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KUNST: DER KÜNSTLER MANFRED SITTE


Trödler - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 13.11.2019

Der Maler und Grafiker Manfred Sitte wäre am 29. Dezember 2019 hundert Jahre alt geworden. Der passionierte Backnanger Künstler, Studiendirektor und Kunsterzieher hat ein beachtliches und vielschichtiges Werk hinterlassen – an die 150 Ölgemälde in mittlerem oder großem Format und Grafiken, die sich im Besitz seiner drei Kinder Ursina, Ulla und Heimo sowie im Privatbesitz von Sammlern befinden.


Kunsterzieher

Der gebürtige Schlesier aus Breslau wirkte nach dem Studium der Kunstgeschichte und Kunsterziehung an der Stuttgarter Kunstakademie sowie dem Studium der Anglistik in Tübingen von 1957 bis 1982 als ...

Artikelbild für den Artikel "KUNST: DER KÜNSTLER MANFRED SITTE" aus der Ausgabe 12/2019 von Trödler. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Trödler, Ausgabe 12/2019

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... Gymnasiallehrer in Cannstatt, Gaildorf und Stuttgart und als freier Künstler. Das Malen, vor allem mit Öl, war die große Leidenschaft des Künstlers und ehemals freien Mitarbeiters der satirischen Zeitschriften „Der Simpl“ und „Wespennest“.

Manfred Sitte, Sonnenblumen, 1976


Manfred Sitte, Abstraktes Blumengemälde


Manfred Sitte, Stillleben mit Flasche und Äpfeln, 1977


Malen aus Leidenschaft

Beim Malen konnte Manfred Sitte alles andere völlig vergessen und in Farben schwelgen. Seine Staffelei stand direkt vor seinem Schreibtisch, auf dem sich immer Schulhefte für Englisch-Korrekturen stapelten. Nach eigenen Angaben liebte Manfred Sitte den Maler Max Beckmann, der ihn inspirierte. Daneben spielte der stark farbige Expressionismus von Emil Nolde und Ludwig Kirchner eine gewisse Rolle für ihn, die er in mehreren seiner Bilder nicht leugnet. Einige seiner Arbeiten tendieren auch nach Otto Dix und George Grosz, etwa scharf beobachtete Alltagsszenen und ebenso Akte, wie Manfred Sitte selber anlässlich einer großen Einzelausstellung in Bauschheim bei Frankfurt im Jahre 1987 betonte.

Manfred Sitte, Großer Akt, Drei Frauen


Aktmalerei

Seine Lieblingsmotive waren eindeutig schöne und vor allem üppige Frauen. „An einer Frau darf man sich keine blauen Flecken holen, sie muss weich sein“, sagte er häufig. Die Aktmalerei war ein richtiger Genuss für ihn, erinnert sich auch die älteste Tochter Ursina. Es entstanden viele Frauen- und Aktbilder wie „Fünf junge Frauen“, „In the Nude“, „Liegende“, „Nach dem Bade“ oder „Großer Akt“.

Porträts

Auch das familiäre Umfeld wurde in verschiedenen Gemälden festgehalten: Die Töchter Ursina und Ulla als Kinder und junge Frauen, Sohn Heimo und Ehefrau Maria samt Pudel Percy waren dankbare Motive. Und natürlich gehören Selbstporträts zum Werk, die bei Manfred Sitte sehr ausdrucksstark sind.

Menschen und ihre Schwächen

Soziale Themen wie „Jung und Alt“, „Kriegsversehrtheit“, „Unterwelt“, „Charaktere“ oder „Menschliche Schwächen“ beschäftigten den scharfen Beobachter und späten Expressionisten, dessen Bilder tatsächlich an Gemälde von Grosz, Dix oder Beckmann erinnern – und doch ganz neue eigene Werke darstellen. Sitte beobachtete auf jeden Fall seine Mitmenschen genau und erkannte deren Schwächen und Unzulänglichkeiten, die ihm auch Motive für seine Werke abgaben: So entstanden zahlreiche gesellschaftskritische Bilder mit Namen wie „Straßenszene“, „Night Club“, „Nachkriegstypen“, „Altes Paar“, „Vietnam“, „Türkenfamilie“ oder „Satyr“. So mancher schätzte oder fürchtete seine kritischen Anmerkungen gleichermaßen.

