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LEBENSRAUM: WENN ES NACHT WIRD IN MUMBAI


Terra Mater - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 07.06.2018

Wildschweine und Wölfe, Füchse und Bären, Elche und Kojoten: Immer forscher erobern Wildtiere weltweit unsere Städte. Die Bewohner der indischen Metropole Mumbai haben spezielle Nachbarn: Leoparden. Bietet die Stadt genug Lebensraum für beide?


Artikelbild für den Artikel "LEBENSRAUM: WENN ES NACHT WIRD IN MUMBAI" aus der Ausgabe 4/2018 von Terra Mater. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Terra Mater, Ausgabe 4/2018

Geteiltes Revier.
Der Nationalpark Sanjay Gandhi in Mumbai gehört tagsüber den Wanderern. In der Nacht jagen dort die Leoparden: Hier einer, der dem Fotografen in die Fotofalle gegangen ist.


Angriffe von Leoparden auf Menschen kommen in Mumbai durch die Nähe zueinander regelmäßig vor. Die Raubkatzen sind jedoch keine mörderischen Bestien: Haben Mensch und Tier ...

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... genügend Raum und Zeit, können sie sich konfliktfrei aus dem Weg gehen.


ES WAR DIE NACHT, DIE SANJANA THORAT FORDERTE. In der Dunkelheit, am Rande des Reviers, war sie nicht das kleine sechsjährige Mädchen mit dem hellen Lachen und dem schwarzen Haar. Sanjana war Beute. Denn die Nacht ist in Mumbai die Zeit des Leoparden.

Noch immer, sechs Jahre später, bricht Sanjanas Mutter mitten im Satz ab, wenn sie von dieser Nacht erzählt. Endlose Sekunden blickt sie auf die zerkratzte eierschalenfarbene Wellblechwand ihrer Hütte, die nicht mehr ist als ein stickiger Raum, in dem sie mit ihrem Mann und nunmehr noch zwei Kindern lebt. Sageeta Thorat starrt auf die Wand, als stünden dort die Antworten. Doch sie sieht nur alte Kinderzeichnungen und ein Foto ihrer toten Tochter, das dort langsam im goldenen Rahmen vergilbt.

„Wir wussten, dass ein Leopard durch unsere Siedlung streift“, sagt sie schließlich – diese Raubkatzen gab es hier immer direkt an der Grenze zum Sanjay Gandhi National Park –, „aber es ist vorher nie etwas passiert.“ Daher begleitete Sageeta Thorat ihre Tochter zwar hinaus vor die Hütte, als Sanjana am späten Abend noch auf die Toilette musste. Aber sie blieb nicht neben ihr, als Sanjana im kniehohen Gras verschwand.

„Er kam aus dem Park, aber nichts hat ihn verraten. Kein Laut, kein Fauchen, kein Geruch“, erinnert sich Sageeta Thorat. Ein blitzschneller Angriff, ein Aufschrei, und die Mutter sah nur noch, wie das Tier ihre Tochter am Genick hinter den Bäumen in die Finsternis zerrte.

Erst am nächsten Morgen fanden Nachbarjungen, was von Sanjana geblieben war. Die Reste ihres Körpers lagen 400 Meter tief im dichten Grün des Nationalparks, der Heimat von über vierzig wild lebenden Leoparden.

NIRGENDWO AUF DER WELT leben Leoparden so nah mit Abertausenden von Menschen zusammen wie in Mumbai. Megacity, Hafen, Finanzzentrum: Die Stadt drängt sich auf einer Halbinsel zusammen, Hoffnung und Fluch zugleich für ihre 22 Millionen Bewohner. Direkt an die Wohntürme der Millionäre schwappen ozeangleich die Slums der Ärmsten, bloß einen Steinwurf entfernt. Die Luft ist schwarz und schwer von Abgasen, trotzdem sind in der nach der Hauptstadt Delhi am dichtesten besiedelten Metropole des Subkontinents die Immobilienpreise höher als in Paris.

Unter Beobachtung. Nikit, ein Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung, kontrolliert einen Weg. Neuralgische Punkte wie dieser werden mit Fotofallen überwacht.


