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LÄNGER UND BESSER LEBEN


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 1/2023 vom 16.12.2022
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VORIGE DOPPELSEITE Sekunden nach seiner Geburt werden im Beauregard-Krankenhaus in Aosta, Italien, die Vitalwerte von Tommaso Citti überprüft. Kinder, die heute in reichen Ländern zur Welt kommen, haben gute Chancen, weit über 90 Jahre alt zu werden.

WIE WEIT KONNEN WISSEN-SCHAFTLER UNSERE LEBENSSPANNE VERLANGERN? UND WIE WEIT SOLLTEN SIE DABEI GEHEN?

BIOLOGISCH, SO SCHEINT ES, KONNEN WIR FUR EIN LANGERES LEBEN OPTIMIERT WERDEN. DAHINTER WARTET EIN GESCHAFT RIESIGEN AUSMASSES.

MIT MÄUSEN KLAPPT ES SCHON EXTREM GUT.

Wissenschaftler verabreichen den Tieren Rapamycin, das häufig nach Transplantationen verschrieben wird, um eine Organabstoßung zu vermeiden. Damit erhöhen sie die Lebenserwartung von Mäusen mittleren Alters um bis zu 60 Prozent. Sie füttern sie mit Senolytika und halten hochbetagte Mäuse damit erstaunlich rüstig. Mit den Diabetesmedikamenten Metformin und Acarbose oder extremer Kalorienrestriktion sorgen sie dafür, dass Mäuse weit über ihr normales Höchstalter hinaus quicklebendig in den Laborkäfigen umherspringen. Der neueste Plan der Forscher: den Alterungsprozess selbst zu „hacken“ und alte Zellen auf ihr jüngeres Selbst ...

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... zurückzuprogrammieren. „Wenn Sie eine Maus sind, können Sie sich glücklich schätzen, denn es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, Ihr Leben zu verlängern“, sagt Cynthia Kenyon, eine Molekularbiologin, deren bahnbrechende Arbeit aus den 1990er-Jahren den Anstoß zu dem heutigen Forschungsboom gab.

„OHNE LIMITS“ MIT CHRIS HEMSWORTH

Die NATIONAL-GEO-GRAPHIC-Serie über den Kampf gegen das Altern jetzt streamen.

Auch wir Menschen scheinen auf einem guten Weg zu sein: Seit den ersten entsprechenden Aufzeichnungen in Deutschland von 1881 hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung mehr als verdoppelt: von 39 auf 83 Jahre bei Frauen und von 36 auf heute 79 Jahre bei Männern. Doch dieser bemerkenswerte Zugewinn hat seinen Preis: eine gigantische Zunahme chronischer und degenerativer Erkrankungen. Die damit verbundenen Schmerzen und Beschwerden können die späten Jahre zu einem zweifelhaften Segen machen.

Forscher arbeiten deshalb nicht einfach daran, unsere Lebensspanne an die vermutete natürliche Höchstdauer von 120 bis 125 Jahren hinauszuschieben. Die vielen Versuche an Fadenwürmern und Fruchtfliegen, Killifischen und Mäusen sollen uns vor allem ein gutes Leben im Alter scheint nämlich, dass die menschliche Biologie dafür optimiert werden kann. Ein Geschäft riesigen Ausmaßes wartet auf denjenigen, der den Code knackt – kein Wunder, dass Investoren Milliarden in den Versuch stecken. Den Anfang des Investment-Rauschs machte Google im Jahr 2013 mit der Gründung von Calico Life Sciences, wo Cynthia Kenyon als Vizepräsidentin im Bereich Altersforschung fungiert. In den letzten Jahren zogen andere Tech-Tycoons, Krypto-Millionäre und seit Kurzem auch saudische Prinzen nach.

Befeuert wird die Forschung durch künstliche Intelligenz, Big Data, zelluläre Umprogrammierung und ein immer genaueres Verständnis der zigtausend Moleküle, die unseren Körper am Laufen halten. Einige Forscher sprechen sogar davon, das Altern „heilen“ zu können.

Seit Urzeiten träumt der Mensch von ewiger Jugend. Doch noch vor 30 Jahren war die Erforschung des Alterns und der Langlebigkeit ein derartiges Randphänomen, dass Kenyon Schwierigkeiten hatte, junge Wissenschaftler als Assistenten zu finden. Während ihrer damaligen Tätigkeit an der University of California, San Francisco, veränderte Kenyon ein Gen in winzigen Fadenwürmern (C. elegans) und verdoppelte so deren Lebensspanne. Die Mutanten verhielten sich insgesamt jugendlicher und wanden sich putzmunter unter dem Mikroskop, während ihre nicht veränderten Altersgenossen eher schlapp herumlagen. Kenyons verblüffende Entdeckung lieferte den Beweis, dass der Alterungsprozess veränderbar ist und von Genen, zellulären Leitungsbahnen und biochemischen Signalen gesteuert wird. „Das Ganze wurde von einem Herumstochern im Nebel zu einem gängigen Forschungsgebiet, das jeder verstand“, sagt sie.

