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Lebendige Geschichte über Liebe und Leid einer sächsischen Grande Dame


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 28.01.2020

Uraufführung von »Barock me, Gräfin Cosel« am Boulevardtheater Dresden


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(v.l.): Frieder (Alexander Wilbert), Luise (Stefanie Bock), Isabella (Laura Mann), Anton (Oliver Morschel) und Maria (Karina Schwarz) proben unermüdlich für ihren Auftritt vor dem Kurfürsten, damit die Premiere ein voller Erfolg wird


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Dresden feierte 2019 unter dem Motto »Party Nonstop« das 300. Jubiläum der Feierlichkeiten anlässlich der Hochzeit des Sohnes von August dem Starken, Friedrich August II., mit Maria Josepha von Österreich. Neben zahlreichen Veranstaltungen unter dem Hashtag #1719reloaded beteiligte sich das Boulevardtheater mit einem eigenen Musical an den lebendig gewordenen Erinnerungen. Denn kein Fest ohne Gräfin von Cosel, der wohl markantesten Mätresse des Kurfürsten-Königs. Obwohl diese zum damaligen Zeitpunkt bereits knapp drei Jahre im Exil in Stolpen weilte, kommt man an der eindrucksvollen Persönlichkeit nicht vorbei, wenn es um die barocke Geschichte der Landeshauptstadt geht. Andreas Goldmann (Musik) und Holger Metzner (Buch und Liedtexte) kreierten ein »Stück im Stück« über eine starke Frau, die alles gewann und alles verlor.

Mit ›Ich bin ein Spielmann‹ begrüßt der Schausteller Francesco (Claudio Maniscalco) das Publikum. Zur Zeit von August dem Starken will er ein Bühnenstück aufführen, welches die Geschichte des Herrschers und Anna Constantia, spätere Gräfin von Cosel, erzählt. Unterstützung findet er bei seiner Frau Maria (Karina Schwarz), die einst ihre Stellung als Zofe der Mätresseaufgab, um mit ihm gemeinsam seinen Traum zu leben. Als die letzten Proben vor der Premiere starten sollen, ist die eigentliche Besetzung der weiblichen Hauptrolle, nach der Trennung von Anton (Oliver Morschel), der den Kurfürsten spielt, abgereist. Isabella (Laura Mann) sieht ihre Chance gekommen, schließlich hat sie als langjähriges Mitglied der Truppe entsprechende Erfahrung. Zudem ist sie die Tochter des berühmten Molière, und damit geradezu prädestiniert für diese Rolle. Die Begeisterung von Francesco wird jedoch kurzerhand vom Beauftragten der Kunstkammer, Freiherr von Bockelwitz (Manuel Krstanovic), zunichtegemacht. Da dieser für die finanziellen Fördermittel verantwortlich ist, muss sich der Spielmann dessen Wunsch nach einer jüngeren Darstellerin für die Gräfin beugen. Im Wirrwarr der beginnenden Verzweiflung, wo er eben eine solche hernehmen soll, stolpert die Jungdarstellerin Luise (Stefanie Bock) auf die Bühne. Sie hatte sich erst vor Kurzem der Theatergruppe angeschlossen, da sie wegen ihrer todkranken Mutter Geld für einen Arzt benötigt.

Obwohl reichlich verunsichert, nimmt diese die Herausforderung an. Je weiter sie in das Leben von Anna Constantia eintaucht, umso sicherer wird sie in ihrer Darstellung. Keine unwesentliche Rolle bei der Stärkung ihres Selbstbewusstseins spielt der stetige Zuspruch (›Ein Glanz bei Hofe‹) ihres Kollegen Frieder (Alexander Wilbert). Gleichzeitig weiß sie den Avancen von Anton taff zu begegnen, nicht wissend, dass auch Freiherr von Bockelwitz Interesse an ihr hat.

Dieser stellt Francesco eine finanzielle Belohnung in Aussicht, wenn ebenjener ihm Luise nach der Premiereüberlässt. Dabei ahnt der Schausteller nicht, welche eigentlichen Motive hinter dieser Forderung stecken.

Das schriftlich festgehaltene Eheversprechen von August dem Starken gegenüber Gräfin von Cosel verbindet das Stück mit der Realität. Am Ende wird es das Zünglein an der Waage sein, als sich in Dresden sowohl bei dem Kurfürsten und seiner Geliebten als auch bei der Spielmannstruppe die Geschehnisse mehr und mehr zuspitzen. Eine gewagte Idee und der Einsatz des neuen Soundsystems sorgen zumindest bei einem Teil der Protagonisten für eine erfreuliche Wendung. Wenngleich die Geschichte zeigt, dass es für die echte Gräfin von Cosel kein immerwährendes Glück gab, so heißt das nicht, dass man sich bei der Darstellung der Figuren zwingend daran halten muss. Schließlich ist am Theater alles erlaubt.

Mit »Barock me, Gräfin Cosel« und dem Untertitel »Ein perücktes Musical über Macht, Mätressen und Magie« feiert das Boulevardtheater seine 20. Uraufführung und stellt eine der beeindruckendsten Frauen der sächsischen Geschichte in den Mittelpunkt. Die barockig-poppige Musik von Andreas Goldmann ehrt die Komponisten jener Zeit, während die Texte von Holger Metzner einprägsam sind. Beide machen das Musical so zu einem einzigen Ohrwurm, von dem man noch Tage später berauscht zu berichten weiß. Dabei werden die Fakten der Vergangenheit hervorragend mit den künstlerischen Ausschmückungen der Geschichte verwoben und auch sozialkritische Aspekte der damaligen Zeit nicht außen vor gelassen. Durch das »Stück im Stück« werden gleichzeitig die Verhältnisse und Bedingungen von Schaustellertruppen im 18. Jahrhundert thematisiert, deren Inhalte teilweise heute noch aktuell auf hiesige Theater anwendbar sind.

