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Krieg versus Liebe


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tip Berlin - epaper ⋅ Ausgabe 15/2022 vom 20.07.2022

Titel Ganz schön queer hier

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Bildquelle: tip Berlin, Ausgabe 15/2022

Küssend unweit des Arkona-Platzes in Gesundbrunnen: Yulia Maznyk (l.) und Polina Punegova

Als sich Yulia Maznyk und Polina Punegova am Arkonaplatz küssen, eng umschlungen, wirkt es so, als hätten sie die Schwerkraft überlistet: Sie beugen sich abwechselnd dermaßen weit übereinander her, dass man meint, sie müssten jeden Augenblick das Gleichgewicht verlieren und zu Boden fallen. Doch sie halten einander fest und bewahren den Stand, wenn auch in tollkühnen Winkeln. So als hätten sie es oft schon geprobt. Und alles ist gut. Muss es ja auch mal, nach all dem, was sie durchgemacht haben.

Wir setzen uns ins Café Cup Arkona, und die beiden erzählen ihre Geschichte: Wie sie sich vor vier Jahren in Moskau kennen lernten und vor zwei Jahren zusammenkamen als Paar. Yulia Maznyk, 36, ist Ukrainerin; Polina Punegova, 28, ist Russin. Während die beiden einander lieben, stehen ihre Heimatländer miteinander im Krieg. Zusammen sind die beiden nach Berlin geflohen. Das war am ...

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... 7. März. Eigentlich wollten sie einen romantischen Urlaub in Budapest verbringen, als alle Rückflüge nach Moskau annulliert wurden am 26. Februar, zwei Tage nach der russischen Invasion in die Ukraine. „Viele unserer Freund:innen haben damals in Moskau gegen den Krieg demonstriert und wurden verhaftet“, erzählt Polina Punegova. „Was in der Ukraine passierte, war damals schon sehr angsteinflößend. Das half bei der Entscheidung, nicht zurückzugehen.“ Stattdessen fuhren die beiden erst nach München, zu einer Cousine von Yulia Maznyk – und dann nach Berlin. „Denn Berlin ist eine Stadt, die LGBTIQ stark supportet“, sagt Polina Punegova.

„Berlin ist eine Stadt, die LGBTIQ stark supportet“

POLINA PUNEGOVA

Und sie waren nicht die einzigen, die so dachten: Viele Queers aus der Ukraine kamen in den letzten Monaten in Berlin an, geflohen des Kriegs wegen. Wie viele es genau sind, lässt sich schwer sagen. Staatsbürger:innen aus der Ukraine benötigen keine Anmeldung, können sich ohne Visum hier aufhalten Die Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) ging allerdings schon im Mai davon aus, dass 100.000 geflüchtete Menschen aus der Ukraine in Berlin leben. Rechnet man mit einem statistisch soliden Anteil von zehn Prozent queerer Menschen darunter, so wären es demnach 10.000 geflüchtete Queers aus der Ukraine in Berlin.

Doch einiges spricht dafür, dass die Zahl größer ist: Viele Geflüchtete sind relativ jung, zwischen 20 und 30. Der Anteil von Menschen, die sich als queer definieren, ist in dieser Altersgruppe höher als in der Gesamtbevölkerung. Aber gravierender: Die Angst queerer Menschen in der Ukraine vor einer potenziellen russischen Besatzungsmacht ist ganz besonders hoch – schließlich hat Russland ein extrem LGBTIQ-feindliches Regime, das queere Menschen seit Jahren zunehmend drangsaliert – und nachweislich Folterlager (manche sagen: Konzentrationslager) für Schwule in seiner Teilrepublik Tschetschenien duldet. Es spricht also vieles dafür, dass queere Menschen überproportional oft aus der Ukraine fliehen. Und kommen sie dann erst mal hier in Berlin an, dann hält sie vieles hier: die guten Community-Strukturen aus Vereinen, Organisationen und auch Aktivist:innen, die sich kümmern. Geradezu paradigmatisch dafür: der von Freiwilligen betreute Regenbogenflaggen-Stand am Berliner Hauptbahnhof, an dem geflohene Queers seit Beginn der Invasion Support finden können.

