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KÜHN DURCH DEN STURM


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 7/2021 vom 10.06.2021

HIATUS KAIYOTE

Artikelbild für den Artikel "KÜHN DURCH DEN STURM" aus der Ausgabe 7/2021 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Wer muss man sein und was muss man tun, um von den größten Popstars des Planeten geliebt und gefeiert und gesampelt zu werden? Von Beyoncé und Jay- Z, von Prince (R.I.P.) und Kendrick Lamar und Drake, Questlove und Erykah Badu. Nun, der erste Teil der Antwort ist noch relativ einfach: eine vierköpfige Band aus Melbourne, Australien. Der zweite Teil ist schon komplizierter: Denn die Musik, die das Quartett unter dem Namen Hiatus Kaiyote macht, ist nicht so leicht zu beschreiben. Ihre Songs sind komplexe, musikalische Abenteuer, jeder eine kleine polyrhythmische Welt für sich, mit verwinkelten Strukturen und einer solch beharrlichen Vielzahl an Richtungs-, Tempi- und Tonartwechseln, dass ziemlich schnell klar ist: Hier geht es nicht darum, eine breite Masse abzuholen, hier geht es um Überwältigung.

Nai Palm (Gesang, Gitarre), Simon Mavin (Keyboard), Perrin Moss (Schlagzeug) und Paul ...

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... Bender (Bass) haben dieses Konzept seit der Bandgründung 2011 perfektioniert. Manche Leute sagen zu ihrer Musik der Einfachheit halber Neo-Soul. Andere lieber Future-Soul, um der Tatsache Genüge zu tun, dass die Musik des Quartetts aus so vielen unterschiedlichen Teilen zusammengesetzt ist, dass man oft wirklich nicht hinterherkommt – nicht mit den Füßen und nicht mit dem Kopf – und am Ende oft staunend inmitten einer metaphysischen Gemengelage aus Grooves, Beats, Riffs und Melodien steht. Es gibt einfach zu viele Referenzen: smoother Millennium-R’n’B, Conscious Rap, 80s-Boogie, West African Soul, Dubstep, Bebop, Funk, Electronica, Prog Rock, Tropicália und, und, und, und. Kreuz und quer geht es durch die vergangenen Jahrzehnte der Musikgeschichte. Im Grunde aber entzieht sich diese Musik jeder Kategorisierung – oder wie Jon Pareles, Popmusik-Chefkritiker der „New York Times“, es einmal formulierte: „Die Kompositionen von Hiatus Kaiyote dehnen und verbiegen jeden einzelnen Parameter, den wir in der Musik haben.“

Möglich, dass das der Grund dafür ist, dass Hiatus Kaiyote so viele Fans aus dem HipHop-Bereich gesammelt haben. Der ja gerade wegen seiner Wandlungs- und Innovationsfähigkeit in den letzten 40 Jahren so erfolgreich geworden und geblieben ist. 2017 tauchten Samples der Australier sogar auf den beiden wichtigsten Rap- Platten des Jahres auf: Kendrick Lamars DAMN. (im letzten Stück der Platte, „Duckworth“, sampelt er „Atari“) und Drakes MORE LIFE (Nai Palms Gesang aus „Building A Ladder“ ist das Erste, was man im Album-Opener „Free Smoke“ hört). Klanglich konnten die beiden Platten nicht unterschiedlicher sein – MORE LIFE ist eine luftige Sammlung von Sommerhymnen und Feel-Good-Bangern, DAMN. eher eine scharfsinnige, provokative Verdichtung sozialpolitischer Betrachtungen und Statements – aber in einem Moment übergreifender Inspiration und Zeitgenossenschaft wurde der Sound von Hiatus Kaiyote zu einer Schnittstelle. Bindegewebsmusik sozusagen, der Klebstoff zwischen den Klang-und Wirkungsräumen einer globalisierten Welt. Ein Jahr später tauchten sie dann auch auf dem gemeinsamen Album von Beyoncé und Jay-Z auf: EVERYTHING IS LOVE. Everything is Kaiyote. Und Kaiyote übrigens ein Kunstwort, das nach eigener Aussage der Band bitte jede und jeder genau so verstehen soll, wie sie oder er will.

