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Lehren aus dem Afghanistan-Einsatz


WeltTrends - epaper ⋅ Ausgabe 177/2021 vom 01.07.2021

Der Krieg in Afghanistan geht zu Ende, zumindest für den Westen. Sicher wird es am Hindukusch weiterhin Gewalt und kriegerische Auseinandersetzungen geben. Nun gilt es für „den Westen“, Lehren zu ziehen. WeltTrends hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten stets mit diesem Krieg, der lange Zeit nicht so benannt wurde, beschäftigt. Und wir werden uns auch jetzt damit auseinandersetzen, wenn es gilt, Lehren zu ziehen. Vielleicht werden einige in die künftige Politik hierzulande einfließen. Vielleicht.

Im Mai-Heft schrieb Kathrin Vogler von der LINKEN dazu. Dies setzen wir in diesem Heft mit einer Analyse von Ludger Volmer, Mitbegründer der Grünen und Staatsminister im Auswärtigem Amt der ersten rot-grünen Regierung, fort. RK

Am Anfang standen die Terrorangriffe vom 11. September 2001 auf die USA. Die Afghanistan-Einsätze waren die Reaktion. Und: Wer bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus ...

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Was wird ihm die Zukunft bringen, dann ohne ausländische Truppen?
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... Fehler begeht, steht nicht auf derselben Stufe wie die Terroristen. Nur mit solch klaren Axiomen kann man die Afghanistan-Einsätze kritisieren, ohne in die Falle zu laufen, die Opfer zu Tätern zu machen. Die Opfer waren zunächst und in allererster Linie US-Amerikaner und ihre Besucher auf dem Boden der USA.

Vom „wilden Afghanistan“ zum Musterstaat?

Bereits im November 2001 hatte die Bundesregierung die afghanischen Stammesfürsten nahe Bonn eingeladen, um eine Loya Jirga, eine große Stammesversammlung, vorzubereiten. Sie sollte gleichermaßen dem “state-building“ und “nation-building“ dienen, dem „Top-down-“ und dem „Bottom-up-Ansatz“ beim “post-conflict peacebuilding“. Im Idealfall laufen diese Prozesse parallel. In Afghanistan liefen sie gegeneinander. In Bonn wurden weitreichende Pläne zur Demokratisierung und Institutionenbildung, für Entwicklung und Frauenförderung geschmiedet. Das Treffen setzte in der hiesigen Bevölkerung, bei NGOs und Hilfswerken eine Welle guten Willens frei. Jeder wollte nun aus dem „wilden Afghanistan“, das „wir“ so lange vergessen hatten, einen Musterstaat machen, auch dem sicherheitspolitischen Gedanken der „Prävention“ folgend.

Die Bundesregierung war skeptisch. Viele dort – auch der Autor – stellten sich die Frage, wie wir aus dem Schlamassel wieder herauskämen. Doch die humanitären Strategien waren auf Dauer angelegt. Dabei waren die Taliban im Weg. Dieser Umstand traf sich mit dem Wunsch der USA, das deutsche Militärkontingent zu verstärken. Die Bundesregierung wollte keine Aufstockung der OEF-Truppen, konnte aber das US-Begehren nach größerem Engagement nicht zurückweisen. So kam es zu einem Kompromiss, der sich ISAF nannte: ab Ende 2001 operierte eine von afghanischer Seite erbetene, von der UNO legitimierte internationale Militärmission zur Stabilisierung „befriedeter“ Regionen und Quasi-Schutztruppe für die sich bildenden „regionalen Aufbauteams“. Einen späteren Versuch der USA, ISAF unter OEF-Kommando zu stellen, konnte die Bundesregierung abweisen. Die schmerzlichen Verluste an Soldatinnen und Soldaten wie einheimischen ZivilistInnen, die ISAF neben kleineren Erfolgen brachte, wurden innenpolitisch heftig diskutiert.

Strategisch bedeutsam wurde die Tatsache, dass state-building und nation-building in Widerspruch gerieten. Die Staatsmacht Afghanistans reicht kaum über Kabul hinaus. Hier wurden Behörden geschaffen, Polizeikräfte trainiert, einheimische Soldaten ausgebildet. Hier entwickelte sich Moderne, hier gingen nun Mädchen zur Schule. Aber hier logierte auch die Schutzmacht USA. Hier kam es immer wieder zu Terroranschlägen durch die vertriebenen Taliban. Und von hier gingen weiterhin Bombardierungen und Zerstörungen ländlicher Lebenswelten aus. Der Staat erschien der Masse der Bevölkerung als Fremdkörper, von außen aufgezwungen, ohne sinnvolle Funktion für die gesellschaftliche Organisation. Denn – so die komplementäre Entwicklung – das Volk in seiner Breite wollte keine nationale Demokratie nach westlichem Muster. Es hing an seiner Stammeskultur, folgte lieber dem eigenen Chief, der sich im Stammesgerangel als potent erwies. Ob Chief oder Warlord, gern nahm er Angebote der internationalen Entwicklungshilfe an, wenn diese seine Geltung gegenüber dem Zentralstaat in Kabul erhöhten. Die Lehre: “Nation-building“ zerschellte an den Klippen des Tribalismus. “State-building“ versumpfte in der regionalen Drogenökonomie. Und beide Ansätze wirkten gegeneinander.

Was tun, wenn eine Strategie nach fast 20 Jahren nicht die erhofften Ergebnisse zeigt? Ist die Dosis zu gering oder der Ansatz falsch? Vielleicht muss der Westen einsehen, dass nicht jedes Volk der Erde nach seinen Vorstellungen leben möchte. Vielleicht gibt es nicht nur eine imperialistische Überdehnung von Einflusszonen, sondern auch von ethisch-humanitärer Großherzigkeit. Auch das könnte eine Lehre sein. „Lasst die Finger von Afghanistan“, riet dem Autor sein ehemaliger pakistanischer Counterpart im Jahre 2006. „Sie wollen leben, wie sie leben, ein archaisches Volk. Die Männer wollen Waffen tragen wie ihr eine Krawatte. Die Frauen wollen waffentragende Männer. Zieht ab! Sie werden gegeneinander kämpfen, und irgendwann wird sich eine Ordnung durchgesetzt haben, die sie alle akzeptieren.“ Ob es so kommt? Die wahrscheinlichere Prognose lautet: Die Taliban werden wieder die Staatsmacht ergreifen und einen Gottesstaat errichten. Was dann? Wegen der Menschen-, der Frauenrechte wieder intervenieren? Dieses Mal total? Mancher Maulheld denkt so. Vielleicht aber ist es wirklich besser, das Land einfach zufrieden zu lassen. Nur wenn von dort wieder Angriffe ausgehen, dann verteidigen wir uns – auch am Hindukusch.

Dr. Ludger Volmer

geb.1952, Dr. rer. soc., 1979 Mitgründer der Grünen, langjähriges Mitglied des Bundestages, 1991–1994 Parteivorsitzender, 1998–2002 Staatsminister im Auswärtigen Amt, 2002–2005 außenpolitischer Sprecher, bis 2014 Dozent für Außen- und Sicherheitspolitik an der FU Berlin ludger-volmer@t-online.de