In Mumbai leben etwa 36.000 Menschen pro Quadratkilometer; nur nicht im Sanjay Gandhi National Park, kurz SGNP. Wie eine gewaltige Träne tropft das Naturschutzgebiet von Norden bis in die Mitte der Stadt, eine grüne Schneise von 104 Quadratkilometern in Beton und Asphalt. Die Nordseeinsel Sylt fände hier Platz oder sogar dreißigmal der New Yorker Central Park. Seit seiner Ernennung zum Nationalpark im Jahr 1942 verteidigt sich der SGNP erfolgreich gegen Angriffe von Stadtplanern, Immobilienmaklern oder Bauunternehmern. Zwei Millionen Besucher zieht er jährlich an, schon allein wegen seiner 2.400 Jahre alten Kanheri-Höhlen. Niemand darf den Park verändern; deshalb ist er auch kein adretter Stadtpark, sondern pure Wildnis. Hier leben Affen, Rehe, Mangusten, Rohrschweine – und eben Leoparden.

Der Übergang zwischen Park und Stadt ist abrupt wie Tag und Nacht, es gibt keine Pufferzonen, keine unbebauten Flächen. Es gibt bloß einige löchrige Mauern und zerzauste Maschendrahtzäune, doch die Leoparden überwinden diese Hürden mit einem Sprung. Ungehindert patrouillieren die Tiere täglich durch die Siedlungen am Rande des Nationalparks. Sie streifen durch die engen Gassen der Slums und über die Parkplätze der Wohnhäuser, sie erobern sogar die Lobbys der steil aufragenden Appartementtürme, immer auf der Suche nach Beute.

In den Wohnsiedlungen finden Großkatzen stets Nahrung. Statt mühsam Wildschweine oder Rehe im Park zu schlagen, holen sie sich hier Hunde, Katzen, Hühner und Ratten. Immer wieder kommt es auch zu Angriffen auf Menschen. Mehr als zehn Tote gab es in den vorigen acht Jahren, zwischen 2002 und 2004 waren es sogar über zwanzig, und die aktuellsten Attacken nach Jahren relativer Ruhe geschahen im vergangenen Januar. Bilanz: ein Toter, sechs Verletzte.

MUMBAI, INDIEN

Die Metropole (bis 1996 Bombay, vom portugiesischenBom Bahia = gute Bucht) liegt auf der Insel Salsette vor der Westküste des Bundesstaats Maharashtra. Erhobene Bevölkerungszahlen sind hier relativ: Indiens größte Stadt ist eines der schnellstwachsenden Siedlungsgebiete weltweit.

Ist der Leopard also ein mörderischer Menschenfresser? Dr. Sunetro Ghosal schüttelt den Kopf. „Die Tiere können zwar gefährlich werden“, sagt der vierzigjährige Biologe. „Aber ihnen zu begegnen ist noch kein Grund zur Panik.“

Die Stadt in Griffweite
Der Blick von den Yogi Hills auf den Sanjay Gandhi National Park und den angrenzenden Stadtteil Mulund zeigt, wie nah Mumbai und das Naturschutzgebiet beieinanderliegen.

Bitte um Vorsicht
Das Schild mahnt Verkehrsteilnehmer zu Vorsicht und Rücksicht auf die hier frei lebenden Raubkatzen.

Leoparden sind überall
Auch beim Cricket-Match schaut die Raubkatze den Menschen über die Schulter. Doch man hat sich aneinander gewöhnt.

Am Tag in Rahul Nagar
Dort, wo tagsüber die Bewohner der Slumsiedlung ihren Geschäften nachgehen, patrouillieren in der Nacht die Leoparden.

Gefährlicher Schulweg
Die Schule in Borivali East befindet sich am Rand des Nationalparks. Auch wenn Leoparden des Nachts jagen, marschieren die Schulkinder sicherheitshalber in Gruppen nach Hause.