Allen Darstellern gelingt der Spagat zwischen zwei Rollen auf so natürliche Art und Weise, dass sich nahtlos die Rahmenhandlung mit der Geschichte von Anna Constantia verbindet. Besonders Stefanie Bock schafft es, die Figur der Luise immer selbstsicherer werden zu lassen, je mehr sich diese mit dem Leben und Lieben der Gräfin von Cosel auseinandersetzt. Gesanglich trifft sie mit der Solo-Ballade ›Nie mehr‹ mitten ins Herz und lässt den tiefen Fall der Kurfürsten-Geliebten zu einem emotionalen Höhepunkt werden. Oliver Morschel überzeugt als charmanter und selbstsicherer Anton ebenso wie als August der Starke, und gemeinsam entzündet er mit Stefanie Bock ›Mein brennendes Herz‹ in jedermann. Claudio Maniscalco leitet als Francesco geschäftig durch das Stück und man kauft ihm das Leben eines Spielmanns und die Leidenschaft für die Schauspielerei in jeder Minuteab. Karina Schwarz ist als Maria die Stimme der Vernunft und gleichzeitig herausfordernd mit ›Sei dein eigenes Gesetz‹. Laura Mann weiß derweil brillant den frivol-witzigen Charme des Musicals auf die Bühne zu bringen und das nicht nur in ›Alles nur Geschäft‹. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Trotz der ständigen Sticheleien gegenüber Luise (Stefanie Bock) hält sie, als es darauf ankommt, zu ihr und der ganzen Truppe.

Manuel Krstanovic überzeugt als Bösewicht Freiherr von Bockelwitz. Die Fäden scheinbar in der Hand haltend, schmiedet er finstere Pläne. Durch die Offenlegung dieser Machenschaften gegenüber dem Publikum steigt mehr und mehr die Spannung, ahnt man doch von Beginn an nichts Gutes. Krstanovics rappende,ungeschönte Wahrheiten integrieren sich zudem naht blickpunkt los in die jeweiligen Songs ›Das göttliche Paar‹ und ›Zugabe - Barock me‹. Die Figur des Frieder, gespielt von Alexander Wilbert, ist vergleichbar mit dem Kasper, wobei er in den rechten Momenten ernst sein kann. Seinen Kollegen steht er stets mit unerschrockenerFreundschaft zur Seite.

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los in die jeweiligen Songs ›Das göttliche Paar‹ und ›Zugabe - Barock me‹. Die Figur des Frieder, gespielt von Alexander Wilbert, ist vergleichbar mit dem Kasper, wobei er in den rechten Momenten ernst sein kann. Seinen Kollegen steht er stets mit unerschrockenerFreundschaft zur Seite.


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Isabella (Laura Mann) ist sich sicher, dass sie für die Rolle der Gräfin Cosel die beste Besetzung wäre, und zeigt sich stets selbst-bewusst


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Sei dein eigenes Gesetz‹ - Maria (Karina Schwarz) gibt ihre Erfahrungen an die jüngere Generation weiter und erinnert sich an ihre Zeit als Zofe der Gräfin Cosel zurück


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Nie mehr‹ - Luise (Stefanie Bock) besingt das traurige Schicksal von Gräfin Cosel: lebenslänglich Fotos (4): Robert Jentzsch


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Luise (Stefanie Bock) und Anton (Oliver Morschel) sind sich näher gekommen und genießen die verliebten Stunden


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Ich bin ein Spielmann‹ - Francesco (Claudio Maniscalco) begrüßt enthusiastisch das Publikum


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Mein brennendes Herz‹ - Gräfin Cosel (Stefanie Bock) und August der Starke (Oliver Morschel) kümmern sich nicht um bestehende Konventionen, sondern feiern ihre Liebe öffentlich


Das Bühnenbild und die Kostüme von Marlis Knoblauch versetzen den Zuschauer in die barocke Zeit zurück, bleiben dabei aber so modern, dass ein schneller Wechsel zwischen den Bekleidungen sich in Musik und Darstellung stimmig eingliedert. Der Wagen der Schausteller ist so flexibel gestaltet, dass man sich vom brennenden Dresden kurzerhand in einem Ballsaal wiederfindet, ohne dass die Umgestaltung abgehackt wirkt. Ebenso greifen Licht (PhilippBlessing und Philipp Bechly) und Ton (Johanna Wendrich und Marco Eifler) Hand in Hand. Auch wenn bei Letzterem hier und da die Mikrofone nicht immer sofort den entsprechenden Klang abgegeben haben, so schadet es der Aufführung zu keiner Zeit.

Das Boulevardtheater Dresden stellt in seiner Inszenierung eine Frau in den Mittelpunkt, die in der damaligen Epoche nicht nur als schön, intelligent und ehrgeizig bezeichnet wurde, sondern auch als hochmütig und aufbrausend. Auf jeden Fall war sie eine emanzipierte Ikone, nicht nur in ihrer Zeit. Anna Constantia ist mit ihrem Leben, ihrer Liebe und ihrem lebenslänglichen Exil ein untrennbarer Bestandteil der sächsischen Geschichte.

»Barock me, Gräfin Cosel« ist ein Stück, das hoffentlich weit über die Landesgrenzen Sachsens ein Zuhause finden wird. Eine barockige Perle des Musical-Genres, die sich keiner entgehen lassen sollte.


Foto: Robert Jentzsch

Fotos (3): Robert Jentzsch

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