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Land unter


St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 90/2021 vom 16.08.2021

REPORTAGE

Artikelbild für den Artikel "Land unter" aus der Ausgabe 90/2021 von St.GEORG. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Jemand hat in der Schlammschicht auf einem der Spinde des Reiterhofs von Jürgen Kessel (siehe Seite 22) eine Botschaft hinterlassen ?

Wer auf Erftstadt-Bliesheim zufährt, würde zunächst nicht vermuten, dass diese Region von einer Naturkatastrophe heimgesucht wurde. Die Kornfelder stehen goldgelb und warten darauf, abgeerntet zu werden. Die Sonne lacht am Himmel. Alles friedlich. Das Bild ändert sich, sobald die Straße in den Ortskern hinein führt. Getrocknete Schlamm reste bedecken Straßen, Hauswände und auch die Menschen, die mit Schaufel, Besen und sonstigem Gerät bewaffnet versuchen, ihre Häuser wieder bewohnbar zu machen. Ein Mann in Bundeswehroutfit hält Autofahrer an und fragt freundlich, wohin sie wollen. Uns lotst er einmal um den ganzen Ort herum zu unserem Ziel, dem Gut Waldsee von Julia Rösgen. Der Hof liegt in einer Senke. Auf den Weiden rechts des Hofes steht das Wasser und verbreitet unangenehmen Fäulnisgeruch. Es wird wohl dauern, bis hier wieder Pferde grasen können. Bergeweise unbrauchbar gewordenes ...

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... Zeug liegt auf den Paddocks vor der Reithalle. Die Reithalle selbst? Ein Matschberg, was vor wenigen Tagen noch der gerade erst neu eingebrachte Boden war. Ein freiwilliger Helfer ist dabei, mit einem Radlader Fuhre um Fuhre der Reste des Reituntergrundes herauszufahren. Der Stall allerdings sieht schon wieder tipptopp aus. Lediglich die weiß gekalkten Wände in den Boxen, die nun auf den unteren 1,50 Meter eben nicht mehr blütenweiß sind, verraten, was sich hier vor wenigen Tagen abgespielt hat. „Bis hierhin stand das Wasser“, sagt Julia Rösgen und zeigt auf die Linie an der Wand. „Am Mittwoch war das Wasser aus der Kanalisation und aus dem Mühlbach hochgekommen und stand auf der Stallgasse. Wir haben abgepumpt und sind dann schlafen gegangen. Da haben wir uns noch keine großen Gedanken gemacht.“ Das änderte sich am nächsten Morgen. Als ihr Pferdepfleger signalisierte, dass er es nicht schaffen würde, zu ihnen durchzukommen, fuhr Rösgen mit ihrem Geländewagen los, um ihn zu holen. Unterwegs bekam sie einen Anruf: „Du musst kommen, der Stall läuft voll!“ Rösgen: „Da habe ich mich noch geärgert, dass wir nun schon wieder die Einstreu wegwerfen müssen.“ Das geringste Problem, wie sich zeigte. Die beschauliche Erft, die in etwa 150 Metern Entfernung am Gut Waldsee vorbeifließt, hatte sich in einen reißenden Strom verwandelt, der bis zum Stall reichte und innerhalb von Minuten alles überspülte und mitriss, was nicht nietund nagelfest war. Die Pferde mussten hier weg. Aber nur die 16-jährige Tochter einer Einstellerin konnte kommen, um zusammen mit den Angestellten zu helfen. Fünf Leute für 76 Pferde. Sie taten ihr Möglichstes, da geriet das Mädchen unter ein Pferd und wurde gegen den Kopf getreten. Sie war schwer verletzt, aber ein Rettungswagen kam nicht durch. Also, Hubschrauber. Der landete in all dem Chaos 50 Meter neben dem Stall. Im Krankenhaus stellten die Ärzte einen Schädelbasis- und einen Kieferbruch bei dem Mädchen fest, aber keine inneren Blutungen. Glück im Unglück. „Das Mädchen ist eine Heldin“, sagt Rösgen. Sie und ihre anderen Helfer holten derweil weiter die Pferde aus dem Stall. 30 von ihnen fanden Asyl auf einer naturgeschützten Weide des NABU oberhalb des Hofes, die schnell notdürftig eingezäunt worden war. Die anderen mussten in die trocken gebliebenen Wohngebiete, darunter auch die Stuten mit Fohlen, von denen eines auch noch ein Flaschenkind ist. Mit Wanderzäunen wurden provisorische Koppeln abgesteckt, teils in den Vorgärten der Anwohner. Die Hengste bekamen extra Paddocks. Strom? Gab es ja nicht. Rösgen und ihre Helfer hielten Wache, dass die Pferde nicht ausbüxen.

