Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 23 Min.

LED ZEPPELIN: Goldene Götter des Rock


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 31.01.2019

Vor 50 Jahren eroberten sie die USA und veröffentlichten ihr erstes Album. Sie erfanden Hardrock und die Hotelzimmerverwüstungs-Routine. Auf der Bühne waren Led Zeppelin unschlagbar. Eine Verbeugung in zwölf Akten


Artikelbild für den Artikel "LED ZEPPELIN: Goldene Götter des Rock" aus der Ausgabe 2/2019 von Rolling Stone. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

FOTO: LED ZEPPELIN BY LED ZEPPELIN / REEL ART PRESS / PRIVATE COLLECTION / KOOYONG STADIUM MELBOURNE, 1972

Kampf um die besten Plätze: Wettlauf vor dem Konzert im Kooyong-Stadion


FOTO: LED ZEPPELIN BY LED ZEPPELIN / REEL ART PRESS / KOOYONG STADIUM, MELBOURNE, AUSTRALIA FEBRUARY 1972 COURTESY OF JANDS AUSTRALIA.

DIE GRÖSSTE ALLER BANDS? ZUMINDEST HAT KEINE ANDERE DIE 70er-Jahre ähnlich dominiert, ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Rolling Stone. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Großer Bruder. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Großer Bruder
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von In die Sonne schauen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
In die Sonne schauen
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Heimlich zum unheimlichen Erfolg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Heimlich zum unheimlichen Erfolg
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Q & A: Udo Lindenberg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Q & A: Udo Lindenberg
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Sprung in die Mystik. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Sprung in die Mystik
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von „Es ging um die Antihaltung“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
„Es ging um die Antihaltung“
Vorheriger Artikel
ABSCHIEDE: Pegi Young
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Das Gemüt aus der Scheune
aus dieser Ausgabe

... von Pink Floyd vielleicht abgesehen. Auf dem Höhepunkt ihrer Popularität, kurz bevor Punk kam und man Bands wie Led Zeppelin nur noch als Dinosaurier bezeichnete, spielten sie sechsmal hintereinander im te, natürlich ausverkauften Madison Square Garden vor 120.000 Zuschauern. In den knapp zwölf Jahren ihres Bestehens nahmen sie acht Studioalben auf. Ihr viertes, unbetiteltes (das mit „Stairway To Heaven“) wurde mehr als 37 Millionen Mal verkauft und zählt zu den erfolgreichsten aller Zeiten. Anfangs von der Kritik (vor allem dem amerikanischen ROLLING STONE) bespöttelt, lagen ihnen schließlich nicht nur Millionen von Fans, sondern ebenso manche ihrer früheren Kritiker zu Füßen. Doch mit den Siebzigern verschwanden auch Led Zeppelin, ein selbstbestimmter, würdevoller Abgang nach dem Tod ihres Schlagzeugers John Bonham. Der Nachruhm jedoch währt nun schon fast drei Jahrzehnte. Was ist dran an dieser unwahrscheinlich erfolgreichen und immer umstrittenen Band? Acht ROLLING-STONE-Autoren erzählen ihre Geschichte und versuchen eine Antwort.

DIE ANFÄNGE: Plätschernder Applaus, eine einsame Stimme ruft vergeblich: „More!“ Das Ende eines Bootleg-Mitschnitts, aufgenommen vor einem halben Jahrhundert im Whisky a Go Go auf dem Sunset Strip. Die Newcomer Led Zeppelin hatten dort gerade ihr Set mit einem vier Jahre alten Hit ihrer Vorgängerband The Yardbirds beschlossen, allerdings in kaum wiedererkennbarer Form: Statt der Spinett-Akkorde des Originals ein schwer verzerrtes Gitarren-Riff, statt der tänzelnden Bongos ein stampfender Half-Time-Beat, und im Refrain ein lüsternes Jaulen anstelle des knabenhaften Chors. Wahrscheinlich fand die Band ihre radikale Neudeutung von „For Your Love“ selbst nicht gar so gelungen, schließlich verschwand der Song nach diesem Abend wieder aus ihrem Repertoire. Rückblickend wirkt der Vergleich der beiden Versionen aber wie ein Schulbeispiel der Transformation vom Beat der mittleren zum Rock der späten Sixties.

Led Zeppelin hatten ihre Live-Karriere ein paar Monate zuvor mit einer Skandinavientour als The New Yardbirds begonnen. Als der alten Band nach Drummer Jim McCarty und Sänger Keith Relf mit Chris Dreja ihr letztes Originalmitglied abhandengekommen war, versammelten Gitarrist Jimmy Page und sein neuer Manager, Peter Grant, unter diesem Behelfsnamen ein völlig neues Quartett: Mit Sänger Robert Plant und Schlagzeuger John Bonham von der weithin unbekannten Band Of Joy sowie Pages altem Studiomusikerkollegen John Paul Jones am Bass.

Page hatte diesen Coup lange vorbereitet. An seiner Adaption von Jake Holmes’ „Dazed And Confused“ samt Zwischenspiel am Geigenbogen hatte er schon zu Yardbirds-Zeiten gefeilt, und auf deren letztem Album,„Little Games“ , war das vom Gitarristen Davy Graham geborgte Arrangement des Traditionals „She Moved Through The Fair“ bereits als „White Summer“ aufgetaucht. Auch „Train Kept-A-Rollin’“, die erste von der neuen Besetzung geprobte Nummer, war ein Fixpunkt jeder Yardbirds-Setlist.

