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LANDSCHAFT OHNE ZUKUNFT?


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 24.06.2022
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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 7/2022

Mit Blick auf die Westliche Seespitze (l., 3355 Meter) unternehmen fünf Alpinisten eine Hochtour in den frühlingshaft verschneiten Stubaier Alpen.

RICHARD FLIRIS AUGEN VERENGEN SICH, ALS ER ÜBER JENEN 22. Januar 2018 berichtet, der beinahe in einer Katastrophe geendet wäre. Tagelanger Schneefall und anhaltender Nordwestwind hatten in den Kammlagen riesige Schneewechten aufgebaut. „Ich war am frühen Abend mit der Schneefräse zugange, als mir Schneekristalle wie Messerspitzen ins Gesicht schlugen“, erzählt er und atmet tief durch. „Instinktiv wusste ich, dass eine Lawine kommt, und rettete mich in die Tiefgarage.“

So war es. Fliri hörte Bäume bersten, spürte die orkanartige Druckwelle und sah, wie sich meterhohe Schneemassen in der Einfahrt auftürmten. Sein Strohhaus mit den zwei Ferienwohnungen war getroffen worden, zu dem Zeitpunkt voll besetzt. „Die Sorge, wie heftig der Aufprall war, trieb mich hinaus. Wie aus einer Nebelschicht schälten sich die Konturen des Gebäudes heraus. Niemand war zu Schaden gekommen.“ Ein kleines Wunder, hier ...

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... hinten im stillen Südtiroler Langtauferer Tal, an dessen Ende sich Dreitausender wie die vergletscherte Weißkugel und die Weißseespitze aufbauen.

Tage nach dem Unglück bekam Fliri Besuch von Wissenschaftlern des Lawinenforschungsinstituts Davos. Deren Simulationen am Computer ergaben eine Fließgeschwindigkeit von 60 bis 80 Stundenkilometern und eine Fließschicht von zwei Metern. Das bedeutete einen Aufpralldruck von 50 Tonnen auf der Breite der Fassade. „Das Stroh hat den Druck abgefedert, ein Ziegelgebäude wäre wohl zusammengestürzt“, sagt Fliri und beruft sich auf die Experten. „Niemand konnte sich das vorstellen.“

Sechs Jahre hatte er für die Genehmigung gekämpft, bis er sein Strohhaus 2008 bauen durfte, nun hatte es Leben gerettet. Boden-, Fassaden- und Dachfläche seines Gästehauses sind mit Stroh gebaut. Die gepressten Ballen – ein Abfallprodukt der Getreideernte – übernehmen die tragende Funktion. Ihr Isolierwert sei mit Styropor vergleichbar. „Dadurch kommen wir fast ohne Heizung aus. Der Energiebedarf liegt knapp unter vier Kilowattstunden jährlich pro Quadratmeter Wohnfläche“, sagt Fliri.

Fliri, 59, ist ein Pionier – und einer von jenen, die die Alpen jetzt brauchen. Denn dieses Gebiet in der Mitte Europas steckt in einer Krise. Nicht die Berge, sondern der Lebensraum, die Heimat für Menschen, Tiere und Pflanzen. Dazu der jahrtausendealte Kulturraum mit seinen von bäuerlicher Wirtschaft geprägten Landschaften. Ein Grund ist der Klimawandel, der in den Bergen extremer ausfällt. Hannes Vogelmann vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung des Karlsruher Instituts für Technologie in Garmisch-Partenkirchen geht von einer mindestens doppelt so starken Erwärmung in den Alpen aus wie im globalen Mittel. Im bayerischen Berchtesgaden verzeichnete eine Messstation in den letzten zehn Jahren eine Erwärmung von 3,7 Grad. „Im gleichen Zeitraum ist die Temperatur global im Durchschnitt um 0,39 Grad gestiegen. Wir reden hier von einem Faktor zehn!“, sagt er. Das empfinde er als „ziemlich beunruhigend“, fügt der Wissenschaftler hinzu.