„Ich habe gar keine Chance, pleite zu gehen. Die Leute lassen mich nicht.“

Jetzt, fünf Tage später, konnten die Pferde wieder auf die höhergelegenen Weiden zurück und ihre Boxen sind wieder bewohnbar. Ansonsten steht jetzt erstmal das Aufräumen im Vordergrund. Was danach noch kommt?

Kaum absehbar. Anders als viele andere Betroffene ist Julia Rösgen gegen Elementarschäden versichert. Dennoch, grob überschlagen schätzt sie schon die durch Corona entstandenen Ausfälle auf 100.000 Euro. „Da waren wir schon kurz vor der Pleite.“ Und dann kam das Wasser. „Der Gastank, die Haferquetsche, der Hallenboden, die Bande, sämtliche Türen und Tore – das muss alles ersetzt werden.“ Sie klingt müde.

Seit Wochen ist sie quasi rund um die Uhr im Einsatz, erst um ihr Waisenfohlen durchzubringen, jetzt wegen der Aufräumarbeiten. Von den Sorgen, die sie nicht zur Ruhe kommen lassen, ganz abgesehen. Aber es gibt auch Hoffnung. Die Menschen, die ihr Kuchen, Kekse, Suppe bringen, die mit anpacken und helfen, wo sie können. Auch finanziell „Ich habe gar keine Chance, pleite zu gehen. Die Leute lassen mich nicht.“

Charity Auktion

FIRMA UVEX hat uns den Reithelm uvex suxxeed flash zur Verfügung gestellt, den wir zugunsten der Flutopfer auf Ebay versteigern dürfen. Der Erlös geht zu 100 Prozent an die Flutopfer.

st-georg.de/news/helm-fuer-hilfe

Dramatische Rettungsaktion

Diese Welle der Hilfsbereitschaft, sie trägt gerade die ganze Region. 2021 wurden viele Menschen zu Helden. Ein Beispiel? Ulla Fischer, Ausbilderin auf dem Gut Anstelburg, einem Dressurstall in Kerpen-Buir, und ihr Team. Am Donnerstagmorgen um 7.58 Uhr poppte in der Stall-WhatsApp-Gruppe eine Nachricht auf mit dem Screenshot einer Facebook-Seite: Reitstallbesitzer Michael Symalla (siehe S. 20) schrieb auf seiner Seite: "!!!!!!! Hilfe !!!!!!! Wer kann Pferde von uns aus Erftstadt Blessem aufnehmen? Wir saufen komplett ab !!!!!!!" Ulla Fischer und ihre Crew setzten sich ins Auto und fuhren los, um sich die Lage vor Ort anzuschauen, erst einmal ohne Anhänger. Schon auf dem Weg in Richtung Blessem erlebten sie Dinge, die sie sonst nur aus Hollywood-Blockbustern kannten. „Es war wie in diesen Filmen, in denen eine ganze Stadt vor dem Tornado flieht“, sucht Ulla Fischer nach einer Beschreibung der Situation. „Es war eine richtige Blechlawine, aus Blessem raus, aber auch in die andere Richtung.“ Sie kamen kaum voran. Schließlich mussten sie auf einer Brücke anhalten, weil es weder vor noch zurück ging. Etwa zehn Meter unter ihnen sollte eigentlich die Bundesstraße verlaufen. Stattdessen sahen sie einen Fluss, dessen Wasser bereits bis zur Brücke reichte. Und einen LKW, auf dessen Dach sich der Fahrer festkrallte. Andere PKW „standen“ kopfüber in den Fluten. Nur die Rückleuchten schauten noch heraus. „Da erst wurde uns bewusst, in was für einer Gefahr wir eigentlich alle schwebten“, sagt Fischer. Schließlich schafften sie es, ihren PKW von der Brücke zu bugsieren. Der erste Stall, den sie erreichten, war der von Reimund Hermann noch vor der Anlage Spoo-Symalla. Zu ihrer Erleichterung stellten die fünf Frauen fest, dass die Pferde bereits evakuiert worden waren, zum Teil auf höher gelegene Weiden, zum Teil per LKW. Aber nicht alle. Ein Pferd stand noch in seiner Box. „Da ging uns das Wasser bereits bis zur Wade“, berichtet Fischer. Dementsprechend schwierig war es, die Boxentür überhaupt aufzubekommen. Doch mit Gewalt schafften sie es schließlich. Das Problem war nur, das Pferd weigerte sich, seine vermeintlich sichere Box zur verlassen. Vorwärts ging nicht, rückwärts auch nicht. Schließlich zogen sie dem verängstigten Tier eine Jacke über den Kopf, sodass es nichts mehr sah. Nun folgte es brav aus dem Stall hinaus und ebenfalls auf die rettende Wiese. Geschafft! Doch gerade als die Frauen den Rückweg antreten wollten, rief eine von ihnen: „Da stehen noch zwei!“ Was nun? Die Weiden waren voll. Da passte kein Pferd mehr drauf. Also mussten die beiden mit. Das Auto hatte eine Anhängerkupplung. Fehlte nur noch der Anhänger. Auf dem Hof standen welche, alle abgeschlossen.

