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KYJIW – BERLIN


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tip Berlin - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 16.03.2022

Titel

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Symbol der Schwesternschaft Kyjiw-Berlin: Dieses ukrainische Raver-Pärchen posiert in Kleidung aus dem Berliner Fetischladen The Code und tanzt in Videos des Berliner Projekts Techno Team. Die beiden befinden sich aktuell noch in Kyjiw

Es gibt in Kyjiw einen Club, der wie kein anderer Ort in der Ukraine für freie Selbstentfaltung und grenzenlose Gemeinschaft steht. Er ist ein Refugium für LGBTIQ, Antifaschisten und kinky Orgienfans. Westlich-dekadent. Auf seiner Fassade prangt ein Graffiti: „We dance together and we fight together.“ Der Club trägt das mathematische Zeichen ∄ für „there does not exist“, wird nach seiner Adresse aber auch K41 genannt. Er ist bekannt für: harte Tür, Hammeranlage, Darkroom, Sonntags-Draußenrave. Studio Karhard, die Architekten des Berghain, haben ihn in eine 150 Jahre alte Brauerei gebaut. „Berghain in bunt“, sagen viele Gäste. Noch im Januar war die Berliner Partyreihe Pornceptual mit ihrer Entourage zu Gast.

Jetzt ist das ∄ ein potenzielles Ziel für russische Attacken. Ein Teil des Teams kämpft im Widerstand, ein Teil ist nach Berlin geflüchtet und versucht, von hier zu helfen.

Im frühen ...

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... Morgen des 24. Februar überqueren russische Panzer die Grenze zur Ukraine. Der Krieg beginnt. Acht Tage danach wird in Berlin wieder gefeiert, das erste Mal nach der Corona-Winterpause. Während in den Clubs getanzt wird, strömen die Geflüchteten in die Stadt. In Kyjiw fallen die Bomben, in Berlin droppen die Beats.

Ist das zynisch, menschenverachtend?

Ben Shinder, 31, hat am Eröffnungswochenende im Anomalie-Club in Prenzlauer Berg einen Soli-Rave für die Ukraine veranstaltet. Mit Musikern von dort und hier. 6.000 Euro konnte er so sammeln. Shinder sagt: „Jetzt ein Rave, das ist ein komisches Gefühl. Aber so kann das Feiern zumindest einen Zweck haben.“ Diese Partys sollen jetzt wöchentlich steigen. Shinder lebt seit 13 Jahren in Berlin, ist in Tel Aviv geboren, seine Eltern stammen aus Odesa in der Ukraine. Er hat mit „Techno Team“ einen Social-Media-Account entwickelt, der Tanzvideos mit Performern, Mode und Musik aus Kyjiw und Berlin zeigt. Er hat regelmäßig im ∄ gefeiert.

Berlin und Kyjiw sind eng verbunden. 2017 haben die Bürgermeister beider Städte eine Kooperation verabredet. Der Bürgermeis-ter von Kyjiw, Vitali Klitschko, wurde 2008 in Berlin Boxweltmeister. Die Hauptstädte haben ungefähr die gleiche Größe und sind Leuchttürme kulturellen Lebens. Jetzt muss die eine Stadt die andere unterstützen. Berlin rüstet sich für die Aufnahme vieler tausend Geflüchteter. Berliner öffnen ihre Häuser, das Land baut den ehemaligen Flughafen Tegel zum Aufnahmezentrum um und viele weitere Locations zu Unterkünften. Auch der Festsaal Kreuzberg und das Säälchen auf dem Holzmarkt-Gelände werden mit Schlafplätzen bestückt.

Aus der Berliner Kulturbranche kommt besonders viel Solidarität. Der Berliner Rapper Dyma, den wir auf unserem Cover vor der russischen Botschaft zeigen, hat Sachspenden gesammelt und in die Ukraine gefahren (siehe Seite 14). Die Initiative Tourdamour nutzt Tourbusse, die Künstler wie die Berliner Formationen Kafvka, Flonske und Die höchste Eisenbahn aktuell nicht brauchen, um Geflüchtete aus der Ukraine zu holen.