Dass der Tod bei Würmern und Mäusen verzögert werden kann, bedeutet jedoch nicht, dass dies auch beim Menschen funktioniert. Kurze Zeit schien es, als würden Senolytika das große Ding. Die Mittel töten schädliche Zellen ab, die sich mit dem Alter ansammeln. Doch schon eine der ersten klinischen Versuchsreihen – eine mit Spannung erwartete Studie über ein Medikament gegen Arthrose – ergab, dass dieses weder Schwellungen noch Gelenkschmerzen effektiver lindern konnte als ein Placebo. Derzeit erproben Forscher und Biotech-Unternehmen Senolytika zur Behandlung von Alzheimer im Frühstadium, Long Covid, chronischen Nierenerkrankungen und Schwäche bei Krebspatienten sowie bei Diabetes-Komplikationen, die zur Erblindung führen können. Klinische Studien mit anderen Anti-Aging-Wirkstoffen sind ebenfalls im Gange. Bislang hat es jedoch keines der experimentellen Präparate, die bei Mäusen eine so verblüffende Wirkung zeigten, auf den Markt geschafft.

„Es gibt sehr viele verschiedene Ansätze“, sagt Kenyon. „Wir wissen nicht, ob einer davon funktionieren wird. Vielleicht sind aber auch Kombinationen die Lösung. Wir müssen einfach ganz viel ausprobieren. Und genau das geschieht jetzt.“

Am Max-Planck-Institut für die Biologie des Alterns in Köln haben Forscher zum Beispiel kürzlich herausgefunden, dass das vielversprechende, aber nebenwirkungsreiche Medikament Rapamycin das Tierleben schon erkennbar verlängern kann, wenn es statt lebenslang nur phasenweise verabreicht wird – am besten im jungen Erwachsenenalter: zwei Wochen bei Fruchtfliegen oder drei Monate bei Mäusen.

„Wir haben einen Weg gefunden, die Notwendigkeit einer chronischen, langfristigen Einnahme von Rapamycin zu umgehen, sodass die Anwendung im Menschen wahrscheinlicher werden könnte“, sagt Yu-Xuan Lu, Mitautor der Studie.

SEIT URZEITEN TRAUMT DER MENSCH VON EWIGER JUGEND. DOCH NOCH VOR 30 JAHREN WAR DIE ERFORSCHUNG DES ALTERNS EIN WISSEN-SCHAFTLICHES RANDPHANOMEN.

Das Medikament schützt offenbar den Darm vor altersbedingten Veränderungen. Dario Riccardo Valenzano vom Leibniz-Institut für Altersforschung in Jena konzentriert sich mit seiner Forschungsgruppe ganz auf die Rolle von Darmbakterien für den Alterungsprozess. Er hat zum Beispiel nachgewiesen, dass ältere Killifische um 40 Prozent länger leben, wenn sie Darmbakterien ihrer jungen Artgenossen aufnehmen. Spannend daran ist, dass die Darmflora des Killifisches in ihrer Vielfalt und Zusammensetzung der des Menschen ähnelt.

WALT Crompton, Biochemie-Ingenieur im Ruhestand, ist 69. Er lebt im Silicon Valley und hat eine düstere Vision vom Älterwerden. „Ich bin in dem Alter, in dem es rasant abwärts geht“, sagt er. „Du schaust dich um, immer mehr deiner Altersgenossen sterben, bekommen schreckliche Krankheiten. Es zwickt und zwackt, plötzlich tut das Knie beim Laufen weh und, und, und …“

Nicht verwunderlich, dass Crompton sich wie besessen auf jedwede Forschung zum Thema Altern und Lebensverlängerung stürzte. Er las die Mausstudien. Er besuchte Kongresse, auf denen Wissenschaftler über die Kennzeichen des Alterns sprachen, die miteinander vernetzten Abläufe, die die Biologie mit der Zeit auf die schiefe Bahn bringen.