Unwetter mit Starkregen lassen kleine Gebirgsbäche in kürzester Zeit zu reißenden Strömen anwachsen – wie etwa an der berühmten Bob- und Rodelbahn Königssee im Juli 2021, die durch eine Schlammlawine zerstört wurde. Vier Jahre zuvor kamen bei einem Bergsturz und dem dadurch ausgelösten Murgang im Graubündner Bondascatal acht Wanderer ums Leben. Ursachen: tauender Permafrost, schmelzende Gletscher, mit Wasser übersättigte Böden und Sedimente. Andernorts fällt monatelang kein Niederschlag – wie im vergangenen Winter in Norditalien. Flüsse trockneten aus, die Landwirtschaft litt; Speicherteiche in Skigebieten waren leer, sodass Schneekanonen abgeschaltet werden mussten – zum Unmut der Gäste, die sich bestens präparierte Pisten für den Skiurlaub wünschen.

DER ZUSTROMIN DIE BERGE wird gleichwohl immer größer. Erholung Suchende belasten die fragile Bergwelt in den beliebten Zielen der Bayerischen Alpen, in Tirol und Südtirol. Party-Orte wie Ischgl, die nicht erst durch ihre Superspreader-Rolle in der Corona-Pandemie in die Kritik gekommen sind, schaffen ein Freizeitangebot, das für die majestätische Landschaft nur noch eine Rolle als Kulisse vorsieht: schnell rein, viel Spaß haben, schnell wieder weg. Dabei schmilzt ein solches Geschäftsmodell mit den steigenden Temperaturen buchstäblich weg. Periphere Alpenregionen dagegen entvölkern sich, etwa die piemontesischen Berge im Südwesten, was zum Verlust uralter Kulturlandschaften, Lebensund Wirtschaftsweisen führt.

Der in Ost-West-Richtung verlaufende Gebirgsbogen, dessen Auffaltung vor 135 Millionen Jahren begann, misst 1200 Kilometer in der Länge und zwischen 150 und 200 Kilometer in der Breite. Gut 80 Millionen Menschen leben und arbeiten in der Makroregion Alpen, wie die Europäische Union das Gebiet definiert hat. Vor allem Wasser aus dem regenreichen Gebirge erfüllt in den Anrainerstaaten eine essenzielle Funktion. Es versorgt Menschen in München, Zürich, Innsbruck, Wien, Ljubljana, Turin, Mailand, Genf und Grenoble. Es nährt die Landwirtschaft etwa in der im Sommer trockenfallenden Po-Ebene, und es hält Fabriken am Laufen.

Das Wachstum, das das Gebirge an seinen Rändern ermöglichte, hat es zum am besten erschlossenen Hochgebirge der Welt gemacht. Laut einer Erhebung der Alpenkonvention, dem supranationalen Vertragswerk der acht Alpenstaaten, fließen jährlich 224 Millionen Tonnen Fracht über die Alpen, 70 Prozent per Lastwagen über die 15 großen Pässe, 30 Prozent auf der Schiene.

Zum Ausmaß des Tourismus gibt es zwar keine offizielle Statistik, doch geht der Alpenforscher Werner Bätzing, emeritierter Professor für Kulturgeografie an der Universität Erlangen-Nürnberg, von etwas mehr als einer Million touristischer Betten in den acht Alpenstaaten aus. Die Branche verzeichne eine halbe Milliarde Übernachtungen sowie 60 Millionen Tagesbesucher pro Jahr. Auch wenn laut Bätzing nicht einmal ganze 20 Prozent der Arbeitskräfte im Tourismussektor der Alpen beschäftigt und etwa 80 Prozent der Betten in 300 größeren Orten konzentriert sind: Der Tourismus ist die prägende Kraft. Er kann Natur- und Kulturräume überformen und zerstören, etwa in Orten wie Ischgl, Sölden, Davos oder am Arlberg. Er kann aber auch Perspektiven schaffen, regionale Strukturen unterstützen und gleichzeitig den Natur- und Artenschutz stärken.

Geht die Entwicklung so weiter, sieht Alpenforscher Bätzing nur zwei Wege: Entweder würden die Kulturflächen mangels Perspektiven der lokalen Bevölkerung nicht mehr bewirtschaftet, was zu Verbuschung und Verwaldung führe. Oder sie würden intensiv genutzt, zersiedelt oder durch Freizeitparks zerstört. „Die traditionellen kleinräumigen Kulturlandschaften der Alpen verschwinden“, so seine Prognose.

