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Land und Leute: Über Saarlouis in illustre Welten


Sonah - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 04.09.2019

Die wiederentdeckte Geschichte eines Lebenskünstlers


Artikelbild für den Artikel "Land und Leute: Über Saarlouis in illustre Welten" aus der Ausgabe 4/2019 von Sonah. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sonah, Ausgabe 4/2019

An einem Sonntagmorgen in der Normandie: Franck Sainte-Martine liegt im Bett, döst und dämmert immer wieder ein bisschen ein. In diesem Halbschlaf hat er einen Traum, der sich um einen bestimmten Namen dreht: Octave Pelletier. Von ihm hat er ab und an in Gesprächen seiner Familie gehört – sein Urgroßonkel soll er gewesen sein, wie er selbst in der Normandie geboren und mit Olivenöl reich geworden. Doch das ist alles, was Franck weiß. Mit Familienforschung hat er sich nie beschäftigt – er ist Englischlehrer, ehemaliger Sänger (15 Jahre an der Oper von ...

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... Rouen) und plastischer Künstler. Doch nun ist seine Neugierde geweckt. Aus dem Bett aufgestanden, recherchiert er sogleich im Internet und stößt auf ein Faltblatt: Vor einem sonnigen Strand fließt Olivenöl aus einer Flasche und verspricht „J’apporte la santé“ – „Ich bringe Gesundheit“. Darunter: „Etablissements Octave Pelletier Nice“. Das muss er sein! Außerdem findet Franck ein Buch von einem Octave Pelletier mit dem Titel “L’Hypnotiseur pratique“ – „Der praktische Hypnotiseur“. Sicher ist der Autor ein Namensvetter? Doch es wurde in der Normandie gedruckt… Sogleich ruft er seine Mutter an, die aus ihrer Kindheit noch mäßige Erinnerungen an Octave hat. Eines weiß sie noch genau: „Nun, ja. Er hypnotisierte jeden in der Familie. Er brachte die Leute dazu, mit einem Regenschirm zu fischen.“

Franck ist wie gefesselt und beginnt eine akribische Recherche, die ihn etwa nach Nizza, aber auch ins Saarland führt – zu Archiven und Heimatforschern und insbesondere nach Saarlouis, zu Stadtverwaltung, Bibliothek und Museum. Heute, nach sechs Jahren Spurensuche, hat er 200 Seiten biographischer Notizen, die eine außergewöhnliche Geschichte zeichnen. Die Geschichte eines Lebenskünstlers, der immer offen und neugierig war und sich ganz nach oben arbeitete. Sein Aufstieg begann in Saarlouis.

In Bémécourt, einem Dörfchen in der Normandie, kam am 24. Februar 1878 Octave Pelletier zur Welt. Er entstammte einfachen Verhältnissen, doch seine Eltern hatten das Glück einer sehr guten Anstellung: Vater Désiré war Gärtner am „Château de Souvilly“ am Dorfrand, Mutter Rose war laut Aufzeichnungen Haushälterin, vermutlich auch im Château. Es handelte sich dabei um ein prächtiges Schlösschen mit weitläufigem Grundstück und dahinter endlosen Wäldern. Einst war der Besitzer Louis Roederer gewesen, Gründer des renommierten Champagnerhauses, 1870 aber war es an die nächste Generation übergegangen: an Jacques Olry, Ehemann von Roederers Tochter Louise. Olry war Pariser Banker, fünfreichster Mann Frankreichs und erfolgreicher Politiker.

Ein Lokalhistoriker ist sich sicher, dass die Pelletiers in einem Hausmeister-Häuschen auf dem Anwesen lebten. Octave hatte zwei ältere Brüder – Émile und Edmond – sowie eine jüngere Schwester Angèle (Francks Urgroßmutter). Als junger Erwachsener wurde er zunächst Postgehilfe, später arbeitete er in einer örtlichen Fabrik. Doch er wollte mehr. Die Generation der Eltern zu dieser Zeit hatte nur die Wahl gehabt zwischen Feld und Fabrik, doch unter jungen Leuten kursierte der Traum einer besseren Zukunft. Die Söhne der Pelletiers mögen die Eindrücke ihrer Kindheit zusätzlich beflügelt haben: Sie hatten, wenn auch aus einiger Distanz, eine andere Welt gesehen: eine Welt des Reichtums, aber auch – für Octave vielleicht noch wichtiger – der Weltgewandtheit, Bildung, Kultiviertheit.