Dass akut Handlungsbedarf besteht, das hat die hiesige Queer-Community erstaunlich schnell verstanden: Noch am 26. Februar, kaum zwei Tage nach der russischen Invasion, hat sich das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine gegründet – ein Zusammenschluss aus mittlerweile über 70 Organisationen und Dutzenden engagierten Einzelpersonen. Rund zwei Drittel davon in Berlin. Über 650.000 Euro an Spendengeldern haben sie inzwischen gesammelt. Es ist wohl das gigantischste Hilfsprojekt, das die Queer-Community hierzulande jemals aus dem Boden gestampft hat. Zur Policy des Bündnisses gehört aber auch: Für die in Deutschland angekommenen geflüchteten Queers sehen sie den deutschen Staat in der Verantwortung, finanziell. Die Hilfsgelder fließen ausschließlich in Projekte, die Queers helfen, die (noch) in der Ukraine sind.

Geheime Shelter-Häuser

Einer, der fürs Bündnis Queere Nothilfe Hilfslieferungen in die Ukraine mitkoordiniert, ist Torsten Weimar, Beamter im Ruhestand. Die Stunden, die er sich dafür engagiert, kann er kaum zählen: „Locker zehn Stunden am Tag“, sagt er frohen Mutes. „Jemand, der Vollzeit arbeitet, könnte das gar nicht machen.“ Ein Dutzend LKW-Ladungen kamen so schon in der Ukraine an, zuletzt im Wert von 18.000 Euro: Lebensmittel (Brot, Müsli, Konserven), Schlafsäcke und Powerbanks (zur Stromversorgung von Handys – essenziell für die Flucht). Die Existenz der Orte, die die meisten dieser Hilfs-LKW ansteuern, ist besonders brisant: Es sind so genannte Shelter-Häuser, betrieben von ukrainischen Queer-Organisationen, aber so geheim es nur geht. Denn auch schwule und bisexuelle Männer kommen hier unter, sowie trans Frauen, deren Geschlechtseintrag im Pass noch M wie männlich ist. Sie alle müssten eigentlich Militärdienst leisten. Nach ukrainischem Recht begehen sie Fahnenflucht. Und so weiß Torsten Weimar nicht bloß von Angst vor untergeschobenen GPS-Sendern (zur Ortung der Shelter) und Ärger mit dem ukrainischen Zoll zu berichten, der so manche LWK nicht passieren lassen wollte, sondern auch von trans Frauen, die sie bei der Ausreise begleiteten: „Die ukrainischen Grenzer haben die trans Frauen passieren lassen“, sagt er, „aber hässlich verspottet.“ Gerade plant Torsten Weimar den nächsten Konvoi für Ende Juli. Mit welchen LKW die Hilfsgüter genau ins Land gelangen, will er nicht verraten. „Eine Firma, die regelmäßig in die Ukraine fährt – und dann an der Grenze nicht so hart kontrolliert wird.“

„Verglichen mit dem, was ich von zu Hause aus an Gefahr kenne, ist es hier paradiesisch“

JESSICA VOSS

Der Marzahn Pride als Statement

Wir sind zurück bei Yulia Maznyk und Polina Punegova, dem ukrainisch-russischen Liebespaar, im Café Cup Arkona. Die beiden haben super Neuigkeiten: Gerade wurde auch Polina Punegova als Geflüchtete aus der Ukraine anerkannt. Zwar hat sie die russische Staatsbürgerschaft, aber als Lebensgefährtin von Yulia Maznyk ist sie ja Teil derer Familie. Legal heiraten hätten die beiden als Frauenpaar weder in der Ukraine noch in Russland können. Aber der deutsche Staat erkennt nun doch ihre Beziehung an. „Die deutsche Regierung interessiert sich nicht für deine emotionalen Beziehungen“, sagt Polina Punegova, „sondern für deine finanziellen.“ Ein Glücksfall für die beiden: Sie hatten eine Wohnung gemeinsam gemietet. Und sie haben ein gemeinsames Konto. Für die deutschen Behörden ein Beziehungsnachweis, den sie akzeptieren können. „Als hätten wir es damals schon gewusst“, sagt Yulia Maznyk, „dass uns das mal retten wird!“

