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LEICHT FLÜCHTIG


digit! - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 28.06.2019

Flirrende Akte, Fantasie-Collagen, Gebäudedekonstruktionen, Pflanzen-Studien – Carsten Wittes Portfolio ist vielschichtig. Eins aber haben die Bilder des Hamburger Fotokünstlers gemein: Sie erzählen von Schönheit und von deren Vergänglichkeit. Von Peter Schuffelen

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Bildquelle: digit!, Ausgabe 4/2019

Witte will Schönheit erklärtermaßen festhalten. Die Macher einer Ausstellung nahmen das Credo wörtlich und fixierten die Prints mittels Nadeln an der Wand wie entomologische Präparate.


Oben: Schönheit und Vergänglichkeit – zwischen diesen beiden Antipoden bewegt sich Wittes OEuvre. Rechts: Aus der Serie „Psyche“.


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Weniges in der Natur symbolisiert verschwenderische Schönheit, Leichtigkeit, aber auch die Endlichkeit des Lebens, so formvollendet wie Schmetterlinge. Fotografisch für sich entdeckt hat Carsten Witte die fragilen Wesen auf einem Flohmarkt. Später hat er sie dann fotokompositorisch mit dem zusammengebracht, was ihn von jeher am meisten fasziniert: die Schönheit des weiblichen Körpers. „Als ich vor einigen Jahren über einen Flohmarkt schlenderte und an einem Stand eine Sammlung mit präparierten Insekten fand, hatte ich ein Déjà-vu. Ich war zugleich fasziniert und abgestoßen, wie damals als Kind, als ich die Schmetterlingssammlung betrachtete, die der Vater eines Schulfreundes in seinem Arbeitszimmer präsentierte“, erinnert sich Witte.

„Diese wunderschönen Wesen waren ganz offensichtlich tot, aufgespießt von einer Nadel, und doch wirkten sie so lebendig.“ Jedes Mal wenn Witte, der vor dreißig Jahren als Mode-, Akt- und Beauty-Fotograf startete, sein Geld aber inzwischen hauptsächlich mit Fotokunst verdient, den Flohmarkt besuchte, kaufte er ein paar der gerahmten Falter. Irgendwann hatte er die komplette Sammlung des Händlers übernommen. Und begriff die Parallelen zwischen seiner Arbeit und der von Präparatoren, die, ähnlich wie er, davon getrieben sind, Schönheit festzuhalten, sie zu „fixieren“ – im eigentlichen Sinn des Wortes.

In seinem Studio öffnete Witte nach und nach die Glasrahmen, hinter denen die Schmetterlinge geborgen waren, nahm sie heraus und legte sie auf schwarzen Samt. Dann lichtete er sie in hoher Auflösung ab. Später, im Rechner, ersetzte er den Rumpf der Tiere durch Akte, die er in seinem Archiv fand, darauf achtend, dass die Flügel der Falter und die Körper und Haare der Models physiognomisch und farblich miteinander harmonierten. „Psyche“ hat er diese Serie genannt, in Anlehnung an die antike Erzählung „Amor und Psyche“, in der die bezaubernde Königstochter Psyche sogar Venus, die Göttin der Liebe und Schönheit, vor Neid erblassen lässt. Bis heute umfasst „Psyche“ rund 150 Foto-Composings; sie hat sich zu einer von Wittes erfolgreichsten Serien entwickelt. Und das nicht nur gemessen an der Anzahl der im Kunstmarkt verkauften Werke, sondern auch mit Blick auf die Anfragen der Werbekunden, die Witte beauftragten, ihre Kampagnenmotive im „Psyche“-Stil zu erstellen (darunter eine Lingerie-Marke und eine französische Spa-Kette). Inzwischen arbeitet der Hamburger allerdings nur noch ausnahmsweise für kommerzielle Kunden. Seinen Lebensunterhalt bestreitet Witte seit nunmehr zehn Jahren vielmehr durch den Verkauf seiner Fotokunst – in Form von streng limitierten Prints.

Witte „dekonstruiert“ Architektur und rekomponiert die einzelnen Elemente entlang proportionaler und farblicher Gesichtspunkte zu neuen ästhetischen Gebilden.


„Das Faszinierende an der Fotografie ist, dass sie dich überall hinbringen kann.“

Freie Kunst, jenseits der Schubladen

Die Postproduktion und Bildausgabe übernimmt Witte stets selbst und legt dabei viel Wert auf Perfektion und Details (siehe Interview). Seine Motivwelt ist vielschichtig, sie reicht von anmutigen Schwarzweiß- und erotisch aufgeladenen Farb-Akten über Beauty- Aufnahmen mit farblich extravagantem, teils symbolisch aufgeladenem Make-up bis hin zu Gesichts-Close-ups und Detailstudien von Pflanzen und Ausnahmegebäuden. Letztere „dekonstruiert“ er auf vielfältige Weise am Rechner und rekomponiert die einzelnen Elemente entlang proportionaler und farblicher Gesichtspunkte zu neuen ästhetischen Gebilden.

