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Lebe deinen Traum


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 23.03.2019

Deutschsprachige Erstaufführung von »Die fabelhafte Welt der Amélie« in München


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Ob Nino (Andreas Bongard) und Amélie (Sandra Leitner) zusammen glücklich werden? Der erste Kuss gibt Anlass zu Optimismus


Foto: Franziska Hain

Lädt Stage Entertainment zu einer großen Musical-Premiere, bekommt man meist den perfekten Klon einer Erfolgsproduktion aus London oder New York zu sehen. Nicht so bei »Die fabelhafte Welt der Amélie«. Denn die amerikanische Uraufführungsinszenierung, die sich nach knapp drei Monaten bereits wieder vom Broadway verabschiedete, blieb ein gutes Stück hinter den Erwartungen zurück – um es einmal so positiv wie möglich auszudrücken. Auf den zugkräftigen Titel wollte man dennoch auch in deutschen Landen nicht verzichten und entschied sich, dem Stoff noch einmal eine zweite Chance zu geben. Immerhin hat es ja bei »Tarzan« auch funktioniert, der diesseits des Atlantiks deutlich herzlicher aufgenommen wurde als im Big Apple. Und so wurde »Amélie« nun voller Optimismus zur zweiten Stage-Show im Münchner Werk7 erkoren, wo die europäische Erstaufführung vom Premierenpublikum lautstark gefeiert wurde. Und das obwohl, oder vielleicht gerade weil das kleine, intime Stück mit zahlreichen Erwartungen bricht, die man sonst an eine große Longrun-Produktion hat.

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Der New Yorker Misserfolg war für das Team rund um Regisseur Christoph Drewitz und Arrangeur Ratan Jhaveri insofern ein Glücksfall, als dass man ihnen nun die kreative Freiheit gab, ihre eigene Version der Geschichte zu kreieren. Mit dem glücklichen Ergebnis, dass nun endlich jene Seele zu spüren ist, die man in der trotz vieler Schauwerte oft auch recht glattgeleckt wirkenden Broadway-Version zum Teil vermisste. Die Münchner Inszenierung findet ihren eigenen Weg, mit simplen, aber deshalb nicht weniger effektiven Theatertricks Stimmung zu erzeugen. So wird unter anderem die Kinderrolle der kleinen Amélie nun von einer Puppe übernommen, die vom Publikum ebenso ins Herz geschlossen wird wie der selbstmordgefährdete Goldfisch »Potwal« oder der kultige Gartenzwerg, den die Titelheldin hier auf Weltreise schickt. Viele Details zu entdecken gibt es ebenfalls im Bühnenbild von Ausstatter Andrew Edwards, der die spartanischen Bedingungen im Werk7 noch von der Vorgängerproduktion »Fack ju Göhte« kannte und die frühere Lagerhalle nun in ein liebevoll gestaltetes Café verwandelte. Inklusive einem Pariser Mietshaus im Obergeschoss, das nun von der Band bewohnt wird, die unter der subtilen Leitung von Philipp Grass für den authentischen, handgemachten Sound sorgt. Ergänzt durch eine Reihe von Ensemblemitgliedern, die ganz nach individueller Begabung teilweise selbst zum Akkordeon greifen dürfen.

Als ehemaliger »Fack ju Göhte«-Regisseur ist natürlich auch Christoph Drewitz mit dem Raum vertraut, der auch jetzt wieder in alle Richtungen bespielt wird. Berührungsängste sollte man daher auch als Zuschauernicht haben. Aber gerade diese Nähe zum Geschehen macht schließlich den besonderen Charme dieses Theaters aus, das sich für »Amélie« als perfekte Spielstätte entpuppt. Wobei man den einen oder anderen bewährten Kniff durchaus wiedererkennt, ohne dass es deshalb nach Routine riechen würde. Denn die größte Inspiration kam diesmal natürlich von Jean-Pierre Jeunets Leinwandvorlage aus dem Jahr 2001, deren Geist man durchweg treu blieb: wohlgemerkt, ohne die unverwechselbare Ästhetik des Films einfach nur stur zu kopieren. Drewitz und Co. erschlagen einen nicht mit bunten Farben oder schillernden Effekten, sondern bauen stattdessen ganz auf leise Töne und die Fantasie des Publikums. Hauptschauplatz bleibt Amélies Arbeitsstätte, das Café des deux Moulins, aus dessen Interieur sich mit wenigen Handgriffen auch die anderen Orte des Geschehens ruck, zuck bauen lassen. Meist nur angedeutet, aber stets markant genug, um nicht nur jene glücklichen Zuschauer in die Handlung hineinzuziehen, die an kleinen Bistrotischen mittendrin sitzen und zum Finale den wohl besten Bühnen-Kuss seit langem aus nächster Nähe erleben dürfen. Vom langen, spannungsgeladenen Schweigen, über die erste zärtliche Berührung, bis endlich die Lippen von Amélie und Nino zueinander finden.

