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LAND. LEBEN. Kein Buch ist Altpapier


Münster! - epaper ⋅ Ausgabe 83/2019 vom 31.08.2019

Münster – Michael Solder ist der Mann, der »Wilsberg« möglich macht. Ihm gehört das Antiquariat Solder in der Frauenstraße, das seit Ende der 1990er-Jahre mehrmals im Jahr in das Antiquariat Wilsberg verwandelt wird. Bücher, mit denen über 400 Jahre lang gearbeitet wurde, jetzt wegzuschließen, plötzlich nicht mehr anfassen zu dürfen, ergibt für Solder keinen Sinn. Frisch Verliebte, die sich bei ihm Gedichte besorgen wollen, bereiten Solder besonderes Vergnügen. Er hat für jeden den passenden Rilke parat. Armin Willems war fürMÜNSTER! zu Gast im Antiquariat.


Artikelbild für den Artikel "LAND. LEBEN. Kein Buch ist Altpapier" aus der Ausgabe 83/2019 von Münster!. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Münster!, Ausgabe 83/2019

»ANTIQUARIAT WILSBERG« IM ALLTAG Michael ...

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»ANTIQUARIAT WILSBERG« IM ALLTAG Michael Solder handelt mit Antiquitäten im Grenzbereich zwischen Kunst und Literatur


MÜNSTER!: Herr Solder, wie sind Sie dazu gekommen, ein Antiquariat zu betreiben?
MICHAEL SOLDER : Während meines Philosophiestudiums war ich noch selbst beim Vorbesitzer des Geschäfts Stammkunde. In dieser Zeit habe ich hier immer Bücher in Stapeln gesammelt, bei denen ich mir vorgenommen hatte, sie irgendwann zu kaufen. Eines Tages, um 1993 herum, ist dann der Besitzer auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich nicht vielleicht langsam damit beginnen wollte, die ganzen Bücher abzuarbeiten. So habe ich dann zunächst als Wochenendvertretung neben dem Studium angefangen, hier zu arbeiten.

Als der Chef mir aufgrund einer schweren Krankheit das Angebot gemacht hat, das Antiquariat zu übernehmen, habe ich angenommen. Vormittags habe ich an meiner Magisterarbeit geschrieben, nachmittags den Laden betrieben. Dass ich damals direkt über dem Antiquariat gewohnt habe, war sehr praktisch. Das war 1995, ich feiere also bald 25-jähriges Jubiläum.

M!: Wer besucht Ihr Antiquariat heutzutage häufiger: potenzielle Kunden oder Wilsberg-Gruppen?
MS : Das ist ausgeglichen. Samstags sind es mehr Fans, die Wilsberg-Führungen mitmachen, aber ich habe auch einen stabilen Kundenstamm, der regelmäßig vorbeikommt. Man muss ein bisschen aufpassen, dass die einen die anderen nicht verdrängen, aber das funktioniert ganz gut.

M!: Wie war das für Sie, als die Produzenten von »Wilsberg« auf Sie zugekommen sind, um bei Ihnen zu drehen?
MS : Ende der 1990er-Jahre war das. Da war noch gar keine Rede davon, dass das hier in Serie gedreht werden sollte. Als der erste Film aber ganz gut angenommen wurde, hat man mich gefragt, ob ich das Antiquariat auch regelmäßig zur Verfügung stellen würde. Ich habe zugesagt.


»EINER HAT MICH ZUM BEISPIEL DARUM GEBETEN, ALLE WEISSEN BÜCHER AUS DEN REGALEN ZU ENTFERNEN, WEIL DIE WOHL ZU STARK GEBLENDET HABEN«


M!: Wie sind die Dreharbeiten für Sie? Ist das heute alles Routine?
MS : Normalerweise ist eine Episode für mich mit zwei Tagen Vorlauf und Nachlauf erledigt. Das hängt aber auch vom jeweiligen Regisseur ab, der ja von Episode zu Episode wechseln kann. Einer hat mich zum Beispiel darum gebeten, alle weißen Bücher aus den Regalen zu entfernen, weil die wohl zu stark geblendet haben. Die dann hinterher wieder da einzusortieren, wo sie hingehören, war schon einigermaßen aufwendig, denn für gewöhnlich sortiere ich meinen Bestand nicht nach Farben.

Andererseits kommt es aber auch vor, dass nur draußen vor der Tür gedreht werden muss. Da wird zwar oben das Schild ausgetauscht, aber im Laden selbst habe ich damit überhaupt keinen Aufwand.

