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Lebendigkeit und Souveränität


Musik & Kirche - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 15.07.2021

Arnolt Schlick, der blinde Organist und Orgelexperte aus Heidelberg, war ein Künstler mit Selbstbewusstsein. Seine Werke für Tasteninstrumente zeigen eine bedeutende Kunst und die Emanzipation von der Vokalmusik. Eine Erinnerung an einen Großen am Beginn der Neuzeit.

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Bildquelle: Musik & Kirche, Ausgabe 4/2021

Matthias Wamser (* 1968) ist Kirchenmusiker in Basel, Vorstandsmitglied mehrerer Schweizer Verbände für Kirchenmusik und freier Mitarbeiter einiger Musikverlage.

J ubiläen und Gedenkjahre beeinflussen vielerorts Konzertprogramme und Verlagsaktivitäten. Im Fall von Arnolt Schlick gibt es keine verlässliche Grundlage für einen „runden“ Abstand: Wir wissen, dass er „um 1460“ geboren wurde und dass sein letzte überlieferte Erwähnung zu Lebzeiten aus dem Jahr 1521 stammt.

Schlick dürfte sein ganzes Leben hindurch in Heidelberg ansässig gewesen sein, wo er Mitglied der Hofkapelle war und wo bereits sein Vater ein Haus besessen hatte. Wie der ...

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... etwa 50 Jahre ältere Nürnberger bzw. Münchner Orgelmeister Conrad Paumann war er blind, jedoch offenbar nicht von Geburt an, was August Gottfried Ritter zu belegen versucht (Zur Geschichte des Orgelspiels, Leipzig 1884). Bei der Betrachtung der Biographie fallen Mobilität und Vernetzung auf: Schlicks Aktionsradius als Experte für Orgelbau reichte bis nach Straßburg und Hagenau bzw. bis in die Niederlande. Im Straßburger Münster galt seine Expertise der Schwalbennest-Orgel, deren Prospekt noch heute bestaunt werden kann. Er spielte im Rahmen von politisch bedeutsamen Anlässen und begegnete dabei mindestens einmal seinem fast gleichaltrigen Kollegen Paul Hofhaimer, dem wohl wichtigsten Orgellehrer der Zeit.

Die 1512 in Mainz veröffentlichte Sammlung Tabulaturen etlicher lobgesang vnd lidlein vff die orgeln und lauten enthält neun für die Orgel bestimmte Kompositionen, zwölf Stücke für Gesang und Laute (laut Vorwort „zwo stimmen zu zwicken und ein zu singen“) sowie drei Stücke für Laute allein. Unter den Orgelwerken fallen zwei Zyklen auf: Das fünfsätzige „Salve Regina“ und drei Sätze zu „Da pacem, Domine“. Es wurde vermutet, dass es sich bei einigen kurzen Stücken um verzierte Übertragungen von Vokalmusik handelt – solche Intavolierungen waren seit dem Mittelalter üblich und sind in der Orgelmusik der drei Generationen nach Schlick besonders häufig. Bei der überwiegenden Zahl seiner im Druck überlieferten Werke für Orgel dürfte es sich jedoch um originäre Orgelmusik handeln.

Weitere Orgelzyklen von Schlick wurden kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckt: acht Sätze zur Sequenz „Gaude Dei Genitrix“, in denen stets zwei oder drei Stimmen parallel geführt werden, was die Techniken des „Canon sine pausis“ bzw. des Fauxbourdons weiterentwickelt, sowie zwei Sätze zur Antiphon „Ascendo ad Patrem“, darunter der legendäre zehnstimmige Satz mit vier Pedalstimmen. Der Komponist sandte diese Zyklen 1520 dem Trienter Fürstbischof und stellte in seinem selbstbewussten Begleitbrief etwas „news lustigs Seltzsams Kunstreichs“ in Aussicht.

Schlick hat 1511 in Speyer den Spiegel der Orgelmacher und Organisten drucken lassen, in dem er über Orgelbau und -spiel informiert. Er fordert selbständiges Pedalspiel und den Einsatz zweier Manuale. Die von ihm favorisierte Stimmungsart geht von der Temperierung der Quinte aus und steht im Gegensatz zur später üblichen mitteltönigen Stimmung; entsprechend findet sich im zweiten „Da pacem“ ein As-Dur-Akkord, der auf mitteltönigen Orgeln nicht zur Verfügung steht. Die Wiedergabe der Musik Schlicks auf gleichstufig gestimmten Orgeln ist weniger problematisch als jene von Werken, die für mitteltönig gestimmte Orgeln komponiert wurden.

Bereits 1869 konnte Robert Eitner nachdrücklich auf Schlick hinweisen: Im ersten Jahrgang seiner Monatshefte für Musikgeschichte wurden die Texte aus den Publikationen von 1511 und 1512 zugänglich gemacht, eine Musikbeilage bot die vollständige Ausgabe der Orgelstücke aus den Tabulaturen. Schlick hat also in einer sehr frühen Phase musikwissenschaftlicher Forschung Interesse geweckt.

Trotz der Pioniertat Eitners dürften die Orgelspielenden der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Schlick als One-Hit-Wonder wahrgenommen haben: 1884 hatte Ritter das Trio Maria zart in sein bereits erwähntes Buch aufgenommen. Das gleiche Stück erscheint wieder in Karl Straubes verbreiteter Sammlung Alte Meister des Orgelspiels (Neue Folge Teil 2, Leipzig 1929). Bereits 1924 war im Ugrino-Verlag eine Edition der Tabulaturen erschienen. Der Herausgeber Gottlieb Harms transponierte alle Stücke um eine Quarte tiefer und begründete dies mit dem aus dem Spiegel abzuleitenden tiefen Stimmton der beschriebenen Orgeln.

1970 erschien in Mainz eine durch Rudolf Walter betreute Ausgabe aller Orgelstücke, die mit nur einer Ausnahme auf drei Systemen wiedergegeben werden. Das Vorwort enthält jedoch die beachtenswerte Aufforderung, die Verteilung auf Manuale und Pedal als Vorschlag zu betrachten und zu hinterfragen – ebenso wie die ergänzten und als Zusatz erkennbaren Vorzeichen.

Mehrere Stücke sind in Heft 13 der Early Organ Series enthalten und hier auf zwei Systemen notiert. Beide Ausgaben verkürzen die Notenwerte gegenüber dem Originaldruck. Auch die für Laute bestimmten Sätze liegen in einer Neuausgabe vor (Hofheim/Taunus 1965); hier findet sich eine Bearbeitung des Lieds „Maria zart“, die zum Vergleich mit dem erwähnten Orgeltrio einlädt. 1986 wurde in Heidelberg die Hommage à Arnolt Schlick für Orgel von Franz-Georg Rössler uraufgeführt, deren fünf kurze Sätze ein aus den Initialen A-SCH entwickeltes Motiv hören lassen bzw. in freitonaler Klangwelt Techniken des geehrten Komponisten aufgreifen.

Die originäre Orgelmusik von Arnolt Schlick gehört zu den ersten Beispielen rein instrumentaler Musik, die der Vokalmusik ihrer Zeit an die Seite gestellt werden können; sie vermag durch die Lebendigkeit und Souveränität ihrer kontrapunktischen Strukturen sowie als willkommener Anlass für die Verwendung ungewöhnlicher Klangfarben auch heute zu faszinieren.