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KULTURANTHROPOLOGIE WARUM WIR KÄMPFEN


Spektrum der Wissenschaft - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 18.05.2019

Liegt den Menschen die Kampflust im Blut? Oder resultiert sie aus unserer kulturellen Entwicklung? Über diese Frage sind sich Wissenschaftler keineswegs einig. Archäologische Funde und ethnografische Berichte zeigen aber: Auf militärische Konflikte programmiert sind wir offenbar nicht.


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Bildquelle: Spektrum der Wissenschaft, Ausgabe 6/2019

SERIE

Was ist der Mensch? Teil 1: Januar 2019
Ein einzigartiges Wesen Kevin Laland
Schlaue Köpfe Thomas Suddendorf Teil 2: Februar 2019
Das schwierigste Problem Susan Blackmore Teil 3: März 2019
Der Rede wert Christine Kenneally Teil 4: April 2019
Die Letzte ihrer Gattung Kate Wong
Unterschiedlich verdrahtet Chet C. ...

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Was ist der Mensch? Teil 1: Januar 2019
Ein einzigartiges Wesen Kevin Laland
Schlaue Köpfe Thomas Suddendorf Teil 2: Februar 2019
Das schwierigste Problem Susan Blackmore Teil 3: März 2019
Der Rede wert Christine Kenneally Teil 4: April 2019
Die Letzte ihrer Gattung Kate Wong
Unterschiedlich verdrahtet Chet C. Sherwood Teil 5: Mai 2019
Die Geburt des »Wir« Michael Tomasello
Teil 6: Juni 2019 Warum wir kämpfen R. Brian Ferguson

Neigen Menschen – oder vielleicht auch nur Männer – von Natur aus dazu, andere zu töten? Besitzen sie sogar eine angeborene Neigung zu kollektiver Gewalt? Der Schlüssel liegt in dem Wort »kollektiv«. Menschen kämpfen und morden aus persönlichen Gründen, aber Mord ist nicht gleich Krieg. Kriege sind etwas Gemeinschaftliches: Gruppen organisieren sich, um Mitglieder anderer Gruppen umzubringen.

Die Kontroversen über die Wurzeln der Kriegsführung drehen sich um zwei gegensätzliche Positionen, deren jeweilige Verfechter der Anthropologe Keith Otterbein (1936–2015) als »Falken« und »Tauben« bezeichnete. Den Ersteren zufolge neigen wir instinktiv dazu, zu den Waffen zu greifen, um potenzielle Konkurrenten auszuschalten. Demnach hätten Menschen bis zurück zu unserem letzten gemeinsamen Vorfahren mit den Schimpansen schon immer Kriege geführt. Die friedfertigen »Tauben« hingegen meinen, bewaffnete Konflikte hätten sich erst in den letzten Jahrtausenden entwickelt, als sich die Gesellschaften änderten und die Motivation und Organisation für das gemeinschaftliche Töten lieferten. Die Debatte berührt damit auch die Frage, ob Schimpansen ebenfalls einen Kriegsinstinkt besitzen (siehe »Kriegerische Schimpansen?«, S. 86).

Falls Krieg zu führen dem Menschen tatsächlich angeboren ist, sollten wir dafür archäologische Spuren finden. Die »Falken« behaupten, solche Anhaltspunkte gebe es. »Sobald sich Gesellschaften archäologisch gut fassen lassen, gehören dazu fast immer Hinweise auf Krieg«, schrieben die Archäologen Steven LeBlanc und Katherine Register 2003. »Vorsichtig geschätzt ergibt sich ein Anteil von 25 Prozent kriegsbedingter Todesfälle.« Eine solch hohe Opferrate spräche Evolutionspsychologen zufolge dafür, dass Krieg als eine Art natürlicher Selektionsmechanismus diente, bei dem sich die Besten den Zugang zu wichtigen Ressourcen erkämpften und sich fortpflanzten.

Diese kulturdarwinistische Sichtweise hatte großen Einfluss auf die Wissenschaft. So ist der Politologe Francis Fukuyama der Ansicht, die Wurzeln von Krieg und Völkermord reichten Zehntausende oder sogar Hunderttausende von Jahren zurück bis zu unseren jagenden und sammelnden Urahnen, ja sogar bis zu unseren gemeinsamen Vorfahren mit den Schimpansen. Und für seinen Kollegen Bradley Thayer erklärt die Evolutionstheorie, warum die Menschen aus dem natürlichen Drang heraus, ihre eigene Sippe zu beschützen, immer fremdenfeindlicher und ethnozentrischer wurden. Wenn es schlichtweg in der menschlichen Natur liegt, Fremde kollektiv umzubringen, können wir es dann überhaupt verhindern?

