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Lass uns fliegen!


Pferd + Sport - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 23.01.2020
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Springen Pferde selbstbewusst frei, trägt dies zu ihrer mentalen und körperlichen Entwicklung bei.


Fotos: Stefan Stuhr

TIPPS ZUM FREISPRINGEN VON HAUKE JÄGER Das Freispringen ist fester Bestandteil fast jeder Körung, doch in heimischen Ställen sieht man es immer seltener. Dabei ist es eine hervorragende Gelegenheit, um für Abwechslung im Trainingsplan zu sorgen. Und viel mehr noch: Es bietet jedem Pferd die Möglichkeit, sich ohne Reiter körperlich und geistig weiterzuentwickeln. PFERD+SPORT hat sich mit Freispring- Experte Hauke Jäger auf der Anlage des Holsteiner Verbandes in Elmshorn getroffen und vier ...

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... Pferde fliegen lassen.

UNSER EXPERTE: HAUKE JÄGER

Hauke Jäger hat jahrzehntelange Erfahrung in der Vorbereitung von Hengsten für Kör-Veranstaltungen. Der gebürtige Reinfelder und gelernte Landwirt betreut seit 1995 etwa 20 Hengste pro Saison bei ihren vorerst wichtigsten Auftritten vor Publikum. Dabei wurde er schon mehrfach als bester Vorführer ausgezeichnet und stellte zum Beispiel den Trakehner Reservesieger von 2010 vor, Millennium v. Easy Game, oder den Siegerhengst der Holsteiner Körung von 2008, Cantoblanco v. Canto-Carolus I aus der Zucht der Hartmann GmbH. Der von Reimer Detlef Hennings gezogene und in Neumünster gekörte Cascadello I v. Casall- Clearway kam auf Jägers Hof in Lütjenwestedt zur Welt. Er arbeitet für den Holsteiner Zuchtbetrieb AVORA Pferde der Familie Gölkel.

“Pferde lernen beim Freispringen nicht bloß das Springen an sich, sie bekommen auch ein besseres Gefühl für ihren Körper und die Distanzen. Zudem trauen sie sich meist nach einigen Durchgängen, sich im ganzen Körper zu strecken und haben dabei richtig Spaß“, weiß Hauke Jäger.

Dabei sei das Freispringen entgegen der weit verbreiteten Auffassung auch kein besonders großer Organisationsaufwand, wenn man einmal eine gewisse Routine entwickelt habe, weiß der Experte.

Die Voraussetzungen

Grundsätzlich kann jedes Pferd am Freispringen teilnehmen. Ob es dressur- oder springbetont gezogen ist, spielt eine nebensächliche Rolle, wenn man bereit ist, sich auf die individuellen Fähigkeiten des Tieres einzustellen. „Pferde werden immer weniger vom Boden aus gearbeitet und dementsprechend viel geritten. Einige sind dadurch in sich stramm und fest. Freispringen hilft dagegen hervorragend“, berichtet Jäger. „Ein Problem, von dem viele Pferdebesitzer berichten, ist eine gewisse Hektik der Pferde beim Freilaufen generell. Das deutet für mich immer darauf hin, dass hier mit zu wenig Ruhe gearbeitet wird und etwas schiefgelaufen ist“, erklärt Jäger. „Es ist wichtig, dass Pferde ohne Angst oder gar Panik freilaufen. Da gilt das Motto: Weniger ist mehr. Man sollte die Tiere keinesfalls gleich mit der Longierpeitsche herumscheuchen, sondern sie erst einmal machen lassen“, so der erfahrene Hengstvorführer. Eine weitere Voraussetzung für ein gelungenes Freispringen ist eine geschlossene Halle mit einer Bande in angemessener Höhe, sodass kein Pferd herausspringen kann. Vorderhandgamaschen seien in der Regel ausreichend als Schutz der Pferdebeine, vierfach beschlagene Pferde könnten auch zusätzlich mit Streichkappen ausgestattet werden.

