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Laufprofi als Beruf: Liegt das Geld auf der Straße?


Laufzeit - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 14.10.2020
Artikelbild für den Artikel "Laufprofi als Beruf: Liegt das Geld auf der Straße?" aus der Ausgabe 6/2020 von Laufzeit. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Laufzeit, Ausgabe 6/2020

Laufen ist grundsätzlich eine sehr einfach auszuübende Sportart, wir ziehen uns die Schuhe an und können loslaufen. Dafür wird keine spezielle Ausrüstung oder eine Trainingshalle benötigt. Für viele ambitionierte Läufer*innen klingt es also nach einem wahr gewordenen Traum, das Hobby einfach zum Beruf zu machen und wortwörtlich laufend Geld zu verdienen. Aber so einfach ist es dann leider doch nicht. Einerseits sei es laut des ehemaligen Skilangläufers und Mit-Gründer der Ausdauersport-Plattform „LaRaSch“, Alexander Pohle, aufgrund dieser Einfachheit und der damit verbundenen Dichte der Sportler*innen ...

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... schwer, mit der eigenen Leistung zu brillieren und bei den dotierten Platzierungen mitzumischen. Leider handele es sich hierbei auch nicht um einen angemessen bezahlten „9-to-5-Job“. Eine Profisportkarriere fällt nicht einfach so vom Himmel, dafür muss hart gearbeitet werden. Generell gilt: Wer früh beginnt, hat bessere Chancen. Viele Profis haben Eltern, die bereits Profisportler*innen waren oder sind seit Kindesbeinen von ihren Eltern trainiert und gefördert worden, so wie Katharina Steinruck (siehe „Wie die Mutter, so die Tochter“ in der Laufzeit 05/2020). Sportler*innen, die von ihren Eltern finanziell unterstützt werden, haben es da deutlich einfacher, weiß auch Alexander Pohle. Ansonsten sei eine duale Karriere notwendig, da eine Sportkarriere zeitlich begrenzt und nicht absehbar sei, wie lange sie andauern wird.


„FÜR MICH IST DER SCHRITT ZUR BUNDESWEHR DIE NÄCHSTE STUFE DER RAKETE, DIE JETZT GEZÜNDET WIRD.“
(Hendrik Pfeiffer)


Hochschulen wie die IST-Hochschule für Management in Düsseldorf haben sich auf Leistungssportler*innen spezialisiert. Dank großer Flexibilität der Studiengänge können sich auch Leistungssportler* innen hier optimal auf die Zeit nach der aktiven Karriere vorbereiten. Die meisten studieren vorrangig in den Fächern BWL, Medizin oder Sport. So können sie ihre sportliche Karriere vorantreiben, sich aber auch nebenbei noch auf das „Leben danach“ vorbereiten. Dass diese Tatsache schwer mit dem hohen Trainingspensum vereinbar ist, liegt auf der Hand. Außerdem müssen die Athlet*innen nicht nur sportlich Leistung bringen, auch der finanzielle Aspekt stellt eine Herausforderung dar. Wie also beides bestmöglich miteinander kombinieren? Die sicherste Möglichkeit, neben der sportlichen Karriere auch finanziell abgesichert zu sein, ist die Bundeswehr. Sportsoldat*innen können nämlich dauerhaft vom Dienst freigestellt und unter vollen Bezügen Mitglied einer Sportfördergruppe werden und dort unter professioneller Anleitung trainieren. Ihr Einsatz für die Bundesrepublik liegt im sportlichen Erfolg, ihre Aufgabe ist es also, den Staat durch den Spitzensport zu repräsentieren. Den Weg des Sportsoldatentums haben unter anderem Laufgrößen wie Sabrina Mockenhaupt oder Anna Hahner eingeschlagen. Auch Hendrik Pfeiffer, einer der besten deutschen Marathonläufer, ist vor Kurzem in die Bundeswehr eingetreten und nutzt den Vorteil, sich zu 100 Prozent auf den Sport konzentrieren können und gleichzeitig eine finanzielle Absicherung zu haben. „Man geht mit einer dualen Karriere so weit, wie man kommt und sobald man den Sprung in die europäische Spitze schafft, sollte man versuchen, in die Bundeswehr reinzukommen.“ Ähnlich verhält es sich bei der Sportfördergruppe der Polizei: Sie ermöglicht es, den Dienst in Uniform und den Sport, bestehend aus Training und Wettkämpfen, miteinander in Einklang zu bringen. Beispiele dafür sind der amtierende deutsche Marathonmeister Tom Gröschel und die bereits erwähnte Katharina Steinruck. Für Philipp Pflieger, der mit einer Marathonzeit von 02:12:50 Stunden zu den schnellsten deutschen Läufern gehört, war das keine Option: „Ich wollte mich nicht in irgendwelche Abhängigkeiten begeben und habe mir das alles selbstständig aufgebaut. Dadurch gab es Jahre, in denen die Lage finanziell sehr angespannt war.“