GHOSAL – KURZ GESCHORENES HAAR,
ruhige Stimme, klarer Blick – hält mehrere Monate im Jahr Vorlesungen und Seminare am St. Xavier’s College in Mumbai: zu Themen wie Biodiversität oder Auswirkungen des Klimawandels auf Nomadenstämme in Nordindien. Die andere Zeit des Jahres durchstreift er die schneebedeckten Täler des Himalaya oder in sengender Hitze den Sanjay Gandhi National Park in Mumbai. Sein Ziel: Forschungen zum Thema Konflikt und Koexistenz zwischen Menschen und Huftieren, Wölfen – und Leoparden.

In Mumbai gründete Ghosal zusammen mit der indischen Leopardenforscherin Vidya Athreya ein Netzwerk aus Wissenschaftlern, Mitarbeitern des Nationalparks und Freiwilligen. Im Team wollen sie erforschen, wiePanthera pardus lebt, vor allem aber, wie Wildtiere und Menschen zusammenleben können. Was löst Angriffe von Leoparden auf Menschen aus? Was kann sie verhindern? Ist friedliche Koexistenz denkbar? „Wir wollten das Projekt nicht auf die Wissenschaft beschränken, sondern möglichst viele einschließen“, sagt Ghosal. „Eben Menschen aus Mumbai, die sich für ihren Park einsetzen, deshalb unser Name Mumbaikars for SGNP.“ Ghosal und Athreya bringen die Expertise ein, die Parkangestellten und die Mumbaikars persönliche Erfahrungen. Denn für sie sind Leoparden vor allem: Alltag.

Noch sind Halsbänder mit GPS-Sender im Nationalpark nur vage Idee, verhindert durch endlose Budgetverhandlungen sowie BüroM kratie. Aber auch deshalb, sagt Ghosal, weil man nicht wisse, wie die Tiere auf die Plastikbänder reagieren. Daher suchen er und die Mumbaikars aktuell noch analog nach Antworten. Zum Beispiel in Kotspuren: Sie geben Auskunft über das Beuteverhalten der Katzen. Oder in Erdkuhlen, Höhlen sowie dichtem Gebüsch: In diesen unzugänglichen Verstecken schlafen die Großkatzen und werfen ihre Jungen. Ghosal ortet ebenso jene Felsen und Bäume, von denen aus die Leoparden ihr Revier überblicken können und ihre Beute angreifen. Es sind ideale Stellen für Kamerafallen, um die Verbreitung der Tiere im Nationalpark zu ermitteln. Insgesamt 41 Tiere haben Ghosal und sein Team zählen können, Jungtiere nicht eingerechnet.

Bei Nacht.
Auf ihren Streifzügen an der Grenzmauer, die in Wahrheit gar keine ist, dringen Leoparden oft auch in die Lobbys der Appartementhäuser ein. Meist lassen sie sich verscheuchen – wenn nicht, kommt das Rettungsteam samt Tierarzt.


Bei Tag. Die Bewohner einer modernen Wohnanlage beim Spaziergang. Vor der Mauer, auf der sie gehen, beginnt der Nationalpark.


GHOSAL GEHT NOCH WEITER in die Tiefe. Interviews und Fragebögen sollen letztlich ermitteln, weshalb eine Begegnung zwischen Leopard und Mensch eskalieren kann, es aber oft erst gar nicht dazu kommt. Ghosal trifft sich mit Bewohnern der Dahisar Colony, eines Wohnviertels der gehobenen Mittelklasse, direkt am Park gelegen. Hier schoben Leoparden wie aus dem Nichts ihre Köpfe durch offen stehende Küchentüren, bis einfaches Händeklatschen sie vertrieb. Andere lagen morgens auf den Gartenmauern zwischen den Häusern, um später lautlos wieder im Wald zu verschwinden. Warum griffen die Leoparden hier niemals an?

Ghosal fährt auch nach Aarey, in den Norden der Stadt, direkt am Nationalpark. Hier geschahen die letzten tödlichen Attacken von Leoparden auf Menschen in Mumbai. Im April griff ein Leopard vier Menschen an und tötete einen zweijährigen Jungen. Warum tat er das?

