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LAICHHILFE: DIE HECHT FABRIK


Blinker - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 07.12.2018

Die Schwedische Schärenküste ist ein idealer Lebensraum für den Hecht – nur bei der Fortpflanzung hat er es schwer. Daher helfen dort die Angler den Fischen und geben zurück, was die Verbauung der Landschaft zerstört hat.Alexander Seggelke ist Geschäftsführer des Deutschen Angelfischer-Verbandes und Biologe. Erhat vor Ort geforscht und mit angepackt. Jetzt fragt er sich, was wir hierzulande von den schwedischen Erfahrungen lernen können.


Artikelbild für den Artikel "LAICHHILFE: DIE HECHT FABRIK" aus der Ausgabe 10/2019 von Blinker. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Blinker, Ausgabe 10/2019

Draußen wird gejagt und gewachsen, drinnen gelaicht: Überflutungsflächen wie diese, nah der Küsten, sind äußerst wichtig für die Nachwuchsproduktion der Hechte.

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FOTO: FOTOLIA / MEDIAGRAM

Der Schwedische Schärengarten ist ein Paradies für Hechtangler. Das Wasser ist häufig glasklar, oft nicht tiefer als einen oder zwei Meter und bevölkert von zigtausenden Brackwassser-Krokodilen. Sie haben ein so reichhaltiges Nahrungsangebot, dass sie binnen kurzer Zeit zu kraftstrotzenden Räubern heranwachsen. Vor allem die fetthaltigen Heringe, die im Frühjahr und Herbst zum Laichen in die Uferzonen ziehen, stellen eine echte Power-Nahrung dar. Doch auch Süßwasserfische wie Rotaugen, Brassen und Lauben kommen in Massen vor und machen die Hechte rund und glücklich.

In den großen, flachen Buchten ist der Salzgehalt deutlich zu schmecken und die Vegetation ist geprägt von Blasentang und Seegras. Der Salzgehalt von bis zu zehn Gramm pro Liter ist für erwachsene Hechte kein Problem (zum Vergleich: Die Nordsee hat einen Salzgehalt von etwa 35 Gramm). Dennoch stellt der Lebensraum die Raubfische vor ein Problem, nämlich dann, wenn es an die Vermehrung geht.

Sobald die Frühjahrssonne scheint, erwärmen sich die flachen Wasserkörper schnell – reichlich Vegetation und reines Süßwasser machen die Mischung für Hechte perfekt.


EIN SALZ-PROBLEM

Von Lachs und Meerforelle weiß es jeder: Sie wandern teilweise hunderte Kilometer vom Salz-ins Süßwasser, um ihre Laich-gründe zu erreichen. Dabei überwinden sie flachstes Wasser, weder Stromschnellen noch Wasserfälle halten sie auf. In den Brackwasser-Revieren der Ostsee müssen alle Süßwasserfische jedes Jahr zur Laichzeit die salzigen Bereiche verlassen und sowohl süßes Wasser als auch passenden Bewuchs aufsuchen – sonst wird es nichts mit dem Nachwuchs. Die Hechte unternehmen dabei mit die spannendsten Wanderungen, die denen der Meerforelle in nichts nachsteht. Einige Ostseehecht-Populationen sind sogar zwingend darauf angewiesen, in ausgesüßte Bereiche zu wandern. Nur dort ist eine erfolgreiche Eiund Larvenentwicklung gewährleistet. Ein großer Teil der Ostseehechte geht so jedes Jahr auf Wanderschaft.