Neben Bundeswehr und Polizei gibt es für Sportler*innen, die Mitglied im Bundeskader sind, die Möglichkeit, Unterstützung durch die Stiftung Deutsche Sporthilfe zu erhalten. Von ihr werden alle Bundeskaderathleten der olympischen Sportarten sowie ausgewählte Athleten nicht olympischer Sportarten gefördert. Aber wer entscheidet über die Kaderzugehörigkeit? Die Trainerteams des deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) erarbeiten nach einer abgeschlossenen Saison einen Vorschlag für die Kaderberufung für das folgende Jahr. Dieser wird nach intensiver Prüfung durch den Bundesausschuss Leistungssport zunächst beschlossen und anschließend final mit dem Geschäftsbereich Leistungssport im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) abgestimmt. 2020 wurden insgesamt 472 Athlet*innen in die verschiedenen Bundeskader berufen, die sich seit Beginn der Leistungssportreform 2017/2018 auf nationaler Ebene in den Olympiakader, den Perspektivkader, den Ergänzungskader sowie in verschiedene Nachwuchskader unterteilen.


„ALS LÄUFER FINANZIELL ÜBER DIE RUNDEN ZU KOMMEN, IST NACH WIE VOR NICHT SO EINFACH, DA MUSS MAN SCHON ZU DEN ABSOLUTEN TOPATHLETEN IN DEUTSCHLAND GEHÖREN.”
(Jan Fitschen)


Im sogenannten „Top Team“ und dem „Top Team Future“ der Deutschen Sporthilfe, die auch durch das Bundesministerium des Inneren gefördert werden, sind alle Athlet*innen, die entweder eine Perspektive für einen Platz unter den Top 8 bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen oder sich bereits unter den Top 8 platziert oder eine vergleichbare Leistung erbracht haben. Je nachdem werden die Sportler*innen in den nächsten ein bis acht Jahre gefördert, was monetär mindestens 300 Euro im Monat sind und sich je nach Voraussetzungen der Sportler*innen in Ausnahmefällen auf bis zu 2.200 Euro steigern kann. Sind die Athlet*innen so gut, dass sie in den Kader aufgenommen werden, bedeutet staatliche Förderung aber nicht automatisch, dass sie davon auch leben können. Dann gibt es ja noch die Preisgelder, die es bei hochkarätigen Wettkämpfen zu gewinnen gibt. In Deutschland finden pro Jahr mehr als 250 Marathonläufe statt, weltweit sind es zigtausende. Dabei sind die allerwenigsten finanziell wenig lukrativ. Besonders, wenn man bedenkt, dass Profis in der Regel nur zwei Marathons im Jahr an ihrer Leistungsgrenze bestreiten können. Die Veranstalter der Topläufe versuchen, sich gegenseitig mit ihren Siegprämien auszustechen. Schließlich bedeutet ein hochkarätiges Starterfeld auch höhere Werbeeinnahmen. Der Sieger kann bei hoch dotierten Preisgeldern bis zu 250.000 Euro gewinnen. Im Falle namhafter Athlet*innen gibt es zusätzlich auch ein sogenanntes Antrittsgeld. Das ist bei einem Sieg dann ein ziemlich üppiger Stundenlohn. Die vordersten Ränge sind allerdings häufig fest in ostafrikanischer Hand, sodass die deutschen Sportler*innen davon nicht viel sehen.

