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Lebenswelten junger Menschen


journal für schulentwicklung - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 15.03.2019

Informationen zu Erwartungen und Haltungen junger Menschen im Hinblick auf verschiedene Lebensbereiche und Themenfelder sind für die Schulentwicklung wichtig, damit diese Informationen zur Gestaltung des Lebensraumes Schule miteinbezogen werden können. Dieser Beitrag fasst die zentralen Ergebnisse einer Jugendstudie zu Lebenswelten bzw. Werthaltungen junger Menschen zusammen, die auf den Ergebnissen einer standardisierten Befragung von über 2000 Vorarlberger Jugendlichen basiert.


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Bildquelle: journal für schulentwicklung, Ausgabe 1/2019

Gabriele Böheim-Galehr, ...

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Gabriele Böheim-Galehr,Dr. phil, Vizerektorin für Bildungsforschung und Entwicklung an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg. Forschungsschwerpunkte: Werthaltungen, Chancengerechtigkeit in der Bildung, Schulevaluation.


Helga Kohler-Spiegel, Mag. Dr., Hochschulprofessorin im Fachbereich Bildungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg. Forschungsschwerpunkte: Entwicklungspsychologie, Trauma und Resilienz, ethische und interkulturelle Bildung sowie Persönlichkeitsbildung.


Werthaltungen und Verhaltensbereitschaften Jugendlicher

In der Studie Lebenswelten geben über 2000 Vorarlberger SchülerInnen im Alter von 14 bis 16 Jahren aus allen Schultypen Auskunft über die Art und Weise, wie sie leben, über das, was ihnen wichtig ist, was sie bewegt, über ihre Ziele, ihre Hoffnungen und ihre Ängste. Die Studie fragt in soziologischem Sinn nach Werthaltungen und Verhaltensbereitschaften zu zentralen gesellschaftlichen Themenbereichen und Handlungsfeldern (Böheim-Galehr & Kohler-Spiegel, 2017).

Jugendliche entwickeln Haltungen in verschiedenen sozialen Kontexten. Die Familie, Freunde und Peers, aber auch die Schule, Religionsgemeinschaften, Vereine und Medien spielen eine entscheidende Rolle in der Herausbildung und Festigung von Werthaltungen. Für die Lebenswelten wurde aus der „Lebensphase Jugend“ (Hurrelmann & Quenzel, 2016) bewusst die enge Zeitspanne vom 14. bis zum 16. Lebensjahr gewählt: In diesem Alter entscheiden die jungen Menschen über ihren weiteren Ausbildungsweg und künftigen Beruf bzw. die Entscheidung ist vor Kurzem gefallen. Es ist das Alter, in dem Jugendliche ihre Ziele konkretisieren, Erfahrungen in der Abgrenzung von ihren Eltern machen, sich in Partnerschaften versuchen und gesellschaftliche und politische Positionen einnehmen. Diese jungen Menschen werden in nur wenigen Jahren Verantwortung in Wirtschaft und Gesellschaft übernehmen. Dabei werden sie ihre beruflichen Aufgaben und privaten Beziehungen nach ihren Wertorientierungen gestalten.

Methode und Stichprobe der Untersuchung

Die Untersuchung zu Lebenswelten junger Menschen in Vorarlberg basiert auf einer Paper-Pencil-Befragung in Klassenverbänden. Die Nettostichprobe umfasste 2079 ausgefüllte Fragebögen von Schülerinnen und Schülern aus 100 Klassen aller Schultypen (= ein Rücklauf von 91 %). In das Befragungsinstrument wurden Fragebatterien und Skalen aus mehreren Jugendstudien aufgenommen (Albert, Hurrelmann, Quenzel & TNS Infratest Sozialforschung, 2015; Böheim-Galehr & Kohler-Spiegel, 2011; Kidscreen, 2004; Steinmayr & Spinath, 2010; Familienwohlstandsskala aus der HBSC-Studie der WHO, Bundesministerium für Gesundheit, 2015). Die Untersuchung wurde von der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg im Auftrag des Landes Vorarlberg durchgeführt. Die Datenerhebung fand im Frühjahr 2016 statt.

