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"Lasst unsere BÄUME älter werden"


Gong - epaper ⋅ Ausgabe 33/2021 vom 13.08.2021

REPORT

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KLIMARETTER Alter Laubwald sorgt für Kühlung und mehr Regen ? auch der Pfälzerwald, aus dem die Burgruine Altdahn ragt

Es ist ein warmer Julitag. Peter Wohlleben kommt gerade aus dem Wald. Dort probierten angehende Waldführer unter seiner Anleitung Blätter der Vogelbeere und der Hainbuche. „Erstere sind erstaunlich mild, letztere verdammt bitter im Geschmack“, erzählt der 57-Jährige im Interview mit unserer Redaktion. Das hat ihn sogar selbst überrascht.

Deutschlands bekanntester Förster kann noch staunen, spürt weiterhin Entdeckerlust rund um das Terrain, das er eigentlich so gut kennt – das Dickicht der Bäume. Wenn er Studien auswertet und dabei auf kleine Schätze stößt. So fand er beim Datensichten die Antwort auf die Frage, warum Bäume rote Farbstoffe in ihren Blättern bilden: „Um Blattläuse abzuschrecken“, weiß er jetzt. Oder: Wann füllen Bäume ihren Wasserhaushalt auf? „Im Winter. Und dass sie Zucker bis zehn Jahre im Gewebe einlagern, ist auch erwiesen.“

Was ihn ganz besonders interessiert: wie Laubbäume lernen. Forscher untersuchten 2020, im dritten Trockensommer in Folge, die Tausendjährigen Stieleichen von Ivenack in Mecklenburg-Vorpommern. „Sie stellten fest, dass es ihnen gut geht und selbst die Ältesten dieser Art noch in der Lage sind, sich auf andere Umweltbedingungen einzustellen“, berichtet Wohlleben. Das zeigt: „Wenn Bäume tausend Jahre lang lernen, sollten sie also viel besser als junge, frisch gepflanzte Setzlinge wissen, wie man auf Dürre reagiert.“ Sein Plädoyer lautet deshalb: „Lasst unsere Waldbäume wieder älter werden!“ Warum? „Weil wir den Nutzungsdruck auf die Natur senken müssen.“ So ist sein neues Buch „Der lange Atem der Bäume“ (siehe Buchtipp Seite 8) diesmal auch eine politische Forderung – eher als sein Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“.

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WILDTIERE Reh mit Kitz auf einer Lichtung im Allgäuer Wald. Er ist Lebensraum und Futterquelle zugleich

BEDROHTE BUCHEN

Das Klima wandelt sich. Hitze, Stürme, Schädlinge – all das macht vielen Bäumen schwer zu schaffen. „Wir sehen, dass Fichten- und Kiefernplantagen sterben. Und dass alte Buchen erkranken und hektisch gefällt werden“, sagt Wohlleben. „Der Raptor, die größte und schwerste Holzerntemaschine der Welt, schafft bis zu 80 schwächelnde Buchen am Tag und frisst sich durch die alten Laubwälder.“ Doch nicht alles, was schwach aussieht, stirbt auch. „Kranke Buchen können sich erholen.“

Wohlleben ist sicher: „Wald wird es immer geben.“ Er ist wichtig, wir brauchen ihn. Er bietet Erholung und beschert uns Regen. Liefert Holz. Und könnte als CO 2 -Speicher vor der Klimakrise retten – wenn wir ihn denn lassen. „Die Frage ist, welche Prioritäten wir haben“, sagt Wohlleben. „Wir wissen zum Beispiel, dass der Grundwasserpegel unter Kiefernplantagen fällt und bei Buchenwäldern steigt. Brauchen wir mehr Kiefernholz, haben wir weniger Wasser. Wollen wir mehr Wasser haben, brauchen wir mehr Buchenwald.“

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REBELL Peter Wohlleben wehrt sich gegen die Ausbeutung des Walds zur Holzgewinnung
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NADELWALD & CO. Monokulturen machen Boden und Pflanzen anfällig für Schädlinge und Wetterextreme
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GRÜNES WUNDER Wo niemand eingreift, wachsen Pflanzen nach. Hier auf Brandflächen bei Treuenbrietzen

Auch auf die Temperaturen hat der Wald großen Einfluss. „Erwiesen ist, dass alter Laubwald im Vergleich zu Kiefernplantagen die Luft bis zu 8 Grad stärker herunterkühlt“, so Wohlleben. „Möchten wir also 40 Grad ertragen und dafür mehr Holz ernten? Oder sind uns 32 Grad lieber?“

BÄUME IN REPARATUR

Waldumbau tut also not. Fachleute sind sich einig: Die Zeit der Monokulturen, die so anfällig sind für Insekten, Stürme und Trockenheit, muss enden. Wie aber sollen neue Wälder aussehen? Seit Jahren findet eine Art Baumcasting statt nach dem Motto: Deutschland sucht den Superbaum.