Doch als der ROLLING STONE Led Zeppelin 2014 interviewte, widersprach Robert Plant der gängigen Erzählung von Pages großem Masterplan: „Bonham und ich brachten in Songs wie ‚How Many More Times’ Techniken ein, die wir uns bei der Band Of Joy angeeignet hatten. Wir hatten schon vorher diesen ausgedehnten, psychedelischen Blues-Rock gespielt, und das kombinierten wir dann mit den trippigen Elementen der Yardbirds.“

Wo immer der Funke auch herkam – erst in Amerika sprang er über. Im launischen London galten The Yardbirds zur Zeit ihrer Auflösung längst als alter Hut; in Kalifornien, insbesondere in San Francisco, genossen sie dagegen seit ihrer US-Tournee von 1967 hohen Respekt. Als ihre erklärten Nachfolger Led Zeppelin dort im Januar ‘69 – wenige Tage nach dem Whisky a Go Go – für vier Nächte im Fillmore West aufschlugen, lag ihnen das damalige Mekka der modernen Rockmusik entsprechend zu Füßen. Wie Jimmy Page sagte: „Unsere Ankunft in San Francisco veränderte grundlegend den Lauf der Musik, die von diesem Punkt an gemacht wurde.“ Darüber jedenfalls sind sich alle einig.

Für gut 1100 €

kann man die Originalversion des Debütalbums auf Discogs erstehen. Für eine Erstpressung samt rarem blauen Coverschriftzug muss man jedoch bis zu 10.000 € hinlegen

70 Menschen

wurden 1977 festgenommen, als sie versuchten, in ein Konzert in Cincinnati einzudringen. Insgesamt 1000 Fans versuchten über die Zäune der Venue zu klettern und warfen mit Steinen

DIE ERSTEN HEADBANGER: Als die Jeff Beck Group ihren Tourverpflichtungen im Winter ‘68/69 wegen Unpässlichkeit nicht mehr nachkommen konnte, setzte sich Manager Peter Grant an die Strippe, um die Veranstalter davon zu überzeugen, sein nächstes großes Ding als Ersatz zu akzeptieren. Sie ließen sich darauf ein, auch weil Grant ihnen mit den Gagen ziemlich entgegenkam. Doch Led Zeppelin waren mehr als ein Ersatz, davon konnten sich Vanilla Fudge, MC5, Iron Butterfly und Country Joe & The Fish gleich überzeugen. Jimmy Pages Truppe war als Support gebucht, entpuppte sich aber schnell als die eigentliche Attraktion. Das von ordentlich Airplay angefixte Publikum sah eine Band, die weitaus mehr war als die neuen Yardbirds und die ihre Konkurrenz oft genug deklassierte. Led Zeppelin waren tight, ehrgeizig, vor allem machten sie keine Faxen. Während andere sich bitten ließen, erfüllten sie ihren Unterhaltungsauftrag vorbildlich. Sie kamen pünktlich auf die Bühne und erschöpften das Publikum mit einem Set aus rabiat inszenierten Blues-Standards, Yardbirds-Klassikern, wenigen Eigenkompositionen und ausgedehnten Instrumental-Exkursionen. Und sie ließen sich aus der Reserve locken. Beim vierten Gig in der Boston Tea Party am 26. Januar spielten sie ihr Set zweimal durch und hinterher noch diverse Cover, ehe das Publikum sie nach über vier Stunden von der Bühne ließ. Beim zweiten Durchlauf von „How Many More Times“ bemerkte die Band, wie die Jungs in der ersten Reihe ihre Köpfe im Rhythmus gegen die Bühne schlugen. Angeblich die Geburtsstunde des „Headbangers“.
FRANK SCHÄFER

Handreichung: Fotosession in Los Angeles, Mai 1969


FOTO: LED ZEPPELIN BY LED ZEPPELIN / REEL ART PRESS / LED ZEPPELIN, LOS ANGELES FROM THE COVER SESSION FOR THE 1969 US TOUR BOOK. ©RON RAFFAELLI/RON RAFFAELLI COLLECTION ©RON RAFFAELLI/RON RAFFAELLI COLLECTION

Eroberung der USA: Der erste Auftritt im Whisky a Go Go, Los Angeles, Januar 1969


DER EREMIT JIMMY PAGE: Das aufgeklappte Cover von Led Zeppelins„IV“ zeigt einen alten Mann, der von einem Berg herabsieht, in der einen Hand eine Lampe haltend, in der anderen einen Stab. Das Motiv ist von der neunten Karte des Rider-Waite-Tarot-Decks von 1910 inspiriert – sie heißt Der Eremit.

Jimmy Page, 1971 schon mittendrin in seinem Enthusiasmus für Okkultismus, wusste sehr genau um die Bedeutung dieser Karte: Der Eremit steht für Weisheit und für ein tiefes Wissen über das eigene Ziel und den Pfad, der dorthinführt. Zudem symbolisiert der Berg Errungenschaft und Erfolg, der Stab steht für Autorität und Macht. So hat Jimmy Page sich selbst gesehen, durchaus zu Recht.

Vermutlich hat Page seine Rolle für die Band, die er einmal gründen würde, schon zu einem frühen Zeitpunkt erkannt. Die erstaunlich schnelle Entwicklung vom Vorortklampfer zum gefragtesten Sessiongitarristen in London dürfte dem noch nicht Volljährigen das Gefühl einer Sonderstellung gegeben haben. Page dachte nach, erkannte, dass er der Szene voraus war – und wartete geduldig auf den Moment, in dem sich all die Erfahrungen als Instrumentalist, Arrangeur und Produzent in seinem eigenen Projekt entladen würden.

Als die Yardbirds dann im Sommer 1968 kollabierten, wusste der Eremit, dass seine Zeit gekommen war. Wobei sein erster Plan: die Gründung einer Supergroup wie Cream, nicht aufging, weil mögliche Stars wie Keith Moon und Steve Marriott unabkömmlich waren. Stattdessen bekam Page zwei unbekannte Landeier aus den Midlands. Was dann geschah, hat allerdings auch Page nicht voraussehen können, denn wie bei jeder anderen herausragenden Band sind die Chemie der Musiker, der jahrelange Bewusstseinsstrom und das schiere Gelingen ein unberechenbares Wunder.

