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KUNST & ÖKOLOGIE: AUFWACHEN!


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 24.10.2019

Biennalen-Hopping, Leihverkehr, energieverschlingende Museen: Der Kunstbetrieb hat eine miese Umweltbilanz. Dabei kann die Kunst selbst den Weg weisen zu einer ökologischeren Zukunft. Um glaubhaft zu bleiben, müssen Politik, Museen, Markt und Publikum endlich ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden


Artikelbild für den Artikel "KUNST & ÖKOLOGIE: AUFWACHEN!" aus der Ausgabe 11/2019 von Monopol. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Monopol, Ausgabe 11/2019

VAIVA GRAINYTĖ, RUGILĖ BARZDŽIUKAITĖ und LINA LAPELYTĖ „Sun & Sea (Marina)“, 2019, Venedig- Biennale, litauischer Pavillon


Die Zeit rennt. Wenn alles so weiterläuft, wird bald alles anders laufen – wahrscheinlich dramatisch schlechter. Werden die weltweiten CO2-Emissionen nicht innerhalb der nächsten fünf bis ...

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... zehn Jahre gedrosselt, droht die Durchschnittstemperatur bis zum Jahr 2100 um bis zu vier Grad über den vorindustriellen Durchschnitt zu steigen. Extreme Dürren, Hitzewellen und Überschwemmungen wären die Folge. Dieser Wandel würde nahezu alle Bereiche des Alltags betreffen und von vielen Menschen, die heute leben, noch erfahren werden.

Das ist die einfache Wahrheit, auf die wir durch die Aktivistin Greta Thunberg und ihre „Fridays for Future“-Bewegung mittlerweile täglich gestoßen werden, die Klimadebatte wurde neu entfacht. Auch im Kunstbetrieb war Gretas Weckruf in den letzten Monaten überdeutlich zu hören. Im Juli haben die englischen Tate-Museen den Klimanotstand ausgerufen und konkrete Ziele formuliert. Vor der Kunstmesse Frieze London protestierten Anfang Oktober Aktivisten der „Extinction Rebellion“, um auf den Ressourcenhunger einer Veranstaltung wie dieser aufmerksam zu machen. Die diesjährige Istanbul-Biennale malt sich die drohende Katastrophe in den apokalyptischsten Farben aus. Und der Goldene Löwe der Venedig-Biennale ging an einen Pavillon, der den zerstörerischen westlichen Lifestyle zum Thema macht: Unter dem Strand liegen die Pflastersteine, unter unserem angenehmen Leben die kommende Katastrophe, so lautete die hübsch verpackte Botschaft des litauischen Beitrags.

Aktivisten der „EXTINCTION REBELLION“ im April vor der Londoner Tate Modern, London


Dass der Kultursektor innerhalb der wenigen Jahre, die uns für die klimapolitische Wende bleiben, CO2-frei wird oder auch nur klimaneutral, ist hingegen kaum zu hoffen. Woraus sich die nächste, die quälendste Frage ergibt: Wodurch rechtfertigen wir überhaupt die Produktion, den Transport, die Lagerung, das Ausstellen, den Besuch von Kunst in einem global operierenden Betrieb?

Auch diese Skepsis ist längst wieder Kunst geworden. So präsentierte die US-Künstlerin Christine Wang im September auf der Kunstmesse Art Berlin eine Serie von auf Internet-Memes basierenden Gemälden, die sich über das Umweltengagement des Hollywoodschauspielers Leonardo DiCaprio lustig machen, der doch in Wirklichkeit durch die Nutzung von Privatjets und Luxusyachten den Planeten ruiniere. „Diese Gemälde stellen nicht nur Leo da, sondern Heuchelei“, schreibt Wang in einem Begleittext. „Die Heuchelei ist real. Wenn ich glaube, dass der Klimawandel eine existenzielle Krise darstellt, und weiter male, Plastik benutze, fliege und Gemälde via Luftfracht auf die Art Berlin bringe, bin ich eine Heuchlerin.“

Es sieht so aus, als würden Christine Wang und mit ihr andere Künstlerinnen und Künstler bei dieser Erkenntnis stehen bleiben: Wir sind alle Heuchlerinnen und Heuchler – aber alles macht weiter. Dem wiederum scheint ein bekannter Reflex zugrunde zu liegen: Wenn Umweltpolitik letztlich einen multilateralen, globalen Ansatz braucht, welchen Beitrag kann ich als vor mich hin malendes Individuum da leisten?

