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KULTUR: EIN EINZIGARTIGES WESEN


Spektrum der Wissenschaft Spezial Biologie, Medizin, Hirnforschung - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 25.10.2019

Wodurch unterscheidet sich der Mensch am stärksten von allen anderen Tieren? Vermutlich durch seine besonders ausgeprägte kulturelle Begabung – also in der Fähigkeit, Wissen an andere weiterzugeben.


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Bildquelle: Spektrum der Wissenschaft Spezial Biologie, Medizin, Hirnforschung, Ausgabe 4/2019

Kevin Laland ist Professor für Verhaltensund Evolutionsbiologie an der University of St Andrews in Schottland.

►► spektrum.de/artikel/1609498

Die meisten Leute gehen wie selbstverständlich davon aus, dass der Mensch etwas Besonderes ist und sich von den Tieren grundlegend unterscheidet. Mancher Forscher reagiert dagegen eher zurückhaltend, wenn es um die Einzigartigkeit desHomo sapiens geht. Doch eine Fülle ...

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Die meisten Leute gehen wie selbstverständlich davon aus, dass der Mensch etwas Besonderes ist und sich von den Tieren grundlegend unterscheidet. Mancher Forscher reagiert dagegen eher zurückhaltend, wenn es um die Einzigartigkeit desHomo sapiens geht. Doch eine Fülle handfester wissenschaftlicher Fakten aus den verschiedensten Fachgebieten von der Ökologie bis zur Kognitionspsychologie bestätigt mittlerweile tatsächlich:Homo sapiens stellt eine wahrhaft bemerkenswerte Spezies dar.

Bereits die menschliche Bevölkerungsdichte übersteigt alles, was für Tiere unserer Größe typisch wäre. Wir besiedeln zudem ein außergewöhnlich umfangreiches geografisches Verbreitungsgebiet und kontrollieren hier in beispielloser Weise Energie- und Materieströme – unsere globale Wirkung steht außer Frage. Mit unserer Intelligenz, unserem Kommunikationsgeschick sowie unserer Fähigkeit, Wissen zu erwerben und zu teilen – ganz zu schweigen von unseren Leistungen in Kunst, Architektur oder Musik – ragen wir Menschen als ein ganz besonderes Tier heraus. Mit unserer Kultur scheinen wir uns von der Natur abzugrenzen, und doch muss auch sie ein Produkt der Evolution sein.

Die Aufgabe, die Evolution der kognitiven menschlichen Fähigkeiten und ihren Ausdrucksformen in der Kultur wissenschaftlich zu erklären, nenne ich »Darwins Unvollendete «. Denn der Vater der Evolutionstheorie, Charles Darwin (1809–1882), widmete sich diesem Problem schon vor 150 Jahren, aber seine Kenntnisse hierüber blieben, wie er selbst einräumte, »unvollkommen« und »bruchstückhaft«. Andere Wissenschaftler griffen später das Thema auf, aber erst heute glauben etliche von uns, die auf diesem Gebiet forschen, dass wir einer Antwort näherkommen.

Nach übereinstimmender Meinung wurzeln die Errungenschaften der Menschheit in der Fähigkeit, Kenntnisse und Fertigkeiten von anderen zu übernehmen. Auf diesem Wissensreservoir, das sich über lange Zeit ansammelte, baut der Einzelne dann immer wieder auf. Der gemeinsame Erfahrungsschatz ermöglicht es, immer leistungsfähigere und vielfältigere Lösungen für die Herausforderungen des Lebens zu finden. Nicht unser großes Gehirn, unsere Intelligenz oder die Sprache hat uns die Kultur beschert, sondern die Kultur stattete uns mit diesen Gaben aus. Für unsere Spezies und vielleicht auch für einige andere biologische Arten veränderte die Kultur den Evolutionsprozess.

Beim Begriff »Kultur« denkt man vielleicht an Opern oder Feinschmeckerküche; wissenschaftlich betrachtet verbergen sich dahinter Verhaltensmuster, die Mitglieder einer Gemeinschaft teilen und die auf sozial übermittelter Information basieren. Ob es sich um Autodesigns, Popmusikstile, wissenschaftliche Theorien oder um die Nahrungsbeschaffungsstrategien von einzelnen Populationen dreht – alles resultiert aus einer unendlichen Reihe von Innovationszyklen, die eine ursprüngliche Wissensgrundlage immer weiter verfeinert. Im ständigen, erbarmungslosen Kopieren und Erneuern liegt das Erfolgsgeheimnis unserer Spezies.