Nun also endlich eine neue eigene Platte – ihre dritte. MOOD VALIANT heißt der Nachfolger von CHOOSE YOUR WEAPON aus dem Jahr 2015 und erscheint bei Brainfeeder, dem Indie-Label von Produzent Flying Lotus, sonst spezialisiert auf experimentellen Elektro und HipHop. Aber das tut in der Welt der Australier ja nicht viel zu Sache: „Jeder Song, den wir machen, ist ein kleiner Kosmos und enthält eine Vielzahl an Einflüssen“, sagt Nai Palm. „Unsere Musik ist so filmisch und manchmal seltsam und so beweglich, dass wir nicht in Genres darüber nachdenken. Wir nennen sie einfach ‚Wondercore‘. Darum geht es uns als Band am meisten.“ Die Sängerin mit den vielen Tattoos und dem besonderen Faible für auffälliges Augen-Make-up sitzt am anderen Ende der Welt und stützt das Kinn auf ihre Hand. Zoom- Interview einmal around the world Bassist Paul Bender hat den Anruf entgegengenommen und auf die Frage nach dem Kern eines klassischen Hiatus- Kaiyote-Songs so staubtrocken wie bedeutungsvoll geantwortet: „Die Essenz ist, dass wir vier ihn zusammen geschaffen haben. Eine andere Regel gibt es nicht.“ Zwei Minuten später hüpft Nai Palm von der Seite ins Videobild und setzt sich gut gelaunt neben ihn. In Deutschland ist es acht Uhr morgens, in Down Under schon später Nachmittag. Das Sonnenlicht fällt hell und golden von der Seite in das Zimmer. An der Wand hängt ein gerahmtes Beatles-Cover – natürlich das mit der größten Gemeinschaft aus unterschiedlichen Menschen/Einflüssen: SGT. PEPPERS.

Der Ursprung der großangelegten musikalischen Verschmelzung, die den Sound und Sexappeal dieser Band ausmacht, liegt in der Kindheit von Sängerin Naomi „Nai Palm“ Saalfield. Im Haus ihrer Mutter Suzie Ashman in Melbourne läuft alles von Motown über Flamenco und afrikanischer Musik bis hin zu HipHop. Ein lebendiges Zuhause, aufgeladen mit der unbändigen Energie von sechs Kindern und der Superpower einer alles gleichzeitig jonglierenden Single-Mutter. Suzie stirbt an Brustkrebs, als Nai elf ist. Sie kommt zu einer Pflegefamilie in die Australischen Alpen (gibt es wirklich, sogar richtig mit Schnee und Skipisten und so), findet als junge Frau – mittlerweile beherrscht sie zwei Instrumente: die Gitarre und ihre unverwechselbare Stimme – aber zurück nach Melbourne und seine bunte Musikszene.

Bei einem Gig in einer Bar lernt sie Paul kennen. 2011 beginnen sie zusammen Musik zu machen, Simon und Perrin komplettieren die Band, die zu Hälfte aus studierten Musikern (Paul, Simon) und Autodidakten besteht (Nai, Perrin). Die Chemie stimmt von Anfang an. „Ich erinnere mich noch, als wir zum ersten Mal zusammen Musik gemacht haben, habe ich gedacht: ‚Das ist es, wir vier Weirdos sind füreinander bestimmt‘“, erzählt Nai und blickt hinüber zu Paul, der sich eine Zigarette angezündet hat und ihr ein wissendes Lächeln zurückschickt. Man spürt die große Verbundenheit der beiden schon in der Art, wie sie beim Interview nebeneinandersitzen. Da ist eine Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander, die es so nur in langen Freundschaften gibt. Wie ein stiller Pakt, der gemeinsames Laut- Sein und Schweigen gleich gut aushält.