DEN TOPOS DER SCHRECKLICHEN BERGE, WO NUR BARBAREN WOHNEN, DENEN ES AN KULTUR FEHLE, ERFANDEN EINST DIE ALTEN RÖMER.

Sind die Alpen am Ende? Vielleicht noch nicht, aber wirksamen Schutz benötigen sie. Keine neuen Autobahnen, mehr Güter auf der Schiene statt auf der Straße, möglichst keine neuen Skigebiete oder die Erweiterung bestehender – und vor allem mehr Unterstützung für kleinbäuerliche Betriebe, die ökologisch wirtschaften und damit auch Geld verdienen. Viele Beobachter sind sich darin einig, was den Alpen helfen könnte –und die acht Alpenstaaten haben sich sogar darauf geeinigt. Im Herbst 1989 verabschiedeten sie zusammen mit der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) die Berchtesgadener Resolution, die zwei Jahre später in die Alpenkonvention mündete – ein supranationales Regelwerk, das den Schutz der Alpen zum Ziel hat. Allein: Das Vertragswerk ist weitgehend zahnlos geblieben. „Radikal“, wie Bianca Elzenbaumer, Co-Präsidentin der Internationalen Alpenschutzkommission Cipra, sie nennt, ist die Alpenkonvention nur auf dem Papier. Ihren Optimismus will sie sich aber nicht nehmen lassen. „Es gibt sehr viele Leute und Gemeinden mit visionären Projekten“, sagt sie. Entscheidend sei, die Initiativen zu vernetzen und an die Öffentlichkeit zu bringen. „Dann sieht man die kritische Masse erst.“

Richard Fliri steht in der Küche seines Wohnhauses und bereitet das Frühstück. Mit seinen filigranen Händen, die eher nach Klavierspieler denn Landwirt ausschauen, schneidet er selbst gemachte Butter ab und legt sie sorgfältig auf die Teller. Zwei Milchkühe und vier Rinder hält Fliri, drei Zwergziegen hat er für die Feriengäste angeschafft. Außerdem baut er alle Arten von Gemüse an. „Das lukriert nicht, aber ich fühle mich in der Pflicht, die Tradition aufrechtzuerhalten“, sagt der gelernte Maler und Restaurator. Die Tradition, damit meint er die Klein- und Kleinstbetriebe im Langtauferer Tal mit seinen 20 Weilern und 420 Einwohnern. Nicht „lukrieren“ heißt: Gut 5000 Euro zahlt Fliri nach eigenem Bekunden jährlich drauf, um die Landwirtschaft in Schuss zu halten. Das geht, weil er vier Ferienwohnungen vermietet, zwei im Stammhaus, zwei im Strohhaus.

„Wir müssen ökosoziale Wirtschaftswege finden“, sagt er und verweist auf das Statut der Alpgemeinschaft im Langtauferer Tal. Seit 200 Jahren nehme es Rücksicht auf Land und Leute, sichere das Überleben von Generationen. Dann schimpft er über die Vinschgauer Apfelindustrie. Selbst hier oben auf 1850 Metern seien ihre Pestizide nachweisbar. „Die Apfelbauern spritzen mit Hochdruckfässern 15 Meter hoch in die Luft.“ So trägt der Wind Spuren der Gifte hoch bis an die Gletscher. „Das Prinzip der maximalen Ausbeute auf minimaler Anbaufläche macht die Natur kaputt“, sagt er, und sein Blick beginnt zu flackern. „Die nachfolgenden Generationen werden dafür bezahlen.“

Fliri sieht sich in der Nachfolge von Generationen von Bergbauern, die die oft kargen Böden so bewirtschafteten, dass die Natur sich regenerieren konnte, die mit Demut vor den Bergen aufwuchsen und denen es nicht um Gewinnstreben ging. Sie pflegten heute als Nebenerwerbslandwirte die Kulturlandschaft und hielten dank der Einnahmen aus Ferienwohnungen oder Pensionen die Tradition aufrecht.