» BÄUME kommen gut ohne Menschen aus, aber MENSCHEN nicht ohne Bäume.

Peter Wohlleben, Förster

Doch kann man Wälder erneuern, indem man einfach die Baumarten austauscht und etwa vermehrt Douglasien aus Nordamerika pflanzt? „Sicher nicht“, sagt Wohlleben. „Für viele heimische Tiere und Pflanzen bedeutet der Anbau ungewohnter Baumarten den Entzug ihrer Lebensgrundlage.“ Die neuen Bäume sind für ihn „eine leere Hülle in der Waldoptik“.

Man darf, sagt der Experte, bei all den Alarmzeichen nicht übersehen: Das Ökosystem an sich funktioniert ja noch. Das beweisen auch die Brandf lächen bei Treuenbrietzen in Brandenburg, entstanden durch ein Feuer 2018. „Überall wo man nicht eingreift, reagiert der Wald stark, indem er sofort neue Bäume wachsen lässt“, so Wohlleben. „Nur dort, wo alles abgeräumt, das Erdreich platt gefahren wird, der Boden sich in der prallen Sonne aufheizt und kaum noch Humus vorkommt, stirbt der Wald.“

Er vertraut darauf, dass die Natur sich selbst hilft. „Laubbäume in intakten Reservaten sind auffallend widerstandsfähig.“ Wohlleben war kürzlich in den Făgăraş-Bergen der Südkarpaten in Rumänien, wo sich das Projekt „Carpathia“ für den Erhalt großer Urwälder einsetzt. „Keine Spur von sterbenden oder kranken Bäumen“, schwärmt er. „Wildbestände, die sich selbst regulieren, kaum Zecken, kein Fraß an Laubbäumen, das Vierfache an Biomasse vom deutschen Durchschnittswald, die für kühle und feuchte Luft sorgt.“ Dieselbe Vegetationszone wie hier, aber heile Natur. „So sahen unsere Wälder auch einmal aus“, sagt Wohlleben. Er weiß, es gibt kein komplettes Zurück, fordert aber, dass Waldf lächen vergrößert, 30 Prozent davon unter Schutz gestellt und 70 Prozent so bewirtschaftet werden, dass der Wald das auch künftig aushält. „Dann hätten wir unterm Strich mehr Holz, als konventionelle Forstwirtschaft in Zukunft liefern kann.“

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BUCHTIPP Peter Wohlleben Der lange Atem der Bäume Ludwig Verlag 256 Seiten 22 Euro

WALD STATT WEIDE

Und was kann der Einzelne für den Wald tun? „Weniger Fleisch essen“, rät Wohlleben. „Fleisch ist der Hauptklimakiller. Aktuell haben wir 114.000 Quadratkilometer Wald bei 100.000 Quadratkilometern Weideland und Futteracker. Wer den Fleischkonsum reduziert, trägt dazu bei, dass mehr Futterf lächen wiederbewaldet werden können.“

Die Wiederbewaldung war eines der Themen beim Nationalen Waldgipfel 2021 in Wershofen am 5. und 6. August. Wohlleben diskutierte dort über Kahlschläge, Jagd, CO 2 -Steuer auf Holz, Artenvielfalt. Seine Gesprächspartner: NGOs, Vertreter aus Politik, Forstwirtschaft und Forstwissenschaft, darunter die Bundesumweltministerin Svenja Schulze, Robert Habeck von den Grünen und Klimaaktivistin Luisa Neubauer. Die Diskussionen sind im Internet unter wohllebens-waldakademie.de abzurufen.

Wohlleben ist überzeugt, dass es nie zu spät ist, etwas zu ändern. „Wir müssen nur langsam mal einen Schritt zurück machen. Dann geht es dem Wald besser – und uns auch.“

ANJA MATTHIES

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