2012 beginnt die Reise von Hiatus Kaiyote um die Welt: zunächst als großes Versprechen beziehungsweise als Empfehlung unter Musikkennern. Den amerikanischen Soul-Musiker Taylor McFerrin (übrigens Sohn von Bobby) beeindrucken sie als Einmal-Support-Act so sehr, dass er sie als Super-Geheimtipp an DJ, Tastemaker und Radiomoderator Gilles Peterson weiterflüstert. Der verbreitet die Botschaft in seiner BBC-Sendung „Worldwide“. Bald twittern Erykah Badu, Questlove und Prince ihre Lobeshymnen auf das selbstveröffentlichte Debüt TAWK TOMAHAWK (Prince lud die Band später sogar nach Paisley Park ein). Und der Musikproduzent Salaam Remi (The Fugees, Nas, Amy Winehouse) startet für die Band sogar ein eigenes Label: Auf Flying Buddha erscheint das Debüt 2013 noch einmal neu – samt einer geupdateten und von Q-Tip gefeatureten Version von

„DAS LEBEN WILL LEBEN VON UNS.“

(NAI PALM)

„Nakamarra“. Der Song bringt Hiatus Kaiyote die erste von zwei Grammy-Nominierungen ein (als erster australischer Act in einer R’n’B-Kategorie ).

Nachdem sie mit dem Fusion-Meilenstein CHOOSE YOUR WEAPON eine noch größere Fangemeinde erreicht haben und wie Bekloppte monatelang zwischen Fuji Rock und Glastonbury um die Welt getourt sind, legt die Band eine Verschnaufpause ein. Alle arbeiten an eigenen Projekten. Nai veröffentlicht 2017 ein Soloalbum. NEEDLE PAW ist eine warme, zurückgelehnte Platte, auf der sie sich auf Gitarren und Gesang konzentriert und Favourites ihrer eigenen Band neu einspielt, aber auch von Radiohead, Jimi Hendrix und David Bowie (für die sehr spezielle Coverversion von „Blackstar“ bekommt sie von dessen Erben ausdrücklich grünes Licht).

Der Solo-Ausflug macht trotz oder gerade wegen seiner Reduziertheit noch einmal klar, wie wichtig die glühende Energie der Sängerin für das Projekt Hiatus Kaiyote ist. Zunächst natürlich wegen dieser unfassbaren Stimme, die so nuancenreich, samtweich perlend und kraftvoll ist, dass sie es locker mit den großen R’n’B-Stimmen aufnehmen kann, irgendwo zwischen Lauryn Hill und Beyoncé. Nai ist aber auch dieser wunderbar unkonventionelle Charakter, der der ausufernden Musik von Hiatus Kaiyote eine menschliche Form gibt. Sie ist das, was man eine Erscheinung nennt. Da sind die vielen Tattoos: die Linie vom Mundwinkel zum Kieferknochen (die Überzeichnung eines Krähenbisses), die Bowie-Augen auf der Schulter, zwei Schlangen winden sich um ihren Hals, darunter ein irakischer Segensspruch in arabischer Schrift. Da sind die Outfits und die überdimensionalen Ohrringe, die expressiv geschwungenen Lidstriche und bunt glitzernden Augenbrauen. Gerade trägt sie die Haare blond mit grünen und pinken Farbtupfern und Mikro-Pony. Nais Stil ist auffällig, aber nie zu viel und nie aufgesetzt, weil sie ihn mit Gelassenheit trägt. Keine Überzeichnung, sondern eine Erweiterung der Frau und Künstlerin, die sie ist und sein will.

Und die ist vor allem von tausend verschiedenen Dingen inspiriert: von bulgarischen Frauenchören und Aborigines- Kultur, von MF Doom (R.I.P. 2), Björk und dem kolumbianischen Harfenist Edmar Castañeda. Letzteren nennt sie auf die Frage nach ihrer Traum-Zusammenarbeit. „Und so viele andere.“ Dann blickt sie rüber zu Paul und sagt: „Aber mal ehrlich, ganz oben auf meiner Wunschliste steht dieser Typ hier zusammen mit den zwei anderen. Das ist meine liebste kreative Kombination. Mit den Jungs im Studio zu sein und so viele weirde Songs wie möglich zu machen – das ist mein Happy Place.“