Seit ihrer Besiedelung im Neolithikum in Mitteleuropa, also 5000 Jahre v. Chr., waren die Alpen für die meisten eher Barriere oder Gefahrenraum. Die schiere Höhe mit den schneebedeckten Gipfeln, die reißenden Flüsse und die unberechenbaren Lawinen und Wetterstürze machten den Menschen Angst. Die Römer stilisierten dieses Bild zu den montes horribiles, den „schrecklichen Bergen“, und schufen einen Topos, der die europäische Literatur und ihr Image sowie das ihrer Bewohner teils bis heute prägt. Die Menschen in den Bergen galten den Römern als Barbaren, denen es an Kultur fehlte. Dabei schufen die Siedler mit ihrer Hände Kraft aus einer Naturlandschaft – die Alpen waren nach dem Ende der letzten Eiszeit fast durchgängig mit dichtem Wald bestanden – über die Jahrhunderte einen Wirtschafts- und Kulturraum, der vor allem durch Kleinräumigkeit gekennzeichnet ist. Zwei benachbarte Talschaften können sich im Mikroklima, in der Sprache und Identität fundamental unterscheiden. Gemeinsam ist dem Raum, dass die Böden meist karg sind, die Wetterbedingungen extrem, die Produktionsbedingungen schwierig.

Mit dem Beginn der Industrialisierung änderte sich das Alpenbild. Allen voran britische Abenteurer und Alpinisten schafften ein neues Bild der Berge, das Sehnsüchte weckte. Mit der Gründung der Alpenvereine Mitte des 19. Jahrhunderts ging die systematische Erschließung der größten und artenreichsten Naturregion Mitteleuropas einher. Die alpine Goldgräberzeit begann mit dem massiven Ausbau der (Reise-) Infrastruktur nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie dauert in Wellenbewegungen bis heute an.

Renato Botte weiß um die Anziehungskraft der Alpen – er lebt davon. Botte ist Bergführer und hat diesen klaren Blick der Menschen, die die meiste Zeit draußen in der Bergnatur verbringen. Mit routinierten Handgriffen bindet er seinen Gast ans Seil und zieht den Achterknoten mit einem Ruck fest. Ziel der Klettertour an den griffigen Felsen ist die Rocca Provenzale, 2402 Meter hoch und von den Einheimischen das „Matterhorn der Cottischen Alpen“ genannt. Die Liebe hat den Südtiroler ins Piemont an den südwestlichen Rand der Alpen gebracht. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Manuela Zibana, deren Wurzeln im Tal liegen, betreibt Botte die „Locanda Mistral“ in Ponte Maira auf 1400 Metern. Es ist ein kleines, charmantes Hotel mit 14 Zimmern und posto tappa auf den percorsi occitani, also eine traditionelle Unterkunft für Wanderer oder Skitourengeher, die auf den „okzitanischen Wegen“ unterwegs sind. Die Metropolen Turin und Mailand sind Stunden entfernt; vom Gefühl her könnten es Lichtjahre sein.

Ponte Maira ist typisch für die Talschaften. 25 Häuser, drei sind derzeit bewohnt – zwei Pensionisten, eine Bauernfamilie, insgesamt elf Personen. Die Grundschule liegt talabwärts neun Kilometer entfernt in Prazzo. Sechs Kinder, fünf Jahrgänge. Im Jahr 1962 gab es in Acceglio, der Gemeinde, zu der Ponte Maira gehört und die fußläufig bergabwärts liegt, vier Lebensmittelläden, eine Bäckerei, Metzgerei, einen Friseur und eine Grundschule. Heute: Fehlanzeige. Die Gemeinde mit ihren elf Ortsteilen hatte damals noch 1600 Einwohner, jetzt sind es um die 80, die hier wohnen, schätzt Manuela Zibana. Der große Exodus setzte in den späten 1950er-Jahren ein und dauerte bis in die 80er-Jahre. Mancherorts ist er immer noch nicht vorbei. Die Bewohner zogen in die Metropolen der Po-Ebene, wo Arbeit und ein weniger beschwerliches Leben lockten. Zurück blieben schön anzuschauende, aber verfallende Dörfer, in denen nur noch ein paar Alte lebten. Das Mairatal und seine Nachbartäler bekamen den Beinamen „das schwarze Loch Europas“.