Die Anthropologen und Wissenschaftler im Lager der »Tauben« stellen solche Ansichten in Frage. Menschen, so ihre Argumentation, haben offensichtlich die Neigung, Kriege zu führen, aber ihr Gehirn ist keineswegs darauf programmiert. Vielmehr hätten sie sich erst dann zu Angriffen zusammengeschlossen, als die Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften größer und komplexer und unsere Vorfahren später durch die Erfindung der Landwirtschaft sesshaft wurden. Diese Theorie stützen die Forscher auf archäologische Funde sowie ethnografische Berichte, die Rückschlüsse auf die Anfänge und Gründe von Kriegen erlauben.

Den Archäologen stehen hierfür vier Typen von Belegen zu Verfügung. Als Beweis Nummer 1 gelten altsteinzeitliche Felsmalereien. So haben unsere Vorfahren in den französischen Höhlen Cougnac, Pech Merle und Cosquer bereits vor etwa 25 000 Jahren Menschen gezeichnet, die anscheinend mit Speeren durchbohrt waren. Einige Forscher deuten das als Hinweis darauf, dass es bereits während der jüngeren Altsteinzeit zu kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen ist. Diese Interpretation ist allerdings umstritten. Andere Wissenschaftler erkennen bei den unvollständigeren Gestalten der Gemälde Schwänze, weshalb es sich eher um Schamanen handle. Sie halten die gebogenen oder wellenförmigen Linien, die sich mit den Figuren überschneiden, daher nicht für Speere, sondern für Darstellungen magischer Kräfte.

Deutlicher erscheinen da die Zeichnungen an einem Felsüberhang bei Ares del Maestre im Osten Spaniens. Sie zeigen eindeutig Kämpfe und Hinrichtungen, wurden aber vermutlich von sesshaften Bauern erst viele Jahrtausende später gestaltet (siehe Bild oben).

Waffen als Symbole der Macht

Als Beweis Nummer 2 gelten Waffen. Diese sind allerdings schwieriger zu erkennen, als man vielleicht vermutet. Früher hielt ich zum Beispiel Keulen eindeutig für Kriegsinstrumente, bis ich erfuhr, dass sich die meisten jungsteinzeitlichen Exemplare aus dem Nahen Osten wohl kaum zum Kämpfen eigneten. Ihre Schäftungslöcher sind so klein, dass die darin steckenden Griffe vermutlich beim ersten Hieb zerbrochen wären. Solche Keulen dienten vermutlich eher als Machtsymbol. Ein Anführer mit einem derartigen Zepter war vielleicht mächtig genug, um Konflikte auch ohne kriegerische Gewalt lösen zu können. Geschosse aus Stein oder Knochen, die Archäologen in Gräbern finden, dienten ebenfalls nicht immer dem Töten. Oft erfüllten diese Beigaben einen rein zeremoniellen Zweck.

Andererseits können vermeintlich harmlose Geräte zu tödlichen Waffen werden. So wurden vor rund 7000 Jahren im baden-württembergischen Talheim und im rheinland-pfälzischen Herxheim etliche Menschen niedergemetzelt und in Massengräbern verscharrt. Unter anderem schlugen die Angreifer mit Dechseln auf ihre Opfer ein – das sind Werkzeuge, mit denen man üblicherweise Holz bearbeitet.

Neben Kunstwerken und Waffen finden Archäologen auch in den Siedlungen Hinweise auf kriegerische Konflikte: Beweis Nummer 3. Menschen, die fürchten müssen, angegriffen zu werden, treffen in der Regel Vorsichtsmaßnahmen. Im jungsteinzeitlichen Europa beispielsweise gaben die Bauern ihre offenen Siedlungen mit weit verstreuten Gehöften auf und gründeten enger bebaute Dörfer, die sich besser verteidigen ließen. Sie errichteten sogar Wallanlagen, die aber nicht unbedingt ihrem Schutz dienten. Manche sollten vielleicht nur verschiedene soziale Gruppen voneinander abgrenzen.

