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LEICHTER LEBEN, GLÜCKLICHER SEIN


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flow - epaper ⋅ Ausgabe 64/2022 vom 01.03.2022

Artikelbild für den Artikel "LEICHTER LEBEN, GLÜCKLICHER SEIN" aus der Ausgabe 64/2022 von flow. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: flow, Ausgabe 64/2022

Um entspannter zu leben, braucht man gar nicht so viel zu überlegen. Mehr noch: je weniger, desto besser

Mit Mitte zwanzig habe ich ein paar Jahre lang Tai Chi praktiziert: eine etwa 300 Jahre alte chinesische Kampfkunst, bei der man langsam und fließend eine Folge festgelegter Übungen ausführt. Immer wieder staunte ich über die geschmeidige Eleganz meiner Trainerin, die so standhaft wie ein Baum und gleichzeitig so leichtfüßig wie ein Vogel war.

Mit freundlichem Gesicht und anmutiger Gelassenheit wechselte sie mühelos und in vollkommener Balance von einer Position in die andere. Nicht nur, dass ich Schwierigkeiten hatte, ihren Bewegungen ähnlich grazil zu folgen, ich musste auch immer wieder darüber nachdenken, wie schön es wäre, diese Fähigkeiten auf meinen Alltag übertragen zu können. Den ganzen Tag, ja, unser ganzes Leben lang müssen wir auf unvorhersehbare Ereignisse reagieren oder lang gehegte ...

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... Pläne spontan über den Haufen werfen. Von den grummeligen Menschen, die uns beim Bäcker oder an der Supermarktkasse die Laune verhageln, will ich gar nicht erst anfangen. Momentan reicht im Grunde schon ein Blick in die Nachrichten, um zwischen Inzidenzen und Klimaberichten die Balance zu verlieren. Ich frage mich, wie sich das ändern lässt.

Ich persönlich kann mich leicht in bestimmte Gedankenschleifen verrennen, lasse mich von außen beeinflussen und neige leider von Natur aus ein bisschen zur Nervosität. Deshalb habe ich mich in den letzten Jahren mit der Frage beschäftigt, wie ich lernen kann, mich den Unvorhersehbarkeiten unseres Lebens geschmeidiger anzupassen, ähnlich wie eine Wackelpuppe, der man einen kleinen Schubs gibt und die in alle Richtungen schaukelt, aber eben nie umkippt. Wie lerne ich, nicht sorgenvoll wach zu liegen, nicht wütend oder ängstlich zu reagieren, sondern mich sanft nach Norden, Süden, Osten und Westen zu neigen, je nach Richtung des Sturms, und trotzdem verwurzelt zu bleiben wie ein junger Baum im Wind?

WENIGER NACHDENKEN

„Leichtigkeit darf man keinesfalls mit Mühelosigkeit verwechseln“, sagte damals meine Tai-Chi-Lehrerin. „Es erfordert Übung, Übung und nochmals Übung, um sich immer wieder harmonisch auf seine Umgebung einstimmen zu können.“ Genau dieses immerwährende Üben ist ein fester Bestandteil des Tai Chi. Die Bewegungen sind nicht auf Leistung oder Wettbewerb ausgelegt. Man arbeitet mit dem, was da ist: dem eigenen Körper, der Atmung und dem Geist.

Laut Studien fördern die langsamen, tänzerisch-harmonischen Bewegungen und die intensiven, bewussten Atemzüge die Konzentrationsfähigkeit, bauen Stress ab und fördern die eigene Entspannung. Vermutlich funktioniert das auch deshalb so gut, weil man dabei den Kopf völlig ausschaltet. Je mehr ich mich zum Beispiel auf die Bewegungsabläufe konzentrierte, desto weniger dachte ich nach. Und je weniger ich nachdachte, desto mehr blieb ich in meiner Balance. Mir wurde klar: Um entspannter zu leben, braucht man gar nicht so viel zu überlegen. Mehr noch: je weniger, desto besser. Eine Wackelpuppe mit dem Gewicht im Kopf liegt schließlich auch ruck, zuck auf dem Rücken.