„Es war wie in Filmen, in denen eine ganze Stadt vor dem Tornado flieht.“

Alle bis auf einen. Sie hängten das Auto an, als sie bemerkten, dass die Wände des Vehikels morsch waren. Sie ließen sich mit der Hand eindrücken. Damit zwei Pferde transportieren? Maren, eine der fünf, arbeitet beim Schreiner. Sie legte sich unter den Anhänger und untersuchte den Boden. „Der hält!“ Das mulmige Gefühl blieb trotzdem. Aber ihnen blieb keine Wahl. Das Wasser stieg immer höher. „Man hatte Angst“, sagt Ulla Fischer. „Es war eine grauenhafte Atmosphäre und dann dieser Gestank nach Diesel und Öl in der Luft. Irgendwie war das alles gar nicht real.“ Sie fuhren los und kämpften sich erneut durch Verkehrschaos und ständig steigendes Wasser. Schließlich erreichten sie Gut Anstelburg. Die Erleichterung war groß. Aber da waren ja auch noch die Pferde auf der Weide, für die die Situation immer brenzliger wurde. Uneinigkeit in der Gruppe. Ulla Fischer: „Ich gebe zu, bei der Vorstellung, da wieder rein zu müssen, war mir alles andere als wohl. Mir zitterten immer noch die Knie.“ Doch die Gruppendynamik half. Sie mobilisierten, was ihnen an Fahrzeugen zur Verfügung stand und machten sich auf den Weg. Auf einem Supermarktparkplatz trafen sie auf Polizei und Feuerwehr, denen sie ihr Anliegen schilderten. Die Beamten und die Feuerwehrmänner waren sofort bereit zu helfen. „Das hat mich total erstaunt“, sagt Ulla Fischer im Nachhinein. „Ich hatte das Gefühl, die waren richtig dankbar für die Hilfe.“ Die Polizei machte ihnen mit Blaulicht und Sirene den Weg frei in Richtung Stall, die Feuerwehr lotste sie zu einer einigermaßen trockenen Stelle, wo sie verladen konnten. Bei den zu evakuierenden Pferden handelte es sich zum Teil um Jungtiere, die noch nie einen Anhänger gesehen hatten. Die Polizei drängte zur Eile. „,Wer fertig ist, raus hier, raus hier!‘, haben sie gerufen“, erinnert Fischer die Situation, in der sie gezwungen waren, ihre Mitstreiterinnen teilweise zurückzulassen, riskierend, dass sie es nicht schaffen würden, dem Wasser zu entkommen. „Das war total schwierig!“, sagt Fischer. Aber ihnen blieb keine Wahl. Das war ein Moment, in dem Leben zu retten, das einzige war, was zählte.