Zukunftserwartungen und Werthaltungen junger Menschen

Insgesamt haben die Jugendlichen in Vorarlberg einen recht positiven Blick auf die Zukunft. Mindestens jede/r Zweite (54 %) stimmt der Aussage „Ich sehe meine Zukunft positiv“ völlig zu. Jugendliche aus besseren sozioökonomischen Verhältnissen sehen die Zukunft etwas positiver. Die Sorgen der Jugendlichen sind breit gefächert. Mädchen fürchten sich vor allem vor Krieg und Terroranschlägen, vor einer schweren Krankheit und einer steigenden Umweltverschmutzung. Letztgenannte Sorge ist hingegen bei den Buben auf Rang eins, gefolgt von der schweren Krankheit und einem Krieg in Europa.


» Zukunftserwartungen und Ängste: Insgesamt zuversichtlich. «


In Anlehnung an die in den 1970er-Jahren von Klages entwickelten Wertedimensionen (Gensicke, 2000) wurden für die Studie Lebenswelten 21 Aussagen formuliert, die von den Jugendlichen nach ihrer Wichtigkeit für ihr Leben bewertet wurden. Das Ergebnis: Zentrale Werte für Jugendliche sind eine gute Beziehung zu Menschen, die ihnen wichtig sind, eine gute Ausbildung und das Leben genießen. Mädchen haben häufiger soziale Werte als Lebensziele, etwa sich für Freunde zu engagieren oder tolerant zu sein. Buben hingegen streben vergleichsweise häufiger materielle Werte an, wie z.B. einen hohen Lebensstandard oder Macht und Einfluss zu haben. Hedonistische Werthaltungen sind für Mädchen etwas wichtiger, beispielsweise das Leben in vollen Zügen zu genießen.


» Vier Wertetypen: Idealisten, Materialisten, Erfolgsorientierte und Zögerliche «


Die Jugendlichen in Vorarlberg lassen sich – ähnlich den Ergebnissen der jüngsten Shell-Jugendstudie in Deutschland (Gensicke, 2015) – vier Wertetypen zuordnen: Idealisten, Materialisten, Erfolgsorientierte und Zögerliche (Grafik 1). Die Idealisten sind eher weiblich, stammen häufig aus besseren ökonomischen Verhältnissen und ihre Familien kommen eher aus Österreich, Deutschland, Schweiz oder Liechtenstein. Sie besuchen vergleichsweise oft eine maturaführende Schule. Diese Jugendlichen vertreten eine soziale und tolerante Einstellung, dabei sorgen sie sich vor allem um Folgen von Umweltverschmutzung und Klimawandel. Traditionelle Haltungen zur Stellung von Mann und Frau sehen sie eher als Auslaufmodell, sie streben eine egalitäre Aufgabenverteilung an. Bildung ist für die Idealisten zentral, wobei sie besonders Wert auf einen höheren Schul- bzw. Universitätsabschluss legen.

Materialisten sind häufig männlich, sie sind in allen ökonomischen Schichten vertreten und ihre Familien stammen etwas seltener aus der Türkei. Meist besuchen sie keine maturaführenden Schulen. Rund die Hälfte von ihnen sieht die Zukunft positiv. Zentral ist für diese Jugendlichen vor allem ein hohes Einkommen. Ein Wert, den sie auch an ihre Kinder weitergeben möchten. Eine traditionelle Rollenverteilung bei Mann und Frau hat für diese Gruppe durchaus noch Relevanz. Gegenüber Menschen aus anderen Kulturen zeigen sie sich vergleichsweise wenig aufgeschlossen.

Erfolgsorientierte sind etwa gleich häufig unter Mädchen und Buben zu finden, wobei deren familiäre Herkunft häufig in der Türkei oder im ehemaligen Jugoslawien liegt. In höheren Schulen sind sie etwas seltener vertreten. Dabei sind die Erfolgsorientierten besonders optimistisch hinsichtlich ihrer Zukunft. Gesundheitlich fühlen sie sich insgesamt sehr wohl. Dass vor allem der Erfolg für diese Jugendlichen zählt, zeigt sich etwa darin, dass ihnen in ihrem Beruf Aufstiegsmöglichkeiten besonders wichtig sind. Desgleichen nimmt Bildung einen zentralen Stellenwert für diese erfolgsorientierten Jugendlichen ein, so meinen 71 %, dass die Schule für ihre Zukunft nützlich ist. Wie die Materialisten haben sie eine vergleichsweise traditionelle Rollenwahrnehmung von Mann und Frau.