Die Schutzkappen auf den Chromosomen, sogenannte Telomere, werden zum Beispiel kürzer. Das Genom verliert an Stabilität, krebserregende DNA-Mutationen nehmen zu. Das Epigenom – chemische Verbindungen, die sich an die DNA heften und die Aktivität von Genen regulieren – verändert sich. Zellen werden seneszent; das heißt, sie stellen ihre normale Funktion ein, sterben aber wie Zombies nicht ab, sondern scheiden Chemikalien aus, die Entzündungen verursachen. Die Folge sind Störungen in den Leitungsbahnen, die auf Nährstoffe, Lipide und Cholesterin reagieren, wodurch der Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht gerät. Die Liste lässt sich fortsetzen. Es gibt keinen allgemeinen Konsens, wie diese Veränderungen sich gegenseitig beeinflussen oder welcher Faktor die größte Rolle spielt und als Erstes angegangen werden sollte.

Auf einer Konferenz hörte Crompton, wie ein Wissenschaftler namens Greg Fahy seine Theorie erläuterte, der Alterungsprozess lasse sich durch die Behandlung der Thymusdrüse, eines wichtigen Teils des Immunsystems, umkehren. Fahy suchte Freiwillige, um zu testen, ob Injektionen vom rekombinanten humanen Wachstumshormon (einem Mittel, das seit Jahrzehnten zur Behandlung kleinwüchsiger Kinder eingesetzt wird) die Thymusdrüse verjüngen und damit auch die schwindenden Abwehrkräfte des Körpers neu aktivieren könnten. Der Forscher hatte sich das Mittel seit acht Jahren mit Unterbrechungen selbst gespritzt. Mit seinem dichten, dunkelbraunen Haar und seinem jugendlichen Enthusiasmus schien er in beneidenswerter Verfassung für einen Mann im Rentenalter. Crompton meldete sich an.

Fahy, wissenschaftlicher Leiter des kalifornischen Unternehmens Intervene Immune, ist vor allem als Kryobiologe bekannt. Er entwickelte ein Verfahren zur Konservierung von Nieren, die bei minus 135 Grad bis zum Zeitpunkt der Transplantation gelagert werden können. Gleichzeitig ist Fahy seit Jahrzehnten von der Thymusdrüse fasziniert – seit er eine Studie von Wissenschaftlern las, die das Immunsystem von Ratten durch die Implantation von wachstumshormonproduzierenden Zellen wieder auf Vordermann brachten. Er glaubt, dass die meisten Arzneimittel, die das Leben von Mäusen verlängern, die Erwartungen enttäuschen werden, weil sie „nicht das Immunsystem davor bewahren, den Bach runterzugehen“ – für viele Forscher der Schlüsselfaktor für ein längeres Leben.

WIE GEHT GESUNDES ALTERN? FORSCHER NEHMEN DIE WACHSENDE GRUPPE DER HUNDERT-JAHRIGEN UNTER DIE LUPE.

DAS ALTER IM SPIEGEL

Mit den Jahren wird unser Mund länger, die Nase breiter, und unsere Augenlider beginnen zu hängen. Dazu kommen Falten und Elastizitätsverlust der Haut. Jing-Dong Jackie Han von der Chinesischen Wissenschaftsakademie wollte wissen, ob unser Gesicht das biologische Alter verrät, das bis zu sechs Jahre vom chronologischen abweichen kann. Mit ihrem Team vermorphte sie Porträtaufnahmen von Chinesen, um Durchschnittsgesichter zu erhalten. Der Vergleich eines Gesichts mittels 3-D-Kamerasystems und Künstlicher Intelligenz mit dem Durchschnitt, so fanden die Forscher heraus, liefert genauere Informationen über den Alterungsprozess als eine körperliche Untersuchung oder ein Bluttest.

Rekombinantes humanes Wachstumshormon unterliegt keinen Patenten mehr, sodass eine Umwidmung in Richtung Anti-Aging nicht den Geldsegen eines neuen Medikaments bringen würde; zudem wird es mit einem erhöhten Risiko für einige Krebsarten in Verbindung gebracht. Fahy versuchte vergeblich, andere Wissenschaftler für die Durchführung einer klinischen Studie zu gewinnen. „Also habe ich die Sache selbst in die Hand genommen und angefangen, auf Basis dessen, was ich über die Rattenstudie in Erfahrung bringen konnte, meinen eigenen Thymus zu regenerieren“, sagt er.

Da das Wachstumshormon das Risiko für Typ-2-Diabetes erhöhen kann, ergänzte er die Behandlung um zwei Wirkstoffe: Metformin gegen Diabetes und Dehydroepiandrosteron (kurz DHEA), ein Hormon, das die Blutzuckerregulierung verbessert. Von beiden wird außerdem angenommen, dass sie die Auswirkungen des Alterns abschwächen. Metformin, das 150 Millionen Diabetiker weltweit verabreicht bekommen, könnte das Auftreten neurodegenerativer Krankheiten und Krebs verringern. US-Forscher planen eine Studie, um herauszufinden, ob es die bekanntesten altersbedingten Krankheiten verhindert oder verzögert. So lange wollen viele Langlebigkeitsforscher allerdings nicht warten: Sie schlucken Metformin täglich.