Durch Vergleichen zwischen Mensch und anderen Tieren können Wissenschaftler feststellen, in welcher Hinsicht wir uns auszeichnen, welche Eigenschaften wir mit anderen Arten teilen und wann sich bestimmte Merkmale in der Evolution entwickelt haben. Um zu verstehen, wieHomo sapiens zu etwas Besonderem wurde, gilt es also, zunächst das soziale Lernen und die Innovationen bei anderen Lebewesen zu erforschen. Solche Untersuchungen offenbaren die subtilen, aber entscheidenden Unterschiede, die uns zu etwas Einzigartigem machen.

Viele Tiere pflegen Traditionen; manche machen sogar »Erfindungen«

Etliche Tiere ahmen das Verhalten anderer Individuen nach und lernen so, wie sie Nahrung finden oder sich vor Raubtieren schützen, aber auch, was einzelne Rufe und Gesänge bedeuten. Berühmt sind die charakteristischen Traditionen des Werkzeuggebrauchs bei verschiedenen Schimpansenpopulationen in Afrika. In jeder Gemeinschaft erlernen die Jungen das in ihrer Region übliche Verhalten – wie das Knacken von Nüssen mit einem Stein oder das Stochern nach Ameisen mit einem Stock –, indem sie erfahrenere Artgenossen nachahmen. Aber soziales Lernen beschränkt sich nicht nur auf Primaten oder allgemein Tiere mit einem großem Gehirn. Tausende von Studien haben Nachahmungsverhalten bei Hunderten von Säugetier-, Vogel-, Fisch- und sogar Insektenarten nachgewiesen. So ziehen etwa junge Taufliegenweibchen solche Männchen als Paarungspartner vor, die ältere Weibchen zuvor bereits ausgewählt hatten.

Ein breites Spektrum von Verhaltensweisen wird sozial erlernt. Bei Delfinen gibt es die Tradition, mit Meeresschwämmen Fische aufzuscheuchen, die sich auf dem Meeresboden verstecken. Schwertwale jagen Robben, indem sie diese von einer Eisscholle durch eine von ihnen erzeugte heftige Welle herunterreißen. Selbst Hühner schauen kannibalistische Neigungen von Artgenossen ab. Meist geht es bei Traditionen im Tierreich um Nahrung – was kann man fressen und wo findet man es –, es gibt aber auch außergewöhnliche soziale Konventionen. In Costa Rica hat ein Rudel von Kapuzineraffen die bizarre Gewohnheit, die Finger in die Augen, die Nase oder den Mund eines Artgenossen zu stecken. Die Affen sitzen in dieser Haltung lange zusammen und schaukeln leicht hin und her – was vermutlich die Stärke der sozialen Bindungen überprüfen soll.

Tradition und Kultur liegen in der Wiege der Menschheit. Hier weist ein Jäger der San in Namibia seine Kinder in die Geheimnisse der Jagd ein.


GETTY IMAGES / KERSTIN GEIER

Tiere machen auch »Erfindungen«. Bei diesem Wort denkt man vielleicht an den Buchdruck von Johannes Gutenberg oder ans World Wide Web, dessen Grundlage Tim Berners-Lee entwickelt hat. Tierische Innovationen sind nicht minder faszinierend. Mein Lieblingsbeispiel heißt Mike: Wie die Primatenforscherin Jane Goodall beobachtete, ersann der junge Schimpanse ein lautstarkes Imponiergehabe durch das Gegeneinanderschlagen von zwei leeren Benzinkanistern. Das schüchterte Mikes Rivalen derart ein, dass er in Rekordzeit auf der sozialen Leiter nach oben stieg und zum Alpha-Männchen wurde. Japanische Aaskrähen wiederum erfanden die Methode, Nüsse mit Hilfe von Autos zu knacken. Die Vögel können die harte Schalen von Walnüssen nicht mit ihrem Schnabel öffnen. Stattdessen legen sie die Früchte an einer Kreuzung auf die Straße und lassen Autos darüberfahren. Wenn die Ampel dann auf Rot springt, sammeln sie ihre Beute ein. Und eine Gruppe von Staren, die bekanntermaßen ihre Nester gern mit glänzenden Objekten verzieren, plünderte in einer amerikanischen Kleinstadt mit Vorliebe den Münzautomaten einer Autowaschanlage.

