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Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken: Merkels Märchen


ÖKO-TEST Spezial Umwelt & Energie - epaper ⋅ Ausgabe 11/2010 vom 18.11.2010

Die Bundeskanzlerin spricht von einer „Revolution in der Energieversorgung“, Klimaschützer von einem Kniefall vor den Atomkonzernen. Wir klären auf, worum es bei den Laufzeitverlängerungen der Atommeiler eigentlich geht.


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Was bedeuten die Laufzeitverlängerungen für den Atomausstieg?

Die kürzlich vom Bundestag mit seiner schwarz-gelben Mehrheit beschlossene Novellierung des Atomgesetzes rückt den Atomausstieg in weite Ferne. Offiziell ist eine Laufzeitverlängerung von durchschnittlich zwölf Jahren vorgesehen, wobei die Atommeiler in zwei Gruppen unterteilt werden: Die sieben ...

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... älteren Anlagen, die vor 1980 gebaut wurden, dürfen acht Jahre länger am Netz bleiben. Die übrigen zehn AKWs bekommen 14 zusätzliche Betriebsjahre. So jedenfalls steht es auf dem Papier. Tatsächlich können die Atombetreiber mit deutlich längeren Laufzeiten kalkulieren. Die Lebenszeit der Reaktoren wird nämlich nicht nach Jahren bemessen, sondern nach den Strommengen, die sie pro Jahr theoretisch produzieren können, wenn sie voll ausgelastet sind. Aufgrund von Wartungsarbeiten oder Störfällen schöpfen aber die meisten Meiler ihre Kapazitäten nicht aus, sodass sich ihre Lebenszeit verlängert. Das Regierungsmodell vernachlässigt auch die Tatsache, dass künftig immer mehr Öko-Strom ins Netz eingespeist wird und die Atomkraft zunehmend verdrängt. Unabhängige Experten rechnen deshalb mit einer faktischen Verlängerung der Restlaufzeiten um durchschnittlich 14 bis 15 Jahre. Das letzte AKW würde danach um 2037 abgeschaltet. Es gibt aber einige Schlupflöcher: Die Betreiber können den Betrieb strecken, ihre Meile monatelang stehen lassen oder Reststrommengen umschichten, sodass sich der Atomausstieg weiter verzögert – im Extremfall bis ins Jahr 2060.

Wie lange wären deutsche AKWs nach dem Ausstiegsgesetz von 2002 am Netz geblieben?

In Deutschland sind heute noch 17 Atomkraftwerke am Netz, die von den vier großen Energiekonzernen Eon, RWE, EnBW und Vattenfall betrieben werden. Grundlage des Atomausstiegsgesetzes war der Konsensvertrag zwischen der rot-grünen Regierung und den Betreibern aus dem Jahr 2000, der die Laufzeiten der damals noch 19 Meiler auf durchschnittlich 32 Jahre beschränkte. Danach wäre das jüngste AKW etwa 2022 stillgelegt worden. Allerdings durften nach dem Ausstiegsgesetz die errechneten Reststrommengen von älteren, weniger wirtschaftlichen Anlagen auf neuere Meiler übertragen werden, sodass sich der Ausstieg um wenige Jahre hätte verschieben können.

Wie hoch sind die Zusatzgewinne für die Stromkonzerne?

Die neuen Laufzeiten sind ein Milliardengeschenk an die vier großen Energiekonzerne. Der Grund: Ältere Atomkraftwerke gelten als wahre Gelddruckmaschinen. Die meisten deutschen Meiler sind längst abgeschrieben, haben ihre Investitionskosten also erwirtschaftet. Außerdem ist der Brennstoff Uran billiger als Kohle oder Gas. Ohne gravierende Störfälle bescheren die abgeschriebenen AKWs den Betreibern Gewinne von etwa einer Million Euro pro Tag. Durch die geplanten Laufzeitverlängerungen können die Unternehmen also satte Zusatzprofite einstreichen. Wie viel genau, hängt auch von der Entwicklung des Strompreises ab. Nach einer aktuellen Analyse des Öko-Instituts im Auftrag des WWF betragen die Mehreinnahmen für die Atombetreiber bei einem konstanten Strompreis insgesamt über 57 Milliarden Euro. Im realistischeren Fall, dass der Strompreis moderat ansteigt, liegt das Plus sogar bei über 94 Milliarden Euro. Allerdings sind die Kosten für Nachrüstungsmaßnahmen noch nicht eingerechnet.