Beweis Nummer 4 sind schließlich Skelettreste. Sie müssen jedoch sorgfältig untersucht werden. So hinterlässt lediglich jede dritte oder vierte Schusswunde Spuren an Knochen. Nicht verheilte Wunden, die vereinzelt an Toten festgestellt werden, könnten die Folgen eines Unfalls, einer Hinrichtung oder eines gewaltsamen Todes sein. Tatsächlich scheint in prähistorischen Gesellschaften recht häufig gemordet worden zu sein – doch das ist kein Krieg. Und nicht alle Kämpfe endeten tödlich. Sehr häufig fanden

An dem Felsüberhang Les Dogues bei Ares del Maestre in Ostspanien hat ein unbekannter Künstler vor mehr als 5000 Jahren eine kriegerische Auseinandersetzung verewigt.


Archäologische Funde sind also nicht eindeutig. Häufig muss man verschiedenen Anhaltspunkten nachgehen, um kriegerische Konflikte aus ferner Vergangenheit aufzuspüren. Wichtig dabei sind sorgfältige Ausgrabungen.

Unterm Strich bleibt somit die Frage: Welche Hinweise gibt es tatsächlich, dass Menschen seit jeher Kriege geführt haben? Wählt man als Stichprobe vor allem Skelette mit Verletzungen, die um den Todeszeitpunkt herum zugefügt wurden, kann das zu falschen Schlüssen führen. Auf diese Weise kam es etwa zu der eingangs erwähnten Schätzung von 25 Prozent gewaltsamer Todesfälle. Dass die Presse sich auf solche Forschungsergebnisse stürzt, verzerrt das Bild, das wir von unseren Vorfahren haben, noch zusätzlich. Jede Entdeckung eines prähistorischen Totschlags gelangt in die Schlagzeilen. Die unzähligen Ausgrabungen, die keinerlei Anzeichen für Gewalt liefern, schaffen es hingegen nur selten in die Nachrichten. Durchforstet man aber eine Region nach archäologischen Hinweisen auf Kriege, relativiert sich die Sicht: Krieg gab es weder überall noch reichen seine Spuren unendlich weit in die Vergangenheit zurück. Irgendwann im Lauf ihrer Geschichte müssen Menschen also damit begonnen haben.

Viele Archäologen meinen, das sei nach dem Ende der letzten Eiszeit geschehen, als sich vor etwa 12 000 Jahren in der mittleren Steinzeit, dem Mesolithikum, eine neue Lebensweise durchsetzte. Die Jäger und Sammler Europas wurden langsam sesshaft und bildeten komplexere Gemeinschaften. Doch nicht überall führte das zu zunehmender kollektiver Gewalt. Vielmehr scheint Krieg an unterschiedlichen Orten zu verschiedenen Zeiten entstanden zu sein. Die Funde von Jebel Sahaba, einem Fundort am östlichen Nilufer im Sudan, gelten als ältester Nachweis für einen kriegerischen Konflikt. Dort sollen rivalisierende Jäger-und-Sammler-Gruppen bereits vor 14 000 Jahren erbitterte Kämpfe um schwindende Nahrungsquellen geführt haben.

Am nördlichen Tigris in Mesopotamien bekriegten sich sesshafte Dorfgemeinschaften wohl erstmals zwischen 9750 bis 8750 v. Chr., wie Siedlungsweise, Waffen und Bestattungen nahelegen. Im 7. Jahrtausend v. Chr. entstanden hier die ersten Befestigungsanlagen und im 5. und 4. Jahrtausend die ersten Städte. Zu jener Zeit brachen von dort Menschen auf, um Gebiete im nördlich gelegenen Anatolien zu erobern, womit sie vermutlich überall in dieser Region Kriege auslösten.

Währenddessen scheint es in der südlichen Levante, also vom Sinai bis zum südlichen Libanon und Syrien, hingegen sehr friedlich zugegangen zu sein. Vor 3200 v. Chr. gibt es hier keine überzeugenden archäologischen Hinweise auf kriegerische Konflikte.

In Japan blieben gewaltsame Tode bei Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften sogar bis 800 v. Chr. eher die Ausnahme. Erst mit Beginn des Nassreisanbaus um 300 v. Chr. kamen dort wohl mehr Menschen – mindestens jeder zehnte – gewaltsam ums Leben. Und in Nordamerika scheinen Verletzungsspuren an manchen sehr alten Skelettfunden ebenfalls weniger für kollektive, sondern eher für persönliche Auseinandersetzungen zu sprechen. So an einem Fundort in Florida, wo es um 5400 v. Chr. zu mehreren Tötungen kam, ebenso um 2200 v. Chr. an der nordamerikanischen Pazifikküste. Aus dem Gebiet der südlichen Great Plains gibt es für die Zeit vor 500 n. Chr. bisher sogar nur einen einzigen bekannten Nachweis für einen gewaltsamen Todesfall.