Doch diese Haltung ist zynisch, faul und unangemessen und wird wohl kaum über die nächsten Jahre tragen. Etwas muss sich ändern.


Wodurch rechtfertigen wir die Produktion, den Transport, die Lagerung, das Ausstellen, den Besuch von Kunst in einem global operierenden Betrieb?


Seit Jahren protestieren Aktivisten gegen den Ölkonzern BP als Sponsor des British Museum in London


Selbst abschaffen muss sich der Kunstbetriebaber deshalb nicht. Die Frage nach der Legitimation von Kunst in der aufziehenden Heißzeit ist zwar verstörend, doch zu beantworten. Zunächst fällt eine anthropologische Konstante auf: Der Mensch hält auch in den furchtbarsten Krisen an ästhetischer Erfahrung als „Vorschein von Versöhnung“ (Adorno) fest. Kunst kann soziale, ökologische oder religiöse Utopien ausmalen oder Warnungen und Ängsten eine Gestalt geben. Gerade im Falle eines schleichenden und zunächst unsichtbaren Prozesses wie dem des Klimawandels, in dem Wirkungsketten sehr lang sind, hilft Kunst bei der Visualisierung. Kein Zufall, dass jüngere Umweltbewegungen – „Extinction Rebellion“ mehr noch als „Fridays for Future“ – mit ihren Aktionen performative und gestalterische Strategien der Kunst aufgreifen. Wenn Aktivisten Flüsse mittels Uranin in giftgrüne Gewässer verwandeln, benutzen sie den gleichen (nicht toxischen) Stoff, mit dem der Künstler Nicolás García Uriburu 1968 zur Venedig-Biennale den Canal Grande einfärbte und den der Künstler Olafur Eliasson in den 90er-Jahren für ähnliche Zwecke einsetzte.


Die Kunst kann wieGreta Thunberg Platzhalterin für die Zukunft werden. Sie kann dominanten Erzählungen – etwa der vom unendlichen Wachstum – widersprechen


Die Kunst kann Platzhalterin für die Zukunft werden, genauso wie Greta Thunberg es ist. Sie kann alternative Narrative formulieren, die dominanten Erzählungen – etwa der vom unendlichen Wachstum – widersprechen. Sie muss gar keine „Klimakunst“ sein, um doch bei der Einordnung und Verarbeitung fernster Effekte des Klimawandels zu helfen: soziale, psychische und ethische Auswirkungen, etwa Angst, Scham, Klimaapartheid, Migration. Ein Universalgelehrter wie Leonardo da Vinci ist da ein besseres Vorbild als ein engagierter Hollywoodstar wie Leonardo DiCaprio (wobei wir dessen individuelle CO2-Bilanz nicht kennen, die durch Kompensierungen sogar besser ausfallen könnte als die eines durchschnittlichen US-Bürgers).

Die Praxis vieler Künstlerinnen und Künstler ist heute schon eng verschränkt mit der Wissenschaft. Und der Dialog wird von der anderen Seite angenommen: Selbst eine Einrichtung wie das renommierte Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, in dem täglich bitterste Szenarien durchgespielt und dringendste Antworten gesucht werden, ermöglicht Künstlern mit einem Aufenthaltsstipendium die Mitarbeit an Lösungen.

