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Krieg um die Ukraine Zerrissenes Land


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 14.04.2022

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 5/2022

Schönheit vor dem Krieg: Als »Jerusalem des Ostens« wird Kiew wegen seiner prunkvollen Kirchen gepriesen, darunter das weltberühmte Höhlenkloster am Westufer des Dnjepr

Am 25. Februar, einen Tag nach Kriegsbeginn, sichten ukrainische Soldaten die Reste eines bei Kiew abgestürzten Flugzeuges

Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben«, hebt die Nationalhymne des Landes an, das sich in diesen Tagen so verzweifelt gegen den russischen Überfall zur Wehr setzt. Gedichtet wurden die Verse 1862. Der Autor Pawlo Tschubynskyj träumte von einer Heimat, aus der die Feinde verschwinden »wie Tau in der Sonne« und deren Bürger »Herren sein werden, im eigenen Land«. Die Ukraine war, als dieser Text entstand, wie so viele andere Nationalstaaten, noch eine bloße Idee. Doch kaum ein Land musste länger um seine Souveränität kämpfen, kaum eines für die Erlangung seiner Freiheit mehr Leid erdulden. Noch heute, am 24. März 2022, dem Redaktionsschluss dieses Heftes, ist die letzte Schlacht um die Unabhängigkeit der Ukraine nicht geschlagen.

Russlands Präsident ...

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... Wladimir Putin führt als Rechtfertigung für seine Invasion im Nachbarland einen durch nichts belegten Völkermord an russischstämmigen Ukrainern an – und die Geschichte. Sein bizarrer Vortrag vom 22. Februar, gehalten zwei Tage vor Kriegsbeginn, hat denselben Inhalt wie sein kruder historischer Aufsatz vom Sommer 2021. Der trug den unmissverständlichen Titel »Über die historische Einheit der Russen und der Ukrainer«. Darin schildert der Kriegstreiber im Kreml die Geschichte der Ukraine als einen Prozess, in dem das ostslawische Reich der Rus nach seinem Zerfall im Spätmittelalter über die Jahrhunderte nach und nach in einer gemeinsamen Staatlichkeit »wiedervereint« wird – der russischen. Putin, der den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj einen »Neonazi« nennt, obwohl dieser Jude ist und drei Großonkel von diesem im Holocaust ermordet wurden, kultiviert mit seiner verzerrten Geschichtsdeutung einen realitätsfernen Mythos. Das beginnt schon mit dem Rückgriff auf das vermeintlich slawische Großreich der Rus.

Die Geschichte der Ukraine beginnt mit einer skandinavischen Dynastie

Tatsächlich dürfte die Geschichte der Ukraine auf die skandinavische Dynastie der Rurikiden zurückgehen. Die Nordmänner treiben im Mittelalter entlang des Flusses Dnjepr Handel mit dem Byzantinischen Reich und verlegen den Sitz ihrer Dynastie im Jahr 882 nach Kiew. In ihrem losen Herrschaftsbereich, der auf der Gefolgschaft tributpflichtiger Fürsten beruht, leben neben Slawen auch Balten, verschiedene Turkvölker, Juden und Griechen. Die guten Beziehungen zu Byzanz führen dazu, dass die heidnischen Rurikiden 988 zum orthodoxen Christentum übertreten. Die Bevölkerung folgt ihren Fürsten mit einer Massentaufe im Dnjepr.

Der Glanz der Kiewer Rus verblasst bald. Das hat mit der abnehmenden Bedeutung von Byzanz zu tun, vor allem aber mit der Erbfolgeregelung der Rurikiden. Das sogenannte Seniorat sieht vor, dass Kinder und Enkel jeweils eigene Territorien zugewiesen bekommen und gemeinsam herrschen, wobei dem jeweils Ältesten der Vorstand im Familienrat und das größte Territorium zusteht. Die Folge der komplizierten Regelung sind endlose Bruderkriege.

Das dergestalt geschwächte Gebiet der Rus wird in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts von den Mongolen überrannt, die Kiew im Dezember 1240 niederbrennen. Die Hauptstadt der Rurikiden-Dynastie verlagert sich deshalb nach Moskau. Dorthin wechselt 1325 auch der Sitz des russisch-orthodoxen Oberbischofs, des Metropoliten. Das einstige Kernland der Rus wird zur »Ukraine«, wörtlich zum »Grenzland«.