Bei einem Solidaritätswochenende in der Neuen Nationalgalerie sprachen sich Schauspieler Clemens Schick, Autor Florian Illies und andere gegen den Krieg aus, 250.000 Euro wurden dabei gesammelt. Bei einer Kundgebung auf dem Bebelplatz bezogen weitere Kulturschaffende Stellung, darunter Wolf Biermann, Ai Weiwei, die Literaturnobelpreisträger:innen Swetlana Alexijewitsch und Mario Vargas Llosa, der Schriftsteller Navid Kermani – teils digital übertragen.

„JETZT EIN RAVE, DAS IST EIN KOMISCHES GEFÜHL“

BEN SHINDER, TECHNO TEAM

Deutschlandweit haben sich Kulturschaffende zur Initiative #artistsinshelter zusammengetan und sammeln Geld für ukrainische Kolleg:innen, die nun nicht mehr arbeiten können. Teil der Initiative ist Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne), ihr Haus hat zusätzlich eine Million Euro bereitgestellt, damit sollen ukrainische Kulturschaffende bei der Aufnahme in Deutschland unterstützt werden.

In Berlin tut sich die Technoszene besonders hervor, die sich der in Kyjiw eng verbunden fühlt. Sie veranstaltet unzählige Soli-Partys.

Kottbusser Tor,5.März,die Nacht,in der die Clubs wieder öffnen dürfen.Der Bahnhof ist so voll wie seit Monaten nicht mehr. Menschen lachen und reden wild durcheinander, schwingen Bier-und Sektflaschen. Steigen über Pfützen aus Erbrochenem.Lange Schlangen vor den nahen Testcentern und Clubs. Ritter Butzke, Christa Kupfer und SO36 liegen fußläufig.

Ritter Butzke: Der Innenhof ist mit weißen und bunten Lichtern gesprenkelt, drinnen verschwindet der DJ im künstlichen Nebel. Die Tanzfläche läuft sich gerade warm. Jasna, 33, sagt: „Klar bin ich betroffen. Wir müssen etwas tun – definitiv. Ich habe gespendet, politisch muss sich Europa,muss sich Deutschland positionieren. Aber heute Abend möchte ich mir darüber mal keine Gedanken machen müssen. Heute will ich endlich wieder feiern.“

Christa Kupfer: Von den roten Decken und Wänden hängen Pflanzen, an den Fenstern Gardinen. Wohnzimmeratmosphäre, Tanz auf ausgeblichenen Teppichen. An der Bar wird eine Runde Schnaps verteilt: „Geht aufs Haus, schön, dass ihr da seid!“ Gast Jules, 28, empfindet die Frage danach, ob er heute mit gutem Gewissen feiern könne, obwohl eine nahe Kriegs-Situation herrscht, als „unangebracht“. „Früher bin ich ja auch nicht bei jeder prekären Weltlage danach gefragt worden, ob das in Ordnung ist, jetzt noch gute Laune zu haben. Aber natürlich habe ich gespendet, das ist doch selbstverständlich.“

Partys im Schatten des Kriegs

S036: Die Stimmung ist wunderbar aufgeheizt, die Meute hüpft und erklimmt die Podeste. Barkeeperin Leni, 34, sagt: „Die Leute haben einfach darauf gewartet, wieder feiern gehen zu können. Besonders schräg stelle ich es mir für die vor, die während der Schließungen 18 geworden sind. Die kennen das ja noch gar nicht, wegzugehen.“ Die Lage in der Ukraine überschatte die Party aber sehr. „Hier an der Bar ist es bei fast jeder Unterhaltung Thema.“

Dinah, 24, sitzt noch am Rand. Die Russin ist froh, ihrem Land bis auf weiteres entkommen zu sein. Seit einem knappen Jahr lebt sie in Berlin und studiert hier Jura. „Was Putin gerade macht, ist unvorstellbar. Damit möchte ich als Russin nicht in Verbindung gebracht werden.“ Die vergangenen Wochen seien schlimm gewesen für sie. „Aber heute darf ich mir eine Auszeit nehmen.“ Der junge Mann neben ihr nickt und lächelt. Er flüchtete vor zwei Wochen aus der Ukraine. Dinah hat ihn bei sich aufgenommen. „Seitdem ist Yegor bei mir“, sagt Dinah. „Und heute wollen wir gemeinsam tanzen.“

Für die jüngere Generation sind Kyjiw und Berlin Schwesterstädte der Herzen – und diese Herzen schlagen im Takt der Musik. Ein steter Austausch von DJs, Veranstaltern und Gästen belebte diese Schwesternschaft, die mit dem Fall des Eisernen Vorhangs möglich wurde und 2014 mit der Maidan-Revolution begann. Damals protestierten Tausende auf dem Platz der Unabhängigkeit im Zentrum Kyjiws. Gegen den korrupten, eng mit Putin verbündeten Präsidenten Wiktor Janukowytsch – für eine Annäherung an Europa und Selbstbestimmung. In der Folgezeit lebte die ukrainische Jugend einen an Europa orientierten Lebensstil mit Techno-Raves und Pride-Paraden.