Solche Geschichten sind mehr als nur bezaubernde Anekdoten aus der Natur. Vergleichende Analysen zeigen, dass das soziale Lernen und die Innovationsfähigkeit von Tieren faszinierenden Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Am wichtigsten ist dabei die Erkenntnis, dass innovative und nachahmungsfreudige Arten ein ungewöhnlich großes Gehirn besitzen – sowohl absolut als auch im Verhältnis zur Körpergröße. Der Zusammenhang zwischen Innovationsfähigkeit und Hirngröße wurde ursprünglich bei Vögeln beobachtet, ließ sich später aber auch bei Primaten bestätigen. Diese Befunde stützen die Hypothese des kulturellen Antriebs (cultural drive), die der Biochemiker Allan Wilson (1934–1991) von der University of California in Berkeley in den 1980er Jahren erstmals formuliert hat.

Nach Wilsons Ansicht verschafft die Fähigkeit, Probleme zu lösen oder die Neuerungen anderer nachzuahmen, dem Individuum einen Überlebensvorteil. Da solche Talente eine neurobiologische Grundlage besitzen, wird die natürliche Selektion ein immer größeres Gehirn begünstigen – ein sich selbst verstärkender Prozess, der zu dem gewaltigen Organ führt, dem der Mensch seine grenzenlose Kreativität und Kultur verdankt (siehe »Die Hypothese des kulturellen Antriebs«, S. 28).

Anfangs stieß Wilson mit seiner Argumentation bei anderen Wissenschaftlern auf Skepsis. Wenn Taufliegen mit ihrem winzigen Gehirn bereits bestens zur Nachahmung in der Lage sind, warum sollte die Selektion dann das verhältnismäßig riesige Denkorgan der Primaten hervorbringen? Dieses Rätsel blieb jahrelang ungelöst, bis eine Antwort aus unerwarteter Richtung kam.

Nicht mehr, sondern bessere Nachahmung

Um den besten Weg zum Lernen in einer komplexen, sich wandelnden Umwelt zu finden, ersannen meine Kollegen und ich 2010 ein Strategiespiel am Computer: In einer hypothetischen Welt konnten so genannte Agenten verschiedenste Verhaltensweisen an den Tag legen, die jeweils einen unterschiedlichen Gewinn einbrachten. Die Aufgabe bestand darin, die besten Handlungen herauszufinden und dann zu verfolgen, wie sich diese veränderten. Die Agenten konnten entweder eine neue Verhaltensweise lernen oder eine zuvor erlernte anwenden, wobei das Lernen durch Ausprobieren oder durch Nachahmen anderer Individuen erfolgte. Der Ausgang dieses Computerturniers war höchst aufschlussreich: Die Leistung korrelierte stark mit dem Grad des sozialen Lernens. In der erfolgreichsten Lösung mussten die Agenten nicht oft lernen, aber wenn sie es taten, dann fast immer durch Nachahmung, die sie stets präzise und effizient durchführten.

Das Spiel lehrte uns, was hinter der positiven Beziehung zwischen sozialem Lernen und Hirngröße bei Primaten steckt: Die natürliche Selektion begünstigt nicht die Neigung zu immer mehr sozialem Lernen, sondern zu immer besserem. Zum Nachahmen brauchen Tiere kein großes Gehirn, zum guten Nachahmen aber sehr wohl.

Diese Erkenntnis gab den Anlass, die empirischen Grundlagen der Hypothese vom kulturellen Antrieb genauer zu erforschen. Sie lässt erwarten, dass die natürliche Selektion im Primatengehirn anatomische Strukturen oder funktionelle Fertigkeiten fördern sollte, die ein genaues, effizientes Imitieren ermöglichen. Ein Beispiel dafür wäre eine bessere visuelle Wahrnehmung, was die Nachahmung über größere Entfernungen oder die Imitation feinmotorischer Bewegungen ermöglichte. Außerdem sollte die Selektion die Verknüpfungen zwischen sensorischen und motorischen Hirnstrukturen stärken, weil sich dadurch Beobachtungen bei anderen besser in entsprechende Körperbewegungen umsetzen lassen.