Sind den Erfolgsorientierten nahezu alle Werte wichtig, ist das bei den Zögerlichen gerade umgekehrt. Hinzu kommt, dass sie eher über niedrige sozioökonomische Ressourcen verfügen. Der Zukunftsoptimismus ist daher unter den Zögerlichen eher verhalten, auch hinsichtlich des Wohlbefindens weisen die Zögerlichen niedrige Werte auf. Dabei glauben Zögerliche an kaum etwas, weder Bildung noch Gott scheinen ihnen Antrieb zu geben.

Religiöse Einstellungen: Religion gehört dazu – zum Teil

Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind bei einzelnen Aussagen zu Religion und Religiosität zwar sichtbar, jedoch selten statistisch relevant. Evident hingegen sind die Unterschiede zwischen den Religionen sowohl bei den Jugendlichen als auch bei ihren Eltern. Diese Unterschiede bestätigen sich auch in den Ergebnissen anderer Studien (z.B. Pollak & Müller, 2013).

Für Jugendliche mit Zugehörigkeit zu einer der christlichen Kirchen haben Religion und Glaube deutlich geringere Bedeutung als für Jugendliche mit Zugehörigkeit zu den islamischen Gemeinschaften. Interessant ist, dass diese Unterschiede nicht nur bei den Jugendlichen selbst gelten, sondern auch für die Bedeutung von Religion und Glaube in ihren Familien: Während christliche Jugendliche zu 12 % bei den Mädchen und 11 % bei den Buben sagen, dass in ihrer Familie Religion sehr wichtig sei, sagen dies 62 % der muslimischen Mädchen und 68 % der muslimischen Buben.

Haltungen zu Familie, Erziehung und Partnerschaft

Es ist eindrücklich, wie positiv viele Jugendliche die Beziehung zu ihren Eltern beschreiben und wie wichtig Eltern für die 14- bis 16-Jährigen sind. Jugendlichen mit Familien aus der Türkei sind ihre Eltern besonders wichtig. Die Werte, die die Jugendlichen bei ihren Eltern als sehr wichtig erleben, finden die meisten Jugendlichen ebenfalls sehr wichtig, wenn es um die künftige Erziehung ihrer eigenen Kinder geht. Vielfach werden diese Werte sogar noch stärker betont. Sichtbar wird, dass junge Menschen ihren eigenen Kindern soziale und erfolgsorientierte Werte, Selbstständigkeit und Eigenständigkeit, Ehrlichkeit sowie Anstand mitgeben wollen.

Verlässlich und treu sein, gemeinsam Spaß haben und finanziell unabhängig sein, ist fast allen Jugendlichen sehr wichtig, auch wenn es von den Mädchen noch etwas höher bewertet wird. Auch der Wunsch nach Gemeinsamkeit mit dem Partner oder der Partnerin verbindet die Jugendlichen. Konkret: Gemeinsame Interessen zu haben und sich mit den Freunden des anderen gut zu verstehen, wünschen sich junge Menschen sehr.


» Familie und Erziehung: Gute Beziehung zu den Eltern ist ganz wichtig. «


Unterschiede sind vor allem im Blick auf die jeweilige Herkunftskultur der Familie sichtbar und treten im Besonderen bei Mädchen und Buben mit türkischem Hintergrund der Familie hervor, vor allem der Wunsch nach einem Partner oder einer Partnerin aus derselben Kultur und mit hohem sozialem Status sind hier deutlich sichtbar.

Gefragt nach ihren Vorstellungen zur Rollenverteilung von Männern und Frauen in der Gesellschaft und in Partnerschaften, zeigt sich ein heterogenes Bild (Grafik 2). Vor allem bei männlichen Jugendlichen kann eine ausgeprägte Befürwortung zur klassischen innerfamilialen Rollenverteilung beobachtet werden, aber auch bei einem Drittel der jungen Frauen. Bei einigen jungen Männern und der Mehrheit der jungen Frauen finden wir aber auch eine klare Option für eine gleichberechtigte Arbeitsteilung. Wie zu erwarten war, treten junge Frauen damit stärker für ein gleichberechtigtes Verhältnis von Mann und Frau ein als junge Männer. Junge Männer haben demgegenüber ein starkes Interesse, an der vorherrschenden traditionellen Arbeitsteilung festzuhalten. Interessanterweise treten diese Unterschiede bei den Mädchen und Buben mit Migrationshintergrund noch einmal ausgeprägter zutage. Buben mit türkischem Migrationshintergrund sind besonders häufig Befürworter einer traditionellen Rollenverteilung, während Mädchen mit türkischem Migrationshintergrund öfter für ein gleichberechtigtes Verhältnis von Mann und Frau eintreten als Mädchen aus österreichischen Familien.