Natürlich war Page, 1968 schon ein prominenter Musiker, der Pilot des Zeppelins; derjenige, der den Kurs setzte und alles nach Plan laufen ließ. Sein Sinn für das Geschäftliche machte ihn zum alleinigen Ansprechpartner für Manager Peter Grant (Page hörte auf den Spitznamen „Led Wallet“, bleiernes Portemonnaie), seine Kenntnisse am Mischpult zum Produzenten der Band. Und dann sind da ja die Riffs! Keinem fielen bessere ein.

Aber Page hatte kein Interesse an einer Autokratie. In seinem Ideal einer Band spiegelt sich die spirituelle Überzeugung vom ungebändigten Willen als treibender Kraft für den vollends befreiten, göttlichen Menschen: Page wollte einen Raum erschaffen, in dem vier Musiker ohne Einschränkungen und in einer Art Rausch der Freiheit entfalten, was in ihnen steckt. Genau das gelang mit Plant, Bonham und Jones – Page war ihr Zeremonienmeister, Chef und Kreativdirektor. Vermutlich hat ihn diese Stellung (sowie sein enigmatischer Charakter) gelegentlich zum Außenseiter gemacht.

Gleichzeitig wurde Jimmy Page mitgerissen in dem exzessiven, rauschhaften Sog namens Led Zeppelin. Denn sosehr Page versierter Studiocrack war, so sehr spielte er auf den immer neuen, immer anderen Alben von Led Zeppelin Dinge, die er noch nie zuvor gespielt hatte.

Vielleicht hat Page, der seinem Vorbild Aleister Crowley schließlich auch in die Heroinsucht folgte, sogar den Niedergang seiner Band vorausgesehen, weil er in seiner eigenen widersprüchlichen, bisweilen dunklen Energie das zerstörerische Potenzial dafür erkannte. Darüber schweigt die Tarot-Karte.

Plant, Bonham, Jones: drei Ausnahmemusiker mit enormer Autorität. Aber Led Zeppelin war die Band von Jimmy Page.
JÖRN SCHLÜTER

309.000 $

Umsatz machte die Band mit ihrer Nordmerikatour 1973 und brach damit den Rekord der Beatles aus dem Jahr 1965. Übrigens wurden am letzten Abend der Tour 180.000 $ aus einem Hotelsafe in New York gestohlen

14:55 Minuten

dauerte die längste Version von „Stairway To Heaven“ – gespielt bei ihrem letzten Gig in der Westberliner Eissporthalle 1980

DIE BESTE LIVE-BAND: Von Anfang an waren Led Zeppelin wild, schmutzig und zu laut – ein Live-Ereignis. Als Reaktion auf die zunehmende Intellektualisierung, Politisierung und Verschwurbelung der Popmusik Ende der Sechziger hielten sie die Erinnerung an die triebgesteuerten frühen Tage des Rock’n’Roll wach. Sie wurden denn auch nicht in erster Linie von der „Woodstock Generation“ gefeiert, sondern von deren jüngeren Geschwistern.

Schon beim ersten Üben vor Publikum, in Skandinavien, überzeugten sie auf ganzer Linie; die anschließende, nur mäßig besuchte UK-Tour im Herbst 1968 schweißte die Band zusammen. Egal ob der Club voll war oder halb leer – auseinandergenommen haben sie ihn trotzdem jedes Mal.

Gerade zu Beginn ihrer Karriere, als die Musikpresse sie als schlechte Cream-Epigonen auszusortieren versuchte, waren es vor allem ihre fulminanten Bühnen-Performances, die das Publikum hinrissen. Wer sich alte Aufnahmen bei YouTube anschaut, sieht nicht nur Begeisterung beim Publikum, sondern auch Faszination, vielleicht sogar Verstörung. Ihr Ruf eilte ihnen voraus. Led Zeppelin waren böse, gefährlich, sexy und bestimmt mit dem Teufel im Bunde. Dieses Image brachten sie eins zu eins auf die Bühne. Der praktizierende Okkultist und Aleister-Crowley-Jünger Jimmy Page gab mit sinistrem Grinsen den Zeremonienmeister. Seine theatralische Gestik erinnerte mal an den Dirigenten eines Orchesters, der er zweifelsohne war, mal an einen heidnischen Magier. Und wenn er mit dem Geigenbogen, der Insignie des vom Teufel gebenedeiten Virtuosen, bei der am Ende 20-minütigen rituellen Messe „Dazed And Confused“ diabolisch schöne Obertöne aus seinem Instrument heraussägte, war allen klar, dass er ganz bestimmt nicht in den Himmel kommen würde.

Robert Plant zwar auch nicht, aber mit dem blonden Engelshaar, dem offenen Hemd, dem sich in der engen Jeans deutlich abzeichnenden Prachtstück und einem komplett durchsexualisierten Bühnenhabitus verkörperte er eine Art Kontrastprogramm – das Versprechen, dass man hienieden zumindest eine Menge Spaß haben konnte. Es stand bis zur zweiten US-Tour durchaus auf der Kippe, ob Plant der Frontmann bleiben würde: Seine gockelhafte Exaltiertheit nervte die anderen, vor allem aber musste Page mit Erschrecken feststellen, dass sein Sänger bald mehr Blicke auf sich zog. Aber Plant durfte bleiben, auch weil er dafür sorgte, dass nicht nur Jungs Led-Zep-Konzerte besuchten.

