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Lachen war sein Leben


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HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 43/2022 vom 21.10.2022

REPORT

Artikelbild für den Artikel "Lachen war sein Leben" aus der Ausgabe 43/2022 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 43/2022

IN LEDERHOSE Der kleine Heinz 1916 in St. Petersburg ? mit einem hintergründigen Lächeln. 1909 wird er in Riga geboren, die Eltern trennen sich schon bald, er muss oft umziehen

»Das Erste, was man bei einer Abmagerungskur verliert, ist die gute Laune.«

Heinz Erhardt

Dasitzt er Ende 1938 zum ersten Mal am Flügel in der Scala, Berlins berühmter Varietébühne. Spielt und singt. Vor 3000 Menschen. Bleibt stecken. Blackout. „Statt mich zu verschlingen, drang die Finsternis in mein Hirn. Ich weiß nur noch, dass ich mich bückte und einen gar nicht vorhandenen Faden von den Bühnenbrettern auf hob.“ Mit den Worten „Verzeihung, ich hatte meinen Faden verloren“, steckt Heinz Erhardt ihn in die Brusttasche seines Fracks. Das Publikum tobt vor Begeisterung. Staubtrocken fährt er fort: „Noch ’n Gedicht.“

Nur eine von vielen Episoden in der Biografie, die der große Komiker nicht mehr fertigstellen konnte. Das haben jetzt seine Töchter für ihn getan: Verena Haacker und Marita Malicke. Seit 1947 hatte Erhardt Kritiken, Plakate und Zeitungsausschnitte gesammelt, Werbeprospekte, ...

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... Bühnenfotos und einiges mehr. 19 dicke Fotoalben füllte er so – bis zu seinem Schlaganfall 1971. Zusammen mit seinem Biografie-Manuskript und Briefen ein riesiger Fundus für das Werk (siehe Buchtipp Seite 18).

Vergessen zu werden war seine große Angst

„Als ich es zum ersten Mal in den Händen hielt, kamen mir die Tränen“, erzählt Marita Malicke HÖRZU. „Die vielen Briefe an meine Mutter und seine Schilderungen, wie das als Truppenunterhalter bei der Marine ablief, das ist sehr anrührend. Auch uns Kindern schrieb er Briefe, und es tat ihm immer so leid, dass er keine Zeit für uns hatte.“ So war es immer ein Glücksfall für die vier Kinder, wenn sich Pressefotografen ankündigten: „Wir waren nie so nah an unserem Vater dran wie auf diesen Fotos. Das war für uns das Schönste, was es gab.“ Sie hätten aber nicht darunter gelitten, dass ihr Vater ständig unterwegs oder am Schreibtisch war: „Wir hatten eine wahnsinnig tolle Großmutter, die Babu. Die hat uns immer umsorgt, als meine Mutter in den 1950er-Jahren anfing, mit meinem Vater mitzureisen. Er brauchte sie als Managerin, Garderobiere und Finanzchefin.“ Erhardt trieben Existenzängste um, vor allem die ständige Sorge, vergessen zu werden. Er konnte nicht ahnen, dass er bis heute zu den beliebtesten deutschen Komikern zählen würde. „Darum ging er selbst mit hohem Fieber auf die Bühne oder mit gebrochenem Bein“, erinnert sich Malicke. „Ihn konnte nichts abhalten. Das war manchmal schon erschreckend.“

»Manche Menschen wollen immer nur glänzen, obwohl sie keinen Schimmer haben.«

Heinz Erhardt

Stimmt es, dass er aus Lampenfieber auf der Bühne immer eine Brille mit ungeschliffenen Gläsern trug? „Ja. Er wollte nicht sehen, ob die ersten Reihen frei waren. Und wenn er das Publikum nur hörte und in ein schwarzes Loch spielte, fühlte er sich wesentlich freier.“

