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Lebenslauf: „Kochen ist eine Art, Erinnerungen zu bewahren und Liebe zu schenken“


flow - epaper ⋅ Ausgabe 53/2020 vom 13.10.2020

KOCHEN SPIELTE IN IHREM LEBEN SCHON IMMER EINE ROLLE: WÄHREND IHRER KINDHEIT IN ÄGYPTEN, ALS JUNGES MÄDCHEN IN LONDON, DAS UNTER HEIMWEH LITT, UND SPÄTER, ALS SIE DIE REZEPTE IHRER HEIMAT ZU EINEM BUCH ZUSAMMENTRUG. HIER ERZÄHLT DIE FOOD-AUTORIN ÜBER IHR BEWEGTES LEBEN


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Bildquelle: flow, Ausgabe 53/2020

NAME: Claudia Roden
GEBOREN: 1936 in Kairo
BERUF: Köchin und Autorin Claudia Roden brachte 1968 mit ihrem Buch Die Küche des Vorderen Orients arabische Gerichte auf die westliche Speisekarte. Viele weitere Kochbücher folgten. Sie erhielt den Johannesvan-Dam-Preis und zahlreiche weitere Auszeichnungen und gilt als Grande Dame der modernen ...

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... Kochbuchkultur. Roden hat drei Kinder und lebt in London und Paris.

VERGANGENHEIT

Ich bin unabhängig und werde oft als starker Charakter bezeichnet. Deswegen glauben viele, ich sei ein rebellisches Kind gewesen. Doch tatsächlich war ich brav; ich tat alles, was meine Eltern wollten. Ich wuchs in Kairo auf. Wir waren Juden in einem muslimischen Umfeld und darüber hinaus Syrer, die prüder waren als alle anderen. Ich war sehr behütet und ging ohne Begleitung meiner Eltern oder meines Kindermädchens nie auf die Straße. Maria, unser slowenischitalienisches Kindermädchen, nahm meine Geschwister und mich auf dem Weg zum Park mit in die katholische Kirche. Dadurch lernte ich früh verschiedene Religionen kennen.


„WAS IN ÄGYPTEN EIN ALLTÄGLICHES GERICHT WAR, WURDE FÜR MICH PLÖTZLICH ZU EINER DELIKATESSE, DIE ALLES SYMBOLISIERTE, WONACH ICH SO GROSSES HEIMWEH HATTE.“


Maria kochte für uns Polenta und Pasta, deshalb habe ich bis heute eine Schwäche für italienisches Essen. Der Duft von gebratenem Knoblauch mit Koriander weckt Erinnerungen an Ägypten in mir. Meine Kindheit war von ganz unterschiedlichen Geschmacksrichtungen geprägt. Meine Eltern sprachen französisch mit uns und erzogen uns nicht besonders streng, aber doch den Konventionen entsprechend. Meine Brüder lernten in der Synagoge Hebräisch; ich als Mädchen musste bei den Frauen bleiben. Dennoch hatte meine Mutter große Pläne mit mir. Sie verlangte von mir, in der Schule und im Schwimmtraining die Beste zu sein. Einmal wurde ich sogar Landesmeisterin. Gemeinsame Mahlzeiten spielten bei uns eine wichtige Rolle. Bei meinen Großeltern aßen wir Kibbeh, Baba Ganoush und Tabouleh. Zu Hause duftete es nach Zimt, Kardamom und Kreuzkümmel. Die Frauen in meiner Familie kochten nicht; das übernahmen Köche für sie. Wenn Besuch zu uns kam, brachten meine Tanten ihren Koch mit, und dann wurde ausgepackt. Die Frauen saßen im Esszimmer beisammen, um gefüllte Weinblätter oder Filoteighäppchen vorzubereiten, die sie an die Köche weiterreichten. Die Kinder formten Teigröllchen, aus denen knusprige Kekse gebacken wurden.