Manfred Sitte, Mädchen Porträt „Ursina“


Manfred Sitte, Ulla Sitte, 1984


Stillleben

Stillleben in vielschichtiger Farbigkeit mit Vasen oder Früchten hatte Sitte gerne zum Motiv – etwa „Stillleben mit blauer Vase“, „Der grüne Krug“, „Flasche, Glas und Blü-ten“ oder „Klatschmohn“. Besonders beeindruckend sind seine großformatigen Sonnenblumen-Gemälde, die mit farbigem Ausdruck und leuchtender Strahlkraft faszinieren. Auch Gladiolen oder abstrakte Fantasie-Gewächse brachte Sitte auf der Leinwand zum Erblühen auf mittelgroßen Formaten in einer Größe von etwa 100 mal 50 Zentimeter, die er bevorzugte. Sitte experimentierte gerne mit verschiedenen Stilrichtungen und nahm sich seine Bilder immer wieder vor, wenn die Ölfarben angetrocknet waren. So waren immer mehrere Gemälde gleichzeitig in seinem Atelier im Entstehen, in dem er auch die fertigen Bilder aufbewahrte. Er malte jedoch nicht nur auf Leinwand, sondern es wurden sehr oft große Spanplatten für Gemälde verwendet und diese auch hin und wieder beidseitig bemalt. Charakteristisch und typisch sind für Sitte-Werke kräftige Farben, Rosa, Türkis, Gelb, helle Grau-, Grün- und Blautöne sowie starke schwarze Umrandungen der Formen, die eine grafische Wirkung erzeugen.

Manfred Sitte, Porträt Heimo Sitte


Manfred Sitte, Paar


Manfred Sitte, Der Kriegsinvalide, 1977


Manfred Sitte, Stehparty, 1984


Arbeitsweise

Wenn sich der dreifache Familienvater in sein Arbeitszimmer im Untergeschoss seines Backnanger Hauses verkroch und mit dem Malen anfing, war er kaum ansprechbar, ließ nicht locker und vertiefte sich völlig in die Malerei. Der Fernseher lief meist nebenbei „als Tor zur Welt“ und im Bücherregal stand eine Flasche Whisky bereit – auch für den Besuch seiner wenigen, aber treuen und zuverlässigen Freunde. Er malte immer, wenn es die Zeit erlaubte, hatte aber auch viele andere Hobbys: Neben Haus- und Gartengestaltung, Wandern und Reisen interessierte ihn auch die Fotografie. Er entwickelte und vergrößerte seine Fotos selber – damals Schwarzweiß –, die ihm auch für Vorträge und Rei-sebeschreibungen dienten, die er in der Volkshochschule anbot. Der kritische Denker konnte bei Vorträgen und Führungen humorvoll und unterhaltsam sein, die er im Anschluss an kunsthistorisch von ihm geführten Reisen nach Griechenland, England, Schottland und Niederlande darbot.

Manfred Sitte, Abstrakte Vase mit Blumen, 1978


Backnanger Künstlergruppe

Der Moderne und deren Szene stand er jedoch kritisch gegenüber. Die Backnanger Künstlergruppe hatte in den späten 1980er-Jahren eine Broschüre über die Mitglieder herausgebracht. Sitte schreibt darin: „…so ist überall in den Metropolen Kunst zur Unkunst geworden und wehe dem, der es braucht und nicht mitmacht…
Daher: Es lebe die Provinz! Denn hier wagt sich noch manch einer hervor, der von den Offiziellen belächelt wird, weil er sich untersteht das Gestern und Vorgestern zu lieben und die humanere Art, Kunst zu machen“.