Schon Octaves ältere Brüder hatten für die Suche nach dem großen Los die Heimat verlassen und so tat auch er es dann mit 18 Jahren. Dabei kam er bald nach Fraulautern, heute Stadtteil von Saarlouis, wo ihm das Glück gewogen war: Die Familie des Bürgermeisters konnte ihn als Französischlehrer brauchen. So ließ er sich 1897 hier nieder, wohnte im Haus eines Fußgendarmen namens Ludwig Reinhold Alkenbrecher und seiner Familie, in der Französischen Straße. Von dort aus waren es rund 20 Minuten zu Fuß bis zu seiner „Arbeitsstelle“, dem ehemaligen Kloster, das nun als Rathaus und Bürgermeisterwohnung diente. Der Bürgermeister war derzeit Franz Warlimont, 54 Jahre alt und bereits seit 20 Jahren im Amt, seine Frau hieß Josepha. Ihre Kinder, Octaves Schüler, waren die 14-jährige Clara, der 13-jährige Hans, die 11-jährige Maria und die nochmals zwei Jahre jüngere Paula.

Ocatve Pelletier mit etwa 31 Jahren


© Famille Viron, Paris

Blick auf den Markt und in die Französische Straße von Saarlouis


Rose und Désiré Pelletier © Franck Sainte-Martine -Fonds Octave Pelletier, Cessole, Nice


Château de Souvilly


NEUE BEKANNTSCHAFTEN IN SAARLOUIS

Die Familie schloss den jungen Franzosen offenbar schnell ins Herz, davon zeugt Octaves Reisetagebuch. In dieses ließ er sich wie in ein Poesiealbum Sprüche und Weisheiten schreiben und seine Schüler widmeten ihm Zeilen, die ein freundschaftliches Verhältnis erkennen lassen. So etwa Maria: „Nicht lange Worte schreibe ich, / Ein Wort nur einfach schlicht, / Gott segne, Gott behüte Dich / Und dann: Vergiß – mein‘ – nicht. / Zur frdl. Erinnerung!“ Die Frau des Bürgermeisters gab ihm einen wohlwollenden Rat: „Mißtraue dem, der viel verspricht: / Er nimmt es leicht und hält mir’s nicht; / Doch wer bedächtig beim Versprechen / Ist nicht gewöhnt, sein Wort zu brechen!“ Die Einträge weisen auch darauf hin, dass Octave in Saarlouis schnell weitere Bekanntschaften schloss – wohl vor allem durch die Bürgermeisterfamilie auch in der „höheren Gesellschaft“. Etwa ein Doktor aus Polen oder ein Major aus Köln namens Harnish und dessen Frau verewigten sich in dem Buch. Zu dieser Zeit, in diesen Kreisen, stieß er vielleicht auch auf jemanden, der eine außergewöhnliche Kunst ausübte: Hypnose, vor allem zu therapeutischen Zwecken. Jedenfalls besuchte Octave Hypnose-Vorführungen und begeisterte sich dafür. Bald assistierte er dabei und schließlich beherrschte er die Hypnose selbst meisterhaft. Die Begeisterung und Wissbegierde, die er dafür aufbrachte, entsprach ganz seinem Wesen – immer wieder in seinem Leben wendete er sich neuen Dingen zu und arbeitete sich enthusiastisch ein. So sprach er auch fünf Sprachen fließend – Französisch, Deutsch, Englisch, Italienisch und Spanisch. Nach drei Jahren in Fraulautern beschloss Octave, nach Hause zurückzukehren. Eine Freundin namens Elise schrieb ihm in das Reisetagebuch: „Beim Abschied von hier, wünsch‘ ich, daß dir sei hiernieden / ein fröhlich, glücklich Leben beschieden, / Und du dereinst mit heiterem Blick, / kommst jeher nach Fraulautern zurück.“ Wieder in der Normandie, er war nun 21 Jahre alt, beschäftigte er sich mit Stereoskopie-Fotografie (Fotos mit räumlichem Tiefeneindruck) und verfasste ein Buch mit dem Titel „L’hypnotiseur pratique“, das vom lokalen Verlagsbuchhändler veröffentlicht wurde. Es erschien auch in spanischer Übersetzung und war vor allem in Spanien erfolgreich –noch zwei Neuauflagen wurden gedruckt. Bald darauf finden sich Octaves Spuren in Fontenay-Saint-Pierre im Großraum Paris, wo er Professor war. Mit 24 Jahren zog es ihn dann nach London, bald darauf nach Nizza, wo sich die Chance seines Lebens bot: Er wurde Chef über den Export der Gesellschaft der Olivenölerzeuger Nizzas, der „Société des Huiles d’Olives de Nice“. Wie er an diesen Posten kam, darauf gibt es keine Hinweise, sicher aber waren seine Sprachkenntnisse von großem Gewicht. Octave erlebte in seinem neuen Berufsfeld eine Überraschung: Je tiefer er Einblick in die Geschäfte erhielt, desto mehr Betrügereien entdeckte er. Unter einem Pseudonym veröffentlichte er einen Artikel darüber: Die Olivenölproduzenten, so erklärte er, mischten alle Arten von Öl und fügten dann lediglich ein wenig stark aromatisiertes Olivenöl hinzu. Die Öle stammten auch nicht wie angegeben aus Nizza. Außerdem besäßen einige Produzenten bis zu 30 Unternehmen, sodass der Kunde, wenn er mit einer Marke unzufrieden war und eine andere wählte, oft unwissentlich das gleiche Öl kaufte. Ob bewegt von Idealismus oder von der Lukrativität dieses Geschäftsfeldes gründete Octave mit 29 Jahren seine eigene Olivenöl-Produktion – es war die 97. von Nizza. Da er auf Zwischenhändler verzichtete, konnte er die Reinheit seines Olivenöls garantieren und es trotzdem günstig anbieten.