Wenn Menschen etwas besitzen, wappnen sie sich gegen Krieg

All diese Beispiele legen nahe, dass bestimmte Voraussetzungen einen Krieg wahrscheinlich machen: der Übergang zu einer sesshaften Lebensweise, eine größere Bevölkerungsdichte, die Konzentration wertvoller Ressourcen wie Vieh, eine wachsende gesellschaftliche Komplexität und Hierarchien, der Handel mit Luxusgütern sowie die Herausbildung kollektiver Identitäten und damit die stärkere Abgrenzung sozialer Gruppen voneinander. Solche Entwicklungen gehen oft einher mit gravierenden Umweltveränderungen.

Auch den Krieg in Jebel Sahaba könnte eine ökologische Krise ausgelöst haben: Nachdem eine verheerende Nilflut das fruchtbare Sumpfland zerstört hatte, waren die Menschen vermutlich dazu gezwungen, die Region zu verlassen und sich neue Lebensräume zu erkämpfen. Später, Jahrhunderte nach der Erfindung der Landwirtschaft, kam es im jungsteinzeitlichen Europa ebenfalls verstärkt zu kriegerischen Auseinandersetzungen: Wenn Menschen mehr besitzen, worum es sich zu kämpfen lohnt, organisieren sie ihre Gesellschaften so, dass sie gegen Kriege besser gewappnet sind.

Weitere Anhaltspunkte für die Voraussetzungen von Kriegen finden sich in der Ethnografie, also der Erforschung heutiger und vergangener Kulturen. Hier wird grundlegend zwischen »einfachen« und »komplexen« Gemeinschaften von Jägern und Sammlern unterschieden

Während des Großteils seiner etwa 200 000-jährigen Geschichte lebteHomo sapiens in einfachen Wildbeutergemeinschaften. Die Menschen schlossen sich zu kleinen Gruppen zusammen, die im Allgemeinen egalitär organisiert waren. Auf der Suche nach Nahrung mussten sie weite Gebiete durchstreifen und vermutlich mit anderen Sippen kooperieren.

In komplexeren Jäger-und-Sammler-Gesellschaften lebten die Menschen bereits in festen Siedlungen, deren Bevölkerung in die Hunderte ging. Eine soziale Rangfolge, die auf verwandtschaftlichen Beziehungen von Gruppen und Einzelpersonen beruhte, bestimmte den Zugang zu Nahrungsressourcen, es entwickelte sich eine politische Führung. Anzeichen hierfür finden sich erstmals in der Mittelsteinzeit, als sich mancherorts bereits die landwirtschaftliche Lebensweise durchsetzte – die Grundlage für die Entstehung späterer Staaten. Solche Gemeinschaften führten auch häufiger Krieg gegeneinander.

Doch nur weil die Voraussetzungen für Krieg in einer Gesellschaft existieren, heißt das noch nicht, dass er ausbrechen muss. Die südliche Levante etwa erfüllte all diese Bedingungen jahrtausendelang, dennoch fehlen für lange Zeit archäologische Hinweise auf kriegerische Konflikte. Es gibt wohl ebenso typische Voraussetzungen für Frieden. Dazu zählen Vereinbarungen und Verträge, die zwischen verschiedenen Gruppen beispielsweise durch gezielte Heiratspolitik geschlossen werden, Gewalt verachtende Normen, Kooperationen bei der Jagd, der Ernte oder dem Teilen von Nahrung, soziale Durchlässigkeit und schließlich Institutionen, die sich um Konfliktlösungen bemühen. Solche gesellschaftlichen Mechanismen können Feindseligkeiten zwar nicht immer abwenden, sie aber zumindest kanalisieren und damit das Töten entweder verhindern oder auf relativ wenige Menschen beschränken.

Wenn Gesellschaften also auch solche friedenssichernden Instrumentarien entwickeln, warum häufen sich dann im Lauf der Geschichte die Spuren kriegerischer Gewalt? Weltweit entwickelten sich Staaten, die Völker an ihren Grenzen und entlang ihrer Handelswege an die Waffen zwangen. Einmal etabliert, breitete sich Krieg immer mehr aus, wobei gewalttätige Völker die weniger gewalttätigen nach und nach ersetzten. Umweltveränderungen wie häufige Dürren verschärften die Bedingungen oder verursachten überhaupt erst Kriege; und selbst wenn sich die Umstände wieder verbesserten, kehrte der Frieden nicht unbedingt zurück

Kriegerische Schimpansen?

