Lesezeit ca. 8 Min.

Leinen los!


Logo von plus Magazin
plus Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 07.09.2022
Artikelbild für den Artikel "Leinen los!" aus der Ausgabe 10/2022 von plus Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: plus Magazin, Ausgabe 10/2022

Auf dem Segelboot fühlen sich Dirk und Renate frei

Entdecken

Ruhestand gleich Ausruhen? Nein, danke! Stattdessen bringen Renate Walter und Dirk Nachtigal auf dem Wasser frischen Wind in ihr Leben

Wenn Dirk Nachtigal und Renate Walter auf dem Deck der „My Cloud“ stehen, die Segel gehisst haben und nur der Wind bestimmt, wohin es sie an diesem Tag verschlägt, könnte das Gefühl von Freiheit nicht größer sein. „An Land denke ich immer an irgendetwas. Aber auf dem Meer gibt es kein Corona, keinen Putin, keinen Stress, nur die Wellen und die Weite“, sagt der 60-Jährige aus Speyer, nimmt seine Sonnenbrille ab und schaut zum Mast empor. „Auf dem Wasser bin ich gelassener und ganz im Hier und Jetzt. Das tut gut.“

Erst vor Kurzem hat er sich ein Boot gekauft, mit dem er im Sommer vor der kroatischen Küste unterwegs sein will. Für ihn ist das die Erfüllung eines Traumes und der Start in einen neuen Lebensabschnitt. Für seine Partnerin Renate Walter, die als ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von plus Magazin. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2022 von WILLKOMMEN im Oktober. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WILLKOMMEN im Oktober
Titelbild der Ausgabe 10/2022 von Einsatz für Tiere in Not. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Einsatz für Tiere in Not
Titelbild der Ausgabe 10/2022 von HALLO, HERBST!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HALLO, HERBST!
Titelbild der Ausgabe 10/2022 von Wachsen am Widerspruch. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wachsen am Widerspruch
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Wachsen am Widerspruch
Vorheriger Artikel
Wachsen am Widerspruch
„Mit 60 plus sind wir gelassen und selbstbewusst"
Nächster Artikel
„Mit 60 plus sind wir gelassen und selbstbewusst"
Mehr Lesetipps

... Chirurgin mitten im Berufsleben steht, ist es ein Blick in die eigene Zukunft. „Ich liebe meine Arbeit, aber es ist auch schön, eine Perspektive für die Zeit danach zu haben“, erklärt die 54-Jährige.

„Mir hat mein Job bei einem großen Chemiekonzern immer viel Freude gemacht“, erzählt Dirk Nachtigal. „Aber er hat mich auch sehr gefordert. Ich war ständig unterwegs, bin mehrmals umgezogen und hatte für Müßiggang nur wenig Zeit.“ Als ihm sein Arbeitgeber anbot, in Frührente zu gehen, zögerte der Manager nicht lange. „Ich hatte mehrere Kollegen, die viel zu jung gestorben sind. Das hat mich nachdenklich gemacht und mich darin bestärkt, meinem Leben noch einmal eine neue Wendung zu geben.“

Wie die aussehen könnte, war dem gebürtigen Norddeutschen schnell klar: In Cuxhaven hatte ihm sein Vater beigebracht, eine Jolle zu segeln. Mit der Mitgliedschaft im örtlichen Segelverein sind prägende Kindheits-Erinnerungen verbunden. Während eines Urlaubs in Südfrankreich schipperte Nachtigal dann als junger Vater mit seiner Familie auf einem Motorboot durch die Kanäle. Als er wiederum viele Jahre später den Aufhebungsvertrag unterschrieben hatte, erinnerte er sich an diese schönen Erlebnisse auf dem Wasser und beschloss: „Das gehe ich jetzt an. Und zwar richtig!“

Mit Rückenwind auf zu neuen Ufern

Dirk Nachtigal machte auf dem Bodensee alle notwendigen Scheine und segelte mehrere Sommer über mit Freunden und Bekannten, um Routine zu bekommen. „Jetzt bin ich so weit, dass ich mit gutem Gewissen als Skipper Gäste mitnehmen kann und auch dann gelassen bleibe, wenn uns die Bora – das ist ein tüchtiger Wind, der in Kroatien aus Nordosten kommt – durchschüttelt.“