Hilfe durch Sachspenden

Es gibt mehrere Anlaufstellen, die koordinieren, wie Sachspenden dorthin kommen, wo sie benötigt werden.

Hier können sich sowohl die Flutopfer mit ihren Gesuchen melden als auch Menschen, die helfen wollen.

Zum Beispiel:

Equiwent – Schmiede ohne Grenzen, equiwent.org

Futterhilfe NRW & RLP, WhatsApp an Tel.: 0152/27 89 03 40

Klepperstall e.V. Pferdeschutzhof,

klepperstall.de Equitrans e.V.,

facebook.com/Equitrans

Auch Katharina Berg war mit ihrer Stallgemeinschaft an dieser Rettungsaktion in Blessem beteiligt. 36 Stunden lang waren sie ohne Pause im Einsatz. Doch auch danach engagierten sie sich. Zusammen mit ihrer Freundin Andrea Bodeschatz gründete Berg die Initiative „Futterhilfe NRW & RLP“, die Pferdebesitzer in Not mit Futter versorgt. Bekannte stellten ihnen eine 4000 m² große Lagerhalle als Logistikzentrum zur Verfügung. Von hier aus wird seither die Hilfe koordiniert – wenn Berg nicht gerade unterwegs ist, um die Betriebe vor Ort in Augenschein zu nehmen. Sie sagt: „Ich bin sehr froh, dass wir helfen können. Wenn ich auf die Höfe komme, erlebe ich häufig eine große Scham bei den Leuten, um Hilfe zu bitten. Viele sind regelrecht traumatisiert.“ Von ihrem eigentlichen Job hat Katharina Berg sich unbezahlten Urlaub genommen. Stattdessen arbeitet sie nun für die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN), die ein Spendenkonto eingerichtet hatte, und mit Katharina Berg nun jemanden in der Region hat, der beurteilen kann, was wo gebraucht wird. Bezahlt wird sie aus dem FN-Haushalt, nicht von den Spendengeldern, wie Thomas Ungruhe, Leiter der zuständigen Abteilung Breitensport,betont: „Die Spenden, inzwischen über 300.000 Euro, gehen zu 100 Prozent an Betriebe und Pferdehalter.“

Vom Erdboden verschluckt

Hilfe durch Geldspenden

Viele der Betroffenen stehen durch die Flut unverschuldet vor dem finanziellen Ruin und brauchen dringend Unterstützung, um ihre Existenzgrundlage wieder aufbauen zu können. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) hat darum ein Spendenkonto ins Leben gerufen, dessen Erlöse eins zu eins weitergegeben werden, entweder als Soforthilfe pro Pferd, damit eine tierschutzgerechte Versorgung sichergestellt werden kann, oder aber als Wiederaufbauhilfe. Betroffene füllen ein kurzes Formular aus und schicken es an die FN. Alle Infos für Betroffene und Spender unter www. pferd-aktuell.de/fluthilfe. Wer direkt spenden möchte (der Konto auszug gilt als Spendenbeleg):

Spendenkonto der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN)

