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Landwirtschaft auf dem Holzweg


natur Sonderausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 03.05.2019

Der Verbrauch von Pestiziden steigt kontinuierlich an, Tierschutzstandards werden nicht eingehalten, Gewässer und Böden sind mit Nitrat belastet: Vieles läuft noch immer falsch in der Landwirtschaft. Warum ist das so? Ein Überblick über den Status quo


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Bildquelle: natur Sonderausgabe, Ausgabe 1/2019

Die gute Nachricht zuerst: Die Menge der verabreichten Antibiotika in deutschen Ställen ist zwischen 2011 und 2017 von 1706 auf 733 Tonnen gesunken. Ein beachtlicher Rückgang um 57 Prozent. Der genaue Blick in die Statistik zeigt allerdings, dass sich bei Masthähnchen und Puten der positive Trend wieder umzukehren droht. Bei den Hähnchen ist der ...

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... Antibiotika-Einsatz seit dem zweiten Halbjahr 2015 wieder gestiegen, bei den Puten seit dem ersten Halbjahr 2017. Nach wie vor alarmierend ist der hohe Verbrauch an wertvollen Reserve-Antibiotika, die als Mittel der letzten Wahl in der Humanmedizin dringend gebraucht werden. Der Rückgang der „normalen“ Antibiotika- Tonnage wird offenbar teilweise mit einem Wirkstoffwechsel hin zu den Notfallarzneien erkauft.

Antibiotika werden wirkungslos

Die Resistenzentwicklung gegenüber Antibiotika hat sich leicht gebessert, wobei von Medikament zu Medikament Unterschiede bestehen. Biobetriebe bekommen bessere Noten, dort treten deutlich weniger Probleme auf. Resistenzen durch den hohen Antibiotika-Einsatz in der Landwirtschaft sind mitverantwortlich dafür, dass auch in der Humanmedizin die Wirksamkeit der Arzneien zurückgeht.

Weil die Tiere in Großbetrieben meist pauschal mit Antibiotika behandelt werden, steigt die Zahl resistenter Keime


Zucht: Überforderte Tiere, kranke Gene

Die wacklige Gesundheit überforderter Hochleistungstiere ist ein Dauerproblem in den Ställen. Leider gilt das auch für Biobetriebe. Dort ist zwar das Platzangebot großzügiger und die Haltungsbedingungen sind meist besser; eigene Bio-Zuchtlinien gibt es aber nur in Ansätzen. Deshalb stehen auch dort die anfälligen Rassen, das gilt besonders für Geflügel. Den heute eingesetzten Zuchtlinien, die über viele Jahre einseitig auf Leistung getrimmt wurden, stecken die Krankheiten teilweise schon in den Genen. Das ist die Kehrseite des enormen Outputs an Milch, Eiern, Fleisch. Weil das Skelett langsamer wächst als die Muskeln, bekommen Schweine und Geflügel Gelenkschäden und Vitalitätsstörungen. Puten sind besonders anfällig. Bei Kühen sind Euterentzündungen, Lahmheiten und Fruchtbarkeitsstörungen weit verbreitet. Legehennen leiden häufig an gestörtem Calzium- Stoffwechsel, die Knochen werden brüchig.

Hörner, Schnäbel, Schwänze, Hoden

Ein düsteres Kapitel sind die Grausamkeiten im Umgang mit den Tieren: Enthornungen bei Kühen, betäubungslose Kastration bei Ferkeln, Schnabelkürzen bei Hühnern, Schwanzkupieren bei Schweinen und das Töten männlicher Küken bei den Legehennen. Die beharrliche Kritik von Tierschutz- und Umweltverbänden und die Initiative grüner Landwirtschaftsminister hat nur langsam zu Verbesserungen geführt. Seit Anfang 2017 ist das Schnabelkürzen der Hühner auch in konventionell geführten Betrieben tabu. Das Kupieren der Schwänze bei Schweinen aber ist europaweit immer noch zulässig, wenn ein Schwanzbeißen nicht verhindert werden kann.

Das Schreddern von jährlich 45 Millionen frisch geschlüpften männlichen Küken wiederum wird erst aufhören, wenn die Geschlechtserkennung im befruchteten Ei einsatzbereit ist. Und bei der Ferkelkastration gab es zuletzt einen Rückschritt. Zur Verhinderung des Ebergeruchs werden männlichen Jungschweinen in den ersten sieben Tagen die Hoden mit der Zange abgekniffen. Ohne Betäubung. Im Oktober haben sich SPD und Union darauf verständigt, die brutale Praxis aus Gründen der Wirtschaftlichkeit um zwei Jahre zu verlängern. 20 Millionen Ferkel im Jahr werden der extrem schmerzhaften Prozedur unterzogen.