Welchen Anteil der Zusatzprofite will die Regierung abschöpfen und wofür?

Als Gegenleistung für die längeren Laufzeiten müssen die Konzerne von 2011 bis 2016 eine sogenannte Brennelementesteuer zahlen. Eigentlich sollten dabei pro Jahr rund 2,3 Milliarden Euro für die Haushaltssanierung herausspringen. Quasi in letzter Minute ist die Bundeskanzlerin aber vor der Atomlobby eingeknickt und hat den Betreibern noch einen kräftigen Nachlass gewährt. So dürfen die Unternehmen diese Kosten nun teilweise von der Steuer absetzen. Auch sollen statt der ursprünglich geplanten 220 Euro nur noch 145 Euro pro Gramm Uran an den Fiskus abgeführt werden. Nach Berechnungen der Opposition schrumpfen die Steuereinnahmen dadurch auf etwa 1,5 Milliarden Euro pro Jahr, was die Regierung jedoch dementiert. Daneben hat sich die Atomindustrie zu Sonderzahlungen in einen Öko-Strom-Fonds verpflichtet: 1,4 Milliarden bis 2016, danach noch einmal 15 Milliarden aus ihren Zusatzgewinnen. Das Geld fließt aber teilweise wieder an die Konzerne zurück, geben Kritiker zu bedenken. Und ohne längere Atomlaufzeiten hätten sie sowieso verstärkt in die erneuerbaren Energien investiert. Laut Gutachten des Öko-Instituts wird die Regierung auch ihre Ankündigung, mindestens die Hälfte der Zusatzprofite abzuschöpfen, nicht einhalten können. Die zwei Szenarien: Bei einem konstanten Strompreis müssen die Atombetreiber etwa 46 Prozent ihrer Mehreinnahmen abgeben. Wenn der Preis aber moderat ansteigt, was wahrscheinlicher ist, sinkt die Quote auf gerade einmal 28 Prozent. Die Börse reagierte auf den Atomdeal mit kräftigen Kursgewinnen für die Energiekonzerne. Aktien von Solarunternehmen rutschten ab.

Was steht in dem Energiegutachten der Bundesregierung?

Die schwarz-gelbe Koalition begründet die Verlängerung der Restlaufzeiten mit vier Argumenten: Atomkraft sei kostengünstig, klimafreundlich und wichtig für die Versorgungssicherheit. Sie sei deshalb eine unverzichtbare Brücke für den Umstieg in die erneuerbaren Energien. Die Regierung beruft sich dabei auf ein von ihr beauftragtes Energiegutachten von drei Instituten, darunter dem Energiewirtschaftlichen Institut (EWI) der Universität Köln, das von den Atomkonzernen RWE und Eon mit Millionen gesponsert wird. In der Studie werden vier Energieszenarien mit Laufzeitverlängerungen von 4, 12, 20 und 28 Jahren untersucht und mit einem Basisszenario ohne Laufzeitverlängerung verglichen. Greenpeace und das Öko-Institut haben das Gutachten unabhängig voneinander analysiert und monieren gravierende methodische Mängel. Das liegt vor allem an den von der Regierung selbst vorgegebenen Rahmenbedingungen.

Was sind die zentralen Kritikpunkte?