Mit 15 verließ ich Ägypten. Zunächst ging ich nach England auf ein Internat, um einen international anerkannten Schulabschluss zu machen. Ich vermisste meine Familie und war todunglücklich. Mit den Upperclass-Mädchen, die von Bällen erzählten und davon, dass sie der Königin vorgestellt wurden, hatte ich nichts gemein. Von London aus ging ich nach Paris, wo mein älterer Bruder Medizin studierte. Das war 1952, nicht lange nach dem Zweiten Weltkrieg. In Frankreich waren die jungen Leute zu dieser Zeit sehr linksorientiert. Sie interessierten sich für Philosophie und Kommunismus – es war eine ganz neue Welt. Jeden Sonntag besuchte ich meinen älteren Cousin, der Ful Medames zubereitete: ein stückiges Püree aus braunen Bohnen mit Gewürzen, Zitronensaft und hart gekochtem Ei. In Ägypten war das ein alltägliches Gericht, doch in Paris wurde es für mich zur Delikatesse, die alles symbolisierte, wonach ich so großes Heimweh hatte. Zum ersten Mal erlebte ich, welche Wirkung Essen haben kann.

Nach der Schule kehrte ich nach London zurück. Ich wollte Wissenschaftlerin werden, aber meine Eltern fanden das nicht schicklich für ein Mädchen. Deswegen besuchte ich die St. Martin’s School of Art. Malen war meine Leidenschaft, und ich wollte politische Wandgemälde nach dem Beispiel Diego Riveras erschaffen. Es war eine spannende, freie Phase. Meine Freunde und ich besuchten Ausstellungen und die ersten Cappuccino-Bars in Soho. Mit meinen Brüdern teilte ich mir eine Wohnung und übernahm das Kochen. Ich bereitete Gerichte des Vorderen Orients zu, obwohl ich nach Zutaten wie Sesammus lange suchen musste. 1956, ich war gerade 20, brach die Sueskrise aus. Die ägyptischen Juden mussten das Land innerhalb kürzester Zeit verlassen. Meine Eltern flüchteten nach England, und mit ihnen viele Bekannte. Erhielt einer von ihnen eine Aufenthaltserlaubnis für ein anderes Land, tauschten wir Rezepte aus. Wir wussten nicht, ob wir uns wiedersehen würden, und so wurden die Rezepte zu Andenken. Ich sammelte sie alle.

GEGENWART

Nachdem meine Eltern in England angekommen waren, veränderte sich alles. Ich musste die Kunstakademie verlassen, um Geld zu verdienen, und fand eine Arbeit als Reservierungsmitarbeiterin. Dort verdiente ich nicht viel, aber es ermöglichte mir zu reisen: Blieb am Wochenende ein Platz im Flugzeug frei, konnte ich zu meinen Eltern fliegen. War ich bei ihnen, bestimmten sie über mein Leben. Obwohl ich schon 20 war, musste ich vor 23 Uhr zu Hause sein, und sie wollten, dass ich heirate.


„NACH DER TRENNUNG BESCHLOSS ICH, DASS MEINE KINDER UND ICH DAS GLÜCKLICHSTE LEBEN FÜHREN WÜRDEN, DAS IRGEND MÖGLICH WAR.“


Schon seit ich 15 war, versuchten meine Eltern mich zu verkuppeln, aber ich hatte mich immer dagegen gewehrt. Dann traf ich Paul in einem Café in der Nähe meiner Arbeit. Er war nett und in mich verliebt. Meine Eltern drängten auf eine Hochzeit. Sie ließen nicht locker, und am Ende gab ich nach. Paul war gut zu mir, und wir bekamen drei Kinder. Doch wir hatten wenig gemeinsam. Nach 15 Jahren trennten wir uns, da war unser jüngstes Kind sechs, das älteste knapp zwölf Jahre alt. Für meine Eltern war das eine Tragödie, denn in Ägypten war eine alleinstehende Frau hilflos. Ich beschloss jedoch, dass wir ein so glückliches Leben führen würden wie nur irgend möglich.

