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LEA: »ICH WEINTE, ALS ICH ERFUHR: NOCH EIN JUNGE«


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Grazia - epaper ⋅ Ausgabe 34/2022 vom 18.08.2022
Artikelbild für den Artikel "LEA: »ICH WEINTE, ALS ICH ERFUHR: NOCH EIN JUNGE«" aus der Ausgabe 34/2022 von Grazia. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

„WOLLEN SIE DAS GESCHLECHT WISSEN?“ ICH NICKE WIE EINE AUSGEHUNGERTE HENNE. Meine Hände sind schweißnass, und in meinem Kopf kreist nur dieser eine Gedanke: „Na los, sag schon. Sag, dass es ein Mädchen wird!“ Sekunden später verharrt der Sensor unter meinem Bauchnabel. Ich muss schlucken. Ich schließe die Augen, um sicherzugehen, dass keine optische Täuschung vorliegt. Aber als ich sie wieder öffne, sehe ich ihn immer noch: einen kleinen Strich, umgeben von zwei Kugeln. Das ist wie ein Schlag ins Gesicht. Vorbei der Traum von lilafarbenen Sommerkleidchen und geflochtenen Zöpfen.

Schon in meiner ersten Schwangerschaftswoche habe ich mir nichts sehnlicher als ein Mädchen gewünscht. Ein zuckersüßes Ding mit strohblonden Locken. Eines, das zu einer selbstbewussten Frau heranwächst, mit der ich shoppen gehen kann. Eine Tochter, die ich bei ihrem Liebeskummer tröste und der ich ...

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... voller Mitgefühl eine Wärmflasche auf den Bauch lege, wenn sie ihre erste Regel bekommt. Eine Tochter, der ich jedes Detail aus meiner Schwangerschaft erzähle, wenn sie selbst ihr erstes Kind erwartet.

Und jetzt das. Ich bin sauer. Am meisten auf mich selbst. Weil ich im Auto sitze und heule, während dieses kleine, unschuldige Wesen gesund und munter in meinem Bauch strampelt. Und alles nur, weil zwischen seinen Beinen ein Zipfel baumelt. Pfui! Wie oberflächlich! Dabei habe ich doch versucht, mich auf diesen Moment vorzubereiten. Mir genau ausgemalt, wie das ist mit zwei Jungen. Nur für alle Fälle, damit die Enttäuschung nicht zu groß ist. Aber es hat nicht funktioniert. Weil mein Herz nicht mitgespielt hat. Weil da tief im Inneren dieses Mädchengefühl war. Gefühlen sollte man nicht trauen, das weiß ich jetzt. Genauso wenig wie chinesischen Mondkalendern im Internet, die zu meiner großen Freude ein rosa Symbol angezeigt hatten.

Glücklicherweise bin ich nicht die einzige Verrückte auf diesem Gebiet. Victoria Beckham zum Beispiel. Die hat Ausdauer bewiesen und bekam nach drei Versuchen ihr lang ersehntes Mädchen. Sollte ich auch so lange weiterprobieren, bis es klappt? Auf keinen Fall. Allein der Gedanke daran, mit vier Kerlen unter einem Dach zu wohnen – unvorstellbar!

„Hauptsache gesund, sagen die Leute. Stimmt, trotzdem kann ich die Schwangerschaft kaum genießen. Ich spüre einen Stich, wenn kleine Mädchen an mir vorbeilaufen“

Die alten Griechen gingen die Sache damals viel pragmatischer an. Um einen Sohn zu zeugen, drehten sich die Männer zum Beischlaf nach rechts. Und Franzosen banden sich für das gleiche Ziel im 18. Jahrhundert den linken Hoden ab. Eigentlich gut, dass meine zweite Schwangerschaft nicht so schnell geplant war. Vermutlich hätte ich mich dem Baby-Orakel vollends hingegeben und die unzähligen Tricks zur Geschlechtsbestimmung tatsächlich angewandt. Tapfer drei Tage vor dem Eisprung untenrum mit Essig gespült und anschließend Sex in der Missionarsstellung gehabt, höchst konzentriert darauf, bloß keinen Orgasmus zu bekommen. Denn nur so erhöhen sich die Chancen auf ein Mädchen.

Ein energetisches „Ataaaa!“ reißt mich aus den Gedanken. Ich stöhne innerlich. Es gibt so viel Schönes da draußen zu sehen: Kühe, Sonnenschirme, Apfelbäume… Aber nein, mein Sohn hat nur Augen für Autos. Je größer die sind, desto länger gezogen das A am Ende. Eine Leidenschaft, die ich nicht nachvollziehen kann. Und die mich auch oft an meine Grenzen bringt. Ich weiß zum Beispiel bis heute nicht, was genau das rote Gefährt in seinem Lieblingsbuch darstellen soll. Einen Mähdrescher? Einen Kartoffelroder?

Glücklicherweise ist Mika ja erst ein Jahr alt und kommentiert meine unbefriedigende Beschreibung „Auto“ mit einem zufriedenen „Brummbrumm“. „Bald hast du zwei Autofanatiker auf der Rückbank sitzen“, schießt es mir durch den Kopf. Im selben Moment schäme ich mich für den Gedanken. Weil Mika das Schönste ist, was mir im Leben passiert ist.

Trotzdem, auch Tage später kann ich die gut gemeinten Sätze meiner Freunde nicht ertragen. Ganz oben auf der Hitliste steht, dicht gefolgt von „Hauptsache gesund“: „Ist doch praktisch, dann brauchst du wenigstens keine neuen Klamotten kaufen.“ Hallo? Will ich aber! Das macht doch gerade am meisten Spaß! Kleidchen mit Blumen, rosa Strumpfhosen, pink geringelte Mützchen.

Es ist verrückt, was mit mir passiert. Dass ich meine Schwangerschaft plötzlich gar nicht mehr genießen kann. Dass ich einen Stich im Herzen spüre, wenn kleine Mädchen an mir vorbeilaufen. Und dass ich erleichtert aufatme, wenn Gleichgesinnte erzählen, dass sie ebenfalls einen (oder auch den zweiten) Jungen bekommen. Wie missgünstig ich auf diesem Gebiet bin, wird mir endgültig klar, als wenig später meine ebenfalls schwangere Freundin anruft und nach vielem Herumgedruckse beichtet, dass sie zu 90 Prozent ein Mädchen bekommt. Ein komisches Gefühl beschleicht mich. Eine Form von Traurigkeit. Neid. Jetzt werde ich immer daran erinnert – an meinen großen Wunsch. An meine Enttäuschung. Sie kann sich einen wunderschönen Mädchennamen aussuchen. Ihre Tochter wird gesittet mit Kuscheltieren spielen, während meine Jungs die Barbies zu Pistolen formen und „Peng!“ rufen. Erst neulich wurde mir im Baumarkt der Unterschied zwischen Jungs und Mädchen wieder deutlich. Ich beobachtete eine Gruppe Mädchen, die an einem Basteltisch saß und Flechtkörbe herstellte – und dann sah ich Mika, wie er todesmutig einen aufgetürmten Stapel Blumenerde bestieg. Würde er später für mich basteln?

Aber das Schicksal wird die Sache schon richtig eingefädelt haben. Ich würde vielleicht gar nicht mit pubertierenden Mädchen klarkommen. „Du bist eben eine Jungsmama“, sagte meine Freundin neulich. Das hat mich irgendwie beruhigt. Und als Mika mir am selben Abend mit seinen kleinen Händchen den Bauch eincremte und mir fürsorglich seinen angesabberten Keks in den Mund steckte, war das Geschlechterdrama schon fast vergessen.