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Leben und Arbeiten wie vor 1200 Jahren


Schöner Südwesten - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 02.07.2021

KAROLINGISCHE KLOSTERSTADT „CAMPUS GALLI“

Artikelbild für den Artikel "Leben und Arbeiten wie vor 1200 Jahren" aus der Ausgabe 4/2021 von Schöner Südwesten. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Schöner Südwesten, Ausgabe 4/2021

Einzigartige Zeitreise ins 9. Jahrhundert: In der Schreinerei werden ohne jegliche Motorkraft die hölzernen Werkzeuge für die Baustelle hergestellt.

Wie hat man vor 1.200 Jahren gebaut? Wie haben Statiker gerechnet, Zimmerleute Stämme passgenau behauen und welche Materialien standen zur Verfügung? Aus dem 9. Jahrhundert ist weit weniger bekannt als aus der Zeit Karls des Großen davor und des Hochmittelalters mit seinen Ritterspielen danach, erklärt Hannes Napierala, Geschäftsführer des Campus Galli. Der promovierte Archäozoologe hat ein Faible für altes Handwerk von der Stein- über die Römerzeit bis ins Mittelalter und war schnell von diesem Jahrhundertprojekt überzeugt: „Ich war und bin schlicht fasziniert von dem Gedanken, Geschichte anschaulich zu machen“, schwärmt er.

Inspiration aus Burgund

Seit 2015 führt der heute 40-Jährige die Geschäfte der mittelalterlichen Baustelle. Er folgte dem 2018 verstorbenen Initiator Bernd Geurten, der, von einer Fernseh-Dokumentation über eine mit alten Bautechniken ...

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... gebaute Burg im Burgund inspiriert, die Idee zum Campus Galli entwickelte.

Geurten wusste vom St. Galler Klosterplan. Er suchte nach Mitstreitern, Sponsoren und einem geeigneten Standort, um diesen zu realisieren. Letzterer wurde nicht am Bodenseeufer, wie ursprünglich geplant, sondern 30 Kilometer nördlich davon in einem Waldstück der Stadt Meßkirch gefunden. 2012 begannen dort die Bauarbeiten, und seit 2013 ist die Baustelle der Klosterstadt für Besucher zugänglich.

Flickwerk aus Schafshäuten

Um Campus Galli zu verstehen, muss man den St. Galler Klosterplan kennen. Eine Kopie davon finden Besucher an der Rückseite der Pforte, wie auch an vielen weiteren Stellen zusätzlich zu den Wegweisern auf dem weitläufigen Gelände. Sie sind Orientierungshilfe und Informationsquelle zugleich. Das Original wird seit 1.200 Jahren in der St. Galler Stiftsbibliothek verwahrt. Es ist 112 Zentimeter lang und 77,5 Zentimeter breit – sorgfältig zusammengesetzt aus fünf Pergamentblättern. DNA-Analysen belegen, dass sie aus Schafshäuten gewonnen worden sind.

Untersuchungen der Schriften haben enthüllt, dass Mönche des Klosters Reichenau den Klosterplan entworfen haben. Benannt wurde er nach dem Ort, für den er bestimmt war: Die Widmung galt Abt Gozbert von St. Gallen, der 830 mit dem Bau des dortigen Münsters begonnen hat. Der Klosterplan muss folglich in den Jahren zuvor entstanden sein, vermutlich ab 820. Damit ist er die älteste überlieferte Architekturzeichnung des Abendlandes.

Ideensammlung statt Bauplan

Dass der Klosterplan über einen längeren Zeitraum entstanden sein muss, offenbart sein Aufbau. Der Kern besteht aus einem gefalzten Stück Pergament, das die Doppelseite eines Buches hätte werden können.

Sie zeigt einen Kreuzgang und eine noch kurze Kirche, die auf einem später angenähten Pergament verlängert wurde. Auch Altäre und ein Speisesaal wurden ergänzt, eine Bäckerei und Brauerei mit der Küche verbunden. So entstand nahezu ein Quadrat, an das einige Zeit später wiederum ein Stück Pergament angenäht worden ist, das nie als Buchseite gedacht sein konnte.

Der Klosterplan wurde sorgsam verwahrt und überdauerte etwa 400 Jahre im Archiv, bis ein St. Galler Mönch die freie Rückseite des großen Pergaments dazu nutzte, die Geschichte des Heiligen Martin niederzuschreiben. Und weil dieser Platz dafür nicht ausreichte, radierte er gottlob nur ein Gebäude an der Ecke der Vorderseite aus, um sie zu Ende zu schreiben.

Das allein zeigt, dass er um die Bedeutung des Pergaments wusste. Manches bleibt bei der Rekonstruktion realer Gebäude Mutmaßung – denn die Umrisslinien der Gebäude auf dem Plan sind keine Bauzeichnungen, sondern vielmehr eine Art Raumkonzept, eine Ideensammlung.

