Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 11 Min.

KRIEG UND FRIEDEN


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 26.08.2021

JOHN LENNON

SEPTEMBER 2021

Artikelbild für den Artikel "KRIEG UND FRIEDEN" aus der Ausgabe 9/2021 von Rolling Stone. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Lennon 1971 im White Room seines Anwesens Tittenhurst Park

Stellen wir uns vor, die welt hätte die Beatles vergessen. Mit dieser Idee spielte 2019 die nicht besonders romantische und nicht besonders komische romantische Komödie „Yesterday“ von Danny Boyle und Richard Curtis. Im Mittelpunkt stand ein Typ, der sich ohne sein Zutun durch einen nicht näher erläuterten Umstand als einziger Mensch auf Erden an all die herzöffnenden Lieder der größten Band der Welt erinnern konnte und durch seine kreuzbraven Cover versionen zum größten Popstar des Planeten wurde. Doch dann erkannte er, wie der Ruhm ihn veränderte, und gab schließlich alles auf, um Musiklehrer zu werden, seine beste Freundin zu heiraten und eine Familie zu gründen. Das ist natürlich eine sehr langweilige und ein bisschen spießige Trottelgeschichte.

Für ein Heldenepos hätte der Typ mehr sein müssen als ein bloßer Spielball des Schicksals. Wenn er vielleicht selbst in der ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Rolling Stone. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 9/2021 von Wir haben die Wahl. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wir haben die Wahl
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von Rolling Stone online. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Rolling Stone online
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von Top-of-the-World-Gefühle. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Top-of-the-World-Gefühle
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von Der Individualismus blüht. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der Individualismus blüht
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von Blick in den Spiegel. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Blick in den Spiegel
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von Stimmenfamilie. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Stimmenfamilie
Vorheriger Artikel
Dusty Hill
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel DIE 100 BESTEN COVERSONGS
aus dieser Ausgabe

... größten Band der Welt gespielt und sie – und damit letztendlich auch sich selbst – eigenhändig vor den Augen der Öffentlichkeit auf magische Weise hätte verschwinden lassen, um schließlich als ein ganz anderer zurückzukehren, an den sich auch 40 Jahre nach seinem Tod noch jeder erinnert. Dann wäre es die Geschichte einer Emanzipation. Und es wäre die Geschichte von John Lennons „Imagine“. Jedenfalls so ungefähr.

Vor einigen Monaten habe ich mich in einem Text an dieser Stelle darüber beschwert, dass Radiosender zu Lennons 80. Geburtstag nichts anderes einfiel, als „Ima gine“ zu spielen, diese unfassbar populäre Hymne, die so eindimensional und naiv erscheint, dass sie in der Öffentlichkeit ein Lennon-Bild geprägt hat, das wenig mit dem dahintersteckenden widersprüchlichen Geist zu tun hat, der in seiner Verletzlichkeit und zugleich Gefährlichkeit stets fasziniert hat. Es hat mich schon immer irritiert, dass ein Großteil der Öffentlichkeit, wenn der Name Lennon fällt, nicht „Beatles – kreischende Teenager – Haare – ‚She Loves You‘ – ‚Help!‘ – ‚In My Life‘ – ‚Strawberry Fields Forever‘“ denkt, sondern „Weißes Klavier – Nickel brille – Friedensengel – ‚Imagine‘“.

Mitte der Sechziger hat Lennon mal gesagt, er wolle mit dreißig nicht mehr „She Loves You“ singen. Mit dreißig sorgte er schließlich dafür, dass er auch in unserer Erinnerung nicht mehr vor allem der ist, der „She Loves You“ gesungen hat. Durch seine Seelenschau „Plastic Ono Band“ (1970) und das besonders ehrlich scheinende, hochmanipulative Interview, das er Ende 1970 Jann S. Wenner vom ROLLING STONE gab, gelang es ihm, den alten Beatle-John-Mythos zu zerstören – um mit „Imagine“ schon ein Jahr später einen neuen Lennon-Mythos zu etablieren.

Eine, wenn nicht die entscheidende Rolle bei diesem Kunststück spielte Yoko Ono. Ohne ein Verständnis ihrer Kunst lässt sich gar nicht erklären, was da eigentlich passierte und warum „Imagine“ so anders ist als all die anderen Lennon-Alben. Ihr künstlerisches Werk fußt auf dem unbedingten Glauben an die menschliche Vorstellungskraft. Sie hat die Kunstrichtung des Fluxus mitbegründet, in der die schöpferische Idee entscheidender ist als ein möglicherweise daraus entstehendes Werk (das kann sich dann ja jeder selbst ausmalen). In ihrem Buch „Grapefruit“ von 1964 gibt sie in einer sehr minimalistischen, epigrammatischen und poetischen Sprache Handlungsanweisungen – fordert ihre Leser auf, zu träumen, sich etwas zu wünschen oder vorzustellen, Ja zu denken statt Nein.