Also erst einmal runterkommen: vom Kopf in den Körper. Aber wie geht das? Zum Beispiel, indem man das Handy beiseite legt und die Nachrichten ausschaltet und schließlich seine steifen Muskeln und Schultern lockert, Pilates oder Stretching macht, sich massieren lässt, schwimmt oder endlich wieder mit Yoga anfängt.

Aber auch, indem man sich von dem Gedanken löst, alle seine Ziele im Leben möglichst geradlinig erreichen zu wollen, sagt der Soziologe und Philosoph Leander Greitemann in einem Beitrag auf der Coaching-Plattform Greator. „Wir rennen viel zu oft einer idealen Version unseres Lebens hinterher, die wir vermutlich nie erreichen werden. Das verursacht Stress und vor allem verhindert es, dass wir den Moment genießen und unseren Blick für zufällige Alternativen öffnen.“

Um das zu ändern, rät Greitemann dazu, nicht die Folge seiner Handlung in den Fokus zu setzen, sondern immer die Handlung selbst. „Egal ob wir gerade eine Präsentation vorbereiten oder an der Supermarktkasse stehen – wenn wir etwas eh schon tun müssen, dann können wir es doch auch mit Begeisterung oder Freude tun. So können wir das, was uns das Leben täglich vor die Füße wirft, nutzen, um uns mit dem Flow treiben zu lassen und nicht unsere Energie zu verschwenden, um in den Widerstand dagegen zu gehen.“ Das soll im Umkehrschluss nicht bedeuten, sich keine Ziele mehr zu setzen. „Es geht eher darum, flexibler zu sein, um auf den Moment reagieren zu können und somit leichter durchs Leben zu gehen.“

SORGEN ABSCHÜTTELN

Sich ganz in den Moment zu begeben bedeutet aber auch, Spannungen, Traurigkeit und Angst nicht zu ignorieren, sondern sie anzunehmen und mit ihnen umzugehen. Die niederländische Journalistin Mirjam van der Vegt versuchte nach einem schweren Autounfall, der Welt wieder mit Zuversicht zu begegnen. „In den ersten Monaten nach dem Unfall fühlte ich bei jeder noch so kleinen Bewegung eines Autos heftige körperliche Reaktionen“, erzählt sie. „Jedes Mal, wenn ich etwas unter dem Autoreifen spürte, stockte mir der Atem und ich erlitt den gleichen Schock wie damals.“ Daraufhin hielt sie sich an folgenden Grundsatz: „Emotionen kommen und gehen. Sie haben einen Anfang, eine Mitte und ein Ende.“

Mirjam van der Vegt rät deshalb dazu, solche Emotionen vollständig zu durchfühlen. „Meist verdrängen wir sie lieber, aber es ist wissenschaftlich erwiesen, dass eine heftige körperliche Reaktion nicht länger als neunzig Sekunden anhält, wenn man den Mut aufbringt, sie zuzulassen. Bleib also bei deinen Emotionen wie ein Surfer auf der Welle.“

Um es einfacher zu machen, traumatische Erinnerungen oder schwierige Gefühle zuzulassen und vor allem loslassen zu können, arbeitet die Bewusstseinstrainerin Beata Korioth mit einer speziellen Technik, dem neurogenen Zittern. Anfänger:innen legen dafür die Fußsohlen gegeneinander, lassen die Knie seitlich auseinanderfallen und heben das Becken leicht vom Boden ab. „So aktivieren wir den Psoas, wo oft die meisten Verspannungen sitzen.“ In dieser Haltung dauert es nicht lange, bis der Körper langsam anfängt zu zittern – erst das Becken, dann die Beine und schließlich der ganze Körper. Schließlich kann das Becken wieder abgesetzt werden, der Körper zittert weiter.