■ Die Zielszenarien mit Laufzeitverlängerungen basieren durchweg auf ambitionierten Klimaschutzzielen, etwa bei der Energieeffizienz und dem Einsatz von Öko-Energien im Wärmeund Verkehrssektor. Das Referenzszenario ohne längere Laufzeiten enthält dagegen keine Klimaschutzziele. Energiebedarf, CO2 -Emissionen und Energiepreise sind hier deshalb höher. Ein solcher Vergleich erlaubt allenfalls eine Einordnung der verschiedenen Verlängerungsvarianten, kann aber die Frage nach den Auswirkungen von Laufzeitverlängerung an sich nicht beantworten.
■ Klimaschutz wird in den Zielszenarien vor allem durch Stromimporte wie Offshore-Windkraft aus Großbritannien oder Solarstrom aus Südeuropa gewährleistet, also ins Ausland verlagert. Dagegen rechnen die Gutachter für Deutschland den Ausbau von Sonnen- und Windkraft deutlich herunter. Sie gehen schlicht davon aus, dass die Förderung von Öko-Strom 2020 beendet wird. Zudem lässt sich das Gutachten auch so lesen, dass längere Laufzeiten den Weg ins Öko-Strom-Zeitalter behindern. Sie fördern die Abhängigkeit von Stromimporten und bremsen so die Entwicklung klimafreundlicher Technologien.
■ Äußerst zweifelhaft sind die Prognosen hinsichtlich der Effekte von Laufzeitverlängerungen auf die Strompreise. Die Gutachter setzen im Vergleich zu anderen Wissenschaftlern überaus niedrige Preise für fossile Brennstoffe an, vor allem weil sie im Emissionshandel von einem stark übertriebenen Rückgang der CO2 -Zertifikatspreise als Folge längerer Atomlaufzeiten ausgehen. Zum Hintergrund: Weil Atomkraftwerke im Betrieb kein CO2 ausstoßen, sind sie vom Emissionshandel befreit.
■ Erstaunlicherweise zeigt das Gutachten trotz verzerrter Rahmenbedingungen, dass längere Laufzeiten weder für den Klimaschutz noch aus Kostengründen nötig sind. Selbst Umweltminister Röttgen erklärte dazu: Eine Laufzeitverlängerung bringe „keinen wesentlichen Unterschied“ für den Strompreis und habe „keine substanzielle Auswirkung“ auf die Reduzierung der klimaschädlichen CO2 -Emissionen.

Es geht nur das eine oder das andere: Eine strahlende Zukunft verhindert eine sonnige.


Foto: Sebastian Krauleidis/fotolia.com

Was kostet der Atomstrom wirklich?

Atomstrom ist günstig, sagen die Betreiber. Nur so könne das Geld verdient werden, das für den Ausbau der erneuerbaren Energien nötig sei. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Es stimmt, aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht kann Atomstrom heute günstiger erzeugt werden als alle anderen Energien. Der Brennstoff ist billig und die Anlagen sind größtenteils abgeschrieben. RWE-Boss Jürgen Großmann beziffert die Produktionskosten für Strom aus Atomkraftwerken auf zwei bis drei Cent pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: An der Strombörse liegt der Preis zurzeit bei gut fünf Cent. Bei seiner Rechnung unterschlägt der Konzernchef allerdings, dass die Nutzung der Atomkraft sechzig Jahre lang mit Milliarden Steuergeldern gefördert wurde. Eine von Greenpeace in Auftrag gegebene Studie beim Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) hat 2009 erstmals alle offenen und verdeckten Subventionen zugunsten der Atomindustrie zusammengestellt. Das Ergebnis: Mindestens 165 Milliarden Euro an staatlichen Fördermitteln flossen in die Kassen der Konzerne. Dazu zählen beispielsweise Finanzhilfen für Forschungsreaktoren, die Kosten für den Betrieb der maroden Atommülllager Asse II und Morsleben oder Steuervergünstigungen bei Kernbrennstoffen und in puncto Rückstellungsgelder für Stilllegung und Entsorgung. Umgerechnet entspricht das einer Subventionierung des Atomstroms von 3,9 Cent pro Kilowattstunde. Und bereits heute steht fest, dass in Zukunft weitere 92,5 Milliarden Euro fällig werden, beispielsweise durch die Sanierung von Asse II und Morsleben und die fortlaufenden Steuervorteile bei den Rückstellungen. Dazugerechnet haben die Wissenschaftler auch die zusätzlichen Einnahmen aus der Preiserhöhung durch den Emissionshandel, an dem die Atombetreiber ja selbst nicht teilnehmen müssen. So kommen noch einmal Subventionen von 2,2 Cent pro Kilowattstunde obendrauf. Nicht mit einberechnet sind sogenannte externe Kosten – etwa durch die fehlende Haftpflichtversicherung für den Fall eines Super-GAUs.

