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Last Night In Soho


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Blu-ray Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 11.02.2022

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Bildquelle: Blu-ray Magazin, Ausgabe 1/2022

Premium Blu-ray Last Night In Soho

Hollywood hat ein Nostalgie-Problem. Immer wieder werden vergangene Zeiten beschworen, alte Filmreihen wiederbelebt oder neu verfilmt. Etabliertes wird noch einmal aus dem Tiefschlaf erweckt und variiert, anstatt Neues zu wagen. Serien wie „Stranger Things“, das Comeback der „Ghostbusters“ im Kino oder auch die jüngst veröffentlichte Fortsetzung des Horrorklassikers „Scream“ zeugen davon. Der Theoretiker Mark Fisher diagnostizierte bereits Anfang der 2000er einem beträchtlichen Teil der Populärkultur einen sogenannten „hauntologischen“ Charakter. Gemeint ist damit ein Verschwimmen der Zeiten. Permanent werden Gesellschaften heute von den Utopien früherer Tage heimgesucht, die sich aber nie erfüllt haben. Eine echte Zukunftsvision scheint sich in all dem Retro-Rausch aufzulösen, war Fishers Texten zu entnehmen. Edgar Wrights neues Werk „Last ...

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... Night In Soho“ weiß um dieses Problem und erhebt es zum Erzählgegenstand. Wright, der unter anderem mit der Zombiekomödie „Shaun Of The Dead“ zu Popularität gelangte, hat einen Hybriden aus Psychothriller, Coming-of-Age-Geschichte und Horrorfilm geschaffen, der sich an einer Desillusionierung versucht. Die allzu verklärte Vergangenheit stürzt bei ihm in ein Schreckensszenario. Als mahnendes Beispiel dient dabei eine junge Frau namens Ellie, gespielt von Thomasin McKenzie. Ellie wächst gutbehütet bei ihrer Großmutter auf. Ein recht klischeehaft gezeichnetes Mauerblümchen, das nun aus diesem Haushalt in die weite Welt auszieht, um Modedesignerin zu werden. Oma warnt noch vor den gefährlichen Machenschaften in der Großstadt, in denen man sich leicht verlieren kann. Ellies Mutter ging es damals ähnlich. Ein tragisches Schicksal scheint sich auf schaurige Weise zu wiederholen.

Letzter Auftritt einer Ikone

Sehenswert ist „Last Night In Soho“ vor allem aufgrund einer zunächst unbedeutenden Nebenfigur. Die fantastische Diana Rigg, die unter anderem als Ex-Bond-Girl und in „Game Of Thrones“ als zynische Lady Olenna zu Weltruhm gelangte, ist hier in ihrer letzten Rolle vor ihrem Tod im Jahr 2020 zu sehen. Rigg spielt eine kauzige Vermieterin, bei der Ellie in London unterkommt. Mit der Schauspiel-Ikone gelingt dem Film ein doppelbödiger Casting-Coup, der sich erst später erschließt und an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Eine düstere Wohnung ist das, die Riggs Figur an Ellie vermietet. Vor dem Fenster blinken nachts unheilvolle Neonlichter. Während Ellie Probleme hat, in ihrer neuen Umgebung Anschluss zu finden, träumt sie sich im Schlaf in die 1960er-Jahre zurück. In ihren Träumen ist plötzlich alles ganz leicht und unbeschwert. Dort trifft sie auf eine andere, viel mutigere Version ihrer selbst: Sandy, gespielt von Nachwuchsstar Anya Taylor-Joy, träumt von einer Karriere als Sängerin. Um dieses Ziel zu erreichen, ist sie allerdings gezwungen, mächtige Männer um den Finger zu wickeln, die über Erfolg oder Misserfolg mit einem Fingerschnips entscheiden. Edgar Wright ist ein Meister darin, diese Weltflucht in die vergangene Epoche als großen, verführerischen Rausch zu inszenieren. Besonders bei seinem letzten Film „Baby Driver“ wurde der Regisseur für seine kunstvollen Montagekünste, sein technisches Geschick beklatscht. Hier darf diese Gestaltungsfreude nun erneut glänzen. Sie ist dieses Mal nicht nur oberflächliche Fassade, sondern unumgänglich, um die Faszination der Hauptfigur nachzuvollziehen. In knalligen Farben und mit langen, opulenten Kamerafahrten gleiten die Aufnahmen durch das Party-Labyrinth der 60er. Überhaupt ist es erfrischend, mal wieder einen Horrorfilm zu sehen, der in satten Farben flackert und funkelt, wo sich ein Großteil des Genres inzwischen überwiegend mit trostlos dunklem Grau begnügt. Auf der Bluray kommt dieses Spiel mit bunten Neonlichtern und starken Kontrasten technisch hervorragend zur Geltung, ohne dabei gänzlich eine gewisse Natürlichkeit einzubüßen. Das erstaunlich üppige Bonusmaterial mit mehreren Making-Of-Clips erlaubt zudem, tief in die Entstehungsgeschichte dieser Sequenzen einzutauchen, egal ob es um erzählerische Entscheidungen oder das Handwerk hinter den aufwändigen Choreographien geht. Erstaunlich an „Last Night In Soho“ ist bei all dem Pomp, wie lange es dauert, bis sich die Mystery-Geschichte dann überhaupt zum waschechten Horrorfilm mausert. Viele Fährten werden anfangs ausgelegt, die sich durchaus elegant entfalten und behutsam zu ihrem Kern vordringen. Irgendwann lässt sich der Schrecken nicht mehr aufhalten. Ellie und Sandy: zwei Figuren, die in geplatzten Träumen verschmelzen. Der Horror der einen wiederholt sich im Alltag der anderen. Die heile Nostalgiewelt trifft auf ihre grauenvolle Kehrseite und die Vergangenheit spukt durch die Gegenwart.

