein Clicktrack, der das Tempo vorgibt, wurde für EYEYE verwendet, keine digitalen Klangerzeuger, aber dafür ein Billig-Mikrofon. Das Ergebnis ist folgerichtig sehr direkt, sehr intim, sehr fragil. In „You Don’t Go“ zählt Li die Nächte und die Tränen, man kann die Finger über den Gitarrenhals rutschen hören, und sie fragt: „Do you not feel? I feel I can’t take it anymore.“ Nur eine gute halbe Stunde dauern die acht Stücke insgesamt, aber so ganz traut Lykke Li ihrem eigenen Dogma-Konzept nicht, denn zusammen mit Peter-Bjorn-and-John-Bassist Björn Yttling, der schon ihre ersten drei Alben produziert hatte, legt sie dermaßen viel Hall auf die Stimme, als wollte sie ihren Status als Pop-Prinzessin dann doch nicht ganz infrage stellen und die neu gewonnene Unverstelltheit gleich wieder in Watte packen. Andererseits ist gerade dieser Kontrast faszinierend: Manche Stücke scheinen auszubrechen wollen aus dem Korsett, können sich kaum im Zaum halten, und die Melancholie erscheint eher brüchig. EYEYE ist wie ein Teenager, der sich diesen schicken Kurzmantel in der Trendfarbe Beige zugelegt hat, aber darunter dann doch noch das T-Shirt in Kreischgelb trägt.

★★★★★

Thomas Winkler

Moderat More D4ta

Monkeytown/Rough Trade (VÖ: 13.5.)

Das Berliner Trio auf emotionalen Tiefenerkundungen bis hin zur Elektrobunker-Musik.

Schweres Geschirr im „Fast Land“: Der erste Track auf dem neuen Moderat-Album ist ein Elektro-Drum-And-Bass-Bolide, der so gar nicht seinem Namen verpflichtet ist und vor lauter Gewicht auf der Stelle tritt. Eher ein Soundtrack für eine blitzende Apokalypse im Film, eine Demonstration der Kraft der Natur aus den Schaltkreisen der Elektronik. Zwei Jahre lang herrschte Funkstille zwischen Apparat (Sascha Ring) und Modeselektor (Gernot Bronsert und Sebastian Szary). Und sechs Jahre nach dem letzten gemeinsamen Album-Auftritt als Moderat mit III folgt nun die Nummer 4. Die Zeit ächzt in diesen bollerigen Soundscapes, die den Raum für emotionale Tiefenerkundungen öffnen. Wie gemacht dafür ist die Stimme von Sascha Ring, die das gewichtige Material in aller Zerbrechlichkeit umkreist. Manchmal wird auch ein Partytrack daraus („Easy Prey“), aber wir meinen hier eine Party tief unten im Bunker – und draußen hat der Arbeitstag schon begonnen. „Drum Glow“ im Anschluss verlegt die Beatmesse wieder nach oben, mit einer Geräuschkulisse aus dem Urwald unserer Imagination, und am Ende zieht der Soundstrom so dahin, als gäbe es gar kein Ende. Diese Musik ist körperlich spürbar, sie ist als Klang gewordener Film mit unseren Synapsen und unseren Muskeln verbunden. Sie ist schon in uns.

★★★★★

Frank Sawatzki

Story S. 40, CD im ME S. 3

Angel Olsen Big Time

Jagjaguwar/Cargo (VÖ: 3.6.)

Die Singer/Songwriterin verqueert wie nebenbei die konservativen Country-Gefilde.

Manchmal spielt das Leben einem so bittersüß und schräg zu, dass man kaum noch sagen kann, ob das Timing eigentlich Glück im Unglück oder Unglück im Glück war. Davor ist man nicht mal als eine der amtierend besten Singer/Songwriterinnen der Welt gefeit: Angel Olsen, 35, hatte 2021 ihr lesbisches Coming-out vor ihren Eltern und sich dabei, wie sie selbst sagt, wieder hilflos wie ein fünfjähriges Kind gefühlt. Nur wenige Tage später stirbt ihr Vater. Angel Olsen bringt ihre Partnerin (die Drehbuchautorin Adele Thibodeaux) mit zur Beerdigung, und zwei Wochen später stirbt auch ihre Mutter. Diese Mixtur aus beklemmender Trauer und befreiendem Es-gesagt-Haben, Zusich-und-seiner-Freundin-Stehen bestimmt auch Angel Olsens nunmehr sechstes Studio-Album, auf dem sie sich, mehr denn je, mit Pedal Steel und Twang der Americana verschreibt und dabei sanglich (wie übrigens ja auch Lana Del Rey) an der Country-Sängerin Tammy Wynette orientiert. Angesichts der Emo-Achterbahn ist BIG TIME allerdings ein überraschend unaufgeregtes, elegantes Album, eröffnet durch schimmernde Orgeln, immer wieder flankiert von Bläsern und mit liebevollen Details wie Triangel. An den opulenten Orchesterpomp von ALL MIRRORS (2019) reicht das nicht heran, aber kleine Rock-Ausraster („Go Home“) gibt es durchaus und im Finale auch eine streicher-cinematische Klavierballade („Chasing The Sun“), in der Angel Olsens Sehnsuchtsengelsstimme ganz enorm nuancenreich brilliert. Insgesamt eine schöne Sache, dass Angel Olsen (wie gerade ja auch Orville Peck wieder) an der Verqueerung des insgesamt immer noch sehr konservativen Country-Genres werkelt.

Glück im Unglück? Oder Unglück im Glück?

★★★★★

Stefan Hochgesand

WET LEG hören gerade:

Okay Kaya —

Dance Like You (2018)

Biohazard —

Momma (2020)

The Lazy Eyes —

Fuzz Jam (2022)

Lava La Rue —

Vest & Boxers (2022)

Caroline Polachek —

So Hot You’re Hurting My Feelings (2019)

Nick Drake —

Hazy Jane II (1971)

Glen Campbell —

Rhinestone Cowboy (1975)

FKA Twigs —

Caprisongs (2022)

Pinkpantheress —

Nineteen (2021)

Just Mustard —

I Am You (2021)

Schmyt Universum regelt

Division/Sony (VÖ: 20.5.)

R’n’B aus Berlin, der im Schein der Leuchtreklamen funkelt.

Schmyt wird liefern. Nach Features bei RIN und Haftbefehl legte sich zumindest ein Teil der Deutschrap-Szene schnell auf diese Arbeitsthese fest. Dass dem so sein könnte, hatte schon die erste eigene EP des Berliners im letzten Jahr bestätigt. Deren Sound erinnerte an Frank Ocean. Den Vergleich wird Schmyt auch bei seinem Debütalbum UNI-VERSUM REGELT nicht los. Aber es gibt schlechtere Referenzen. Und ist nur ein Vergleich, denn Schmyt präsentiert hier durchaus seine eigene künstlerische Idee. Bei der sich R’n’B ebenfalls mit Pop und HipHop mischt. Jeder Beat funkelt wie im Schein der Leuchtreklamen der großen Stadt. Schmyt tingelt dazu thematisch durch Weltschmerz, Angst und Liebeskummer. Beste Voraussetzung für modernes Drama also: die Welt konstant am Arsch, Gefühle sowieso kaputt und überhaupt alles kompliziert. Und dann noch diese Selbstzweifel: „Ich glaube, ich mache mich nicht zum Hurensohn für Dich.“ Gemeinsam mit den Produzenten Bazzazian und Alexis Troy entwickelte Schmyt den sanftschweren Sound dazu. Meist bestimmt runtergefahrenes Tempo hier die Stimmung. Was UNIVER-SUM REGELT so einnehmend macht. Experimente außerhalb dieser Komfortzone gibt es nicht. Den intensivsten Moment des Albums setzt Schmyt dann ans Ende. Ein letztes Mal hallt es mit Rapper OG Keemo zusammen: „Ich lasse los.“ Das Universum regelt. Alles zur Zufriedenheit abgeliefert.

★★★★★

Björn Bischoff

4 FRAGEN AN JOE RAINEY

Welche Dimension wollten Sie den traditionellen Chants hinzufügen?

Erst mal ist wichtig: Das sind keine Chants. Das ist ein Irrglaube, Pow-Wow-Gesänge sind nicht religiös. Deshalb haben wir als erste Single auch „No Chants“ herausgebracht, um dieses Vorurteil endlich loszuwerden. Ob wir den Gesängen eine neue Dimension hinzugefügt haben? Ich hatte auf jeden Fall Ideen und Sounds im Kopf, die ich umsetzen wollte. Und Andrew Broder war der Mensch, von dem ich glaubte, dass er mir dabei helfen könnte.

Weil Broder dabei war, könnte man denken, es ist Indie-Rock mit Pow-Wow-Einflüssen. Aber eher das Gegenteil ist richtig. Eine bewusste Entscheidung?

Bewusst war nur die Entscheidung, einen Freund zu fragen, ob er mir helfen kann. Und als wir ausführlich besprochen hatten, dass Broder kein Native American ist, hat er schnell kapiert, dass er nicht für mich trommeln soll. Wir wussten sofort, dass das hier kein Indie meets Pow Wow wird. Es war sofort etwas Eigenes, das in einem kosmischen Raum zwischen Tradition und Futurismus schwebt.

Wie schwierig war es, Ethno-Klischees zu vermeiden?

Da hatte ich gar keine Angst, weil ich seit sieben Jahren in verschiedenen Kooperationen die Tradition immer wieder gegen den Strich gebürstet habe. Auch im digitalen Zeitalter nehme ich die Pow Wows noch mit Kassetten auf. Und du wirst mich auch nicht auf einer Bühne im üblichen Pow-Wow-Outfit finden. Wenn du das willst, musst du das anderswo suchen. Mir liegt nichts ferner als diese Indianer-Romantik. Das hier ist eine zeitgenössische Zusammenarbeit mit viel gegenseitigem Respekt.

Hat NIINETA auch den Zweck, den Pow-Wow-Gesängen ein zweites Lebens zu verschaffen?

In erster Linie ist das ein Projekt von zwei Kumpels. Und das Ergebnis der letzten sechs Jahre meines Lebens, in denen ich ein neues Kapitel aufgeschlagen habe, um musikalische Grenzen zu überschreiten. Nein, es geht nicht um ein zweites Leben, das ist nur ein Hilfeschrei.

Joe Rainey Niineta

37d03d/Cargo (digital: 20.5., physisch: 8.7.)

Die Kooperation aus dem Bon-Iver-und-The-National-Umfeld entführt die Pow-Wow-Gesänge aus dem Reservat.

Vielleicht nicht provokativ, aber doch ein wenig seltsam ist es, einen Track „No Chants“ zu nennen, auf dem dann vor allem zu hören sind: Chants. Oder eben nicht. Joe Rainey legt Wert darauf, dass die Pow-Wow-Gesänge, die auf seinem Albumdebüt NIINE-TA zu hören sind, keine religiöse Dimension haben. Der Track ist Programm, auch darüber hinaus. Denn hier verschmelzen die Pow-Wow-Gesänge und -Trommeln, die der Native American Rainey in seinem eigenen und anderen Stämmen in Minnesota, vor allem der Red Lake Reservation kurz vor der kanadischen Grenze, gesammelt und eingesungen hat, exemplarisch mit den schweren Beats und dunklen Klangschlieren, die Produzent Andrew Broder beisteuert. Kennengelernt haben sich die beiden durch die 37d03d-Community um Justin Vernon und die Dessner-Zwillinge. Wer nun aber schicke Indie-Tracks mit folkloristischen Verzierungen erwartet, liegt völlig falsch: Die Gesänge stehen eindeutig im Mittelpunkt, die Ergänzungen und Bearbeitungen eröffnen der traditionellen Musik nur sehr vorsichtig eine zusätzliche Dimension, die sie aus dem gewohnten Umfeld herausführt, ohne aber ihren Charakter grundsätzlich infrage zu stellen. Oder, anders gesagt: NIINETA macht alle Federschmuck-Klischees endgültig überflüssig.

★★★★★

Thomas Winkler

OU

One

InsideOut/Sony

Auch in China ist man dem Zauber des Prog-Rock erlegen.