Beschäftigt man sich mit der Frage, ob Menschen einen Kriegsinstinkt besitzen, betrachtet man häufig Schimpansen. Selbst wenn Gruppenkonflikte zwischen den Tieren oft als Kriege bezeichnet werden, fehlen ihnen die gesellschaftlichen und kognitiven Dimensionen, die charakteristisch für die menschliche Kriegsführung sind. Beim Menschen besitzen die Gegner unterschiedliche politische Organisationsformen, deren Wissens- und Wertesysteme ein machtvolles Gefühl des »Wir gegen sie« erzeugen. Solche kulturspezifischen Konstrukte gibt es bei anderen Primaten nicht. Trotzdem glauben einige Wissenschaftler, bei Schimpansen eine angeborene Neigung zum Töten Fremder erkennen zu können, die sie vom letzten gemeinsamen Vorfahren mit dem Menschen geerbt hätten – und die demnach an uns weitergegeben worden sein könnte.

Meine langjährigen Forschungen zu diesem Thema, bei denen ich alle Berichte über tötende Schimpansen durchforstet habe, stellen diese These allerdings in Frage: Eine kritische Prüfung von 18 Forschungsstätten – die aufsummiert 426 Jahre Freilandbeobachtung repräsentieren – lieferte 27 Tötungsfälle zwischen verschiedenen Schimpansenpopulationen. Davon traten 15 in nur zwei Kampfsituationen zwischen 1974 und 1977 sowie zwischen 2002 und 2006 an zwei verschiedenen Orten auf. Damit ergibt sich, dass innerhalb dieser neun Beobachtungsjahre im Schnitt 1,67 Schimpansen pro Jahr gewaltsam ums Leben kamen. Die restlichen 417 Beobachtungsjahre bringen es jährlich auf durchschnittlich 0,03 getötete Tiere.

Einige Evolutionsbiologen vermuten, dass die Tötungen die Zahl der Männchen im besten Kampfesalter in rivalisierenden Gruppen dezimierten. Doch aus denselben Daten ergibt sich etwas anderes: Zieht man die Zahl der zur Gruppe gehörenden Männchen von der Summe aller Opfer ab, so wurde nur alle 27 Jahre ein außenstehendes Männchen getötet – das übersteigt die Lebenserwartung eines Schimpansen.

Damit stellt sich die Frage, ob Gewalt unter Schimpansen eine evolutionsbedingte Verhaltensanpassung darstellt oder nicht eher durch menschliche Eingriffe in die Lebenswelt der Schimpansen ausgelöst wird. Ich halte Letzteres für am plausibelsten. Die Kriegslust des Menschen beruht damit wohl kaum auf dem genetischen Erbe eines entfernten gemeinsamen Vorfahren von uns und den Schimpansen.

Selbst die als friedliebend geltenden Zwergschimpansen fallen mitunter übereinander her.


Beispiele für solche klimatischen Ursachen sind die so genannte mittelalterliche Warmzeit zwischen etwa 950 und 1250 und die darauf folgende Kleine Eiszeit ab etwa 1300. In diesem Zeitraum kam es in Amerika, im Pazifikraum und anderswo vermehrt zu Kriegen. In den meisten anderen Regionen stieg die Zahl der Konflikte ebenfalls und damit die der Kriegsopfer.

Später veränderte die Kolonialzeit die politische Weltordnung sowie die Art der Kriegsführung und schuf neue Konflikte, bei denen sich keineswegs immer nur Eroberer und Unterdrückte gegenüberstanden. Auch die indigenen Völker begannen untereinander Krieg zu führen, weil sie durch die Konquistadoren und deren Handelswaren in Abhängigkeiten und neue Feindseligkeiten verwickelt wurden.

Diese Konflikte förderten die Entwicklung ausgeprägter Stammesidentitäten und -abgrenzungen. Selbst Gebiete, die außerhalb der kolonialen Einflüsse lagen, veränderten sich durch globalen Handel, eingeschleppte Krankheiten und Migrationen, die wiederum zu Kriegen führten. Außerdem schürten die Kolonisatoren Konflikte zwischen den indigenen Völkern, indem sie ihnen politische Institutionen aufzwangen sowie willkürlich, ohne Rücksicht auf die vielfältigen lokalen Stammesidentitäten und ihre Autoritäten, territoriale Grenzen zogen.