Walt Crompton erzählt, er habe die Wirkung von Fahys Kur sofort gespürt: „Ich hatte das Gefühl, ich könnte Bäume ausreißen!“ Er nahm überschüssige Pfunde ab, ganz ohne Diät. Ein anderer Teilnehmer erzählt, sein zuvor ergrautes Haar wachse nun mit 70 wieder braun nach. Versuche zeigten, dass die T-Zell-Produktion durch die Behandlung zunahm, dass Thymusfett verschwand und sich die Gesundheit von Nieren und Prostata besserte. Am auffälligsten war, dass das biologische Alter der Männer im Durchschnitt um 2,5 Jahre sank, gemessen mit einer sogenannten epigenetischen Uhr. Hierbei werden mittels Blutuntersuchung chemische Veränderungen der DNA gemessen, die bestimmen, wie Gene abgelesen werden.

Fahys Studie, 2019 in der Fachzeitschrift Aging Cell veröffentlicht, war zu klein, und sie war nicht placebokontrolliert. Gleichwohl weckte das Experiment Hoffnung, Medikamente könnten tatsächlich das biologische Alter eines Menschen senken. Steve Horvath, in Frankfurt am Main geboren und Erfinder besagter epigenetischer Uhr, die heute als wichtiges Instrument der Langlebigkeitsforschung gilt, war beeindruckt. Der 55-jährige Genetiker und Biostatistiker nimmt inzwischen selbst an der breiter angelegten Studie teil, die Fahy zurzeit durchführt.

MIT 98 Jahren hat meine Mutter Dorothy meinen Vater, ihre beiden jüngeren Schwestern und einen späteren Lebensgefährten überlebt. Ihre graue Kurzhaarfrisur ist immer perfekt gestylt. Sie ist sehr schlank und läuft langsam, mit einem Gehstock, aber sie steht aufrecht. Unter der Woche geht sie fast täglich in ein nahe gelegenes Seniorenzentrum, besucht dort Gymnastikkurse, tanzt und trifft sich mit Freunden zum Essen. Sie vergisst nie einen Geburtstag oder eine fällige Rechnung.

Rückblickend gibt es nicht viel, das ein derart gesundes langes Leben prognostiziert hätte. Als Jugendliche musste sie aus Nazideutschland fliehen. Jahrzehntelang rauchte sie. Mein Vater war Metzger, und wir aßen viel rotes Fleisch. Andererseits war sie immer körperlich aktiv. Als Kind trieb sie Leichtathletik, ging später täglich fünf Kilometer weit zu Fuß zur Arbeit und nach ihrer Pensionierung jahrelang mehrmals pro Woche schwimmen.

Wissenschaftler beschäftigen sich mit gesunden alten Menschen wie meiner Mutter und nehmen Hundertjährige unter die Lupe, um herauszufinden, wie sie es schaffen, den versicherungsmathematischen Tabellen zu trotzen. Kristen Fortney, eine 40-jährige promovierte Biophysikerin, setzt Big Data und an Zauberei grenzende Computerkenntnisse für diese Aufgabe ein. Arzneimittelentwicklung gegen das Altern konzentriert sich meist darauf, etwas zu reparieren, was falsch läuft. Fortney versucht zu verstehen, was richtig läuft. „Ich bin immer dafür, das nachzuahmen, was bereits funktioniert. Da gibt es so viele Beispiele für gelingendes Altern ... Menschen, die 100 Jahre und älter werden und deren Muskeln und Gehirn immer noch gut funktionieren. Also wissen wir, dass es möglich ist.“

Fortneys Unternehmen, BioAge Labs in Richmond, Kalifornien, analysiert Blut- und Gewebeproben, die in Biobanken von Hawaii bis Estland gelagert werden. Die Proben sind mit elektronischen Patientenakten verknüpft, sodass Fortney und ihre Kollegen die Krankengeschichte hinter jeder Blutprobe kennen und bei Menschen, die „gut“ gealtert sind, nach Biomarkern suchen. Maschinen analysieren jede Probe auf mehrere Zehntausend Variablen, darunter 7000 Proteine. Noch vor zehn Jahren konnte die beste Technologie gerade einmal ein paar Hundert bestimmen. Mithilfe künstlicher Intelligenz ermitteln die Wissenschaftler dann mögliche Angriffspunkte für Medikamente und durchforsten die Archive von Pharmaunternehmen nach Arzneimitteln, die für andere Zwecke entwickelt wurden, aber nie auf den Markt kamen.