Der Aufbau

Gute Vorbereitung ist Trumpf – das gilt beim Freispringen sowohl für stressfreies Freilaufen als auch für einen durchdachten Aufbau zur Unfallvermeidung. Zunächst sollten Spiegel abgehängt und auch Glasscheiben zu Reiterstübchen sicherheitshalber mit Flatterband versehen werden. So wird kein Pferd durch das Glas irritiert. Anders als vielerseits angenommen, ist Hauke Jäger nicht der Auffassung, dass zwingend eine Sprung-Gasse abgetrennt werden muss. „Ob das sinnvoll ist, hängt nicht nur von den Pferden ab, sondern auch von der Ausstattung des Betriebes und vom persönlichen Empfinden desjenigen, der die Pferde beim Freispringen betreut.“ Viele Pferde benötigten seiner Meinung nach die Gasse nicht, weil sie bereits nach wenigen Durchläufen das System verstünden und den Weg zum Sprung alleine suchten. „Einige fühlen sich durch eine Abgrenzung in Form einer Gasse eingeengt und springen dann sehr nah an der Bande oder werden zu schnell“, so Jäger, „beim ersten Versuch würde ich auf eine Gasse verzichten. Generell sollte man ausprobieren, welche Variante das beste Gefühl bei Mensch und Tier erzeugt.“ Wenn eine Gasse aufgebaut wird, sollte der Sicher- heit zuliebe leicht reißendes Flatterband und keinesfalls Zaunlitzen oder anderes Bandmaterial verwendet werden.

Die Sprünge

Bei der Anzahl der Sprünge werden dem Aufbauenden nur durch die Größe der Halle Grenzen gesetzt. „Junge oder unerfahrene Pferde müssen bei den ersten Freispring- Versuchen nicht zu viele Hindernisse nacheinander überwinden. Sie sollen Freude haben und Sicherheit gewinnen, weshalb mir ein freundlicher Aufbau sehr am Herzen liegt.“ Üblicherweise beginnt eine Freispringreihe mit einem Steilsprung und endet mit einem Oxer – „man muss aber keinesfalls gleich die erste Runde so aufbauen“, weiß der Experte. „Ich lasse die Pferde zunächst die Halle erkunden und alle Stangen liegen auf dem Boden, sodass sie bloß rüber galoppieren. Wenn sie sich an die neue Situation gewöhnt haben, baue ich für den ersten Durchgang auf. Dabei wird lediglich ein einzelner Steilsprung mit maximal 70 bis 80 Zentimetern Höhe errichtet.“ Bei einem Aufbau der Reihe mit zwei Sprüngen empfehle er einen Abstand von 7,50 bis 7,70 Meter (ein Galoppsprung) zwischen den beiden Hindernissen.

Wenn ein Pferd dazu neigt, sehr nah an der Bande zu springen, kann ein in Sprungrichtung weisender Ständer Abhilfe schaffen.


Die Vorgehensweise

Von Anfang an und bei der gesamten Arbeit gelte für ihn immer der Grundsatz, sich nicht zu viel einzumischen: „Ich lasse die Pferde machen, ihren eigenen Weg finden. Nur, wenn sie in die andere Richtung als die von mir gewünschte gehen, wirke ich ein.“ Dabei müsse der Mensch immer als Vertrauensperson agieren und stets sein Handeln reflektieren. „Manche Pferde überwin- den den ersten Sprung des Tages aus Unsicherheit, oder weil sie den Rhythmus noch nicht gefunden haben, im Trab. In diesem Fall wäre es falsch, das Tier mit der Peitsche kurz vor dem Hindernis in den Galopp zu scheuchen. Das allein sorgt für weitere Verunsicherung. Und wenn dann noch eine Stange fällt, bringt das Pferd den Fehler vielleicht mit mir in Verbindung und verliert das Vertrauen. Macht es den Fehler, weil es im Trab gekommen ist und zu wenig Schwung hatte, kann es das Geschehene mit sich selbst ausmachen und beim nächsten Durchgang entsprechend reagieren“, so Jäger. „Und genau das ist es, was wir erreichen wollen: Pferde, die mitdenken und ihre Reaktionen verbessern.“

Hat man keinen solchen extra für diese Zwecke gebauten Fang,…


…kann auch ein einfacher Ständer eingesetzt werden.