Die Hypothese des kulturellen Antriebs sagt auch voraus, dass die Selektion verbesserter sozialer Lernfähigkeit weitere Aspekte des Sozialverhaltens beeinflusst. Dahinter steckt folgende Überlegung: Je größer die Gruppe ist und je mehr Zeit die Individuen in Gesellschaft verbringen, desto öfter ergeben sich Gelegenheiten zum sozialen Lernen. Affen erwerben durch Nachahmung vielfältige Methoden der Nahrungssuche vom Madenpulen aus einer Baumrinde bis zum Termitenangeln mit Stöckchen. Wenn soziales Lernen Primaten ermöglicht, sich schwierige, aber produktive Methoden der Nahrungsbeschaffung anzueignen, sollte jede Spezies, die gut im sozialen Lernen ist, häufiger effektive Methoden der Nahrungssuche und des Werkzeuggebrauchs an den Tag legen. Die Individuen sollten sich vielseitiger ernähren und länger leben, so dass ihnen mehr Zeit bleibt, um neue Fähigkeiten zu erlernen und sie an Nachkommen weiterzugeben. Unter dem Strich sagt die Hypothese des kulturellen Antriebs voraus, dass das Ausmaß des sozialen Lernens nicht nur mit der Hirngröße korreliert, sondern auch mit einer Fülle anderer Messgrößen der Kognitionsleistung.

Vergleichende Verhaltensanalysen bestätigen diese Vorhersagen: Dieselben Primatenarten, die sich am meisten durch soziales Lernen und Innovationsfähigkeit auszeichnen, ernähren sich auch am abwechslungsreichsten, benutzen Werkzeuge zur Nahrungssuche und zeigen die kompliziertesten sozialen Verhaltensweisen. Wie statistische Auswertungen offenbarten, variieren diese Fähigkeiten schrittweise, so dass sich die einzelnen Spezies auf einer Achse der allgemeinen Kognitionsleistung einordnen lassen – in Analogie zum Intelligenzquotienten des Menschen sprechen wir hier von Primatenintelligenz.

Schimpansen und Orang-Utans erbringen in all diesen Disziplinen ausgezeichnete Leistungen und weisen demnach eine hohe Primatenintelligenz auf; manche nachtaktiven Halbaffen schneiden dagegen eher schlecht ab. Neurowissenschaftliche Studien untermauern die enge Korrelation der Primatenintelligenz mit Hirngröße und Lernleistung: Im Zuge der Evolution des Primatengehirns entstanden immer größere und besser vernetzte Hirnregionen, die präzise gesteuerte Bewegungen und komplexe Verhaltensweisen ermöglichen (mehr zur Evolution von Primatengehirnen sieheSpektrum April 2019, S. 36).

Trägt man das Maß der Intelligenz in einen Stammbaum ein, so zeigt sich, dass höhere Intelligenz bei vier verschiedenen Primatengruppen unabhängig voneinander entstanden ist: Kapuzineraffen, Makaken, Paviane und Menschenaffen – also genau die für soziales Lernen bekannten Tiere. Das gleiche Muster sollte sich ergeben, wenn kulturelle Prozesse die Evolution von Gehirn und Kognition vorangetrieben haben. Statistische Analysen sowie Stoffwechselmessungen, die den Energieverbrauch des Gehirns bestimmen, bestätigen diese Schlussfolgerung.

Soziales Lernen erschließt die notwendigen Ressourcen für ein energetisch teures Gehirn

Kultur ist jedoch nicht alles. Eine wichtige Rolle für die Evolution des Primatengehirns spielen auch Ernährung und Sozialverhalten – zeichnen sich doch Affen, die Früchte fressen oder in großen, komplexen Gruppen leben, durch ein großes Gehirn aus. Vermutlich entstanden hohe Intelligenz und eine längere Lebensdauer bei manchen Primaten koevolutiv. Ihre kulturellen Fähigkeiten versetzten sie dann in die Lage, hochwertige, aber schwierig zu erlangende Nahrungsressourcen zu nutzen, deren Nährstoffe wiederum das Hirnwachstum förderten. Das Gehirn stellt ein energetisch teures Organ dar; nur durch soziales Lernen kommen die Tiere an die notwendigen Ressourcen für Wachstum und Instandhaltung eines großen Denkapparats.