Ein großer Vorteil gegenüber der Wissenschaft sei allein schon die größere Verbreitung der Kunst, sagt Markus Reymann von der TBA21-Academy der Stiftung Thyssen-Bornemisza Art Contemporary. Reymann war selbst einmal Schauspieler, als Seiteneinsteiger wurde er Mitbegründer und Direktor dieser 2011 gegründeten Non-Profit-Organisation, die Ozeanforschung, Umweltpolitik und Kunst zusammenbringen will. „Wissenschaftler produzieren zumeist Ergebnisse auf zweidimensionalem Papier, das von wenigen Spezialisten gelesen wird. Anders als die Kunst. Sie kann komplexe Sachverhalte in Objekte verdichten, mit denen ein großes Publikum eine eigene Beziehung aufbauen kann. Und künstlerische Recherche produziert eine Art der Forschung: ausgreifender, weniger linear.“ Das hängt häufig schon mit der Fragestellung und Methodik zusammen, die für die Anträge schreibenden Wissenschaftler ganz klar umrissen sein muss, von Künstlern aber freier formuliert und ausgelegt werden kann. So wird Jana Winderen, die lange mit dem TBA21-Forschungsschiff unterwegs war und Tonaufnahmen in den Tiefen des Ozeans gemacht hat, mittlerweile von Wissenschaftlern kontaktiert, die hören wollten, was sie zu sagen hat – gerade weil sie ergebnisoffen gestartet ist.

TBA21-Fellow Armin Linke aus Berlin ist während seiner langjährigen Recherchen über den Abbau von Meeresbodenschätzen in Jamaika auf die Internationale Meeresbodenbehörde der Vereinten Nationen gestoßen, die den Abbau von Bodenschätzen der Tiefsee als „gemeinsames Erbe der Menschheit“ verwaltet. Die TBA21-Academy hat dort einen offiziellen Beobachterstatus erhalten. Seit vier Jahren zeigt sie nun auf der jährlichen Generalversammlung Filme und künstlerische Interventionen, die politische Entscheidungsträger direkt erreichen. Umgekehrt dokumentiert TBA21 die Arbeit der wenig bekannten, aber wirkmächtigen Behörde und stellt sie einer breiteren Öffentlichkeit vor.

„Das wird immer mehr unsere Praxis: dass wir etwas durch künstlerische Recherche finden, uns dort einschreiben und danach fragen, was Kunst innerhalb dieses Rahmens bewirken kann“, so Reymann. Kunst wäre dann das Gegenteil von geheucheltem „Greenwashing“: Als kritische Beobachterin begleitet sie Institutionen und stiftet sie – wenn alles gut geht – zum grünen Handeln an.

Natürlich kennt auch Markus Reymann das Gefühl, dass man sich gegenseitig auf die Schultern klopft und zufrieden nach Hause geht, ohne eigentlich etwas bewegt zu haben: „Vor einiger Zeit saß ich gemeinsam mit Olafur Eliasson, der Frau des Londoner Bürgermeisters und einem Vertreter von ‚Extinction Rebellion‘ auf einem Panel in der Tate Modern. Man fühlte sich wohl in der Unterhaltung über Umweltschutz. Man tat etwas Gutes. Irgendwann schaute ich mich um: Die riesige Turbine Hall war voll erleuchtet, der geschlossene Buchladen auch. Wozu?“

Solange der Betrieb nicht seine gesamte Infrastruktur und einige Grundannahmen überdenkt, werden seine Inhalte immer infrage gestellt werden. Die Ausrufung des Klimanotstands durch die Tate-Museen ist ein hoffnungsvolles Signal. Die vier Häuser wollen zehn Prozent ihrer CO2-Emission bis 2023 einsparen, mit der Umstellung auf Ökostrom, mit einem großen Angebot an vegetarischen und veganen Mahlzeiten in den Museumsrestaurants und Dienstreisen per Bahn statt mit dem Flugzeug. Darüber hinaus arbeiten die Tate-Standorte an einem umfangreichen Richtlinienkatalog für ein „grünes Museum“.

Die meisten Emissionen in Ausstellungshäusern verursacht die Klimatechnik in den Depots und Ausstellungsräumen: die Zufuhr von Frischluft, die Abfuhr von Kohlendioxid, die Regulierung der Luftfeuchtigkeit. In deutschen Museumsdepots wird die Luft mehr als zweimal pro Stunde ausgetauscht, wobei die Außenluft je nach Wetter immer wieder be- oder entfeuchtet, heruntergekühlt oder erwärmt wird. Das verbraucht Unmengen Energie. Hinzu kommen Beleuchtung, Leihverkehr, Verpackungsmüll und der laufende Energie-Einsatz für Programm und Betrieb der Häuser.