Vielfältig begabte Angestellte

Mehr als 40 Angestellte halten den Campus Galli heute am Laufen, davon etwa 25 Handwerker. Unterstützt werden sie von ehrenamtlichen Helfern und von bis zu zwölf Arbeitslosen im sogenannten „Werkstättle“, einer privaten Arbeitsloseninitiative, die vom Jobcenter Sigmaringen unterstützt wird. Viele der Handwerker arbeiten nicht in ihrem erlernten Beruf.

Weil es diese Technik damals noch nicht gab oder weil die dafür nötige Fertigkeit heute nicht mehr vermittelt wird. So ist der Korbmacher des Campus eigentlich Gipser, der Schindelmacher Werkzeugbauer und der Töpfer ein Archäologe.

Bei heute noch aktuellen Berufen wie den Zimmerleuten, Schreinern und Steinmetzen verhält sich das anders. „Wir haben Akademiker, denen wir das Handwerken beibringen und Handwerker, denen wir Geschichte erklären“, ergänzt Napierala. Geduld und Freude am Dialog sind für Handwerker des Campus mindestens genauso wichtig wie ein sicheres Händchen. Auch eine große Portion Idealismus und eine gute Konstitution sind hilfreich, denn gearbeitet wird bei jeder Witterung im mittelalterlichen Zwirn.

Meilensteine des Baus

2021 wird mit der Scheune das erste große Gebäude auf dem Campus erstellt. Die Tenne ist zugleich als Lagerraum gedacht. Die massiven Hölzer für den Rohbau liegen schon bereit, die Balkenverbindungen und Bohrungen sind angelegt, die Zapflöcher ausgestemmt. Danach folgen die Dachlatten. Den ganzen letzten Sommer und Herbst über haben Helfer Stroh verarbeitet, Roggengarben ausgedroschen, sie dicht verpackt und gekämmt und zu so genannten Schauben gebunden. Allein 8.000 davon werden für das Dach der Scheune benötigt.

Ein Hahn und vier Hennen stromern über den Bauplatz. Ihr Stall wird schräg gegenüber der Scheune stehen, direkt neben dem Hortulus, dem berühmten Kloster - garten, der zum Schutz vor den Hühnern sowie den Feldhasen ganz mit Eichenstaken umzäunt ist. Der Paradiesgarten, dem Hortulus benachbart, bildet hingegen die Vielfalt des Paradieses ab. Es ist ein Friedhof, in dem die Gräber der Mönche von reich tragenden Obststräuchern und -bäumen umgeben sein sollen. Ein tonnenschweres Kreuz, geschnitzt aus einer Eiche, ziert seit Herbst 2019 seine Mitte.

Doch wo die Mönche wohnen, schlafen und beten werden, ist auf dem Campus Galli bislang ein weißer Fleck. Hier ist die Fantasie der Besucher gefragt. Pflöcke im Waldboden begrenzen bereits die Gebäude, die entstehen werden.

Zwei Türme statt Buchen

Das Nebenhaus des Abtes, das nach Fertigstellung von Abteikirche und allen Wohnbereichen seine Bestimmung als Gesindehaus zurückbekommen wird, soll vorerst als Haus der Mönche dienen. Es wird über einen Innenhof mit dem prunkvollen Haus des Abts verbunden sein, das mit Arkaden, einem lichtdurchfluteten Söller und einer Brücke in die Westflanke der Abtei hinein auf dem Plan gezeichnet ist.

Wo heute noch hohe Buchen im Gelände stehen, sollen in wenigen Jahrzehnten die zwei Türme der Abteikirche in den Himmel ragen, der Trakt der Novizen und der Krankentrakt angrenzen, mit Ärztehaus, Haus für Aderlass und Kräutergärten.

Zum Bau der Gebäude haben die Menschen des Frühmittelalters Hölzer verwendet, die vor Ort vorkamen. Das dauerhafteste Holz für stehende Konstruktionen ist die Eiche. Tanne eignet sich hervorragend für Dachstühle. Doch diese Hölzer waren nicht überall verfügbar, bis heute nicht. Im 9. Jahrhundert hätte man wohl viel Buche und Weißtanne im Meßkircher Wald vorgefunden. Statt der Tanne ist es heute die Fichte, Eichen müssen und mussten aus umliegenden Wäldern bezogen werden, da sich Buche als Bauholz kaum eignet.

Die Holzkirche ist weitgehend aus Eiche und Fichte gefertigt. Die Pfeiler im Innenraum sind filigran verziert. Keiner gleicht dem anderen, alle sind nach individuellem Vermögen bearbeitet. Der Boden besteht aus gestampftem Lehm, der Altar aus Buntsandstein auf einem präzise behauenen Kalksteinsockel. Über ihm reicht der Giebel des Gotteshauses neun Meter in die Höhe.

Der Turm daneben beherbergt die Glocke, die 2018 im dritten Anlauf erfolgreich gegossen werden konnte. Sie wird jeden Tag um 13 Uhr geläutet, das Klangbrett daneben, die Tabula, hingegen vier Mal geschlagen – zu Arbeitsbeginn und -ende.