Bei Progressive Rock fragt man sich ja schon manchmal: Wer hört das eigentlich? Die Frage, wer macht das eigentlich, ist dagegen schneller beantwortet: anscheinend alle! Selbst in Beijing schlägt man sich gerne rum mit möglichst verquasten Rhythmuswechseln, avancierten Akkord-Progressionen und extremen Kontrasten zwischen Laut und Leise, das beweisen OU. Mit seinem Debütalbum ONE zeigt das Quartett um Vokalistin Lynn Wu, dessen Name übrigens einfach „O“ ausgesprochen wird, dass es die Veteranen des Genres wie King Crimson ebenso kennt wie aktuelle Entwicklungen aus dem Metal-Bereich. Soll heißen: Hochgeschwindigkeits-Gekloppe kann sich abwechseln mit ätherischem Bebimmel, luftige Klangflächen werden durchgraben von tonnenschweren Riffs. Und durch diese zerklüfteten Konstruktionen turnt Wu mit ihrer Stimme, die problemlos das gesamte Spektrum zwischen Björk, Kate Bush und Zahnarztbesuch abdecken kann. Wer das hört, findet also alles, wenn auch nicht immer an den Stellen, an denen man es erwarten würde. Aber das ist dann wohl der Zauber von Progressive Rock.

★★★★

Thomas Winkler

Toro Y Moi

Mahal

Dead Oceans (VÖ: 29.4.)

Der ehemalige Chillwave-Pionier sendet diesmal direkt aus dem California (Day-)Dreaming.

Chaz Bear von Toro Y Moi ist Moodboard-Architekt. Sein Alben-Katalog besteht aus Schnipseln, Referenzen und Interpretationen seiner musikalischen Musen, kuratiert mit virtuosem DIY-Handwerk und dem Fingerspitzengefühl eines Weltklasse-DJs. Dieses Jahr interessiert sein nostalgischer Blick sich für Psychedelia: Woodstock, Sly and the Family Stone und die Beach Boys. Nichts, was moderner Psych-Rock nicht auch anfassen würde – aber Bear kommt nicht über Technik, sondern über das Gefühl. Das Gitarren-Wah-Wah und die analogen Synth-Leads klingen nach sonnengeküsster Westküste, die Basslines auf „Last Year“ oder „The Loop“ grooven und seine Vocals kommen mit dem Gekrissel eines Analogfilms. Der Mann sagt selbst, es gehe um den Film im Kopf. Und wie Szene an Szene reihen sich Loop an Loop, Vibe an Vibe. Bands wären nicht in der Lage, so leichtfüßig zu manövrieren: Um schwere Stoner-Gitarren an ein Jazz-Piano-Solo zu ketten, braucht es einen Prozess wie ein alternativer Hip-Hop-Produzent. Toro Y Moi würdigt so auf MAHAL, was früher schön war, ohne früher alles besser zu finden. Denn trotz aller Nostalgie ist das hier Musik mit den Mitteln der Gegenwart. Und können wir in den letzten kalten Tagen des Frühlings nicht alle ein bisschen Woodstock gebrauchen?

Die Vocals sind krisselig wie ein Analogfilm.

★★★★★

Yannik Gölz

Story S. 19, CD im ME S. 3

Tomberlin

I Don’t Know Who Needs To Hear This …

Saddle Creek/Rough Trade

Dieser sanfte Singer/Songwriter-Pop muss nicht laut werden, um sehr eindringlich zu sein.

Eine religiöse Erziehung samt Queerness ist in den USA eine gute Basis für eine Laufbahn als Singer/Songwriter*in. Kein Wunder, bedenkt man, wie omnipräsent die Kirche – samt Lobpreisungsmusik – dort vielerorts ist. Und wie stark das Hadern mit Gott, Schuld, Scham und Selbstakzeptanz auf der Seele brennen kann. Auch das Weltbild von Sarah Beth Tomberlin, Tochter eines baptistischen Pastors, wurde in späten Jugendjahren ordentlich durchgerüttelt. Und wie schon auf dem 2018er-Debüt spürt man auch auf I DON’T KNOW WHO NEEDS TO HEAR THIS... die Auseinandersetzung mit der zurückgelassenen Ideologie und Institution. „You preach peace and patience / But you don’t seem to have your own“, singt Tomberlin in „Born Again Runner“ mit dieser anmutigen, verletzlichen Stimme, der man den inneren Kampf anhört. Es geht um Einschüchterung und Doppelmoral, Besen streicheln die Snare-Drum, eine Pedal-Steel wabert. „Always wondering if I’ll go to hell“, sinniert die Mittzwanzigerin kurz darauf in „Tap“ über einem dichten, organischen Teppich aus Percussion, Gitarrenpicking, Piano-und Geigenverzierungen. Tomberlin selber gibt ihren Worten und ihrer Musik viel Raum zum Atmen. Weiche Saxofon-und Klarinettenklänge und ein irrlichterndes Klavier verleihen ihrem berückenden Folk-und Americana-Sound eine jazzige Note. Manchmal brandet auch Indie-Rock-Noise auf. Das ist gut für die Dynamik. Doch Tomberlin muss nicht laut sein, damit man ihr zuhört.

★★★★★

Nina Töllner

Klingt wie: Julien Baker: SPRAINED ANKLE (2016) / Big Thief: TWO HANDS (2019) / Norah Jones: COME AWAY WITH ME (2002)

Stars

From Capelton Hill

Last Gang/Bertus (VÖ: 27.5.)

Das Leben kann jederzeit vorbei sein – feiern wir es mit leidenschaftlich leuchtendem Pop.

Dass bei Stars aus Montreal Glanz und Kitsch, Pathos und Peinlichkeit ganz nah beieinander liegen, einander sogar bedingen, weiß man ja. Auch beim neuen Album ist das so, sogar noch ein paar Spuren dicker aufgetragen als früher schon. Denn FROM CAPELTON HILL handelt von den ganz großen Dingen des Lebens, beziehungsweise von der Endlichkeit desselben. Inspiriert und deprimiert vom Lockdown entstand der anfangs melancholische, sich dann hymnisch aufblätternde Titeltrack, gefolgt vom against-allodds-optimistischen „Hoping“, in dem sich die wahre Superkraft der Stars zeigt: Sie schaffen es, dass es sich anfühlt wie beim ersten Mal. Also das Musikhören. Das mit knackiger Funk-Gitarre umstandslos Richtung Dancefloor groovende „Build A Fire“ und die Single „Pretenders“ haben den gleichen Effekt, auch oder gerade weil Stars hier tief in 80er-Jahre-Nostalgie schwelgen. Torquil Campbell und Amy Millan singen sich in wahre Räusche der Euphorie, Campbells Stimme vibriert dramatisch und reimt „miss me“ auf „kiss me“: Das ist total drüber, überkandidelt, herrlich. Dass ausgerechnet die von Millan allein gesungenen Balladen („Patterns“, „That Girl“) seifig und sentimental geraten sind, schmerzt ein wenig. Aber wie gesagt, es geht um alles, und vielleicht ist alles gleich vorbei. Wer das peinlich findet, muss halt Minimal House hören.

★★★★★

Christina Mohr

Wilma Vritra

Grotto

Bad Taste (VÖ: 6.5.)

Wer braucht noch echte Gefühle? Das UK/US-Duo liefert sie mit seinem tollen R’n’B-HipHop.

Zwei Missverständnisse tun sich rasch auf: Zum einen klingt der Name Wilma Vritra nach einer isländischen Singer/Songwriter-Newcomerin, die auf den Spuren von Björk wandelt. Und dann ist da auch noch diese ulkige Smiley-Lokomotive auf dem Albumcover, sodass man rasch an den Schabernack der Augsburger Puppenkiste denkt. Aber all dies trügt. Tatsächlich. Auf ihrem zweiten Album klingen Will Archer (der für Celeste, Nilüfer Yanya und Jessie Ware komponiert hat) aus London und der L.A.-Rapper Hal Donell Williams Jr. aka Vritra eher so, als würde sich der eh blechbläserverliebte Blood Orange auf die dancy Wurzeln seiner frühen Alben zurückbesinnen, garniert mit traumhaften Hollywood-Drama-Streichern. In Grotten muss man sich erst mal wagen, sie sind feucht bis nass und düster bis höllisch. Also: No-go-Area. Oder man tut es doch! Und das tun die beiden Jungs, dies-und jenseits des Atlantiks, mit ihrer Liebe für verspulten Endlos-Schlieren-Funk. West-Coast-Rap trifft männliche Einfühlsamkeit und auch Zerbrechlichkeit – sooo gut! Lagunen sind überbewertet. Grotten sind geil.

★★★★★

Stefan Hochgesand

Klingt wie: Tyler, The Creator: CALL ME IF YOU GET LOST (2021) / Blood Orange: COASTAL GROOVES (2011) / Frank Ocean: CHANNEL ORANGE (2012)

Batu Opal

Timedance (VÖ: 29.4.)

Omar McCutcheon erweitert seinen Bass–Techno-Hybrid zur Dance Music der Zukunft.

Tiefe Frequenzen werden in der Regel körperlich wahrgenommen, weshalb sich mit viel Bass eher schlecht als recht wirklich abstrakte Musik machen lässt. Aber Omar McCutcheon kommt aus Bristol und da bekommen sie selbst das hin. Der Betreiber des Labels Timedance gehört einer Produzent*innen-Generation an, die seit Beginn der 10er-Jahre immer neue Hybride aus Techno und Spielarten des Hardcore Continuums erschafft. Auf seinem Debüt OPAL gelingt ihm eine doppelte Meisterleistung: Anders als andere vermag er über 36 Minuten einen Spannungsbogen aufzubauen und bringt auch noch avancierte Sound-Experimente mit, na ja, ziemlichen Bangern zusammen. Ein Track wie „Convergence“ beweist, dass Batu mit Bass nicht allein dunkelbunte Klangbilder in den Mix malen, sondern auch irre viel Spaß machen kann. So klingt sie, die Dance Music der Zukunft.

★★★★★★

Kristoffer Cornils

Vince Staples

Ramona Park Broke My Heart

Motown/Universal

Lakonischer West-Coast-Rap der allerneuesten Generation.

Einer der verstörendsten und größten Momente eröffnet das Album: Vince Staples rappt in seinem lakonisch-sonoren Ton von einer Jugend in Long Beach, einer Hafenund Industriestadt im Großraum Los Angeles. Das Meer rollt leise im Hintergrund, Publikumsjubel, eine Orgel gibt den Beat vor – und dann, Schüsse. Das Publikum lacht und johlt, das Meer spült uns sanft in den nächsten Track. Jubel und Schüsse, Strand und Ghetto, Stolz und Trauma: mit 16 Tracks auf 41 Minuten ist das Album doppelt so lang wie der selbstbetitelte Vorgänger letztes Jahr, gleichermaßen geht es um Freunde, denen man Blumen ans Grab bringt, um Loyalität, um die Lüge der Chancengleichheit und immer wieder, um das Aufwachsen in der Hood. Doch in der Länge geht er, lakonisch distanziert, noch tiefer ran an den Schmerz, den Verlust, die Einsamkeit. Dazu liefert Produzent Kenny Beat einen warmen Soundtrack, der wie die Afterhour-Version der funky Westcoast-Klassiker klingt. „Ain’t never sang no love songs, no“, rappt Staples auf der Single „Rose Street“, und bleibt sich treu: es findet sich auch auf RPBMH keiner, denn Ramona Park ist keine Frau, sondern das Viertel seiner Jugend. Die Love, sie gilt nur den Homies.

★★★★★

Aida Baghernejad

Llucid

Getting In Touch

Grönland/Rough Trade

Der Berliner Rapper ist ein großes Talent, das aber demnächst das Handbuch weglegen sollte.

Die Debüt-EP von Llucid ist ein Musterbeispiel dafür, was Institutionen wie die Mannheimer Pop-Akademie für alternativen HipHop in Deutschland tun können. Da ist also dieser offensichtlich sehr begabte Typ mit ausreichend Ressourcen und einer Menge handwerklichem Geschick – und er macht englischsprachigen Rap, inspiriert von allen coolen Rappern und Electro-Pop-Artists der Stunde. FKA Twigs, James Blake, man hört ein Handbuch des guten Geschmacks. GETTING IN TOUCH fühlt sich dennoch ein wenig so an, als würde jemand Lorem Ipsums aufschreiben, um seine Schönschrift zu demonstrieren. Die Schnörkel, die cineastischen Swells, das Intro auf „Feel Good“, der Groove auf „Fooled“. Aber die eindrucksvollen Schleifchen umwickeln nicht wahnsinnig spannende Grundrisse. Llucid textet oft plakativ, bindet dem Hörer Hooks wie „this is supposed to make you feel good about yourself“ auf die Nase. Interessante Musik entsteht also doch nicht nur nach Handbuch.