Auch Neubauten – für viele Museen offensichtlich die einzig denkbare Antwort auf die Herausforderung wachsender Bestände und Besucherzahlen – schlagen erst einmal ins Kontor: Es braucht Jahrzehnte, bis Emissions-Einsparungen durch die besseren umwelttechnischen Standards neuer Gebäude den Energieverbrauch durch Materialien und den Bau kompensieren.

Was also tun? Viele Museen sind Bestandteil einer staatlichen Verwaltung und somit auch deren Klimapolitik. Auf die Nachfrage, was Monika Grütters, die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), für Klimaschutz in Museen tut, holt ihr Büro dann auch weit aus: Die Bundesregierung habe sich zu einer nachhaltigen Entwicklung im Sinne der „Agenda 2030“ der Uno als Maßstab des Regierungshandelns bekannt, „die BKM hat in diesem Zusammenhang eine Reihe von Maßnahmen für eine ökologische und insbesondere klimaneutrale Kulturpraxis angestoßen, die an unterschiedlichen Stellschrauben ansetzen“. So unterstütze das Kulturministerium bei geförderten Museumsbauten „die nationale Nachhaltigkeitsstrategie des Bundes im Bauwesen“, es setze darauf, „Kultureinrichtungen aktuelles Fachwissen und vorbildliche Beispiele für einen nachhaltigeren Betrieb zur Verfügung zu stellen, vorhandene Wissensangebote noch stärker zu bündeln und den Zugang zu Ansprechpartnern für einen nachhaltigen Kulturbetrieb zu erleichtern“.

ARMIN LINKE „OCEANS“, 2017, Installationsansicht Edith-Russ-Haus für Medienkunst, Oldenburg


Keine verpflichtenden Ziele, stattdessen„Zugang zu Ansprechpartnern“: Viel ist es nicht, was die Kulturstaatsministerin an konkreten Maßnahmen anzubieten hat. Und die einzelnen Häuser können oft gar nicht selbstbestimmt agieren. In Berlin etwa werden die städtischen Museen gemeinsam mit anderen öffentlichen Gebäuden von einer Immobilienmanagement-Firma verwaltet, die sich verpflichtet hat, zwischen 2016 und 2025 die CO2-Emissionen um 30 000 Tonnen zu reduzieren. Museen haben aber ganz eigene Anforderungen an den Bau und Betrieb. Die Einbindung in Masterpläne und weitverzweigte Verwaltungsstrukturen erschwert maßgeschneiderte Lösungen und verlangsamt Entscheidungsprozesse. So möchte das Kölner Museum Ludwig seinen Ökostromanteil gerne von 40 auf 100 Prozent steigern, und zwar jetzt. Aber die Strombeschaffung für die städtischen Gebäude ist an das Vergaberecht gebunden und wird durch eine europaweite Ausschreibung vorgenommen. „Hieraus resultiert üblicherweise ein Stromliefervertrag mit einer Dauer von vier bis fünf Jahren“, heißt es vom Kulturdezernat. Und erst wenn der ausgelaufen ist, werde der Ökostromanteil beschlossen – von der Stadtpolitik.

Für einen nachhaltigeren öffentlichen Kunstbetrieb müssen Entscheidungswege abgekürzt werden. Wie wäre es mit einem eigenen „Green New Deal“ für Museen: ein zentrales staatliches Programm, das sich einzig den klimapolitischen Herausforderungen in Ausstellungshäusern widmet? Oder gleich eine zwischen Länder- und Bundesebene unkompliziert vermittelnde und an mehrere Ministerien angedockte Taskforce nach dem Modell „Schwabinger Kunstfund“?


Keine verpflichtenden Ziele, stattdessen »Zugang zu Ansprechpartnern«: Viel ist es nicht, was die Kulturstaatsministerin an Maßnahmen anzubieten hat


Andere Länder gehen mit gutem Beispiel voran. Der Arts Council England – eine zentrale öffentliche Fördereinrichtung – hat ein Umweltprogramm ins Leben gerufen, mit dem Workshops finanziert und Einrichtungen zu klimapolitischen Selbstverpflichtungen ermutigt werden sollen. Institutionen, die ihre Klimaziele verfehlen, werden sogar mit Budgetkürzungen sanktioniert. In Österreich hat das Umweltministerium mit Museums- und Ökologie-Experten einen Maßnahmenkatalog für Ausstellungshäuser entwickelt, der von nachhaltiger Energie- und Wassernutzung über Mobilität, Abfallvermeidung, Raumreinigung bis zur Sekundärverwertung von Publikationen und Materialwahl in der Ausstellungsarchitektur reicht. Jetzt werden Museen, die diese Maßnahmen einhalten, mit einem Umweltzeichen zertifiziert.