Begonnen hatte die Band mit den Aufnahmen für MOOD VALIANT schon 2018. Die Backing-Tracks waren so gut wie fertig. Dann aber wurde während einer kurzen US-Tour bei Nai Brustkrebs diagnostiziert. Plötzlich war da diese furchtbare, gefährliche Krankheit, die ihre Mutter das Leben gekostet hatte. „Sich der eigenen Sterblichkeit so akut bewusst zu sein, das macht etwas mit dir“, sagt sie. „Das verändert alles.“ Zurück in Australien wurde eine lebensrettende Brustamputation durchgeführt. Paul war im Krankenhaus an ihrer Seite. „Nach der OP wurde sie wieder ins Zimmer geschoben und sah aus wie eine Siegerin, die von einer epischen Heldenreise zurückkehrt. Sie hat gerufen: ‚Whoooo, schau dir meine Narbe an!‘ Für sie war das ein Triumph. Und für mich hat sich auch vieles neu sortiert. In welche Sachen ich meine Energie stecke zum Beispiel, und in welche nicht.“ Es gibt ein Video aus dieser Zeit: Nai singt im Krankenhausbett und von Paul begleitet eine mitreißende Version von Curtis Mayfields „The Making Of You“. Musik als Lebensretter. Nai sagt: „Ich habe danach beschlossen, dass ich dem Leben beweisen muss, dass ich das Angebot, das ich von ihm bekommen habe, ernst nehme. Das Leben will Leben von uns. Man muss sich hineinwerfen so gut und so lange man kann.“

Während sich Nai langsam erholt, arbeitet die Band mit veränderter Perspektive weiter am Album. 2019 reisen sie nach Brasilien zum legendären Komponist Arthur Verocai, der für einige Songs Bläser- und Streicher-Arrangements geschrieben hat – am prägnantesten sind die in der ersten Single-Auskopplung „Get Sun“. „Die Energie in Arthurs Studio war für uns wie ein Befreiungsschlag“, erzählt Paul. Und – den Eindruck hat man zumindest beim Hören – er gab MOOD VALIANT seinen finalen Groove: sonnenbeschienen und durchtränkt von einer tapferen Lebensfreude.

Die Arbeit an der dritten Platte war eine lange Reise, mit vielen Hochs und Tiefs, persönlichen und globalen Gesundheitskrisen (Covid war ja auch noch), unfreiwilligen Pausen und Neuanfängen. Deswegen auch der Titel: MOOD VALIANT. Das ist zum einen dieses siegreiche Gefühl, lebend auf der anderen Seite des Sturms angekommen zu sein („valiant“ bedeutet tapfer oder kühn). Vor allem ist es aber auch eine Hommage an den Lebensgeist von Nais verstorbener Mutter Suzie: „Als ich klein war, hatte meine Mutter zwei verschiedene Autos, um ihre durchgeknallten Kids herumzukutschieren: zwei Valiant Safari Kombis, das 1967er Modell. Ikonische, australische Vintage-Autos. Eines war schwarz, das andere war weiß. Diese Dualität von hell und dunkel ist eine meiner frühesten Erinnerungen. Je nachdem, in welcher Stimmung sie war, fuhr sie das eine oder das andere. Wenn sie das Schwarze fuhr, wusste man, dass man sich besser nicht mit ihr anlegen sollte.“

„Valiant“ ist im Englischen aber vor allem auch ein Helden- und Sagen-Adjektiv: Prinz Eisenherz ist im Englischen „Prince Valiant“, das tapfere Schneiderlein „The Valiant Little Tailor“. „Es ist viel mehr als ein cooles Vintage-Auto“, sagt Nai zum Schluss. „Es ist so ein verdammt schönes Wort. Ein bisschen wie aus einer alten Welt, in der es noch mehr Wunder und Staunen gab. Vielleicht vergessen wir das heute manchmal. Unsere Welt, unser Leben, das ganze Universum ist so gewaltig und atemberaubend schön. Und wenn unsere Musik eine Aufgabe hat, dann die, die Leute daran zu erinnern.“

Albumkritik S. 88, CD im ME S. 3