Seiner Freundin überlässt er oft das Ruder. Renate ankert, fährt in den Hafen ein, übt Wende-Manöver. Mit dem Begriff „Ruhestand“ im klassischen Wortsinn kann die Ärztin wenig anfangen. „Ich sehe die Rente als neuen Lebensabschnitt, in dem der Fokus nicht mehr auf dem Geldverdienen liegt. Grundsätzlich ist alles möglich.“

Neues wagen, Herausforderungen annehmen und lang gehegte Wünsche erfüllen – unser Blick auf das Leben nach dem Beruf hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert, auch weil dafür mehr Zeit bleibt: Medizinischer Fortschritt und steigender Wohlstand lassen die Menschen älter werden. Statistisch gesehen gewinnen wir pro Jahrzehnt rund zweieinhalb Jahre an Lebenszeit hinzu. Jede Generation lebt somit im Schnitt rund siebeneinhalb Jahre länger als die vorherige.

Dementsprechend wollen die meisten „Best Ager“ aktiv sein und das möglichst lange bleiben. Immer mehr machen sich auf die Suche nach einer großen Herausforderung, möchten noch einmal etwas über sich und die Welt lernen. Bei Dirk Nachtigal ist es das Segeln, andere schreiben sich für ein Seniorenstudium an der Universität ein (in Deutschland sind das aktuell 40 000 Menschen), sie reisen durch die Welt, lernen tauchen und fotografieren oder ziehen vom Land in die Stadt, um dort das kulturelle Angebot in vollen Zügen zu genießen. Wieder andere möchten ihr Wissen und ihre Kompetenzen einsetzen, um Gutes zu tun und der Gesellschaft etwas zurückzugeben.

Anpacken

„Bei der Arbeit an den Projekten erlebe ich auf Reisen das echte Leben"

Claudia Bergbauer aus München

Zum Sprachkurs nach Nicaragua

So wie Claudia Bergbauer aus München. Fast 25 Jahre lang hat sie bei Gericht als Sachverständige im Bereich Sanitär und Heizungstechnik gearbeitet. „Ich habe meinen Beruf sehr geliebt“, erzählt sie, „weil ich so meinen Teil dazu beitragen konnte, dass Menschen in einem Prozess Gerechtigkeit widerfährt.“

Auch im Ruhestand wollte sich die 67-Jährige für eine gute Sache einsetzen und gleichzeitig einen Neustart wagen. Doch wie genau der aussehen sollte, wusste sie am Anfang noch nicht. „Ich war mir sicher, dass mich mein Bauchgefühl leiten würde“, erinnert sie sich und lächelt. „Ich habe Maschinenbau studiert, kenne mich mit Technik aus und bin pragmatisch. Leute, die etwas können, sucht man ja überall auf der Welt. Warum also nicht auch in Lateinamerika? Das war schon immer mein Sehnsuchtsort“, erzählt sie. Als Claudia Bergbauer vor vier Jahren dann in Rente ging, fasste sie sich ein Herz und buchte einen sechswöchigen Sprachkurs in Nicaragua. „Ich wollte nicht nur das Land und die Vulkane besuchen, sondern auch mit den Menschen reden.“

Kümmern

„Was für m ich wirklich zählt, ist das Lachen der Kinder"

Christina Weinmann, „Leih-Oma“ aus Ludwigsburg

Etwas tun, das den Menschen hilft

Und das gab ihrem Leben eine neue Wendung: Claudia Bergbauer konnte gerade mal ein paar Brocken Spanisch, als ihr die Sprachlehrerin in San Juan de La Concepción von den Umweltproblemen in den Nachbargemeinden erzählte. Jedes Mal, wenn der nahe gelegene Vulkan Rauch und Asche ausstößt, prasseln hauchdünne Nadeln aus Gesteinsglas auf den Ort nieder. „Das wäre alles nur halb so schlimm, wären die Dächer der ärmlichen Häuser nicht mit Asbest-Platten gedeckt“, erklärt Bergbauer. „Mir war sofort klar, dass der Lava-Regen krebserregende Stoffe freisetzt.“ Tatsächlich, so bestätigte man ihr, sterben dort viele Menschen früher als der Durchschnitt.

