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Kubas Stasi erschlägt die HOFFNUNG


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 29/2021 vom 18.07.2021

Plötzlich strömen die Menschen auf dem Platz in der Innenstadt vin Havanna zusammen. Erst Dutzende, dann Hunderte und schließlich ein paar Tausend. Es war am vergangenen Sonntag, als die historischen Bilder aufgenommen werden. „Wir wollen Freiheit“, rufen die Menschen. Und den Schlachtruf, der zur Hymne des Widerstands geworden ist: „Patria y Vida“ (Heimat und Leben). Entlehnt aus einem millionenfach abgerufenen Video kubanischer Rapper, die Armut, Repression und Lebensmittelkrise thematisiert haben. Und seitdem als Staatsfeinde gelten.

Die, die da rufen, sind jene Kubaner, die von 40 Dollar im Monat leben müssen, die stundenlang für Brot und Milch anstehen, wenn es denn welche gibt.

Nicht nur in Havanna, auch in anderen kubanischen Städten gingen Tausende Menschen auf die Straße, um für eine demokratische Öffnung des starren Ein-Parteien-Systems, für Freiheit und gegen Lebensmittel- und ...

Artikelbild für den Artikel "Kubas Stasi erschlägt die HOFFNUNG" aus der Ausgabe 29/2021 von Welt am Sonntag Gesamtausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 29/2021

Die Polizei geht am vergangenen Sonntag in Havanna gegen Demonstranten vor
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... Medikamentenkrise zu demonstrieren. Nun entscheidet sich, ob aus der spontanen Straßenbewegung mehr wird als nur ein kurzer Sozialprotest. Doch Kubas in Jahrzehnten mit Auslandsdevisen aufgerüsteter Machtapparat, der in vielem an die Repressionsmaschine der ehemaligen DDR erinnert, versucht das aufkeimende Pflänzchen der demokratischen Vielfalt sofort wieder auszureißen. Präsident Miguel Diaz-Canel schickte gegen die friedlichen Demonstranten Schlägerbanden und die kubanische Staatssicherheit. „Nur über unsere Leichen“ lautete seine Losung. „Revolutionäre auf die Straße.“

Vier Tage später kämpft die mutige Bloggerin mit den Tränen. Sie ist nun auf dem Radar des Machtapparats aufgetaucht. Der ist seit Jahrzehnten auf diesen Tag X vorbereitet und wahrscheinlich der einzige Bereich im Land, dem es an nichts mangelt. Weder an Waffen noch an technischem Equipment. Die Sicherheitskräfte auf der Straße sehen jetzt aus wie die gefürchteten Aufstandsbekämpfungstruppen in Kolumbien oder Chile. Und die dulden keine regierungskritischen Demonstrationen, keine Aufrufe, keine öffentliche Kritik am System. Der lange Arm des Staates holt Dina Stars mitten aus einem Live-Interview mit einem spanischen TV-Sender. Sie wird über Nacht in Polizeigewahrsam gesteckt.

Nun merkt Stars, was auf dem Spiel steht. Ihre ganz persönliche Freiheit und Zukunft. Und sie sieht, wie um sie herum der Widerstand gebrochen wird. Die Furcht vor der allmächtigen und zupackenden kubanischen Stasi ist wieder zurück. „Ich weiß, dass alle Angst haben, aber wenn alle ihre Social-Media-Konten auf privat umstellen, kann man nichts retweeten, und die Information kommt nicht an. Und jetzt ist der Moment, an dem uns die Welt zuhört“, twittert sie am Donnerstag verzweifelt. Nun geht es für die Regierungskritiker um ihr Leben, ihre Arbeitsplätze, ihre Zukunft.

Wenig später ist Dina Stars live im Instagram-Chat, auch WELT AM SONNTAG ist dabei. Und jeder, der ihr zuhört, spürt und sieht, unter welch enormem Druck die junge Frau nun steht: „Natürlich habe ich Angst. Ich habe Angst um mich, weil ich darauf warte, was sie mir sagen, ob ich ins Gefängnis oder vor Gericht muss. Ich habe Angst um die Leute, die jetzt in Haft sind.“

Die Furcht ist zurück und wirkt. „Ich bin jetzt in Hausarrest“, sagt Stars. Die Sicherheitskräfte könnten sie wieder in die Zelle stecken, deshalb werde sie nicht mehr zu Demonstrationen aufrufen, denn das sei nach Meinung des Staates illegal. Ein Aufruf zu einer Straftat. Diejenigen, die in dieser historischen Woche die Köpfe herausgesteckt haben, werden nun von der Staatssicherheit gejagt. Der afrokubanische Künstler Luis Manuel Alcántara, Kopf der regierungskritischen Bewegung San Isidro, wird in ein Hochsicherheitsgefängnis gesperrt. Er hatte zuvor angekündigt, er gehe zum Malecón, der berühmten Uferpromenade Havannas, egal, was es ihn kosten werde. Es kostet ihn die Freiheit.

Intellektuelle, Künstler, unabhängige Journalisten werden verhaftet oder erhalten eine Wache der Geheimpolizei vor ihrer Haustür. Zeitweise drosselt das Regime das Internet, damit die Kommunikation nach außen und untereinander nicht mehr funktioniert. Medien, die regierungsfreundlich aus Havanna berichten, senden die Gegenrealität nach draußen. Diaz-Canel sei gesprächsbereit und zeige sich selbstkritisch, heißt es, obwohl überall auf der Insel die Handschellen klicken. Die Versorgungskrise sei in Wahrheit das Ergebnis des verhassten US-Handelsembargos. Doch selbst Raúl Castro, der das Land nach dem Rückzug des Revolutionsführers Fidel Castro zehn Jahre lang regierte, räumte 2010 in einer historischen Grundsatzrede, es seien vielleicht auch strukturelle Mängel im kubanischen System für die Probleme verantwortlich.

Doch im Kuba von heute scheint sich die Schlinge um den Hals derer immer weiter zuzuziehen, die den Mut haben die Mängel anzuprangern. Es wird sich zeigen, ob es dem Machtapparat gelingt, die soziale Explosion und den Ruf nach Freiheit zu unterdrücken. Die Schergen des Regimes denunzieren, prügeln und verhaften. .

Was das für die Demokratiebewegung heißt, bekommt Dina Stars zu spüren. Ihr Postfach quillt über von Nachrichten. Sie, die zunächst nur gefilmt hat, soll nun zu allem etwas sagen, eine Führungsrolle übernehmen. Denn Kubas Opposition ist im entscheidenden Moment enthauptet, verhaftet und von der Kommunikation abgeschnitten. Die Bloggerin sieht die Lage realistisch: „Wir wissen nicht mehr wohin, wir haben keine Lösung mehr. Und wissen Sie, was das Schlimmste ist? Dass alles zur Normalität zurückkehrt.“