★★★★

Yannik Gölz

Rosa Anschütz

Goldener Strom

BPitch Berlin (VÖ: 27.5.)

Pathos-Pop-Techno, der sich in den ganz großen Gesten übt.

Rosa Anschütz hat die großen Gesten nie gescheut, und auch ihr Zweitwerk öffnet gleich mit einem Boller-Techno-Track mit „Tainted Love“-Gedenk-Synth-Riff. In der Mitte aber bricht das Stück zusammen, der Beat weicht ahnungsvollen Flächen und einer dramatischen Gesangseinlage. Die Kontraste, zwischen denen sich GOLDENER STROM bewegt, wären damit abgesteckt. Nur selten allerdings werden sie sinnvoll ineinander integriert, was dem Album einen heterogenen Charakter verleiht: hier Melancholie und Schwebezustand, dort handfeste Ausrasterei. Beeindruckend ist allerdings, wie Anschütz sich dem immer wieder anpasst, distanzierte Spoken-Word-Parts abliefert oder doch mit klassischer Gesangsstimme agiert. So erinnern diese Tracks mal an D.A.F. oder, vor allem in der wunderbar verkorksten Hymne von Titeltrack, an Nico, lassen aber anderswo an Zola Jesus’ Sphären-Pop oder blecherne Techno-Voiceovers denken. Vor allem natürlich im Finale, dem gehetzten Peak-Time-Track „Buddy“, das zum Abschluss noch einmal alles einreißt.

★★★★

Kristoffer Cornils

The Black Keys

Dropout Boogie

Nonesuch/Warner

Die Bluesrock-Maestros üben sich in dezenter stilistischer Verästelung und Klangarchäologie.

Gerade mal ein Jahr ist es her, dass die Black Keys mit DELTA KREAM (bereits zum zweiten Mal) ein Album veröffentlichten, auf dem sie sich mit großer Lust an der Ahnen-Interpretation durch allerlei sumpfige Schätze des Mississipi Hill Country Blues coverten. Eine wunderbar authentische Form der Klangarchäologie war das, die nun in einem gewissen Kontrast zu ihren eigenen neuen Songs auf DROP-OUT BOOGIE steht. Zwar ist auch hier der Blues(rock) letztlich Zentrum allen Geschehens, und doch sind da diese feinen Verästelungen, mit denen sich Dan Auerbach und Patrick Carney von der reinen Blues-Lehre abheben. So lassen sie einen für Black-Keys-Verhältnisse fast schon opulenten Song wie den Opener „Wild Child“ zwischen mehrstimmigem Backing-Gesang und Streicher-Anmutungen im Refrain auch mal in astreiner Funkyness erstrahlen, oder tauchen in Songs wie „It Ain’t Over“ und „How Long“ mit flehentlichem Schmelz in Auerbachs Stimme in die Tiefen des Soul ein. Zusammen mit einem famosen neuen Schwung an archetypisch nach vorn stampfenden Bluesrock-Rumplern und -Schunklern ergibt das eine unbedingt bühnentaugliche Platte, die eindrucksvoll klarmacht, dass diese beiden Retro-Spezialisten weiterhin Maßstäbe in Sachen musikalischer Unmittelbarkeit setzen.

Die Retro-Spezis setzen Maßstäbe in Unmittelbarkeit.

★★★★★

Martin Pfnür

Florence And The Machine

Dance Fever

Polydor/Univeraal

Die Queen des Wallekleid-Pop krönt sich endgültig zum King.

Wenn die luftigsten Höhen erklommen und die finstersten Ecken des Hades erkundet, wenn die Liebe und der Rausch in allen Tonlagen besungen wurden, dann endet man mit Florence Welch eben doch da, wo wir Normalsterblichen rumhängen: in der Küche. Da steht Welch, Ophelia-hafte Gebieterin über das Projekt Florence And The Machine, zu Beginn von DANCE FEVER und streitet, ob man Kinder haben sollte oder nicht. „King“ heißt die Single, die auf die Agenda setzt, was Welch beschäftigt hat: Familienplanung, tickende biologische Uhren, solche Sachen. Zum Kitchen-Sink-Realismus lässt sich die Königin des pompösen Wallekleid-Pop zwar auch weiterhin nicht herab. Trotzdem ist ihr fünftes Album für ihre Verhältnisse eine rohe, schroffe, ja intime Angelegenheit geworden. „Heaven Is Here“ rumpelt karg und intensiv; dem traumhaften Soul-Stück „Girls Against God“ sitzt eine dezente Noise-Gitarre im Nacken. Manchmal singt Welch in Songs, die dicht produziert, aber nie zu vollgestellt klingen, im Duett mit sich selbst wie die frühe Lorde, oft singt sie ungekünstelt und frei von Primadonna-Ambitionen – und dabei so toll wie noch nie. „I am no mother, I am no bride, I am King“, heißt es in „King“. Keine schlechte Zwischenbilanz eines (Künstlerinnen-)Lebens.

★★★★★

Julia Lorenz

Story S. 44

Gabi Garbutt & The Illuminations

Cockerel

Trapped Animal/Cargo

Die Londoner Musikerin aktualisiert erfolgreich den Pub-Rock.

Da entdeckt sie also unter dem Asphalt das schlagende Herz der Stadt, isst fröhlich Take-Away-Mahlzeiten und sieht ihren Träumen beim Vergehen zu: So schön wie Gabi Garbutt hat lange niemand mehr das urbane Leben romantisiert wie in „Subterranean Stars“, und dann nehmen auch noch die wachsweichen Bläser der staubtrockenen Gitarre jede verbliebene Schärfe. COCKEREL ist der Zweitling der Londoner Musikerin, die sich in ausreichend vielen Pub-Rock-Bands bewährt hat, um nun souverän eine Version von Gitarrenrock zu destillieren, in der britischer Working-Class-Charme, punkige Schnoddrigkeit, Kitchen-Sink-Realismus und springsteensche Epik, ja sogar der Kitsch der Pogues und die hoch gezogene Lippe der Sleaford Mods miteinander versöhnt werden. Spätestens, wenn die Gitarre zum Solo ansetzt in „Angel Of Third Avenue“, denkt man: Mein Gott, ist das altmodisch, aber dann ist das Solo gerade so schnell zu Ende, dass man merkt, dass hier jemand liebevoll die Tradition pflegt, ohne sie bloß Staub ansetzen zu lassen.

★★★★

Thomas Winkler

Zola Jesus

Arkhon

Sacred Bones/Cargo (VÖ: 20.5.)

Noch Noir oder schon Gothic? Der Pop der operngeschulten US-Amerikanerin traut sich was.

Selbst Jesus soll sich ja angesichts seines drohenden Todes dann doch mal lost gefühlt haben: „Gott, mein Gott – warum hast du mich verlassen?“ Wenn das so ist, wird man sich als Zola Jesus ja wohl auch lost fühlen dürfen. Auch wenn man eine ganze Menge Probleme gewonnen hat. „Lost“ heißt denn auch gleich der Opener des sechsten Studioalbums von Zola Jesus, die im sogenannten echten Leben Nika Roza Danilova heißt – und als US-Amerikanerin der zweiten Generation übrigens russische und ukrainische Vorfahren hat. Für ihren Pop, bei dem man oft kaum sagen kann, ob das noch Noir oder nicht doch schon Gothic ist, hat sich die operngeschulte Zola Jesus diesmal interessante Mitstreiter fürs Klang-Fegefeuer ausgesucht – nicht bloß einen slowenischen Folklorechor, sondern auch den großartigen Matt Chamberlain, der ja schon für fast alle getrommelt hat, die Rang und Namen haben (Bob Dylan, Fiona Apple, Elton John), aber vor allem Longtime-Mitglied der Live-Band von Tori Amos ist. Und als Produzent hat sie sich Randall Dunn hinzugeholt, der schon mit den Metal-Drone-Meistern von Sunn O))) aber auch mit Ambient-Ikone Jóhann Jóhannsson gearbeitet hat. Dem (im besten Sinne grottigen, geradezu höllischen) Düsterklang bekommt es wohl. Einzig die Melodiebögen sind mitunter etwas zu vorherseh-, pardon, -hörbar. Trotzdem insgesamt ein Wagnis im Popkontext. Die sphärisch verhallten Vocals sind dann letztlich auch mehr uplifting als niederschmetternd. ARKHON ist übrigens Griechisch und meint in etwa so etwas wie die Macht, die laut „Star Wars“ ja mit einem sein möge. Und das kann man ja auch allen nur von Herzen wünschen, die noch (oder schon wieder) lost sind.

Die Macht möge mit Zola Jesus sein.

★★★★

Stefan Hochgesand

Everything Everything

Raw Data Feel

Infinity Industries/Rough Trade (VÖ: 20.5.)

Die zappeligste Indie-Pop-Band des Planeten umkreist das digitale Zeitalter.

Wenn man sich ihre bisherige Diskografie noch einmal vergegenwärtigt, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, dass Everything Everything irgendwann auch die Abgründe und Möglichkeiten der Digitalisierung als große inhaltliche Klammer auffahren. Hangelt sich die britische Band mit dem latenten Hang zum klanglichen ADHS-Syndrom doch seit jeher musikalisch adäquat an den Zeitgeist-Symptomen unserer reizüberfluteten Welt entlang. Auf RAW DATA FEEL, erstmals in Eigenregie produziert und über weite Strecken am modularen Synthie komponiert, entfalten sie nun zwischen dem computerspielverfrickelten Opener „Teletype“ und dem sphärisch strahlenden Finale „Software Greatman“ eine ebenso fidel überdrehte wie plastisch verpatschte Tanzbarkeit, die man in dieser Konsequenz noch nicht von ihnen kannte. Das Schöne: Von ihrem verlässlich demonstrierten kreativen Überdruck und ihrer Lust am verspielten digital-analogen Mäandern zwischen Synthie-Pop-Power und Indie-Pop-Schmiss haben Everything Everything auch hier nichts eingebüßt.

★★★★★

Martin Pfnür

They Hate Change

Finally, New

Jagjaguwar/Cargo (VÖ: 13.5.)

Aus Florida kommt die wohl queerste und laserlichtrasanteste Rap-Platte seit Langem.

Diese Platte bewegt sich zwischen Wow, Weirdo und Wahnsinn. War Rap jemals so queer, so schräg im besten Sinne? Andre Gainey alias Dre (Pronomen: he/ him) und Vonne Parks (Pronomen: they/them) haben ihr Jagjaguwar-Debüt laut eigener Aussage zwar in einer Wohnung in der „uncoolsten Stadt“ Floridas aufgenommen, der Hafenstadt Tampa vor der gleichnamigen Meeresbucht. Die Einflüsse müssen allerdings (das Internet lässt grüßen) von überall her auf sie eingeprasselt sein: Neben bummernden Miami-House-Bässen finden sich da nämlich auch Krautrock-Psychedelik à la Can, Post-Punk à la A Certain Ratio; zudem Grime, die schmuddelige, tempoangekurbelte, britische Variante von HipHop. Dieses Homemade-HipHop-Mixtape mit seinem laserlichtrasanten Rap-Flow fühlt sich bei allen auch historisch grundierten Referenzen verblüffend frisch und nach illegaler Electro-Party auf dem nächstbesten Parkdeck an, mit einer Gangdosis Speed. Wer was wirklich Frisches sucht, braucht diese Platte.

★★★★★★

Stefan Hochgesand

Klingt wie: Skepta: KONNICHIWA (2016) / Mykki Blanco: MYKKI (2016) / Rae Sremmurd: SREMMLIFE 2 (2016)

Erdmöbel

Guten Morgen, Ragazzi

Jippie! Industrie/Rough Trade

In den zehn neuen Songs aus der Kölner Litpop-Schule geben die Worte den Beat vor.