Als die Kinder klein waren, begann ich, das Buch Die Küche des Vorderen Orients zu schreiben. Nicht des Geldes wegen, sondern weil es mir wichtig war, meine Rezeptsammlung festzuhalten. Kochbücher über die arabische Küche gab es so gut wie keine, denn Rezepte wurden mündlich überliefert. Oft musste ich die Zutatenmengen selbst herausfinden. Durch mein Buch wurde ich in kulinarischen Kreisen bekannt.

Damals gab es zum ersten Mal eine englische Generation, die anders kochte als ihre Mütter: Diese jungen Leute hatten studiert, arbeiteten und reisten. Meine Rezepte waren exotisch, schmackhaft und bezahlbar, sie passten in diese Zeit. Gleichzeitig gab es in London viele Immigranten, Zuzügler aus dem Iran oder der Türkei, die hier studierten und arbeiteten. Ich traf mich mit ihnen, ging in Botschaften und Teppichgeschäfte und fragte die Männer, ob ich ihre Ehefrauen sprechen könne. Deren Geschichten schrieb ich auf. In der Nationalbibliothek recherchierte ich die historischen Hintergründe der dazugehörigen Gerichte.

Ich arbeitete für Zeitschriften und verdiente mein Geld damit, über Essen zu schreiben, bis die Kinder aus dem Haus gingen. Alle drei am selben Tag. Die ältesten beiden hatten während ihres Studiums zu Hause gewohnt und brachen nach Amerika auf, die Jüngste ging an die Uni. Daraufhin beschloss ich, auch aus London wegzuziehen. Mein Traum war es, das Mittelmeergebiet zu bereisen. Ich erinnerte mich an Reisen in meiner Kindheit, an Cafés entlang der Boulevards, den Duft von gegrilltem Fisch, und wenn man zum Essen ausging, gab es Unterhaltung, etwa Tangotanzen oder Akrobatik. Das wollte ich noch einmal erleben.

Ohne Plan brach ich auf. Ich wusste nur, dass ich über Essen recherchieren wollte. Es war ungewöhnlich für eine Frau, allein zu reisen, aber ich hatte niemals Angst. Wenn ich Menschen im Zug oder auf der Straße nach ihren kulinarischen Traditionen fragte, erzählten sie mir bereitwillig davon. Ich hatte schon an der BBCSendung The Taste of Health mitgearbeitet, und als der Regisseur erfuhr, was ich machte, produzierte er eine ganze Serie mit mir: Claudia Roden’s Mediterranean Cooking. Später bereiste ich im Auftrag der Sunday Times alle Regionen Italiens, um über dortige kulinarische Traditionen zu schreiben. Ich machte es mir zum Ziel, normale Leute fernab der touristischen Küche zu befragen, die authentische Gerichte zubereiteten. Das hat mich immer am meisten interessiert. Über Essen zu schreiben ermöglichte es mir, zu reisen und Menschen und andere Kulturen kennenzulernen, und das tue ich bis heute. Ich brauche inzwischen etwas mehr Zeit als früher, aber ich arbeite weiter. Ich möchte, dass mein Verstand in Bewegung bleibt.

ZUKUNFT

Ich wohne inzwischen in einem Haus am Rand von London. Außerdem habe ich mir vor vielen Jahren eine Wohnung in Paris gekauft. Ich fahre regelmäßig dorthin, besuche Cafés, verabrede mich mit Freunden und schlendere durch die Stadt. Es ist herrlich, genau wie damals auf dem Internat, als ich jedes Wochenende ausging. In Paris erhole ich mich, in England arbeite ich ununterbrochen. Ich schreibe, halte Vorträge und habe einen Ehrentitel des University College London und der School of Oriental and African Studies. Es gibt immer jemanden, der einen Auftrag für mich hat. Und ich sage meistens Ja; das ist meine Art, am Leben teilzuhaben.