Einer der seinen Lebensunterhalt mit dem Laufsport bestreiten konnte und kann ist Jan Fitschen. Auch nach dem Ende seiner aktiven Karriere ist Fitschen unverändert eines der präsentesten Gesichter der deutschen Laufszene.


Anna und Lisa Hahner im Trikot des SCC Events Pro Teams aus Berlin, eines der wenigen Profi-Teams in Deutschland.


Selbstvermarktung als Goldgrube?

Philipp Pflieger weiß sich und seinen Kolleg*innen zu helfen: „Die Herausforderung ist, über den Sport und das reine Training hinauszudenken und sich ein Konzept zu überlegen: Was kann ich potenziellen Partnern bieten und welche Plattformen können wir nutzen, sodass alle was davon haben?“ Gerade heutzutage im Zeitalter der Digitalisierung und der sozialen Medien ist das individuelle Sponsoring und die damit verbundene Eigenwerbung auf Plattformen wie Instagram, Facebook und Co. von elementarer Bedeutung. Um einen möglichst attraktiven Sponsor zu bekommen, muss nicht nur die sportliche Leistung dementsprechend sein, die Anzahl der Follower ist ebenso relevant. Und auch hier ist die Konkurrenz groß. So passiere es, dass man als Hobbysportler*in eventuell eher eine Anfrage für ein Sponsoring bekomme, weil die Reichweite in den sozialen Medien größer sei als bei Leistungssportler*innen, die neben einem Alltag aus Arbeit und Training wenig Zeit hätten, um zu „netzwerken“, kritisiert Sabrina Mockenhaupt-Gregor im Juli im „Auslaufen“-Podcast von Sebastian Reinwand und Felix Hentschel. „Sponsoren investieren leider oft mehr Geld in Influencer und nicht in die richtigen Athlet*innen.“


„WENN DIE KARRIERE VORBEI IST, KANN NICHT JEDER TV-EXPERTE WERDEN.”
(Alexander Pohle)


Auch Alex von Larasch sieht das kritisch: „Die Sportler müssen ihren Instagram-Auftritt komplett selbst bearbeiten, was neben Training und Job zusätzlich viel Zeit kostet.“ Oft kann mit kleineren Sponsoringverträgen die Ausrüstung oder ein Teil davon finanziert werden, für die Sicherung des Lebensunterhalts reicht das aber auch bei Weitem noch nicht. Da die Zeit, in der als Profisportler*in Geld verdient werden kann, dem Alterungsprozess geschuldet, zeitlich begrenzt ist, haben diejenigen, die Social Media nutzen, die Chance, sich und ihre Marke darüber hinaus zu etablieren und die eigene Bekanntheit zu steigern. Dabei ist Kreativität gefragt: Jüngstes Beispiel ist die Mittelstreckenläuferin Denise Krebs, die mit einem Crowdfunding ihre Vorbereitung für die Olympischen Spiele in Tokio 2021 finanziert hat. Das Thema Selbstvermarktung sei „super für die Leute, die da wirklich Bock drauf haben, jedoch schwieriger für die, denen das nicht so leicht falle“, gibt der Europameister von 2006, Jan Fitschen, zu bedenken. „Man muss auch aufpassen, dass man die Konzentration auf den Sport nicht verliert. Denn gerade bei Social Media musst du liefern und wenn du dir im Training nur Gedanken um das perfekte Foto machst, leidet deine Leistung darunter.“