Claudia Bergbauer war schockiert. Aber schon am nächsten Morgen machte sich die gebürtige Württembergerin daran, eine Lösung zu suchen. Eine günstige Alternative für den Asbest musste her. Kurz entschlossen sammelte sie in den Straßen Plastikmüll und verschmolz ihn in einem Backofen zu einem wind- und wetterbeständigen Material. Diese Platten wurden dann überlappend auf Holzpaletten festgeschraubt und auf die Dächer montiert. Eine einfache Idee, die außerdem das Müllproblem der kleinen Gemeinde verringert. „Mir hat die Arbeit unglaublich viel gegeben“, erzählt Bergbauer und zeigt auf ihrem Handy Fotos, auf denen sie umringt von Einheimischen zu sehen ist. „Diese Reise war so viel interessanter und intensiver als jeder Urlaub, den ich davor gemacht habe. Normalerweise schaut man sich nur die schönen Dinge an und fährt weiter, sobald es Probleme gibt“, sagt sie. „Ich habe das Gefühl, dass ich das Reisen ganz neu gelernt habe. Mir geht es um das echte Leben und nicht um schicke Hotels.“

Eintauchen in eine unbekannte Welt

Seit den Erfahrungen in Nicaragua war Bergbauer immer wieder für den Umweltschutz in Lateinamerika und auch in Afrika unterwegs: In Ecuador hat sie eine kleine Kläranlage gebaut, in Costa Rica Kinder in einer Dorfschule in Umweltfragen unterrichtet und in Ghana ein Recycling-System für angeschwemmtes Plastik aufgebaut. „Zuletzt war ich in Tansania. Dort habe ich geholfen, ein zerstörtes Korallenriff zu restaurieren. Ein toller Nebeneffekt war, dass ich tauchen gelernt habe – für mich wieder eine ganz neue Welt!“

Bei allen Projekten ist Claudia Bergbauer als „Volunteer“, als Freiwillige, im Einsatz. „Man kann nicht einfach in ein Land fahren, sich auf den Marktplatz stellen und sagen: ‚Hier bin ich, wem kann ich helfen?‘ Das bringt nichts“, erklärt sie. „Vielmehr muss man vor Ort vernetzt sein, um Kontakt aufzubauen.“ Vor der Planung informiert sich Bergbauer im Internet und schließt sich lokalen Hilfs-Organisationen an. „Mit den Profis im Hintergrund nehmen mich die Menschen ernst und vertrauen mir. Es ist erstaunlich, wie viel wir gemeinsam in kurzer Zeit erreichen können.“ Diese Erfolgserlebnisse tragen Claudia Bergbauer weiter auf ihrem Weg – „und sie lassen mir gar keine Zeit, zu intensiv über das Älterwerden nachzugrübeln“, sagt sie. „Wer anderen zuhört, der horcht weniger in sich selbst hinein.“

Mit ihrem freiwilligen Engagement ist sie in guter Gesellschaft. Laut einer Umfrage des Deutschen Zentrums für Altersfragen sind knapp ein Drittel der über 65-Jährigen ehrenamtlich aktiv. Vor rund 20 Jahren waren es nur 18 Prozent. Auch Christina Weinmann aus Ludwigsburg wollte ihren Vorruhestand mit einer neuen Aufgabe bereichern. „In der Freistellungsphase war es für mich ein absoluter Graus, zu Hause zu sitzen und nicht zu wissen, was ich mit meiner neuen Freizeit anfangen soll“, erinnert sich die 66-Jährige. Also machte sie sich auf die Suche nach einem Ehrenamt – und fand gleich drei neue Aufgaben.