UNTOTE ZELLEN

Miranda Orr, Hirnalterungsforscherin an der Wake Forest University in North Carolina, entdeckte seneszente oder „Zombie“-Zellen in für das Gedächtnis zuständigen Regionen wie dem Hippocampus. Diese Zellen sterben nicht ab und sondern toxische Substanzen ab. Orr und ihre Kollegen untersuchen, ob Medikamente diese Zellen abtöten und das Gedächtnis wiederherstellen können. Der vergrößerte Ausschnitt unten zeigt die Auswirkungen der Alzheimer Krankheit. Gelb dargestellt sind Tau-Fibrillen, ein Kennzeichen degenerativer Hirnerkrankungen. Blau markiert: Moleküle, die Stress indizieren. Magenta ist ein Zeichen nicht mehr reparabler Schädigung und Grün steht für Entzündung, eine Folge der Seneszenz. Tauchen Blau, Magenta und Grün gemeinsam in einer Zelle auf, weist dies auf einen „Zombie“ hin.

Fortneys Team hat mehrere Dutzend Medikamentenkandidaten an Mäusen getestet, zu zwei laufen klinische Studien an Menschen. Eines zielt auf das Immunsystem ab, das andere auf Muskelmasse und Körperkraft. Da die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel (FDA) Medikamente nur dann zulässt, wenn sie entweder zur Prophylaxe oder zur Therapie einer Krankheit dienen, und die Behörde Altern nicht als Krankheit ansieht, untersuchen Studien wie die von Fortney die Wirkung eines Medikaments auf altersbedingte Beschwerden. Dahinter stecken aber fast immer höhere Ziele.

So erprobt Fortney beispielsweise ein Medikament mit dem Codenamen BGE-117 gegen altersbedingte Muskelfehlfunktionen, das auf eine Leitungsbahn wirkt, die unter anderem an der Regeneration von Gewebe und Blutgefäßen beteiligt ist. Man hoffe, so das Unternehmen, „eine Vielzahl altersbedingter Erkrankungen mit großem Bedarf, hohen Fallzahlen und riesigen Märkten“ anzugehen.

AN der University of Rochester im US-Staat New York besuche ich Vera Gorbunovas Super-Ager: 300 Nacktmulle. Die Tiere können in Menschenobhut mehr als 40 Jahre alt werden, zehnmal älter als für ein Nagetier ihrer Größe üblich. Vera Gorbunova und Andrei Seluanov, verheiratet und beide Biologen, studieren Nacktmulle in der Hoffnung, ihre Rezepte für ein langes Leben für uns nutzen zu können.

Der Lebensraum der Nager ist 32 Grad warm, dunkel und feucht wie eine Höhle. Jede Kolonie – eine Königin, ihre Partner und mehrere Generationen ihrer Nachkommen – hat ihre eigene weitläufige Plexiglasbehausung. Doch so gesellig sie wirken, wenn sie durcheinanderpurzeln – Nacktmulle sind ausgesprochen streitlustig, wenn es um ihr Territorium geht. Rochelle Buffenstein, die in ihrem Labor an der University of Illinois, Chicago, rund 2000 der Nager hält, hat herausgefunden, dass alte Tiere gar nicht häufiger sterben als junge. „Viele werden bei Kämpfen getötet“, sagt Gorbunova. „Das ist altersunabhängig.“

Studien an tierischen Methusalems laufen rund um den Globus. Wissenschaftler untersuchen Grönlandhaie, die mindestens 250 Jahre, vielleicht sogar noch ein paar Jahrhunderte älter werden. Vom Meeresgrund holten sie Island-Muscheln hoch, von denen eine älter als 500 Jahre war. Das Genom des Grönlandwals, eines 55-Tonnen-Kolosses, der als Meister der Langlebigkeit unter den Säugetieren gilt, ist sequenziert, ebenso das der Nacktmulle.

Aber Gorbunova hat noch andere Mitbewohner in ihrem Labor: Damara-Graumulle zum Beispiel oder Degus, chilenische Nagetiere, die für die Alzheimer-Forschung eingesetzt werden, aber auch afrikanische Stachelmäuse, die über schier unglaubliche Regenerationsfähigkeiten von Haut und Knorpel verfügen. Eine große Gefriertruhe ist vollgepackt mit Gewebeproben von Hörnchen, Kaninchen, Stachelschweinen, Bibern, Mäusen, Fledertieren und zwei Dutzend weiterer Arten.