Lebenswelten in Schule, Freizeit und Beruf

Haltungen zu Bildung und Schule: Hohe Bildungsziele
Jugendliche haben hohe formale Bildungsziele (Grafik 3). Zwei Drittel der Mädchen und mehr als die Hälfte der Buben streben einen Abschluss mit Matura bzw. einen Hochschulabschluss an. Ein Viertel der Buben und jedes sechste Mädchen möchte eine Lehre machen. Bildungserwartungen werden innerhalb der Familie von den Eltern an ihre Kinder weitergegeben: Deutlich mehr Schülerinnen und Schüler aus einem bildungsnahen und/oder sozioökonomisch besser gestellten Elternhaus haben hohe formale Bildungsziele als Jugendliche aus bildungsfernen und ökonomisch schlechter gestellten Familien. Buben sind etwas optimistischer als Mädchen, den angestrebten Schulabschluss zu erreichen und ihre beruflichen Wünsche umzusetzen.


» Hintergrund der Familie beeinflusst die Schullaufbahn und den Schulerfolg des Kindes. «


Wesentlich für das Gelingen einer guten Schullaufbahn sind Unterstützung, Beratung und Begleitung der Familie. Internationale Vergleichsstudien zeigen für Österreich immer wieder, dass der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Hintergrund der Familie und dem Schulerfolg der Kinder besonders ausgeprägt ist (dazu OECD, 2016; ebenso Nusche, Radinger, Busemeyer & Theisens, 2016).

Häufig kommen mehrere Aspekte in einer Familie zusammen: Für Vorarlberg zeigen die Ergebnisse, dass nahezu die Hälfte der Jugendlichen aus sozioökonomisch schwächeren Familien aus bildungsfernen Elternhäusern kommt, in mehr als der Hälfte der Familien mit türkischem Hintergrund haben die Eltern maximal einen Pflichtschulabschluss. Die eigenen schulischen Erfahrungen beeinflussen die Möglichkeiten der Unterstützung der Kinder in ihrer schulischen Laufbahn wesentlich und bestimmen häufig den vom Kind besuchten Schultyp: In der Sekundarstufe I besuchen Jugendliche der Stichprobe aus bildungsfernen Familien (Pflichtschulabschluss) nur zu 5 % eine allgemeinbildende höhere Schule, Kinder aus sehr bildungsnahen Familien (Hochschule) hingegen zu 41 %. In der Sekundarstufe II sind Jugendliche der Stichprobe aus bildungsfernen Familien zu einem Drittel in maturaführenden Schulen, aus bildungsnahen Elternhäusern hingegen zu 78 %.


» Schülerinnen und Schüler gehen überwiegend gerne in die Schule. «


Schule wird von einer Mehrheit der Jugendlichen als nützlich für ihre Zukunft eingeschätzt, schulische Leistungen sind wichtig. Jugendliche aus Familien mit einem Hintergrund aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei schätzen die Bedeutung der Schule für ihr späteres Leben höher ein als Jugendliche mit einem deutschsprachigen Hintergrund. Weniger hoch hingegen ist die Zustimmung zu den in der Schule vermittelten Inhalten. Die Nützlichkeit der Schule für die eigene Zukunft betonen besonders Schülerinnen und Schüler der Mittelschulen und der berufsbildenden Ausbildungswege. Allgemeinbildende höhere Schulen hingegen erhalten von ihren Schülern im Vergleich sowohl bei der Nützlichkeit für die Zukunft wie auch beim Interesse an schulischen Inhalten die niedrigste Zustimmung.

Mehr als die Hälfte der Schüler geht meistens gerne in die Schule. Der Anteil an Schülern mit hoher Schulfreude ist in den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen am höchsten, gefolgt von den allgemeinbildenden höheren Schulen und Mittelschulen. Über 60 % der Mädchen und Buben sind mit ihrer Situation an der Schule gleichermaßen zufrieden. Der Anteil der Zufriedenen ist bei Jugendlichen aus sozioökonomisch starken Familien höher als bei Kindern aus wirtschaftlich schwächeren Familien. Weniger als jede/r Zehnte ist (sehr) unzufrieden. In der Selbsteinschätzung ihrer schulischen Leistungen sieht sich mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler als „sehr gut“ oder „gut,“ ein Drittel stuft sich als „mittelmäßig“ ein und knapp jede/r Zehnte berichtet von größeren Leistungsproblemen.