Warum aber besitzen andere Primaten dann nicht wie wir eine komplexe Kultur? Warum haben Schimpansen weder Genome sequenziert noch Weltraumraketen gebaut? Das Geheimnis liegt in der Genauigkeit der Informationsweitergabe von einem Individuum zum anderen, also in der Originaltreue, mit der erlernte Information vom Sender zum Empfänger übergeht. Ohne exakte Weitergabe wird eine kumulative Kultur, die auf der Addition von Kenntnissen basiert, unmöglich. Ist hier jedoch eine bestimmte Präzision erreicht, nehmen sowohl die Größe des kulturellen Repertoires einer Spezies als auch die Lebensdauer kultureller Merkmale in einer Population mit weiterer Übertragungsgenauigkeit exponentiell zu. Ein bescheidenes Maß von Neuerfindung und Verfeinerung führt dann sehr schnell zu umfangreichen kulturellen Veränderungen. Und die einzige heute lebende Spezies, die diese Schwelle überwunden hat, ist der Mensch.

Die originalgetreue Weitergabe bewerkstelligten unsere Vorfahren durch Lehren, also durch Verhaltensweisen, die dazu dienen, dem Schüler das Lernen zu erleichtern. In der Natur kommt Nachahmung weit verbreitet vor, Lehren dagegen selten. Aber in menschlichen Gesellschaften ist es allgegenwärtig, wenn man seine vielfältigen subtilen Formen mit berücksichtigt. Wie mathematische Analysen offenbarten, kann sich Lehren in der Evolution nur unter rauen Bedingungen entwickeln, aber eine kumulative Kultur vermag solche Voraussetzungen zu mildern. Lehren und kumulative Kultur entstanden bei unseren Vorfahren parallel. Damit tauchte in der Geschichte unseres Planeten zum ersten Mal eine Spezies auf, deren Mitglieder ihren Artgenossen ein breites Spektrum verschiedener Fähigkeiten beibringen konnten, was wiederum durch kognitives Handeln gefestigt wurde (siehe »Schlaue Köpfe«, S. 38).

Die kulturellen Kenntnisse wie Nahrungssuche, Werkzeugherstellung oder erlernte Rufe, die Homininen (die biologische Gruppe des Menschen sowie seiner ausgestorbenen engen Verwandten) sich gegenseitig beibrachten, schufen den Rahmen für die Entstehung von Sprache. Warum sich diese Art der Kommunikation ausschließlich bei unseren Vorfahren entwickelte, gehört zu den großen ungelösten Fragen. Eine Erklärung wäre, dass sich mit ihr der Aufwand des Lehrens verringert, während seine Genauigkeit zunimmt und sein Anwendungsbereich sich erweitert. Die menschliche Sprache dürfte zumindest unter den heute lebenden Spezies einzigartig sein, denn nur der Mensch baute eine derart vielgestaltige, dynamische Kultur auf, die der Rede wert ist. Diese Vorstellung erklärt die vielen charakteristischen Eigenschaften der Sprache, wie ihre Eindeutigkeit, ihre Fähigkeit zur Verallgemeinerung und die Tatsache, dass sie erlernt wird (siehe dazu auch »Der Rede wert«, S. 56).

Anfangs war Sprache nicht mehr als eine Hand voll gemeinsam genutzter Symbole. Die Verwendung dieser Protosprache stellte jedoch einen Selektionsdruck dar, der einerseits die Sprachlernfähigkeit des Homininengehirns förderte und andererseits bei den Sprachen leicht zu erlernende Strukturen bevorteilte. Dass die kulturelle Tätigkeit unserer Vorfahren für eine Selektion auf körperlicher und geistiger Ebene sorgte – bekannt als Koevolution von Genen und Kultur –, gilt heute als gut belegt. Theoretische, anthropologische und genetische Analysen machten deutlich, wie sozial weitergegebene Fertigkeiten, darunter Werkzeugherstellung und -gebrauch, in einen natürlichen Selektionsdruck mündeten, der Anatomie und Kognition des Menschen veränderte. Diese evolutionäre Rückkopplungsschleife prägte die Entstehung des modernen menschlichen Geistes und trieb die Entwicklung psychischer Eigenschaften voran, die Individuen dazu brachten, zu lehren, zu sprechen und nachzuahmen sowie Ziele und Absichten mit anderen zu teilen. Auch die Lern- und Rechenleistungen wurden dadurch gefördert. Diese Fähigkeiten entwickelten sich zusammen mit der kumulativen Kultur und verbesserten die Genauigkeit der Informationsweitergabe.