Als Lennon im November 1966 in der Londoner Indica Gallery ihre Arbeit „Ceiling Painting/Yes Painting“ sah oder, besser, erlebte, für das der Betrachter eine Leiter hinaufsteigen musste, um dann mit einer Lupe das Wort „Yes“ lesen zu können, das auf ein unter einer Glasplatte an der Decke hängendes Blatt Papier gedruckt war, zeigte er sich so beeindruckt, dass er die Künstlerin unbedingt kennenlernen wollte.

Onos Kunst ist eine interaktive, soziale Kunst, die Betrachter zu Teilnehmern macht, die ihre Werke nicht nur kritisch würdigen, sondern durch ihr eigenes Handeln und ihre Vorstellungskraft erst verwirklichen und vollenden sollen. Und das mit gedachten Konsequenzen, die weit über die Kunstrezeption bzw. -partizipation hinausreichen. Man denke an ihre „War Is Over!/If You Want It“-Plakatkampag ne mit Lennon von 1969 – Frieden, so die Idee dahinter, lässt sich wie ein Fluxus-Werk mithilfe der Vorstellungskraft verwirklichen.

Für Ono sind Leben und Kunst weder Gegensätze noch Synonyme. Sie will das Leben weder simulieren noch erhöhen, sie will Kunst durch Rituale in den Alltag integrieren. Ein Kunstverständnis, das von den Traditionen der asiatischen Welt, in der sie (auch) aufwachsen ist, von Buddhismus, Haikus und Nō-Theater geprägt ist und das, gerade wenn es auf die moderne westliche Welt trifft, eine besondere Kraft entfaltet. Etwa als Ono das Interesse der westlichen Medien an Stars und Gossip nicht nur vorführte, sondern auch für sich zu nutzen wusste und ihren eigenen Honeymoon mit Lennon zum Kunst happening erklärte, Journalisten am intimsten aller Orte, im Bett, empfing, um in Zeiten von Vietnamkrieg und Studentenunruhen für den Frieden zu demonstrieren. Ono hatte eine Gespür für Aktionen und Bilder, die bleiben. Auch das Artwork von „Imagine“ ist ihr Werk: das Foto des im Gedankennebel unbeteiligt durch seine Brille schauenden Künstlers, links über ihm eine Wolke, auf der „Ima gine/ John/Lennon“ steht – „Stellt euch John Lennon vor“. Genau so wie auf diesem Bild stellen wir ihn uns heute noch vor.

Auf der Rückseite des Albumcovers steht ein Zitat aus Onos bereits erwähntem Buch „Grapefruit“: „Ima gine the clouds dripping. Dig a hole in your garden to put them in.“ Auch die das Album begleitende Dokumentation folgt über weite Strecken Onos Inszenierung. Ganz sicher gilt das für die Anfangssequenz, den ikonischen Clip zum Titelsong: Lennon und Ono spazieren an einem grauen Morgen auf ihrem Anwesen Tittenhurst Park bei Ascot, südwest-

RE-IMAGINED

Die zehn bemerkenswertesten Coverversionen des viel gespielten Lennon-Klassikers Von Jorn Schlüter

01 SARAH VAUGHAN (1971)

Die göttliche Vaughan stellte dieses frühe Cover an den Anfang ihres Albums „A Time In My Life“. Sixties-Gospel-Soul-Grandezza (markige Bläser, Unisono-Querflöten) treffen auf eine toll spielende Seventies-Soul-Band. Darüber thront Vaughans vollmundiger Gesang. Die herrschaftliche Version.

02 NANA MOUSKOURI (1973)

Im Rahmen ihrer BBC-TV-Musikshow sang Nana Mouskouri „Imagine“ mit ihrer glockenhaften Stimme, die in englischer Sprache an das britische Folk-Revival erinnert. Sie ist ja die Sängerin der Sehnsucht! Die chromatische Pianofigur wird hier von einem griechisch klingenden Instrument übernommen. Eine gute Studioaufnahme gibt’s auf „Songs From Her TV Series“. Die brave Version.