Warum haben deutsche Atomkraftwerke kaum Haftpflichtversicherung?

Allein die ökonomischen Folgekosten eines Super-GAUs werden in Studien auf 5.500 bis 11.000 Milliarden Euro geschätzt. Die Haftpflichtversicherung aller Atombetreiber zusammen deckt aber nur 2,5 Milliarden Euro ab – gerade einmal 0,1 Prozent des zu erwartenden Schadens. Durch diese Unterdeckung haben die vier Stromriesen nach den unterschiedlichen Schätzungen Kosten zwischen 4,2 Milliarden und 11,4 Billionen Euro gespart. Würden bei Atomkraftwerken tatsächlich die gleichen Haftungsregeln gelten wie in anderen Wirtschaftsbereichen, wäre der Atomstrom nach Berechnung des FÖS um bis zu 2,70 Euro pro Kilowattstunde teurer und damit unrentabel. Solche Szenarien sind zwar schwierig und wissenschaftlich umstritten. Aber in jedem Fall trägt das volle Risiko der Staat und damit die Bevölkerung.

Welche Auswirkungen haben längere Laufzeiten auf den Strompreis?

Die Schätzungen gehen weit auseinander. Die Atomkonzerne beharren darauf, dass ein Plus an billigem Atomstrom die Preise senkt. Laut Energiegutachten der Bundesregierung wirken sich Laufzeitverlängerungen dagegen nur unwesentlich auf den Strompreis aus. Die Prognose hängt von verschiedenen Rahmenbedingungen ab, beispielsweise von der Höhe der Stromimporte oder den Förderprogrammen für Öko-Strom. Ein frühzeitiger Ausbau der erneuerbaren Energien ist kurzfristig zwar kostspieliger als die Laufzeitverlängerung von abgeschriebenen Atomkraftwerken, führt aber langfristig zu erheblichen Einsparungen. Ab 2030 werden Sonne und Wind auch ohne Förderung alle anderen Stromarten unterbieten. So ist der billige Atomstrom vor allem gut für die Konzerne selbst. An der Börse wird der Strompreis nämlich bestimmt durch das Kraftwerk mit den höchsten Brennstoffkosten, das gerade noch angeworfen werden muss, um die Stromnachfrage zu decken. Je höher also der Börsenpreis, desto höher ist auch die Gewinnspanne der Konzerne. Was davon beim Kunden ankommt, steht auf einem anderen Blatt. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat bundesweit die Preise von über 100 Stromtarifen miteinander verglichen und ein überraschendes Ergebnis präsentiert: Haushalte müssen umso mehr für ihren Strom bezahlen, je größer der Anteil an Atomenergie im Strommix ihres Versorgers ist.

Wie sicher sind unsere Atomkraftwerke?