Grönlandwale haben mehr als 1000 Mal so viele Zellen wie wir, was ihr Risiko für eine krebserregende Mutation eigentlich drastisch erhöhen sollte. Aber die Tiere bekommen keinen Krebs. Studien belegen, dass sie bei der Reparatur der DNA und der Gesunderhaltung der Zellen erstaunlich effizient und exakt sind. Gorbunova hat herausgefunden, dass auch andere langlebige Tiere diese Superkraft besitzen.

Nacktmulle verwenden dafür zum Beispiel Hyaluronsäure, einen Mehrfachzucker, der sich im Bindegewebe befindet – bekannt aus Anti-Falten-Hautcremes. Auch wir stellen diese Substanz her. Gorbunova und Seluanov entdeckten jedoch, dass die Version der Nacktmulle eine andere, schwerere Molekularstruktur aufweist als unsere, in deutlich höherer Konzentration vorkommt als bei uns und dass sie sich sehr viel langsamer abbaut. Bei Nacktmullen sorgt Hyaluronsäure nicht nur dafür, dass die Haut geschmeidig genug ist, um sich durch enge Tunnel zu zwängen. Sie unterdrückt auch Tumore.

Fledermäuse vermögen Entzündungsreaktionen so meisterhaft unter Kontrolle zu halten, dass sie Viren in sich tragen können, ohne krank zu werden – ein Kunststück, das weltweit Aufmerksamkeit erregte, seitdem man in ihnen die Quelle des Coronavirus vermutete. Wissenschaftler schätzen, dass chronische Entzündungen bei mehr als der Hälfte aller Todesfälle weltweit eine wichtige Rolle spielen.

Innerhalb der nächsten Generation, so glaubt Gorbunova, werden wir Behandlungsmethoden haben, die die menschliche Lebensspanne um ein oder zwei Jahrzehnte verlängern. Für alles, was darüber hinaus geht, müsste das menschliche Betriebssystem grundlegend verändert werden. Doch die Biologin hält das für gar nicht so abwegig, wie es klingt. „Ich denke, es ist möglich“, sagt sie.

IM

Jahr 2006 entdeckte der japanische Stammzellenforscher Shinya Yamanaka einen Weg, adulte Zellen „umzuprogrammieren“ und in einen embryonalähnlichen Zustand zurückzuversetzen. Diese Entdeckung revolutionierte die Zellbiologie und die Suche nach Behandlungsmethoden für menschliche Krankheiten, und sie brachte Yamanaka den Nobelpreis ein. Jetzt wollen Forscher mit diesem Verfahren, das als Epigenetische Reprogrammierung oder Zelluläre Reprogrammierung bezeichnet wird, den Alterungsprozess umkehren und die damit einhergehenden Krankheiten ausmerzen.

„Das könnte gravierendere Auswirkungen haben als CRISPR“, meint der Biologe David Sinclair und bezieht sich dabei auf die Technologie der Genom-Editierung. „Was die Menge an Geld und die Zahl an Forschern angeht, die darauf angesetzt sind, ist es ganz sicher die größte Sache seit CRISPR.“

Anfang 2022 überraschte eine Gruppe prominenter Tech-Unternehmer, darunter Amazon-Gründer Jeff Bezos, die eingeschworene Gemeinschaft der Altersforscher mit der Gründung eines Drei-Milliarden-Dollar-Start-ups zur Stammzell-Reprogrammierung: Altos Labs. Sie verpflichteten Yamanaka als Berater und warben andere hochkarätige Wissenschaftler von renommierten akademischen Posten ab. Je nach Standpunkt ist die massive Investition in eine Technologie, die selbst noch im Embryonalstadium steckt, entweder Ausdruck der Hybris des Silicon Valley oder eine clevere Wette auf die Zukunft der Medizin.

Yamanaka verwendete vier als Transkriptionsfaktoren bekannte Proteine, die die Genexpression initiieren und regulieren, um die Identität ausgereifter Zellen zu löschen – sie im Grunde in ihren Ursprungszustand zurückzuversetzen. Die Idee, diese Methode auf den Alterungsprozess anzuwenden, stammt von Juan Carlos Izpisua Belmonte, einem Biologen, der sich mit Organregeneration befasst. Er wollte die Yamanaka-Faktoren nutzen, um die Uhr nur teilweise zurückzudrehen, das heißt die jugendliche Spannkraft der Zellen wiederherzustellen und zugleich ihre Identität und Funktion zu erhalten.

Mit seinem Team am Salk Institut für Biologische Studien in La Jolla, Kalifornien, experimentierte er mehrere frustrierende Jahre lang mit Mäusen, bis sie ein Verfahren entwickelt hatten, das die Tiere tatsächlich verjüngte. Durch partielle Reprogrammierung verlängerten sie das Leben von vorzeitig gealterten Mäusen und beschleunigten die Heilung von Muskelverletzungen bei normal gealterten Tieren. Izpisua Belmonte sagte seinerzeit dazu, die Versuche zeigten, dass Altern „vielleicht keine Einbahnstraße sein muss“.