03 RANDY CRAWFORD (1982)

Natürlich kann Randy Crawford ungefähr jedes Lied singen. Auch „Imagine“ überführt sie mit diesem als 7inch veröffentlichten Live-Cut in ihren sanften, freundlich lächelnden Smooth-Jazz-Soul. Einige Jahre später sang sie ein Duett mit Zucchero, als der im Kreml auftrat – da wurde es zu klebrig. Aber diese Aufnahme bleibt. Die schmusige Version.

04 NEIL YOUNG (2001)

Im Rahmen einer Spendengala für die Opfer der Anschläge des 11. September sang Young am Flügel zu barmenden Geigen. Er fügte dem Original – wohl sehr bewusst – nichts hinzu, sondern überbrachte schlicht die Botschaft, die der Anlass brauchte. Die traurige Version.

05 EVA CASSIDY (2002)

2002 erschien mit „Imagine“ eine von mehreren Sammlungen posthum veröffentlichter Lieder der Folk-Jazz-Wundersängerin aus Washington/D.C. Es gibt Aufnahmen von Cassidy, die noch zwingender sind als die von „Imagine“, doch schon ihr Mittelmaß genügt. Cassidy findet mit ihrem unfassbar sensiblen Gesang den emotionalen Kern des Songs. Die schönste Version.

06 A PERFECT CIRCLE (2004)

Hoffe, wenn du noch kannst! Die Post-Industrial-New-Metal-Prog-Rocker lassen aus der Fäulnis einer bösartigen und mörderischen Welt ein ganz anderes „Imagine“ emporsteigen: mit einer pointierten Düsternis, die auch dadurch spannend wird, dass die Amerikaner das Original clever reharmonisieren. Die mutigste Version.

07 MESHELL NDEGEOCELLO (2007)

Für das Album „Instant Karma: The Amnesty International Campaign To Save Darfur“ stellt die Bassistin, Songschreiberin und Sängerin eine Klangskulptur her, die das Original dekonstruiert und neu zusammensetzt. Ein monotoner, verzerrter Bass, ein hypnotischer (Sprech-)Gesang und schwebende Jazz-Harmonien. Die abstrakte Version.

08 WILLIE NELSON (2015)

Bei einem Konzert zu Lennons 75. Geburtstag spielte Nelson eine Fassung, durch die eine tolle amerikanische Sentimentalität schwingt. Schon acht Jahre vorher hatte er für das eben erwähnte „Save Darfur“-Album eine Aufnahme gemacht, aber diese hier ist besser. Die Outlaw-Version.

09 LADY GAGA (2015)

Bei der Eröffnung der Europaspiele in Baku saß Lady Gaga allein am blumenbedeckten Klavier und sang „Imagine“ erst so zurückhaltend, dass man es als Statement verstehen wollte: Die Hoffnung kommt still und leise. Aber dann drehte die Sängerin auf und interpretierte einige Strophen mit überbordender Sangeskraft. Die Operettenversion.

10 YOKO ONO (2018)

An dem Tag, an dem Lennon 78 Jahre alt geworden wäre, veröffentlichte Ono das Video einer mit Thomas Bartlett produzierten Bearbeitung, die zwischen Rezitativ und Gesang schwankt und genauso Lied ist wie Installation. Die Aufnahme erschien kurz darauf auf Onos Album „Warzone“. Die kunstfeinste Version. lich von London durch dichten Nebel. Man sieht sie nur von hinten, ihre dunklen Umrisse wirken wie Scherenschnitte. Der Song setzt ein, und sie erreichen ihr strahlend weißes Haus. Über der Eingangstür hängt ein Schild mit der Aufschrift „This Is Not Here“ – der Titel von Onos seinerzeit aktueller New Yorker Ausstellung –, das Haus wird zum Nichtort, zur Utopie, zum Stell-dir-vor. Das Paar verschwindet durch die Tür, ohne sie zu öffnen. Die nächste Szene zeigt Lennon, wie er in einem abgedunkelten weißen Raum an einem weißen Steinway-Flügel sitzt. Ono geht umher und öffnet die Fensterläden, holt Lennon aus dem Dunkel der Erinnerung ins Licht der Vorstellung. Am Ende des Songs sitzt sie neben ihm am Klavier. Sie schauen sich an und küssen sich. Auch das Bilder, die geblieben sind. Yoko Ono war für die Lennon-Ikonografie ohne Zweifel ähnlich entscheidend wie Brian Epstein Anfang der Sechziger für die der Beat les.