Manche Schimpansen angeln mit Stöckchen nach Termiten; die Jungtiere lernen diese Tradition des Werkzeuggebrauchs durch Nachahmen. Doch nur der Mensch schuf durch Kooperation eine hoch entwickelte Technologie.


Lehre und Sprache stellten für die Evolution unserer Abstammungslinie einen Wendepunkt dar. Wie sich aus theoretischen und experimentellen Daten ablesen lässt, schuf unsere einzigartige Fähigkeit zum sozialen Lernen und Lehren die Voraussetzungen für eine umfangreiche Kooperation. Die Kultur führte die Menschheit auf neue Wege, weil sie einerseits die auch bei anderen Tieren erkennbaren Kooperationsmechanismen wie gegenseitige Hilfeleistung unterstützte, andererseits neue Formen hervorbrachte. Die kulturelle Gruppenselektion, bei der eine Gruppe untereinander kooperiert, mit anderen aber konkurriert, breitete sich aus – und mündete etwa in Bewässerungssystemen oder Armeen (mehr dazu in diesem Heft ab S. 62 und S. 76).

Vom Jäger und Sammler zum Bauern

Durch die Kultur konnten unsere Vorfahren besser Nahrung beschaffen und überleben. Mit jeder neuen Erfindung gelang es der betreffenden Bevölkerungsgruppe, ihre Umwelt effizienter zu nutzen. Dadurch wuchsen nicht nur die Gehirne, sondern auch die Populationen. Durch die Domestikation von Pflanzen und Tieren nahm sowohl die Bevölkerungszahl als auch die gesellschaftliche Komplexität zu. Die Landwirtschaft befreite die Gesellschaften von den Einschränkungen des Nomadenlebens der Jäger und Sammler. Die Bauerngesellschaften gediehen, weil die Lebensmittelproduktivität zunahm und weil die Landwirtschaft eine Reihe weiterer Innovationen auslöste, durch die sich die menschliche Gesellschaft dramatisch veränderte. In den größeren Gemeinschaften, die durch wachsende landwirtschaftliche Erträge möglich wurden, breiteten sich nützliche Neuerungen schneller aus und wurden eher beibehalten. Ackerbau und Viehzucht lösten die neolithische Revolution aus – nicht nur auf Grund ihrer technischen Errungenschaften wie Pflug und Bewässerung, sondern auch, weil sie vollkommen unvorhersehbare Entwicklungen in Gang setzte, wie die Erfindung des Rads oder die Entstehung von Stadtstaaten und Religionen.

In dem sich herauskristallisierenden Bild von der kognitiven Evolution des Menschen erscheinen wir als hausgemachte Lebewesen. Die charakteristischen Merkmale des Menschseins – Intelligenz, Kreativität und Sprache, aber auch unser ökologischer und demografischer Erfolg – entstanden entweder direkt als evolutionäre Anpassungen an die kulturellen Tätigkeiten unserer Vorfahren oder als deren unmittelbare Folgen. Für die Evolution unserer Spezies erweist sich offenbar die kulturelle Vererbung als mindestens ebenso wichtig wie die genetische.

Evolution durch natürliche Selektion gilt im Allgemeinen als Prozess, bei dem Veränderungen der äußeren Umwelt, etwa durch Fressfeinde, Klima oder Krankheiten, Eigenschaften eines Organismus verbessern. Aber so einfach hat sich der menschliche Geist nicht entwickelt. Unsere mentalen Fähigkeiten entstanden vielmehr durch verwickelte Rückkopplungsmechanismen, in deren Verlauf sich unsere Vorfahren ständig Nischen schufen, die in einem endlosen Kreislauf einen Selektionsdruck auf Körper und Geist ausübten. Wie bei einer sich selbst erhaltenden chemischen Reaktion trieb dieser unaufhaltsame Prozess die Kognition und Kultur des Menschen voran und forcierte so seine Abspaltung von anderen Primaten.