„Auch wenn ich vor allem als Mode- und Aktfotograf wahrgenommen wurde, hat mich in den letzten drei Jahrzehnten immer mehr bewegt als nur die weibliche Schönheit. Landschaften, Portraits, Architektur und Blumen gehörten von Anfang an zu meinem Portfolio“, sagt Witte. „Ich habe mich nie in eine Schublade stecken lassen. Das Faszinierende an der Fotografie ist ja gerade, dass sie dich überall hinbringen kann.“

Der rote Faden des Portfolios ist die beständige Suche nach Schönheit und der Wunsch, sie auf besondere Weise festzuhalten. Ästhetisch buchstäblich einzigartig in dieser Hinsicht: sein Bilderzyklus „Gold“, der von Anfang bis Ende auf einem analogen Prozess beruht, den Witte selbst im eigenen Labor durchführt. Dafür kaufte er die letzten erhältlichen Bestände exotischer und zum Teil vom Markt genommener Entwickler-Chemikalien auf und printete Schwarzweißportraits sowie Nudes nach einem speziellen Verfahren auf Farbpapier aus. Das Ergebnis: Bilder, bei denen das belichtete Silber ins Mattgoldene tendiert und so einen eigenartigen, an Solarisation erinnernden Effekt hervorruft. Das Faszinierende ist, dass sich der Prozess nicht exakt steuern lässt“, sagt Witte. „Man erhält also immer ein Unikat.“

Unikate, Vergänglichkeit, Schönheit: Das sind die Währungen, die für Witte zählen – wie auch für die Käufer seiner Bilder. „Ich glau- be, der Mensch hat immer schon versucht, die Schönheit festzuhalten, weil er immer schon wusste, wie flüchtig sie ist. Diesen Augenblick formvollendet festzuhalten, in dem ein Wesen oder ein Gegenstand auf dem ästhetischen Höhepunkt seines Daseins ist: Das kann die Fotografie besser als jedes andere Medium.“

„Mein Leben als Fotokünstler ist deutlich entschleunigt“

Vor zehn Jahren hast du dich entschieden, nur noch fotokünstlerisch zu arbeiten. Wie kam es dazu?

Carsten Witte: Das war gar keine wirklich bewusste Entscheidung zu einem bestimmten Zeitpunkt. Ich war vielmehr bei werblichen Aufträgen immer schon ziemlich wählerisch, und weil ich für bestimmte Produkte oder Marken nicht tätig werden wollte, habe ich meinen Tagessatz nach und nach hochgeschraubt und bestimmte Jobs einfach nicht mehr bekommen. Parallel dazu haben sich die Verkäufe meiner Galeristin immer besser entwickelt, sodass ich mich irgendwann auf meine künstlerischen Arbeiten konzentrieren konnte. Ein Glücksfall, denn der Wettbewerb um die wirklich guten – und gut bezahlten – Jobs ist in den vergangenen Jahren immer härter geworden.

Auch der Kunstmarkt ist von Wettbewerb geprägt. Wie wirkt man einem möglichen Preisdruck entgegen?

CW: Eine exzellente Bildqualität, Ausarbeitung und Präsentation sind wichtig. Ich arbeite überwiegend mit einer Canon EOS 5DS R, gebe meine Bilder persönlich mit einem Canon-LF-Drucker auf hochwertigem Hahnemühle-Baryta- oder Hahnemühle-Photorag- Papier aus. Außerdem werde ich meine Auflage künftig weiter reduzieren – von sieben auf fünf, bei den größeren Formaten sogar auf drei Exemplare plus Artist Print. Und ich werde wieder vermehrt analog arbeiten. Bei Bildern, die ich in meinem „Gold“-Verfahren (siehe Text, Anm. d. Red.) ausgebe, werde ich wahrscheinlich sogar nur noch einen einzigen Print pro Format ausgeben – allein schon, weil mir die dafür erforderlichen Chemikalien langsam ausgehen.

Was hat sich verändert, seit du ausschließlich künstlerisch arbeitest?

CW: Vieles. Die Zufriedenheit mit meiner Arbeit zum Beispiel oder mein Freiheitsgrad. Vor allem aber hat sich mein Leben entschleunigt. Ich arbeite zwar nicht weniger als früher, aber der Zeitdruck ist deutlich geringer. Früher habe ich nach größeren Jobs immer mal wieder eine längere Auszeit gebraucht, um mich zu erholen, das fällt jetzt weg.

Der Print als endgültiger Ausdruck der Arbeit. Oben: Aus dem Bilderzyklus „Gold“, bei dem durch ein spezielles chemisches Verfahren bestimmte Areale mattgolden schimmern. | Unten: Ausstellung des Werkzyklus „Psyche“ in der Kölner Galerie Phönix.

CARSTEN WITTE, 1964 in Hamburg geboren, studierte Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Bielefeld und arbeitete als Assistent bei Alfred Steffen, bevor er 1995 sein eigenes Studio eröffnete. Witte zählt Medien wie Die Zeit, Elle, GQ, Harper’s Bazaar, Spiegel, Stern und Vogue und Unternehmen wie Deutsche Telekom, Campari oder Renault zu seinen Kunden. Seit etwa zehn Jahren konzentriert er sich vor allem auf seine freien Arbeiten. Witte hat zwei Kinder und lebt in Hamburg. Er wird von der Galerie Monika Mohr vertreten.
carstenwitte.myportfolio.com | photographygalerie.de

Witte vermarktet seine Arbeiten zum Teil auch in dem für Instagram typischen „Grid“-Style.