Die wichtigsten Antworten finden Ghosal und die Mumbaikars im Park selbst, bei Menschen wie Shivaram Rama Kelekar. Kelekar ist ein Adivasi, einer von knapp 1.800 Ureinwohnern, die in kleinen Siedlungen als Einzige im Park leben dürfen. Sie wohnten bereits hier, als Mumbai nur wenige tausend Einwohner hatte und kaum mehr war als ein Wald samt einerBom Bahia für die portugiesischen Besatzer.

Kelekar spricht leise, fast schüchtern, macht lange Pausen: „Für uns gehören Leoparden zur Landschaft.“ Und zum Dorf: Lehmhütten und Wellblechbaracken, errichtet auf getrocknetem Kuhdung, Dächer abgedeckt mit alten Ziegeln und blauen Plastikplanen. Die sollen den Monsun abhalten, doch jetzt am Ende der Trockenzeit machen sie die Hütten kochend heiß.

Tumni Pada heißt Kelekars Dorf. Er verlässt es nur, wenn er zur Arbeit muss, als Wächter an den Toren des Parks. Viel weiter sind er, seine Familie, ja alle Dorfbewohner noch nie gekommen. Der Park ist ihre Welt, ihr Horizont. Ein Leben ohne Strom, ohne Wasserleitungen und ohne Toiletten. Die einzigen Zeichen der Moderne sind drei gelbe Solarstraßenlampen, eine Wasser handpumpe auf dem Dorfplatz und Kelekars blauer Motorroller, mit dem er über die wenigen Straßen des Parks fährt. Kelekar schließt die Augen und versucht sich an seinen ersten Leoparden zu erinnern. Vergebens: „Sie waren einfach immer da.“ Sie lagen sogar faul in den ausladenden Ästen der Flammenbäume am Fluss, in dem sie als Kinder badeten. Schon damals hatte Kelekar keine Angst vor den Wildkatzen, aber Respekt.

Heute sieht Kelekar die Leoparden seltener, alle drei, vier Tage. Doch er weiß, dass sie immer um ihn herum sind, hört das Brüllen der Männchen, wenn sie ihr Revier behaupten. „Sie kommen erst nach Sonnenuntergang und sind bis zum Morgengrauen unterwegs“, beschreibt Kelekar. „Manchmal bis um fünf, sechs Uhr morgens.“ Bisweilen ziehen sie an seiner Wachschranke vorbei, ab und zu sogar an seiner Hütte, über den aufgewärmten Asphalt der Straße.

WENN IN DER NACHT Hunde anschlagen und der schwere, beißende Raubtiergeruch bis an seine Hängematte in der Hütte zieht, weiß er, dass jetzt die Katzen im Dorf nach dem Rechten sehen. „Sie trinken die Wasserreste an der Pumpe. Ganz selten stoßen sie die Tür zum Hühnerstall auf oder reißen einen Hund“, sagt Kelekar. „Doch sobald wir einmal mit der Hand gegen die Wand unserer Hütten schlagen, verschwinden sie sofort.“ Es wirkt, als spreche Kelekar über ein ungezogenes Haustier, keine Raubkatze.

Dennoch verschwinden die Adivasi nach Einbruch der Dunkelheit schnell in ihren Hütten. Nur kein Risiko eingehen. Vor allem die Kinder müssen geschützt werden: Erwachsene sind für Leoparden als Opfer zu groß, Kinder nicht.

Was würde Kelekar tun, stünde er einmal einem Leoparden gegenüber? Der Parkwächter überlegt: „Die Tiere sind scheu. Hier im Wald sehen sie einen Menschen schon von weitem und ziehen sich zurück. Sie haben Platz und Zeit, uns Menschen aus dem Weg zu gehen.“

Wenn es aber anders kommt? „Stehen bleiben, den Leoparden weiterziehen lassen, keinesfalls Steine werfen oder schnelle Bewegungen in Richtung der Katze machen“, Kelekar klingt ruhig: „ Uns Menschen mögen die Dörfer gehören, aber der Leopard ist der König des Waldes. Er beschützt uns, und wir verehren ihn als Gottheit. Wenn etwas passiert, ist nicht der Leopard schuld, dann haben wir etwas falsch gemacht.“

Die Ratschläge der Adivasi wirken simpel. Für Ghosal und die Mumbaikars sind sie dennoch Basis ihrer Infokampagnen. „Die Adivasi kennen die Natur der Tiere, sie sind traditionell Teil ihrer Kultur“, sagt Ghosal. Er kennt auch Blutopfer – Zeremonien, in denen nach dem Riss eine Hundes durch einen Leoparden an den Tempeln Hähne oder Ziegenböcke geopfert werden, um die Leoparden zu besänftigen.