Im Laufe der Jahrhunderte gehören einzelne ukrainische Städte und Regionen unterschiedlichsten Staaten an. Auf die mongolische Herrschaft der »Goldenen Horde« folgt der Aufstieg des Großfürstentums Litauens, das sich um 1400 bis ans Schwarze Meer ausdehnt. Litauen, seit 1386 in Personalunion mit Polen verbunden, bleibt für die westlichen Teile der Ukraine fast vier Jahrhunderte die bestimmende Macht. Die dortigen Ukrainer erkennen den römischen Papst als Kirchenoberhaupt an, halten ihre Gottesdienste aber weiter nach orthodoxem Ritus ab.

Ständig fallen Steppenvölker ein, bis die Kosaken das Kämpfen lernen

In den durch die Mongolen weithin entvölkerten Steppen nördlich des Schwarzen Meeres lassen sich ab dem 16. Jahrhundert Wehrbauern nieder, die in der Geschichte der Ukraine eine große Rolle spielen werden: die Kosaken. Anfangs siedeln sie vornehmlich auf Inseln oder entlang des Dnjepr. Zu Pferd sind sie den Steppenvölkern, die ständig einfallen, militärisch unterlegen. Aber nach und nach eignen sie sich die Fähigkeiten der Tataren an und schließen sich in Kriegszeiten zu größeren Verbänden zusammen. Die Kosaken wählen ihren Anführer, den Hetman, in einer Versammlung – und können ihn auf demselben Weg wieder entmachten. Auch die obersten Richter und Offiziere werden v on der Gemeinschaft bestimmt.

Je mehr die militärische Schlagkraft der Kosaken zunimmt, desto mehr behaupten sie sich als eine eigenständige politische Kraft im Ständestaat Polen-Litauen. Ende der 1640er-Jahre kommt es zu Aufständen in weiten Teilen der U kraine, in deren Verlauf ihr Anführer Bohdan Chmelnyzkyj die Unabhängigkeit anstrebt. Zu diesem Zweck bittet er 1654 den Zaren in Moskau, die Kosaken »unter seine hohe Hand« zu nehmen. Was nach russischer Lesart die Vereinigung der Ukraine mit Russland darstellt, ist zunächst eine Allianz, in der beide Seiten sich gegenseitige militärische Unterstützung zusagen. Den kosakischen Warlords ist in erster

Zwei Sprachen Obwohl der Osten und Südosten der Ukraine sprachlich und historisch von Russland geprägt sind, kämpfen auch dort die Menschen gegen die russischen Aggressoren

Linie an ihrer Autonomie gelegen. Die können sie sich aber nur kurz bewahren.

Unter Peter dem Großen werden sie stärker an die Zentralgewalt gebunden. Ein neu gebildetes »Kleinrussisches Kollegium« erhebt erstmals Steuern, auch die Gerichtsbarkeit wird den Kosaken entrissen. Ab 1722 gibt es keinen Hetman mehr, 1783 gehen die Kosakenreiter in der russischen Kavallerie auf.

Nach der Zerschlagung Polens durch die Großmächte Preußen, Österreich und Russland fallen weite Teile der heutigen Ukraine an Russland. In Wellen findet fortan eine Russifizierung statt. 1876 wird die ukrainische Sprache in der Öffentlichkeit gänzlich verboten.

Doch wie in vielen Ländern Europas bildet sich im 19. Jahrhundert in der Ukraine ein Nationalbewusstsein heraus. Der Leibeigene Taras Schewtschenko, der in seinen Gedichten die

Unterdrückung durch die russische Fremdherrschaft schildert und zum Widerstand aufruft, wird 1847 mit einer Gruppe von Intellektuellen verhaftet und verbannt. Erst zwei Jahre vor seinem Tod darf er in seine Heimat zurückkehren, wo er heute als Nationaldichter verehrt wird.

Und dann beginnt im Osten des Landes das industrielle Herz zu schlagen

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebt die landwirtschaftlich geprägte Ukraine einen erstaunlichen Aufschwung. Die Kohlegruben im Donezbecken liefern um 1900 gut zwei Drittel der gesamten Kohleproduktion Russlands. Zudem kommt mehr als die Hälfte des russischen Stahls aus der Südukraine. Millionen von Zuwanderern strömen in das »Ruhrgebiet Russlands«. Die Bevölkerungsstruktur im Donezbecken verändert sich nachhaltig. Das industrielle Herz des Landes wird bis heute mehrheitlich von Russischstämmigen bewohnt.