Da geht noch was

Die Profisportler*innen wecken in ihrer Funktion als sportliches Vorbild bei jungen Menschen die Begeisterung für den Sport und sichern so den Nachwuchs. Aber der Leichtathletikverband behandele die Läuferszene immer noch etwas stiefmütterlich und sähe nicht, wie wichtig die Laufszene für den Verband sei, bedauert die vielfache nationale Meisterin „Mocki“ im Podcast. Doch der DLV bemüht sich. Es werden neue Stellen im Social-Media-Bereich geschaffen mit dem Ziel, die Sportler in den Fokus zu rücken und so mit mehr Präsenz in der Öffentlichkeit zusätzlich zu unterstützen. Alexander Pohle ist damit noch nicht geholfen: „Wir können froh sein, dass es aktuell überhaupt noch einen Topf gibt, aus dem die Athleten bezahlt werden. Das Gießkannenprinzip ist zu wenig, wir brauchen ein gut strukturiertes Modell im Profisport, in dem langfristig wirtschaftlich gedacht wird. Aktuell weiß man immer nur, wie es im nächsten Jahr weitergeht. Auf kleiner Ebene fehlt die Vision.“ Wenn wir die Situation im Laufsport mit den Radsportprofis vergleichen, finden wir dieses strukturierte Modell, das nicht nur Alexander Pohle im Laufsport fehlt: Es dürfen ausschließlich Radsportteams starten, die auch eine Lizenz haben. Diese Lizenzen stellt der Weltradsportverband Union Cycliste Internationale (UCI) nur an solche Teams aus, die ihre Fahrer*innen auch nach den UCI-Richtlinien bezahlen. Hier sind die monatlichen Gehälter zwar nicht üppig, aber sie sind durch ein strukturiertes Vertragswesen und organisierte Teams, die von Unternehmen gesponsert werden, durchgehend gewährleistet.

Marathon-Läufer Philipp Pflieger beim Frühstück im kenianischen Trainingslager. Die Zusammenarbeit mit Partnern und die Präsenz in den sozialen Medien sind für den Regensburger Teil des Arbeitsalltags als Laufprofi.


„SPONSORING IST KEIN MÄZENATENTUM, SONDERN MARKETING.”
(Philipp Pflieger)


Die Rennbekleidung trägt groß die Aufschrift der Sponsoren, die die Kosten des Teams und damit auch die Gehälter der Fahrer tragen. Dies geschieht über einen Arbeits- oder Dienstvertrag wie beispielsweise mit der Firma LOTTO Rheinland- Pfalz GmbH für das führende Team in der Rad-Bundesliga „Lotto-Kern Haus“ aus Koblenz. Zusätzlich vertritt die Fahrer- Gewerkschaft „Cyclistes Professionnels Associés“ (CPA) die Interessen der Berufs-Radrennfahrer*innen in den UCI ProTeams und UCI Professional Teams.

Wäre so ein System auch im Laufsport denkbar oder wünschenswert? Von Firmen gesponserte Profiteams in den USA machen es vor. Auch in Deutschland gibt es erste Konzepte, die in diese Richtung gehen, wie das SCC Events Pro Team aus Berlin. Die historisch gewachsene Vereinsstruktur in Deutschland muss bei einem solchen Systemwandel kein Hindernis sein. Klar ist: Die Vereine sind für die Nachwuchsarbeit unersetzlich. Für die wenigen, die den Weg an die Spitze schaffen, wären ergänzende Profiteams, die gute Gehälter zahlen, aber vermutlich eine attraktive Lösung. Nicht nur für die aktuellen Profis, sondern auch für die, die es einmal werden wollen. Es würde darüber hinaus eine ganz neue Außenwirkung generiert werden können: Wie Fußball- oder Radsportfans, die das Trikot ihrer Lieblingsmannschaft tragen, würde das Laufen ein attraktiveres Image bekommen und für Medien und Menschen interessanter werden. Aber das Wichtigste wäre es, eine Umgebung zu schaffen, in der sich die Profis endlich mehr auf ihren Sport statt auf Selbstvermarktung und den Nebenjob konzentrieren könnten.


Foto: zwiebackesser - stock.adobe.com

Foto: Norbert Wilhelmi

Fotos: Norbert Wilhelmi