Seit Anfang der 1990er-Jahre tut sich etwas in den peripheren Tälern des Piemonts. Wanderer und Bergsteiger entdeckten die Region. Seither kehren immer mehr junge Leute zurück und bewirtschaften alte Schulen oder Gasthöfe. „Das Valle Maira ist ein Nischenprodukt“, sagt Botte, während er seinen Gast an einem Felsabsatz durchschnaufen lässt. „Durch die Abwanderung ist es ein Juwel geblieben mit einer einzigartigen Flora und Fauna.“ Keine Bergbahnen, keine Großprojekte, dafür Gämsen, Steinböcke, Adler. „Im Winter habe ich einen Wolf von unserem Fenster aus fotografiert“, schwärmt der Bergführer. Botte glaubt an die Zukunft des Tales. Er investierte in den Anbau des Restaurants, in dem nur regionale und biologische Lebensmittel auf den Tisch kommen. Dafür bekam er prompt zwei Auszeichnungen.

AM ALPENNORDRAND gibt es dagegen Orte, denen Touristen die Luft zum Atmen nehmen. Das Tegernseer Tal im Einzugsgebiet der Metropole München ist so eine Gegend. An Schönwetter-Wochenenden reiht sich spätestens nach der Autobahnausfahrt Holzkirchen Auto an Auto. Orte sind verstopft, Parkplätze überfüllt, Zufahrten zu Wäldern und Wiesen zugeparkt. Einheimische empfangen die Ausflügler nicht selten mit „Bleibt’s dahoam“-Schildern oder beschimpfen sie. Die Gemeinden reagierten mit Runden Tischen, in denen Bürgermeister und Landräte mit ihren Kollegen aus der Stadt nach Lösungen suchten. Zusätzliche Ranger sollen seither Tagesausflüglern vor Ort helfen, ihnen aber auch Regeln des Naturschutzes erklären. An anderen Besucherbrennpunkten der Alpen wie zum Beispiel in Südtirol am Pragser Wildsee mitten im Unesco-Weltnaturerbe Dolomiten werden Zufahrtstraßen für Privat-Pkw zu bestimmten Zeiten gesperrt – ein letztes Mittel, zu dem auch die Gemeinde Grainau am Fuße der Zugspitze greift, wenn sie sich nicht mehr zu helfen weiß.

GEDRÄNGE AM BERG

In den Alpen leben mehr als 30 000 Tier- und 13 000 Pflanzenarten, in der Makroregion zudem 80 Millionen Menschen. Bei jährlich geschätzt 500 Millionen Übernachtungs- und 60 Millionen Tagesgästen entstehen Nutzungskonflikte, die der Klimawandel noch verstärkt.

QUELLE EUROPAS

Die Alpen versorgen 170 Millionen Menschenmit Wasser. Etwa 40 Prozent des SüßwassersEuropas kommen von dort. Da Flusswasser ausNiederschlag und Gletscherschmelze besteht,werden sich Mengen und Verfügbarkeit vorallem im Sommer künftig ändern.

Das Problem hinter dem Phänomen overtourism ist vor allem ein gesellschaftliches. Mit dem Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft in den 1970er-Jahren wandelte sich das Alpenbild erneut. „Die Alpen werden jetzt als Sportgerät, Spaßarena, Eventraum und Freizeitpark unmittelbar und ganz direkt genutzt, um außergewöhnliche Freizeiterlebnisse zu produzieren“, schreibt der Alpenexperte Bätzing in seinem Band „Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft“. Viele Erholung Suchende seien inzwischen „körperzentriert“, wollten sich spüren und beweisen. Die schöne Berglandschaft – nur noch Kulisse.

Ein Beispiel dafür ist die Area 47 im Ötztal, eine Art Disneyland für abenteuerlustige Outdoor-Sportler. Seit Mai 2010 kann man über riesige Rutschen Fahrt aufnehmen und Salti in ein mit Flusswasser gefülltes Becken machen – voll ausgerüstet mit Neopren und Helm. Es gibt Kletterwände, die man vom Wasser aus erklimmen muss, eine Wakeboard-Anlage, einen Flying Fox sowie einen Hochseil-Parcours an der Unterseite der Schnellstraßenbrücke.