Na, was wird denn diesmal die meistgedroppte Zeile aus dem neuen Erdmöbel-Album werden? Ich tippe auf „All meine Ängste gründen ’ne Bigband, die Bigband des Bundesamts für Unsterblichkeit bei Sonnenaufgang“ (aus „Beherbergungsverbot“). Zum Einstieg schenken uns Erdmöbel aber erst einmal ein freundliches „Guten Morgen“, das Reggaemöbel mit Bass und Bläserantrieb ist neu im Katalog. „Nichts ist nur irgendwas, mach dir keine Sorgen“, singt Markus Berges und reicht „Kaffee oder Tee“ im leicht mäandernden Tagesanfangsgesang. Zehn Songs haben Berges, Multiinstrumentalist Ekki Maas, Keyboarder Wolfgang Proppe und Drummer Christian Wübben für ihr neues Studioalbum ausgewählt und im trockenen Prosapop-Style aufgezeichnet. Jetzt hören wir, wie die Grammatik den Pop anschiebt, wie die Worte und die Gedanken, die sie bezeichnen, sich neu sortieren, wie die Wörter (die wir ja auch erst kennenlernen wie eine neue Mitbewohnerin) sich zu Melodien formen, und was für schöne Melodien das sind, zur Gitarre, zum Piano (perlend), alles im Dienste unseres Kopfkinos. Beim „Palindrom“ wird’s onomatopoetisch, weil wir des Japanischen nicht mächtig sind, beim funky Autotunepopsong „Supermond“ hören wir die Silben tanzen und wollen gleich einsteigen. Und zum Flüchtlingslied „Wir sind nicht das Volk (Lass sie rein)“ unser Kreuzchen machen. Was Al Bano und Romina Power, „Der Bernoulli Effekt“ und „Das Mädchen auf den Stufen“, das Teilchenbeschleuniger wird, hier zu suchen haben, gebe ich nicht preis. Es war mir eine Freude, mit Erdmöbel in den Tag gestartet zu sein.

★★★★★

Frank Sawatzki

Yung FSK18

18plus

Schmutz/Distrokid

Nein, Mama, mach dir keine Sorgen!

Die Meta-Ebenen zischen nur so, wenn die Hallenserin alle Deutschrap-Klischees bricht.

Am 9. Januar dieses Jahres hat Yung FSK18 getweetet: „Schon verwirrend diese Welt, wo ein und dasselbe Wort einerseits empowernde Selbstbezeichnung und andererseits schlimmste Beleidigung ist.“ Das besagte Wörtchen war „bitch“, und 18PLUS sendet jetzt aus dieser verwirrenden Welt. Über staubtrocken von Rattenjunge produzierten Beats zwischen Cloud, Drill und Trap gibt die Rapperin aus Halle an der Saale „einen Fick auf Gefühle“, aber sucht trotzdem, weil das Leben nun mal kompliziert ist, gerade wenn man so jung ist, nach dem nächsten Fick, schlüpft in Rollen, auch männliche, und kaum, dass man sich versieht, schon wieder raus und in eine neue. Yung FSK18 kann nicht nur viel besser rappen als Shirin David und Katja Krasavice, sie spielt auch noch mit deren Erfolgsmodell, also die Umkehr der Gender-Machtverhältnisse im HipHop in Hochglanz zu verkaufen, zusätzlich aber auch mit der Selbstexploitation einer Schwesta Ewa, Porn-Klischees und Sexpositivity, Teenage Angst, sexueller Identitätsfindung und den gesellschafts-kulturellen Fragen der Zeit. Echt jetzt? Aber hallo, und am Ende steht eine Sookee mit den Mitteln von Haiyti. Die Meta-Ebenen zischen durcheinander, kommen sich produktiv in die Quere, man muss nur mal zuhören, und in zwei Zeilen steckt mehr drin als beim handelsüblichen Deutsch-Rapper auf Albumlänge: „Mama mach dir keine Sorgen, hab das Leben fest im Griff / Es geht rauf und es geht runter wie mein Arsch auf seinem dick.“ Nein, Mama, mach dir keine Sorgen, das wird gut, sehr gut.

★★★★★

Thomas Winkler

Fixate

Fixate

Exit (VÖ: 20.5.)

Über 13 Tracks hinweg stellt Declan Curran die Weichen für den Drum’n’Bass der Zukunft.

Drum’n’Bass war nie weg, nur verhaltensunauffällig. Parallel zum grassierenden Revival des Geschwisterleins Jungle machen sich allerdings einige Artists daran, dem Genre neues Leben einzuhauchen. Als Fixate hat Declan Curran dessen Grenzen schon mehrfach mit traumwandlerischer Sicherheit übertreten, zeigte sich aber selten so innovativ wie auf seinem zweiten Album. Bedrohliche Stepper, polyrhythmische Drum-Workouts, furioser Breakbeat-Wahnsinn – auf FIXATE werden verschiedene Stränge der DNS des britischen Hardcore Continuum miteinander verflochten, mit dem DRS-Feature „Down“ ist sogar eine muskulöse Rap-Nummer enthalten. Selbst wenn sich Curran jedoch auf bekanntem Gebiet bewegt und verschiedene Spielarten von Drum’n’Bass durchdekliniert, bleibt sein Ansatz richtungsweisend, weil er seine unbedingte Stiloffenheit beibehält. Jeder dieser Tracks eröffnet seine eigene Klangwelt, die zusammengenommen ein neues Universum aufmachen. Auch über die Grenzen des Genres hinaus hat das Aufmerksamkeit verdient.

★★★★★

Kristoffer Cornils

Klingt wie: Photek: MODUS OPERANDI (1997) / Ed Rush & Optical: WORMHOLE (1998) / Krust: THE EDGE OF EVERYTHING (2020)

Flume

Palaces

PIAS /Transgressive (VÖ: 20.5.)

Der Grammy-Sieger folgt zu oft den eigenen Vorgaben zwischen Dance und Electro-Pop.

Für PALACES zog sich Flume nach Australien zurück, ließ sich von Flora, Fauna und vor allem von Vögeln inspirieren. Genau so klingt sein drittes Album aber nicht. Es sei denn, Prachtstaffelschwanz, Rosenbrust-Schnäppe und Blauwangenloris entscheiden sich dazu, demnächst auf Stadiontournee zu gehen. Sechs Jahre nach dem mit einem Grammy ausgezeichneten SKIN, drei nach dem Mixtape HI THIS IS FLUME und dem Burning Man folgt er weiter seinem Weg. Mit einem Haufen Gastacts mischt Flume Dance, Electro-Pop, EDM und R’n’B. Nur HipHop muss diesmal leider weitestgehend draußen bleiben. Mit MAY-A, Emma Louise, Caroline Polachek und anderen setzt er noch mehr auf weibliche, im Vergleich zu früher eher unbekannte Stimmen. Zwischen Erwartungshaltung, Druck und dem Wunsch, den Erfolg des Vorgängers zu wiederholen, fehlt es PALACES an Kreativität. Zu oft folgt Flume seinen eigenen Vorgaben der Vergangenheit. Die Ausführung bleibt bekannt, die Stolperfallen und Überraschungen spärlich. Doch gerade in den wenigen verschrobenen Momenten wie „Get U“, „Sirens“ oder dem verträumten Klavierstück „Jasper’s Song“ liegt der Reiz von PALACES. Im Titeltrack, Highlight und Rausschmeißer tritt diesmal Damon Albarn an die Stelle von Beck und holt noch einmal die Ergrauten ab. All dies ist nicht neu, weitestgehend absehbar, aber dennoch oft unterhaltsam.

★★★★★

Sven Kabelitz

Drens

Holy Demon

Glitterhouse/Indigo (VÖ: 20.5.)

Indie-Garagenrock aus Dortmund, der die Fußspitze immer hart auf dem Fuzz-Pedal hat.

„Surf Punk Garage Indie Fuzz Drensperience“, so heißt eine öffentliche Playlist, die die Band Drens beim marktführenden Streamingdienst hochgeladen und bestückt hat. Darin finden sich Bands und Songs, die den Vibe umreißen, den die vier Dortmunder rüberbringen wollen: Slacker-Grunge von den Wavves, klassischer kalifornischer Nullerjahre Garage Rock von Jay Reatard, unverwüstlich poppiger Punk von Turnstile. Das Drens-Debütalbum HOLY DEMON ist eine sympathische Melange aus diesen Elementen geworden, die allen munden dürfte, die sich zwischen 2009 und 2014 durch die „New Music“-Feeds von Stereogum, Pitchfork und The AV Club geklickt haben. Songs wie „No Need To Hide“ und „You Can’t Beat Me In My Dreams“ schieben mit clever gesetzten Riffs gut nach vorne, bei „Record Store“ sieht man vor geistigem Auge bereits den Moshpit brodeln. Die Texte sind durchsetzt von Millennial Angst: Zeilen über Selbstzweifel, Unruhe und enttäuschte Hoffnungen entwickeln gestützt von fetten Fuzz-Gitarren einen angenehm melancholischen Sog, der recht deutliche deutsche Akzent lenkt leider manchmal vom Inhalt der englischsprachigen Lyrics ab. Lust, eine eigene „Punk Indie Garage“-Playlist zu erstellen und als Erstes die Drens draufzupacken, bekommt man beim Hören von HOLY DEMON trotzdem.

★★★★★

Matthias Scherer

Klingt wie: Surfer Blood: ASTRO COAST (2010) / Wavves: KING OF THE BEACH (2010) / Pabst: CHLORINE (2018)

Sharon Van Etten

We’ve Been Going About This All Wrong

Jagjaguwar/Cargo

Auf dem feministischen Konzeptalbum singt die Songwriterin von Geburtswehen befreit.

Die Anfang 2022 veröffentlichten Singles „Porta“ und „Used To It“ sucht man vergeblich auf Sharon Van Ettens neuem Album. WE’VE BEEN GOING ABOUT THIS ALL WRONG soll als Einheit rezipiert werden, zu dem die beiden Songs wohl nicht gehören. In gewisser Weise ist WE’VE BEEN... also ein Konzeptalbum, aber kein allzu strenges. Wie auf all ihren Platten verarbeitet die aus New Jersey stammende Musikerin ihre Traumata auf schonungslose Weise, legt alte und neue Wunden frei. Aus den 10 Songs entwickelt sich jedoch eine zart optimistische Geschichte, wenn man sie – wie es SVE wünscht – in der vorgegebenen Reihenfolge hört. Vom sich zögerlich aufreckenden „Darkness Fades“ bis zum alle Erdenschwere hinter sich lassenden Dreampop-Schlusstrack „Far Away“ ist es ein mitunter schwer zu beschreitender Weg, der durch dorniges Progrock-Dickicht („Headspace“) und dramatische Midtempo-Balladen („Born“) führt und mit der Empowerment-Hymne „Anything“ einen von Sharons besten Songs ever bereithält. In „Mistakes“ bricht sich schließlich ein (feministisches) Selbstbewusstsein Bahn, das in den vorhergehenden Songs vorbereitet wurde. Wie nach anstrengenden Geburtswehen shoutet Van Etten befreit: „Even when I’m making mistakes / It’s much better than that“, dazu schrubbt sie ihre Gitarre, als gäbe es kein Morgen – doch halt, es gibt ja eins: und das ist besser als heute.

★★★★★

Christina Mohr

Story S. 16, CD im ME S. 3

Grant-Lee Phillips

All That You Can Dream

YepRoc /H ‘Art (VÖ: 20.5.)

Der Protestliedermacher rechnet in seiner Americana mit Trumps Amerika ab.

Grant-Lee Phillips und sein Album ALL THAT YOU CAN DREAM sind der Beweis. Es gibt ihn doch: den alten, historisch-versierten, aber woken Protestliedermacher gegen Trumps Amerika. „Peace Is A Delicate Thing“, singt er weise, er, den der US-„Rolling Stone“ einst, nämlich 1995, als den besten männlichen Vokalisten bezeichnete, zu einer Zeit, als er noch aktiv war mit seiner Band Grant Lee Buffalo (1992-1999), die auch mal mit R.E.M. und Pearl Jam auf Tour war. Eine Zweitkarriere, wenn man so sagen will, hatte Grant-Lee Phillips von 2001 bis 2007 dann in der US-Dramedy-Kulturserie „Gilmore Girls“. Auf ALL THAT YOU CAN DREAM, seiner elften Solo-Platte, besingt er, spärlich begleitet von schepperndem Klavier, Jazzbesen, Pedal Steel, etwas selbstgespieltem Mellotron und Pumporgel, nicht naiv den American Dream, sondern dessen nationalistische Perversionen. Gleich in zwei Songs geht es um den rechtsradikalen Sturm aufs Capitol. Auch die menschenunwürdigen Bedingungen, mit denen die USA Immigranten aus dem Süden abblocken, kritisiert Phillips aufs Schärfste. Und allein dass es, in der Tradition von Joan Baez, diese Lieder gibt, die nicht einverstanden sind mit dem Status quo, ist freilich so wichtig, dass man nicht übertrieben darauf rumreiten sollte, dass die etwas monotone Instrumentierung nicht sonderlich innovativ geraten ist. Gerade deshalb werden sie vermutlich, zumal mit Phillips’ einnehmenden Vocals, die von Brummelbariton bis zur beherzten Kopfstimme vieles können, sogar umso mehr Leute erreichen, auch konservative. Und das ist auch gut so.