Inzwischen rettet Yulia Mazny auch andere: Sie arbeitet ehrenamtlich in der Berliner Stadtmission, vier Tage die Woche. Und zusammen mit Polina Punegova engagiert sie sich auch bei Quarteera, einem Berliner Verein, der sich um Queers aus den ehemaligen Sowjetrepubliken kümmert. Hier arbeitet auch Svetlana Shaytanova, die selbst aus Russland kommt, zur Sensibilisierung russischsprachiger Menschen für queere Themen – etwa mit Aktionen wie dem Marzahn Pride, den Quarteera seit 2020 organisiert und bei dem Yulia Maznyk und Polina Punegova dieses Jahr das Hauptbanner trugen. „Marzahn erinnert uns stark an unsere Heimatländer“, sagt Svetlana Shaytanova. Dort wohnen 30.000 russischstämmige Menschen. Wir wollten ein Statement setzen, um auch der russischen Community zu zeigen, dass es uns queere Menschen gibt.“

Gewissermaßen sei der Marzahn Pride aber auch ein Ersatz dafür, was viele Menschen aus dem Umfeld von Quarteera in ihren (ehemaligen) Heimatländern nicht feiern dürfen: ihre Queerness. Pride-Paraden wie noch 2021 im ukrainischen Kiew sind die absolute Ausnahme. In der Ukraine sind Homo- und Transsexualität legal. Es gibt Queer-Organisationen, etwa Insight, Sphere, Kyiv Pride, Cohort, LIGA, HPLGBT, Egalite Intersex Ukraine und trans Generation. In Russland und im russisch kontrollierten Teil der Ukraine hingegen stehen schon positive Äußerungen über Queerness, etwa im Internet, unter Strafe.

Zwar gebe es auch in der Ukraine Queerphobie, sagt Svetlana Shaytanova, aber die Ukraine sei gleichwohl viel fortgeschrittener in Sachen queerer Akzeptanz als andere ehemalige Sowjetländer: „Als die Ukraine also queerfreundlicher wurde, hat sie sich aus russischer Sicht dem Westen angenähert. Und das war nicht im Interesse der russischen Regierung, dass die Ukraine sich dem Westen mit seinen demokratischen Werten anschließt.“ Das gelte für alle Lebensbereiche. „Also ja, natürlich: Einer der Gründe dieses Krieges ist, dass die Ukraine Vielfalt akzeptiert hat.“

Matches und Verzweiflung

Auch Quarteera hat geflüchteten Queers in Berlin Unterkünfte vermittelt. All das hätte jedoch niemals funktioniert ohne viele Volunteers, die Zimmer in ihren Wohnungen freiräumten. So wie Jorka Schweitzer, der schon mehrere trans Geflüchtete bei sich aufgenommen hat. „Ich hab mich am ersten Wochenende nach Kriegsbeginn mit einer Regenbogenflagge an den Hauptbahnhof gestellt“, erzählt er. „Das war aber kompletter Murks, weil sich niemand einfach mal eben so outet, wenn er am Hauptbahnhof a nkommt.“ Also initiierte er eine Telegram-Gruppe speziell für trans, inter und nonbinary Geflüchtete. „Alle brauchen eine Unterkunft, die sicher ist“, sagt er. „Aber unsere Leute brauchen eine Unterkunft, die noch mal anders sicher ist.“

„Einer der Gründe dieses Krieges ist, dass die Ukraine Vielfalt akzeptiert hat“

SVETLANA SHAYTANOVA, QUARTEERA

Zwei Dutzend Matches zwischen Gastgeber:innen und Gäst:innen hat Jorka Schweitzer in Berlin schon vermittelt. Eine Erfolgsgeschichte. „Aber Berlin ist inzwischen dicht“, sagt er resigniert. „Die Politik verlässt sich darauf, dass Privatleute die Geflüchteten unterbringen. Aber alle, die wollen, tun es ohnehin schon, und das war’s jetzt.“ Er versucht, geflüchtete Queers auch für andere Städte zu begeistern: „Berlin ist nicht die einzige Regenbogenstadt, sondern es gibt auch andere coole queere Pflaster. Auch eine Stadt wie Kiel kann toll sein.“ Aber viele geflüchtete Queers hätten eben schon eine ganz besondere Beziehung zu Berlin. Wer sollte es ihnen verdenken?