Mündliche Überlieferungen lassen sich kaum in die ferne Vergangenheit projizieren

Einige Wissenschaftler, die Kriegsführung als Teil der menschlichen Natur betrachten, suchen oft in Feindseligkeiten und brutalen Auseinandersetzungen zwischen traditionellen Stammesgesellschaften nach Hinweisen, um ihre Theorie zu untermauern. Eine genaue historische Untersuchung der ethnografischen Quellen über solche Gewaltausbrüche wirft aber oft ein anderes Licht auf den vermeintlichen Tatbestand.

Jäger-und-Sammler-Gruppen, die vom späten 18. bis ins 19. Jahrhundert im nordwestlichen Alaska lebten, zeigen, wie falsch es sein kann, mündliche Überlieferungen als wahre Vergangenheit zu interpretieren. In den Erzählungen kursieren Geschichten über heftige Kriege und Massaker, was als Beleg dafür diente, dass diese Walfänger-Gemeinschaften bereits vor ihrem Kontakt mit den expandierenden industrialisierten Staaten in kriegerische Handlungen verwickelt gewesen seien. Doch die archäologischen Funde liefern keinerlei Hinweise auf solche Konflikte, ebenso wenig die historischen Aufzeichnungen. Erste Anzeichen kollektiver Feindseligkeiten finden sich für die Zeit zwischen 400 und 700, vermutlich ausgelöst durch Einwanderer aus Asien oder dem Süden Alaskas, wo man die Kunst der Kriegsführung bereits seit Längerem beherrschte. Die Auseinandersetzungen waren aber wahrscheinlich nicht besonders heftig. Um 1200 führten die günstigen klimatischen Bedingungen schließlich zu einem Bevölkerungswachstum, und die Walfänger entwickelten sich zu immer komplexeren Gesellschaften, mit einem größeren Anteil sesshafter Menschen und zunehmendem Fernhandel. Einige Jahrhunderte später etablierte sich dort die Kriegsführung. Doch am schlimmsten wütete der Krieg im 19. Jahrhundert und dezimierte die Bevölkerung empfindlich. Genau das sind die Konflikte, die sich in den mündlichen Überlieferungen noch heute wiederfinden. Ausgelöst wurden sie vor allem durch die Expansion Russlands, als sibirische Unternehmen ein riesiges Handelsnetz bis nach Alaska aufbauten, was bei den Stammesgruppen im Gebiet der Beringstraße starke territoriale Besitzansprüche schürte.

Die Debatte über den Krieg und die menschliche Natur wird in absehbarer Zukunft wohl kaum beendet sein. Die Vorstellung, dass tödliche Gewaltausbrüche bereits seit der Frühzeit des Menschen allgegenwärtig waren und Kriegsführung somit einen Wesenszug unserer Spezies darstellt, hat viele Anhänger. Wenn man aber alle Indizien betrachtet, gewinnen die »Tauben« letztlich die Oberhand. Denn bisher liefern die archäologischen Funde nur wenige oder gar keine Anhaltspunkte dafür, dass Kriege schon immer zum Leben dazugehörten.

Menschen kämpfen, und manchmal töten sie. Und wenn es die Umstände und ihre Kultur erfordern, führen sie auch Kriege. Die Voraussetzungen dafür entwickelten sich allerdings erst in den letzten 10 000 Jahren – an den meisten Orten sogar noch viel später. Somit scheint die amerikanische Ethnologin Margaret Mead (1901–1978) Recht zu behalten, die 1940 einen Artikel mit folgender Überschrift veröffentlichte: »Kriegsführung ist nur eine Erfindung – keine biologische Notwendigkeit.

Mehr Wissen aufSpektrum.de Unser Online-Dossier zum Thema finden Sie unterspektrum.de/t/krieg-und-frieden


QUELLEN

Ferguson, R. B., Whitehead, N. L. (Hg.): War in the tribal zone: expanding states and indigenous warfare. School of American Research Press, 1992

Fry, D. P.: Beyond war: the human potential for peace. Oxford University Press, 2007

Otterbein, K. F.: The origins of war. Critical Review 11, 1997

Wilson, M. L. et al.: Lethal aggression inPan is better explained by adaptive strategies than human impacts. Nature 513, 2014