Die Musikalität wurde Heinz Erhardt bereits in die Wiege gelegt: Sein Vater war deutsch-baltischer Kapellmeister, die Eltern seiner Mutter besaßen in Riga ein Musikgeschäft. Das große Harmonium verliehen sie für Feste – und Heinz gleich mit. Der brach die Schule ab, um ans Leipziger Konservatorium zu gehen, Klavier und Komposition zu lernen. Mit 19 Jahren kehrte er nach Riga zurück und begann, durch die Kaffeehäuser zu tingeln. Die Frau seines Lebens lernte er (nach eigenen Worten) „nicht im Suff, sondern im Fahrstuhl“ kennen. Gilda Zanetti war die Tochter des italienischen Konsuls in St. Petersburg, und um Heinz Erhardt war es geschehen. Sie war beim Tanzen „die Erste, die überhaupt nicht schimpfte, wenn ich mehr auf ihren als auf meinen Füßen stand“. Ein Jahr später heirateten die beiden. Die Kinder Grit (1936 – 2016), Verena (*1940), Gero (1943 bis 2021) und Marita (*1944) kamen zur Welt.

Mit selbst geschriebenen Liedern und Texten schaffte es Erhardt auf kleine und immer größere Bühnen, ins Radio und bereits 1939 ins Fernsehen. Sein Unterhaltungstalent bewahrte ihn davor, mit der Waffe kämpfen zu müssen, er wurde für die Truppenbetreuung bei der Marine eingeteilt.

Alle seine Filme wurden Kassenschlager

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Familie in Hamburg-Blankenese zwangseinquartiert, und Erhardt bekam einen ersten festen Job in der Radioreihe „So was Dummes“ beim NWDR. „Mit bunten Abenden und Theatertourneen quer durch Deutschland wurde mein Vater immer beliebter“, erzählt Marita. „Dabei waren die Vorstellungen nicht immer erfolgreich.“ Bei einer Aufführung vor acht Zuschauern sagte Heinz Erhardt: „Ich warne Sie vor Missfallenskundgebungen – heute sind wir hier auf der Bühne nämlich in der Überzahl.“ Spielte er hingegen vor ausverkauften Häusern, witzelte er: „Können Sie nicht ein bisschen schneller lachen? Wir wollen schließlich auch mal nach Hause.“

BUCHTIPP

Heinz Erhardt Verena Haacker Marita Malicke Mein Leben Lappan Verlag 176 S., 20 ¤

»Ich könnte manchmal vor Glück eine ganze Allee von Purzelbäumen schlagen.«

Heinz Erhardt

Nach einigen Nebenrollen bekam Erhardt 1957 in „Der müde Theodor“ seine erste Hauptrolle in einem Kinofilm. Etliche folgten – immer prominent besetzt, immer Kassenschlager. Nebenbei stand Heinz Erhardt weiter auf Theaterbühnen, vor allem in Hamburg, wo die Familie in Wellingsbüttel ein neues Zuhause gefunden hatte. Für Sprachaufnahmen nach Abschluss der Dreharbeiten zu seinem letzten Kinofilm „Willi wird das Kind schon schaukeln“ musste Klaus Havenstein einspringen. Denn mit dem Schlaganfall am 11. Dezember 1971 versagt Deutschlands größtem Sprachakrobaten ausgerechnet die Stimme. Zehntausende Briefe mit Genesungswünschen treffen bei der Familie ein: „Es war wirklich überwältigend“, sagt Tochter Marita. „Meinen Vater hat es sehr bewegt, dass das Publikum so sehr hinter ihm stand. Aber es bestand leider keine Chance, wieder gesund zu werden. Darunter litt mein Vater sehr.“

Kurz vor seinem Tod versammelt sich die Familie für Erhardts letzten Auftritt vor dem Fernseher. In „Noch ’ne Oper“ kommen Erhardts Schlussworte aus dem Off, aufgenommen vor dem Schlaganfall: „Sie sehen, es ist eine sehr traurige Angelegenheit, aber wir machen ja ernste Dinge dadurch nicht fröhlicher, indem wir sie ernsthaft behandeln. Nur fröhliche Dinge sind es wert, ernsthaft behandelt zu werden.“ Er war halt ein Schelm.

THOMAS RÖBKE