Auch in Deutschland passiert einiges schon, etwa der Einsatz von LED-Beleuchtung mit günstigerem Energieverbrauch und längerer Lebensdauer. In Berlin besitzen einige Häuser Fotovoltaikanlagen. Wenn Konservatoren und Leihgeber einen gewissen Spielraum bei Feuchte und Temperatursteuerung zulassen, könnten klimatisierte Sammlungen viel Energie sparen, ohne das konservatorische Risiko für die Objekte zu erhöhen.

Viele Lösungen, die in Museen erarbeitet werden, strahlen auf den Kunstmarkt, Biennalen und Festivals ab. Biennalen wie in Istanbul, Helsinki oder die Manifesta führen heute schon vor, wie man an einen lokalen Kontext anknüpft, innerhalb einer gegebenen Struktur arbeitet und nicht einfach eine Veranstaltung über einen zufällig gewählten Ort abwirft. Gute Kunst hat schon immer die Ökonomie der Mittel beachtet. In-situ-Arbeit, die Benutzung von „armen“ und vorgefundenen Materialien – in der Kunstgeschichte gibt es zahlreiche Ansätze für nachhaltigere Produktion.

Der Klimawandel ist letztlich ein Kulturphänomen und allein deshalb für den Kultursektor so bedeutsam. Museen müssen Wachstumals etwas verstehen, das mehr ist als reines Art & Crowd Management, mehr als Neu- und Umbauten. Kuratieren bedeutet Auswahl und nicht das bloße Aufeinanderstapeln von Möglichkeiten. Verzicht und Schrumpfung können positive Effekte auf das Programm haben. Auch die Idee von einem „globalen Museum“ und die Öffnung des Kanons, in den vergangenen Jahren die dringlichste Arbeit von Museen, darf nicht einfach mehr Flugmeilen für alle Beteiligten und weitere Anhäufung von Bestand bedeuten. Die Kuratorin mit türkischen Eltern, der indonesische Künstler, sie wohnen vielleicht längst direkt neben dem Museum. Die soziale und ökologische Wirklichkeit liegt vor der eigenen Haustür, früher oder später wird sie ohnehin eintreten, mit oder ohne Anklopfen. 28 Millionen Euro Schaden meldeten allein die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden nach der Flutkatastrophe 2002, der Pariser Louvre musste in den vergangenen Jahren mehrmals wegen Seine-Hochwasser schließen und die Bilder gefluteter New Yorker High-End-Galerien in Folge von Hurrikan „Sandy“ waren an Symbolkraft kaum zu übertreffen.

Die Zeit rennt. Nicht zuletzt sind wir als Publikum gefordert. Es wächst das Bewusstsein dafür, unter welchen Bedingungen Kunst entsteht und gezeigt wird. Die anhaltenden Proteste gegen den Ölkonzern BP als Sponsor des British Museum sind ein Ausdruck dieser neuen Verantwortung des kritischen Betrachters, der „Greenwashing“ und Heuchelei erkennt und ausbuht.

Müssen wir zu jeder Biennale fliegen, zu jeder Kunstmesse? Kontemplation und Verdichtung auf einen Gegenstand, einen Ort oder eine Situation war immer das größte Versprechen, das Kunst zu bieten hat. Zeit, sich wieder darauf zu besinnen.


Fotos: NEON REALISM, Courtesy La Biennale di Venezia (vorherige Doppelseite). Penelope Barritt/Alamy Live News. imago/ZUMA Press

Fotos: Simon Vogel, Courtesy Christine Wang und Galerie Nagel Draxler, Berlin/Köln/München (3). © Armin Linke