Handwerk auf die Finger sehen

Die Gewerke sind in größeren Abständen entlang der Wege verteilt. Ein Schreiner verrichtet Küferarbeiten. Er fertigt Eimer, Werkzeugstiele, Böcke oder Tröge für den Bau. Ein anderer drechselt die Beine mittelalterlicher Tritte, wie man sie heute noch in Haushalten findet. Früher machten sie einen Maurer 15 Zentimeter größer. In der Schmiede entstehen Beschläge für die Tür der Holzkirche und in der Töpferei warten zahlreiche zum Trocknen aufgestellte Gefäße darauf, gebrannt zu werden.

Nebenan im Laboratorium demonstriert Helferin Silke, wie man im 9. Jahrhundert aus Flachs ein Sieb geflochten hat, etwa um stecknadelkopfgroßen Leindotter von Linsen zu trennen. Das Laboratorium ist eine Versuchsfläche, auf der immer neue Teilaspekte mittelalterlichen Lebens unter die Lupe genommen werden. Beispiele sind die mittelalterliche Imkerei oder – ganz ambitioniert – die Eisenverhüttung.

Hundert Meter entfernt spaltet der Schindelmacher Holz. 924 Schindeln zieren allein das Dach seiner kleinen Werkstatt, auf dem der Holzkirche sind 15.000 verlegt. Hubert bindet derweil in filigraner Kleinstarbeit aus Flachs und Hanf Bürsten und Besen, während Mechthild aus gleichmäßig stabilen und dünnen Fäden ganze Wollknäuel spinnt, die nebenan Roswitha beizt und mit Krapp Rot oder mit Zwiebelschalen Gelb einfärbt.

Zur Tafel, bitte

Auf dem Abbundplatz werden große Hölzer mit Sägen und Äxten bearbeitet. Wenige Schritte davon entfernt können sich Besucher in einem Biergarten mit Dinnede, oder Linseneintopf aus der Tonschale zu Bier, Minz-Tee oder Met stärken. Jedes der servierten Gerichte hat ein mittelalterliches Vorbild, die Küche selbst jedoch nicht. Sie glänzt matt in Edelstahl und ist mit einer Kühlung ausgestattet.

Nebenan bieten Partner aus der Region Kräuter, Trockenfrüchte und Andenken zum Verkauf. Perspektivisch möchte Hannes Napierala dort eigene landwirtschaftliche Erzeugnisse anbieten, sie auch vermehrt in der Küche verwerten.

Selbst Fleisch aus eigener Zucht könnte irgendwann auf die Karte kommen. Für reichlich Nachwuchs sollen Schorsch und Rippchen sorgen. Es sind Düppeler Weideschweine, eine robuste Rückzüchtung damals üblicher Rassen. Einige Schafe liefern die Wolle für Mechthilds Webrahmen. Die gewalkte Schafwolle ist erstaunlich dicht. Sie hält sogar Regen eine ganze Zeit lang ab. Die gewobenen Stoffe werden ausschließlich zur Fertigung der Arbeits - kleidung für die festangestellten und ehrenamtlichen Helfer verwendet.

Der Weg ist das Ziel

Vor größeren Unfällen blieb der Campus bislang verschont. Das Schlimmste, das 2020 passiert ist, war ein Bienenstich, der eine Allergikerin getroffen hat. Corona hat allerdings neue Herausforderungen für den Campus gebracht: die Maskennutzung in den Räumen und in den Warteschlagen, in der Holzkirche und auf den Toiletten.

Ansonsten profitierte Campus Galli davon, dass fast alles im Freien stattfindet.

Es gab weder Ausfälle im Team, noch Ansteckungen bei Besuchern, von denen viele trotz Corona den Weg nach Meßkirch gefunden haben. 290.000 Gäste haben bis Ende 2019, also noch vor Beginn der Corona-Krise, die Mittelalter-Baustelle seit ihrer Öffnung erkundet. Damit zählt sie zu den größten Besuchermagneten im Südwesten – und das in relativ kurzer Zeit. Die Region wurde belebt, die Übernachtungen nahmen zu.

Das dürfe in den nächsten 70 bis 100 Jahren bis zur Fertigstellung des Campus so weiter gehen, scherzt Napierala und verweist darauf, dass dieser Zeitraum nur geraten sei. Man wisse ja nicht, was die Zukunft bringe. Schließlich wolle der Campus Galli keinen Endzustand zeigen, sondern nur den Weg dorthin.

Campus Galli besuchen

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags – bis 30. Oktober ab 10 bis 18 Uhr, 31. Oktober bis 7. November ab 10 bis 17 Uhr Eintritt: 11 Euro Erwachsene/ 25 Euro für Familien / 8 Euro p. P. bei Gruppen ab 12 Personen / 4 Euro p. P. für eine Führung zzgl. des Eintritts / 30 Euro für Jahreskarte

Campus Galli

Verein Karolingische Klosterstadt e. V. Am Hackenberg 92 88605 Meßkirch Tel. +49 7575 9266495 booking@campus-galli.de www.campus-galli.de