Zu ihnen gehört auch Veronika, 19, die gerade übergangsweise ein paar Tage bei ihrer Cousine in Polen verbringt, aber dann unbedingt wieder zurück nach Berlin will. Als sie sich im Videochat von Zoom meldet, klingt ihre Stimme schon geschwächt. „Das Wohnungsproblem belastet die meisten Geflüchteten permanent“, sagt sie und atmet tief durch. Ihre bisherigen drei Monate Berlin hat sie in fünf verschiedenen Wohnungen verbracht. „Mir geht langsam die Energie aus“, sagt sie. „In der nächsten Wohnung kann ich auch nur für ein paar Wochen bleiben.“ Ursprünglich wollte sie in eine deutsche Kleinstadt ziehen. „Aber dann dachte ich: Da werde ich als trans Frau mit Gehbehinderung nicht gut klarkommen. Ich brauche erfahrene Ärzt:innen und auch eine Community.“ Anders als in Kiew zuvor fühlt sie sich in Berlin nun sicher.

Aber wenn man länger mit Veronika spricht (die weder ihren Nachnamen noch ihr Foto in der Zeitung sehen will), gibt es diese Momente, in denen sie vollends verzweifelt: „Als trans Person kann ich kaum verstecken, wer ich bin. Manchmal hasse ich mich selbst dafür, dass ich trans bin. Der Hass der anderen hat auf mich abgefärbt.“ Sie erzählt von trans Menschen in der Ukraine, die man umgebracht hätte. In Kiew hat Veronika IT studiert. „Am liebsten würde ich Computerspiele programmieren“, sagt sie und strahlt kurz auf, als sie von ihrem Traum erzählt. „Um Welten zu entwerfen, die nicht so sind wie die Welt, in der wir leben.“

Besser läuft es gerade bei Jessica Voss, 23, auch trans, die seit März in Berlin lebt. Über Warschau gelangte sie aus dem russisch besetzten Osten der Ukraine hierher. Und lebt seitdem in einem besetzen Haus mit queerem Wohnprojekt namens Rote Insel in der Mansteinstraße in Schöneberg. Fünf Stockwerke mit circa 40 Bewohner:innen. „Ein toller Ort!“, schwärmt Jessica Voss. „Gelebte Punkkultur!“ Auch die sexpositiven queerfreundlichen Partys in Berlin findet sie prima. Und seit April hat sie auch eine feste Freundin, Tinder sei Dank. „Berlin fühlt sich für mich sehr frei, sehr sicher an“, sagt sie. „Manchmal, wenn ich mit queeren Leuten unterwegs bin, erzählen sie mir, dass dieser oder jener Berliner Kiez eine gefährliche Gegend sei. Aber ich komme nicht umhin, mich trotzdem sicher zu fühlen. Verglichen mit dem, was ich von zu Hause aus an Gefahr kenne, ist es hier paradiesisch.“

„Im bürokratischen Kleinklein ist das eine Sisyphos-Arbeit – und auch sehr zermürbend“

STEPHAN JÄCKEL, SCHWULENBERATUNG

Sie liebt auch den kreativen Vibe der Stadt. Im Herbst wird sie als Performerin Teil eines Projekts am Maxim-Gorki-Theater zum Thema Heimat sein. „Seit ich 14 bin, habe ich nirgendwo länger gewohnt“, erzählt sie. „Ich lebte aus dem Koffer, war eine Nomadin. Aber Berlin ist für mich der Ort, an dem ich lange bleiben will.“ Sie erzählt davon, wie sie mit 14 ihr Coming-Out als trans Mädchen hatte – nachdem ihre Eltern ihr mit zwölf das Internet gesperrt hatten, weil sie auf Jungs stand. In den Augen der Eltern: ein Junge, der auf Jungs steht. Jessica Voss wirkt stark. Man kann sich leicht vorstellen, dass sie hier in ihrem neuen Leben glücklich wird. Aber es gibt diese Momente, wenn die S-Bahn rattert oder auch nur die Kaffemühle im Café, und sie plötzlich sehr nervös wirkt. „Seit drei Jahren plagen mich Albträume“, sagt sie. „Geräusche im Alltag erinnern mich an Schüsse. Die S-Bahn klingt, wenn sie losfährt, nach Fliegeralarm für mich.“ Und ja: In einem besetzten Haus zu leben sei voll ihr Ding. Aber das gehe sicher nicht allen so. „Zumal, wenn Leute traumatisiert sind.“