Wichtig ist für Sunetro Ghosal die Botschaft dieses Rituals: „Wir sollten den Leoparden gegenüber Respekt zeigen und die Tiere nicht reizen. Ein nachsichtiger Umgang, so wie ihn die Adivasi praktizieren, beeinflusst ihr Verhalten. Und die Adivasi verhalten sich auch selbstsicherer, weil sie meinen, dass Blutopfer die Leoparden gnädig stimmen.“ Respekt als Schlüssel zur Koexistenz? Ghosal nickt: „Würde das nicht funktionieren, hätten die Adivasi den Leoparden im Park längst ausgerottet. Aber beide Seiten leben hier seit schon Generationen zusammen – ohne allzu häufige Konflikte.“

MEISTER DER MUSTER

Das Fell des Leoparden ist fein abgestimmt auf seine Umgebung.

Wasserpumpe in Tumni Pada. Nur wenige Kilometer entfernt von Mumbais City leben Adivasi, Angehörige von Indiens indigener Bevölkerung, in einfachsten Verhältnissen.


Die Stadt der Raubkatzen. Auch wenn die Leoparden nachts forsch durch die Gassen der Siedlungen ziehen – sie bleiben Wildtiere und sind grundsätzlich menschenscheu.


Das Opfer Sanjana war erst sechs Jahre alt. Attacken von Leoparden sind selten, weil die Menschen achtsam sind. Bei Sanjana half die sonst übliche Vorsicht ihrer Mutter jedoch nicht.


Schön und gefährlich. Allein ihre Größe macht Begegnungen riskant: Leopardenmännchen werden (inklusive Schwanz) bis zu zweieinhalb Meter groß und wiegen bis zu 80 Kilogramm.


FOTOS: FLORIAN LANG BY AGENTUR FOCUS, GETTY IMAGES, STE VE WINTER/NATIONAL GEOGRAPHIC CREATIV

Tempel der Waghoba Devi. Die Gottheit tritt in Gestalt einer Wildkatze auf. Für die Adivasi sind Leoparden göttliche Wesen. Hier auf der Tempelmauer ist die Koexistenz der Tiere mit dem Menschen dargestellt.


Mit dieser Botschaft gehen Ghosal und die Mumbaikars in ihre Aufklärungskampagne: Ja, eine Begegnung zwischen Mensch und Leopard kann eskalieren – am Ende bestimmt allerdings das Verhalten des Menschen, wie viel passiert. Der Biologe zieht einen Vergleich mit dem Automobil: Es ist potenziell gefährlich, weil Menschen bei Unfällen sterben, „aber deshalb verbieten wir es nicht – sondern lernen, mit ihm umzugehen.“

Langsam trägt die Arbeit von Ghosal und den Mumbaikars Früchte. Nicht jede Sichtung eines Leoparden wird, wie zuvor üblich, von den Behörden als Konflikt eingestuft. Es gibt nun eine Notrufnummer, die dasLeopard Rescue Team des Nationalparks samt Veterinär alarmiert, um verirrte Leoparden zu betäuben und aus Wohnsiedlungen abzutransportieren. Besser, als die verängstigten Katzen zu Tode zu steinigen oder in Käfige gesperrt lebendig zu verbrennen, wie es in abgelegenen Dörfern Indiens noch üblich ist.