Verwendungszweck: Flutkatastrophe Juli 2021

IBAN: DE23 4126 2501 0006 2228 03 BIC: GENODEM1AHL Volksbank eG

Die werden es brauchen. In der näheren Zukunft ebenso wie aktuell. Die Familie Spoo-Symalla etwa hat durch das Hochwasser buchstäblich alles verloren. Martin Spoo war früher Zuchtleiter des rheinischen Pferdestammbuchs, ein etablierter Betrieb, der inzwischen in den Händen von Martin Spoos Tochter Beate zusammen mit ihrem Mann Micha el Symalla liegt. Mittwoch war der Tag, an dem der Regen kam, be ­richtet Symalla. „Abends standen die Außenboxen unter Wasser. Da haben wir in der Longierhalle behelfsmäßige Boxen gebaut. Währenddessen lief dann auch die Reithalle voll. Mist, jetzt muss der ganze Boden raus, dachten wir da noch und fingen an zu pumpen. Wir dachten gerade, wir lassen es gut sein für heute, da kam ein Nachbar und rief, die Erft sei übergelaufen.“ Man muss wissen: Auch in Blessem verläuft der Fluss direkt neben dem Ort und vor allem direkt neben den Reitanlagen. Michael Symalla: „Wir haben in die Richtung geguckt und da kam eine Sintflut auf uns zu! Es war unbeschreiblich. Das Wasser drang durch jede Pore und stieg und stieg.“ Seine Turnierpferde, die in einem Stall mit nur einem Zugang untergebracht waren, drohten zu ertrinken. Durch einen Notausgang konnten sie gerade noch gerettet werden. Wieso sie nicht früher evakuiert haben? „Einige Einsteller hatten ihre Pferde noch in der Nacht zu Reimund Hermann gebracht, der bis dahin trocken war. Aber mir war das zu gefährlich bei den Fluten und im Dunkeln. Ich dachte, wenn uns da ein Pferd abhaut, finden wir das nie wieder.“ Doch nun war die Gefahr zu ertrinken größer. Freunde und Bekannte kamen, um die 60 Pferde abzuholen und in anderen Ställen unterzubringen. Von wo sie zum Teil dann wieder wegmussten. Hier haben sich die rheinischen Jungzüchter sehr ins Zeug gelegt, berichtet Michael Symalla. Seine ganz persönliche Heldin ist aber Iris Jansen-Jentges vom Gestüt Rickhof, die vier Dreijährige im Transporter abgeholt hat, dann aber von der Flutwelle erwischt wurde. „Sie war mit Mann und Kind unterwegs. Sie konnten sich mit dem Transporter und den Pferden gerade noch so auf eine Brücke retten. Dort hingen sie fest“, so Symalla. Erst nach 16 Stunden erreichten sie ihr Ziel in Viersen. Alle heil und gesund.

Die Symallas hatten derweil noch ein ganz anderes Problem. Sie waren davon ausgegangen, dass ihre Mütter zusammen mit ihrer Tochter in Sicherheit gebracht worden waren. Das traf auf ihre Tochter zu, doch von Mutter und Schwiegermutter fehlte jede Spur.

Erst viele Stunden später stellte sich heraus, dass die beiden noch in ihren Häusern waren und sich in die oberen Stockwerke gerettet haben, wo sie sich schließlich bemerkbar machen konnten. Mit Hubschraubern und schwerem Gerät konnten sie schließlich wohlbehalten geborgen werden. Und das nicht zu früh, denn als sei das alles noch nicht genug gewesen, kam das dicke Ende noch: Der Teil des Geländes, auf dem die Reithalle, ein Miets- und das Wohnhaus der Familie standen sackte ab, wohl weil das Wasser den Untergrund unterspült hatte. Die Gebäude stürzten rund 30 Meter in die Tiefe und mit ihnen die Existenzgrundlage der Symallas. „Bei den anderen hat das Wasser viel kaputt gemacht. Aber das kann man aufräumen und reparieren. Das geht bei uns nicht“, bringt Michael Symalla es auf den Punkt. Am 26. Juli können sie immer noch nicht wieder auf ihr Grundstück. Die Gefahr, dass weitere Bereiche abrutschen, ist noch nicht gebannt. „Wir haben alles verloren. Das klingt jetzt doof, aber ich musste erstmal losgehen und mir ein paar Schuhe besorgen“, sagt Michael Symalla. Aber er sagt, es gehe ihnen gut. Untergekommen sind sie in der aktuell unbenutzten Wohnung von Kunden. Und eine erste Perspektive gibt es auch. „Damit wir überhaupt wieder arbeiten können, können wir eine leerstehende Anlage von RWE beziehen“, berichtet Symalla. RWE hat in der Region bekanntlich viel Land gekauft, um dort Braunkohle abzubauen – was auf wenig Gegenliebe seitens der Bevölkerung stieß (s. St.GEORG 7/2018). Aber in diesem Fall ist Michael Symalla dem Konzern sehr dankbar. Was danach kommt? „Das sehen wir dann.“ Erst einmal hilft man ihnen am meisten mit Geld. „Das war für mich anfangs ein total unangenehmes Gefühl, das zu sagen. Schließlich waren wir eigentlich durch unsere Arbeit gut aufgestellt, aber jetzt sage ich ganz ehrlich, wir brauchen alles, von der Schubkarre bis zur Heugabel.“