„DIE CLUB­ SZENE KYJIWS WAR GERADE AM AUF­ BLÜHEN“

DANIEL JAKOBSON, CLUBCOMMISSION

„NOCH BIN ICH EIN FREIER MENSCH“

Yuliia Kulish, aktuell in Kyjiw, plante bis zum Krieg ein Festival, das zum Thema hat, was Kyjiw und Berlin teilen und austauschen. „Beide zeigen den Willen frei, inklusiv und frech zu sein“, schreibt sie. Kulish wird gerade zum zweiten Mal aus ihrer Heimat vertrieben, hier erzählt sie ihre Geschichte und was sie sich von uns wünscht

„Bis zu meinem 18. Lebensjahr habe ich nie geraucht, bin nie ein Pferd geritten, hatte nie Sex, habe nie ein Instrument gespielt, bin nie gereist, habe nie Gin getrunken und einiges mehr. Stattdessen habe ich, dank der russischen Invasion im ukrainischen Donbas 2014, Lebwohl gesagt zu vielen Freunden, meiner Familie, Büchern und meiner Katze Sensei.

Janis Joplin sang: „if you have nothing, then you have nothing to lose“. Ich habe ihr geglaubt. Was ich auch geglaubt habe, ist, dass ich eines Tages zurückkommen werde. Dass die Ukraine zurückkommen wird.

Aber die Umarmung der russischen Besetzung schien weit stärker zu sein, als irgendjemand glaubte. Ich wurde gedemütigt von dem Fake-Referendum, das pro-russische Propagandagruppen organisierten. Die russische Befreiungsoperation bedeutete niemals Freiheit und Freude. Sie bedeutete Folter, Keller, Entwertung. So wurde ich das erste Mal zum Flüchtling.

Was ich heute in Kyjiw erlebe, 800 Kilometer vom Donbas, ist der Anfang eines Weltkriegs, mindestens einer Katastrophe. Es ist wichtig, dass der Westen weiß, dass meine Freunde in Kellern an Hunger sterben, Sanitäter erschossen werden, Kindergärten bombardiert werden, Frauen vergewaltigt werden.

Ich hatte nie Angst vor dem Tod, wenn ich auf meiner Couch lag und zum Beispiel „Herr der Ringe“ sah. Aber Menschen können die pure Angst nicht überwinden, wenn es wirklich ernst wird. Als ich das erste Bombardement von Kyjiw hörte, habe ich mich im Bad versteckt und eine Panikattacke durchlebt. Wenn die Luftschutzsirenen ertönen, habe ich mich seitdem ängstlich zum Schutzraum begeben.

Das alles wirkt Ihnen fern. Sie, die das hier lesen in einem netten deutschen Magazin mit irgendetwas anderem auf der nächsten Seite: Der Konflikt ist nicht weit weg. Wir brauchen jetzt Unterstützung von den entwickelten Ländern. Hilfsgüter und militärische Unterstützung. So können Sie unser Leben retten. Ich schreibe dies unter dem klarsten Himmel, den ich je gesehen habe. Ich sehe dort keine Unterstützung. Aber ich bin bereit, zu kämpfen. Denn noch bin ich ein freier Mensch.“

Ben Shinder, der ukrainisch-israelisch-deutsche Technotanzvideo-Produzent, der jetzt jede Woche Soli-Partys feiern will, sagt: „Die Kreativszene in Kyjiw ist unglaublich. Man sagt, sie sei wie Berlin in den 90ern, aber eigentlich ist es noch viel krasser. Weil die Berlin gesehen haben – und dort ist die Situation noch radikaler als in Berlin zum Mauerfall. Von IT-Leuten bis zu Graffiti-Sprayern gibt es extrem talentierte Menschen. Die haben die postsowjetische Disziplin in sich und einen noch stärkeren Protest. Das kreiert eine superinteressante Undergroundszene.“