WO MENSCH & TIER SICH NAHE KOMMEN

In Mumbai sind es Leoparden , anderswo gibt es andere Kulturfolger. In den USA durchwühlen Bären (in Alaska) und Kojoten die Abfälle der Stadtbewohner; in Mitteleuropa halten Wildschweine, Füchse, Biber und Raubvögel Einzug; in Ost-und Nordeuropa rücken Wölfe und Elche an die Zivilisation heran.

Am schwierigsten ist das neue Zusammenleben in Kapstadt: Dort terrorisieren Pavianhorden die Bevölkerung, mit zum Teil subtilen Methoden.

IN MUMBAI ist der Leopard Teil der Stadt, auch wenn die meisten Bewohner niemals einen zu Gesicht bekommen. Zu versuchen sie zu vertreiben wäre sinnlos: Die Bedingungen im Park sind zu verlockend. Schnell, so Ghosal, würden neue Tiere aus den Zuckerrohrfeldern nördlich der Stadt wieder in den Nationalpark einwandern. Bis zu 30 Kilometer pro Tag legen die Großkatzen zurück, und weil sie aus dem Stand bis zu vier Meter hoch springen, fällt Ghosal wenig ein, was sie auf ihrem Weg aufhalten könnte. Auch die Idee, Leoparden in Käfigen zu fangen und anderswo im Park wieder anzusiedeln, sei ein Irrtum gewesen, sagt Ghosal. „Man dachte, dass ein Leopard zum Überleben nur ein Stück Wald braucht, das groß genug ist. Doch tatsächlich haben die Tiere einen Sinn für Heimat.“

Nach ihrer Umsiedlung waren viele der Tiereverwirrt, traumatisiert, aggressiv. Sie hatten durch die Gefangennahme ihre natürliche Scheu vor den Menschen verloren – und griffen an.

„Jedes Mal, wenn die Zahl der Angriffe von Leoparden auf Menschen nach oben schnellten, waren wenige Wochen zuvor Tiere in Käfigen umgesiedelt worden“, sagt Ghosal. Dank seiner Überzeugungsarbeit wird diese Methode jetzt nur noch in Notfällen angewendet, wie etwa in der Aarey Milk Colony: Dort zerschneidet der Bau einer neuen Metrolinie das Revier der Leoparden und treibt die Tiere in die Nähe von Menschen.

DAS RAUBTIER, das in Rahul Nagar vor sechs Jahren Sanjana tötete, wurde nie erlegt. Die Dorfbewohner forderten auch keinen Abschuss, keine Umsiedlung. Und obwohl seit drei Wochen wieder ein Leopard in der Nacht durch die engen Gassen streift, verfällt niemand in Panik.

Immer wieder ist in der Slumsiedlung in der Nacht ein kurzes Aufjaulen zu hören. Wer schnell genug seine Taschenlampe zur Hand hat, sieht einen Hund im Maul eines Leoparden – oder bloß eine glänzende Blutspur, die durch das Häusergewimmel führt, hinauf Richtung Wald.

Am nächsten Morgen vermisst jemand sein Haustier, doch mit diesem Opfer können die Tagelöhner, Hausmädchen und Hafenarbeiter leben, die hier ihre Hütten bewohnen. Der Leopard hat immer recht.

„Was passiert, das passiert“, sagt auch Sanjanas Mutter. Und schaut auf das vergilbte Bild ihrer Tochter an der Wand.


FOTO: STEVE WINTER/NATIONAL GEOGRAPHIC CREATIV

FOTO: FLORIAN LANG BY AGENTUR FOCUS

FOTOS: FLORIAN LANG BY AGENTUR FOCUS; KARTE: ISABEL NEUDHARDT-HAITZINGER

FOTOS: ST EVE WINTER/NATIONAL GEOGRAPHIC CREATIV, FLORIAN LANG BY AGEN TUR FOCUS

ILLUSTRATIONEN: ANDREASLEITNER.COM; QUELLEN: ANDREW P. JACOBSON, INSTITUTE OF ZOOLOGY, ZOOLOGICAL SOCIETY OF LONDON; IUCN CAT SPECIALIST GROUP: A REVISED TAXONOMY OF THE FELIDAE (2017)

FOTO: FLORIAN LANG BY AGENTUR FOCUS