Mit dem Einsetzen der Schneeschmelze im Frühjahr steigen die Wasserpegel in den Zuflüssen der Ostsee, und auf angrenzenden Feldern und Wiesen entstehen mancherorts riesige Seenlandschaften. Diese Feuchtgebiete, sogenannte „Wetlands“, sind prädestinierte Fortpflanzungsparadiese für viele aquatische Arten, so auch für Hechte. Aufgrund der meist geringen Wassertiefe wärmt die Frühlingssonne diese Bereiche schnell auf. Es entsteht eine regelrechte Nährsuppe, die nach dem Laichgeschäft beste Aufwuchsbedingungen für die Nachkommen sichert. Neueste Erkenntnisse aus Schweden haben sehr eindrucksvoll gezeigt, wie effektiv Wetlands, die nur über kleinste Bäche mit der Ostsee verbunden sind, als Laichgewässer genutzt werden. Man geht sogar davon aus, dass etwa 50 Prozent des Ostsee-Hechtbestandes zum Laichen über kleine Bäche und Flüsse aufsteigt. Ich selbst konnte auf der Insel Öland, im Südosten Schwedens, zusehen, wie nach der Schneeschmelze Tausende von Hechten durch kleine temporäre Bäche in ihre Fortpflanzungsgebiete aufsteigen.

Wissenschaftliche Befischungen zeigten, dass die mit der Ostsee verbundenen Überflutungsflächen extrem wichtig für den Hechtbestand sind.


FOTOS: A. SEGGELKE

In Südschweden fällt der Startschuss meist zwischen Februar und März. Die Temperaturen steigen über den Gefrierpunkt. Überall beginnt es zu tropfen und aus Rinnsalen werden kleine Bäche. Wie auf Knopfdruck folgen die laichreifen Hechte ihrem Fortpflanzungsdrang.

NACH DER SCHNEESCHMELZE GEHT’S RUND

Nur wenige Zentimeter Wassertiefe reichen aus, um den Hechten das Aufsteigen zu ermöglichen. An manchen Stellen rieselt das Wasser nur zwischen den Steinen und Ästen hindurch – dber das reicht! Die stehenden Wasserflächen mit ihren wärmeren Temperaturen ziehen die liebeswilligen Fische regelrecht an. Wehre und Rauschen werden von Hechten mit einem Sprung spielend leicht überwunden – sie können das mindestens so gut wie Meerforelle oder Lachs. An tieferen Stellen wird gerastet. Meist steigen die Hechte in der Dunkelheit auf. Es kommt zu einem regelrechten „run“. In einem winzig kleinen Bach auf Öland, der nur im Frühjahr Wasser führt, konnte ich mit meinen Kollegen in mehreren aufeinanderfolgenden Tagen über 25 Hechte pro Nacht markieren. So ermittelten wir mit Hilfe einer Fang-Wiederfang-Methode eine Gesamtindividuenzahl von über 350 aufgestiegenen Hechten.

Wie lange die Wanderung dauert, hängt in der Regel mit der Entfernung des Laichgebiets, der Durchgängigkeit des Gewässers, der Temperaturentwicklung und dem Wasserstand zusammen. Mitunter liegen die Laichgebiete der Hechte viele Kilometer im Landesinneren. Da kann es Tage, gar Wochen dauern, bis die Fische an ihrem Ziel ankommen. Das Laichgeschäft dauert dann nur unwesentlich länger, entwickelt sich aber zu einem echten Spektakel. Die manchmal fußballfeldgroßen Wasserflächen sind dann Schauplatz eines rasanten, sich immer wieder aufbauenden Liebesspiels. Weit über 1.000 Hechte konnten Wissenschaftler auf einigen Flächen auf dem Festland zählen. Nicht selten sind diese Gebiete bereits aus der Ferne anhand der vielen kreisenden Seeadler leicht zu lokalisieren. Es ist beeindruckend zu beobachten, wenn die großen Greife immer wieder wie landende Flugzeuge anfliegen, um sich am reich gedeckten Tisch zu bedienen. Dem Hechtbestand schadet diese, auf die Gesamt-Hechtmenge bezogen verschwindend geringe Entnahme gar nicht.

Vor und nach dem Aufenthalt in der Hechtfabrik: Zwischen den beiden Bildern liegt nur etwas mehr als eine Woche – doch die hatte es offensichtlich in sich.


