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„Kunst soll im Alltag stattfinden“


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tip Berlin - epaper ⋅ Ausgabe 18/2022 vom 31.08.2022

Titel Berlin Art Week

Artikelbild für den Artikel "„Kunst soll im Alltag stattfinden“" aus der Ausgabe 18/2022 von tip Berlin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: tip Berlin, Ausgabe 18/2022

Tue Greenfort ?Equilibrium?

Zur Person

Johann König wurde in den Kunstadel hineingeboren, sein Vater Kasper König war als Kurator und Museumsleiter eine zentrale Figur der deutschen Kunstszene. Im Alter von elf Jahren verlor Johann König durch einen Unfall sein Augenlicht fast vollständig (lesenswert: seine Autobiografie „Blinder Galerist“). Die König Galerie hat er 2002 gegründet, seit 2015 residiert sie in der umgebauten brutalistischen Kirche St. Agnes. Die König Galerie wird von Johann und Lena König geleitet und vertritt viele international bedeutende Künstler:innen wie Katharina Grosse, Jorinde Voigt, Alicja Kwade, Erwin Wurm, Norbert Bisky und Elmgreen & Dragset.

Johann König, wie anstrengend ist die aktuelle Krisen-Zeit für Sie und Ihre Galerie?

Es ist eine verrückte Zeit. Einerseits haben wir einen Krieg in Europa und die damit verbundenen Energie- und Lieferketten-Probleme, Transporte sind ...

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... extrem kostenintensiv geworden. Aber andererseits boomt der Markt auch, weil Kunst schon immer ein Schutz gegen Inflation war. Wir hatten in diesem Jahr die erfolgreichste Art Basel in der Geschichte der Galerie, obwohl parallel die Börsen abgestürzt sind.

In welchem Segment boomt es denn?

Im höheren Preissegment. Etablierte Positionen sind global nachgefragt. Und wir sehen gleichzeitig, dass Kunst immer mehr an öffentlicher Wahrnehmung gewinnt. Kunst rückt mehr in die Mitte der Gesellschaft und ist keine reine Nischenveranstaltung mehr.

Wir haben in unserer Galerie so viele Besucher wie nie zuvor.

Nehmen die Menschen den Besuch in Ihrer Galerie fast wie einen Museumsbesuch wahr?

Ja, absolut. Viele der Leute kommen auch an den Tresen und fragen, was der Eintritt kostet, weil St. Agnes architektonisch eher wie ein Museum wirkt als wie eine Galerie.

Wie viele der Besucher kaufen Kunst?

Weniger als ein Prozent der Besucher sind potenzielle Kunden. Die meisten Leute kommen, um sich zu inspirieren. Sie schauen so Kunst an, wie sie auch ins Konzert oder Kino gehen. Und das ist auch unser Ziel. Oft höre ich Leute sagen, sie hätten keine Ahnung von Kunst. Was heißt das? Man muss ja nicht Kunst studieren, um sich damit zu beschäftigen, sondern kann einfach schauen und sich darauf einlassen. Aber irgendwie hat der Kunstbetrieb es geschafft zu suggerieren, dass man dafür besondere Vorkenntnisse haben muss. Kunst war lange relativ hermetisch, aber das hat sich in den letzten zehn Jahren zum Glück stark verändert.

Sie sind ein Star-Galerist und in Berlin derjenige, der sich am meisten auch ins populäre Segment traut. Bei König Souvenir gibt es beispielsweise T-Shirts von Katharina Grosse für 30 Euro.

Es geht darum, Kunst im Alltag stattfinden zu lassen und allen eine Teilhabe zu ermöglichen. Erwin Wurm ist mit One-Minute-Sculptures bekannt geworden. Wir haben eine Erwin-Wurm-Seife herausgebracht, mit der wird man selber zur Skulptur, wenn man sich die Hände wäscht. Die König-Souvenirs werden als kommerziell wahrgenommen, was sie eigentlich nicht sind, weil der damit verbundene Aufwand die Einnahmen häufig übersteigt. Uns geht es vor allen darum, Zugang zur Kunst zu schaffen. Jetzt haben wir uns ein neues Konzept überlegt. Es heißt: 72 Stunden Drop. Ein Werk eines Künstlers oder einer Künstlerin unserer Galerie ist nur für diese Zeit zu erwerben und in der Regel relativ günstig. Damit neue Leute Kunst kaufen und erfahren, wie es ist, wenn man mit Kunst lebt. Mit Norbert Bisky haben wir in 72 Stunden mehr als 450 Editionen verkauft und die Erlöse von 230.000 Euro in dem Fall gespendet.

Sie sind mit Kunst aufgewachsen. Was verpassen die Leute denn,die ohne Kunst leben?

Es ist schwierig zu beschreiben. Als sollte man sagen, wie es ist, verliebt zu sein. Wenn ich daran denke, mit was für Kunstwerken ich lebe, haben alle etwas mit meiner Persönlichkeit und meiner Biografie zu tun. Es hat eben eine große Aussage, zu welchem Zeitpunkt man sich für welche Kunst entschieden hat. Wenn ich eins der Werke betrachte, wirkt es wie eine Zeitmaschine und transportiert die Situation, in der ich sie gekauft habe, und mein Leben von diesem Punkt bis heute.

Sie haben auch erfolgreich mit dem Verkauf von NFTs, also digitaler Kunst, angefangen.