Mit Jimmy Pages Wechsel von der Telecaster zur Les Paul im Sommer 1969 war die Verwandlung von der psychedelischen Garagenband zum abwechslungsreichen Hardrock-Act für die ganz großen Bühnen abgeschlossen. Das Ambivalente, Widersprüchliche, das sich in ihren beiden Frontleuten manifestierte, zeigte sich auch im Musikalischen. Sie waren einerseits technisch versiert und jederzeit bereit, ihre Virtuosität mit großer Geste auszustellen, sich andererseits aber auch nie zu schade, stumpf einen draufzumachen. Sie ließen bei all dem Schalldruck und der zerstörerischen Energie immer auch leise Töne zu, zogen nicht nur mit simplen, effektiven Heavy-Riffs vom Leder, sondern übten sich auch in sanfter Folk-Filigranität oder gaben sich für eine halbe Stunde dem Blues hin. Und sie konnten zwischen diesen unterschiedlichen Registern mühelos hin und her springen und sich damit auf der Bühne immer wieder selbst überraschen.

Mit John Paul Jones hatten sie wenigstens einen Vernunftmenschen in ihren Reihen und mit John Bonham einen sublimen Kraftmeier. Bonham war nicht nur unermüdlich und ungeheuer schlagkräftig, er besaß auch einen ureigenen, leicht taumelnden und trotzdem stabilen Groove. Sein langes, sich steigerndes Drum-Solo „Moby Dick“ gehörte stets zu den Höhepunkten der Show. Bis zu Bonzos Tod 1980, der das Ende von Led Zeppelin besiegelte, spielten sie über 600 Konzerte.
FRANK SCHÄFER

DIE RÄTSELHAFTE ÄSTHETIK: Das Cover von„Houses Of The Holy“ ist mindestens so bekannt wie die Musik des 1973 erschienen Albums selbst: Das Foto zeigt einen Jungen und ein Mädchen, Zwillinge, nackt, per Collage vervielfacht zu elf Kindern. Alle klettern die zerklüftete, fremdterrestrisch anmutende Steinformation Giant’s Causeway in Nordirland empor.

Das Bild spiegelte die Faszination der Band für das Übernatürliche wie das Außerirdische wider – Inspiration war Arthur C. Clarkes Roman „Die letzte Generation“, in dem Kinder buchstäblich bis an den Rand der Welt steigen. Das Shooting war ein Kraftakt, vor allem für die Kleinen, es dauerte zehn akt, Tage. Sonnenaufgang und -untergang sollten auf dem bearbeiteten Foto ineinanderfließen. Aber die Sonne wollte nicht. Irland eben. Regen und Wolken nonstop.

143.000 $

handelte Manager Peter Grant beim ersten Plattenvertrag der Band mit Atlantic Records im November 1968 aus – auf die heutige Währung umgerechnet sind das mehr als 1 Million Dollar. Angeblich hatte kein verantwortlicher LabelMitarbeiter die Band vor dem Signing live gesehen. Zu der Zeit galt der Deal als der größte der Popgeschichte

Das finale Cover gilt heute als legendär, auch wenn die Abbildung nackter Minderjähriger natürlich mehr als fragwürdig ist, das Motiv in manchen Ländern gar verboten wurde. Aber es gab einen anderen Grund, warum es um ein Haar nicht veröffentlicht worden wäre. Denn anstelle dieses Fotos sollte, wäre es nach Hipgnosis gegangen, ein Tennisplatz„Houses Of The Holy“ schmücken: Leer, nur ein einzelner Tennisschläger liegt auf dem Rasen. Doch Jimmy Page verstand weder Spaß noch Ironie.

Storm Thorgerson und Aubrey Powell, das Kreativpaar des damals bereits berühmten und stilprägenden Designstudios Hipgnosis, war unberechenbar. Sie hatten das Image von Pink Floyd maßgeblich mitgeprägt – das geheimnisvoll-absurde Cover von„Atom Heart Mother“ zeigte nichts weiter als eine Kuh auf einer Wiese. Kein Bandname, kein Plattentitel. Es war revolutionär. Ebenso„The Dark Side Of The Moon“ : Auch die Hülle dieser Platte präsentierte keine Musiker, nicht mal einen Mond – sondern eine Pyramide, durch die ein Lichtstrahl prismatisch gebrochen wird. Heute nichts weniger als das bekannteste Albumcover aller Zeiten, vielleicht neben„Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ .

Doch Jimmy Page warf Storm Thorgerson raus, als der das geplante Albumdesign präsentierte, für das er von Led Zeppelin angeheuert worden war: „Eine Frechheit!“ Dabei war es diese Mischung aus Eigensinn, Humor und „Kommen wir damit durch?“-Haltung, die Hipgnosis zu beispiellosem Ruhm führte. Denn „Racket“, wie Tennisschläger auf Englisch heißt, kann umgangssprachlich auch etwas anderes bedeuten: „Krach“.

„Verstehst du nicht?“, fragte Thorgerson. Page: „Du meinst also, Led Zeppelin sind Krach?“

Der Gitarrist glaubt sich zu erinnern, dass er die Hipgnosis-Leute danach nie wieder zu Gesicht bekommen habe. Das scheint aber der weiteren Zusammenarbeit nicht im Wege gestanden zu haben. Bis 1982 sollte die Agentur noch vier Cover für Page & Co. entwerfen:„The Song Remains The Same“ und„Presence“ (beide 1976),„In Through The Out Door“ (1979) sowie„Coda“ (1982).

Vor allem„Presence“ referiert auf den Mythos von Led Zeppelin als spirituell bis satanistisch angehauchter Band. Wie schon bei ihrem Innenmotiv für 10ccs„How Dare You!“ , das Dutzende telefonierender Menschen auf engstem Raum zeigt, verfremdeten Hipgnosis für dieses Cover eine intime soziale Situation bis zur maximalen Rätselhaftigkeit: Eine Familie – Vater, Mutter, Tochter, Sohn –, rausgeputzt in Sonntagsstaat, ergötzt sich an einem Fetisch auf dem Restauranttisch, einem schwarzen Obelisken. Auch im Gatefold der Platte wurde das Gestein in Fotos mit Freizeitdarstellungen hineinmontiert, als Figur am Schwimmbecken, beim Golfen, beim Blumenpflücken. Ähnlich dem Monolithen aus „2001: Odyssee im Weltraum“ ist er einfach nur da und dominiert die Wahrnehmung der Landschaft.