Besungen werden Perversionen des American Dream.

★★★★

Stefan Hochgesand

The Kings Of Dub Rock

Dubbies On Top

Misitunes/Broken Silence (VÖ: 27.5.)

Das Hamburger Philosophie-Pop-Kombinat probt die Partytauglichkeit des Beach-Dub.

Die Kings Of Dub Rock können nach eigenem Bekunden zaubern: „Alle Tricks fallen mir wieder ein / Und wie früher kann ich meine körperliche Begrenztheit überschreiten / Ich entfalte mich wie eine Serviette.“ Das ist nun sehr schön gesagt, und in diesen ersten Momenten auf der Platte wird auch noch nicht gesungen, nach diesen Zeilen folgt ein seltsamer Ausruf, „wöoh“ in etwa, und dann startet ein hochmunterer Flötenpopsong auf elektronischen Pfoten. Die Kings of Dub Rock, das sind Jacques Palminger (Studio Braun und Fraktus-Bernd), Rica Blunck (Die Zimmermänner), Beatmaker und Mixer Viktor Marek und hier und da und ganz schön wichtig: Flötist und Saxofonist Lieven Brunckhorst. Die Dubrocker*innen können den relaxten Tüdelüdelü- Dub („Paff The Magic Dragon“), spielen ein bisschen Franco-Nero-Surf („Rude Boy Django“) und proben die Partytauglichkeit des Beach-Dub („Playa Paramoia“). Es gibt aber auch Songs, denen TKOD „philosophischen Mehrwert“ mit auf den Weg geben, und Tracks, in denen der Weg schon voller Spaß-Fallen ist, und überhaupt (und warum auch nicht) gehen Spaß und Philosophie Hand in Hand.

★★★★

Frank Sawatzki

HAAi

Baby, We’re Ascending

Mute/Rough Trade (VÖ: 27.5.)

Ein eklektisches Wunderwerk, das Rave-Romantik mit Frickel-Elektronik vereint.

Es lohnt sich mitunter, die Fakultät zu wechseln. Nach Auflösung ihrer Shoegaze-Band Dark Bells schult Teneil Throssel auf das Elektrofach um, bespielt fortan als HAAi den Londoner Club Phonox und holt sich einen Deal mit dem erlesenen Mute-Label. Dann: Lockdown – und endlos Zeit, um dem Debütalbum alles mitzugeben, was geht. Throssel startet BABY, WE’RE ASCEN-DING mit einem Autechre nachgerechnetem Computerabsturz, darauf folgen aus dunkelblumigen Vocals, stampfenden Neunziger-Rave-Rhythmen und verspielten Samples zusammengeschweißte Clubhymnen. Neben Elementen aus Drum’n’Bass, Vocal House und Footwork darf auch Techno-Master Jon Hopkins mitspielen. Er packt im Titelsong die antike Rave-Trommel aus, und Throssel lässt ihren bittersweeten Gesang darüber schweben. Diese Frau baut zig Überraschungen ein, Pausen, grelle Störgeräusche, polyrhythmisches Rumpeln, um dann in einem euphorisierenden Drop mit bollernden Beats die Großraumdisco aufzumischen. Inmitten dieses Genrekatalogs gibt Hot Chips Alexis Taylor dem entschleunigten, aber nicht minder stampfigen „Biggest Mood Ever“ seine Stimme. Schön, aber unnötig -denn Throssel muss die queere Melancholie ihrer eigenen Vocals nicht verstecken. Singend drückt sie ihrer Ideen-Schatztruhe einen unverkennbaren Stempel auf. Dieses Album will viel und manchmal alles. Was genug ist, um ein mitreißendes Narrativ zu entfalten.

★★★★★

Michael Prenner

Klingt wie: Marie Davidson: WORKING CLASS WOMAN (2018) / Baby D: DELIVERANCE (1996) / Lone: LEVITATE (2016)

Finna

Zartcore

Audiolith/Broken Silence (VÖ: 20.5.)

Selbstzweifel, Witz und Empathie formen das vielfältige Debüt der Hamburger Rapperin.

Schreibt man über das Debütalbum von Finna, sollte man nicht der Versuchung erliegen, es bloß über Themen erzählen zu wollen. Was schwer ist, denn ZARTCORE bietet viele an: Finna verscheißert Testosteron-Rapper, ist eine Ikone der hiesigen Diversity-und Body-Positivity-Bewegung, verarbeitet langjährige mentale Tiefs und, und, und. Da will man doch mehr hören, aber dennoch sollte nicht untergehen, was für eine herausragende Stimme, was für außergewöhnliche Musik hier zu finden ist. Man spürt bei jedem Track den Bock, immer wieder etwas anderes rauszuholen. Why not, wenn die Trickkiste so tief ist? Old-School-HipHop-Momente wechseln sich ab mit Trap, dazu klingt Finna mal akzentuiert, mal soulig, mal verhuscht, sie rappt Half-aber auch Doubletime, bindet Gäste wie Mino Riot oder Saskia Lavaux ein, es ist dauernd was Neues los. Was sicher auch daran liegt, dass so viel angefallen ist. Denn dieses Debüt hätte bereits vor sechs, sieben Jahren erscheinen sollen, die Künstlerin konnte aber dem Druck, den das Popbiz auf Kunst, Psyche und ihren Körper ausübte, nicht standhalten. Nur eine der vielen Storys, die auf ZARTCORE mitschwingen und so, sorry, authentisch machen. „Ich bin mehr als das, was ich leiste“, rappt Finna im Titelstück, und am Ende bleibt vor allem ein überschäumendes Album, das immer wieder lustige, schlaue und vor allem empathische Zeilen produziert, die man sich am liebsten alle merken will.

★★★★★★

Linus Volkmann

Kelly Lee Owens

LP.8

Smalltown Supersound/Cargo

Ätherische und doch unerschrockene Electronica zwischen Funktionalität und Provokation.

Enya ist der Sound der Bierwerbung in der Halbzeitpause eines Fußballspiels: Funktionsmusik. Throbbing Gristle ist der Klang vom Ende der Zivilisation: Provokationsmusik. Die Pole könnten nicht weiter entfernt sein, Kelly Lee Owens will sie verbinden. Die Unerschrockenheit der Waliserin hat bereits zu zwei großartigen Alben geführt, LP.8 ist nun entstanden in Oslo, wo die Künstlerin zusammen mit dem norwegischen Avantgarde-Musiker Lasse Marhaug kooperierte, der in seiner Vita Arbeiten mit Jenny Hval, Merzbow oder Sunn O))) stehen hat. Die Erwartungen sind also hoch, werden zunächst aber enttäuscht: Die ersten beiden, sehr abstrakten Tracks „Release“ und „Voice“ wirken, als hörte man Kelly Lee Owens bei der Konfiguration ihres Geräteparks zu. Ihre Vision beginnt erst mit „Anadlu“: mysteriöse Stimmen, Schneeglöckchen, eine Synthie-Puls pocht auf ätherischer Fläche – ein Track wie eine Meditation über das Leben in eiskalten Zeiten. Owens und Marhaug intensivieren die Atmosphäre, nutzen dafür Pianos im Schneesturm, nordische Folk-Melodien, Glöckchen und Schellen. Dann noch zwei Wendungen: „One“ ist eine Electronica-Ballade, „Sonic 8“ der finale Ausbruch: „This is an emergency, this is a wake up call“ – die Musik kehrt auf den harten Boden der Realität zurück.

★★★★★

André Boße

CD im ME S. 3

Klingt wie: This Mortal Coil: BLOOD (1991) / Coil: MUSICK TO PLAY IN THE DARK (1999) / Pantha Du Prince & The Bell Laboratory: ELEMENTS OF LIGHT (2013)

Leikeli47

Shape Up

RCA/Sony

New Yorks Hip-House-Hoffnung offenbart die heiligen Geheimnisse ihrer Clubszene.

Es hat einen Grund, dass Leikeli47 seit einem halben Jahrzehnt im New Yorker Untergrund zum Adel gehört. Auch trotz Cosigns von Jay-Z oder Celine-Chef Hedi Slimane klingt ihr geschichtsbewusster Ballroom-Sound wie eine Insel in der Rapszene. Aber er klingt auch wie die Zukunft. „How many times can we applaud the same routine“, fragt sie auf „New Money“ und rappt dann über einen Electronica-Banger, vorwärts gedacht und fresh genug für die New Yorker Fashion Week. Man möchte an El-P denken, so wie die Bässe und die repetitiven Vocal-Fragmente durch Nummern wie „Secret Service“ oder „Chitty Bang“ sägen. Aber im Grunde ist SHAPE UP das Album, das die Fackel für die Hip-House-Gegenwart nach Vince Staples’ BIG FISH THE-ORY und Azealia Banks’ BROKE WITH EXPENSIVE TASTE fortführt. „Bitch I’m The Man“ oder „Jaywalk“ brennen sich durch jeden Club, alle Songs haben Überraschungen zu bieten, radikal auf einen Groove reduziert und fantastisch berappt. Aber selbst, wenn „Free To Love“ oder „Baseball“ etwas von den House-Ideen abweichen: Leikeli47 zeigt sich auf diesem Album als eine der fähigsten Sound-Designer*innen der Gegenwart.

★★★★★★

Yannik Gölz

Flock

Flock

Strut/Indigo

Einstiegsdroge in den New Jazz mit dem Groove zum Aufbruch.

Bex Burch, Sarathy Korwar, Dan „Danalogue“ Leavers, Al MacSween und Tamar Osborn – fünf Künstler*innen, die für Aufbruch und Groove-Lust im New Jazz stehen. Während des ersten Lockdowns fanden sie sich in London zusammen und füllten die Leerzeilen zwischen ihren sonstigen Band-Engagements (Vula Viel, Soccer96, The Comet Is Coming, Maisha und Collocutor). Wohin können das frisch gegründete Ensemble die Beats von Korwar und die repetitiven Saxofon-Figuren von Tamar Osborn tragen, im Verein mit dem rhythmisch-melodischen Pluckern, das Bex Burch dem westafrikanischen Xylophon Gyil entlockt? Der Beitrag der Musikerin des gefeierten Trios Vula Viel macht hier den Unterschied – und erlaubt Flock einen Tanz auf genreübergreifenden Spielfeldern, deren Grundierung vielleicht noch dem Jazz vorbehalten ist, was darauf aber passiert, scheint den Musiker*innen bei der gemeinsamen Improvisation über den Hut zu fliegen. „How Many Are One?“ fragt die Band im knapp 14-minütigen Album-Highlight, es ist ein Weg, den Flock, rhythmischen Mustern folgend, im Einander-Annähern finden. Oder die Entdeckung eines jüngeren Verwandten von Terry Rileys minimalistischer Patternkomposition „In C“ in einer Art Crossover, eine Einstiegsdroge für dich und deine Freund*innen vom wilden Ende des saxofonisierten Jazzbeat.

Soak

If I Never Know You Like This Again

Rough Trade/Beggars/Indigo (VÖ: 20.5.)

Der Indie-Rock der Nordirin taucht ab in die goldenen 90er-Jahre des Musikfernsehens.

Du schaltest MTV ein, es läuft „120 Minutes“ mit Paul King oder „Alternative Nation“ mit Marijne van der Vlugt, und du weißt, dass du in den nächsten Minuten bestimmt den Videoclip einer Band sehen wirst, die du in Zukunft lieben wirst. Ash oder Radiohead, Belly oder Sleeper, Pavement oder die Throwing Muses – wo sonst hätte man diese Gruppen zum ersten Mal _erleben sollen, als im Musikfernsehen der 90er-Jahre? Bridie Monds-Watson aus Nordirland ist Jahrgang 1996, sie kennt diese Zeit also nur vom Hörensagen. Auf dem dritten Album des Projekts Soak spielt sie jedoch eine Musik, die sicherlich in einer dieser Shows gelaufen wäre. Nach zwei Platten, mit denen Soak das Singer/Songwriter-Genre um die Kategorie „Wut trifft Herzlichkeit“ erweiterte, hat Monds-Watson das Projekt mit IF I NEVER KNOW YOU LIKE THIS AGAIN um einige Nuancen erweitert. Es gibt mehr Krach, mehr Indie-Rock-Lässigkeit, mehr Radiohead-Schwermut, inklusive dieser Hymnen im Moll, die sich verkehrt herum ins Herz eindrehen und deshalb so fest steckenbleiben. In den tollen Texten geht es dagegen moderner zu – und vor allem expliziter als auf den ersten Soak-Alben: Songs wie „Pretzel“ erzählen detailreich von queeren Beziehungen und körperlicher Hingabe.