„WEHRE UND RAUSCHEN WERDEN VON HECHTEN SPIELEND LEICHT MIT EINEM SPRUNG ÜBERWUNDEN.“

DER PROBLEM-ZWERG

Der Dreistachlige Stichling ist entlang der Südküste Schwedens stark auf dem Vormarsch. Nun könnte man denken, dass ein so kleiner Fisch keine großen Probleme verursacht und bestenfalls sogar den Speiseplan der Raubfische bereichert. Doch der kleine Fisch ist selbst ein gieriger (Laich-) Räuber und hier durchaus gefürchtet. Den erwachsenen Hechten bei ihrem Aufstieg gefolgt, haben sie es nicht nur auf den Hechtlaich, sondern vor allem auf die Larven abgesehen. Nach dem Motto: „Jetzt so viele wie möglich fressen – bevor sie den Spieß umdrehen!“ Wissenschaftler der Universität in Kalmar sehen neben den vielen bekannten anthropogenen Einflüssen, wie Eutrophierung, Entwässerung oder Wasserstandsregulierungen, auch den Stichling mitverantwortlich für den Rückgang der Hechtbestände in den Schären Südostschwedens.

Mehr als nur Futter – der Stichling macht, bevor er zur Beute wird, selber reichlich Beute unter den Junghechten.

Eine vom schwedischen Anglerverband angelegte Hechtfabrik – die überfluteten Wiesen fallen im Sommer trocken, bis dahin sind sie eine ideale Kinderstube.


Zooplankton- und Fischfresser: Diese beiden Exemplare zeigen deutlich, wie sehr die Junghechte auseinanderwachsen.


So abrupt wie das Naturereignis begonnen hat, so schnell endet es auch wieder. Die Elterntiere ziehen in die Ostsee zurück, und es kehrt Ruhe ein in den flachen überfluteten Kuhwiesen und temporären Tümpeln. Nur vereinzelt entnimmt ein Seeadler noch den einen oder anderen, durch das Laichgeschäft entkräfteten Hecht aus dem Wasser.

DER WACHSTUMS-KRIEG

Bereits wenige Wochen nachdem die Laichhechte die Überflutungsflächen verlassen haben, kommt wieder Bewegung ins Wasser. Die jungen Hechte sind nach zirka 120 Temperaturtagen (Tages-Wassertemperatur multipliziert mit der Anzahl der Tage) geschlüpft und es beginnt das große Fressen der Kleinen. Nun gilt es, in einem tödlichen Wettlauf schnellstmöglich an Größe und Kraft zuzulegen. Wer zurückbleibt, wird gefressen! Zunächst halten sich die kleinen Killer an kleine Krebstierchen (Zooplankton). Davon sind auf den nährstoffreichen Überflutungsflächen mehr als reichlich vorhanden.
Schon nach kurzer Zeit erwacht allerdings ein ausgeprägter Sinn nach Fischfleisch. Vor den eigenen Geschwistern machen die kleinen Hechte dabei keinesfalls Halt. Es gilt, möglichst schnell größer als der Bruder oder die Schwester zu sein. Dabei wachsen die Fische eines Jahrganges beachtlich auseinander, nicht selten ist ein kannibalistischer Junghecht dreimal so groß wie seine Geschwister auf Wasserfloh-Diät. Ab einer Größe von etwa drei bis sechs Zentimetern ist es dann für die Überlebenden Zeit, die Kinderstube zu verlassen. Der Wasserspiegel sinkt, die Temperatur steigt und die Zehrungsprozesse auf den Überflutungsflächen lassen den Sauerstoffgehalt in die Knie gehen.
Wie erst wenige Wochen zuvor ihre Eltern, schwimmen oder driften nun die Junghechte ihrem neuen Lebensraum, dem salzig-brackigen Wasser der Ostsee, entgegen. Es wird zwei bis vier Jahre dauern, bis auch sie als laichreife Tiere auf die Überflutungsflächen zurückkehren.