Anspielungsreich erzählt

Edgar Wrights Film zitiert sich derweil munter durch die Mystery- und Horrorhistorie. Jede Menge Giallo-Flair schlummert in ihm mit der expressiven Farbgebung, der Odyssee einer jungen Frau zwischen sexuellem Erwachen, Aufbegehren und brutaler Repression. Später wird literweise Blut fließen. Na klar, auch Alfred Hitchcock grüßt aus dem Hintergrund. Messer werden zu kreischenden Geräuschen gezückt. Wenn „Last Night In Soho“ monströse Geistergestalten durch die Wohnung spuken lässt, fühlt man sich an alte Gruselklassiker der Hammer-Studios erinnert. Dazu drehen sich die Schallplatten unentwegt, ein Musik-Hit aus vergangenen Zeiten nach dem anderen trällert auf der Tonspur. Insofern ist Edgar Wrights unterhaltsame Auseinandersetzung mit dem Nostalgischen konsequent: Einmal mehr bringt er ein großes Zitate-Rätsel und popkulturelles Potpourri in einem Film zusammen, das sein Publikum mit jeder Menge Spektakel, Kitsch und Camp um den Finger wickelt. Zugleich stellt sich fortwährend die Frage, ob sich „Last Night In Soho“ damit nicht in sein eigenes Feindbild verwandelt. In Wrights Spukgeschichte steckt in finaler Konsequenz nicht so viel kritischer, umstürzlerischer Geist, wie sie zunächst vorgibt. So verführerisch dieses Schauerstück seine Audiovisualität entfaltet, so wenig frische DNA besitzt es am Ende, die es irgendwann aus aktuellen Geschlechterdiskursen rund um Sexismus und Machtmissbrauch zu ziehen plant.

#metoo als Horrorfilm

„Last Night In Soho“ rechnet mit patriarchalen Strukturen ab, die Frauen vor allem als Ware und Unterwürfige betrachten. Die verträumten Visionen erhalten Risse. Irgendwann kippen glamouröse Feste im Film ins Grausige. Das Zurückträumen weicht einer panischen Flucht vor den Abgründen der Vergangenheit, die plötzlich zu Tage treten: Drogen, Prostitution, Missbrauch, Gewalt. Später fallen alte weiß Männer als Zombiehorden über die Protagonistin her und tauchen immer wieder als geisterhafte Schreckensgestalten auf. „Vulgärfeminismus“ könnte man es in dieser Zuspitzung nennen. Aber gut, dafür ist gerade das Horrorgenre da: zum Übertreiben, zum Polemisieren. Es muss keine Rücksicht auf Fettnäpfchen nehmen. Man kann froh sein, dass überhaupt einmal jemand diese Ansätze zur Hand nimmt, um die ewig gleichen Erzählmechanismen und Rollenbilder der Showbranche vorzuführen, wenn auch mit simpler Metaphorik. Die Probleme von heute nehmen ihre Anfänge in der Vergangenheit. Wright findet in der Tat interessante Eindrücke für den zerstörerischen Retro-Rausch seiner Hauptfigur. Nichtsdestotrotz sind die subversiven Töne abseits des Geschlechterkampfes formal zu halbherzig umgesetzt. Man kauft sie ihm nicht so recht ab. Wie soll das auch funktionieren? „Last Night in Soho“ lebt zu einem überwiegenden Teil ja selbst von prunkvoll aufgefahrener Pop-Nostalgie, auch in seinen Horrorszenarien. Er müsste sich andernfalls selbst zerstören. In seiner jetzigen Form verleibt er sich besagte Nostalgie nur noch ein, feiert eine Läuterung, aber reaktiviert zugleich doch nur wieder ihr Erfolgsrezept und Blendwerk. Am Ende verschwimmen die Grenzen zwischen Schrecken und Lust. Aus Rebellion wird Selbstbestätigung. Feminismus wird zu Terror oder schnödem Mammon. Ist das viele Blut erst einmal vom Körper gewaschen, lässt sich auch der älteste Spuk wie der schlimmste Horror noch in Kommerz verwandeln. „Last Night in Soho“ irrt, wenn er das als emanzipatorischen Akt verkauft.

JANICK NOLTING