Ein Fünftel der Buben erlebt den Schulalltag als locker, bei den Mädchen ist es nur jede Zehnte. Für rund die Hälfte der Schüler ist der Schulalltag ganz okay, für ein Viertel etwas belastend. 7 % der Mädchen und 5 % der Buben berichten hingegen von Stress und hoher Belastung. Der sozioökonomische Hintergrund der Familie und die Bildungsnähe beeinflussen das Belastungserleben: Jugendliche aus bildungsfernen und wirtschaftlich schwächeren Familien berichten häufiger von höherem Belastungserleben als ihre Mitschüler aus bildungsnahen und sozioökonomisch starken Elternhäusern. Mit Blick auf die Schultypen steigt in den weiterführenden Schulen der Anteil der deutlich belasteten Schülerinnen und Schüler.

Schulische Belastungen und hohe Erwartungen der Eltern können sich auf das physische und psychische Befinden der Jugendlichen auswirken. Jugendliche, die ihre Zukunftschancen wenig positiv beurteilen, und/oder diejenigen, denen es leistungsmäßig in der Schule nicht so gut geht, fühlen sich häufig auch psychisch nur eingeschränkt wohl und haben auch vermehrt körperliche Beschwerden.

Die Schülerinnen und Schüler berichten zu einem sehr hohen Anteil von einem guten Verhältnis zu ihren Mitschülern. Buben sind im Hinblick auf die Zahl ihrer Freunde und die eigene Beliebtheit selbstbewusster als Mädchen. Hingegen haben mehr Mädchen als Buben den Eindruck, dass sie sich auf ihre Mitschüler verlassen können, wenn es darauf ankommt.


» Lehrpersonen gestalten unterschiedliche Schulkulturen. «


Ein die Schülerinnen und Schüler unterstützendes, anregendes, lernförderliches und ermutigendes Klassenklima gilt als wesentliches Qualitätsmerkmal von Schule.1 In den Ergebnissen der Studie Lebenswelten werden Unterschiede in der Wahrnehmung des Verhaltens von Lehrpersonen durch die Schülerinnen und Schüler im Vergleich der verschiedenen Schultypen deutlich. In der Sekundarstufe I erlebt ein etwas höherer Anteil an Schülerinnen und Schülern der Unterstufen der Gymnasien als der Mittelschulen gerechtigkeitsrelevantes Verhalten im Sinne von gerechter Behandlung und Benotung. Erfolgförderndes Verhalten der Lehrpersonen wird in den Mittelschulen stärker erlebt als in Gymnasien. Das beinhaltet eine gute Vorbereitung auf Prüfungen, verständliche Erklärungen der Lehrpersonen und Hausübungen, die ohne fremde Hilfe zu bewältigen sind. Deutlich werden die Unterschiede in den Schulkulturen der Sekundarstufe I beim Erleben des psychosozialen Engagements der Lehrpersonen. Dies benennt ein Verhalten der Lehrpersonen, das den Kindern und Jugendlichen Mut macht, sie auch ab und zu lobt, aufmerksam beobachtet und unterstützt. Ein solches Verhalten wird von einem deutlich höheren Anteil an Schülerinnen und Schülern der Mittelschulen wahrgenommen als von denen der gymnasialen Unterstufen.2

Gute Lernbedingungen zu Hause unterstützen schulischen Erfolg. Die Bedingungen sind allerdings sehr unterschiedlich: Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien haben deutlich weniger häufig ein eigenes Zimmer, auch weniger häufig einen ruhigen Platz zum Lernen und Bücher, die für Hausaufgaben hilfreich sind.

Von der Familie erhält der Großteil der Mädchen und Buben hohe Unterstützung für einen guten Schulabschluss. Jede/r Zehnte berichtet aber auch, dass es den Eltern egal ist, wie er/sie in der Schule abschneidet. Dabei spielen der sozioökonomische und der Bildungshintergrund des Elternhauses eine deutliche Rolle: Jugendliche aus wirtschaftlich gut situierten, bildungsnahen Familien erfahren von ihrer Familie deutlich stärkere Unterstützung als Mädchen und Buben aus einem bildungsfernen und sozioökonomisch benachteiligten Elternhaus.