„Bei anderen Ställen kann man aufräumen und reparieren. Das geht bei uns nicht.“

Pferde mussten zurückbleiben

Ähnlich dramatisch waren die Ereignisse im Kreis Euskirchen. Im Ortsteil Schweinheim liegt der Reitstall von Jürgen Kessel und seiner Familie, wo man sich nun in fünfter Generation den Pferden widmet. Die idyllische Lage am Fuße der Eifel unweit der Steinbachtalsperre sollte sich für den Hof sowie für den ganzen Ort als fatal erweisen.

Jürgen Kessel: „Am Mittwoch wurde der Regen mehr und mehr. Wir haben begonnen, im Haus die Geräte hochzustellen und die Pferde rauszuholen.

Aber dann ging alles rasend schnell.“

Die Steinbachtalsperre war übergelaufen. Kessel sagt, im Wohnhaus der Familie habe das Wasser 1,90 Meter hoch gestanden, im Stall 1,60 Meter. Er zeigt auf die Linien an Haus- und Stallwand, die seine Worte bestätigen. „Wir hatten keine andere Wahl, wir mussten unser Leben retten und die restlichen Pferde im Stall lassen.“ Sie haben überlebt. Alle. „Das Wasser ging rein und wieder raus“, so Kessel. Das hätte auch anders ausgehen können. Zumal Schweinheim zu den Orten zählte, die evakuiert werden mussten, weil der Damm der Steinbachtalsperre zu brechen drohte.

Wie viele Pferde durch das Hochwasser ums Leben gekommen sind? Schwierig zu sagen. Die Gerüchteküche redet von „mehreren tausend“. Fragt man nach, ist das Bild aber ein ganz anderes. Das Veterinäramt des Kreises Ahrweiler im Ahrtal, zu dem der stark betroffene Ort Schuld gehört, meldet zwei tote Esel, aber kein Pferd. Das Veterinäramt Eus kirchen hat nur von zwei Pferden gehört, die eingeschläfert werden mussten, weil sie Schlamm gefressen und dadurch Koliken entwickelt hatten. Aber von ertrunkenen Pferden haben sie keine Kenntnis.

Auch der in Mechernich ansässige Tierarzt Holger Wurthmann, der in den vier Tagen nach der Katastrophe der einzige Großtierarzt im Einsatz in der Region war, sagt, es seien nur „sehr wenige“ Großtiere ums Leben gekommen, jedoch leider viele Heimtiere. Er selbst weiß von sechs toten Pferde im Zusammenhang mit dem Hochwasser. Seine große Sorge sind jedoch die Langzeitfolgen der Katastrophe: „Die Böden sind kontaminiert mit Öl, Schwermetallen, Pestiziden etc.“ Das sei aber gar nicht das eigentliche Problem, erklärt Wurthmann: „Im Rheinland wird seit Jahrhunderten Blei abgebaut. Das wurde durch die Flut ausge schwemmt und lagert sich in den Pflanzen ein.

Dementsprechend kann es zu Bleivergiftungen bei den Pferden kommen, wenn sie in den nächsten Jahren Gras in den Regionen fressen oder Heu von dortigen Flächen.“ Daher sollte Heu eher zugekauft werden. Und wenn Pferde Kolik- oder andere auffällige Symptome zeigen, sollte auch an eine Bleivergiftung gedacht werden.

Berührende Hilfsbereitschaft

Ein Fazit aus dieser Geschichte: Während auf Regierungsebene über Schuldfragen debattiert wird, packt die Bevölkerung an. Man organisiert sich über Facebook & Co. „An uns läuft alles vorbei“, staunt man im Veterinäramt des Kreises Euskirchen. Die Solidarität und Hilfsbereitschaft nicht nur der Reiter gemeinschaft ist enorm. Und wenn es etwas gibt, das die Menschen in den betroffenen Regionen brauchen, dann das. Und das wohl noch eine ganze Weile lang.

Autorin

Dominique Wehrmann

In eine geordnete Welt zurückzukehren, fühlte sich nach den Eindrücken bei dieser Reportage einfach nur unfassbar ungerecht an.