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Kuba im Post-Castrismus


WeltTrends - epaper ⋅ Ausgabe 179/2021 vom 01.09.2021

Kuba ohne Castro! Ist das denkbar? Durchaus – Fidel, der Chef, hat vor seinem friedlichen Dahinscheiden an den Bruder Raúl übergeben. Dieser führte die Revolution als „Raúlismo“ weiter, um Ende April 2021, fast 90-jährig, auf dem 8. Parteitag der kubanischen KP den Vorsitz an Staatspräsident Miguel Díaz-Canel weiterzugeben. Damit kommt die Castro- Ära von 1959 bis 2021 zumindest nominell an ihr Ende. Wie geht es nun auf der Karibikinsel weiter?

2021 brachte viel Neues: Trump ist out, und Havannas internationaler Flughafen wurde vorsichtig für Devisentouristen wiedereröffnet. Doch der fast kaputte Staat muss wirtschaftlich reagieren: Vorrangig mit der überfälligen Zusammenführung der Währungen, eingefasst von einem ehrgeizigen, aus 110 Gesetzen und Normen bestehenden Lohn-Preis-Paket, welches seit den ersten Januartagen unterwegs ist. Staatsbetriebe müssen nunmehr schrumpfen, während Angestellte ihr ...

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Unter den Augen von Fidel: Demonstrationen gegen die Regierung in Havanna am 11. Juli 2021
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... Glück am kleinkapitalistischen Markt suchen müssen. Eigeninitiative ist plötzlich nicht mehr „konterrevolutionär“, sondern revolutionäre Pflicht! So war es ursprünglich nicht ausgemacht: Als ein Zivilist, Miguel Díaz- Canel Bermùdez, ein rüstiger Sechziger, seit April 2018 Präsident des Staats- und Ministerrates und seit Oktober 2019 auch Staatspräsident, die Amtsgeschäfte übernahm, wollte er nicht mehr „actualizar la revolución“ betreiben, also mit vorsichtigen Anpassungen regieren, ohne die Revolution zu opfern – wofür Raúl Castro, inzwischen nur noch Vorsitzender der kubanischen KP, die Garantie abgab. Indes, die aktuelle wirtschaftliche Beinahekatastrophe verlangt brutale Entscheidungen.

Die Touristen kamen. Zuerst Kanadier und Westeuropäer. Bald 500.000 im Jahr, dann eine Million, rasch aufgestockt auf zwei Millionen, und, mit zögerlicher Reiseerlaubnis aus Washington, Hunderttausende extra. Im bisher letzten Zähljahr schloss der Tourismus mit mehr als vier Millionen Besuchern ab. Eine ehrgeizige Projektplanung will die jährliche Besucherzahl auf sieben Millionen steigern. Dank des touristischen Erfolgs brauchte die Revolution jetzt wieder die in den 1960ern Jahren verfemten Künstler, Sänger, Gitarristen, Tänzer, Balletteusen. Es explodierte der Son Cubano. Zur Vermeidung von Inflation sowie einer offenen Dollarisierung wurde die Fiktivwährung des an den US-Dollar gebundenen CUC (Peso Cubano Convertible) geschaffen, denn der CUP (Peso Cubano) ließ sich nur in der Staatswirtschaft nutzen und war taubes Papier. Wer CUCs im Tourismusgeschäft ergattern konnte, schlug sich besser als die CUP-Habenichtse durch den mühsamen Alltag. Dies alles ist mit der Währungsreform vom 1. Januar 2021 nun Makulatur. Es triumphiert erneut der CUP-Peso Cubano, in Relation 1:23 zum US-Dollar. Jetzt wütet eine grausame Inflation – ein Phänomen, das Havanna bis dato nicht kannte.

Was Gewinn bringt, ist erlaubt und soll das Land wieder flottmachen.

Ein Schritt zurück: Mit dem zaghaften „Raúlismo“, wie die nach Raúl Castro benannte Zeit hieß, kam es ab 2011 zu vorsichtigen Öffnungen im wirtschaftlichen Bereich. An die 120 Berufe wurden freigegeben. Ein bisschen Kapitalismus. Aber solches gelang nur jenen, die CUCs in der Hand hatten, umgetauscht gegen Dollarscheine, übersandt von Verwandten aus Miami oder als Betreuer von Devisentouristen. Dennoch, in jüngster Zeit kam es zu interessanten Momenten. Bei aller Ungleichheit regte sich Havanna immer lebhafter und begann auch Luxus zu zeigen. Und dann das Wunder: US-Präsident Barack Obama kam im März 2016 in die kubanische Kapitale und saß neben Raúl Castro auf einer Bank im Baseball- Stadion. Türen öffneten sich. Kreuzfahrtschiffe von US-Reedereien durften in das Hafenbecken der kubanischen Kapitale einfahren. Havanna holte tief Atem. Ein gesellschaftlicher Frühling. Auf dem Malecón wurden sogar Autorennen für eine Hollywood- Filmproduktion veranstaltet – was der gloriose Bildband über Havanna der beiden Deutschen Sven Creutzmann und Bert Hoffmann (München 2019) atemberaubend dokumentiert. All dies gipfelte 2019 in Feiern: 60 Jahre Revolution! 500 Jahre Stadt La Habana! Kanadische Pyrotechniker zündeten im November 2019 zu Ehren der kubanischen Hauptstadt ein pharaonisches Feuerwerk.