Ein herausragendes Projekt ist die Arbeit von Alicja Kwade, die auch in der Berlinischen Galerie ausgestellt war. Sie hat ihre DNA ausgelesen und dann auf der Ethereum Blockchain gemintet. Das sind 10.361 NFTs, jedes hat 25 Din-A4-Seiten damit verknüpft. Und jedes ist ein Unikat, das sachlichste Selbstporträt, das man sich nur vorstellen kann.

Was kostet das?

250 Euro – und wir haben bisher etwa 2.000 davon verkauft.

Bilden die Menschen, die sich für NFTs interessieren, eine neue Sammler-Generation?

Nicht wirklich, es ist ganz stark durch Spekulation getrieben. Von Kaufen und Verkaufen. Das geht auch bei einem physischen Bild, aber der Prozess ist aufwendig und teuer. Bei einem digitalen NFT ist es super überschaubar. Ich kauf’s und kann es eine Sekunde später wieder verkaufen. Aber der Markt wird sich irgendwann konsolidieren.

„Der Kauf von Kunst hat viel mit der eigenen Biografie zu tun“

JOHANN KÖNIG

Beunruhigt Sie die Klimabilanz der NFTs?

Ja, aber Mitte September wird Ethereum von „Proof of Work“ auf „Proof of Stake“ umgestellt, dann ist das Minten eines NFTs so Energie-intensiv wie das Verschicken einer E-Mail.

Kommt die Messe MISA wieder zur Berlin Art Week?

Die MISA gibt es aktuell nur online. Das Team hatte überlegt, die Messe parallel zur Positions im Flughafen Tempelhof zu machen, konnte sich aber nicht mit dem Flughafenbetreiber einigen. Durch die Smerling-Causa (Walter Smerling musste seine Kunsthalle im Flughafen Tempelhof nach heftigen öffentlichen Protesten im Mai dieses Jahres beenden, die Red.) haben die so große Angst, einen Fehler zu machen, dass die uns quasi dasselbe Geld abnehmen wollten wie dem Formel-E -Autorennen. Dabei hätten wir im Gegensatz zu Smerling nicht nur die Nebenkosten voll bezahlt, sondern auch eine Miete von fast 100.000 Euro. Jetzt findet die MISA in Paris parallel zur Art Basel plus im Oktober statt. Und in Berlin dann wieder ganz groß zum Galerien-Wochenende 2023.

MISA ist vor allem eine Online-Plattform?

Ja. Als ich vor 20 Jahren mit meiner Galerie angefangen habe, hatte man als Künstlerin oder Künstler eigentlich keinen Marktzugang, wenn man keine Galerie hatte. Alicja Kwade beispielsweise habe ich dann beim Rundgang hier an der UdK für mich entdeckt, und wir haben zusammen eine Karriere aufgebaut, wobei wir gleichermaßen voneinander profitiert haben. Jetzt, mit Social Media und Blockchains, ist es so, dass Künstlerinnen und Künstler nicht sofort eine Galerie brauchen. Daraus ist der Gedanke entstanden, eine Plattform aufzubauen, auf der sie ihre Kunst selbst verkaufen können, hier können sie selber eine Community aufbauen. Misa.art ist eine von der Galerie unabhängige Marke.

Ist das kuratiert?

Ja, MISA ist kuratiert von einem Team von Kunstmarkt-Experten und Kunsthistorikern. Aber die Vorselektion ist durch Datenaggregation getrieben. Die künstliche Intelligenz vergleicht den Ruf-Preis, also das, was verlangt wird, mit dem, was der Algorithmus, basierend auf Karriere-Punkten und Zweitmarkt, als Preis berechnet. Und so versorgt MISA die potenziellen Käufer und Käuferinnen mit genug Informationen, dass die sich selber ein mündiges Bild machen können.

Sie sind ein Pionier der Preis-Transparenz. Warum?

Weil ich will, dass diese unangenehme Frage schon vorab geklärt ist. Viele Kollegen sagen, sie wollen über die Frage nach dem Preis ins Gespräch kommen. Ich will aber lieber über andere Themen ins Gespräch kommen.

Ja,nach dem Preis zu fragen,ist echt peinlich.

Als ich mit der König Galerie angefangen habe, die Preise auszuschreiben, habe ich auch total interessante Rückmeldungen von unseren Stammsammlern bekommen. Einer hat zum Beispiel gesagt, wie toll er das findet, weil er sich vorher immer auf drei Kunstwerke beschränkt hat, bei denen er dann nach dem Preis gefragt hat, weil er nicht bei 20 Arbeiten nachfragen wollte.

Wir steuern jetzt auf die Berlin Art Week zu. Ist sie für die König Galerie wichtig?

Ja, absolut, weil sie die Aufmerksamkeit für die Kunst erhöht. Wenn man überlegt, wie viele High-Profile-Veranstaltungen Berlin im Jahr verträgt, dann finde ich die beiden etablierten Formate ganz gut: Das Gallery-Wochenende, das internationale Sammler anspricht, und die fast schon ein bisschen Tag-der-offenen-Tür-artige Berlin Art Week.

Galerie Koenig Alexandrinenstr. 118–121, Kreuzberg, Di–Sa 10–18, So 12–18 (So 18.9. 10–18 Uhr); 15.9.–16.10.: Ausstellungen von Norbert Bisky und Tue Greenfort