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LEBENSGEFAHR IST KEIN ARGUMENT


B.Z. am Sonntag - epaper ⋅ Ausgabe 435/2021 vom 29.08.2021

Artikelbild für den Artikel "LEBENSGEFAHR IST KEIN ARGUMENT" aus der Ausgabe 435/2021 von B.Z. am Sonntag. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: B.Z. am Sonntag, Ausgabe 435/2021

Der Reporter Paul Ronzheimer in der überfüllten Maschine von Kabul nach Doha

Es ist 3.28 Uhr am Mittwochmorgen, als wir zusammen mit Soldaten aus Qatar in Doha einen Militärflieger besteigen. Gebete am Rollfeld, bevor alle an Bord gehen.

Das Ziel: Kabul! Die Mission der Qataris: Flüchtlinge rausholen! Mein Job: In Kabul bleiben, aus der Stadt berichten!

Aber am Ende kommt alles ganz anders …

Die Sonne über der afghanischen Hauptstadt, seit zehn Tagen in der Hand der Taliban, ist schon aufgegangen, als das Transportflugzeug vom Typ C17 um 6.07 Uhr zum steilen Sinkflug ansetzt. Die Soldaten machen sich bereit, werden von US-Soldaten am militärischen Teil des Flughafens Kabul empfangen.

„Dieser Flughafen ist unter US-Kontrolle, Sie haben kein Recht hier zu sein“, sagt einer der US-Soldaten zu uns Journalisten, neben meinem Kameramann ...

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... Giorgos Moutafis sind u.a. mehrere Reporter aus Frankreich an Bord.

Aber die US-Soldaten machen ein Angebot: Wenn wir den Flughafen bis zum Abend verlassen, können wir in die Stadt, dorthin, wo Reporter jetzt sein müssen.

Am Flughafen blicken wir in die traurigen Augen verzweifelter Menschen. Man würde erwarten, dass die Flüchtlinge Glück empfinden, zu denjenigen zu gehören, die es rausschaffen aus Afghanistan. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die meisten sind deprimiert, wütend, immer noch in Panik. Shorab (58), der mit seinen vier Kindern und seiner Frau darauf wartet, einen Flieger zu besteigen: „Ich war Polizeigouverneur, die Taliban würden mich umbringen. Vielleicht nicht sofort, aber spätestens dann, wenn keiner mehr nach Afghanistan schaut.“ Er blickt hinter sich, wo die Mauern des Flughafens verhindern, dass Tausende Menschen das Rollfeld stürmen. Man hört die Stimmen in der Ferne. Shorab kommen die Tränen: „Ich habe so viele Freunde da draußen, die nicht durchgelassen wurden. Warum hilft ihnen keiner? Warum?“

Das „Warum“ hören wir immer wieder hier in Kabul.

Warum kam die Evakuierung so spät? Warum gibt es nicht mehr Hilfe? Warum werden die Afghanen im Stich gelassen?

Das US-Militär am Flughafen beäugt unsere Gespräche mit Flüchtlingen skeptisch, um 12.00 Uhr mittags kommt plötzlich die Ansage: Wir sollen noch am Nachmittag zurück nach Doha, in einem Militärflieger. Mehrere Soldaten umstellen uns, sollen aufpassen, dass wir nicht entwischen. „Ihr dürft nicht nach draußen gehen, Kabul ist zu gefährlich.“

Zu gefährlich? Reporter, die aus Kriegs und Krisengebieten berichten, sind dafür da, das Risiko selbst zu bewerten und frei zu berichten.

Es wird Abend, schließlich Nacht. Wir versuchen die US-Soldaten immer wieder mit dem Hinweis auf die Pressefreiheit dazu zu bewegen, uns gehen zu lassen. „No, it’s a security risk!“ Wir werden in einen Raum gesperrt am Flughafen, warten auf die Maschine.

Um 2.45 werden wir am Donnerstagmorgen über das Rollfeld zu einer US-Maschine gebracht, zusammen mit Hunderten Flüchtlingen. „Wenn ihr nicht den Flug nehmt, holen wir die Militärpolizei“, sagt ein US-Soldat.

Wir sitzen alle auf dem Boden jeweils auf den Füßen und Beinen anderer. Als die Maschine abhebt, rutscht das Menschen- Knäuel nach hinten. Mütter halten die Kinder, Männer die Frauen. Weinen. Klagen.

Erleichterung und Leere, Müdigkeit und Verzweiflung in den Augen. Angst in der Luft. Die meisten hier: zum ersten Mal in einem Flieger. Flugangst, vor allem aber: Zukunftsangst.

Sie alle lassen ihr altes Leben, ihre Heimat und die Lieben zurück.

Said, der mit seinen beiden Kleinkindern und seiner Ehefrau neben uns sitzt, sagt: „Das Schlimmste ist, zu wissen, dass wir in Sicherheit sind, aber so viele andere nicht.“

Nach drei Stunden Landung auf dem US- Stützpunkt in Doha. Auf den Smartphones: Eilmeldung der „New York Times“, dass am Nachmittag ein Anschlag droht am Flughafen und alle sich von dort fernhalten sollen. Said sagt, als er von der Warnung hört: „Das wird niemanden abhalten, denn der Tod droht jetzt überall und die Menschen wollen nur noch raus.“

Acht Stunden danach wird der ISIS-Anschlag Wirklichkeit: 170 Afghanen sterben, 13 US-Soldaten kommen ums Leben, Hunderte werden verletzt.

US-Präsident Joe Biden reagiert gestern mit einem Vergeltungsangriff. Der unbemannte Luftschlag in der afghanischen

Provinz Nangarhar habe „einem Planer“ von ISIS-K gegolten, teilte der Sprecher des US -Zentralkommandos Centcom, Bill Urban, mit. „Ersten Anzeichen zufolge haben wir das Ziel getötet. Wir wissen von keinen zivilen Opfern.“

US-Präsident Joe Biden schwört weiter Rache. „Wir werden nicht vergeben. Wir werden nicht vergessen. Wir werden euch jagen und euch dafür bezahlen lassen“, hatte Biden kurz nach dem Anschlag gesagt. Das Risiko weiterer Angriffe bleibt hoch.

Die Menschen strömen derweil weiter zum Flughafen. Für sie zählt jede Minute. Lebensgefahr ist kein Argument.