Hier entdecken Sie Neuland

Auf Reisen

Für alle, die sich im Urlaub engagieren möchten, vermitteln Freiwilligen-Organisationen Helfer-Jobs auf allen Kontinenten und in den verschiedenen Bereichen wie Bildung, Umwelt- oder Tierschutz. Üblich ist es, dass die Teilnehmer die Reisekosten selbst zahlen und eine Vermittlungsgebühr an die Organisation entrichten. Claudia Bergbauer empfiehlt: www.rainbow gardenvillage.com, www.travelworks.de und www.freiwilligenarbeit.de

Beim Segeln

Jeder, der sich fit fühlt, kann segeln lernen, davon ist Dirk Nachtigal überzeugt. Seriöse Segelschulen vermittelt der Verband Deutscher Sportbootschulen, www. sportbootschulen.de

Als Kinder-Betreuer

Die Nachfrage nach „Leih-Omas und -Opas“ ist groß. Fast in jeder größeren Stadt werden „Wunsch-Großeltern“ vermittelt. Auch im Internet gibt es Anlaufstellen wie die Plattform www.lendgrand.de, die deutschlandweit aktiv ist. „Oder Sie fragen einfach mal in der Kita in Ihrer Nähe nach, vielleicht können Sie da ja einen Zettel ans Schwarze Brett hängen“, rät Christina Weinmann.

Als „Wunsch-Oma“ Familien unterstützen

Vier Mal in der Woche geht sie seither in eine Grundschule in der Nähe, betreut Kinder bei den Hausaufgaben, außerdem gibt sie Kurse zur Sprachförderung. „Um mich für diesen Job weiterzuqualifizieren, besuche ich Fortbildungen und arbeite eng mit den Lehrern zusammen“, sagt sie. „Klar, manchmal sind diese Stunden frustrierend und kräftezehrend, aber es macht mir trotzdem viel Spaß. Wenn ich am Ende auch nur einem Kind zu einer besseren Schulbildung verhelfen kann, hat sich der Einsatz schon gelohnt.“

Und dazu machte ein Aufruf der Stadt Ludwigsburg Christina Weinmann neugierig: „Wunsch-Großeltern gesucht“, las sie in einer Broschüre. Bei diesem Service bringt das Seniorenbüro ältere Menschen mit Familien zusammen, denen eine Oma oder ein Opa fehlt. „Die Idee fand ich großartig. Zumal ich aus eigener Erfahrung weiß, wie schwer es sein kann, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bekommen“, erklärt die Grafik-Designerin. „Wie sehr hätte ich mir so eine Unterstützung gewünscht, als mein Sohn klein war!“

Schon beim ersten Kennenlernen mit ihrem „Leih-Enkel“ hat es zwischen den beiden gefunkt. „Ben ist ein toller, aufgeweckter Junge, den ich sofort ins Herz geschlossen habe.“ Seit sechs Jahren treffen sich die beiden jeden Dienstag für mindestens zwei Stunden.

Loslegen

„Für mich ist das Boot die Erfüllung meines Lebenstraums"

Dirk Nachtigal aus Speyer

In der ersten Zeit hat Christina Weinmann Ben vom Kindergarten abgeholt. Danach haben sie Sandburgen gebaut, Bilderbücher angeschaut und zusammen Memory gespielt. „Diese Zeit habe ich sehr genossen“, erzählt die Leih-Oma. „Bei meinem eigenen Sohn hatte ich damals selten so viel Ruhe, weil ich im Kopf immer halb mit Büroarbeit oder Haushalt beschäftigt war.“ Mittlerweile ist Ben elf Jahre alt. „Beim Memory habe ich schon lange keine Chance mehr“, gesteht die 66-Jährige. „Jetzt messen wir uns im Schach und beim Tischtennis und wir reden viel.“

Für ihre drei Ehrenämter bekommt Weinmann jeweils eine kleine Aufwandsentschädigung. „Die Bezahlung ist mir nicht wichtig. Ich sehe es vielmehr als Anerkennung meiner Leistung und finde es gut, dass ich so während der Freiwilligen-Arbeit ordentlich versichert bin“, sagt sie. „Aber was wirklich zählt, ist das Lachen der Kinder. Es macht mich bis in den tiefsten Winkel meines Herzens froh und ist mit Geld nicht aufzuwiegen.“

Gaby Herzog