Fotos: Stefan Stuhr

Nach dem Aufwärmen kann es losgehen: Dieser Aufbau mit zwei Steilsprüngen und einer Fußstange eignet sich gut zum Einstieg.


Kleines Hilfsmittel mit großer Wirkung: Eine Stange zwischen zwei Sprüngen dient dazu, dass die Galoppsprünge richtig eingeteilt und die Geschwindigkeit nicht zu hoch werden.


Wird der zweite Sprung nach ein bis zwei Runden hinzugenommen, empfiehlt Hauke Jäger für diesen einen Aufbau als Steilsprung mit Vorlegestange. Die Stange hilft dem Pferd, den richtigen Absprung zu finden und kann circa einen halben Meter vor dem Hindernis platziert werden.

Langsam steigern

„Wenn der Einstieg gut gelungen ist, wird der Schwierigkeitsgrad erhöht – aber immer in kleinen Schritten.“ So kann im nächsten Schritt ein Oxer gebaut und die Vorlegestange näher an das Hindernis gerollt werden. „Wenn das Pferd keinerlei Schwierigkeiten mit den Abmessungen hat, kann man die Reihe anspruchsvoller gestalten. Dabei lege ich großen Wert darauf, die Sprünge nicht bloß immer höher und höher zu bauen. Besonders den Oxer am Ende der Reihe baue ich eher immer weiter als höher. Es geht beim Freispringen nicht darum, die Pferde einen Grand Prix-Sprung gehen zu lassen, sondern sie sollen selbstbewusster werden. Ein weiter Oxer hilft ihnen dabei, sich fliegen zu lassen und den Rücken aufzumachen.“

Die Pferde

1 Dieser vierjährige Wallach v. Chin Champ-Canturo ist angeritten und hat bereits die ersten Sprünge unter dem Reiter absolviert.

2 Eine achtjährige Stute v. Ibisco xx- Castellini. Sie hat einen Stutentest abgelegt, wurde seitdem nur leicht gearbeitet und soll jetzt weiter gefördert werden.

3 Diese neunjährige Stute v. Larimar- Caretino ist bereits in S-Springen platziert, wurde aber schon länger nicht mehr freispringen gelassen.

4 Der Sohn des Ampère-Quite Capitol ist dreijährig und erst ein oder zwei Mal freigesprungen. Er steht am Anfang seiner Ausbildung zum Reitpferd.

01 Zunächst kam die Stute v. Larimar zu groß zum Aussprung…
02 …eine Stange zwischen den beiden Sprüngen und ein weiter gestellter Oxer haben dem S-platzierten Pferd den richtigen Absprungpunkt gewiesen.
03 Entspanntes Freilaufen ist eine Grundvoraussetzung für erfolgreiches Freispringen. „Gerne das Pferd zwischendurch auch mal anklopfen“, so Jäger.
04 Zwei Sprünge reichen für erste Versuche völlig aus. Ob eine Gasse abgetrennt wird, ist von den Vorlieben von Pferd und Mensch abhängig.