EINE ECHTE RARITÄT Kants Kritiken in einheitlicher Bindung sind nur sehr selten zu finden


BÜCHER MUSS MAN LESEN Solder hält nichts davon, Bücher ungenutzt im Regal verstauben zu lassen, auch nicht, wenn sie mehrere hundert Jahre alt sind


M!: Mit einer Filmcrew könnte es in Ihrem Laden eng werden. Ist bei den Dreharbeiten schon einmal etwas zu Bruch gegangen?
MS : Das stimmt. Ich bin auch oft überrascht, wie professionell und behutsam die Licht-, Ton- und Kameraleute – die ja auch nicht alle ganz schmal sind – ihr Equipment durch den Raum manövrieren. Es ist nur einmal eine Nebelmaschine umgefallen, aus der die Flüssigkeit ausgelaufen ist. Da wurde dann an einigen Stellen der Boden ein bisschen abgeschliffen. Einmal hat sich jemand auf ein Buch gesetzt und das haben die dann gekauft, aber es ist nie etwas wirklich Teures beschädigt worden.

M!: Was macht so ein Buch denn überhaupt teuer?
MS : Es gibt verschiedene Faktoren, die den Preis eines Buches bestimmen. Bestimmte Unterschriften etwa können den Wert eines Buches steigern. Es gibt in diesem Bereich Beispiele wie Günter Grass. Der hat sehr viel signiert und natürlich wird dadurch der Wert auch gesteigert, aber eher nicht verdoppelt.

Andererseits gibt es Autoren, die entweder aufgrund ihrer eher spröden Persönlichkeit nicht so freigiebig mit ihrer Signatur umgegangen sind oder einfach nicht lange genug gelebt haben, um viel zu signieren. In einem solchen Fall kann der Preis auch schonmal von 20 Euro auf 300 Euro gesteigert werden, weil so ein Exemplar dann viel seltener ist.

Wenn historische Figuren wie Luther, Melanchton oder Friedrich der Große ein Werk signiert haben, kann sich dessen Wert auch schonmal vertausendfachen.

M!: Kommt es im Antiquariats-Alltag vor, dass Menschen mit Kisten voller Bücher vorbeikommen, durch die sie sich dann wühlen müssen, um an die wertvollen Schätze zu kommen? Und was passiert mit dem Rest? Ist das dann Altpapier?
MS : Es ist immer gut, wenn die Menschen ihren Bestand vorher einmal fotografieren, dann komme ich gegebenenfalls auch persönlich vorbei. Was das Altpapier angeht: Ich kann mich fast loben, noch nie Bücher weggeschmissen zu haben. Es gibt im Hintergrund noch eine Verwertungskette, wo nichts entsorgt werden muss. Wenn ich mir zum Beispiel eine Bibliothek ansehe, die ich kaufen möchte, kommt es vor, dass ich davon nur zehn bis 20 Prozent selbst gebrauchen kann. Der Rest geht dann entsprechend an die Kollegen, die anders strukturiert sind. Es gibt ja auch Antiquariate, die ihren Umsatz über die Masse generieren oder auch Trödelmärkte beschicken, was ich zum Beispiel gar nicht mache.

WILSBERGS PROMI-KELLNERN NR. 17

Am Sonntag, 1. September, ab 15 Uhr kellnern Prominente zum 17. Mal für den guten Zweck. Neben weiteren Personen aus Musik, Kunst und Politik bedienen Leonard Lansink (Georg Wilsberg), Roland Jankowsky (Overbeck), Vittorio Alfieri (Grabowski), Joe Bausch und Oberbürgermeister Markus Lewe die Münsteraner an den Aaseeterrassen. Außer gutem Essen und ausgezeichnetem Service warten unter anderem eine Tombola mit attraktiven Preisen, der Schnellzeichner »Preißelbär« Olaf Preiß und ein umfangreiches musikalisches Programm auf zahlreiche Gäste.

Der Erlös aus dem Umsatz des Tages fließt an den FördervereinKrebsberatung Münsterland e.V. , dessen Schirmherr Leonard Jansink ist. Weitere Informationen erhalten Sie unterwww.krebsberatung-muenster.de

M!: Also kaufen Sie erstmal alles?
MS : Ich schaue mir alle Bücher erst mal an. Das einzige, was vollständig uninteressant für mich ist und entsprechend aussortiert wird, ist der Nazidreck. Wer »Mein Kampf« dringend lesen muss, der kann sich auch die kommentierte Fassung kaufen, dafür braucht es keine Erstausgabe. Menschen, die wissenschaftlich damit arbeiten müssen, haben ohnehin Zugang dazu, zumal fast alles, was in der Nazizeit gedruckt wurde, in einer so großen Masse produziert wurde, dass darin praktisch kein antiquarischer Wert vorhanden ist. Und Menschen, die sich das aus Nostalgie oder sonstigen ideologischen Gründen ins Regal stellen, will ich nicht unterstützen.

M!: Vielen Dank für diesen kleinen Einblick in Ihren Alltag.