Das Bürgermeisteramt von Saarlouis 1900


Comtesse Zoé, fotografiert von Victor Masséna


© Collection Nice, bibliothèque de Cessole, villa Masséna, album PH 44

„TRAUMLAND“ UND MATISSE ALS NACHBAR

Im selben Jahr verlegte Octave einen Reiseführer für Nizza, geschrieben von einem „Léon Sarty“. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich die Comtesse Berthe (genannt Zoé) de Sauteiron de Saint-Clément – Schriftstellerin, Dichterin, Chefredakteurin einer Künstler-Zeitschrift, Wissenschaftlerin und mehr. Octave fühlte sich offenbar wohl in illustren Kreisen, die sich mit Kunst, Literatur und Wissenschaft beschäftigten. Und es ging nun steil bergauf für ihn: Gerademal 30 Jahre alt gewann er für sein hochwertiges Öl etwa auf der Internationalen Industrieausstellung in Toulouse oder bei einer Ausstellung in Amsterdam eine Goldmedaille. Er wurde Lieferant der Gesellschaft der Hoteliers von Nizza und bald sogar des Hofes der Königinmutter der Niederlande. Nun saß er selbst bei Ausstellungen, etwa in Paris, London oder Mailand, in der Jury. Zwischendurch veröffentlichte er immer wieder Broschüren und Bücher, darunter ein weiteres Reisebuch der Comtesse Zoé, sowie Werbepostkarten und -flugblätter. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, musste er, 37 Jahre alt, an die Front. Doch aufgrund seiner außergewöhnlichen Sprachkenntnisse bot sich bald ein Ausweg: Er wurde in Dieppe in der Normandie Spion in einem Post-Zensurprogramm: Alle Briefe, die aus Frankreich hinaus oder ins Land hineingingen, wurden kontrolliert. Das war keine leichte Aufgabe, denn die feindlichen Lager bemerkten die Kontrolle schnell und wechselten zunächst in Dialekte, später zu in den Texten versteckten Geheimbotschaften. Octaves Geschäft überstand den Krieg offenbar gut. In den 1930er Jahren bekam er in der Rue Désiré Niel in Nizza, wo in seinem Laden Olivenöl, Seife und kandierte Früchte verkauft wurden, einen prominenten Nachbarn: Henri Matisse. Dieser ließ eine direkt an den Laden angeschlossene Garage in ein Kunststudio umbauen und so „teilten“ sich die beiden eine Wand. Es ist also davon auszugehen, dass sie sich kannten. Matisse arbeitete zu dieser Zeit an Wandgemälden zum Thema „Tanz“ und wandte zudem erstmals seine berühmte Scherenschnitt-Technik an. Außerdem machte er – das ist sehr ungewöhnlich – das Studio für ein paar Tage der Öffentlichkeit zugänglich. Vielleicht nutzte auch der künstlerisch interessierte Octave diese Gelegenheit, Matisse arbeiten zu sehen? Vermutlich bekam er auch mit, dass Matisse und der Choreograf Léonide Massine 1939 zahlreiche Proben für ein gemeinsam geschriebenes Ballett abhielten.