Kritisch und streng

Für lange Diskussionen war der resolute und bestimmende Kunsterzieher aber nicht zu haben, der Strenge und Verschlossenheit ausstrahlte. Trotzdem war er wohl auch sehr empfindsam: „Man musste aufpassen, was man sagte“, berichten die Töchter. Und auch das Urteil über andere war wohl manches Mal sehr streng. Neben seiner Leidenschaft für die Malerei interessierte sich Sitte auch für Sport. Starke Typen hatten es ihm angetan und so sah er sich auch mal mitten in der Nacht eine Live-Übertragung eines Boxkampfes aus den USA mit Cassius Clay an. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, war ein geflügeltes Wort, das er immer wieder zitier-te, denn er selber hatte im Leben und vor allem während des Krieges einiges erlebt. Andererseits lag auf seinem Nachtisch immer ein Buch und er pflegte eine umfangreiche Hausbibliothek mit Klassikern, aber auch Bestsellern. Hin und wieder versuchte sich Sitte auch selbst am Schreiben – nicht nur als Poet, sondern er verfolgte auch ein Roman-Projekt mit einem Freund. Er las regelmäßig den „Spiegel“, der seine politische Richtung vertrat. Zum Tagesgeschehen äußerte er sich aber kaum im Familienkreis und diskutierte über Politik nur mit engsten Freunden.

Manfred Sitte, Stillleben


Manfrede Sitte, Kleines Stillleben mit Äpfeln, 1981


Manfred Sitte, Selbstporträt


Manfred Sitte, Gladiolen, 1984


Ehrgeizig und motiviert

Beruflich und als Künstler war Manfred Sitte ehrgeizig und motiviert und wollte, dass seine Kinder weiter kommen sollten, als er selbst. Er wollte auf seine Familie stolz sein und korrigierte gerne das Verhalten der Familienmitglieder, denn das Ansehen war ihm wichtig. Diese Haltung entsprach wohl dem Wunsch nach Sicherheit in Folge erschreckender Kriegserlebnisse und abenteuerlicher Nachkriegserfahrungen.

Man1ed Sitte, Paar


Werdegang

Manfred Sitte wurde am 29. Dezember 1919 in Breslau als einziger Sohn von Hermann Sitte und seiner Frau Anna, geb. Benkel, geboren. Er machte im Sommer 1938 in Breslau Abitur. Die allgemeine Beurteilung beschrieb ihn als besten Zeichner der Klasse. Im Zweiten Weltkrieg wurde er 1940 eingezogen. Aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, meldete er sich in den Nachkriegswirren zur Fremdenlegion, von der er desertierte. Mit 28 Jahren kam er nach Backnang und verlobte sich 1949 mit Maria Frühauf, die er 1950 heiratete. Die Familie lebte in den ersten Jahren in Sulzbach und zog 1957 in das neu gebaute Eigenheim in Backnang. Manfred Sitte starb kurz vor seinem 70. Geburtstag am 19. Juli 1989 – nur zwei Jahre nach seiner ersten großen und sehr erfolgreichen Einzelausstellung in Bauschheim bei Frankfurt.

Grafik, die als Vorlage für Sitte-Ölbilder diente


Anfragen unter: marktheidrun@gmx.de

Fotos: wie angegeben


Foto: Grigoleit / © hfg

Foto: Grigoleit / © Hildegard Ellsässer

Foto: Grigoleit / © Sitte

Foto: Grigoleit / © Sitte

Foto: Ulla Sitte / © Sitte

Foto: © U. Sitte

Foto: U. Sitte / © Sitte

Foto: Grigoleit / © Sitte

Foto: Grigoleit / © Sitte

Foto: Ulla Sitte / © Sitte

Foto: Grigoleit / © Sitte

Foto: Grigoleit / © Sitte

Foto: Grigoleit / © Sitte

Foto: Grigoleit / © Sitte

Foto: Grigoleit / © hgf

Foto: Ulla Sitte / © Sitte

Fotos: Ulla Sitte / © Sitte