★★★★★

André Boße

4 FRAGEN AN BRIDIE MONDS-WATSON

Du sagst im Statement zu deinem neuen Album: „Ich möchte mich exakt daran erinnern, wie ich mich in einem bestimmten Moment gefühlt habe.“ Wie hast du dich gefühlt, als du das neue Album zum ersten Mal am Stück gehört hast?

Es war eine Mischung aus den Gefühlen Zufriedenheit, Erleichterung und Aufregung. Beim ersten Durchhören fühlte sich das Album echt und ehrlich an, und ich war stolz darauf, authentisch gewesen zu sein, mich bei den Texten nicht zurückgehalten zu haben.

Was ist denn der Trick, beim Songwriting authentisch zu sein?

Ehrlichkeit. Die Leute erkennen halbseidene Texte aus weiter Entfernung. Niemand will das!

Songs wie „Last July“ klingen recht krachig. Wann ergibt Krach bei einem Song Sinn?

Ich mag die Beschreibung „recht krachig“. Laute und hektische Momente erfüllen einen Sinn, wenn sich ein Song bereits aufgebaut hat. Der letzte Bruch ist dann der Lärm, und diese Explosion macht viel Spaß, wohl auch, weil man sich dann weniger ernst nimmt.

Du hast zuletzt viel Pavement und Radiohead gehört. Was macht die Indie-Platten der 90er-Jahre so zeitlos?

Gute Frage, ich wünschte, ich wüsste eine Antwort. Vielleicht ist es eine Kombination aus Nostalgie und der Tatsache, dass diese Alben einfach ziemlich genial sind?

Das wilde Ende des saxofonisierten Beats.

★★★★★

Frank Sawatzki

Klingt wie: Chico Freeman: KINGS OF MALI (1977) / Maisha: THERE IS A PLACE (2018) / Vula Viel: WHAT‘S NOT ENOUGH ABOUT THAT? (2020)

Coheed And Cambria

Vaxis II: A Window Of The Waking Mind

Roadrunner/Warner (VÖ: 27.5.)

Die Bubblegum-Pop-Combo des Progressive Rock startet zu einer Reise durchs Sammelversum.

Ungewöhnlich lang brauchten Coheed And Cambria, um ihr Nerd-Adventure mit VAXIS II: A WINDOW OF THE WAKING MIND in die nächste Runde zu schicken. Fast vier Jahre liegt der Start der Vaxis-Storyline hinter uns, mit der sie nun ohne ihre namensgebenden Protagonisten auskommen. Eine Geschichte, die uns wieder fünf Alben lang begleiten soll. Der man nur so richtig folgen kann, wenn man alle Alben und die den Deluxe-Editionen beiliegenden Romane besitzt, hört und liest. Was für ein feuchtes Träumchen für alle Markentingmenschen. Vor so viel Input und Drumherum vergisst man fast, dass sich unter diesem gigantischen Überbau auch irgendwo noch Musik verbirgt. Diese stößt so manchen Verteidiger:innen des Prog-Rock-Games übel auf. Doch ihm Gegensatz zu anderem sich für schlauer haltenden Prog-Gedöns, das am Ende nur gähnenswert die Formeln von vor 50 Jahren wiederholt, finden Coheed And Cambria einen eigenen, dem Wort viel eher entsprechend progressiven Zugang. In der Mischung mit Design, Science-Fiction-Story, exzessivem Pathos, bombastischen Arrangements und Beimengung der unterschiedlichsten Genres wie Pop, Punk, Post-Hardcore und Alternative Rock bildet sich ein über weite Strecken unterhaltsamer Bubblegum-Prog-Rock.

★★★★

Sven Kabelitz

Horsegirl

Versions Of Modern Performance

Matador/Beggars Group/Indigo (VÖ: 3.6.)

Drei Pferdefans aus Chicago spielen Postpunk mit verebbender Kraft und Träumen im Kopf.

Pferdemädchen haben einen miesen Ruf: Reich und verwöhnt sollen sie sein. Auch wenn so viel Pauschal-Schelte für Tierfreundinnen natürlich gemein ist, warnen Nora Cheng, Penélope Lowenstein und Gigi Reece trotzdem schon mal alle vor, die von einer Band namens Horsegirl zu viel Schönklang erwarten. „Anti-Glory“ heißt einer der besten Songs auf dem Debüt des Trios aus Chicago, und tatsächlich hält er, was es verspricht. Horsegirl singen und spielen, als täten sie es mit verebbender Kraft und komischen Träumen im Kopf, die sie durch einen Tag ohne Höhepunkte begleiten. Ja, der Himmel ist grau auf VERSIONS OF MODERN PER-FORMANCE, aber Schönheit findet man auch zwischen zerwühlten Laken. Die Gitarren sind auf

seltsam gestimmt wie bei Slowdive oder My Bloody Valentine, im Hintergrund ein undurchdringliches Rauschen und Dröhnen. Und dann sind da plötzlich Stücke wie „Beautiful Song“, in denen sich die süßen „Ba-ba-baaaas“ der drei wie ein zarter Silberstreif am Horizont anhören. Von Übersee aus versuchen sich Horsegirl an einer Neubegutachtung englischer Undergroundgeschichte der 80er und 90er, klingen mal wie Broadcast als Grunge-Band, mal wie The Raincoats mit mehr Disziplin (und weniger Bewegungsdrang) – immer aber nach genau der richtigen Art glamourös müder glory.

★★★★★

Julia Lorenz

Jana Irmert

What Happens At Night

Fabrique

Aufreibende, unaufgeregte Klangkunst aus den tiefsten Schichten von Sedimentgestein.

Jana Irmert arbeitet mit Naturklängen und liefert doch keine Sounds für die Spotify-Entspannungs-Playlist. Auf bisher drei Alben hat die Berliner Klangkünstlerin vor allem Abstraktionsarbeit geleistet und mit FLOOD mächtig dröhnende Klanglandschaften erschaffen und zuletzt auf THE SOFT BIT abstrakte elektroakustische Skulpturen aus verschiedenen Sounds – Field Recordings, Stimme, Synthesizer – zusammengebaut. Für WHAT HAP-PENS AT NIGHT hat sich Irmert mit der Frage beschäftigt, was nach dem Anthropozän beziehungsweise dem Ende der Menschheit kommen könnte. Als Inspiration für ihren musikalischen Ansatz dienten die Schichten von Sedimentgestein – Dokumente tausendjähriger Entwicklungen, gegen welche die menschliche Geschichte wie ein Augenblick wirkt. Konkrete, aber nie eindeutig zuzuordnende Klänge, Stimmen und elektronische Sounds werden übereinander gelayert, überlappen einander, türmen sich auf und verebben. Ein Wohlfühl-Soundtrack ist das keinesfalls. Doch liegt eine beachtliche Ruhe in dieser Musik.

★★★★★

Kristoffer Cornils

Klingt wie: Thomas Köner: LA BARCA (2009) / Kate Carr: HEATWAVE (2019) / Alexandra Spence: A NECESSARY SOFTNESS (2021)

Sam Vance-Law

Goodbye

Virgin/Universal

Der kanadische Berliner gibt sich in seinem Herzkammer-Pop dem Trennungsschmerz völlig hin.

Auch Homos brechen sich das Herz. Aber wer hat groß davon gesungen? „Voices Carry“ (1985) etwa von Aimee Mann (beziehungsweise ihrer damaligen Band `Til Tuesday) war als lesbische Herzbruchhymne angelegt, wurde dann aber, auf Druck der Plattenfirma, zwangsheterosexualisiert. Sam Vance-Law, 34, der kanadische Berliner, hat seine Karriere 2018 direkt mit einem großen Homo-Statement begonnen, dem viel gefeierten Kammerpop-Konzept-Album HOMOTOPIA über nahezu alle Facetten des Homoseins. Das überzeugte nicht zuletzt dank seiner tragikomischen Textkunst. Für seine zweite LP nun (nach der Neue-Deutsche-Welle-Fun-EP NDW von 2021) hat sich Sam Vance-Law allerdings ein tragisches Thema gewählt, autobiografisch motiviert: Herzbruch, Trennungsschmerzen, Komasaufen und kein Licht am Tunnelende. Im Opener „2“ wähnt man sich schon an der Tom-Waits-Whiskeybar, mit betrunkenem Piano. Mit der Orgel kommt auf „Kiss Me“ dann zwar Schwung ins Getriebe, aber letztlich geht’s SVL in Meta-Schleifen um den Happy-Lametta-Song, den er nicht schreiben wird. Das orchestrale „Icarus“ erzählt vom nach Freiheit drängenden, fliegenden Boy, dem das Wachs und damit das Federkleid wegschmolz, der Nähe zur Sonne wegen. „Cause I Know“ fährt Streicher und Harfe auf, und man kann sich immer wieder wundern, dass SVL einerseits so viele Instrumente einsetzt, und der Klang doch nie überbordet, sondern sich oft eben, passend zum Plattenthema, nach Solo anfühlt. „Too Soon“ mit Handclaps und vernuscheltem Saxofon handelt vom zu frühen Wiedersehen des Ex beim Gassigehen (typisch bittersüßer SVL-Humor!). „Been Drinking“ stellt den Post-Trennungs-Alkohol-Exzess in Relation zum jahrelangen Trunkensein aufgrund des anderen. Und was ist nun spezifisch queer am Trennungsschmerz? Womöglich schmerzt Zurückweisung noch mal härter, wenn man zuvor stärker zurückgewiesen wurde. Ansonsten aber gilt: „Love Is Love“, wie schon Boy George wusste. Und Herzeleid ist Herzeleid. Und nur SVL ist SVL, kein Zweiter klingt zur Zeit so.

Herzbruch, Komasaufen und kein Licht am Tunnelende.

★★★★★

Stefan Hochgesand

CD im ME S. 3

Obongjayar

Sometimes I Dream Of Doors

September/The Orchard (VÖ: 13.5.)

Aus Indie, Afrobeat und Rap entwickelt Steven Umoh experimentellen, aber eingängigen Pop.

Ach, die Sache mit den Türen, die alle zufallen, nach und nach, und man kann nichts dagegen tun. Klar, vielleicht geht auch noch mal eine auf, das ist ins Leben schon eingepreist. Aber traurig ist es allemal, dass man, wie Steven Umoh sagt, eben nicht mehr täglich zwischen Astronaut*in und Hirnchirurg*in die Identität wechseln kann. Dass Umoh diese Gedanken plagen, erstaunt allerdings, als Obongjayar stehen ihm gerade zumindest in der Popkultur längst alle Türen offen. Nach ersten Tracks lud ihn 2017 das Allstar-Projekt Everything Is Recorded ins Studio, im letzten Jahr war er auf Little Simz’ gefeierten Album SOMETIMES I MIGHT BE INTROVERT zu hören. Der Titel scheint ihn inspiriert zu haben: SOME NIGHTS I DREAM OF DOORS heißt nun sein Debütalbum, und es präsentiert seinen ganz eigenen Sound in voller Pracht – nicht Rap, nicht Spoken Word, nicht Afrobeat, nicht Indie-Pop, nicht Soul, aber natürlich auch all das. In Nigeria geboren und aufgewachsen, entdeckte er als Jugendlicher seine Liebe zu US-HipHop, spürte aber, dass er aus seiner Umgebung heraus eine andere, eigene musikalische Sprache finden muss. Dass die nun Elemente aus seiner späteren Heimat England genauso enthält wie nigerianische und doch natürlich auch jene, die ihn früher an Lil Wayne faszinierten, macht Obongjayars ersten großen Wurf zu einer hochspannenden Angelegenheit – vor allem aber schafft er es, einen eingängigen, dennoch experimentellen Pop zu entwickeln, der die Hörer*innen vom Auftakthit „Try“ mit seinen schwindlig gesampleten Streichern und verführerisch stolpernden Beats an ganz einnimmt, auch wenn die Themen düster sind, von existenziellen Bedrohungen handeln. Die Türen, von denen er träumt, entpuppen sich im Titeltrack nämlich auch als Fluchtwege, die der Alltag oft genug nicht zu bieten scheint.