Dass Szenen wie diese einen wirklich berühren, liegt nicht zuletzt an der Besetzung. Denn diesmal hat auch die Castingabteilung ganze Arbeit geleistet und ein überaus homogenes Ensemble zusammengestellt, das keine Schwachstellen kennt: eine spielfreudige Truppe, die den intimen Abend mühelos trägt und mit Leben füllt. Allen voran Sandra Leitner, die im Werk7 schon bei »Fack ju Göhte« nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht hatte und nun ihre erste große Hauptrolle spielt. Und das mit einer Souveränität und Natürlichkeit, als hätte sie nie etwas anderes getan. Es müsste schon wahrhaft mit dem Teufel zugehen, wenn dieses Engagement für die ebenso sympathische wie stimmgewaltige junge Darstellerin nicht den endgültigen Durchbruch markieren sollte. Leitner ist das Herz der Produktion und mit ihren leuchtenden Augen und dem verschmitzten Lächeln eine absolute Idealbesetzung für die Rolle der sozial nicht immer ganz kompatiblen Kellnerin, die als unsichtbare Helferin im Hintergrund anderen zum Glück verhelfen will und dadurch unverhofft auch selbst ihr eigenes Glück findet. Gerade weil sie ein ganz anderer Typ ist als Kino-Vorgängerin Audrey Tautou und Vergleiche von vornherein absolut nebensächlich werden lässt.

Wie schon der Film präsentiert auch das Musical »Amélie« weniger eine große, zusammenhängende Geschichte als vielmehr eine Aneinanderreihung von liebevoll verschrobenen Stimmungsbildern, die von den wandlungsfähigen Darstellerinnen und Darstellern zum Leben erweckt werden. Auftrumpfen darf dabei neben Sandra Leitner vor allem ihr Traumprinz Nino, alias Andreas Bongard, der mit seinem kraftvoll angestimmten ›Wenn der Blitz dich streift‹ einen der wenigen Solo-Momente bekommt, die nicht der Hauptdarstellerin zugestanden wurden. So sehr diese beiden Figuren im Fokus stehen, »Die fabelhafte Welt der Amélie« ist und bleibt dennoch ein echtes Ensemblestück, bei dem jeder und jede einzelne in unzählige verschiedene Rollen schlüpfen darf. Manche von ihnen fliegen nur als kurze Episoden vorbei und nicht immer besteht die Gelegenheit, einen echten Charakter zu formen. Da kann man zuweilen schon mal den Überblick verlieren. Doch gelingt es den auf der Bühne versammelten Charakterköpfen dennoch, sich mit großem Engagement auch ihren kleinen Platz im Herzen der Zuschauer zu erobern.

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1. Bevor er Amélies Adresse bekommt, wird Nino (Andreas Bongard, r.) von deren Kolleginnen (v.l.): Gina (Kira Primke), Café-Leiterin Suzanne (Christine Rothacker) und Georgette (Fleur Alders) erst einmal auf Herz und Nieren geprüft


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2. Elton John (André Haedicke, vorne Mitte mit Ensemble) singt hier nicht nur für Lady Di, auch Amélie (Sandra Leitner, oben) bekommt ein Ständchen


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3. Amélie (Sandra Leitner) will den Gartenzwerg ihres Vaters (Stephan Bürgi) auf Weltreise schicken


Da gibt es etwa die ruppige Cafébesitzerin Suzanne, die von Christine Rothacker mit harter Schale und weichem Kern verkörpert wird. Dass sie etwas für Außenseiter übrig hat, zeigt nicht nur das Klientel ihres Etablissements, sondern auch die etwas merkwürdige Belegschaft, die hier serviert. Neben der meist nur verlegen lächelnden Amélie ist da etwa Kira Primkes selbstbewusste Gina aus ganz anderem Holz geschnitzt: Eine Frau, die sich trotz romantischer Ader auch ihren ungehobelten Stalker Joseph (Janco Lamprecht) sehr gut vom Leib zu halten versteht. Abräumerin des Kolleginnen-Trios ist dennoch Fleur Alders als liebenswerte Hypochonderin Georgette, die in ihrer zweiten Rolle auch als Sexshop-Verkäuferin Sylvie die Lacher auf ihrer Seite hat. Wodurch sie einen fast vergessen lässt, dass das Witzniveau sich auch in der deutschen Übersetzung immer noch mehr als einmal der untersten Schublade annähert. Doch darüber wollen wir hier lieber den Mantel des Schweigens breiten.

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1. Im Goldfisch »Potwal« (Puppenspieler: Charles Kreische) findet die kleine Amélie (Sandra Leitner mit ihrer Puppe) einen verständnisvollen Zuhörer


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2. Es gibt wenige Dinge, gegen die Hypochonderin Georgette (Fleur Alders) nicht allergisch ist


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3. In Paris beginnt für Träumerin Amélie (Sandra Leitner) ein neues Leben


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4. Nino (Andreas Bongard, Mitte) sucht nach den Geschichten hinter den Fotos, die er findet


Lässt sich im Kontrast dazu doch auch über die anrührenden Szenen zwischen Amélie und ihrem Vater berichten. Stephan Bürgi gibt zusammen mit Dorina Maltschewa ein herrlich skurriles Paar ab, das später noch in so manch andere komische Nebenrolle schlüpfen darf. Ähnlich wandlungsfähig ist Rob Pelzer, der nicht nur in der Rolle des menschenscheuen Nachbarn überzeugt, sondern zusätzlich als verbitterter Gemüsehändler seinen Lehrling malträtieren darf. Und das, obwohl der von Charles Kreische herzerfrischend naiv verkörperte Lucien eine wunderbar dämliche Liebeserklärung an den ach so gesunden Lauch anstimmt. Last but not least darf in dieser Auflistung besonders André Haedicke nicht fehlen, der als Hipolito und Gartenzwerg eine der dankbarsten Rollen neben dem Protagonisten-Duo abbekommen hat und für Lady-Di-Fan Amélie ebenfalls eine zum Schmunzeln erregende Elton-John-Parodie hinlegt: Ein effektvolles Pausen-finale, das von Drewitz und Choreographin Naomi Said wunderbar over the top inszeniert ist, aber musikalisch längst nicht das volle Potenzial ausreizt.

Womit wir dann leider bei der einzigen echten Schwachstelle des Abends angelangt wären: Und das sind auch in dieser neuen Fassung immer noch die Songs von Daniel Messé. Handwerklich durchaus gut gemacht, doch bis auf drei oder vier Nummern plätschert alles meist als zweckdienliche Theatermusik gefällig dahin, ohne sich wirklich nachhaltig im Ohr festzusetzen. Nicht ohne Grund hat man sich für die Münchner Produktion einige Melodien aus dem preisgekrönten Filmsoundtrack von Yann Tiersen geborgt, die geschickt in die Partitur gewoben wurden und für das nötige französische Flair sorgen. Das Ohrwurmpotenzial beschränkt sich abgesehen davon aber auf Amélies ›Lebe deinen Traum‹ oder den bereits erwähnten Song von Nino, ›Wenn der Blitz dich streift‹.

Ob der »Fabelhaften Welt der Amélie« eine längere Laufzeit als dem Vorgänger »Fack ju Göhte« beschert ist, wird das Publikum entscheiden müssen, das ab sofort achtmal die Woche ins Werk7 strömen soll, um sich bereits beim Betreten des Foyers durch den Duft von frisch gebrühtem Café au lait und Brioche verzaubern zu lassen. Beworben wird die Produktion schon einmal deutlich intensiver. Und dem großartigen Ensemble würde man es ohnehin aus tiefstem Herzen gönnen. Oder um es mit einem Zitat aus dem Stück zu sagen: »Niemand weiß, ob Nino und Amélie für immer glücklich werden. Aber im Moment sind sie es!«


Fotos (3): Franziska Hain

Fotos (4): Franziska Hain

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