Auf Schwierigkeiten eingehen

Falls Probleme auftreten, ist das Credo des Experten, zunächst das eigene Handeln zu hinterfragen. „Wenn ein Pferd ängstlich oder unsicher wird, hat der Mensch etwas falsch gemacht. Kein Pferd hat jemals böse Absichten und verweigert die Arbeit mit einem Hintergedanken. Es ist immer der Mensch die Ursache dafür. Ist die Reihe zu schwierig? Habe ich zu viel Druck gemacht? Das sind Fragen, die man sich in diesem Falle stellen sollte“, so Jäger. Ein Problem beim Freispringen ist, dass viele Pferde sehr nah an der Bande springen. So auch der vierjährige Wallach v. Chin Champ-Canturo. „In diesem Fall baue ich unmittelbar vor dem jeweiligen Hindernis noch einen weiteren Fangständer auf, der den Weg von der Bande in die Sprungmitte weist“, so Hauke Jäger. Und der Wallach reagierte sofort auf diese Maßnahme: Als er sich mehr von der Bande entfernen musste, sprang er deutlich freier in der Hinterhand, weil er nicht durch die Wand eingeengt wurde. „Mit der Zeit und wachsender Routine würde hoffentlich ein Lerneffekt eintreten“, schmunzelt der Ausbilder. Ein weiteres Problem kann sein, dass die Pferde ihre Geschwindigkeit zwischen den Sprüngen stark erhöhen und deshalb unpassend zu den Hindernissen im Verlauf kommen. Die achtjährige Stute v. Ibisco xx- Castellini zeigte sich sehr kernig und gehfreudig. Andere, wie die neunjährige Stute v. Larimar-Caretino, springen relativ verhalten in die Reihe hinein, sodass der Galoppsprung zwischen den Hindernissen nicht groß genug ist und der Absprung zum nächsten Hindernis zu weit wird. Für beide Fälle hat Hauke Jäger eine simple Hilfestellung parat: Er legt eine Stange mit gleichem Abstand zwischen die beiden Sprünge. Das sorgt dafür, dass der erste Galoppsprung nach Hindernis eins über genug Boden erfolgt und die Abmessungen nach hinten heraus wieder passen. „Auf gar keinen Fall sollte man die Reihe enger stellen, wenn es bei den hinteren Sprüngen weit wird“, mahnt er, „dann arbeitet man seinem Ziel entgegen, den Pferden Mut zu verleihen und ihren Körper besser zu kontrollieren. Es ist kein Problem, wenn sie anfangs mal einen kleinen Galoppsprung dazumachen. Sie sollen sich trauen, abzuspringen und einen großrahmigen Galopp entwickeln.“ Zudem würden zu eng gestellte Hindernisabfolgen die Manier des Pferdes negativ beeinflussen: „Kommt ein Pferd zu dicht an den Sprung, werden die Oberarme nicht wie gewünscht nach oben, sondern nach hinten weggeklappt.“ Eine enger gestellte Reihe sei dabei erst dann sinnvoll, wenn das Pferd in der Ausbildung so weit sei, dass es sich bereits versammeln und den Galopp entsprechend anpassen kann. Und auch der Betreuer müsse entsprechend erfahren sein.


„Auf gar keinen Fall sollte man die Reihe enger stellen, wenn es bei den hinteren Sprüngen weit wird.“
Hauke Jäger


Fällt eine Stange, sieht Hauke Jäger die richtige Reaktion als entscheidend – sowohl von Pferde- als auch von Menschenseite. Der dreijährige Wallach v. Ampère-Quite Capitol hatte noch Schwierigkeiten am Oxer. „Passiert ein Fehler, weil das Pferd nicht aufgepasst hat oder unpassend zum Sprung kam, wünsche ich mir im nächsten Durchgang eine Veränderung in seinem Ablauf und Sprungverhalten. Hier kann auch wieder die Fußstange zwischen den Sprüngen ein gutes Hilfsmittel sein. Passiert der Fehler, weil das Pferd noch nicht genug Kraft hat oder mit den Abmessungen überfordert ist, muss der Mensch bereit sein, einen Schritt zurückzugehen.“ In diesem Fall heiße das, die Sprünge wieder niedriger zu bauen, um dem Pferd zu helfen. „Das ist unsere Aufgabe als Betreuer. Wir müssen Geduld beweisen und Hilfestellung leisten. Es gilt wie immer beim Umgang mit Pferden das Motto ,In der Ruhe liegt die Kraft‘. Langfristig werden unsere Pferde es uns danken.“

Wir bedanken uns herzlich beim HOLSTEINER VERBAND für die Bereitstellung der Anlage und des Hindernismaterials für diesen Beitrag. ALEXANDRA BITTER und ihr Team haben die Pferde hervorragend ausgewählt und vorbereitet.


Fotos: Stefan Stuhr