QUELLEN

Dean, L. G. et al.: Identification of the social and cognitive processes underlying human cumulative culture. Science 335, 2012

Laland, K. N.: Darwin’s unfinished symphony. How culture made the human mind. Princeton University Press, 2017

Reader, S. M., Laland, K. N.: Social intelligence, innovation, and enhanced brain size in primates: PNAS 99, 2002

Rendell, L. et al.: Why copy others? Insights from the social learning strategies tournament. Science 328, 2010

AUF EINEN BLICK: UNSERE KULTURELLE WIEGE

1 Kultur beschreibt die Fähigkeit von Populationen, traditionelles Wissen an Artgenossen weiterzugeben. Wichtig ist dabei die Nachahmung.

2 Imitation und kulturelle Traditionen gibt es im gesamten Tierreich. Die Grundlage für den Erfolg des Menschen ruht somit bereits in seinen evolutionären Wurzeln.

3 Beim Menschen ist die Gabe, Kenntnisse von anderen zu erwerben und zu verbreiten, einzigartig ausgeprägt. Damit entsteht ein gemeinsamer Wissensschatz, der über Generationen ausgebaut und verbessert wird.

Die Hypothese des kulturellen Antriebs

Arten, die Generation für Generation gut lehren können und innovationsfreudig sind, sollten ein größeres Gehirn haben. So postuliert es die Hypothese des kulturellen Antriebs. Entscheidend wirkt hier eine Rückkopplungsschleife zwischen sozialen Verhaltensweisen und Vererbung: Das exakte Kopieren des Verhaltens anderer fördert die Entwicklung kognitiver Leistungen. Dieser Prozess optimiert Sozialverhalten, technische Fähigkeiten und beeinflusst auch die Ernährung. Das alles wiederum begünstigt ein größeres Gehirn und wirkt sich letztlich auf Lehren und Nachahmen aus. Diesen positiven Kreislauf hat der Mensch besser gemeistert als jede andere Spezies.

Mehr Wissen auf

Spektrum.de
Unser Online-Dossier zum Thema finden Sie unter
spektrum.de/t/hochkulturen-dermenschheit

FRAUKE FOCKE

Ein Besuch von Außerirdischen

Angenommen, eine außerirdische Intelligenz studierte die Biosphäre der Erde. Welche Spezies würde sie für etwas Besonderes halten? Die Antwort: den Menschen. Hier einige Gründe:

Bevölkerungszahl: Die Zahl der Menschen liegt um mehrere Zehnerpotenzen höher, als man es für Säugetiere unserer Größe erwarten dürfte.

Verbreitungsgebiet: Menschen haben praktisch alle Landflächen der Erde besiedelt.

Umwelteinfluss: Menschen kontrollieren in beispiellosem Umfang riesige, vielfältige Energie- und Materieströme.

Globale Auswirkungen: Menschliche Aktivitäten bedrohen unzählige Arten und lösen in der gesamten Biosphäre einen starken evolutionären Wandel aus.

Kognition, Kommunikation und Intelligenz: In Lern- und Kognitionstests zeigen Menschen überragende Leistungen; die menschliche Sprache erweist sich im Gegensatz zur Kommunikation anderer Arten als äußerst flexibel.

Erkenntnisgewinn: Menschen erwerben, teilen und speichern Informationen in nie dagewesenem Umfang und bauen von Generation zu Generation auf dem gemeinsamen kulturellen Wissen auf.

Technologie: Menschen erfinden unendlich komplexere und vielfältigere Produkte als andere Tiere und stellen sie in Massenproduktion her.

Die Außerirdischen mögen vielleicht den Elefantenrüssel anmutig und den Giraffenhals beeindruckend finden, aber das wirklich Einzigartige wäre für sie – der Mensch!


PINDARO / GETTY IMAGES / ISTOCK; BEARBEITUNG: SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT

PINDARO / GETTY IMAGES / ISTOCK; BEARBEITUNG: SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT

ALAMY / STEVE BLOOM IMAGES

NASA GODDARD SPACE FLIGHT CENTER, A CLEAR REFLECTION ON WEBB TELESCOPE‘S SECONDARY MIRROR, FOTO: NASA/CHRIS GUNN (WWW.FLICKR.COM/PHOTOS/GSFC/8169557139) / CC BY 2.0 (CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY/2.0/LEGALCODE)

FEDERICA FRAGAPANE / SCIENTIFIC AMERICAN SEPTEMBER 2018; BEARBEITUNG: SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT