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Leben im Breitwandformat


fotoMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 100/2021 vom 03.09.2021

INTERVIEW

Artikelbild für den Artikel "Leben im Breitwandformat" aus der Ausgabe 100/2021 von fotoMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Links: Michael Martin am Ufer der Gletscherlagune Jökulsárlón auf Island.

Sie sind extrem viel auf Reisen. Was bedeutet Ihnen Heimat, Herr Martin?

Je mehr ich unterwegs bin, desto wichtiger ist sie. Die bayerische Heimat ist für mich die Basis, von der ich raus in die Welt gehe. Hier verbringe ich meine Freizeit und anderswo würde ich nicht leben wollen. Heimat ist auf keinen Fall ein Begriff, der mit Konservatismus und Beschränktheit belegt wäre.

Könnten Sie sich andererseits heute ein Leben ohne Reisen vorstellen?

Nein, denn ich möchte intensiv leben. So, wie das Leben in einem Kinofilm auf 90 Minuten verdichtet ist. Diese Intensität könntest du sonst vielleicht mit Drogen bekommen, mit extrem viel Arbeit oder in ganz intensiven Beziehungen – aber die bekommst du vor allem durch Reisen.

Weil Reisen bedeutet, neue Erfahrungen zu sammeln?

Neue Erfahrungen und den Kontrast zur Heimat zu finden. Ich reise in ganz andere Kulturen und Landschaften. Das gibt mir den ...

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... neuen Blick auf die Heimat und mein Leben. Dieses Verzahnen der Heimat und der Welt gefällt mir wahnsinnig gut.

Hat sich im Laufe von 40 Jahren Reisefotografie auch Ihre Idee vom Fotografieren verändert?

Die Grundidee meines neuen Buches war, diesmal keinen Reiseband zu produzieren, sondern ein Lesebuch über meine Erlebnisse und Erfahrungen als Fotograf. Ich hatte beim Bergwandern in Oberbayern die Idee, die Welt vor der Kamera, die Welt in der Kamera und hinter der Kamera zu zeigen. Wie hat sich unsere Umwelt verändert? Wie hat sich die Kameratechnik entwickelt – und schließlich auch ich. Ich bin einst als neugieriger Schüler losgezogen – mit viel Abenteuerlust und wenig fotografischen Ambitionen. Und langsam wurde mir die Fotografie dann immer wichtiger. In den letzten Jahren gab es noch einmal einen Push, als es mir gelang, auf meien Reisen der Fotografie den Stellenwert zu geben, den sie verdient.

Als Konstante bleibt: Sie waren immer ein „Storyteller“ – ob im Film, auf der Bühne oder bei einem Bildband. Kann das jeder erlernen oder ist das eine Gabe, die man schon mitbringen sollte?

Dafür gibt es zwei Voraussetzungen: Du musst zunächst überhaupt etwas sehen und aufnehmen. Ich kann nur Dinge erzählen, die ich wirklich erlebt habe. Authentizität kann ich mir nicht anlesen, ich muss das alles selbst erlebt haben. Nun gibt es Fotografen, die zwar alles sehen, begnadete Bilder machen, aber nicht diese verbale Ebene mitbringen. Ich habe bereits mit fünfzehn Jahren festgestellt, dass ich das kann.

Was haben Sie auf Reisen über das Glück gelernt?

Das Glück hat überhaupt nichts mit materiellen Dingen zu tun. Es liegt ganz klar im familiären Bereich, im Zwischenmenschlichen. Das können gute Beziehungen sein und das sind vor allem Kinder. Mir begegnen unendlich viele Kinder auf der Welt und es ist schön, Familien zu erleben, die trotz materieller Einschränkungen und einfachster Lebensverhältnisse glücklich sind.

Sind wir Deutschen oft zu wenig Genießer, um das Glück zu greifen, wenn es sich zeigt?

Zunächst lässt uns das ganze Streben nach Glück, nach Geld und Erfolg gar keine Zeit mehr, das Glück zu genießen. Zudem sind unsere Ansprüche an das Glück so hoch. Du musst ein super Auto besitzen, das größere Haus als der Nachbar, die bessere Kamera. Was mich glücklich macht? Ich bin Großvater geworden, habe ein sechs Monate altes Enkelkind, zwei Kinder und eine glückliche Beziehung.

Von Reisen bringen wir alle oft ein geschöntes Bild von Ländern mit. Auch Ihr Publikum erwartet episch schöne, wohl komponierte Bilder ...

Wir haben alle Sehnsucht nach früher. Mir geht das Herz auf, wenn ich einen alten Traktor mit einem Opa am Steuer über die Felder tuckern sehe. Diese Welt ist bei uns fast verschwunden. In den 1960er-Jahren gab es noch dieses Ländliche. Ich bin damals mit meinem Opa zum Sau-Markt gegangen und er zeigte mir Ferkel. Die Leser und Zuschauer haben die gleiche Sehnsucht, wenn sie einen Film oder einen Vortrag über ferne Länder angucken. Dort erwarten sie nicht die neue Autobahn, die quer durch den Oman führt, sondern einen Viehmarkt mit Kamelen, bei dem die Leute möglichst traditionell gekleidet sind. Das alles möglichst in einem schönen weichen Licht. Ich finde diese Erwartung nur allzu menschlich.

Wie reagieren Sie darauf?

Ich stehe ja selbst auf diese romantischen Bilder, die trotzdem echt sind. Ich inszeniere keine Klischees und finde das auch nicht schön – diese schlimmen Bilder von Buschmännern beim Feuermachen, die vor der Aufnahme eingekleidet werden!

»Der Rahmen für meine Vorträge : schöne Landschaften, interessante Völker und abenteuerliches Reisen.«

Michael Martin

Sie arbeiten stets mit den realen Gegebenheiten vor Ort?

Immer! Ich habe noch nie jemanden gefragt, ob er für mich sein Festtagsgewand anziehen möchte. Doch allein durch die Wahl des Bildausschnittes, die Tageszeit oder des Motives trage auch ich zu diesem romantisierten Bild bei. Weil es mir selbst gefällt und die Zuschauer das offen gesagt auch sehen wollen. Die harte Realität – Kinderarbeit in Indien, Müllhalden auf den Philippinen – zeige ich als Reportage-Inserts. Meine Projekte bewahren mich meist vor dieser harten Realität, weil ich die Natur ins Zentrum setze und weniger urbane Landschaften. Wenn du an der Schnittstelle von Landschaft, Kultur und Abenteuer unterwegs bist, dann bewegst du dich sowieso in schönen Landschaften, in denen Menschen noch relativ traditionell leben. Mit diesen Ingredienzien ist der Rahmen für Bücher und Vorträge gegeben: schöne Landschaft, interessante Völker und abenteuerliches Reisen.

Welche Funktion nehmen Sie heute bei Ihrem Publikum ein: Sind Sie dort ein Stellvertreter für Reisen, die es nie machen kann?

Das hat sich verändert. Als ich mit 16 Jahren anfing, stand auf meinen Plakaten: „Mit vielen Tipps und Anregungen zum Nachmachen“. Wir profitierten unheimlich von der Stimmung Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre. Plötzlich konnte jeder Fernreisen machen. Die Ticket-Preise sanken massiv. Damals war ich ein Tipp-Geber. Heute ist das anders. Der Tourist informiert sich im Netz – über Blogs oder Google-Suchen. Dort bekommt er jede Frage beantwortet. Ein reines Länderporträt ist nun relativ schwer zu vermarkten. Irgendwann war ich jedoch in der komfortablen Situation, dass die Menschen nicht wegen eines bestimmten Themas kommen, sondern wegen dir. Einerseits bin ich sicher Stellvertreter für Reisen, die andere so nicht machen würden. Zudem lassen sich auch viele in der Vor- oder Nachbereitung einer Reise anregen. Wenn du in die Himalaya-Region fliegen willst, dann wirst du vielleicht eher einen Vortrag anschauen, der dort fotografiert wurde.

Sie gehen bei Ihren Reisen einen Schritt weiter: Wenn Sie bei minus 20 Grad im Zelt auf dem Eis campieren, werden das nur wenige ähnlich umsetzen.

Zudem sollte man aber auch seinem Publikum die besseren Bilder mitbringen! Hobbyfotografen sind mittlerweile ein riesiges Publikum. Diese vergleichen sich gerne mit anderen Fotografen. Und sie sind lernbe- gierig. Diese Leute wollen in Vorträgen sehen, wie andere fotografiert haben. Wobei natürlich immer das Missverständnis im Raum ist, dass die Kamera das Bild macht.

Warum ist Ihnen die Fotografie noch immer wichtiger als der Film?

Sie bringt die Dinge konzentrierter auf den Punkt und lässt dem Betrachter einen Assoziations- und Interpretationsspielraum. Ein Film braucht viel länger, um eine Geschichte zu erzählen. In einem Bild ist viel mehr Information unterzubringen. Das ist mir wichtig, weil ich in zweieinhalb Stunden gigantische Themen auf der Leinwand zeige. Nicht umsonst braucht Servus TV bei meinem neuen „Terra“-Projekt acht mal 45 Minuten, um meine Geschichte zu erzählen. Meine Bühnenshow macht das in zwei Stunden. Zudem finde ich, dass ein Film alles vorkaut. Ein Bild löst mehr Fantasie beim Betrachter aus.

Wie wichtig ist beim Reisen die Kunst der Improvisation?

Das ganze Reisen ist Improvisation und das ist auch gut so. Das muss man mitbringen, weil Reisen schlicht nicht planbar ist. Beispielsweise Unterkünfte oder Öffnungszeiten von Tankstellen, die nur aus einem Benzinfass bestehen. Du musst ein gerütteltes Maß an Flexibilität mitbringen. Ich schlage bei der Planung nur so wenige Eckpfeiler wie nötig ein: Ankunft, Heimflug, ungefähre Route, ungefähre Motivwelt. Alles andere überlasse ich der Situation vor Ort. Am Morgen kann ich nie sagen, wo ich abends übernachten werde. Ich möchte dort übernachten, wo schöne Motive sind. Ich komme mir immer vor wie einer, der durch die Lande zieht, riesige Flächen durchquert und immerzu guckt.

Wird die Arbeit schwieriger, weil Ihr Qualitätsbewusstsein im Lauf der letzten 40 Jahre zugenommen hat?

Natürlich. Das hat nur deshalb funktioniert, weil ich mein Blickfeld immer weiter aufgezogen habe, immer wieder neue Gebiete betrachtet habe – erst die Wüste, dann das Eis, demnächst den ganzen Planeten, also auch den Regenwald und die Hochgebirge. Ich glaube, wenn ich in der Sahara geblieben wäre, dann wäre ich irgendwann ermüdet. Ich habe meine Neugierde deshalb erhalten, weil ich immer neue Sachen betrachtet habe. Jetzt war ich zum ersten Mal in den Anden und im Himalaya unterwegs und bin völlig neuen Motivwelten begegnet.

Sie erschließen sich dabei immer neue Genres. Das geht mittlerweile selbst bis zur Tierfotografie.

Ja, doch hier habe ich keinen großen Ehrgeiz. Man muss seine Grenzen kennen und meine größte Schwäche ist die Ungeduld. Ich selbst würde nie drei Wochen auf ein Tier warten. Ich behaupte, dass die Chance auf gute Bilder höher ist, wenn du dich bewegst. Nach zwei bis drei Stunden Aufenthalt in einer mongolischen Jurte habe ich 90 Prozent der Bilder, die ich bekommen würde, wenn ich drei Tage bliebe. Wenn ich in diesen drei Tagen 15 weitere Familien besuche oder noch einen Adlerjäger aufsuche, dann bekomme ich einfach die größere Ausbeute.

Welche Risiken Sind Sie bereit, beim Fotografieren einzugehen?

Ich bin kein mutiger Mensch. Es kommt natürlich immer auf die Art des Risikos an. Was ich mache, ist relativ ungefährlich im Vergleich zu dem, was Kriegsfotografen auf sich nehmen. Horror sind für mich beispielsweise Felswände, wenn es steil nach unten geht. Und ich hatte mal eine Situation, in der ich einmal fast aus einem Kleinflugzeug gefallen wäre. Wenn ich plötzlich merke, dass der Sicherheitsgurt nur an einem dünnen Faden hängt, dann erschrecke ich natürlich auch. Der Unterschied ist, dass ich das fotografiere, denn ich kann ja nur Geschichten erzählen, zu denen Bilder existieren. Gefährlich wurde es eigentlich immer nur im kriminell politischen Bereich, wenn ich mit Banditen und Rebellen zu tun hatte. Das versuche ich zu vermeiden, aber bei 300 Reisen in 40 Jahren kommst du immer wieder auch in solche Situationen. Es gab ein paar lebensgefährliche Momente.

Wenn Sie die Essenz aus den tausenden Aufnahmen, die Sie bis heute gemacht haben, herausfiltern müssten: Wie viele Bilder blieben dann heute übrig?

Es sind wenige, bei denen ich sage, das hatte ich so noch nicht gesehen und danach auch nie wieder. Bei meinen persönlichen „Ikonen“ bin ich zufrieden, wenn ich am Lebensende zwischen zehn und fünfzig habe.

Das neue Buch:

Michael Martin: „Die Welt im Sucher“ (ab 22. September im Knesebeck Verlag, 22 Euro).

Die nächsten Vortragstermine: 06.11.2021

Friedrichshafen 04.01.2022

Schwäbisch Gmünd 06.01.2022

München 05.02.2022

Freiburg 05.03.2022

Oberursel 06.03.2022

Northeim 07.04.2022

Günzburg 17.03.2023

Oberuhldingen

Website des Fotografen: michael-martin.de