Shinder ist bis Februar einmal im Monat zum Feiern und Arbeiten nach Kyjiw geflogen, er war oft im ∄ zu Gast. „Aber jetzt müssen wir alles auf Hold machen und erst mal die Leute bei uns empfangen.“ 14 Geflüchtete haben er und sein Team bereits mit Unterkünften versorgt. Aber nicht alle wollen nach Berlin. „Viele, die noch unten sind, arbeiten als Volunteers. Eine Freundin von mir fährt jetzt Krankenwagen, ein Freund ist im bewaffneten Kampf, ein anderer näht Schutzwesten, andere füllen den ganzen Tag Sandsäcke. Das hat keiner erwartet, dass sowas kommt“, sagt er.

Clubs wie das ∄ sind Inkubatoren der Freiheit. Safe Spaces, in denen jeder Mensch wertvoll ist. Clubkultur, das heißt, zusammenkommen, sich nah sein. Über Grenzen hinweg.

Die ukrainische LGBTIQ-Community erlebte durch die Maidan-Proteste und die aufblühende Clubkultur erstmals gesellschaft- liche Sichtbarkeit. „Die Leute haben realisiert, dass sie tatsächlich ihre Rechte verteidigen können. Das hat auch die Queer-Community auf die Straßen getrieben“, sagt Anton Dorokh. Der 28-Jährige ist in der umkämpften ukrainischen Region Donezk aufgewachsen, lebt seit sieben Jahren in Berlin und ist Mit-Initiator der Gruppe „Vitsche“, in der die ukrainische Gemeinschaft Berlins Proteste und Hilfsangebote organisiert. Als Teil der Queer-Community hat er in Kyjiw und Charkiw Pride-Paraden veranstaltet. Vor dem Krieg fanden diese Paraden auch in Saporischschja und Odessa statt.

Kämpfende Queers

Im Vergleich zu Berlin habe die ukrainische Queer-Community keine jahrzehntelange Tradition und gewachsene Infrastruktur, sagt Dorokh, umso erstaunlicher sei, was innerhalb weniger Jahre in Kyjiw und darüber hinaus auf die Beine gestellt wurde. Dabei sei Berlin ganz klar eine Inspiration für die ukrainische Clubkultur und LGBTIQ-Community gewesen.

Den Kontakt zu seinen ukrainischen Freunden aus der Community zu halten, sei jetzt schwierig. Alle kämpften an ihren Fronten. „Wir sind hier eingespannt, sie versuchen sich dort in Sicherheit zu bringen, das Land zu verlassen. Einige bleiben auch, um zu kämpfen“, erzählt Dorokh. Es gibt militärische Queer-Zusammenschlüsse und Hilfsinitiativen. Auf Instagram zirkulieren Fotos von Menschen in Kampfmontur mit regenbogenfarbenen Bändern. Der gemeinsame Kampf gegen die russische Armee vereine alle, so Dorokh. „Kugeln unterscheiden auch nicht, wen sie treffen.“

Daniel Jakobson von der Clubcommission sagt: „Die jüngere und dennoch vielfältige und dynamische Clubszene Kyjiws war gerade am Aufblühen. Der Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine hat diesen Prozess zunichte gemacht. Für die Berliner Clubs ist es selbstverständlich, dass sie jetzt Hilfen organisieren.“

Fast 50 Clubs, Kollektive und clubkulturelle Akteur:innen nehmen an einer von der Clubcommission initiierten Spendenkampagne teil und stiften Eintrittsgelder. Das Team des Clubs Birgit und Bier bringt mit einem Transporter Hilfsgüter an die Grenze. Das Berghain ruft zur Unterstützung von LGBTQIA+-und BIPoC-Hilfsorganisationen auf, die versuchen Queers und People of Color aus der Ukraine zu holen und spendet den gesamten Gewinn des Eröffnungswochenendes. Das Busunternehmen Bassliner, das normalerweise Raver zu Festivals kutschiert, holt jetzt Ukrainer an der Grenze ab und bringt sie nach Berlin.