» Hilfe bei schulischen Problemen: Eltern, Freunde, Lehrpersonen. «


Wichtigste Ansprechpartner bei schulischen Problemen sind die Eltern, Freundinnen und Freunde bzw. Mitschülerinnen und Mitschüler sowie die Lehrpersonen. Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien mit einem niedrigen Bildungshintergrund oder aus Familien mit einem nicht deutschsprachigen Hintergrund können allerdings deutlich weniger häufig auf familiäre Unterstützung bei schulischen Problemen zählen als Jugendliche aus Familien mit einem anderen Hintergrund.

Die meisten Jugendlichen haben an einem durchschnittlichen Wochentag zwischen zwei und vier Stunden freie Zeit, über die sie selbst verfügen können. Buben nennen mehr Freizeit, Mädchen helfen häufiger im Haushalt mit, vor allem Mädchen mit einem Migrationshintergrund werden mit Hausarbeiten beansprucht. Bei der Frage nach den Freizeitaktivitäten nennen die Jugendlichen am häufigsten die Nutzung des Internets und das Hören von Musik. Buben beschäftigen sich häufiger mit Computerspielen und machen öfter Sport als Mädchen.

Wünsche an den zukünftigen Beruf

Die Frage nach dem zukünftigen Beruf ist bei 14- bis 16-jährigen Jugendlichen sehr präsent bzw. die Entscheidung wurde vor Kurzem mit dem Übergang in eine duale Berufsausbildung oder berufsbildende Schule getroffen. Im Hinblick auf eine zukünftige Berufstätigkeit zeigen die Ergebnisse (Grafik 4), dass für Jugendliche die Sicherheit des Arbeitsplatzes von besonderes hoher Bedeutung ist, gleichzeitig sollen Familie und Kinder nicht zu kurz kommen. An dritter Stelle steht bei den jungen Frauen die Chance, etwas zu tun, das sie sinnvoll finden, bei den jungen Männern der Wunsch, genügend Freizeit neben der Berufstätigkeit zu haben. Etwas zu leisten ist Mädchen wie Buben gleichermaßen wichtig. Ein hohes Einkommen hingegen scheint für die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen in diesem Alter noch keine größere Bedeutung zu haben.

Im Blick auf Schulentwicklung

Das dargestellte Datenmaterial macht Wertehaltungen junger Menschen sichtbar. Für Schulentwicklung stellen sich anhand dieser Daten gewichtige Fragen, insbesondere hinsichtlich Chancengerechtigkeit:
• Wie können Jugendliche und speziell Mädchen mit Migrationshintergrund, die stark in die Familienarbeit eingebunden sind oder bedingt durch ihren sozialen Hintergrund zu wenig Unterstützung erhalten, schulisch genügend gefördert werden?
• Wie erhalten Jugendliche Unterstützung, wenn ihre Eltern kaum Interesse am schulischen Erfolg zeigen?
• Wie kann die Schule hemmende häusliche Lernumgebungen kompensieren?
• Welche Möglichkeiten schaffen Schulen, um Stress und Belastung bei den Jugendlichen frühzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren?
• Wie können Lerninhalte an Alltagsrelevanz gewinnen?

Eine Berücksichtigung der lebensweltlichen Gegebenheiten von Schülerinnen und Schülern sollte – und ist in einigen Ländern bereits (vgl. Schulqualität Allgemein Kriterien in Österreich , u.a. Qualitätsbereich 3) – integrales Qualitätsmerkmal von guten Schulen sein. Vielfach wird dieser Qualitätsbereich jedoch vernachlässigt oder nur peripher bzw. implizit in Schulentwicklungsmaßnahmen mit aufgenommen.

Anmerkungen

1 Z.B. für die Unterrichts- und Schulqualität an österreichischen Schulen Altrichter, Helm & Kanape-Willigshofer, 2016; zum Schul- und Unterrichtsklima an österreichischen Schulen im Nationalen Bildungsbericht, Bruneforth, Lassnig, Vogtenhuber, Schreiber & Breit, 2015.
2 Zu Schulform-Unterschieden im Schul- und Klassenklima siehe auch Eder, 2015.