Tatsächlich waren in den 70er-Jahren Steinblöcke beliebte Motive für mysteriöse Botschaften. Wie die Gesteine in Peter Weirs Literaturverfififilmung „Picknick am Valentinstag“ oder der geschliffene Brocken auf dem The-Who-Albumcover„Who’s Next“ – den die Musiker aber entzauberten, indem sie einfach dranpinkelten. Der Obelisk von„Presence“ jedoch, so Storm Thorgerson, stehe für die „Macht und Präsenz“ von Led Zeppelin. Die sei so stark, dass die Band „gar nicht mehr anwesend zu sein braucht“.
SASSAN NIASSERI

DER FLIRT MIT DEM OKKULTISMUS: Led Zeppelin haben nicht nur den Hardrock, wie wir ihn heute kennen, erfunden. Sie dürfen auch als erste prägende Band des Okkult-Rock und Fantasy-Metal gelten. Ihr Gitarrist Jimmy Page ist schon seit seinen Teenager-Zeiten ein glühender Anhänger des satanistischen Hohepriesters Aleister Crowley. Crowley, 1875 geboren und 1947 gestorben, hat in seiner Privatmythologie den Lobpreis auf Luzifer mit Yoga und tantrischem Sex verbunden sowie mit der vulgärnietzscheanischen Fantasie vom kommenden Übermenschen, der sich kraft seines Willens über die „Sklavenmoral“ erhebt. In „Stairway To Heaven“ wird Crowleys Gedicht „May Queen“ zitiert; nach den ersten Erfolgen der Band kaufte Jimmy Page sich 1970 von dem damit verdienten Geld am Ufer des Loch Ness in Schottland ein Haus, in dem Crowley einmal gelebt hat. In die Auslaufrille von„Led Zeppelin III“ lässt Page statt der dort sonst üblichen Seriennummer „Do What Thou Wilt“ ritzen – aus Crowleys Wahlspruch „Do what thou wilt shall be the whole of the Law“ –, und das vierte Led-Zeppelin-Album aus dem Jahr 1971 erhält als Titel statt lesbarer Worte in einem bekannten Alphabet lediglich vier unbestimmbare Symbole, bei denen es sich um alchemistische Symbole handeln könnte oder um Runen.

Weniger bekannt als Pages Flirt mit Okkultismus und Satanismus ist die allgemeine Begeisterung der Band für J. R. R. Tolkien und dessen Fantasy-Epos „Der Herr der Ringe“. Dabei wimmelt es in den Led-Zeppelin-Songs nur so von Verweisen auf Mittelerde, Hobbits und Ringgeister. Man höre etwa das siebte Stück auf dem zweiten Album aus dem Oktober 1969: In „Ramble On“ vergleicht Robert Plant seine Suche nach Freiheit und künstlerischer Vervollkommnung mit der gefahrvollen Fahrt des Hobbits Frodo Beutlin und seiner Gefährten in das Land der Schatten, Mordor. Freilich lockt Plant am Ziel seiner Reise nicht die Aussicht auf ewigen Frieden, sondern vielmehr ein schönes Mädchen, das ihm dereinst von dem Bösen Herrscher und dessen Knecht Gollum geraubt worden war: „‘Twas in the darkest depths of Mordor/ I met a girl so fair/ But Gollum and the Evil One/ Crept up and slipped away with her, yeah.“

Auch in späteren Songs von Led Zeppelin gibt es diverse Tolkien-Verweise, etwa in „The Battle Of Evermore“ von dem bereits erwähnten vierten Album aus dem Jahr 1971. Hier duettiert Robert Plant mit Sandy Denny, der Sängerin der Folkband Fairport Convention – das einzige Mal, dass in einem Led-Zeppelin-Lied eine Gastsängerin zu hören ist. Gemeinsam berichten sie vom Krieg der Elben und Hobbits gegen den Herrscher der Schatten, Sauron, und seine außerordentlich bösen Ringgeister: „The Ringwraiths ride in black, ride on/ Sing as you raise your bow (ride on)“. Der Regisseur Ralph Bakshi hätte seine 1978 erschienene Zeichentrickversion des „Herrn der Ringe“ denn auch gern mit Led-Zeppelin-Songs unterlegt, doch der Produzent des Films, Saul Zaentz, bestand auf einem Orchestersoundtrack – was nicht der einzige Grund dafür ist, dass Bakshis Projekt trotz ordentlicher Einspielergebnisse als Flop angesehen und der geplante zweite Teil der Saga niemals gedreht wurde.
JENS BALZER

DIE SACHE MIT DEN GROUPIES: Led Zeppelin und der Sex – eine Geschichte voller Missverständnisse. So sieht es zumindest Pamela Des Barres, die in den 60er-Jahren als Supergroupie Miss Pamela in Los Angeles berühmt wurde. Sie besteht noch heute darauf, dass zumindest Jimmy Page ein Gentleman gewesen sei: zu schüchtern, Frauen direkt anzusprechen, immer mit Geschenken und Komplimenten zur Hand, und meistens habe er doppelt so viel Zeit wie sie im Badezimmer verbracht, um seine Haare zu richten. Okay, „Peitschen waren schon sein Ding“, aber da habe er die Frauen vorher immer um Erlaubnis gefragt.

Bei ihrer berüchtigten US-Tour 1969 hatten Robert Plant und John Bonham angeblich so viel Heimweh, dass sie nur gemeinsam in einem Raum schlafen konnten, einer nicht ohne den anderen. So behauptet es zumindest Stephen Davis in seiner Skandalbiografie „Hammer Of The Gods“. Das wirft ein etwas anderes Licht auf den Mann, der so schamlose Zeilen sang wie „Way down inside, I wanna give you every inch of my love …/ I wanna be your back door man“ („Whole Lotta Love“) oder „Please squeeze me, baby/ Until the juice runs down my leg/ The way you squeeze my lemon/ I’m gonna fall right out of bed“ („The Lemon Song“). Subtil geht anders, aber gegen das, was inzwischen im HipHop Standard ist, wirken Plants Wünsche doch eher harmlos. Und er sagt auch noch „please“!