Heute, als wissenschaftlicher Direktor bei Altos, spricht er nicht mehr öffentlich davon, den Alterungsprozess umzukehren. Das Unternehmen betont, es gehe darum, Erkrankungen rückgängig zu machen. Möglicherweise wollen sich die Geldgeber von der langen, höchst dubiosen Geschichte vermeintlicher

Sehnerven wieder nachwachsen zu lassen. „Das war schon toll“, sagt er, „aber ich dachte mir, wenn das wirklich eine Altersumkehr ist, dann sollten wir auch in der Lage sein, altersbedingte Erkrankungen rückgängig zu machen.“ Also probierte er es bei Mäusen mit Glaukom aus – und ihre Sehkraft kehrte zurück. Als Nächstes versuchte Sinclair, Zellen betagter Mäuse mit altersbedingtem Sehverlust umzu-

FUNF VERHALTENSWEISEN KONNEN DIE LEBENSERWARTUNG UM MEHR ALS ZEHN JAHRE ERHOHEN: GUTE ERNAHRUNG, REGELMASSIGE BEWEGUNG, GESUNDES KORPERGEWICHT, NICHT RAUCHEN UND NICHT ZU VIEL ALKOHOL.

Anti-Aging-Wundermittel distanzieren. Oder aber sie haben im Blick, was die FDA genehmigen wird: Behandlungen gegen Krankheiten, nicht gegen das Altern.

„Wo liegt der Unterschied?“, fragt David Sinclair und verdreht die Augen. Der Professor für Genetik an der Harvard Medical School macht keinen Hehl aus seinem Vorhaben, dem Altern – auch seinem eigenen – ein Schnippchen zu schlagen. Er hat diverse Unternehmen gegründet und kräftig investiert, um Langlebigkeits-Technologien und -Moleküle auf den Markt zu bringen. Mit 53 Jahren nimmt er Metformin und streut Resveratrol über sein Frühstück. „Ich probiere alles, worüber die Leute reden, zumindest einmal aus“, sagt er. „Ich bin neugierig. Mir macht es Spaß, zu experimentieren.“ Er stemmt Gewichte, um seinen Hormonspiegel in Topform zu halten, seit Kurzem ernährt er sich vegan. Penibel überwacht er sein biologisches Alter über Inside Tracker, ein Unternehmen, das er berät und das 43 Biomarker analysiert.

Sinclair modifizierte die Yamanaka-Formel, indem er einen Transkriptionsfaktor ausschaltete, der mit Krebs in Verbindung gebracht wird, und wandte dann die partielle Reprogrammierung an, um bei jungen Mäusen zerstörte programmieren. „Und wissen Sie was?“, sagt Sinclair. „Es hat funktioniert!“

Seit Veröffentlichung der Ergebnisse in der Fachzeitschrift Nature im Dezember 2020 hat Sinclair die Studien fortgesetzt und erklärt, die Wirkung sei offenbar von Dauer. Mittlerweile führen er und die Wissenschaftler in seinem Labor fantastisch anmutende „Back-to-the-Future“-Versuche durch, bei denen sie die Alterung von Mäusen beschleunigen, sodass diese runzelig und phlegmatisch werden; oder sie forcieren den Alterungsvorgang eines einzelnen Organs oder aller Organe. Indem sie den Alterungsprozess bewusst auslösen, hoffen sie zu lernen, wie man ihn ausschalten kann.

Sinclair nahm den Sehnerv ins Visier, weil er eine der ersten Stellen ist, die vom Alterungsprozess betroffen sind. Bereits kurz nach der Geburt verlieren wir die Fähigkeit, dort Zellen zu regenerieren. Er ist überzeugt, dass seine Studien wegweisend für die Behandlung von Rückenmarksverletzungen und Störungen des zentralen Nervensystems sein können. Wenn durch Zurückdrehen des Zellalters verlorenes Sehvermögen wiedererlangt werden kann, so seine Meinung, warum nicht auch die Fähigkeit, zu gehen oder sich zu erinnern?

NIEMAND weiß, wann – oder ob – eine Technologie wie die Reprogrammierung auch beim Menschen das leisten wird, was bei Mäusen gelingt. Doch in der Zwischenzeit können wir selbst eine ganze Menge gegen das Altern tun. Forscher der Harvard T. H. Chan School für Öffentliche Gesundheit haben Datensätze aus mehreren Jahrzehnten von mehr als 120 000 Erwachsenen in den USA untersucht und herausgefunden, dass fünf Verhaltensweisen die Lebenserwartung von Frauen um 14 Jahre und die von Männern um zwölf Jahre erhöhen können: gute Ernährung, regelmäßige Bewegung, ein gesundes Körpergewicht, nicht rauchen und nicht zu viel Alkohol.