„Dahinter steckt die Idee, dass wir eigentlich alle zittern würden – wenn wir es nur zuließen. Tiere machen das.

Kleine Kinder ebenfalls, wenn sie Druck empfinden, Angst haben oder auch große Freude spüren“, sagt Korioth. „Aber wir Erwachsenen unterdrücken diesen Impuls.“ Dabei kann er helfen, Blockaden zu lösen und Stress zu reduzieren. „Was wir in einem Augenblick gefühlt haben, wird ein Leben lang im Körpergedächtnis gespeichert. Unangenehme oder gefährliche Momente verursachen dann eine unbewusste Verkrampfung, die sich in Zähneknirschen, Magenoder Nackenschmerzen äußern kann.“ Diese innere Spannung steht einem leichteren Leben natürlich im Weg. „Indem wir unseren Körper bewusst zittern lassen, können wir all das Schicht für Schicht abschütteln und Belastendes zumindest auf körperlicher Ebene lösen“, da ist sich Korioth sicher.

MIT KLEINEN SCHRITTEN

Nun gibt es aber Dinge, die sich so tief in uns eingegraben haben, dass sie sich auch durch bewusste Entspannung wie beim Yoga, Tai Chi oder auch dem neurogenen Zittern nicht abschütteln lassen. Schlechte Erinnerungen etwa oder einfach diffuse Sorgen über die Welt, in der wir leben. „Allzu oft befinden wir Menschen uns in einer Art Problemtrance“, erklärt der systemische Coach und Buchautor Michael Curse Kurth. „Das heißt, wir belasten unsere Gegenwart entweder mit vergangenen Problemen, indem wir sie in Gedanken immer wieder aufarbeiten, oder mit negativen Zukunftsszenarien, die möglicherweise nie eintreffen werden.“ Meist sind diese Muster seit unserer Kindheit fest in uns verankert. „Vielleicht haben sie uns irgendwann einmal genutzt, um mit den Herausforderungen unserer Kindheit umzugehen.

Du musst das Leben nicht verstehen, dann wird es werden wie ein Fest.

Und lass dir jeden Ta g geschehen so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen, das kommt dem Kind nicht in den Sinn.

Es löst sie leise aus den Haaren, drin sie so gern gefangen waren, und hält den lieben jungen Jahren nach neuen seine Hände hin.

Aus dem Gedicht: Du musst das Leben nicht verstehen von Rainer Maria Rilke

Streue deine Lieblingsbeschäftigungen über deine Tage wie buntes Konfetti

Wenn wir älter werden, prägen uns diese Denk- und Verhaltensweisen oft auch weiterhin. Wir finden durch sie aber nicht auf alle Herausforderungen unseres Erwachsenenlebens eine gesunde Antwort. Manchmal engen uns die alten Muster vielleicht ein oder sorgen dafür, dass wir gestresst sind.“ Vielleicht glauben wir etwa, immer perfekt sein zu müssen. Oder dass wir nur das genießen können, was wir unter großer Anstrengung erreicht haben. Um sich von solchen falschen Glaubenssätzen zu lösen, rät Kurth dazu, sich zuerst zu fragen, welches Bedürfnis hinter ihnen liegt.

Wünsche ich mir vielleicht mehr An - erkennung? Oder habe ich Angst davor, etwas falsch zu machen? „Je bewusster ich mir die Gründe für mein Handeln mache, desto konkretere Schritte kann ich mir überlegen, um negative Muster durch positive zu ersetzen.“ Allerdings sollten wir dabei nichts überstürzen. „Gerade positive Veränderungen brauchen Zeit. Deshalb ist es sinnvoll, lieber viele kleine Schritte nacheinander zu gehen als einen großen. So können wir auch immer wieder unseren Kurs korrigieren und auf unsere aktuellen Bedürfnisse anpassen.“

Solche Methoden mögen auf den ersten Blick nicht das sein, was man mit einem lockeren Leben verbindet. Die meisten denken dabei vermutlich eher an eine Party, ein Picknick im Grünen oder Ähnliches. Aber für mich sind es probate Mittel. Ich habe in den letzten Jahren zum Beispiel versucht, mein Leben in jeder Hinsicht zu vereinfachen: weniger Dinge, weniger Termine, weniger Pläne und vor allem mehr Ruhe. Seit einiger Zeit meditiere ich fast jeden Tag für zehn Minuten.