8 Alben

(außer dem Debüt) waren aufeinanderfolgend Platz 1 in den britischen Charts. Diesen Rekord hat erst 2018 Eminem schlagen können

2500 $

zahlte ihr Manager 1977 dem Edgewater Hotel in Seattle, nachdem die Band fünf Fernseher aus dem Fenster geworfen hatte (plus 3000 $ für den Aufenthalt). Die Band war vorher inkognito eingecheckt, da sie eigentlich bereits Hausverbot wegen des sogenannten FishIncident im Jahr 1969 hatte. Als ein Mitarbeiter den TourManager Richard Cole fragte, wie es sich anfühle, einen Fernseher aus dem Fenster zu schmeißen, drückte dieser ihm 500 $ in die Hand und sagte den legendären Satz: „Junge, manche Dinge muss man im Leben selbst erfahren. Geh und schmeiß einen Fernseher im Namen von Led Zeppelin!“

Wenn man heute noch einmal über all die Exzesse, die bei Led Zeppelin in den späten 60er- und frühen 70er-Jahren stattfanden, nachliest, muss man entweder lachen oder die Augen verdrehen, für Empörung reicht es nicht. Die Band hat ja all die Klischees gelebt, bevor sie zu Klischees wurden – sie waren jung, es war die Zeit vor Aids, und falls danach nicht alle gelogen haben, liefen die wilden Begegnungen sehr freiwillig ab. Es war wohl ein einvernehmlicher Austausch, vielleicht auch gegenseitiges Ausnutzen. Die Groupies gaben sich hin, die Musiker schenkten ihnen ein Stück vom Ruhm, keiner blieb traurig zurück (von der einen oder anderen Geschlechtskrankheit mal abgesehen) – und wenn es lächerlich wurde, wie im folgenden Fall, dann standen dabei die Männer, denen keine besseren Spielchen einfielen, mindestens genauso blöd da wie die Frauen, die so etwas mit sich machen ließen.

Die größten Groupie-Mythen der Rockgeschichte werden wohl für immer ein Mars-Riegel und ein Hai sein. Ersteren hat Marianne Faithfull längst als „schmutzige Altmännerfantasie“ abgetan und damit Mick Jagger rehabilitiert; bei Letzterem weiß man immer noch nicht so genau. 1969 soll in einem Hotel in Seattle ein Groupie angeblich ans Bett gefesselt und mit einem pie Hai penetriert worden sein. Roadmanager Richard Cole berichtigte später, ein paar der Musiker hätten zwar zugesehen, der Schuldige sei aber er selbst, und es sei auch kein Hai, sondern „nur“ die Nase eines Red Snappers gewesen, was Cole wohl lustig fand, weil das Groupie rothaarig war. Und natürlich waren alle voll wie Haubitzen (was keine Entschuldigung sein soll).

Die „Life“-Journalistin Ellen Sander hat noch ein anderes Szenario beschrieben, in dem der Hedonismus dann wohl doch außer Kontrolle geriet. Sie wollte 1969 ein Interview machen, als zwei Bandmitglieder zudringlich wurden („sie attackierten mich, kreischend und an meinen Klamotten zerrend“), bis der Manager einschritt. Später verglich sie Led Zeppelins Backstage-Räume mit einem Zoo: „Wer in den Käfig geht, sieht die Tiere aus der Nähe, kann ihr Fell streicheln und mit der Energie hinter dem Nimbus in Kontakt kommen. Aber man riecht auch sofort die Scheiße.“
BIRGIT FUSS

DER TOD VON JOHN BONHAM: Aus heutiger Sicht lässt es sich kaum noch nachvollziehen, aber Led Zeppelin wurden von der Kritik bei Erscheinen ihres letzten Albums,„In Through The Out Door“ , bloß ein Jahrzehnt nach ihrem Debüt, bereits als „Dinosaurier“ bezeichnet. Am Ende kam einiges an Schattenseiten zusammen: das Heroin, der Alkohol, die Schande ihrer Steuerflucht, der tragische Tod von Robert Plants Sohn Karac während der US-Tournee 1977 und schließlich das alles andere als ausverkaufte Doppelkonzert von Knebworth, je nach Standpunkt heroische Rückkehr oder fataler Selbstbetrug.

Doch nichts davon wog so schwer wie der schiere Anachronismus ihrer Existenz beim Anbruch der Pop-begeisterten Achtziger, als sich die schwere Rockmusik in die zwar mächtige, aber in sich geschlossene Nische des Heavy Metal zurückzog. Robert Plant jedenfalls wusste das. Man sieht es auf dem Mitschnitt von Knebworth in seinem verlegenen Grinsen, als er in „Black Dog“ die inzwischen peinlich gewordene, misogyne Zeile „A big-legged woman ain’t got no soul“ ausließ.

Am 25. September 1980, knapp drei Monate nachdem er in Nürnberg auf der Bühne kollabiert war, erstickte John Bonham nach einer Probe für eine anstehende Amerikatournee im Schlaf an seinem eigenen Erbrochenen. Er wurde nur 32 Jahre alt, genauso wie der zwei Jahre zuvor verstorbene Keith Moon, aber im Gegensatz zu The Who zogen Led Zeppelin die richtige Konsequenz und machten Schluss. Aus „tiefem Respekt vor(Bonhams) Familie“, wie es in ihrem Statement hieß, aber wohl auch vor ihrem eigenen Werk.
ROBERT ROTIFER

20.000.000

Menschen haben versucht, Tickets für die ComebackShow im Jahr 2007 in der Londoner O2Arena zu bekommen. Das entsprach einem Traffic von 80.000 Nutzern die Minute auf der RegistrierungsWebseite, was sie zusammenbrechen ließ. Das Konzert gilt als das begehrteste aller Zeiten – Weltrekord. Nur 20.000 Menschen (also ein Tausendstel) bekamen Tickets.