Alle 17 Atomkraftwerke wären als Neubau heute nicht mehr genehmigungsfähig. Und zumindest bei den älteren Meilern ist es technisch und finanziell gar nicht möglich, sie auf den neuesten Sicherheitsstandard zu bringen. Bei ihnen steigt das Risiko schwerer Störfälle überproportional an. Außerdem ist kein AKW gegen Flugzeugabstürze gesichert und deshalb eine ideale Zielscheibe für Terroristen. Ursprünglich hatte der Bundesumweltminister noch umfangreiche Nachrüstungen auch gegen Flugzeugabstürze geplant. Von durchschnittlich einer Milliarde Euro pro Meiler war die Rede. Doch das ist nun vom Tisch. Im neuen Energiekonzept werden keine konkreten Sicherheitsauflagen mehr genannt. Die Regierung hat den Konzernen in einem zunächst geheimgehalten Papier sogar vertraglich zugesichert, die Kosten für Nachrüstungen auf 500 Millionen Euro pro Anlage zu begrenzen. Sollten mögliche Nachrüstungs- oder Sicherheitsforderungen diese Summe doch überschreiten, müssten die Atombetreiber entsprechend weniger für den neuen Öko-Strom-Fonds bezahlen. Durch diese Schutzklausel sichern sich die Konzerne gegen einen möglichen Regierungswechsel ab.

Auf Brennelemente sollen die Konzerne bis 2016 fast 14 Milliarden Euro Steuern zahlen – zur Haushaltssanierung.


Foto: RWE

Wie klimafreundlich ist Atomkraft wirklich?

Tatsächlich setzt der reine Betrieb von Atomkraftwerken kaum klimaschädliches CO2 frei. Betrachtet man aber die gesamte Prozesskette – angefangen vom Abbau und der Anreicherung des Urans über die Brennelementherstellung, den Transport und den Kraftwerksbau bis hin zum Abbau der Meiler und der Lagerung von Atommüll – ergibt sich ein anderes Bild. Aus einer Studie des Öko-Instituts geht hervor, dass ein deutsches Atomkraftwerk je nach Herkunftsort des Urans zwischen 31 und 61 Gramm CO2 pro Kilowattstunde Strom produziert, während erneuerbare Energien wie die Windkraft (23 Gramm) oder die Wasserkraft (39 Gramm) niedrigere Emissionen aufweisen. Am besten schneiden kleinere gasbetriebene Blockheizkraftwerke ab (5 Gramm), die neben Strom auch Wärme produzieren. Zukünftig fällt die Bilanz noch schlechter aus, wenn auf weniger ergiebige Uranquellen ausgewichen werden muss: Je geringer der Urangehalt im Erz, desto mehr fossile Energie verschlingt der Uranabbau.

Ist die Atomkraft eine Brückentechnologie?

Bundesregierung und Atomlobby wiederholen gebetsmühlenartig das Argument, die Atomtechnologie sei eine ideale Brücke hin zum Zeitalter der erneuerbaren Energien. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Atomkraft verhindert den Strukturwandel und macht jegliche Klimaschutzpolitik zunichte. Es gibt einen grundlegenden Systemkonflikt zwischen den schwerfälligen Grundlastkraftwerken, die vor allem mit Atomenergie und Braunkohle betrieben werden, und der schwankenden und dezentralen Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Windkraft und Photovoltaik decken schon heute in manchen Zeiten einen Großteil des gesamten Bedarfs in Deutschland ab.

Und weil die Regenerativen einen Vorrang bei der Einspeisung ins Stromnetz genießen, müssten die Konzerne eigentlich immer häufiger ihre Atommeiler herunterfahren. Doch das ist weder technisch noch ökonomisch zu bewältigen. Außerdem erhöht das ständige An- und Abfahren das Unfallrisiko. Je intensiver die erneuerbaren Energien also genutzt werden, desto mehr verschärft sich dieser Konflikt. Nur gasbetriebene Blockheizkraftwerke können in der Übergangsphase auf die starken Schwankungen schnell und angemessen reagieren. Längere Laufzeiten von Atomkraftwerken zögern die Energiewende dagegen hinaus. „Die Politik muss sich entscheiden – mehr Atomkraft oder mehr erneuerbare Energien. Alt und Neu passen in der Energiewelt nicht zusammen“, sagt Eicke Weber, Direktor des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) und einer der führenden Solarforscher in Europa.