Felix Neureuther, erfolgreichster deutscher Skirennläufer, kennt den Fun-Park. Auch er hat sich dort mit wilden Sprüngen ausgetobt. Doch seit dem Ende seiner Karriere vollzog er einen radikalen Wandel, der in seinem Kopf schon Jahre zuvor begonnen hatte. „Mein Lebensinhalt schmolz praktisch unter meinen Füßen weg“, erzählt er über das Training auf den Alpengletschern. 2021 machte er eine Recherchetour, auf der er Klimaforscher wie Hannes Vogelmann, Glaziologen, Biologen und Hüttenwirte traf und daraus ein Buch zum Schutz der Alpen verfasste.

„Es ist an der Zeit, das Immer-Mehr infrage zu stellen und mit weniger zufrieden zu sein“, sagt Neureuther und mit ihm einer, der Skifahren immer noch „als das Geilste der Welt“ findet. Laut einer vom Deutschen Alpenverein bereits im Jahr 2013 veröffentlichten Studie sind von den 46 bayerischen Skigebieten bei einem Temperaturanstieg von vier Grad selbst mit künstlicher Beschneiung nur noch drei Gebiete schneesicher. Je nach Klimamodell ist die Vier-Grad-Erwärmung den Alpen in 30 bis 50 Jahren erreicht.

Nur wie kann der Slogan „Weniger ist mehr“ Wirklichkeit werden? Wie die Berge erleben und gleichzeitig den CO2-Abdruck reduzieren?

Es gibt ein Modellprojekt in den Alpen, das sich diese Ziele zur Maxime gesetzt hat: die Bergsteigerdörfer, eine Art Club, der den nachhaltigen Tourismus fördern soll. Wer dazugehören will, muss einige Kriterien erfüllen, etwa beim Orts- und Landschaftsbild, beim Nahverkehr oder der Qualität der Hütten oder Gastwirtschaften. Die Organisatoren erwarten ferner, dass sich die Bevölkerung aktiv einbringt und dass regionale Kreisläufe genutzt werden. 36 Dörfer in fünf Alpenländern dürfen den Titel inzwischen tragen. Man kann die Mitgliedschaft auch verlieren, wie das Beispiel Kals am Großglockner zeigt. Das Gründungsmitglied ist kein Bergsteigerdorf mehr, nachdem es sich mit der Nachbargemeinde Matrei zum größten Skigebiet Osttirols zusammengeschlossen und zudem ein Chalet-Dorf entwickelt hat.

Die Gemeinde Ramsau im Berchtesgadener Land brauchte definitiv keinen touristischen Schub, als sie sich für eine Bewerbung zum Bergsteigerdorf entschied. 350 000 Übernachtungen pro Jahr sind für einen Ort mit etwas mehr als 1700 Einwohnern genug. Eher ging es darum, „die Tagesausflügler in Grenzen zu halten“, sagt Fritz Rasp, der 36 Jahre das örtliche Tourismusamt leitete und auftritt wie ein Bilderbuch-Bayer mit Lederhose, Trachtenjanker und Lodenhut. Zum Beispiel über eine App, die der Ort gemeinsam mit vier Nachbargemeinden entwickelt und die direkt mit Navigationssystemen interagieren und anzeigen soll, wo noch Parkmöglichkeiten sind.

„WENN WIR ABER UNSER LAND UND UNSEREN BODEN HERGEBEN, VERLIEREN WIR AUCH UNSERE KULTUR“, SAGT RICHARD FLIRI.

Seit der Aufnahme in den Zirkel sei die Wertschätzung für die eigene Heimat gestiegen, sagt Rasp, der als treibende Kraft hinter der Bewerbung stand. Ein gutes Dutzend lokaler Partnerbetriebe hätten sich der Initiative angeschlossen und eine Kreislaufwirtschaft aufgebaut. So gründete sich ein Verein für regionale Produkte. Die Bauern verkaufen nun ihre Waren vor Ort und im nahen Berchtesgaden. Das Lammfleisch, das im Rehlegg, dem mit 170 Betten größten Hotel des Ortes, auf den Tisch kommt, stammt nun nicht mehr aus Neuseeland oder Schottland, sondern von drei Ramsauer Bauern, das Wild von der Jagd im Nationalpark.