ANGLER-UNTERSTÜTZUNG

Leider sind selbst in Schweden heutzutage solche Idealzustände der Fortpflanzungsgebiete selten geworden. Das Wasser muss schnellstmöglich raus aus der Landschaft. Die Landwirte stehen nach der Schneeschmelze in den Startlöchern; die Felder sollen schnell befahren und bestellt werden. Die Wasserflächen schrumpfen rapide und selbst größere Wasserflächen sind schnell ausgetrocknet, genauso wie bei uns. Aber zum Glück hat man die Bedeutung dieser speziellen Lebensräume mittlerweile erkannt. Viele aktuelle wissenschaftliche Arbeiten zeigen sehr deutlich, wie wertvoll diese Flachwassergebiete vor allem für Fische sind.

DER FILM ZUR FABRIK

Der schwedische Anglerverband und Freewater Pictures haben einen tollen Film über die Hechtfabriken gedreht. Sie finden ihn mit dem Suchgegriff „One Million Pike” oder unterbit.ly/hecht-fabrik (Schwed. mit engl. Untertiteln)

WARUM NUR IN SCHWEDEN?

In Kooperation mit Behörden, der Universität Kalmar und der Sport-Fiskarna (Schwedischer Anglerverband), wird die Forschung ausgebaut und Ergebnisse unbürokratisch in die Praxis umgesetzt. Häufig mit Hilfe einfacher Wasserstandsregulierungen entstehen nach und nach regelrechte „Hechtfabriken“ (Schwedisch: Gädda fabriker). Sogar ein „Hechttag“ ist initiiert worden. An diesem können Interessierte die Faszination der Natur erleben und das Laichspektakel tausender Hechte beobachten.

Dass Hechte als Vegetationslaicher Pflanzen/Pflanzenmaterial bei der Fortpflanzung zwingend benötigen, ist nichts Neues. Dass sie im Frühjahr, wo noch möglich, auch in Deutschland auf überspülte Wiesen ziehen, um zu laichen, ist ebenfalls weitläufig bekannt. Ob aber auch in Deutschland diese alljährlichen Wanderungen der Ostseehechte möglich sind oder gar stattfinden, ist derzeit in diesem Ausmaß nicht erforscht. Ähnliche Voraussetzungen findet man sicherlich in den Boddengebieten im nordöstlichen Mecklenburg-Vorpommern. Doch auch an unseren strukturverarmten großen Strömen und selbst an kleineren Flüssen gab es früher regelmäßige Frühjahrs-Überflutungen. Die Hechte zogen auch hier zu Tausenden auf die Koppeln.

Alexander Seggelke mit einem strammen Ergebnis der Lebensraum-Unterstützung.


Leider sind diese Überflutungszonen weiträumig aus der Landschaft entfernt worden. Drainagen, Entlastungsgräben und Pumpanlagen schaffen das Wasser in Rekordzeit aus der Landschaft. Eine effektive, industrialisierte Landwirtschaft ließ bisher keinen Platz für die so wichtigen, saisonalen Biotope. Dabei wäre nicht viel Platz vonnöten: Alle Dutzend Kilometer eine Überflutungszone von ein paar hundert Quadratmetern würde der Fischartengemeinschaft – und vielen Amphibien – ein extrem wertvolles Laichgewässer bieten und die Artengemeinschaft sehr bereichern. Vielleicht sollten auch hierzulande wir Angler den Stein ins Rollen bringen. Die Schweden haben es ja bereits vorgemacht.

WER WANDERT SONST NOCH?

Neben Hechten unternehmen auch alle möglichen anderen Süßwasserfische Wanderungen in die süßesten Bereiche der Schären und angeschlossene Gewässer. Von allen Friedfischen wandert der Aland am weitesten. Im Sommer ist er sogar an der offenen Küste der Ostee zu finden, im Frühjahr wandert er ungefähr zur selben Zeit wie der Hecht in kleine Fließgewässer, um abzulaichen.

Fast zeitgleich mit den Hechten steigen hier Alande in beachtlichen Kalibern in die kleinen Bäche auf.


ZEICHNUNG: J. SCHOLZ

FOTOS: FREEWATER PICTUTRES, A. SEGGELKE