In den 1920er-Jahren gewinnt die Ukraine, die mittlerweile Sowjetrepublik ist, für eine kurze Zeit ihre nationale Identität zurück. Es gibt eine große Kampagne zur Alphabetisierung, zugleich entstehen Hunderte ukrainischsprachige Grundschulen.

Umso härter trifft die Machtübernahme Stalins 1927 die Bevölkerung. Die gerade zugelassenen ukrainischen Schulen, Bibliotheken und Kirchen müssen wieder schließen. Auf eine gnadenlose Zwangskollektivierung der Landwirtschaft folgt die Deportation Hunderttausender Bauern. Die Kolchosen werden trotz zweier Missernten 1931 und 1932 derart ausgepresst, dass den Bauern vielerorts weder Getreide bleibt, um ihr Vieh zu füttern, noch genug, um im Jahr darauf neues Saatgut auszubringen.

Während Stalin ukrainisches Getreide ins Ausland verhökert, um die Industrialisierung der Sowjetunion zu finanzieren, sterben vier Millionen Ukrainer den Hungertod. Als Holodomor (wörtlich »Tötung durch Hunger«) geht die Katastrophe ins kollektive Gedächtnis ein.

Die sowjetische Propaganda pflegt dagegen die Legende vom »Brudervolk«. 1954 schlägt Staatschef Nikita Chruschtschow die vormals russische Krim der Ukraine zu. Geschwisterliebe dürfte nicht der Beweggrund gewesen sein. Plausibler sind verwaltungstechnische Überlegungen. So erhält die Krim bis zur Annexion durch Russland 2014 gut 90 Prozent des Trinkwassers und 80 Prozent der Gasversorgung vom ukrainischen Festland.

Nach 1991 wollen fast alle Menschen in der Ukraine einen eigenen Staat

Mit dem Zerfall der Sowjetunion erklärt die Ukraine sich 1991 für unabhängig. Ein Referendum in der Bevölkerung befürwortet die Lossagung von der Union der Sowjetrepubliken mit der überwältigenden Mehrheit von 90 Prozent. Sogar auf der überwiegend russischen Krim stimmt eine Mehrheit für die Unabhängigkeit. Wirtschaftlich bleibt das Land, das wie Russland unter einer maroden Industrie und ausufernder Korruption leidet, aber von billigen Gasimporten und Krediten aus Moskau abhängig.

Besonders die jüngere, städtische Bevölkerung drängt um die Jahrtausendwende auf eine Hinwendung zum Westen. Als Reaktion auf einen offenkundigen Wahlbetrug ruft der westlich gesinnte Oppositionsführer Wiktor Juschtschenko Ende 2004 zum Generalstreik auf. Die Orangene Revolution mobilisiert Hunderttausende und erzwingt Neuwahlen.

Auch als der russlandfreundliche Präsident Wiktor Janukowytsch sich Ende 2013 weigert, ein über Jahre ausgehandeltes Assoziierungsabkommen mit der EU zu ratifizieren, strömen die Ukrainer zu Protesten auf die Straßen. Bis zu einer halben Million Bürger halten Kiews zentralen Platz, den Maidan, bei tiefen Minusgraden monatelang besetzt. Mehr als 100 Menschen sterben bei Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht, ehe das Parlament Präsident Janukowytsch das Vertrauen entzieht und das Abkommen mit der Europäischen Union unterzeichnet werden kann.

Im Gegenzug annektiert Russland, zunächst mit irregulären Truppen, die Krim. Fast zeitgleich übernehmen von Russland unterstützte Rebellenmilizen die Kontrolle in den südöstlichen Gebieten Lugansk und Donezk und erklären diese zu unabhängigen »Volksrepubliken«. Acht Jahre lang befeuert der Kreml den Konflikt im Osten des Landes. Waffenstillstandsabkommen werden Monat für Monat hundertfach verletzt, ehe Wladimir Putin am 24. Februar 2022 einen Großangriff befiehlt. Ein weiteres, dunkles Kapitel in der Geschichte der Ukraine wird gerade geschrieben.

»Leib und Seele geben wir für unsere Freiheit«, heißt es gegen Ende der ukrainischen Nationalhymne. Dass die tapferen Bewohner des Landes erneut dazu gezwungen sind, dieses Bekenntnis unter Beweis zu stellen, verängstigt und erzürnt einen großen Teil der Welt.

LESETIPP

Andreas Kappeler: »Kleine Geschichte der Ukraine«. C. H. Beck 2022, € 17,95