„Wenn man wirklich nur eines davon praktizieren will – was ich nicht empfehle –, dann sollte es unbedingt Bewegung sein“, meint Matt Kaeberlein, Direktor des Instituts für Gesundes Altern und Langlebigkeitsforschung an der University of Washington. Er ist ein echter Wissenschaftler, kein Fitness-Guru. Sein Labor hat eine Plattform namens WormBot entwickelt, die gleichzeitig Daten aus Hunderten parallel laufenden Versuchen sammelt, um die Faktoren herauszufinden, die die Lebensspanne des Fadenwurms C. elegans beeinflussen. Außerdem experimentiert er mit Rapamycin an Hunden. Aber egal, wie viel er zu tun hat: Dreimal pro Woche geht Kaeberlein, 51, zum Krafttraining in seine Garage, um seine Muskelmasse zu erhalten. „Bei den meisten Menschen über 50 ist der Verlust von Muskelmasse durch zu viel Sitzen einer der wichtigsten Vorhersage-Faktoren für Gesundheitsprobleme in späteren Jahren“, sagt er.

Fitnessexperten streiten endlos darüber, welches Trainingsprogramm am besten geeignet ist, Gesundheit und Kraft im Alter zu maximieren. In ähnlicher Weise sind sich Ernährungsexperten uneins über die optimale Ernährung: Intervallfasten, Keto, vegan, mediterran und mehr schwirren durch den Diskurs.

Tierversuche liefern überzeugende Beweise dafür, dass strenge Kalorienrestriktion die Lebenserwartung erhöht. Ob das auch für Menschen zutrifft, ist schwer zu sagen. Vor zwei Jahrzehnten startete das Nationale Institut für Altersforschung der USA eine große Studie, um die Wirkung einer um 25 Prozent reduzierten

Kalorienzufuhr zu messen. Doch obwohl die Teilnehmer begleitende Beratung, eine Software zur Aufzeichnung ihrer Nahrungsaufnahme und zeitweise auch fertige Mahlzeiten erhielten, sparten sie lediglich zwölf Prozent der Kalorien ein. „Die kalorienreduzierte Diät scheint das Mikrobiom zu verändern, was die Entzündungsreaktion dämpft. Wenn auch Nahrungsergänzungsmittel die Mikroorganismen beeinflussen, dann könnten wir dieselben positiven Effekte möglicherweise auch ohne kalorienreduzierte Diät erzielen“, sagt Francesco Neri, Biologe an der Universität Turin, der diese Zusammenhänge auf molekularer Ebene an Mäusen untersucht hat.

Becca Levy, Professorin für Epidemiologie und Psychologie an der Yale University, weist auf einen weiteren wichtigen Faktor für gutes Altern hin, den sie in zahlreichen Studien untersucht hat: die positive Grundeinstellung zum Älterwerden. Menschen mit einer besonders positiven Vorstellung vom Altern leben durchschnittlich siebeneinhalb Jahre länger als solche mit einer extrem düsteren.

Das brachte mich wieder zu meiner Mutter, die mit Ende 90 noch immer das Leben genießt. Die Studien von Becca Levy lassen mich zu dem Schluss kommen, dass die Lebenseinstellung meiner Mutter ihre Vitalität zumindest teilweise erklärt. Ich habe nie gehört, dass sie über ihren Geburtstag gemurrt oder gesagt hätte, sie könne dies oder jenes nicht tun, weil sie zu alt sei. „Nein“, sagt sie, als ich sie darauf anspreche.

„Ich mache die Dinge vielleicht langsamer, und vielleicht mache ich weniger davon. Aber ich bin nicht zu alt, um zu tanzen oder zu gehen oder für irgendetwas anderes, was ich gern tue.“

Sie legt eine kurze Denkpause ein. „Na ja, ich mag nicht mehr schwimmen.“ „Weil du schon so lange nicht mehr warst?“ „Weil mir nicht gefällt, wie ich in einem Badeanzug aussehe.“ j Aus dem Englischen von Dr. Eva Dempewolf

Fran Smith schreibt regelmäßig für NATIONAL GEOGRAPHIC über Gesundheitsthemen. Vier National-Geographic-Society-Explorer haben die Fotografien für diese Geschichte gemacht: Jasper Doest aus den Niederlanden, David Guttenfelder aus den USA, Nichole Sobecki aus Kenia und Melanie Wenger aus Frankreich.