Mit 56 Jahren wohnte Octave zur Miete in Cimiez, Nizzas neuem Trendviertel, als er hörte, dass in der Nachbarschaft ein Nachlass verkauft wurde. Er war interessiert, denn er sammelte Antiquitäten. Doch er verliebte sich nicht nur in die angebotenen Möbel, sondern in das ganze Anwesen, das er – inzwischen war er reich genug – vom Fleck weg kaufte. Die 1880 bis 1910 erbaute Villa hatte 16 Zimmer und ein Belvedere, das eine sagenhafte Aussicht über die Stadt und die Landschaft ringsum bot. Das Haus war umgeben von einem 1.921 Quadratmeter großen Garten mit allerlei exotischen Pflanzen wie Palmen (darunter Kokos-und Dattelpalmen), Magnolien, Kamelien, Mimosen und Zedern. Außerdem gab es eine von Rosen umrankte Laube, ein Gewächshaus, einen Gemüsegarten und Obstbäume wie Kirsche oder Zitrone. Octave taufte das Anwesen „Dreamland“. Er genoss sein Traumland noch neun Jahre lang. 1943 starb er. Octave wurde auf dem Ostfriedhof von Nizza bestattet. Weil niemand die Frist verlängerte, wurde das Grab 2008 entfernt und seine Überreste in das Beinhaus gebracht. Er ruht dort neben Prinz Mehmed Orhan Efendi – Sohn von Sultan Abdulhamid II und ebenfalls ein Lebenskünstler, für den Octave vielleicht Sympathien gehabt hätte. Octaves Olivenölfabrik trug weiter seinen Namen bis sie 1993 geschlossen wurde. Damals gab es von den einst 97 Olivenölherstellern noch vier, heute noch einen.

Ocatves Geschäft – Ecke 27b rue Gioffredo/rue Désiré Niel


© Franck Sainte-Martine -Fonds Octave Pelletier, Cessole, Nice

Octave (rechts) mit seiner Schwester Angèle & Lucien im Garten seiner Villa


Vielleicht kann jemand noch etwas zu Octaves Geschichte beitragen, kennt noch Nachfahren von Warlimont oder Alkenbrecher? Wer einen Tipp hat, kann sich an den Sonah Verlag wenden (Kontaktdaten s. S. 82).

Franck Sainte-Martine vor der Villa „Dreamland“


Franck Sainte-Martine hat mit dem französischen Romanschriftsteller Gilles Sebhan und dem Künstler und Verleger Thorsten Baensch ein Künstlerbuch zu Octave Pelletier herausgebracht: „Livre d’artiste – Dreamland“, erschienen bei Bartleby & Co in einer normalen und einer Luxusversion. Enthalten sind ein Faksimile von „L’hypnotiseur pratique“, ein fiktionaler, von Octaves Leben inspirierter Text und eine umfangreiche Photobiography zu Octave mit Texten. Das Buch (in französischer Sprache) kann in der Stadtbibliothek Saarlouis eingesehen werden.

Außerdem wird es in Saarlouis einen Vortrag zum Thema geben. Der Termin wird noch von der Stadt bekanntgegeben.