„ICH LERNE EINE GANZE GENERATION JUNGER MENSCHEN KENNEN, DIE EXPERIMENTIERFREUDIG IST UND AUFREGENDE DINGE TUT. DAS LÄSST MICH MEIN ALTER VERGESSEN.“


84 erschien mir früher als ein hohes Alter, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich verändert habe – jedenfalls innerlich. Obwohl mir inzwischen vieles schwererfällt. Gelegenheiten zum Reisen gibt es noch immer mehr als genug. Vor ein paar Jahren wurde ich dazu eingeladen, in Ägypten ein Seminar zu geben und über die Geschichte unserer Küche zu sprechen. Seltsam, da ich Ägypten doch schon früh verlassen hatte. Ich recherchierte im Vorfeld eine Menge und erfuhr zum Beispiel, dass bereits in den Mägen von Mumien Reste von Zutaten des spinatartigen Gerichts Muluchiya gefunden wurden. Im Gegensatz zu meinen Brüdern durfte ich nicht studieren, aber durch meine Arbeit habe ich dennoch die Möglichkeit, zu lernen und zu forschen.

Essen ist mit Erinnerungen verknüpft und Ausdruck unserer Kultur. Das ist mir heute klarer als je zuvor. Während des libanesischen Bürgerkriegs mussten viele Menschen das Land verlassen. Daraufhin wurden in England plötzlich überall libanesische Restaurants eröffnet. Heute folgen manche Syrer diesem Beispiel. Es ist ein guter Weg, um sich zu integrieren; man kocht und gibt anderen die Möglichkeit, die Aromen seines Heimatlandes zu kosten. Ich finde das wichtig. Menschen, die miteinander gegessen haben, pflegen meist gute Beziehungen zueinander.

Heutzutage kehren viele Köchinnen und Köche zu ihren kulinarischen Wurzeln zurück. Die jungen Leute geben den alten Rezepten einen neuen Dreh. Sie sind experimentierfreudig und ich lerne von ihnen, zum Beispiel von Yotam Ottolenghi. Auf ihn kam ich durch meinen Enkel, der mir erzählte, er habe in einem Restaurant die gleichen Gerichte probiert wie bei mir – er war bei Yotam gewesen. Als ich ein Wohltätigkeitsdinner organisierte, bat ich Yotam, beim Catering zu helfen. Seine Angestellten waren überzeugt, dass er absagen würde, doch er antwortete: „Natürlich komme ich!” Bei unserem ersten Treffen erzählte er mir, er würde oft in meinen Büchern lesen. Ich war gerührt und freue mich sehr darüber, dass er den Gerichten meiner Heimat einen neuen Pfiff verliehen hat.

Wenn ich neue Rezepte ausprobiere, lade ich Familie und Freunde ein. Meine Tochter ist vor einiger Zeit aus New York zurückgekehrt und wohnte mit meiner Enkelin vorübergehend bei mir. Auch meine anderen Kinder und Enkel sehe ich regelmäßig. Weil ich keinen Partner habe, verteile ich meine Liebe auf sie. Es hat zwar Männer gegeben, aber sie passten nie in mein Leben – die Kinder waren mein Drehund Angelpunkt. Deshalb sind Freunde besonders wichtig für mich; es ist schön, gemeinsam eine Mahlzeit zu genießen. Es braucht nicht kompliziert zu sein, wie man es heute in Kochsendungen oft sieht. Hauptsache man gibt sich füreinander Mühe. Es ist eine Art, Liebe zu schenken.

Ich werde zu vielen Anlässen eingeladen, und solange mein Körper mitmacht, gehe ich überall hin. Dadurch lerne ich eine ganze Generation kennen, die aufregende Dinge tut. Das lässt mich mein Alter vergessen. Demnächst halte ich zum Beispiel in Istanbul bei einem Forum für Köchinnen einen Vortrag zum Thema Zukunft. Auf die Anfrage erwiderte ich, dass ich nicht die Zukunft verkörpere, doch die Organisatorin sagte: „Aber Sie müssen uns erzählen, wie wir die Vergangenheit lebendig halten können!” Ist das nicht spannend?


TEXT EVELINE STOEL FOTOS PICTURE PRESS/CAMERA PRESS/NANCY HONEY, STOCKSY, PRIVAT ILLUSTRATION SHUTTERSTOCK