Literatur

Albert, M., Hurrelmann, K., Quenzel, G. & TNS Infratest Sozialforschung (Hrsg.) (2015). Jugend 2015. Eine pragmatische Generation im Aufbruch. 17. Shell Jugendstudie. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch. Altrichter, H., Helm, C. & Kanape-Willingshofer, A. (2016). Unterrichts- und Schulqualität. SQA Schulqualität Allgemeinbildung. Online verfügbar unter: (30.6.2016). Böheim-Galehr G. & Kohler-Spiegel, H. (Hrsg.) (2017). Lebenswelten – Werthaltungen junger Menschen in Vorarlberg 2016. Unter Mitarbeit von G. Brauchle, K. Meusburger, M. Ott, G. Quenzel & E. Rücker (=FokusBildungSchule Bd. 9) Innsbruck: Studien-Verlag.
Böheim-Galehr, G. & Kohler-Spiegel, H. (2011). Lebenswelten – Werthaltungen junger Menschen in Vorarlberg. Unter Mitarbeit von J. Engleitner, P. Hecht & E. Rücker (=FokusBildungSchule Bd. 1) Innsbruck: StudienVerlag.
Bruneforth, M., Lassnig, L., Vogtenhuber, S., Schreiber, C. & Breit, S. (Hrsg.) (2016). Nationaler Bildungsbericht Österreich 2015. Band 1. Das Schulsystem im Spiegel von Daten und Indikatoren. Graz: Leykam.
Bundesministerium für Gesundheit (2015). Gesundheit und Gesundheitsverhalten von österreichischen Schülerinnen und Schülern. Ergebnisse des WHO-HBSC-Survey 2014. Online verfügbar unter:http://www.bmgf.gv.at/cms/home/attachments/9/7/0/CH1444/CMS1427118828092/gesundheit_und_gesundheitsverhalten_oester_schuelerinnen_who-hbsc-survey_2014.pdf (28.6.2018).
Eder, F. (2015). Schulform-Unterschiede im Schul- und Klassenklima. In: F. Eder, H. Altrichter, F. Hofmann & C. Weber (Hrsg.), Evaluation der Neuen Mittelschule (NMS). Befunde aus den Anfangskohorten. Forschungsbericht. Graz. Leykam, S. 203–223.
Gensicke, T. (2000). Deutschland im Übergang. Lebensgefühl, Wertorientierungen, Bürgerengagement. Speyer: Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung.
Gensicke T. (2015). Die Wertorientierungen der Jugend (2002–2015). In: M. Albert, K. Hurrelmann, G. Quenzel & TNS Infratest Sozialforschung (Hrsg.). Jugend 2015. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, S. 237–272.
Hurrelmann, K. & Quenzel, G. (2016). Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung (13., überarbeitete Auflage). Weinheim, Basel: Beltz Juventa.

KIDSCREEN Group (2004). KIDSCREEN 52. Gesundheitsfragebogen für Kinder und Jugendliche. Kinder- und Jugendlichenversion 8 bis 18 Jahre. Version für Österreich. EC Grant Number: QLGCT- 2000-00751
König, J., Warger, C. & Valtin, R. (2011): Jugend – Schule – Zukunft. Psychosoziale Bedingungen der Persönlichkeitsentwicklung. Ergebnisse der Längsschnittstudie AIDA. Münster: Waxmann.
Nusche, D., Radinger, T., Busemeyer, M. & Theisens, H. (2016). Austria 2016. OECD Reviews of School Resources. Paris: OECD Publishing.
OECD (2016). PISA 2015. Ergebnisse (Band 1): Exzellenz und Chancengerechtigkeit in der Bildung. Deutschland: W. Bertelsmann.
Pollak, D. & Müller, O. (2013). Religionsmonitor. Verstehen was verbindet. Religiosität und Zusammenhalt in Deutschland. Gütersloh: Bertelsmann.
Steinmayr, R. & Spinath, B. (2010). Konstruktion und erste Validierung einer Skala zur Erfassung subjektiver schulischer Werte (SESSW). In: Diagnostica 56 (4), S. 195–211.

Kontakte:h.kohler-spiegel@ksnet.at

Neben den Autorinnen dieses Beitrags haben Gernot Brauchle, Katharina Meusburger, Martina Ott, Gudrun Quenzel und Egon Rücker an den Lebenswelten mitgearbeitet.