★★★★★

Steffen Greiner

Klingt wie: Young Fathers: DEAD (2014) / Gabriel Garzón-Montano: JARDIN (2017) / Little Simz: SOMETIMES I MIGHT BE INTROVERT (2021)

Rolling Blackouts Coastal Fever

Endless Rooms

Sub Pop/Cargo

Der australische Indie-Rock kennt nicht mehr nur Hochenergie.

Dass Rolling Blackouts Coastal Fever bei ihrem dritten Album auf Wandel setzen, zeigt bereits das erste Stück: Der instrumentale Ambient-Track „Pearl Like You“ läuft gerade mal eine Minute lang – eine Band, die ihre Platte so beginnt, weiß, dass sie im weiteren Verlauf einiges zu bieten hat. Weiter geht’s mit „Tidal River“ und seinen verhallten New-Wave-Gitarren im Stil der großen 80er-Dunkelbands mit C: Cure, Church, Comsat Angels. Auch diese Atmosphäre gab es bei der australischen Hochenergie-Band bisher nicht. Womit bereits nach wenigen Minuten klar wird, dass die Gruppe ihren tollen, aber bislang limitierten Sound erweitert hat. Das ist ein wichtiger Schritt, denn auf das grandiose Debüt HOPE DOWNS (2018) folgte zwei Jahre später die etwas vorschnell veröffentlichte Stagnationsplatte SIDEWAYS TO NEW ITALY. Das pandemische Live-Loch gab Rolling Blackouts Coastal Fever nun die Gelegenheit, für ENDLESS ROOMS in einem eigens für diese Session eingerichteten Studio an neuen Klangvarianten zu arbeiten. Grundsätzlich geblieben ist der Schwung der älteren Platten, doch schenken der an die Feelies erinnernde Gitarrendrive von „The Way It Shatters“, der Pavement-spieleneine-Balladen-Modus von „Caught Low“ oder der coole Indie-Soul von „Dive Deep“ dem Sound einige neue Dimensionen. Besonders gelungen ist der Song über den „Blue Eye Lake“: So rhythmisch kompakt klang diese Band noch nie.

★★★★

André Boße

Leyla McCalla

Breaking The Thermometer

Anti/ Indigo (VÖ: 6.5.)

Die haitianisch-amerikanische Künstlerin verarbeitet Folk, Jazz und karibische Musik zu einer Geschichtslektion.

Die Geschichte zu dieser Platte ist so reichhaltig, dass man sie in mehreren Strängen und Kapiteln und vor dem Hintergrund von Unterdrückung und Widerstand in Haiti erzählen müsste. Aber verkürzt geht sie so: Eine in New York geborene Tochter haitianischer Emigranten wird mit einem Theaterprojekt beauftragt, aus dem eine Art Konzeptalbum entsteht. Im Zentrum steht die Arbeit von „Radio Haiti“ und dessen geistigen Vaters und politischen Taktgebers Jean Dominique. Der Journalist und Menschenrechtler kämpfte in dem Sender mit seiner Frau Michèle Montas für Demokratie auf der von Armut, Diktaturen und Naturkatastrophen gezeichneten Insel. Die Folksängerin, Banjound Cellospielerin Leyla McCalla begab sich zuletzt mit Unterstützung der Duke University in Durham (North Carolina) in das Archiv des 2003 eingestellten Senders, mehr und mehr vermischten sich ihre Erkundungen mit Haiti-Erinnerungen und Reflexionen, auch mit Bildern und Klängen der Hoffnung. Das Album BREAKING THE THER-MOMETER kommt jetzt einer Panoramaaufnahme all dieser Stränge gleich, McCalla hat sie mit heißem Herzen und rauem Saitenspiel in Sound gesetzt, sie „bewegt“ Musik, weil die traditionellen Klänge ihrer Vorfahren sie so bewegen konnten. Sie geht aber auch über karibische Folk-Erzählungen hinaus, zinterpretiert den Blues ihrer zweiten Heimat New Orleans und katapultiert ihren cellogetriebenen Spoken-Word-Jazz auf Afrobeats noch ganz woanders hin (fantastisch: „Nan Fon Bwa“). Der Song „Jean And Michele“ geht am weitesten in die Geschichte – ein Mashup aus Jingles und den Stimmen der beiden Radiomacher*innen; „Dans Reken“ ist eine lyrische Ballade auf den oppositionellen Journalisten, Poeten und Theatermacher Richard Brisson; in den sanften Swing von „Vini We“ hat McCalla eine Liebeserklärung an Haiti eingraviert. Manchmal berauschend, immer bereichernd und ein Toast auf die Vielfalt der Popmusik.

Ein Toast auf die Vielfalt der Popmusik.

★★★★★

Frank Sawatzki

Blacc Hippie Blau

2woEazy (VÖ: 27.5.)

Der Neuköllner MC holt Trap-Rap ins eigene Viertel, statt von den Südstaaten zu fantasieren.

Sich den Namen der legendären Black-Hippy-Crew um Kendrick Lamar zu geben, das zeugt von Selbstbewusstsein. Dem jungen Neuköllner Blacc Hippie scheint aber relativ Wurst zu sein, wie viel Erwartungshaltung aufgebaut ist. Schon die ersten Singles 2018 zeigten ihn als kaltschnäuziges Kind der Berliner Schule. Melodischer Trap, aber mit unbeeindrucktem Hauptstadt-Cool und Affinität zur Hausparty statt zum Stripclub. Klar, es gibt generische Momente auf BLAU, in denen die Gucci-Mane-und Future-Verehrung ein bisschen mit Blacc Hippie durchgeht. Aber der Junge versteht Trap-Sound und was ihn funktionieren lässt. Im Gegensatz zu vielen deutschen Zeitgenossen klingt er nicht nach Abziehbild. Deswegen punktet er weniger auf den Malen-nach-Zahlen-Trap-Hits wie „Mein Brot“. Gute Momente kommen auf den elektronischen Anleihen von „Am Block“ oder den bildstarken Gedankengängen „Kaltin030“ und „1995 Pt. 2“. Da rappt er einfach durch, Bar für Bar, lange Parts, als wolle er sich sein eigenes „Codeine Crazy“ von der Seele schreiben. Und das ist, was deutschem Trap oft fehlt: Die Seele hinter der Heldenverehrung. Auf BLAU schimmert sie regelmäßig durch.

★★★★

Yannik Gölz

Klingt wie: Dante YN: KLEINSTADT UNIQUES (2021) / BHZ: HALB:VIER (2021) / Saftboys: SFB EP2 (2021)

Dehd Blue Skies

Fat Possum/Membran (VÖ: 27.5.)

Indie-Rock, der selbst die größten Schmollmöpse dazu bringt, die Welt umarmen zu wollen.

Mit dem Erfolg ihres 2020er-Albums FLOWER OF DEVOTION ändern sich für die aus Chicago stammenden Dehd die Möglichkeiten. Sie verbrachten nicht nur eine längere Zeit im Studio, erstmals holten sie sich mit Grammy-Gewinner Craig Silvery und Mastering Engineer Heba Kadry Hilfe mit an Bord. Das Schöne an ihrem vierten Album BLUE SKIES: Man bemerkt es nicht sonderlich. Das Wesen ihrer Musik bleibt unverändert. Es sind eher Nuancen, die sie in ihrer Entwicklung noch einmal ein Stück voranbringen. Mit einer unglaublichen Frische und ihrem Garagen-Charme verbinden Dehd Elemente von Bands wie Galaxie 500, Shopping oder Jesus And The Mary Chain, sogar von The Velvet Underground, ohne zu vergessen, in ihren simplen Songstrukturen eine ganz eigene Sprache zu finden. Bassistin Kempf lotet die Möglichkeiten der menschlichen Stimme aus: säuseln, schreien, schmachten, quieken. Als ruhender Gegenpol steht dem Gitarrist Ballas Gesang entgegen. „Bad Love“ startet als eine Mischung aus „Just Like Honey“ und „Be My Baby“, um danach in pure Lebensfreude überzugehen. Wer hier selbst als Schmollmops nicht sofort nach draußen rennen und die Welt umarmen mag, muss wohl einfach zu blöd zum Schuhebinden sein. Mit BLUE SKIES gelingt Dehd eines dieser Alben, die man kuscheln und ganz für sich behalten, aber dennoch der ganzen Welt zeigen mag.

Simple Songstrukturen, die eine eigene Sprache finden.

★★★★★

Sven Kabelitz

Klingt wie: Bully: SUGAREGG (2020) / Lala Lala: The Lamb (2018) / Bartees Strange: LIVE FOREVER (2020)

Wallis Bird

Hands

Mount Silver/Virgin (VÖ: 27.5.)

Zu Synthie-Folk-Pop singt die Wahlberlinerin übers Kämpfen, Lieben und Feiern.

Wallis Bird ist ein freigeistiges Energiebündel. Das veranschaulicht bereits jene frühe Kindheitserfahrung, die Titel und Cover ihres siebten Studioalbums inspirierte: der Verlust und das Wiederannähen der Finger ihrer linken Hand. Die Irin spielt trotzdem Gitarre – nur eben etwas anders. Die Energie und der Freigeist springt einem auch auf HANDS immer wieder entgegen: in der treibenden Politkampf- Nummer „What’s Wrong With Changing“, in den Party-Exzessen des Disco-Pop-Tracks „I Lose Myself Completely“ oder in „F.K.K. (No Pants Dance)“, einem funky Hoch auf den liberalen Geist von Birds Wahlheimat Berlin. Fiel der Vorgänger WOMAN durch seinen Soul-Touch auf, so klingt Bird diesmal äußerst Synthie-und 80ies-Pop-lastig. Dabei scheut Bird keine Brüche, Subtilität ist ihr nicht wichtig, Ehrlichkeit und Emotionalität sind es schon. Und wenn der letzte Track „Pretty Lies“ in einem Prog-Rock-Inferno gipfelt, ist das amüsant in seiner Nervigkeit. Wallis Bird macht halt ihr Ding.

★★★★

Nina Töllner

Selbstauslöser S. 8

Perel

Jesus Was An Alien

Kompakt (VÖ. 13.5.)

Die Erzgebirglerin entwickelt von New York aus ihre Electro-Pop-Formel erfolgreich weiter.

Vier Jahre sind vergangen, seit Perel mit ihrem Debütalbum HERMETICA auf James Murphys DFA Records eine Platte ablieferte, die ihr weit über die Szenegrenzen hinaus eine Menge Aufmerksamkeit bescherte. Inzwischen wohnt Annegret Fiedler, wie die aus dem Erzgebirge stammende Künstlerin eigentlich heißt, in New York. Den Durchbruch kostet sie in vollen Zügen aus, legt nach Auftritten, DJ-und Hybrid-Sets auf der ganzen Welt nun mit JESUS WAS AN ALIEN nach. Der Erlöser als Alien, von Perel auf dem Cover mit Gravitas gestillt, von der wie meist grandiosen Marie Davidson im Titeltrack besungen. Die Kanadierin hat für Perel eine Ausnahme gemacht und sich doch wieder einen Berührungspunkt mit elektronischer Musik erlaubt. Gut so, ist die Leadsingle doch ein veritabler, schwer groovender Hit geworden. Sonst aber singt Perel, die ihr zweites Album geradliniger ausrichtet als den Vorgänger. Als Musterbeispiel dafür dient das Drum-Machine-Workout „Kill The System“ mit gurgelnden Acid-Einsprengseln, über die Perel ihre gewohnt assoziativen Texte haucht. Die Formel funktioniert auch auf JESUS WAS AN ALIEN, sogar besser als auf dem Vorgänger.

★★★★

Maximilian Fritz

Matmos

Regards/Ukłony dla Bogusław Schaeffer

Thrill Jockey (VÖ: 20.5.)

Die Konzeptkunst-Trickster würdigen mit Avantgarde-Zerhackstückelungen eine kaum bekannte Größe der Neuen Musik.