Letzterer ist für den Ort ein Glücksfall. So beendete seine Gründung im Jahr 1978 die Pläne einer Watzmann-Seilbahn. Der Nationalpark Berchtesgaden schützt das, was die Alpen auszeichnet. Sie sind ein Zentrum der Biodiversität. Mehr als 13 000 Pflanzenarten haben Wissenschaftler in den Tälern, an Bergwiesen, Geröllhängen und im Felsgestein nachgewiesen, rechnet man Pilze, Moose und Flechten hinzu.

Etwa 400 davon sind endemisch, kommen also nur hier vor. Noch mehr Tierarten fühlen sich im Alpenraum wohl: 30 000 lautet die Zahl, die meisten davon Insekten. Die Alpen machen nicht einmal zwei Prozent der Landfläche Europas aus und bieten etwa der Hälfte der Arten Heimat – darunter 80 Säugetieren.

An diesem Morgen im Juni letzten Jahres steht Fritz Rasp an der Nationalpark-Infostelle Klausbachhaus am Hintersee und blickt auf die zwei Bartgeierweibchen Wally und Bavaria. Seit der Ausrottung der mächtigen Vögel in den Alpen vor mehr als 100 Jahren ist es der erste Versuch der Auswilderung im Nationalpark Berchtesgaden. Bartgeier können eine Spannweite von drei Metern erreichen und gehören zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Zwei Ranger werden die beiden Weibchen gleich in eigens für sie gezimmerten Holzkisten zu einer Felsnische unterhalb der Reiteralpe tragen. In diesem Sommer folgen die nächsten Vögel.

Artenschutz ist Alpenschutz – und umgekehrt. Beispielhaft ist eine Skischaukel am Riedberger Horn (1787 Meter) im Oberallgäu. Das Projekt war über Jahre hinweg Zankapfel zwischen den Gemeinden Obermaiselstein und Balderschwang, Natur- und Vogelschützern sowie der Bayerischen Staatsregierung. An dem Grasberg gibt es viele Raufußhühner, Birk- und Auerhuhn sind laut Naturschutzbund vom Aussterben bedroht. Die Regierung war drauf und dran, den bayerischen Alpenplan zu ändern und Bergbahnen wie auch Skipisten in dem unter strengem Naturschutz stehenden Berggebiet zuzulassen. Bürgerprotest und eine Landtagswahl in Bayern führten schließlich zur Kehrtwende. Das Land Bayern bewilligte den Gemeinden 20 Millionen Euro zur Stärkung des naturverträglichen Tourismus. Ranger kümmern sich jetzt um Flora und Fauna, koordiniert vom neuen „Alpinium – Zentrum Naturerlebnis Alpin“ – Tierbeobachtungen und Führungen statt Liftfahrten und Après-Ski.

Richard Fliri, der Mann mit dem Gespür für Lawinen, hat einen ähnlichen Kampf im Langtauferer Tal ausgefochten. Seilbahnbetreiber wollten einen Zusammenschluss mit dem Kaunertal in Österreich, einem großen Gletscherskigebiet in den Ötztaler Alpen. Immer wieder in den vergangenen vier Jahrzehnten seien den Bewohnern Millioneninvestitionen versprochen worden, erzählt Fliri und richtet mit der Hand seinen Seitenscheitel. „Wenn wir aber unser Land und unseren Boden hergeben, verlieren wir auch unsere Kultur“, sagt er, und seine Stimme wird lauter. Am Ende würden „vielleicht zwei Geschäftsführer gut verdienen. Aber wegen solcher Jobs kann man nicht eine Talschaft herschenken“, so Fliri. Die Langtauferer haben die Avancen bislang abgewehrt. Sie möchten ihre Identität nicht opfern. j

Autor Michael Ruhland ist seit Kindheitsausflügen mit seinem Vater passionierter Bergsteiger. Weitere Bergmotive von Fotograf Peter Neusser sind bei der Edition J. J. Heckenhauer erschienen.