Abschied: Schlussapplaus nach dem Konzert in der O2- Arena, London, Dezember 2007


DAS ZWEITE LEBEN DES ROBERT PLANT: Man hat es nicht gemerkt, doch Robert Plants Karriere nach Led Zeppelin nahm immer mehr Fahrt auf. Er ist heute wieder da, wo er 1982 mit seinem Solodebüt,„Pictures At Eleven“ , war: knapp hinter der Spitze der Charts. Das bedeutet nicht mehr so viel – aber nicht jeder Kämpe der 70er-Jahre landet dort. Plant hat aus seinen erratischen Leidenschaften einen Stil gemacht: Blues und Bluegrass, afrikanische und orientalische Musik, Leadbelly und Dylan, Moby Grape und Tim Buckley singt er mit derselben Inbrunst des ehrgeizigen Interpreten.

Nach Led Zeppelin wollte er eine Band mit Chris Squire und Alan White von Yes gründen, die lustigerweise XYZ heißen sollte. Doch die Songs waren ihm nicht emotional genug. Das Yes-Album„90125“ bestätigte Plant 1983: Es war der kalkulierteste, glatteste, perfekteste Hardrock (und der größte Erfolg von Yes). Ein Jahr später war Plant der Sänger einer auch damals unwahrscheinlichen Supergruppe, die super nicht sein wollte: Mit Jimmy Page, Jeff Beck und Nile Rodgers nahm er als The Honeydrippers ein sehr kurzes Minialbum mit nostalgischen Songs auf, ostentativ„Volume One“ betitelt: „Rockin’ At Midnight“, Ray Charles’ „I Got A Woman“, „Young Boy Blues“ von Doc Pomus und Phil Spector. „Sea Of Love“, ein Stück von Phil Phillips aus dem Jahr 1959, wurde ein Hit. Die Honeydrippers machten keine weitere Platte.

Von Led Zeppelin wollte Plant nichts mehr wissen – es langweilte ihn. Nach den wenigen Konzerten von 2007 verweigerte er sich, und den Reigen von Wiederveröffentlichungen produzierte und kommentierte Jimmy Page. Mit„No Quarter“ (1994) und„Walking Into Clarksdale“ (1998) nahmen der Gitarrist und der Sänger ihre subtilsten und betörendsten Platten auf. Aber Plant zog weiter.

Manchmal tut er so, als hätte er eine richtige Band: Strange Sensation, Band Of Joy, The Sensational Space Shifters – die Namen klingen nach Zirkus und Tingeltangel, und das ist symbolisch für Robert Plants ironischen Blick auf den Rock-Rummel. Im Jahr 2007 nahm er mit der amerikanischen Country-Sängerin Alison Krauss eine eklektische Folk-Blues-Platte mit Stücken von Allen Toussaint und Gene Clark, den Everly Brothers, Tom Waits und Townes Van Zandt auf, edel-echtholzig von T Bone Burnett produziert – die Art von künstlerisch wertvollem Album für die Galerie, mit dem man sich schmücken kann. Keine Platte, mit der man fünf Grammys gewinnt und die Platz 2 der amerikanischen Charts belegt. War dann aber so. Aber auch bei diesem Projekt gab es keine Fortsetzung: Die Sessions, so Plant, seien unergiebig gewesen.

Der Plattentitel„Mighty ReArranger“ ist ein Selbstbildnis: Plant, der Connaisseur, nimmt die Songs, die ihm gefallen, und deutet sie um: von Richard Thompson, von Townes Van Zandt, Traditionals. Er schrieb Texte zu den Songs der Gitarristen Buddy Miller und Justin Adams. Vor vier Jahren trat er nicht bei der „Night Of The Proms“ auf, sondern bei dem von David Lynch kuratierten „Festival Of Disruption“ in Los Angeles. Sein Auftritt war so schamanisch, eruptiv und waldschrathaft, als wollte er sich für einen Film von Lynch bewerben: der virile, etwas ungemütliche Sonderling aus der Hütte im Moos.
ARNE WILLANDER

10.000 $

zahlte ein australischer Fan im Jahr 2011 für ein Bandshirt, das für das Doppelkonzert beim Knebworth Music Festival hergestellt wurde. Das rare Shirt fungierte damals als BackstagePass für beide Shows

40 Wodka-Shots

entsprach John Bonhams Alkoholwert bei seinem Tod. So heißt es im offiziellen Autopsiebericht

DIE LETZTE RÜCKKEHR: Es hatte nicht gut begonnen mit dem Zurückkommen – sowohl bei Live Aid 1985 als auch beim 40. Geburtstag von Atlantic Records 1988 enttäusche das Comeback von Led Zeppelin. Viel besser gelang die Reunion von Page und Plant anlässlich eines Konzertes der MTV-Reihe „Unplugged“ 1994. Mit kompetenter Hilfe von verschiedenen Seiten arrangierten Plant (nun der unangefochtene Boss in Led-Zeppelin-Fragen) und Page Klassiker wie „Kashmir“ und „No Quarter“ zu Hybriden aus westlichen, nordafrikanischen und indischen Musiktraditionen. Freilich erkannte der immer nach spiritueller Ekstase suchende Page in den fremden Kulturen das Dionysische und Schamanische. Für das großartige „MTV Unplugged“-Feature entstanden Musikaufnahmen auf einem Markt in Marrakesch, einem Berg in Wales und einem TV-Studio in London. Das daraus resultierende Album„No Quarter“ ist famos, Page und Plant gingen samt ägyptischem Orchester auf ausgedehnte Welttournee (und nahmen danach mit Steve Albini ein Blues-Album auf). Warum Plant Bassist John Paul Jones nicht dabeihaben wollte, ist ein Rätsel.