Dann Pech: Donald Trump residierte im Weißen Haus. Es begann mit einzelnen Nadelstichen, die sich zu schmerzhaften Hieben verdichteten. Die bejubelten US-Kreuzfahrtschiffe durften seit September 2019 nicht mehr einlaufen. Und dann der harte Schlag: Erdöltanker aus Venezuela schaffen es nur sporadisch nach Havanna; die Folge: Knappheit bei Elektrizität und Kochgas. Warteschlangen dauerten nicht nur Stunden, sondern Tage! Und dann noch Covid-19! Das Virus erreichte Kuba am 11. März 2020. Sofort Einreisestopp! 60.000 Europäer, zu jenem Moment auf der Insel, wurden überhastet zurückgeholt. Alle Hotels waren plötzlich ohne Gäste. So entpuppte sich infolge von Corona der Devisentourismus, welcher die Revolution beinahe triumphieren ließ und dem alle revolutionären Inhalte geopfert worden waren, als Falle.

Was jetzt tun?

Kubas Politik antwortete darauf mit vielen kleinkapitalistischen Freigaben und einem umfassendes Lohn-Preis-Abkommen, wie seit Januar 2021 einstimmig von Politik, Armee und Kommunistischer Partei, also auch von Raúl Castro mitgetragen, dekretiert. Eigentlich hat dies nichts mehr mit der ursprünglichen Revolution zu tun: Staatsbetriebe abmagern und die Freigesetzten zu eigener unternehmerischer Tätigkeit ermuntern – das schmeckt ziemlich „neoliberal“. Aber vielleicht funktioniert es. Dass auch die kleinbäuerliche Landwirtschaft freier atmen darf, könnte mit der Zeit viel Protokapitalismus aufblühen lassen, was Kuba eine Art „vietnamesischen Weg“ einschlagen ließe und Havannas Bevölkerung ernähren könnte. Es scheint das Motto zu sein: Was Gewinn bringt, ist erlaubt und soll das Land wieder flottmachen.

Leider hoffnungslos sieht es bei intellektuellen Freiheiten aus, denn zu drakonisch funktionieren im total verdrahteten Havanna die Kontrollen. Sie lähmen Havannas atomisierte Zivilgesellschaft, deren Energie vom alltäglichen Überlebenskampf aufgesaugt wird. Es bleibt das übliche Misstrauen: Als der Rapper Denis Solis unlängst wegen zu frecher Beiträge kurzfristig ins Gefängnis musste, protestierten einige Dutzend Kunstschaffende vor dem Kulturministerium. Gleich wurde aus Miami eine kulturelle Protestbewegung „San Isidro“, benannt nach einem vernachlässigten Wohnbezirk, wo zum Ärger der Anrainer ein neues Fünf-Sterne-Hotel hochwächst, ausgerufen. Es gab internationale Kommentare – und sofort reagierte das offizielle Kuba empört auf diese „konterrevolutionäre Provokation“ – womit vorerst alles beim Alten bleibt.

Es ist offensichtlich: Präsident Miguel Díaz-Canel darf die nunmehr auf Gewinn ausgerichtete kleinkapitalistische Privatwirtschaft umfassend reformieren und viele der absurden Kontrollen abschaffen. Aber ein „kubanischer Gorbatschow“ ist er nicht. Der kulturelle Bereich bleibt verhärtet. Schade, denn Trump schreckt nicht mehr. Mit Biden wehen für Kuba günstigere Winde, obwohl Washington es mit einer Annäherung nicht eilig hat. Erste Devisentouristen sind wieder da. Wirtschaftlich könnte dank der neuen Freiheiten viel aufblühen. Aber Klio, die aufmüpfige Muse der Geschichte, würde Kuba gern mit offenem Lorbeer voller kultureller Freiheiten krönen. Vorerst traut Staatschef Díaz-Canel sich nicht. Leider! Kubas „Post-Castrismus“ mag kleinkapitalistisch reüssieren, bleibt aber in Sachen kultureller Freiräume verbockt.

Post Scriptum: Miguel Díaz-Canela hätte seine Sternstunde am 11. Juli 2021 haben können, als angesichts der fast hoffnungslosen Versorgungslage, medizinischer Notstand erstmals eingeschlossen, nicht nur in Havanna, sondern auch in Provinzstädten spontan Bürgerinnen und Bürger auf die Straße gingen und nicht mehr „Vaterland oder Tod“, sondern „Vaterland und Leben“ (Patria y Vida) skandierten. Also keine Spur von „Konterrevolution“! Allein, ihm fiel nach einigem Zögern nur der massive Einsatz seiner Sicherheitsmilizen sowie das Abschalten des mobilen Internets, das er 2018 freigegeben hatte, ein. Nein, das Ende der kubanischen Revolution ist das noch nicht!

Gerhard Drekonja-Kornat geb. 1939, Historiker, zahlreiche Publikationen zu Lateinamerika und zur Geschichte der internationalen Beziehungen, Emeritus der Universität Wien Gerhard.drekonja@chello.at