Dabei habe ich gelernt, meine Ängste, meine Miesepetrigkeit und Wut wie Regenwolken am Himmel an mir vorüberziehen zu lassen. Seitdem fühle ich mich ausgeglichener und weniger verletzlich als früher. Oder ich schreibe mir auf, was ich am liebsten rieche, anfasse, esse, sehe und höre. Anschließend versuche ich, dafür zu sorgen, mir jeden Tag etwas aus allen fünf Sinneskategorien zu gönnen.

Während ich dies schreibe, esse ich zum Beispiel gesalzene Mandeln, höre leise Klaviermusik und nehme mir vor, nach getaner Arbeit eine Folge von Die Köchin von Castamar, meiner neuen Lieblingsserie auf Netflix, anzusehen. Streue deine Lieblingsbeschäftigungen über deine Tage und Wochen wie buntes Konfetti.

Immer wieder solche kleinen Freuden im Alltag zu genießen, ist eigentlich das, was ich erreichen möchte, wenn ich an Leichtigkeit denke.

SANFTE AKZEPTANZ

Obwohl ich viel ruhiger und leichter lebe als früher, gibt es immer noch Momente, in denen ich mich von einer Bemerkung unverhältnismäßig stark betroffen fühle, in denen ich stammle und stolpere, verstrickt in negative Gedanken. Bewusstseinstrainerin Beata Korioth wünscht sich deshalb, dass wir auf Dauer eine Haltung der sanften Akzeptanz kultivieren. „Es tut gut zu verstehen, dass Leichtigkeit kein Dauerzustand sein kann. Manchmal reichen einfach selbst die besten Entspannungsmethoden nicht aus, um mich dauerhaft im Hier und Jetzt zu verankern und die Schönheit des Moments zu genießen.“ Stress oder Fehler gehören eben zum Leben dazu, genau wie Müdigkeit und schlechte Laune. Das zu erkennen und anzunehmen kann ebenfalls eine riesige Erleichterung sein.

Mir reicht es an schlechten Tagen manchmal schon, zu lauter Musik barfuß durch meine Wohnung zu tanzen. Sobald ich nicht mehr aufhören kann zu lächeln, glaube ich, dass ich das mit dem leichteren Leben tatsächlich hinbekommen kann.

TEXT YVONNE ADAMEK, ANNEMIEK LECLAIRE ILLUSTRATIONEN MAGGIE STEPHENSON

DREI HILFREICHE FRAGEN FÜR EIN LEICHTERES LEBEN

Unser Denken kann darüber entscheiden, ob wir unsere Erfahrungen positiv oder negativ bewerten. Diese Fragen helfen, unsere aktuelle Situation einzuordnen:

1. Wie geht es mir wirklich, jetzt in diesem Moment?

2. Welche belastenden Gedanken kommen immer wieder und machen dir das Leben schwer?

3. In welchen Momenten fühlst du dich wirklich leicht und glücklich?

MEHR LESEN UND SEHEN

* Michael Curse Kurth: 199 Fragen an dich selbst (Rowohlt Taschenbuch)

* Beata Korioth: Goodbye Stress! Halte die Welt an, atme und finde zurück in deine Kraft (Arkana)

* Auf YouTube findest du auf dem Kanal von Greator viele inspirierende Vorträge von Leander Greitemann und anderen.