Könnten wir schon heute auf die Atomkraft verzichten?

Theoretisch sofort. Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen liefern zuverlässig Strom. Allerdings hätte das kurzfristig negative Auswirkungen auf die Klimabilanz. Andererseits würde sich der Druck erhöhen, die Weichen möglichst zügig umzustellen. Beispielsweise muss das Stromnetz dringend ausgebaut werden, damit der Saft aus Wind- und Sonnenkraft auch tatsächlich in unseren Steckdosen landet. Neue klimafreundliche Gaskraftwerke sind notwendig, um die Lücke zu schließen. Schon heute decken die erneuerbaren Energien rund 16 Prozent des Strombedarfs. Nach den unterschiedlichen Prognosen wird sich dieser Anteil in den nächsten zehn Jahren auf 38 bis 50 Prozent erhöhen. Und nach einer Studie des Sachverständigenrats für Umweltfragen ist es möglich, Deutschland bis 2050 komplett mit Regenerativenergien zu versorgen. Allerdings müsste schon jetzt mit dem Umbau der Energiesysteme begonnen werden. Verlängerte Laufzeiten verhindern das.

Gibt es eine weltweite Renaissance der Atomkraft?

Global gesehen, geht die Anzahl der in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke langsam, aber stetig zurück. Zwar wird in den USA und auch einigen europäischen Ländern über neue Atomanlagen diskutiert, aber die Entscheidungen ziehen sich hin. Und wo tatsächlich mit einem Neubau begonnen wurde wie im Fall des finnischen Reaktors Olkiluoto 3 oder des französischen Flamanville 3, verzögert sich die Fertigstellung und die Kosten explodieren. RWE stieg kürzlich aus dem Projekt im bulgarischen Belene aus. Das finanzielle Risiko war zu groß.

Ein Comeback der Atomkraft ist praktisch ausgeschlossen, allein schon wegen der langen Vorlaufzeiten. Geht man von einer durchschnittlichen Betriebsdauer von 40 Jahren aus, müssten nach Berechnungen von Experten bis 2025 rund 290 Atomreaktoren vom Netz gehen. Um diesen Wegfall zu kompensieren, wäre es notwendig, dass bis 2015 alle anderthalb Monate und danach alle 18 Tage ein neuer Kraftwerksblock seinen Betrieb aufnimmt. Selbst wenn in China 20 neue AKWs gebaut würden, ist das pure Illusion.

Was geschieht mit dem Atommüll?

Eine sichere Entsorgung ist nicht in Sicht. Zwar bezeichnet die atomfreundliche OECD die Endlagerung als ein lösbares Problem. Die technologischen Grundlagen für die Lagerung in geologischen Formationen in mehreren Hundert Metern Tiefe seien „weitestgehend gesichert“. Worauf sich diese Behauptung stützt, bleibt jedoch rätselhaft. Fakt ist: Trotz intensiver Bemühungen in vielen Ländern gibt es bis heute weltweit kein Endlager für den Strahlenmüll aus Atomkraftwerken, der für mindestens eine Million Jahre sicher abgeschlossen werden muss. Auch in Gorleben, wo nach den Plänen von Atompolitikern und Betreibern längst ein fertiges Endlager stehen sollte, ist noch nicht einmal die Erkundung abgeschlossen. Dabei wird dort schon seit 40 Jahren gebohrt. Viele Gutachter bezweifeln außerdem, dass der Salzstock geologisch geeignet ist. Sollten das die Gerichte irgendwann bestätigen, muss sich die Regierung einen neuen Endlagerstandort suchen. Längere Laufzeiten verschärfen das Entsorgungsproblem: Nach offiziellen Schätzungen werden sich die hochgiftigen Müllmengen mindestens um ein Drittel erhöhen.