Er sei damals zu sehr Macho gewesen, um Onos Rolle anzuerkennen, sie als Co-Autorin des Songs „Ima gine“ und als konzeptionelle Kraft hinter dem Album zu nennen, hat Lennon später gesagt. Vielleicht ist der letzte Album- Track, „Oh Yoko!“, so was wie die End-Credits eines Films, sein verstecktes „directed and cowritten by Yoko Ono“.

Lennon fügte Onos Ideen etwas entscheidendes hinzu: seine Zerrissenheit. Was den Song „Ima gine“ groß macht, ist die Tatsache, dass derjenige, der singt: „Ima gine no pos ses sions/ I wonder if you can“, es sich selbst am allerwenigsten hätte vorstellen können. Und dass auf dem Album auf dieses so unschuldige und reine Gedankenexperiment ein Lied mit dem Refrain „One thing you can’t hide/ Is when you’re crippled inside“ folgt, macht beide Songs besser, als sie jeweils für sich genommen sind. Die Musik zu „Crippled In side“ hat Lennon übrigens von dem englischen Folksong „Black Dog“ gemopst, zu dem die Beatles bei den „Get Back“-Sessions im Januar 1969 jammten.

Nicht das einzige Lied, das seinen Ursprung in Lennons Beatle-John-Vergangenheit hat. „Gimme Some Truth“ stammt aus derselben Zeit, und die Melodie zu einem weiteren „Imagine“-Stück war ihm bereits im Frühjahr 1968 beim Kurs für Transzendentale Meditation im Ashram des Maharishi Mahesh Yogi in Rishikesh eingefallen. Ein Vortrag des Gurus hatte ihn zu einer akustischen Spezerei mit dem Titel „Child Of Nature“ und dem nicht unbedingt vor Weisheit platzenden Refrain „I’m just a child of Nature/ I’m one of Nature’s children“ inspiriert. Die schaffte es nicht auf das nächste Beatles-Album, weil sie Mc-Cartneys zur selben Zeit entstandenem „Mother Nature’s Son“ zu ähnlich war. Doch als Lennon das Lied in Ermangelung neuer Stücke Anfang 1971 in den Abbey Road Studios wieder hervorholte und über einen neuen Text nachdachte, schlug Ono vor, statt einfach wieder irgendwelche Wörter aneinanderzureihen, doch mal ans Eingemachte zu gehen und über etwas zu schrei ben, das ihm wirklich etwas bedeutete. So wurde aus dem naiven „Child Of Nature“ der reumütige „Jealous Guy“.

„Ich war ein sehr eifersüchtiger, besitzergreifender Typ“, erklärte Lennon kurz vor seinem Tod in einem Interview mit David Sheff vom „Playboy“. „Ich war ein sehr unsicherer Mann. Ein Typ, der seine Frau in eine kleine Kiste stecken wollte, sie einsperrte und sie nur rausholte, wenn er Lust hatte, mit ihr zu spielen. Sie durfte nicht mit der Außenwelt – außer mit mir – kommunizieren, weil ich mich dadurch verunsichert fühlte.“

Paul McCartney eröffnete 1985 in einem Interview mit „Playgirl“ (!) allerdings eine weitaus interessantere Perspektive auf den Song: Nach der Trennung der Beatles hätten alle versucht, die Bandmitglieder gegeneinander aufzuhetzen, erinnerte er sich. „Es war wie eine verfeindete Familie. Am Ende hat auch John einiges einstecken müssen. Er sagte immer: ‚Jeder springt auf den McCartney-Zug auf.‘ Er hat dann ‚I’m just a jealous guy‘ geschrieben, und er hat mir gesagt, den Song habe er für mich geschrieben.“

McCartney ist sicher kein zuverlässiger Erzähler, wenn es um die Beatles geht, aber es ist erstaunlich, wie plausibel diese Deutung erscheint. Dass Lennon im EMI-Studio an der Abbey Road, dem ehemaligen Zuhause der Beatles, an McCartney denken musste, zumal er ihm gerade am High Court of Justice bei der gerichtlichen Beatles-Scheidung gegenüberstand, ist nicht so unwahrscheinlich. Auch dass er kurz darauf die eheliche Wohnung – also in diesem Fall die Abbey Road Studios – verließ, um schließlich die Arbeiten am neuen Album auf and broke it in two/ Now what can be done for you?/ You broke it in two.“ dem mit seiner (relativ) neuen Partnerin bezogenen Anwesen wieder aufzunehmen, spricht dafür, dass die Geister der Vergangenheit ihn noch plagten und er ihnen daher entkommen wollte. „I was dreaming of the past/ And my heart was beating fast/ I began to lose control …“