Einer, der ukrainischen Queers beim Thema Wohnungen helfen kann, aber weniger, als er möchte, ist Stephan Jäckel von der Schwulenberatung Berlin. Auch die ist, wie Quarteera, Teil des Bündnisses Queere Nothilfe Ukraine. Seit 2015 betreibt die Schwulenberatung spezifische Angebote für geflüchtete Queers, darunter eine niedrigschwellige Beratungssprechstunde in lockerer Atmosphäre: das Café Kuchus in der Wilhelmstraße 115.

„Seit Beginn des Krieges 2022 haben wir dort über hundert Menschen kennen gelernt, die aus der Ukraine geflüchtet sind“, sagt Stephan Jäckel. Bei der Schwulenberatung gibt es Sozialarbeiter:innen und Jurist:innen, die beratend zur Seite stehen. Seit 2021 bietet die Schwulenberatung auch psychologische Psychotherapie für geflüchtete Queers an. „Das ist wichtig, weil viele andere Psychotherapeut:innen nicht queersensibel oder nicht fluchtsensibel sind“, sagt Jäckel.

Die Schwulenberatung ist auch Träger der Gemeinschaftseinrichtung für queere Geflüchtete in Treptow. Platz für 122 Menschen gibt es dort. In der ersten Woche des Krieges kamen dort auch Menschen aus der Ukraine an. „Wir hatten damals freie Plätze“, sagt Jäckel, „sodass wir sie unkompliziert aufnehmen konnten.“ Es könnte nun allerdings passieren, dass die Schwulenberatung auf den Kosten dafür sitzen bleibt, die sonst vom Land Berlin getragen werden für Geflüchtete aus anderen Ländern. Denn für Geflüchtete aus der Ukraine gilt aktuell die so genannte „Massenzustrom-Richtlinie“. Damit fallen sie in die Zuständigkeit der Kommunen, nicht der Bundesländer. In Berlin also wären die Bezirke zuständig, die beileibe nicht genügend Unterkünfte haben. Föderaler Wirrwarr. „Viele Geflüchtete Queers aus der Ukraine haben erst mal in WGs gewohnt“, sagt Stephan Jäckel. Doch dort sei vielerorts kein Platz auf Dauer. „Wir fordern seit vier Monaten, dass es eine weitere Unterkunft braucht für queere Geflüchtete aus der Ukraine. Mir geht das viel zu langsam. Ich glaube, dass die Regierenden den Schutz der LSBTI wirklich wollen. Aber im bürokratischen Kleinklein ist das eine Sisyphos-Arbeit. Und auch sehr zermürbend.“

Ein Zeichen, das Mut macht

Was die queere Community 2022 in Berlin geleistet hat, mit der Queeren Nothilfe und tausenden Volunteers, ist ganz und gar bemerkenswert. Es ist ein Zeichen, das Mut macht: dass Queers füreinander da sind, wenn es darauf ankommt. Und das tut es bei einem Krieg, der sich unverkennbar auch gegen queere Vielfalt richtet.

Wir treffen noch mal Yulia Maznyk und Polina Punegova, die sich schon auf die große CSD-Demonstration am 23. Juli freuen. „Wenn du als Queer deine Persönlichkeit versteckst“, sagt Polina Punegova, „dann lebst du nicht dein Leben. Uns fällt ein Stein vom Herzen, dass wir nun hier sind.“

Kürzlich seien sie in einer Berliner Behörde gewesen, erzählen die beiden, und eine der Angestellten habe sie ernsthaft, sie konnten es kaum glauben, gefragt: „Warum sind Sie nicht verheiratet? Sie sind doch so ein tolles Paar!“ Die beiden strahlen, als sie es erzählen – und küssen sich noch mal so, dass die Schwerkraft für ein paar Sekunden ausgesetzt ist.