Von Matmos ist seit jeher lediglich das Erwartbare nicht zu erwarten. Dass die notorischen Konzeptkunst-Trickster der elektronischen Musik sich auf Albumlänge mit dem Werk eines höchst produktiven und kaum bekannten polnischen Komponisten auseinandersetzen würden … tja, das ergibt in ihrer Welt schon Sinn, aber wer hätte es schon kommen sehen? Die Hommage des Duos an Bogusław Schaeffer – außerhalb der Konzerthäuser für die klassische Avantgarde bekannt durch den Einsatz eines Stücks in David Lynchs „Inland Empire“ – fällt aber nicht gerade zimperlich aus. Drew Daniel und Martin Schmidt dekonstruieren Musik aus dem breiten Archiv Schaeffers, darunter neben orchestralen Werken auch musiktheatralische Stücke und elektronische Experimente. Diese Schatzkistenplünderei wird bisweilen durch Gastauftritte befreundeter Artists ergänzt. Das Resultat ist auf der ersten Seite der LP sprunghafte Geräuschkunst, schlägt aber auf der anderen grüblerische Töne an und setzt auf Texturen. Eine ebenso humor-wie liebevolle Widmung.

★★★★

Kristoffer Cornils

Kat Frankie

Shiny Things

Grönland/Rough Trade (VÖ: 13.5.)

Der virtuose Art-Kammerpop steht stets im Dienst der Songs.

Die SHINY THINGS, die Kat Frankie auf ihrem fünften Album präsentiert, sind kein billiger Flittertand. Ihr Leuchten kommt von ganz tief unten, entfaltet sich langsam und verbreitet sich dann über den ganzen Horizont. Genug fabuliert: Nach der stilistisch sehr diversen Platte BAD BEHAVIOUR (2018) lässt die seit Langem in Berlin lebende Australierin mehr Opulenz und Dramatik zu – bei gleichzeitiger Reduktion der Mittel. Klingt paradox, ist es aber nicht, wie man schon beim vorab veröffentlichten Titeltrack hören konnte: Aus Streichern, Schlagzeug, Gitarre und Gesang entwickelt sich ein orchestrales, soghaftes Mini-Epos, das sich an Fleetwood-Mac‘schem Artrock ebenso orientiert wie am Kammerpop einer Agnes Obel. Andere Stücke wie „Spoiled Children“ oder „The Sea“ (Wasser ist ein häufig wiederkehrendes Thema auf SHINY THINGS) erinnern mit verlangsamtem Tempo und rauen Gitarrenparts an Grunge und Alternative der 90er-Jahre. Aber um Genre-Pastiches geht es Frankie nicht, vielmehr darum, die passende Atmosphäre, das passende Arrangement für die jeweilige Idee zu finden. So stehen im Duett „Love“ die Stimmen von Frankie und Fama M’Boup im Zentrum, Instrumente sind kaum zu hören, während „Riverside“ dem anund abschwellenden Sound wie den Gezeiten zu folgen scheint. Virtuosität wird bei Kat Frankie nicht um ihrer selbst willen präsentiert, sondern sehr cool in den Dienst der Songs gestellt.

★★★★

Christina Mohr

Rammstein

Zeit

Rammstein/Universal

Die Brachial-Rocker beweisen: Sie haben Humor, aber können am besten dann doch Balladen.

Wer bislang noch nicht so sicher war, ob Rammstein Humor haben, der höre „OK“. Das steht für „Ohne Kondom“, und Till Lindemann sammelt, während er zugibt, dass dem Mann beim Sex schon mal der Verstand flöten geht, lustige Einzeiler wie: „Hoch liegt die Latte“, „Man steckt nicht drin“ oder „Viele Löcher sind zu stopfen“. Dazu bollert die Bassdrum, während der Männerchor abhebt, als habe der Schützenverein einen zu viel gehoben. Wenn man ZEIT durchhört, fragt man sich unweigerlich: Wann hat das eigentlich begonnen, dass sich die Berliner Weltstars nicht mehr ernst nahmen? Oder war das schon immer so? Und vielleicht merken Rammstein das jetzt erst selber? So jedenfalls klingt ZEIT: wie ein Karikaturist, der sich selber karikiert – und ein bisserl erschreckt dabei. „Angst“ mit der Refrain-Zeile „Alle haben Angst vorm Schwarzen Mann“ spielt mit der kontrollierten Provokation, „Armee der Tristen“ mit deutschen Klischees und das Volkslied-Intro von „Dicke Titten“ auf den Nazi-Vorwurf an – zur Sicherheit ballern die Gitarren noch mal los. Aber am schönsten ist dann doch wieder die Ballade: „Wir sterben weiter, bis wir leben“, singt Lindemann im Titelsong und bittet, ganz ohne Selbstironie: „Zeit, bitte bleib steh’n“. Doch, das fühlt sich dann doch einigermaßen echt an.

★★★★

Thomas Winkler

Story S. 50

Spice

Viv

Dais Records/Cargo (VÖ: 20.5.)

Classic Rock für den nächsten Roadtrip durch Kalifornien.

In Kalifornien träumt man anscheinend nicht bloß von Regen. Sondern man träumt auch den Rock’n’Roll. So zumindest klingt der Zweitling von Spice. Ehrlich gesagt: Der Gesang von Ross Farrar (vielen vermutlich eher bekannt als Sänger seiner Punk-Band namens Ceremony) könnte etwas mehr Pep gebrauchen. Und die eher klassischen, um nicht zu sagen konventionellen Klanggewürze (Gitarren, Gitarren und mehr Gitarren auf Riff-Autopilot) von Spice werden den Rock auch nicht retten (daran haben sich schon ganz andere verhoben), aber als Soundtrack für einen rauen Roadtrip die (warum nicht auch kalifornische?) Küste entlang taugt die Platte vermutlich. Und das ist nicht nichts.

★★★

Stefan Hochgesand

Arcade Fire

We

Columbia International/Sony

Das kanadische Indie-Kollektiv lädt in sein neues Reich aus faszinierenden Gegensätzen.

Schon das Single-Doppel „The Lightning I,II“ ließ vermuten, dass die Synth-Pop-Experimente von EVERYTHING NOW vorüber sind. Für große Teile des sechsten Albums von Arcade Fire, die sich einst auf Art-Rock nach Indie-Art spezialisiert hatten, trifft dies auch zu – obschon Scissor-Sisters-Effektquerschläger erlaubt bleiben. Vom Radiohead-Klangvertrauten Nigel Godrich zusammen mit Win Butler und Régine Chassagne produziert, ist WE von Dualität bestimmt. Dies findet nicht allein in der (thematischen) Segmentierung in eine isolierte, individuelle Album-Seite sowie eine wiederverbunden-kollektive seinen Ausdruck, sondern zieht sich zuweilen auch durch die Songs selbst. Vom verhuschten Piano-Tröpfeln über Tanzflächentricks aus der Killers-Kiste bis hin zu Schrammelgitarren und den ganz großen Gesten; von der Lennonhaft beginnenden und im Verlauf SERGEANT PEPPER bis HUNKY-DORY-Bowie evozierenden Suite „End Of The Empire I–IV“ bis zu Chassagnes charmantem Disco- Glitzerkugel-Moment „Unconditional II (Race and Religion)“ machen Gegensätze – gleichwohl die dabei nie unter den Tisch gekehrten Zwischentöne genauso – die Faszination von WE aus.

★★★★★

Frank Thiessies

Story S. 24

Annie Hamilton

The Future Is Here But It Feels Kinda Like The Past

PIAS (VÖ: 20.5.)

Das zitierfreudige Indie-Pop-Debüt der australischen Songwriterin dockt in der Herzregion an.

Wer ein Album mit einem so ultrasperrigen Titel wie THE FUTURE IS HERE BUT IT KINDA FEELS LIKE THE PAST überschreibt, will damit natürlich auf ein Lebensgefühl verweisen, das etwa im Hinblick auf Kultur oder Mode auch von den ewigen Zirkulationen der Retromanie bestimmt ist. Annie Hamiltons Musik macht dahingehend keine Ausnahme, denn so wie die Australierin in ihren Songs die Ästhetik nicht mehr ganz so junger Genres wie dem Shoegaze oder dem Dream Pop einspeist, kommt der Titel tatsächlich ganz gut hin. Groß gedachte Shoegaze-Überwältigung, ätherischer Dream-Pop-Wohlklang und der gute alte Madchester-Geist fließen auf dieser Platte zu wunderbar intensiv heraufgeschraubten Indie-Pop-Symbiosen zusammen. Die verweisen im Zweifelsfall zwar stets mehr in die Vergangenheit als in die Zukunft – und dennoch: Derart erfrischend und zwingend Richtung Herzregion groovend wie in „Night Off“ und anderen Songs hat man all das schon länger nicht mehr gehört.

★★★★

Martin Pfnür

Klingt wie: The Stone Roses: THE STONE ROSES (1989) / Cocteau Twins: HEAVEN OR LAS VEGAS (1990) / Slowdive: SOUVLAKI (1993)

VORAUSGEHÖRT

Erster Eindruck kommender Platten

Interpol The Other Side of Make-Believe (15.7.)

Auch wenn ein brummeltiefes Cello dieses siebte Album von Interpol eröffnet, die Überzeugungsmelancholiker wirken gar nicht mehr so trist, ja bisweilen sogar, man traut es sich gar nicht zu sagen: irgendwie aufgeräumt. Die Songs sind nicht ganz so fein ziseliert, nicht so eingesperrt ins eigene Konzept wie sonst, mitunter quietscht es im Hintergrund sogar, als wäre jemand der Katze auf den Schwanz getreten. Es klingt, als hätte Paul Banks festgestellt, dass Schwermut womöglich doch nicht die Weltlage, sondern ein Seelenzustand ist.

The Kooks 10 Tracks To Echo In The Dark (22.7.)

Luke Pritchard war nun also auch in Berlin. Zwar sagt er, er hätte lieber einen in Eckkneipen gehoben als Drogen zu nehmen im Berghain, aber dort, an der Theke, saß anscheinend auch Nile Rodgers. Denn die funky Gitarre zieht sich als Erkennungszeichen durch das siebte, sehr tanzbare Album der Indie-Rocker aus Brighton. Die Wahrheit ist allerdings: In der Eckkneipe saß bloß Tobias Kuhn, der aber nun endlich, statt für Annett Louisan oder Mark Forster zu schreiben, endlich skrupellos an seine eigene, zu Unrecht verschüttete Indie-Vergangenheit bei Miles und Monta anknüpfen darf.

PLATTEN DER ZUKUNFT

Alex the Astronaut How To Grow A Sunflower Underwater (22.7.)

Beabadoobee Beatopia (15.7.)

Beach Bunny Emotional Creature (22.7.)

Brezel Göring Psychoanalyse (Volume 2) (3.6.)

Built To Spill When The Wind Forgets Your Name (9.9.)

Cassia Why You Lacking Energy? (15.7.)

Deaf Havana The Present Is A Foreign Land (15.7.)

Don Marco & die kleine Freiheit Ewig und drei Tage (17.6.)

Foals Life Is Yours (17.6.)

George Ezra Gold Rush Kid (10.6.)

Ghost Woman Ghost Woman (1.7.)

Gwar The New Dark Ages (3.6.)

Gwenno Tresor (1.7.)

Hercules & Love Affair In Amber (17.6.)

Ithaca They Fear Us (29.7.)

Jack White Entering Heaven Alive (22.7.)

Jasmyn In The Wild (3.6.)

Jetzt! Können Lieder Freunde sein? (10.6.)

Katy J Pearson Sound Of The Morning (8.7.)

Kraftklub Kargo (23.9.)

Liam Gallagher C’mon You Know (27.5.)

Life North East Coastal Town (10.6.)

Luke Sital-Singh Dressing Like A Stranger (2.9.)

Maggie Rogers Surrender (29.7.)

Muff Potter Bei aller Liebe (26.8.)

Muna Muna (24.6.)

Muse Will Of The People (26.8.)

Mush Down Tools (8.7.)

Nova Twins Supernova (17.6.)

Odesza The Last Goodbye (22.7.)

Party Dozen The Real Work (10.6.)

Perfume Genius Ugly Season (17.6.)

Petrol Girls Baby (24.6.)

Porcupine Tree Closure/Continuation (24.6.)

Raison So viele Menschen wie möglich (17.6.)

Regina Spektor Home, Before And After (24.6.)

Soccer Mommy Sometimes, Forever (24.6.)

Sophia Blenda Die neue Heiterkeit (19.8.)

Superorganism World Wide Pop (15.7.)

The Brian Jonestown Massacre Fire Doesn’t Grow On Trees (24.6.)

The Dream Syndicate Ultraviolet Battle Hymns And True Confessions (10.6.)

Wanda tba (30.9.)

Working Men’s Club Fear Fear (15.7.)