Als der alte Wegbereiter und Atlantic-Chef Ahmet Ertegun starb, starteten Led Zeppelin zum vermutlich letzten Mal. Für das Konzert in der Londoner O2-Arena am 10. Dezember 2007 wollten angeblich 20 Millionen Menschen ein Ticket kaufen. Jetzt hatte die Band (komplettiert durch Bonhams Sohn Jason am Schlagzeug) Zeit zum Proben gehabt, und sie spielte ein furioses, in der Autorität der Performance kaum zu fassendes Konzert – 30 Jahre nach den letzten überzeugenden Auftritten. Auf Tour gehen wollte Plant nicht, aber immerhin dokumentierte das Album„Celebration Day“ fünf Jahre später den würdigen Schlusspunkt (?) der besten Hardrockband aller Zeiten.
JÖRN SCHLÜTER

DIE NACHFOLGER: Punk und New Wave schienen die Art von pompöser, testosteronüberschüssiger Musik, für die Led Zeppelin stehen wie keine zweite Band, erledigt zu haben. Aber natürlich hat die Rockgeschichte oft genug gezeigt, dass alles in Intervallen zurückkehrt. Ende der Achtziger und besonders in den 90er-Jahren hatten lange Haare, krachende Riffs und wuchtiges Getrommel wieder Konjunktur. Erstaunlich dabei ist vor allem die Spannbreite von Underground bis Mainstream, in der sich der muskulöse Led-Zep-Sound spiegelte. Nicht alle Adepten bekannten sich offen zu ihren Vorbildern, manche zitierten dagegen so unverhohlen, dass auch veränderungsimmune Classic-Rock-Liebhaber aufhorchten und ein Nostalgietränchen zerdrückten.

Man hört den Zeppelin-Einfluss in den mäandernden Grunge-Brechern der Screaming Trees, man hört ihn in den Southern-Rock-Hymnen der Black Crowes, man hört ihn in der Bonham-Gedächtnis-Bassdrum der Stone Temple Pilots und in der Stimme von Jane’s-Addiction-Sänger Perry Farrell im eiergequetschten Robert-Plant-Hochtonmodus, und Lenny Kravitz schloss in Stücken wie „Are You Gonna Go My Way“ Jimi Hendrix mit dem druckvollen Gitarrenspiel eines Jimmy Page kurz. Es ließe sich endlos darüber streiten, wo Led Zeppelin noch überall ihre Spuren hinterlassen haben – ob auf den überbordenden Platten der Smashing Pumpkins oder in der Dad-Rock-Werdung von Pearl Jam, und Dave Grohls Foo Fighters haben aus ihrer Verehrung für den gigantomanischen Monster-Rock der Siebziger nie einen Hehl gemacht. Nicht zuletzt nutzten Page und Plant selbst die Chance und festigten ihr Vermächtnis in den Neunzigern mit zwei Alben. Zu ihren eher unwahrscheinlichen Nachfolgern gehört kein Geringerer als Jack White, der sich nicht nur im Film „It Might Get Loud“ vor Jimmy Page verbeugt, sondern mit den White Stripes auch seine ureigene Garage-Version von Led Zep entworfen hat. Die vielleicht schamlosesten Epigonen jüngeren Datums sind Greta Van Fleet, die zuweilen wie eine Coverband klingen. Man kann das doof finden und klischeeverhaftet – aber freuen wir uns im Songwriter-, im Pop- und Soul-Fach nicht ständig über Newcomer, die den alten Helden originalgetreu huldigen?
MAX GÖSCHE

ALLEIN DIE JUGENDBILDNISSE: Led Zeppelin 1968! Die Apotheose des Langhaars. Und im November desselben Jahres: Amerika! Man sieht Jimmy Page mit den Direktoren von Atlantic Records – mit Jerry Wexler vor Palmen in Florida, mit Ahmet Ertegun am Konferenztisch in New York City. Ertegun, Gründer von Atlantic, hat einen auf der Schreibmaschine getippten Brief von Ralph J. Gleason aufgehoben, in dem der gestrenge Kritiker die Band „Led Baloon“ nennt und sich für das „lovely package of photographs“ bedankt – aber: „None of these idiots is identified!“ Man konnte sie sehr bald identifizieren.

„Led Zeppelin By Led Zeppelin“(Reel Art Press, 60 Euro) ist das Fotoalbum einer Superstarwerdung: An den Bühnenbauten, den Festival-Landschaften, den Interieurs und Inszenierungen ist zu erkennen, was Rock’n’Roll damals bedeutete. Und an den Gesichtern der Musiker sieht man, was er anrichtete. Andererseits schauten sie noch 1976 für ein Promotion-Foto vor blauem Hintergrund so treuherzig aus der Wäsche, als wollten sie für einen Posten im Vertrieb der Plattenfirma vorsprechen.

Das Konvolut von Anmerkungen zu den Fotos im Anhang ist ein amüsantes Füllhorn der Anekdoten und des Bizarren: John Paul Jones, Robert Plant und Jimmy Page erinnern sich schlaglichtartig an die Momente, in denen alles passierte.


FOTOS: LED ZEPPELIN AT THE WHISKY A GO GO, WEST HOLLYWOOD. JANUARY 1969, LED ZEPPELIN BY LED ZEPPELIN / REEL ART PRESS ©COURTESY ROBERT PLANT

FOTOS: LED ZEPPELIN AT THE WHISKY A GO GO, WEST HOLLYWOOD. JANUARY 1969, LED ZEPPELIN BY LED ZEPPELIN / REEL ART PRESS ©COURTESY ROBERT PLANT

FOTO: LED ZEPPELIN BY LED ZEPPELIN / REEL ART PRESS © MYTHGEM LTD. PHOTO BY KEVIN WESTENBER