Auch der Biosektor hat sich bei den Misshandlungen der Tiere nicht mit Ruhm bekleckert. Die betäubungslose Kastration der Ferkel hat man über viele Jahre mitgemacht. Und das massenhafte Töten männlicher Küken wird nur von einem kleinen Teil der Biobetriebe durch die Aufzucht auch der männlichen Tiere vermieden.

Ihre Ringelschwänze werden den meisten Schweinen entfernt, um Schwanzbeißen im engen Stall zu verhindern


Pflanzenschutzmittel gehören auf den meisten Äckern zum Pflichtprogramm. Weltweit nimmt die Pestizidmenge zu


Chemie: Darf‘s ein bisschen mehr sein?

Der Pestizid-Einsatz ist in Deutschland seit der gemeinsamen Erfassung der Giftmengen in den neuen und alten Bundesländern im Jahr 1994 kontinuierlich gestiegen. 2017 hat er eine neue Negativ-Rekordmarke von 48 306 Tonnen erreicht. Zum Vergleich: 1994 waren es nur 29 769 Tonnen. Rund zehn Kilo Pflanzenschutzmittel landen auf jedem Hektar deutschen Ackerlands – zu viel, zu gefährlich. Um die Bienen zu schützen, wurden im April 2018 von der EU drei Ackergifte der extrem bienentoxischen Klasse der Neonikotinoide fürs Freiland verboten. Pestizide beseitigen nicht nur Unkräuter und Schad - insekten, sondern auch die übrige Begleitflora. Vielen Tieren wird so die Nahrungsgrundlage entzogen. Deshalb sind sie für den Rückgang vieler Vogelarten und Insekten verantwortlich und vor allem für den Verlust an Blütenbestäubern. Aber auch die Bodenfruchtbarkeit leidet. Weltweit nehmen die Pestizidmengen zu. Und der Schwarzmarkt blüht. In der EU wird das Marktvolumen für illegale, nicht zugelassene Pestizide auf jährlich mehr als eine Milliarde Euro geschätzt.
In der Öko-Landwirtschaft sind synthetisch hergestellte Pestizide verboten. Von den versprühten Alternativmitteln sind vor allem die Kupferpräparate gefährlich. Kupfer ist ein Umweltgift und schädigt das Leben in Weinbergen, Äckern und Gewässern.

Wasser, Klima, Artenvielfalt

Für den dramatischen Verlust anbiologischer Vielfalt ist vor allem die Landwirtschaft verantwortlich. Auf den Landwirtschaftsflächen Europas hat sich die Zahl der Vogelarten seit 1980 halbiert. Die Zahl der Wirbeltier - arten ist weltweit seit 1975 um 31 Prozent zurückgegangen. Auch das Insektensterben geht offensichtlich zu großen Teilen aufs Konto der Intensivlandwirtschaft.
Die Landwirtschaft erzielt beimKlimaschutz kaum Fortschritte. In Deutschland ist sie für 16 Prozent der Treibhausgase verantwortlich.
Die Landwirtschaft ist Hauptverursacher der globalenWasserkrise. Sie verbraucht 70 Prozent des weltweit verfügbaren Süßwassers, vor allem für die Nutztierhaltung.

Ein Überschuss an Dünger

Auch in Sachen Düngung steht Deutschland denkbar schlecht da. Wir produzieren verheerende Lasten an Stickstoff, Ammoniak, Lachgas und Phosphor. Die Folgen dieser Überdüngung lassen sich an der Gewässerbelastung ablesen. 27 Prozent aller Grundwasserkörper sind stärker als erlaubt mit Nitrat belastet und deshalb in einem „schlechten chemischen Zustand“, so die amtliche Klassifizierung. Seit fünf Jahren läuft ein Vertragsverletzungsverfahren der EU gegen Deutschland wegen chronischer Überdüngung. Auch die Wasserwirtschaft schlägt Alarm. Neben Mineraldünger werden Gülle aus Mastställen und Biogasanlagen auf den Acker gebracht. Der Anteil, den Pflanzen und Böden nicht verbrauchen oder abbauen, endet als Nitrat ins Grundwasser.