Das SO36 unterstützt den No Nation Truck, der Menschen einsammelt, die gerade trotz breitem Hilfsangebot nur schwer an Hilfe kommen, weil sie zum Beispiel an der Grenze für ihre Hautfarbe diskriminiert werden oder keinen ukrainischen Pass besitzen. Pasqual Schwarz, Mitbetreiber des SO36, sagt: „Was ist das für eine Zeit? Wir versuchen weiter zu existieren, Leute ins Haus zu holen, während Corona und der Krieg vor der Haustür toben. Am Ende müssen wir alle dahin zurückfinden, uns wieder an die Nähe zu wagen: eine Umarmung, ein Kuss auf die Wange. Da müssen wir wieder hin!“

Die Clubszene steht exemplarisch für die vielfältigen kulturellen Vernetzungen zwischen Kyjiw und Berlin. Auch im Filmbereich gibt es eine enge Verbindung der beiden Hauptstädte – oder zumindest war eine solche gerade im Entstehen, als 2020 alles auf Zoom und Stream umgestellt wurde. Die Kyjiwer Filmfestivals zogen auch Berliner Besucher:innen an, zwischen den Filmschaffenden fand ein zunehmender Austausch statt. Vor allem das Festival Docudays, das Ende März wieder hätte stattfinden sollen und auf dem das Engagement für Dokumentarfilm und Menschenrechte gepflegt wird, ist in Kyjiw zu einer wichtigen Anlaufstelle für Filmfans geworden.

„KYJIW WAR BIS ZUM KRIEG EIN LABOR, EIN ORT, DER SEINE FORM SUCHT“

YURIY HRYTSYNA, FILMEMACHER

Der ukrainische Filmemacher Yuriy Hrytsyna arbeitet heute an einer Berliner Klinik, als Herzchirurg in Ausbildung. Sein Film „Varta 1, Lviv, Ukraine“ von 2015 ist eine Auseinandersetzung mit dem Einsatz der Menschen während der Revolution, dem Euromaidan. „In den letzten Tagen haben sich unzählige Menschen extrem schnell organisiert“, sagt er. Bisher sah er zwischen Berlin und Kyjiw eher improvisierte Begegnungen aus dem Geist der Low-Budget-Fliegerei. Nun würden sich Beziehungen vertiefen, die davor kosmopolitisch offen waren. Dass Kyjiw als „das neue Berlin“ gefeiert wurde, hat er immer mit einer Portion Skepsis gesehen, „aber es steckt ein Kern Wahrheit drin, denn die ukrainische Hauptstadt war bis zum Krieg so etwas wie ein Labor, ein Ort, der seine Form sucht.“

Tanz am Rande des Abgrunds

Auch die Theaterszenen beider Städte waren vor dem Krieg miteinander vernetzt. Katharina Gloegl, Sprecherin der Schaubühne, sagt: „Wir haben durch Mitarbeitende, Kooperationen und Zusammenarbeit mit russischen und ukrainischen Künstler:innen sowie durch Gastspiele in Russland und Ukraine eine enge Verbindung in beide Länder.“ Gerade versucht das Team der Schaubühne, für ukrainische Freundinnen einer Mitarbeiterin einen Transport nach Berlin zu organisieren.

An der Volksbühne Berlin wird derzeit noch an einer Solidaritätsaktion gefeilt. Seinem Publikum wolle das Theater einen „Normalzustand“ bieten, indem ein stetiges Programm stattfinde, das in diesen Tagen für etwas Ablenkung sorge, so Sprecherin Heike Sobisiak.

Seit acht Jahren herrscht Krieg in der Ukraine. Seit der aktuellen Eskalation steht Europa am Rande des Abgrunds. Max vom Betreiberkollektiv des Clubs Mensch Meier sagt: „Unsere Gedanken sind mit den betroffenen Menschen in der Ukraine, auch mit jenen, die sich der Invasion bewaffnet entgegenstellen. Angesichts der dramatischen und herzzerreißenden Situation haben wir eigentlich so gar kein Interesse an Party und Trubel. Es ist der knallharte finanzielle Druck, der sich in den Corona-Jahren aufgestaut hat und der uns keine Alternative dazu lässt, den Betrieb aufzunehmen.“

Es ist der grausame Zwiespalt dieser Tage und Wochen, dieses schwer auszuhaltende Spannungsfeld, das besonders in der Clubszene zu spüren ist, aber weit über sie hinaus reicht.

Mehr zu Kunstschaffenden, die Kyjiw und Berlin verbinden, Seite 80/81