Yoko Ono war für die Len non-Ikonog rafie so entscheidend wie Brian Epstein für die der Beatles

Das Gestern holte ihn aber wieder ein, als er das neue McCartney-Werk hörte. „Ram“ war ein Album „pro duced by Paul and Linda McCartney“. Schon das empfand er als einen Angriff, der die künstlerische Lennon-Ono-Symbiose ihrer Einzigartigkeit berauben wollte. Zudem sang McCartney im eröffnenden Song die zweifelsohne an ihn gerichteten Zeilen: „That was your first mis take/ You took your lucky break

Sollte „Jealous Guy“ tatsächlich als Entschuldigung an seinen alten Freund gedacht gewesen sein, konnte er das nun natürlich nicht mehr öffentlich zugeben und musste zurückschlagen. Er schrieb das vitriolische „How Do You Sleep?“, und es war ausgerechnet der von ihm eingesetzte Beatles-Manager Allen Klein, den McCartney gerade vor Gericht bekämpfte, der zur Mäßigung rief und anregte, die auf „The only thing you did was ‚Yesterday‘“ folgende Zeile „And you probably pinched that bitch anyway“ zu streichen, weil sie rechtliche Konsequenzen haben könnte.

George Harrison schien keine Skrupel zu haben, bei dieser Character Assassination dabei zu sein. Nicht nur hatte er – ebenso wie Ono – einige Zeilen zum Song beigetragen, er spielte auch ein geradezu kathartisches Slide- Solo. Nur Ringo Starr, der bei den Aufnahmen nicht dabei sein konnte, um wie auf „Plastic Ono Band“ mit Klaus Voormann die Rhythmussektion zu bilden, weil er gerade den bizarren Western „Blindman“ drehte, erklärte, mit diesem Song sei Lennon zu weit gegangen. Der legte dem Album noch ein Foto bei, das ihn zeigte, wie er einem Schwein an die Ohren greift – eine maliziöse Spiegelung des einen Schafbock bei den Hörnern packenden McCartney auf dem „Ram“-Cover.

„Imagine“ ist Krieg und Frieden und spielt natürlich vor der beeindruckend komplexen Kulisse von Lennons Seelenlandschaft. Dass diese nicht ganz so karg und zerklüftet scheint wie auf „Plastic Ono Band“, liegt vor allem daran, dass Phil Spector ein paar bunte Blumen und honigsatte Bienen hineingemalt hat. Nicht auszuschließen, dass auch die Streicher, die der Produzent auf das durch Nicky Hopkins’ Klavier eh schon liebliche „Jealous Guy“ kippte, eine lange Nase an McCartney waren, der vor Gericht gerade Spectors ähnlich zuckersüßes Attentat auf seinen Beatles-Song „The Long And Winding Road“ als Indiz präsentiert hatte. Man kann schon paranoid werden in dieser Post-Beatles-Welt. Sie wurden es ja schließlich selbst auch.

Die Welt, in der „Imagine“ spielt, ist jedenfalls viel kleiner, als man nach der großen Geste des Titelsongs annehmen könnte. Und selbst in diesem so erhabenen Lied ist ein Kindheitstrauma versteckt. Im Intro klingen nämlich die Anfangsakkorde eines Songs nach, den Lennons ungeliebter, meist abwesender Vater, Freddie, im Dezember 1965 veröffentlichte: „That’s My Life (My Love And My Home)“. Der Titel ist eine Anspielung auf einen gerade erschienenen Song seines Sohnes, der Text irgendwo zwischen Lamento und Rechtfertigung: Die grausame See habe ihn von seinen Lieben fortgetragen (er hatte als Page auf einem Schiff der Handelsmarine angeheuert, anstatt sich um seine junge Familie zu kümmern): „I must tell you this/ I was no heart breaker/ Perhaps a dream maker“, sprechsingt er. Und sein Sohn entgegnet Jahre später: „You may say I’m a dreamer/ But I’m not the only one/ I hope someday you’ll join us/ And the world will live as one.“

Selbst wenn John Lennon sich mit heilender Botschaft an die ganze Welt zu richten scheint, schickt sein Unbewusstes noch eine sehr intime schmerzvolle Flaschenpost hinterher.